Artariumgeburtstag! 10 Jahre!

> Sendung: Artarium am Sonntag, 19. MärzAm 11. März vor 10 Jahren ging Peter.W. mit der ersten Ausgabe einer Kunst- und Kultursendung namens Artarium Live On Air. Und sogleich rief ein verstörter Zuhörer an und brachte alle Beteiligten durcheinander, weil er sich zu der Stunde etwas anderes erwartet hatte. Und Peter entgegnete: “Ich kann nichts dafür, beim besten Willen nicht.” Sehr schön geantwortet! Genau 69 Jahre vorher (also auch an einem 11. März) hat ja schon mal einer dauernd angerufen und alle Beteiligten durcheinander gebracht, zwar nicht in der Radiofabrik, sondern in der Republik, und die Folgen waren auch viel gravierender, siehe Anschluss Österreichs. Wir werden uns in historischen Tonaufnahmen ergehen und so diesen Artariumgeburtstag gebührend würdigen. Lobende Worte spricht Angela Merkel

ArtariumgeburtstagArtarium, das etwas andere Kunnst-Biotop im Schatten der Mozartkugel. Wer hätte denn 2007, als ich zur Sendung stieß, gedacht, dass sich ein Satz von den Böhsen Onkelz aus unserer späteren Signation als so hartnäckig prophetisch erweisen würde: “Wir ham noch lange nicht, noch lange nicht genug!” Aber so ist es wohl nach wie vor. “Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage und fragen sie ihren Arzt oder Apotheker.” Und auch wenn das Artarium inzwischen nicht mehr aus Peter, mir und den Buben besteht, sondern seit 2011 aus Chrissobert Schmallnigg, der Festspielpräsidentin sowie den Hasen (also der heiligen Dreifaltigkeit vom Chriss und mir), so gilt doch stets: “Wir sind ein geiles Institut.” Soviel erstmal. Und zum Artariumgeburtstag beleuchten wir gemeinsam mit Peter.W. die Geschichte dieser Sendung, um den roten Faden der Kreativität in ihr sichtbar zu machen. Von ihren Anfängen über die Nachtfahrt-Perlentaucher bis ins Hier und Jetzt. Freut euch also auf spontan-assoziative Beiträge aus dem Schöpfwerk unserer Selbst. Oder wie sagte schon Bernd Begemann anlässlich von Freddy Quinn: “Am besten, man imitiert schwule schwarze Künstler.”

PS. Verwirrt? Verstört? Verlesen? Kunnst dich auch gern orientieren in unserem Radiofabrik-Sendungsprofil (mit Photostream!) oder in diesem Hör-Kunnst-Biotop

 

DAS LYRISCHE WIR – TENEBRA

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. MärzVor genau 79 Jahren “döppelte der gottelbock mit hünig sprenkem stimmstummel pirsch!” nämlich “von Sa-Atz zu Sa-Atz” und “den weibern ward so pfingstig ums heil zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte” Soweit Ernst Jandl in dem genialen Gedicht wien : heldenplatz, worin er seine an jenem 12. März 1938 als 12-jähriger selbst gesammelten Eindrücke verarbeitet. Es war jener Tag, an welchem der später als Gröfaz bekannte schnauzbärtig deutschdeutsche Hupf- und Brüllkasper aus Braunau pathetisch die Einverleibung seiner “Heimat” vermeldete, während es dabei “im männechensee balzerig würmelte”. Soviel erst einmal zum historischen Bezug dieser Sendung, in der das hervorragende Album TENEBRA aus der Wort- und Klangwerkstatt der so vielseitigen ONchAIR Bros. vorgestellt wird.

