Tau On Tour

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. DezemberThomas Mulitzer scheißt uns mit seinem Debutroman Tau gründlich vor die Tür der wohlgeordneten Verhältnisse. Und wandelt damit vor allem inhaltlich auf den Spuren des legendären literarischen Salzburgbösewichts Thomas Bernhard, dessen Erstlingsroman Frost (1963) hierbei immer als die Ursache dieser vielschichtigen “Ruf & Echo Arbeit” erkennbar bleibt. Doch wer seine Lektüre nach den sich Rezension” nennenden Nutzerkommentaren von Lieschen Müller und Otto Normalverbrecher auszuwählen pflegt, sollte von Tau lieber die wulstigen Hirnfinger lassen! Was ist überhaupt ein Roman? Was ist eine Handlung? Und was ist eine gute Geschichte? Ja, wenn du dazu einen Papst brauchst, der dir das vorsemmerlt, was du nachblöken sollst – dann bleib lieber Konsumtrottel!

Thomas Mulitzer liest aus TAUEs soll ja Leute geben, die “keinen Tau davon haben” wollen, was mit ihrer Welt so geschieht, und die eher x-mal das Stiegengeländer putzen, bevor sie einmal nachdenken oder sich gar auf etwas einlassen, das nicht ihrem hergebrachten Weltbild entstammt. Gott bewahre! Denen ist wohl nicht mehr zu helfen, auch wenn man ihre Ängste noch so sehr ernst nimmt. Zu diesen und ähnlichen Befunden gelangt man aber unweigerlich, auf der Lesereise quer durch den assoziativen Chaosmos dieser hochkomplexen und doch zugleich zugänglichen Geschichte. Sofern man es halt aushält im Kopf ihres Erzählers, in seinen Erinnerungen und Emotionen. Und nicht davon abgeschreckt wird, dass ungeschickt gefickt nach Jauche riecht oder schon mal im Autobus, im Bierzelt und überhaupt die Fäuste fliegen. Alles Schnaps und nichts Walzer. Die Ursassen sind sich überall ähnlich, nur in der Stadt sind sie von dichteren Identitäten absorbiert, von rasenderen Ideologien, quasi als Religionsersatz. Irgendwer speibt immer und es kommt schon vor, dass wer mit Inbrunst hinbrunzt.

In dieser höchst sprachlüsternen Collage aus Bernhard, Beatpoetry und Dorfpunks sowie noch einem ganzen Abgrund an Ideen und Einflüssen geht der Protagonist der Geschichte letztendlich irgendwie verloren – und das ist verdammt nochmal ein guter Schluss. Auch wenn das weder den hollywoodgeprägten Konsumkasperln aus der Internetselbsthilfegruppe noch den korinthenkackenden Elfenbeintürmlern aus dem Literaturszenezentrum für Germanismusgespenster angenehm einfahren wird. Wir sind doch nicht euer Kokain, ihr Spritzweingsichter und Seitenblickeadabeis! Wie unschwer festzustellen ist, hat Thomas Bernhard noch ordentlich untertrieben.

Thomas Mulitzer ist zu Gast in unserer Sendung und wird die Hintergründe seines Romans beleuchten. Außerdem erwarten wir seinen Projektpartner bei Two On Glue, Wolfgang Posch (der breiten Masse als El Fetzn bekannt), zu einem spontanen Duett,

naturgemäß

 

Das trojanische Pferd

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Dezamber – In Zeiten wie diesen soll man Kriegsgerät verschenken. Außen schön verpackt – und innen voller Verderben. Listenreich! “Timeo Danaos et dona ferentes”, wie der Franzose sagt. Und das bezieht sich nicht nur auf Weihnachten, aber halt schon auch. Denn das mit Freuden Erwartete enthält oft die herbste Enttäuschung. So ist das auch mit Menschen, mit Werbespots oder Regierungen. Hinter dem schönen Schein grinst einem sogleich der Tod entgegen: “Ätsch, das hast du jetzt davon!” Und dabei hat man vor kurzem noch geglaubt… A contracorriente zur immer neuigkeitsgeileren Verbeschleunigung der uns umdudelnden Popschkultur spielen wir NICHT DAS AKTUELLSTE, sondern lieber DAS ALLERERSTE ALBUM dieser so kunstvoll kontroversen Musikkapelle:

Das trojanische PferdDas trojanische Pferd war bereits 2012 mit seinem zweiten Album “Wut und Disziplin” in der ARGE zu Gast, sowie ebenfalls in Gestalt von Hubert Weinheimer zu einem legendären Künstlergespräch bei den Perlentaucher-Nachthasen (also bei uns) verabredet. Dieses unvergessliche Interview brachte in nur 16 Minuten dermaßen viel Hintergrund zum Vorschein, dass es sich nach wie vor als Lehrstück fürs Erfassen des Wesentlichen anbietet. Wir haben es dann noch einmal “destilliert” und fein abgefüllt als 6-teilige trojanische Degustation in unsere Nachtfahrtsendung “Originale Kopien” eingebaut. So geht hintertückisch Einflößen, ihr Chartslöcher! Jedenfalls bietet das Debutalbum mit dem Bandnamen als Titel eine hochprozentige Essenz dessen, was allerweil vom Hechelhaufen der Genreschachterlscheißer (kommerzielle Musikjournalist_innen) als “Chanson-Punk” bezeichnet wurde. Wie drückt es “Sänger und Bombenleger” Hubert Weinheimer in “Fahrstuhlmusik” so trefflich aus? “Ich will nicht, dass mein Kind Scheiße frisst.” Na eben. Dazu noch eine der besten Refrainzeilen aller Zeiten: “Mein Herz schlägt mich innerlich tot.” Dieses Album gehört (immer wieder) gehört.

Danke für diesen Slogan, Wolf Haas. Die Prinzessin auf dem Erbe. Urerbsenrecht! Doch genug des Selbstreferenziellen und zurück zu den darbietenden Künstlern. Die haben nämlich verstanden, was die ursächliche Ansage des Punk als Kunstform bedeuten kann: Nimm alles, was du willst, vom Müllhaufen der Geschichte (also auch gehört Gehörtes) und mach daraus dein ganz eigenes Ding. Und nicht: Hupf herum als Folkloreposerl und mach alles nach, was die Genreschachterlscheißer Hinz und Kunz für richtigrum erklären. Machs NICHT richtig, mach DEIN Original!

Das gegenständliche Debutalbum gibts im übrigen auch hier als Free Download.

 

Charles Janko Nachruf

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. NovemberSchuld ist wie so oft der Berlinsalzburger Schriftsteller Peter Hodina, dem wir die überaus inspirierende Begegnung mit Charles Janko ursächlich verdanken. Denn am 27. 2. 2015 fand in Alrun Pachers literarischem Salon eine feine Zweierlesung von Peter Hodina und Christopher Schmall statt, welche der inzwischen völlig zu Unrecht verstorbene Charles mit meisterlichen Klavierimprovisationen umrahmte. Doch dieser ebenso banale wie hier angebracht erscheinende Begriff wird seiner tatsächlich ausgeübten Kunstfertigkeit eigentlich überhaupt nicht gerecht. Statt auf so eine rein äußerliche Funktions-Zuschreibung sollte sich unser Augen- und Ohrenmerk doch viel mehr auf die innere Haltung von Charles‘ spontan-kreativem Musikausdruck richten.

Charles Janko Literaturhaus Salzburg Nov 2016Erzählen wir die Geschichte: Während das Publikum den Lesenden andächtig lauschte, saß Charles meditativ in sich versunken am Flügel, um in den Pausen augenblicklich zu seiner ganz eigenen Verdichtung der zuvor offenbar gesammelten Eindrücke anzuheben. Und was er da improvisierend wiedergab, war nicht einfach nur Begleitung, Behübschung, tonale Garnierung – nein, es war in höchstem Maß die erweiternde Teilwerdung am Moment des Geschehens, eine nachgerade organische Verganzheitlichung dessen, was rund um ihn im Hier und Jetzt vor sich (und bestimmt auch durch ihn hindurch) ging. Wollen wir das aber nicht verkehrt verstehen: Die dargebotenen Texte an sich waren schon ganz, deren Vortrag in Resonanz mit dem Publikum erst recht, die ganze Inszenierung dieses Literarischen Salons sowieso, alles war ganz und gar ganz (im Sinn von vollkommen). Und doch – wenn Charles‘ Musik nicht hinzu gekommen wäre, hätte der gesamten Darbietung etwas gefehlt. Was wiederum nur dadurch erkennbar wurde, dass er sie spielte! Mich erinnerte dieses Geschehen an Gefühlseindrücke, die ich vor Jahren beim gemeinsamen Hören von Keith Jarretts “The Köln Concert” gehabt hatte, und eben darauf sprach ich ihn (nach dem Ende der Veranstaltung) an. Es entspann sich sofort eine derart befreiende, einfühlsame, weltoffene Unterhaltung, dass sich nur eins sagen lässt: Charles Janko war ein Mensch, der ganz in seiner Kunst lebte.

