Der Watzmann ruft

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. September – Jetzt ist schon wieder was passiert. Der Bua ist tot. Weil der Berg, der hot koa Einsehn nit. Und schuld an dem ganzen ist die Gailtalerin, das weiß doch jeder, die tragt auch feuerrote Unterröck. Seit den frühen 70ern begleitet uns “Der Watzmann ruft” nun schon durch das eher spezielle Verhältnis des allgemeinen Österreichers zu seiner ländlichen Volkskultur. Ein vielschichtiges Stück Musiktheater, an dem jede Genrezuordnung zerplatzt, wie sich mit erheblichem Lustgewinn feststellen lässt, wenn man diverse Doktorarbeiten zum Thema besucht. Von einem “Definitionsmoloch” ist da die Rede, und nicht ein Wissensgschaftler kann endgültig sagen, worum es sich dabei genau handelt. Ist es ein Hörspiel, ein Konzeptalbum, ein Popmusical oder eher eine Dialekt-Rockoper?

Der Watzmann ruftDa verrenken sich die lieben Kolleg_innen aber den Hirnarsch beim Schachterlscheißen. Lassen wir doch einen der Hervorbringer dieses über Generationen hinfort wirkenden Kunst-Stücks zu Wort kommen! Herr Ambros, was genau ist denn “Der Watzmann ruft”? “Ein ganz ein eigenes Format. Man kann ja net amoi sogn a Musical, sondern es is a Musiktheater oder ein Theaterstück mit erklärendem Bänkelgesang oder wos a immer. Auf jeden Foi ka richtigs Musical. Es gibt nix Vergleichbares. Und i denk, des hod natürlich a sein Grund.” Aha. Und wie ist das alles zustande gekommen? “Wir haben ein Jahr lang so gredt (“Wie schallts von der Höh? Hollorödulliöö!”), sind dann sogar Bergsteigen gangen und sind total auf den Karl-Heinrich Waggerl und den Luis Trenker abgfahren. Wir haben schon an echten Huscher ghabt. “Der Watzmann ruft”, das ist von einem winzigen Kern ausgangen, von einem Hund namens Watzmann, und dieses Ur-Gerippe hat sich weiter entwickelt zur Plattenversion und zur Bühnenfassung.” Das klingt doch einigermaßen lustig! “Die Geschichte unserer eingrauchten Nächte seit 1972.” (Sämtliche Zitate aus Worte, Bilder, Dokumente von 1987). Was uns die 3 Herren Ambros, Tauchen, Prokopetz hier hinterlassen haben, ist mehr als einfach nur ein “Rustical”. Wir spielen daher die aufgefrischte Original-Version dieses hypnotischen Hörweltspiels.

PS. Einen wohl noch schicksalsträchtigeren Gipfelsturm gibts demnächst in Salzburg zu besichtigen, wenn sich die EU-Staatsoberhäuptlinge zum Thema Migration treffen. Das Thomas Bernhard Institut setzt schon am Mittwoch, 19. September eine Nacht der Künste dagegen. Näheres dazu erfahrt ihr auch in diesem Nachtfahrtblogartikel.

 

Die letzten Tage

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. September –  Wie heißt es so schön schon bei Element Of Crime? “Ich will immer so gern berauscht sein und werde doch immer nur breit. Und kaum, dass ich einmal nüchtern bin, ist der Sommer schon wieder vorbei.” Was waren die Sommer nicht unendlich, als wir noch jung und lustig waren, trunken allein von der Welt und all ihren Versprechungen, das schien einfach nie aufhören zu wollen, jeden Tag aufs neue! Der Herbst des Schulbeginns war so weit entfernt wie einst die Gestade des Columbus, von denen wir damals noch nichts wussten, naturgemäß. Und die letzten Tage vor dem Wiedereinritt in den Ernst des Lebens mit seinen Stundenplänen waren für uns als Kinder noch irgendwie heiter, unbeschwert und verspielt. Doch schon bald spürten wir die ersten Wehmutstropfen