tenebra“Mit dem Album starten wir in den Zyklus Das lyrische Wir: Gedichte aus verschiedenen Epochen, inhaltlich einem übergeordneten Thema entsprechend, interpretiert in Stimme und klassischer Musik”. So liest sich die Selbstbeschreibung des ambitionierten Projekts der beiden Styrnol-Brüder aus Lahr im/am Schwarzwald auf ihrer gut durchstrukturierten Homepage. Und es ist nur eines von vielen, neben Filmen wie “Der geflohene Boxer” oder “Winter in Lviv” (Ukraine) gibt es noch allerlei Glossen, Hörspiele und Radioserien wie zum Beispiel die legendären “Momente des Sports”, deretwegen unser länderübergreifendes Zusammenwirken ursprünglich begann. Deutschland ist eben nicht Österreich (oder umgekehrt), doch das kreative Myzel der wechselseitigen Inspiration unterwuchert naturgemäß jede gesetzte Grenze (zwischen Genres, Generationen oder Weltgegenden), so dass auch auf friedlichem Weg ein sprichwörtliches Best of Both Worlds entstehen möge! Vorläufiger Höhepunkt dieser Kunnst-Fertigkeit ist nun TENEBRA, wo nicht nur Texte von Matthias Claudius, Friedrich Nietzsche, Paul Celan und Marie Luise Kaschnitz zu ebenso zeitlosen wie zeitgemäßen Melodramen ver-be-arbeitet wurden, sondern auch “letzter wille” aus dem Gedichtband seelen.splitter von Christopher Schmall:

wir haben uns zu tode verwaltet
und alles brav protokolliert
sind uns am ende selbst im weg gestanden
und erklärten uns zum feind

Geschrieben für und gelesen in “Sarajevo, nicht nur 1914” (ab Min. 22:15 gut zu hören)

Und hier die Liste aller im Album TENEBRA dargestellten Texte (mit Entstehungsjahr):

01 Hiroshima – Marie Luise Kaschnitz 1957
02 Letzter Wille – Christopher Schmall 2014
03 Vereinsamt – Friedrich Nietsche 1887
04 Todesfuge – Paul Celan 1944-45
05 Kriegslied – Matthias Claudius 1778
06 Arabeske zu einer Handzeichnung von Michelangelo – J.P. Jacobsen 1873
07 Der Gefangene – Rainer Maria Rilke 1906
08 Das Lied der Verzweiflung – Pablo Neruda 1924
09 Im Klang der Nacht – Albert Vöhringer 2011
10 Traurigkeit – Hermann Hesse 1944

 

Befremdliche Begegnungen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. JanuarBefremdliche Begegnungen, mit bizarren Bildwelten, seltsamen Szenarien, schrägen Sounds, manchmal auch mit verwirrenden Wirklichkeiten. Wir nehmen euch mit ins Grenzgebiet jenseits des Normalen, wo sich das Unübliche ereignet – und genau deshalb noch Inspiration zu finden ist. Willkommen in der Waschtrommel des Bewusstseins oder eben unter! Garantiert Unangepasstes gibts diesmal zu erleben, ausgehend von Virginia Woolfs experimentellem Roman The Waves (Die Wellen), welcher zu ihren Lebzeiten als ebenso überspannt wie unbefriedigend verteufelt wurde. Wohlgemerkt von überaus angepasst lebenden Kritikern, die vielleicht einmal während ihrer Pubertät einen Anflug psychischer Exzentrik verspürt hatten, vor dem sie sich forthin fürchteten.

Befremdliche BildlizenzDoch keine Angst (vor wem oder was auch immer), wir stellen hier, quasi auf der Suche nach dem neuen Wirklichkeitsbegriff, ein paar gelungene Arbeiten aus dem Zaubergarten des Collagenhaften zur gefälligen freien Verfügung. Von einem Grafikmarkt im Mozarteum über Conor Oberst (Bright Eyes), Brian Eno (mit André Heller) oder den üblichen Verdächtigen Amon Düül (Psychedelic Underground 1969) bis hin zu den frühen Warhol-Darlings The Velvet Underground und ihrem seltsamen Song über das einst verbotene Buch von Leopold von Sacher-Masoch. Da möchte man einigen hierzulandenen Rotz’N’Roll-Möchtegerns gleich fröhlich erregt zurufen: “Lass stecken, Wanda – ich heiß gar nicht Severin!” Es war mir ein Bedürfnis. Bleibt die Frage, was dann überhaupt als “normal” angesehen werden kann? Dazu der Psychologe: “Die bloße Vorstellung von so etwas wie einem normalen Menschen ist schon das erste Symptom des Psychopathischen.” Befremdliche Begegnungen, wohin das Auge riecht oder das Ohr schmeckt. Wenn Rot schwerer ist als Frosch, geht es noch tiefer als Österreich.