Ausgehend davon kam es auch dazu, dass sich Charles im November 2016 bereit erklärte, “auf splitterwegen und zerbrochener zeit”, die Geburtstagslesung von Chriss im Literaturhaus Salzburg, kongenial musikalisch zu “illustrieren”. Davon haben wir eine recht improvisierte Aufnahme hergestellt, bei der man die Lesenden trinken und tuscheln hört, ganz im Sinn einer spontan-assoziativen Gesamtkunst. Jetzt gibts diese “Charles Janko Literaturhaus-Improvisationen” zum Nachhören.

“Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.”  Bertolt Brecht

 

Kritische Literaturtage

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. November“Ich hegte die Hoffnung, dass es Hoffnung gibt.” Dieses Zitat stammt zwar von keinem toten Dichter, sondern aus der deutschen Synchronfassung des Actionfilms “The Rock”, dafür passt es aber zur derzeitigen Situation von engagierten Verlagen und kritischen Leser_innen wie der sprichwörtliche Faust aufs Auge. Oder wie der Kern in den Pudel. Weil nämlich Sean Connery damit die Frage beantwortet, wie er überhaupt jahrelang als Gefangener eines korrupten Systems überleben konnte. Womit wir ebenfalls beim Kern dessen angelangt sind, was demnächst als Kritische Literaturtage 2017 in der ARGEkultur stattfindet. Und bei Christian Lorenz Müller, der diese ambitionierte Veranstaltung hier in Salzburg mitveranstalten wird – und der uns so einiges über deren Hintergründe berichten kann.

Der kritische BlickLiteraturkritik hat eben mehr mit Holzspalten zu tun als mit nerviger Besserwisserei. Das altgriechische Wort κρίνω bietet uns hierbei eine Vielzahl von Bedeutungsnuancen wie etwa “trennen, sichten, deuten, auslegen, urteilen, unterscheiden” . Eine kritische Haltung zu haben gegenüber der Welt und auch ihrer Literatur muss nicht zwangsläufig bedeuten, das Kind mitsamt dem Bad auszuschütten, bloß weil einem das irgendwer irgendwann einmal eingesagt hat. Wer sich im Wald der Worte ein Haus baut, weiß ja wohl selbst am besten, was dafür brauchbar ist – und was nicht. Worte wegwerfen oder Perlen vor die Säue? Inwieweit ist so eine alternative Buchmesse auch wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein der kommerziellen Gleichförmigkeit – oder eben doch eine notwendige Ergänzung zum Mainstream des Verlagswesens? To be or not to be, that is the Zerquetschen!

Das Programm dieser etwas sehr anderen Präsentation von über 40 Verlagen und Autor_innen bietet dicht gedrängt ebenso Bekanntes (Fritz Messner, Elias Hirschl) wie auch Entlegenes zum Wieder- oder Neuentdecken. Wir beleuchten in unserer Sendung speziell die “Thomas Bernhard Sprachlandschaften” der SAG und das dieser Arbeit zugrunde liegende Konzept “ins Leben schreiben”. Der “über alle Maßen kritische Salzburgdichter” ist für uns nämlich der ideale Schirmherr jeden kritischen Denkens.

Abgesehen davon lasst euch halt überraschen, wir wollen für nichts garantieren

 

Jazz erst recht

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. Oktober – Unlängst – oder war es neulich – wurde auf 3sat der saugute Dokumentarfilm “Der Preis der Anna-Lena Schnabel” gezeigt. Und dadurch wurden wir schon wieder einmal in die – zugegeben eigenartige – Welt des Jazz hineingesaugt. Denn das rundum gelungene Filmportrait bietet nicht nur eine höchst zugängliche Darstellung des inneren wie äußeren Werdegangs der jungen Solistin (Saxophon, Querflöte), sondern auch erschreckende Einblicke in die Gepflogenheiten der Musikindustrie sowie in den peinlichen Eiertanz der öffentlich rechtlichen Sender zwischen Bildungsauftrag und Massengeschmack. Alles weitere dazu lässt sich in diesem erfrischend spitzzüngigen Artikel von Ulrich Stock nachlesen. Jazz ist also ein Minderheitenprogramm. Doch findet er im Freien Radio genug Platz?