Die letzten Tage des SommersDie letzten Tage des Sommers oder Der kleine Tod des Lebens. Wir alle wissen zwar nicht, wann (oder wie) wir sterben – doch dass unser Dasein endlich ist, das sollte uns doch eigentlich klar sein. Genau genommen zählt unsere Lebensuhr schon seit wir geboren sind einen gnadenlosen Countdown, ticktack, ticktack, ticktack, aus. Den Umstand beschreibt keine Textzeile treffender als jene von Das trojanische Pferd “Mein Herz schlägt mich innerlich tot.” Und wiewohl wir alle um die eigene Endlichkeit wissen, blenden wir diese Wahrnehmung ein Leben lang erfolgreich aus, verdrängen sie in den Keller unseres Unterbewussten – und machen halt weiter wie bisher. Was sollten wir auch sonst tun? Also tanzen wir fröhlich auf dem Vulkan und hoffen, dass er noch nicht so bald ausbricht, während sich in unserem seelischen Untergrund längst das Unvermeidliche zusammenbraut. Versteht mich bitte nicht falsch, ich glaube auch keineswegs, dass ein fortwährendes Memento-Mori-Singen unserer Lebensfreude allzu dienlich wäre. Doch ein gewisser Zusammenhang zwischen diesem “ewig so weiter” und all den Vorstellungen von “Wirtschaftswachstum” oder “unendlichen Ressourcen” scheint mir da schon zu bestehen. Was für eine morbide “Realität”

Die letzten Tage der MenschheitDie letzten Tage der Menschheit oder vielleicht Die letzten Tage der Menschlichkeit? Wenn rundum die Menschenfresser tanzen – und es sich unter Polizeischutz gut gehen lassen, wenn die menschförmigen Politbarometer verbindlich lächelnd unverbindliche Phrasen dreschen, sollten da nicht erst recht und vor allem die verstummten Stimmen der Gefressenen hörbar gemacht werden? Ich sage, dass es keinen Unterschied macht, ob man den Fisch, den man gefangen hat, aktiv erschlägt, oder ob man ihn bloß neben sich an der Luft verzappeln lässt. Schon gar nicht, wenn der Fisch ein Mensch ist. Die Politik der Europäischen Union zum Außengrenzschutz und zur “Migrationsbekämpfung” in Afrika sieht allerdings längst so aus, wie es der Dokumentarfilm “Türsteher Europas” aufzeigt. Zitat: “Mittlerweile sterben wohl mehr Menschen in der Wüste als im Mittelmeer.” Da freuen wir uns jetzt aber ganz furchtbar auf einen “Informellen EU-Gipfel” zum Thema Migration und Sicherheit, den unser oberster Routenplaner für Donnerstag, 20. September in Salzburg einberufen hat. Vielleicht können wir demnächst auch in ein Auto sprechen wie Matta und Lisbett. Oder Elfriede Jelinek als Sprechuppe sein. Weil Kunnst ist und bleibt grenzenlos.

Die Letzten sollen die Ersten seinDen Letzten beißen die Hunde?  Die Letzten sollen die Ersten sein! Stellen wir doch die verrückte Welt vom Kopf zurück auf die Füße und rücken wir ihre so verschrobenen Verhältnisse wieder einigermaßen zurecht. Zu RECHT! Dazu hat uns eine ehemalige Sendungsgästin, die in einer legendären Aufführung Patti Smith verkörperte (Artarium) informiert, dass am 19. September Studierende und Dozent*innen des Thomas Bernhard Instituts an der UNI Mozarteum (wo der EU-Gipfelsturm in Szene gesetzt wird) mit den Mitteln der Kunst gegen die Gefühllosigkeit der akuten Politik auftreten werden. Ihre Veranstaltung “NIGHT OF RESPONSIBILITY” findet ab 21 Uhr (bis ???) im Theater im Kunstquartier als Beitrag zum Alternativgipfel der Plattform Solidarisches Salzburg statt. Und in ihrem Manifest dazu schreiben sie:

“Mit Lesungen, Performances, Musik und Diskussionen wollen wir daran erinnern, dass Europa und unsere Universität ihrer Idee nach nicht als Festungen erbaut wurden. Sie dürfen es auch nicht werden. Hierfür treten wir als Studierende und Lehrende des Thomas Bernhard Instituts ein. Wir können und wollen uns nicht abschotten gegen Menschen in Not. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Verrohung im gesellschaftlichen und politischen Umgang so weit fortschreitet, dass wir unempfindlich werden für das Leid anderer.”

PS. Hier ist nun auch der gesamte Text dieser einladenden Einladung zu haben.