Hierbei sei auf die legendäre Weihnachtssendung des Jahres 2010 mit dem Titel Weine Frohnachten verwiesen – und aus dem dazu passenden Artikel zitiert: “Wenn uns das Lachen erst im nimmersatten Hals zwischen Bank-Barock und Medien-Mumps stecken geblieben sein wird, haben wir zum Zerzweifeln unser selbst immer noch Zeit. Zeigen wir lieber dem Zeitgespenst des Zweckdienlichen die Zunge! Scheißen wir seinen Schreckbetrügern einen vollen Schüssel unkontrollierbaren Schmarrn zwischen die Zahnräder! Alles schläft, einsam lacht: die Parodie der beherrschenden Verhältnisse. Charakter kommt eben von Karikatur.”

 

Große Wellen ?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. JanuarGroße Dinge entstehen ja oft im Kleinen – und ziehen deswegen erst recht weite Kreise. Ein Radiostammtisch, ein Film – und eine Verabschiedung. Das Gleichnis vom Wert der ganz persönlichen Revolution. Wos redt der? Eben. Allein schon der Titel jener Schweizer Kommödie, die wir uns diesmal beim winterlichen Radiotentreff einflößen, bietet genug Anlass zu interpretativen Spekulationen: Les Grandes Ondes (à l’ouest) wurde auf Englisch etwa mit “Longwave” übersetzt, auf Deutsch schon mal mit “Große Wellen”. Was könnte damit also gemeint sein? Das Funksignal eines Senders, die Gedankenübertragung einer Gemeinschaft – oder die Wellen, die ein großes Ereignis sprichwörtlich schlägt? Vielsagend wie sein Titel ist der Film selbst – und nicht ganz leicht zu bekommen.

große wellen innenAnfang der 70er Jahre wird das Reporterteam eines öffentlich-rechtlichen Schweizer Senders nach Portugal abkommandiert, um “patriotische” Reportagen über eidgenössische Entwicklungshilfe zu produzieren. Und zwar, weil so ein Politiker plötzlich zu wissen glaubt, was das Publikum dieses Senders “hören will”. Nämlich mehr Volksmusik – und erwähnt “Patriotisches”. Abgesehen von dieser Karikatur eines Populisten (oder des frühen Formatradiogedankens, den wir uns ja zum Glück auch erspart haben), begegnen uns aber sämtliche Charaktere, die wir aus dem eigenen Radio nur allzugut kennen: eine engagierte Feministin, ein leicht schrulliger Techniker, ein heimlich dementer Starreporter und – last but not least – ein frischg’fangter Praktikant, der dringend zum Übersetzen benötigt wird…

große wellen außenZugleich verabschieden wir uns (schön langsam und in Etappen) von unserer Programmkoordinatorin Eva Schmidhuber, die demnächst im Rahmen ihrer Bildungskarenz nach Bischkek in Kirgistan reist, um dort angehenden Lehrer_innen die deutsche Sprache beizubringen – und wohl noch andere Abenteuer in der entlegenen Bergwelt rund um den Yssyköl zu bestehen. Wie bereits Reinhold Messner bemerkte: “Ich gehe in die Berge, um zu ÜberLeben.” Wir wünschen ihr demnach ein gutes Gelingen ihrer sprach- und kulturvermittelnden Lehrtätigkeit, darüber hinaus alles Glückselige – sowie sonnige Schitouren! Uns wünschen wir ihre wohlbehaltene Rückkehr in alter Frische und mit vielen neuen Ideen, hat sie uns doch stets fein unterstützt und bestens beratenauch nicht nur beim Übersetzen

wie etwa des genialen Sprechstücks Crisi di mercato von Giacomo Sferlazzo

 