jazz erst recht professor kerschekZur näheren Beleuchtung dieser Umstände haben wir den Radiofabrik- Musikredakteur und ausgewiesenen Jazzdoktor Nikolaj Fuchs ins Studio eingeladen. Und gemeinsam mit ihm wollen wir die diesbezügliche “Luft nach oben” einmal versuchsweise ausloten. Dem Thema entsprechend spielen wir dieses Mal ausnahmslos Virtuos_innen der etwas anderen Blasmusik, und zwar Herbert Könighofer mit K3, Anna-Lena Schnabel und ihr Quartett, den Soundrevolutionär Nils Petter Molvaer sowie Ian Anderson (von Jethro Tull) auf seiner legendär queren Flüüte, ein lebendes Relikt jener höchst ungrauen Vorzeit, in der die Musikgenres noch viel einträchtiger beisammen wohnten als dies heutigentags marktkonform zu sein hat. Viel Harmonie!

Es sei unserem Publikum hier nicht vorenthalten, wie der im eingangs erwähnten Film kritisierte NDR reagiert. Darauf kann man sich einen Reim machen – oder auch nicht. Ein gewisser medienpolitischer Nachgeschmack (wie von allerlei Wahlkrämpfen her) bleibt im Abgang haften. Irgendwie metallisch, so zwischen Kleingeist und Kleingeld. Wir jedenfalls finden die Zweckzwangsjacke merkantiler Verbenutzbarkeit scheiße.

Stattdessen wollen wir Projekte wie die Radiofabrik-Jazznacht weiter ausbauen, und setzen in dem Zusammenhang auf die Unterstützung unserer Hörer_innen, die das Freie Radio beim Wort nehmen – und selbst produzieren, was sie gern hören wollen.

Wir sind nämlich ein geiles Institut.

 

Deprogramming Division

> Sendung: Das Artarium zum Wahlsonntag, 15. OktoberAlle wählen vom Reden. Wir aber spielen dem schwindlichmachenden Anlass entsprechende Musik. Nämlich die “Underwater Serenades” von Deprogramming Division, einem der vielfältigen Soundprojekte des umtriebigen Salzburgsohns Herwig Maurer, der einst aus seiner Heimatstadt auszog, um die dekadente Westwelt mit seinen Musikalien anzureichern. Nebst immer unzähliger werdenden Filmarbeiten (IMDb) sowie Veröffentlichungen von Alben und Soundscapes gibt es von ihm auch noch Kunstfotographie und demgemäß durchkonzipierte Bilderfluten zu entdecken – und zu erforschen. Dem kreativen Umtrieb so eines über die kommerzfeile Nachdepperei der allgemeinen Untenhaltung hinaus wollenden Menschenkinds kann die “Provinzkunstmetropole” halt nicht entsprechen.

Deprogramming DivisionWarum allerdings ausgerechnet der Titel Deprogramming Division und somit auch die Musikwahl auf unser Thema passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge aller abgründlich genervten Betrachter? Na, weil die Ferngesteuerten, Programmierten oder eben “populistisch verblökten Mund auf und bitte schiab mas eini Schafe” selten so wahrnehmbar tief durch die Republik fliegen wie an diesem wahnsinnigen Wahlabend. Stermann und Grissemann werden forthin als Gute Nacht, Österreich auftreten und Thomas Bernhard hat mit “fürchterlicher Friedhof der Phantasien und Wünsche” aber noch sowas von untertrieben. Eine Erregung zur Beruhigung oder The Idiots are taking over von NOFX. Es ist alles schon oftmals ausgesagt worden, doch die Quasselödien glauben lieber den Massenblödien und Kassenschmähdien. Der Urheber ächzt: “Streit” und wir verklagen uns schon mal vorsorglich selbst. Seids ihr noch zu retten? Na guat, donn ned. Es is jo sowiaso olles ned woa oder vielleicht doch? Wir tauchen jedenfalls erstmal ab. Und wir laden euch ein, diese spirituelle Atempause mit uns gemeinsam zu verbringen. Mit einzusinken in diese instrumentale Phantasiewelt, erschaffen von einem, der wie wir davon überzeugt ist, dass jeglicher Kunst eine wesentliche soziale Funktion innewohnt. Siehe > Pacific Nexus Media

Am Freitag, 13. Oktober gibts unsere Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem ebenso schönen wie passenden Titel “Unendlichkeitsversuch” – Guten Morgen, liebe Welt!