 

Dichtkunst oder Humor?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. September – Neulich suchte ich in meinem Computer nach alten Tonaufnahmen von Max Goldt – und wähnte diese im Ordner namens Humor. Dort waren sie aber nicht, stattdessen fand ich sie in einem anderen Ordner namens Dichtkunst. Ich glaube zwar nicht, dass dieser Umstand Endgültiges über die Zuordnung von Max Goldts Werken aussagt, aber ein Körnchen Wahrheit wohnt ja in jedem noch so blinden Huhn. So heißt Max Goldt ursprünglich Matthias Ernst und nicht etwa Franz Lustig, was schon mal ein dezenter Hinweis sein könnte. Ganz und gar erschüttert war ich dann allerdings über seinen fast seriösen Auftritt in “Druckfrisch”. Was haben wir uns früher nicht zerpeckt über herrliche Wortgetüme wie Spinnenabdomensalat, Seepockensperma oder Leihmumienanalsex!

Max Goldt - Dichtkunst UND HumorSelbige finden auch in einer sehr frühen Artarium-Ausgabe statt, in der unser Anstifter Peter.W. 2007 ein paar dadaeske Lesungen von Max Goldt mit Liedern von Funny van Dannen zu einer Art kleiner Hirnfeuerschau montiert hat. Und nun, gut 11 Jahre später, wollen wir dem knallbumsen Frühwerk des einstigen Songschreibers sowie Titanic-Kolumnisten auf ähnliche Weise, jedoch speziell unter dem Aspekt der Dichtkunst, unsere Resonanz erweisen. Dazu schneiden wir Songs seiner legendären Band “Foyer des Arts” ins Programm, vor allem aus dem Album “Ein Kuss in der Irrtumstaverne” von 1988. Dort finden sich Sprachperlen wie zum Beispiel: “Der Islam nervt und meine Hose ist zu eng.” Oder aber: “Zwei Leute heiraten. Die Frau riecht nach Niveacreme und der Mann findet das toll.” Das sind zugegeben nicht die Refraintexte, die damals in Mädchentoiletten gekritzelt wurden und von denen Bettina Dunkel in ihrem persönlichen Statement berichtet. Aber auf jeden Fall Indizien dafür, dass sich im poetischen Gesamtwerk von Max Goldt die Kategorien Humor UND Dichtkunst ganz vortrefflich verbinden.

Und Bettina Dunkel stellt fest: “Nachfolger hat die Band ohne Vorbild nie gefunden. Für mich allerdings wurde sie zum Vorbild in Sachen Selbstständigkeit. Max Goldt, der später als Schriftsteller die Kunst des Abschweifens perfektionierte, ist seitdem mein Zöllner an der Grenze zum guten Geschmack. Und wird es auch immer bleiben.”

 

Der Sender mit dem Schorsch

Ein Schorsch mit Ohren – seit zwanzig Johren. Was soll das? In der Radiofabrik unseres Vertrauens werden Wahlen noch mit Geschmack gewonnen – und deshalb können ALLEganz nach Gehör – den ihrer Ansicht nach “besten” Jingle wählen, und zwar hier: Anhörung und Online-Abstimmung, ein Demokratie-Hörtheater für Anfänger und Insider. (Jeder nur ein Kreuz) Woselbst auch wir, die Perlentaucher, gleich mit 4 Beiträgen quasi gegen uns selbst antreten. Genug kann nie genügen, auch nach 20 Jahren nicht, das erkannte Konstantin Wecker ja schon vor vielen… Und so tauchen wir tief in unser Archiv, um der Fragestellung “Was soll das?” ein paar Perlen beizufügen, die sowohl unser Selbstverständnis als Sendungsmacher als auch die Wesensart der Radiofabrik darstellen. Die Ursuppe, eine Anstiftung:

Der mit dem Schorsch tanztDas Sinnbild oder die Grundidee des Perlentauchens ist ungemein zeitgemäß: Durch immer mehr und immer noch zäheren Schlaaz zu tauchen, um einzelne Perlen des Besonderen und somit subjektiv Wertvollen hervor zu stöbern, auf dass wir sie in diesem öffentlichen Raum Radio mit anderen kreativen Individualist_innen teilen können. Und passt auch wie der Topfdeckel aufs Freie Radio, einem der letzten öffentlichen Räume, der noch nicht von kommerziellen und/oder machtpolitischen Interessen verseucht ist. In dem genau jener Erfolgs- und Anpassungsdruck nicht herrscht, der sonst ja schon die meisten Lebensträume molochgleich verschlungen hat. Jener zutiefst soziopathische Wachstumswahn, der schöpferisches Arbeiten unmöglich macht und seelische Ausgeglichenheit zerstört. Diese Zerdepperung des Menschlichen durch Populismus, Krone und Fernsehblah. Jede Menge dicht verdichteter Schlamm also, Unflat und Gatsch, aus dem solche Kostbarkeiten wie etwa Eigenartiges oder Wesentliches hervorzusuchen immer anstrengender wird. Jedoch ein von unbeugsamen Sender_innen bevölkertes Radio hört nicht auf, all den Dringlingen Widerspruch zu leisten. Hier die Zutaten zu unserem Zaubertrank:

Schorsch 1: Was soll das feat. Norbert K.Hund (Kunstbiotop-Jingle) via CBA

Moderatorin: “Über die Alternativen einer lebendigen Salzburger Kultur machen sich nur die wenigsten Gedanken…”

Norbert K. Hund: “Und das, was wir unter Kultur verstehen würden, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar wäre mit einem Biotop. Das vergleichbar wäre mit einem kleinen Tümpel, einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das, denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Schorsch 2: Was soll das feat. Thomas Oberender (Oberender-Jingle) via CBA

Interviewer: “Leidet der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele an so etwas wie einem Salzburg-Syndrom?”

Thomas Oberender: “Alsozusagen, wenn sie über die Identifikation oder Identifizierung – des Aggressors sprechen, der sind wir. Ab da tuts weh, ja. Dass sie sich selber sozusagen auch als Täter erleben. Das ist die Urerfahrung des Dramas oder der Tragödie, die da eben lautet: Wir sind sterblich – und Leben heißt schuldig werden. Immer. Für jeden einzelnen von uns. Und dafür ein Auge zu öffnen und sich mit dieser Erfahrung zu konfrontieren – das ist das Privileg, aber auch die Aufgabe von Kunst.”

Schorsch 3: Was soll das feat. Perlentaucher (Perlentaucher-Jingle) via CBA

Christopher Schmall: “Vor allem, wenn man jetzt Romane schreibt und da wirklich sehr viele Personen irgendwie in sich hat, und über die Bescheid weiß und ihr ganzes Leben teilt – die lassen einen auch nicht los. Deswegen hat die Joanne K. Rowling, die ja Harry Potter geschrieben hat, jetzt wieder neue Bücher geschrieben, weil sie einfach nicht aus dieser Welt raus kann. Sie hat diese Welt für sich erschaffen und ist einfach so in dieser welt drinnen…”

Norbert K.Hund: “Ah, du meinst, würde sie jetzt zuhause sitzen und mit diesen ganzen Charaktären schwätzen, dann würd man sie bald einmal holen…”

Christopher Schmall: “Ja, aber nachdem sie das in Büchern verpackt…”

Norbert K.Hund: “Genau. Um das zu vermeiden, schreibt sie immer weiter…”

Christopher Schmall: “Ja, voll. Also, ich glaub schon, dass Kunst einen vor psyschischen Krankheiten auch retten kann.”

Schorsch 4: Was soll das feat. Günther Paal aka Gunkl (Gunkl-Jingle) via CBA

Günther Paal (Gunkl): “Es muss die Möglichkeit bestehen. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn sie sich etwas leisten kann. Eine Gesellschaft, die sich Querdenker oder lautradikal Nichtdenker nicht leisten kann – also, wenn man das nicht abfedern kann, dann ist das ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Davon abgesehen passiert in diesen Freien Radios auch etwas, was ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen.”

…………

Nicht zuletzt und nicht umsonst endet jedes der hier transkribierten Statements mit dem selben Dialog: “Die Radiofabrik – was soll das? – Freies Radio für Salzburg!” Ebenso absichtsvoll heißt der Titel des zitierten Musikstücks “Nothing else matters!” Und jetzt nehmt euer demokratisches Wahlrecht (oder wie das Ding heißt) endlich in den Mund – und gebt uns eure Stimme! Wir machen höchstens einen Jingle draus…

 

Abgehalfterte Staatsgünstler

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. AugustWillkommen in der Fakepublik Östernews, wo die braunen Haufen alles Menschliche niedertrumpeln und dabei so übel riechen wie eh und weh. Wolfgang Ambros zum Beispiel sei ein “abgehalfterter Musiker” und “Systemgünstling”, dem nun in dieser neuen Zeit der schwatzblaunen Volksbeglückung die für ihn einst so lukrativen Staatsaufträge davonschwimmerten. Derlei behauptet ein gewisser Herr Hafenecker von der FPÖ (der bislang weitgehend unbekannt war), aber inzwischen zusammen mit dem renommierten Ischias-Experten Harald Vilimsky deren Generalsekretär gibt. Und einmal abgesehen davon, dass der Wolferl nie irgendwelche öffentlichen Aufträge oder Subventionen erhalten hat, wie sein Manager berichtigt, wer ist hier der von unserem Geld bezahlte Staatsgünstler?