Knotzen und rumspielen

> Sendung: Artarium am Sonntag, 8. Januar – Wir gehen das neue Jahr genauso gemütlich an wie zwei irgendwelche Buben, die am letzten Tag der Weihnachtsferien gemeinsam herum knotzen und mit all ihren Neuentdeckungen vor sich hin spielen. Wie ließe sich dieser Tag auch besser verbringen als mit seinem besten Freund, dem man schon längst alles erzählen will, was einem über die Feiertage widerfahren ist? Und so packen wir eins nach dem anderen aus und zeigen einander, was uns in der Zwischenzeit mit uns allein belebt und bewegt hat, ganz in der Art einer klassischen Weihnachtsgeschenkevorführung, nach dem Motto: “Schau amoi, wos i do hob”. Naturgemäß zelebrieren wir dieses Beinondasein in vertrauter Stimmung vor allem mit jenen Fundstückerln, die sich zur hörbaren Zubereitung im Radioraum eignen.

Ganz abgesehen davon, dass der schöne Begriff Knotzen in unseren Breiten dem breiteren Publikum nur in einer viel schmäleren Bedeutung geläufig sein dürfte, als sich etwa im Wienerischen aus ihm herausholen ließe. So wollen wir durchaus auch dem Volkstum mal wieder auf seine Gedankensprünge helfen – und im Zuge des uns selbst verliehenen Bildungsauftrags einige zusätzliche Assoziationen anbieten. Knotzen ist eben ein wunderbares Wort für alle nur möglichen Gelegenheiten, Jahreszeiten.und sonstigen Zustände. Zur Einstimmung im Einzelnen: Schleim knotzt oft hartnäckig in den Atemwegen, wie sich auch Suchtstoffe im Leben von Menschen festsetzen können. Man kann sich in die Heidelbeeren knotzen, wenn einem das Fanatentum ringsumher zuviel wird. Oder auf eine Bank in der Höllensauna, wenn einen der Teufel nicht mehr hinaus lässt. Reinhold Messner zum Beispiel knotzt vorzugsweise in den Bergen herum, Hasen inzwischen sogar auch in der Stadt – und die Sonne sowieso am Himmel. Weshalb sich allerdings die fidelen Landräuber stets genau dort festfressen, wo die schönsten Schätze im Boden knotzen, dazu hören wir am besten Buffy Sainte-Marie – und/oder machen uns selbst einen Reim drauf

 

Grauen mit Niveau

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. Oktober – Rechtzeitig zu den allseits beliebten Allerheiligen-Vorbräuchen wie etwa Samhain oder Halloween versorgen wir euch und uns selbst mit stilbildendem Grauen aus den Konserven der Klassiker dieses Fachs. Ihr müsst euch jedoch, wie beim realen (?) Horrortrip, davon überraschen lassen, was da auf euch zukommt. Denn wenn man schon vorher weiß, wovor man sich fürchten wird, gruselts nicht mal mehr halb so gut. Gepflegtes Grauen verhält sich zu marktüblichem Genredreck in etwa so wie ein schöner Rotwein zu industriellen Alkopops. Apropos Massengeschmack (diese künstliche Gleichgult aus messbarer Vielzucht), unser An- und Zuspruch des Schaurigen ist so schön, dass es uns gehoben grausen wird. Wir verraten aber (verdammt!) nicht um die Burg, in welche Schluchten des Seins wir stürzen.

der-schreiNur soviel sei vorab noch gesagt: In Zeiten wie diesen, in denen die selbsternannten Abendlandretter von der suffschwangeren Heimatfront schon die mögliche Verdrängung “unseres” Schokoladeweihnachtsmanns durch religionsneutrale Zipfelmänner als Angriff auf irgendein Christentum abwehren wollen, da werden die Psychopharmaka bald knapp und die Therapeut_innen der Reihe nach verzweifeln. Doch bevor wir alle vor Lachen aus dem Fenster fallen, lasst uns einer wirklichen Kunstgeschichte Gehör verschaffen, die nicht zwecks Kundschaft vom Coca-Cola-Marketing ausgedacht ist.