 

Weiße Liebe

> Sendung: Artarium vom 10. SeptemberAnsa Sauermann aus Dresden hat unlängst (am 18. August) sein erstes Album “Weiße Liebe” veröffentlicht. Und er kommt am Freitag, 15. September zum “Take the A-Train” Musikfestival beim Salzburger Hauptbahnhof, wo unter anderem auch Fiva, Nigrita sowie Scheibsta & Die Buben auftreten werden. Da können wir also wieder einmal gaaanz aktuell sein – und ein quasi ofenfrisches Debutalbum aus unserem Hasenhut zaubern, um es euch nicht nur vorzustellen, sondern sogar zu empfehlen. Weiße Liebe hält nämlich eine feine Balance zwischen Ansas Singer-Songwritertum und dem Volles-Brett-Sound seiner phantastischen Band“Meine Hoffnung fleht hoffnungslos leise nach mir”, das ist wahrlich ein höchst poetisches Selbstzeugnis – in einem sonst eher räudigen Jahr.

Weiße Liebe CoverIn unseren Breiten machte der kellnernde Jungmusiker erstmals mit einem schmerzzerreißenden Lied über die Hassliebe zu seiner Heimatstadt auf sich aufmerksam. Der Song “Tal der Ahnungslosen” bezieht sich in seinem Titel auf jene informationsreduzierten Gebiete der ehemaligen DDR, in denen der Empfang des Westfernsehens aus Gebirgs- und Entlegenheitsgründen nicht möglich war. Und er reflektiert die Fassungslosigkeit zahlreicher Menschen in der “verirrten Stadt mit zwei Gesichtern”, angesichts des rechtsextrem organisierten Wutbürgertums, das seit geraumer Zeit unter der Bezeichnung PEGIDA durch eine inzwischen gesamtdeutsche Medienlandschaft gespenstert. Doch er vermag seinen begründeten Unmut eben nicht nur “volles Brett” auf entsprechenden Kundgebungen auszuspeien, er kann ihn durchaus auch auf den Samtpfoten der Straßenmusik leise (und somit fast noch wirksamer) zum Ausdruck bringen. Das veranschaulicht dieses Unplugged-Video. Und sein Debutalbum Weiße Liebe verwebt beide Facetten seiner Kunst zu einem gelungenen Gesamtwerk. Darin begegnet uns eine Gefühlstiefe, die jenseits der üblichen Hieb- und Stichwörter wie Authentizität oder Street-Credibility von der Fähigkeit zeugt, sich mittels eigener (oft auch leidvoller) Erfahrungen in die Lebenswirklichkeit anderer hinein zu versetzen.

Der wahre Reichtum eines Menschen, einer Beziehung, ja einer ganzen Gesellschaft ist und bleibt eben das EinfühlungsVERMÖGEN. Und zwar steuerfrei!

 

Werbung in eigener Sache

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. August – In unserer nächsten Nachtfahrt werden wir ein Live-Konzert von Peter Gabriel spielen, und zwar in vollster Länge. Dafür – und für jene illustre Sendereihe, die demnächst in ihr 10. Jahr geht – werben wir hier und jetzt einmal so richtig angenehm. Da ist nämlich durchaus ein Unterschied zwischen gepflegter Kundmachung und penetrantem Einidrucken. Einen Eindruck von etwas kann ich mir ja selbst machen, dazu brauch ich keinen Dauerbeschwall von wegen was gerade “in” ist, was “man” heute so hörtund was ich kaufen soll, weil irgendein Oaschlochverein damit sein Geld drucken will. “Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.”  Außer man steht drauf, dass man fortwährend fremderseits eingefickt kriegt, was man denken, fühlen, glauben – was man tun und lassen soll…