Staatsgünstler“Staatskünstler” hingegen ist ein Hetzwort, mit dem die rechten Ränder schon immer jedwede unbequeme Gesellschaftskritik in der Kunst verunglimpft haben. Es bedeutet, ähnlich den neurechten Kampfbegriffen “Systemmedien” oder “Lügenpresse”, jede gegen sie gerichtete kritische Äußerung auszumerzen. Wobei, so ganz neu ist diese Begrifflichkeit auch wieder nicht, denken wir nur an die “Entartete Kunst”. Entwertende Worte wie “Staatskünstler” und “Systemgünstlinge” vermitteln zugleich auch die Vorstellung, dass bestimmte Kunstformen ohne Unterstützung der Allgemeinheit nicht lebensfähig sind. Zu “lebensunwert” ist es da nur noch ein ganz kleiner (Gedanken-)Schritt. “Wenn wir sie schon nicht umbringen dürfen, dann können wir sie ja verhungern und somit aussterben lassen.” Das lässt sich wunderschön neoliberal verbrämen und als zutiefst wirtschaftsfreundlich verkaufen. Ich erinnere mich an ein recht bierseliges Gespräch mit Jörg Haider, in dem er uns schon 1994 sein Konzept für eine “neue” FPÖ-Kunstförderung erklärte: Jede/r Kunstschaffende hat einen Rechtsanspruch auf Anschubfinanzierung seines/ihres ersten Projekts (unter Umständen noch des zweiten oder dritten) – wenn es sich danach “nicht auf dem Markt durchsetze, sei die Sache für die öffentliche Hand erledigt.” Siehe oben, aussterben. Oder sich sonstwie in den Arbeitsmarkt eingliedern. Das hätte dem Herrn Haider gut getan. Und wohl auch dem Land Kärnten. Aber ein Bärental als Anschubfinanzierung ist halt doch…

An dieser Stelle überlasse ich meine geneigten Leser*innen ihrer eigenen Phantasie. Doch jetzt wieder zurück zum Ausgangspunkt der Geschichte: Der Ambros Wolferl hat nämlich unlängst im Interview mit der Süddeutschen Zeitung folgendes gesagt: “Ich bin mir sicher, dass es viele braune Haufen in der FPÖ gibt.” Und seither rotiert ein von unserem Geld bezahlter FPÖ-Auftragsrüpel wie zu erwarten vor sich hin. Ein niedersprachlich desorganisierter Staatsgünstler, der sich an einem Fixstern der österreichischen Identität vergreift. Wie das ausgehen wird, dürfte ja klar sein.

Das abgebildete Buch mit dem hierzu passenden Titel ist bei Kremayr & Scheriau zu beziehen, von wo wir auch die Cover-Illustration her haben. Ganz liebe Grüße!

 

The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. AugustDas ganze Album nämlichen Namens, in seiner gesamten Länge sowie als angenehm warmer Stereomix (eine relativ frühe CD-Version), gibt es diesmal bei uns zu erleben. Nicht umsonst gilt “Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band” von den Beatles auch nach mehr als 50 Jahren als ein Meilenstein der Musikgeschichte. Warum dem so ist, erhellt beispielsweise diese Dokumentation “Sgt. Pepper’s Musical Revolution” von und mit Howard Goodall. Sie ist nicht so leicht zu beschaffen (als DVD) und verschwindet auch immer wieder gern aus dem Internet, sobald irgendein Hureber ächzt, nehm ich halt mal an. Wiedemauchimmersei, die Beatles haben da 1967 in den Abbey Road Studios gemeinsam mit ihrem Produktionsteam völlig neue Dimensionen erreicht.

Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club BandEigentlich begann alles damit, dass die vier Herren aus Liverpool kurz zuvor beschlossen hatten, nie mehr live aufzutreten, weil sie sich wegen des (als “Beatlemania” bekannten) lautstarken Gekreisches ihrer Fans selbst nicht mehr hören konnten, was naturgemäß nicht so ideal ist für jedweden Musiker beim Konzert. Somit erübrigte sich schon einmal die Notwendigkeit, die Aufnahmen für ihr nächstes Album derartig zu gestalten, dass diese danach auch live aufzuführen gewesen wären. Die damals verfügbare Technik setzte jeder Livedarbietung von Pop/Rockmusik so dermaßen enge Grenzen, wie wir sie uns heute nur noch schwer vorstellen können. Doch schwuppdiwupp, wurde aus der Einschränkung eine Gelegenheit (gemacht) und das legendäre Soundbasteln für dieses klangkomplexe Konzeptalbum konnte beginnen. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, dass sogar im renommiertesten Aufnahmestudio jener Zeit bloß 4-Spur-Tonbandmaschinen zur Verfügung standen und auch die Ausstattung mit Effektgeräten aus heutiger Sicht “vorsintflutlich” war. Umso beeindruckender ist demnach das Endergebnis der zeitintensiven Sessions sowie der anschließenden planvollen Montagearbeit: Eine wundersame Collage aus vielfach ineinander geschichteten textlichen wie musikalischen Eingebungen

Das Album wird zudem vielfach als “Soundtrack zum Summer of Love” bezeichnet, was auch durch das erstmalige Verwenden von originär indischen Klängen in der “westlichen Popmusik” (seitens George Harrison und Ravi Shankar) zu erklären ist. Zur Einstimmung hier das Stück “Within You Without You”.

 

Dummer August

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. August – Ein dummer August kann einerseits eine bestimmte Figur im Ensemble von Zirkusclowns sein, ein sogenannter Rotclown (wegen der Nase), soweit die wissenschaftliche Einsicht zur Eröffnung unserer einstweiligen Betrachtung. Ein dummer August (mit Betonung auf der zweiten Silbe) kann aber auch ein missratener Sommermonat sein, der nicht nur viel zu schwülwarm daherwettert, sondern auch sonst allerlei Unannehmliches mit sich führt, wie etwa Fernsehnachrichten oder Studioumbau. Sobald der August (beliebig betonbar) also ein richtiger Ungustl wird, hilft nur noch eine Rot(z)nase, um sie ihm aufzusetzen, damit es vielleicht wieder lustig wird in dieser Rundumsauna des schweißtreibend erschöpfenden Vielzuviel, Vielzuschnell und Vielzunochmehr

Dummer Hund“I dagrei de Hitz neama” sprach heut schon der Hase – und sprang in den Swimmingpool seines benachbarten Freundes. Dem Hund bleibt da nur Nina Hagen: “Ich war zuhause unter meiner kalten Brause”. Das erfrischt immerhin auch, wenn es einem viel zu HEISS wird. “Ich brauche mehr Wasser”. Soweit die Haushaltstipps der Redaktion. Es folgt die übliche Drogenwarnung. Gegen Abend ist zudem mit Bevölkerungszunahme zu rechnen, die breite Masse breitet sich aus oder so, wahnsinnig witzig. Ich bin halt auch schon weitgehend verdunstet. Was also soll das alles? In feuchtfroher Erwartung des Endes der Hitzewelle bespaßen wir sämtliche Aspekte des Unvermeidlichen – wie einst der liebe Augustin: “Alles ist hin!” Die allmächtige Liaison von Penis und Kapital. Und noch einmal setzen wir dem Unerträglichen unser Erlesenstes zuwider.

Dummer KrautschädlSo wird es allerhand Humoreskes wie auch Hintergründiges auf die Ohren geben. Die Darstellung des unerigierten Penis (Hazel Brugger) sowie das Fenster mit dem Hasen (Torsten Sträter), den Todesengel (Lisa Eckhart) und naturgemäß die unter “Drogenwarnung” verlinkte Habakuk-Parodie (maschek). Wir stellen jene 20-Jahre-Radiofabrik-Jingles vor, die wir in diesem Jahr erstmals als Perlentaucher beim Radioschorsch-Public-Voting einreichen – und schwätzen und lesen uns wie immer die Münder wund, dass nur noch massenhaft Flüssigkeit die Selbstentzündung abhüten kann. Selbstredend (sag ich ja) gibts auch die gewohnt außergewöhnliche Musik, durch die uns allen Trost und Rat widerfährt: “Mei Krautschädl is nämlich net deppad!”