In diesem Sinn auch unser Hinweis zur sicheren Anwendung: Eine Stunde lang mit offenen Ohren gut zu hören und unbedingt der Phantasie freien Lauf lassen. So kann das Grauen seine heilsame Wirkung voll entfalten. Bei riesigen Nebenwirkungen rauchen sie die Packungsbeilage, schlagen sie ihren Abt – oder werden sie Apotheker!

 

Wie wir begehren

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Oktober – Die als “Kriegsreporterin” bekannte Carolin Emcke erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, genauer gesagt an diesem Sonntag, zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse und in der dortigen Paulskirche. Da sind wir aber top-aktuell mit unserer Themenwahl – immerhin stellen wir heute ihr 2012 bei Fischer erschienenes Buch “Wie wir begehren” vor, einen feinsinnigen Essay über die subjektive wie die soziale Wahrnehmung von gleichgeschlechtlicher Liebe. “Davon erzählt sie uns durch zahlreiche Zeitsprünge in Gestalt einer kaleidoskopische Collage aus Erlebtem und Erlesenem und verknüpft dabei kunstvoll persönliche Anekdoten mit parallelen gesellschaftlichen Ereignissen.” Dergestalt wurde es bereits für “Mein Bücherschatz” auf Radio B138 beschrieben.

carolin-emckeWofür die Publizistin und Autorin (unlängst ist “Gegen den Hass” erschienen) jetzt genau mit diesem renommierten Preis ausgezeichnet wird, davon quellen die Artikel und Kulturmagazine ja derzeit ohnehin über – wir wollen uns hingegen auf jene Besonderheiten ihrer Person konzentrieren, welche das diesfalls darzustellende Buch so lesens- und erlebenswert machen. “Sie verschmilzt darin sprachliche Präzision mit emotionaler Erschüttertheit zu einem literarischen Ganzen, das ans große Feuilleton der Zwischen- und Nachkriegszeitkriegszeit erinnert (und das im akuten Kommerzhäppchening und Meinungsvielflat so dermaßen “aus der Mode” wirkt, dass es schon wieder Avantgarde sein muss).” Carolin Emcke ragt aus diesem journalistischen Entertainmentsumpf heraus wie ein seltener Glücksfall, der leider längst nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme darstellt. Ein mutiger Mensch mit einer eigenen Meinung, bei dem sich Empathie und Realismus zu einer ganzheitlichen Weltsicht verbinden. Chapeau! Und vor allem – sie scheißt uns nicht zu mit Schachterln und Schubladen, in die wir uns der Reihe nach einsortieren sollten. Nein, sie regt zum eigenständigem Leben an!

Abschließend ein kurzer Textauszug: “Er fremdelte in der Schule, weil ihm nichts von der Materie, die der Unterricht vorsah, über ein Leben erzählte, wie er es sich erträumte. Ihn irritierten die Mitschüler, die schon ihre eigenen Großeltern zu sein schienen. noch bevor sie überhaupt geschlechtsreif waren. Tom hatte etwas Klaustrophobisches, weil er unter jeder Form geistiger oder sexueller Enge litt.”

 

 

Ingeborgs Flachmann

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. September – Wir basteln uns schnell auch noch ein Wettlesen. Und widersprechen der weit verbreiteten Vorstellung, man könne sich Sprache einfach so aufsetzen wie einen Hut. Oder sich von den Fachoberuhus der Literaturverwaltung das Gute, Wahre und Schöne vorsortieren lassen, damit man dann eine Bildung haben tut. Die Richtige natürlich. Kennst dich aus? Einbildung ist auch eine. Ätsch! Denn Sprache ist nicht bloß eine ganze Welt, auf die man sich Hals über Kopf einlassen muss, sie ist zudem noch weitgehend unerforscht und ob ihres ständigen Wandels schlechterdings nicht kartographierbar. Die Sprachwissenschaft kann nur beschreiben, was bereits entdeckt ist, jedoch nicht, was darüber hinaus neu entsteht. Diese Welt erschafft sich ständig selbstdurch ihre Beschreibung.

flachmannSo lassen wir diesmal zwischen Bachmannpreis und Bücherflohmarkt ein paar auserwählte Kandidierte gegeneinander aufmarschieren – und um einen Preis wetteifern, den es genauso gewiss gibt wie den finalen Schluck aus Ingeborgs Flachmann. Na, dann Prost!

Wenn jetzt noch wer daherkommt und meint, dass es bei sowas Veränderlichem wie Sprache objektive Kriterien zur sportlichen Beurteilung oder Leistungsmessung geben könnte, dann gehen wir zwei zwischenzeitlich in aller Höflichkeit laut lachen. Ob nämlich ein Text oder sein Vortrag irgendwie beliebt, erfogreich, populär ist, das hängt vom Zusammenwirken so vieler verschiedener Faktoren ab, dass es sich genausogut erwürfeln ließe.

Folgende Interpreten und ihre Beiträge wurden auf geheime Weise für das Finale nominiert (in der Reihenfolge ihres Auftretens). Es singen, spielen und ergehen sich in Collagen (weil wir finden, das gehört sich längst – bloß keine fade Buchstabensuppe):

Loriot (als Lothar Frohwein) – Melusine (Krawehl, Krawehl)

Josef Hader (als er selbst) – Atonales Lied

Ernst Jandl (auch als er selbst) – Kunstvaterland (aus “Die Humanisten”)

Angela Merkel (sie selbst) – Nein (Yung Hurn remixed by DJ Karl the Dog)

Loriot (als Der große Diktator) – Almduludl (Rede)

Bagher Ahmadi (als Ernst Jandl) – schtzngrrrmm

Christian Brückner (als er selbst) – Hitlers Hitler

Die musikalische Umrahmung besorgen uns im Sinne niveauvoller Textverbratung Käpt’n Peng und die Tentakel von Delphi (Signation), Catharina Boutari (covert Das Bo), Rainald Grebe (Guido Knopp) sowie PeterLicht (Fluchtstück). Und wenn wir hier schon in der Jury sitzen, dann würdigen wir gleich auch noch die Wettrapper und Lyrizisten von Battle & Hum, Gewinner des heurigen Radioschorsch, mit einer eigenen Laudatio.

Gluckglucksus, Schwuppdiwuppsus – oder einfach nur Flachmann!

 

Mädchen Überfluss

> Sendung: Artarium am Sonntag, 28. August – Hinter den Kulissen der Radiofabrik werken zahlreiche Weiblichkeiten an ihrem gedeihlichen Stattfinden. Hätten wir hier eine Frauenquote, dann wäre dieselbe längst übererfüllt. Wobei es bei der Myzelpflege eines so vielschichtigen Organismus wie des Radiofabrik-Teams ohnehin nie um willkürlich festgelegte Quoten gehen kann, sondern vielmehr um ein ausgewogenes Funktionieren im Sinne von Vielfalt, Vielseitig- und Vielstimmigkeit. Oder eben auch Vielsprachigkeit, womit wir fast schon beim Kern (nein, nicht beim Bundeskanzler) der heutigen Sendung anglangt wären. Wir wollen euch nämlich unsere neue EU-Freiwillige Kawtar El Moutawakil aus Italien vorstellen, welche nicht nur (wie sich ja denken lässt) Italienisch spricht, sondern darüber hinaus noch Französisch, Englisch und Arabisch.