Dummer Thomas BernhardOder Thomas Bernhard. Ist man ein dummer Mensch, sobald man in die entgegengesetzte Richtung geht, also nicht der Mehrheit und ihrer allgemein üblichen Denkwelt folgt? Die Führer, die uns heute befehlen, sind die Prinzipien und Sachzwänge des “freien” Marktes. Die Götter, die unseren Gehorsam verlangen, sind komplexe Systeme aus Ursache und Wirkung, die von ihren Betreibern ganz legal gegen uns verwendet werden. Irgendwelche Bundeshutständer und Plakatkasperln sorgen bloß für den gesetzlichen Rahmen, innerhalb dessen wir gewinnbringend verwurstet werden. Und jeder Mensch hat das Recht, ein dummer zu sein und zu jedem solchen Schwachsinn Ja und Amen zu sagen. Da muss man sich doch endlich in die andere, die eigene Richtung aufmachen. Immerhin darüber lachen. Dummer geht nummer

 

Vom Ende des Zuhörens

> Sendung: Artarium am Sonntag, 29. Juli – Wenn das Ende des Zuhörens gekommen sein wird, erübrigt sich auch die Radiomacherei. 20 Jahre sind genug. Oder war da noch was? Justin Sullivan, unter anderem Sänger von New Model Army, schreibt in einem Nachruf auf den Radiopionier John Peel, wie dieser ihm einst “die Idee des Underground nahebrachte, wo seltsame Menschen erstaunliche Aufnahmen aus rein künstlerischer Motivation herstellten”. John Peel vertrat Zeit seines Lebens Ansichten, “die dem Zeitgeist fundamental entgegen strebten”, so etwa, “dass Musik einfach nur Musik ist, und dass jedweder Celebrity-Kult dafür vollkommen bedeutungslos ist, wie übrigens auch für alles andere”. Der Mann hat die Entwicklung der Medien- und Musikkultur immerhin schon seit den Sixties aktiv mitgestaltet…

Vom Ende des ZuhörensWas soll das allerdings heute, wo die einheimische Piratenszene vor gut 20 Jahren ein legal lizenziertes, kommerzfreies Gemeinwesenradio erstritten hat? Was machen wir hier in postmodernen Zeiten, in denen “das dialogische Prinzip” ja kaum noch von Mensch zu Mensch seine Gültigkeit hat? Wo stattdessen der von Pier Paolo Pasolini prophetisch vorhergesehene Konsumismus um sich greift und alles Individuelle zur massenblöden Mitmacherei niedertrumpelt? Wo es nicht mehr darum geht, dass man bekommt, was man braucht, sondern einem nur noch irgendein Event angedreht wird, der den Eindruck vermittelt, man sei irgendwie “Part of the Game”. Verdummt in alle Ewigkeit! Heilsverbrechen, wohin man schaut. Die Menschheit besteht aber nicht nur aus dem, was sich normieren und social engineeren lässt, sie ist so vielfältig wie das Leben selbst. Der Massengeschmack des Mehrheitsmainstream schädigt nicht bloß den Umgang der Menschen miteinander, er korrumpiert zudem das Selbstwertgefühl jedes Einzelnem, indem er uns alle kommerziell zweckwidmet und in die Nutzbarkeit der Gewinnstreber quetscht. Auweh! Viele Jäger waren schon immer des Hasen Tod. Umso wichtiger sind daher heute Überlebens-Soziotope wie etwa das “Freie Radio”.

Oder der erwähnte “Underground”, wo Menschen einfach etwas machen, weil sie es gut finden, und nicht, weil damit massenkompatibel Gewinn erzielt werden kann. Das Freie Underground Radio, wie wir es verstehen, ist eine Schutzzone zur Erhaltung der Artenvielfalt von Kunst und Kultur. Ein kommerziell nutzfrei gestelltes Gebiet, in dem sich der zwischenmenschliche Ausdruck wieder ungehindert entfalten kann. Feiern wir daher den Fortbestand des Zuhörens mit diesem Zitat von John Peel: “…dass das Radio ein viel mächtigeres Medium als das Fernsehen ist (und auch immer sein wird), weil es die Phantasie des Publikums erblühen (im Sinn von gedeihen) lässt.”

 

Dunkelbunt Sommertag

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Juli – Seit ich zum ersten Mal von ihm erfahren habe, fasziniert mich der Name eines bestimmten österreichischen Künstlers, und zwar Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser. Vor allem das Wort Dunkelbunt schillert in allen unmöglichen Farben und stiftet so schon ganz von allein unsere Phantasie zum Selbstschaffen an. Dazu gibts noch allerlei Geschichten und Gerüchte, rund um des Meisters Verhältnis zum Abfall an sichhier etwa eine sehr schöne Darstellung seines Manifests “Scheißkultur – die heilige Scheiße”. Das mit der Künstlerkacke “Merda d’artista”, die letzten Endes mehr Wert besitzen sollte als Gold, das war allerdings der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni. Dazu soll ihn sein Vater inspiriert haben, indem er ihm einst vorhielt: “Deine Arbeit ist Scheiße!”