Laura und KawtarMa forse ancora non è cominciata
aldilà e di qua della barricata
ci sono mari che non si possono toccare
ci sono lingue che non si possono capire
Tu non conosci il mondo
tu non conosci me
c’è un bene più profondo
nascosto dentro me dentro te
Sia benedetto questo mondo
sia benedetto questo incontro
sia benedetta questa vita
che molti pensano sia infinita

Antonello Venditti (Video)

Endlich können wir wohl auch diesem kryptisch-philosophischen Songtext seine surrealen Geheimnisse entlocken – vielleicht nur, um sie dann erst recht so sein zu lassen, wie sie ursächlich gemeint waren – geheimnisvoll nämlich. Denn genau darum dreht und angelt es sich auch springenden Punkts in unserem “Incontro culturale”, in dem wir dem Geheimnis des Verschiedenen im Gemeinsamen (oder umgekehrt) nachspüren. Unter tatfreudiger Mithilfe der bald schon nicht mehr Auszubildenden Laura Leitner (danke für das geile Foto!), deren engagierte Betreuung uns inzwischen so vertraut geworden ist, dass es ziemlich schräg anmutet, ihrem Lehrabschluss auch nur entgegen zu denken. Und mein Mädchen darf weiterhin Norbi zu mir sagen, es dreht sich hier sowieso mehr um Girlism als um Gender. Oder den Generation-Gap.

Eine Sendung der Herren Hasenhund und Hundehas, gemacht für die Gemeinschaft, der sie stets selig entsprießt.

 

Adriatisches Intermezzo

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. AugustVerträumt zelebrieren wir die altösterreichische Völkerfreundschaft im nordöstlichsten Winkel des adriatischen Meeres. Duino, Sistiana, Miramare, Trieste, Muggia, Izola, Portorož, Piran – und wie die einzelnen Küstenorte daselbst noch alle heißen mögen. Gefühlt ewig und drei Tage waren sie unser” Zugang zur unendlichen Weite der Welt. Bis der dann von den regierigen Schnapsnasen des Großreichtums beim vorvorletzten Machtpoker auf Volkskosten verplempert wurde. Oder so. Wiewohl – trotz all dieses Politikblödsinns aus Beherrschsaft und Unterthanendumm wird uns die ewige Sehnsucht nach dem Salzwasser der See atmosphärisch eingeschrieben bleiben. Und so suchen wir uns immer auch selbst – in einem allsommerlich wiederkehrenden “Incontro culturale”

AdriaSchon seltsam, wenn man sich selbst sogar im eigenen fremd ist. Doppeldeutig wie die Begriffe, die man sich davon macht, strange eben oder strano. So wunderlich, wie es einem beim Selbstversetzen in ein anderes Terroir zumute wird, sind auch unsere Souvenirs aus diversen Begegnungen mit dem eigenartigen italo-slowenischen Mischmenschenschlag “da unten”. Etwa die merkwürdige Partizanen-Marseillaise unter Mitwirkung von Radio Študent aus Ljubljana sowie der Gruppe Laibach (NSK). Ganz zu schweigen vom letzten lebenden philosophischen Hyperaktivisten Slavoj Žižek sowie der Schwierigkeit, mit ihm ein stimmiges Interview zu gestalten (SRF Kultur). Auf jeden Fall verstehen wir jetzt den Unterschied zwischen einem Kaffee ohne Schlag und einem Kaffee ohne Milch. Oder doch nicht? Entschuidigns, aber wir sind das Radio ohne Hitparade. Das Radio ohne Tiefgang ist ein paar Straßen weiter, es besteht ja durchaus ein Unterschied zwischen Pirat und privat. Und als ob das alles nicht schon schrecklich genug wäre, kulminiert unser Widersinn in diesem surrealen Video: Zero Assoluto – Questa estate strana

Everybody’s talking and no one says a word
Everybody’s making love and no one really cares
There’s Nazis in the bathroom just below the stairs

Nobody told me there’d be days like these
Nobody told me there’d be days like these
Strange days indeed – strange days indeed

John Lennon