Dunkelbunt SommertagKommen wir nun zum zweiten Begriff in unserem Sendungstitel, dem Sommertag. Der assoziiert ja seit Erfindung der Sommerferien alles Vorstellbare rund um Freibad, Freiheit und Freizügigkeit. Oder lieber Freibier? Was auch immer… Dennoch wohnt dem Sommersein oft nicht nur Schönes und Helles inne, sondern auch Abgründiges. Dann wirds dunkelbunt. Gisbert zu Knyphausen drückt dies in seinem Lied “Sommertag” zum Beispiel ganz vortrefflich aus. Oder aber Volker Strübing, der seinen alten Slamtext “Sommer ist Scheiße” für Kloß & Spinne (feat. Norbert) wieder aufbereitet hat. Ob ironisch überdreht oder dezent angedeutet: Jede Extase trägt immer auch den Absturz in sich, so wie das Bittere auch immer mit dem Süßen vermengt ist. Plattitüdeldüü. Doch was hat das alles mit der Sommersendung” zum kommenden Sonntag zu tun? Schuld ist vor allem wieder einmal der Wetterbericht, der für diesen Stimmungshöhepunkt des Sommergenießens gröbliche Kälte sowie Regen vorhersagt. Wo wir doch eh schon aus dem provisorischen Rumpelkarma der Radiofabrik senden – und zudem an einem erheblichen thematischen Sommerloch laborieren. Was also anfangen mit solch ambivalentem Seinszustand im Zwischen?

Aus der Not eine Tuchent machen (oder wie das heißt) und den Pros and Cons der wortwörtlichen Sommerfrische auf den Grund spüren! Natursache, eine Andeutung. Dunkelbunt, urgemäß.

 

Eric Burdon – Winds of Change

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Juli – In unserer monatlichen Sendereihe “Das ganze Album” greifen wir diesmal besonders tief ins Archiv der Zeitgeschichte und präsentieren ein wegweisendes Werk aus dem Jahr 1967, als sich erstmals der Widerstand gegen den Vietnamkrieg formierte, die Flower-Power-Generation den Weltfrieden anstrebte – und Experimente mit psychoaktiven Substanzen in Kunst und Kultur populär wurden: “Winds of Change” von Eric Burdon und seiner damals oft auch “The New Animals” genannten Band. (Hier die Beschreibung eines Fans). Nachdem wir uns mit der angesprochenen Epoche schon mehrmals befasst haben, vom israelischen Peacenik Abie Nathan bis zum Jahrhundertfilm Apocalypse Now, wollen wir nun speziell den Einfluss von LSD auf die Musikwelt jener Zeit würdigen.

Eric Burdon - Winds Of ChangeWie wir unlängst bei Bruce Eder auf Allmusic erfuhren, hat der Englandflüchtling Eric Burdon einige Monate vor den Recording-Sessions zu “Winds of Change” seinen ersten Acid-Trip versucht, was uns den Songtitel “Yes, I am experienced” auch jenseits von Jimi Hendrix begreiflich macht… Des weiteren wiederspiegelt sich diese Eric-Burdon-Experience” sowohl in der Gesamtgestaltung des Albums (dem zeittypischen Psychedelic-Sound), als auch in einzelnen recht experimentellen Spoken-Word oder besser Word-over-Music-Tracks wie etwa “Poem by the Sea” und “The Black Plague”. Herausragend ist zudem sein Rolling Stones Cover von “Paint it Black” mit sitarähnlichen Violinklängen und improvisierten Textpassagen. Das ganze Album ist folgerichtig auch dem großen Inspirator des west-östlichen Musikdiwans, dem inzwischen völlig zu Unrecht verstorbenen Ex-Beatle George Harrison gewidmet. Wie dem auch immer sei – das gegenständliche Werk klingt und spricht für sich selbstes gehört nicht nur (wieder) gehört, sondern es soll in seiner gesamten Anmutung mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen erlebt werden. Weshalb wir es in voller Klänge (und originaler Länge) zu Gehör bringen. Hoffentlich auch zu Gespür! Gehen wir also gemeinsam auf eine (eben nicht nur Zeit-) Reise!

Are you experienced?

Yes, I am experienced.

Na, dann…