Peter GabrielIn Zeiten wie diesen, in denen uns der räudigste Autotunescheiß als ultimatives Live-Erlebnis verkauft wird, in denen die austauschbaren Hupfsackeln uns von oben auf der Bühne herab anschaffen, was wir mit unseren Händen zu tun hätten, in diesen Zeiten der gleichförmigen Grinsklone und profitoptimierten Lächelzombies sehnen wir uns nach dem authentischen Menschen, der einfach seine Musik darbietet, weil sie ihm wichtig ist, weil sie ihn bewegt. “Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil ihr es bei mir bestellt…” Dieses Zitat von Konstantin Wecker mag uns als Motto dienen bei der Abgrenzung des Echten vom Scheinbaren. Der seelenleere Industriedreck, der uns massenmedial um die Sinne gehauen wird, kann einfach genau gar nichts. Man wird damit zugestopft und fühlt sich danach noch hungriger als zuvor. Genau darum geht es den Betreibern des Konsumismus oder “Wollt ihr die totale Abhängigkeit?” Doch Schreck beiseite, wir als Bewahrer des Originären stellen den Verdummten dieser Erde sogleich eine Entficklungshilfe für Herz und Hirn zur Verfügung. Und Peter Gabriel, der schon bei seinem Ausstieg aus Genesis das Künstlerische über das Kommerzielle stellte, ist da ein gutes Vorbild.

Wie es dazu kam? Unlängst sah ich Ausschnitte aus seiner Back to Front Tour (25 Jahre nach der erfolgreichen “So” Tornee und wieder in der damaligen Besetzung) Dabei dachte ich: “Was für einen Riesenspaß diese doch schon recht alten Gestalten da offenbar beim Herumhupfen haben. Woran das wohl liegen mag?” Einige mögliche Antworten lassen sich gewiss auch aus dieser Sendung destillieren. So man das mag…

PS. Foto/Lizenz von Jürgen Heegmann (Wikimedia Commons)

 

Dichterlandschaften

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. JuliVom Zauber der Dichterlandschaften erzählt Brita Steinwendtner in ihrem neuen Buch “Der Welt entlang”. Dazu besucht sie nicht weniger als 18 höchst unterschiedliche Gestalter_innen von Wortkunst in deren jeweiligen Lebens- und Schaffensräumen. Denn, so eine These dieses schon 2007 mit dem Band “Jeder Ort hat seinen Traum” begonnenen Work in Progress, die vielschichtige Wechselwirkung zwischen den Dichtenden und ihren Landschaften hat immer auch einen wesentlichen Einfluss auf die daraus entstehende Werkwelt. Folgerichtig müsse man die Autor_innen dort aufsuchen, wo sie leben, um so besser verstehen zu lernen, wie sie schreiben. Und genau das glückt Brita Steinwendtner in den 18 feinsinnigen Portraits ihrer Reise durch 18 verschiedene Dichterlandschaften.

DichterlandschaftenDabei herausgekommen ist ein in jeder Hinsicht dichtes Kompendium, das sich der Genrezuschreibung entzieht, weil es sich in Aufbau und Gestaltung, in Bild- und Wortwahl genauso verschieden verhält, wie die darin portraitierten Künstler_innen nun einmal ihrem Wesen nach sind. Es ist die geradezu zeituntypische Stärke dieses Unterfangens, ein so hohes Maß an Intimität zu schaffen und dabei doch nicht aufdringlich, einmischend oder respektlos grenzverletzend zu sein. Zugleich ein Zitatenschatz (sorgfältig mit Quellenangaben hinterlegt), vielfältige Einladung zum weiteren Entdecken, nachhaltig neugierigmachend, im besten Sinn verführererisch, sowohl Steinwendtners Steinbruch als auch Kreativkonglomerat, Dichtung von und mit Dichter_innen wie zum Beispiel Monika Helfer und Michael Köhlmeier, Friederike Mayröcker, Juri Andruchowytsch, Hubert von Goisern, Ilija Trojanow. Ein idealer Reisebegleiter zum Hineinstaunen in immer neue Welten oder wie es eine Nachbarin ausdrückte: “Jetzt bin ich auf Jahre hinaus mit Anregungen für meine Lektüre versorgt.” Wir haben unsererseits die Brita aufgesucht und sie ins Kunnst-Biotop gebeten, zur wechselseitigen Belebung der Dichterlandschaften

“Seit fünfzehn Jahren hatte ich diese Jandl-Mayröcker’sche Mansardenwohnung nicht mehr gesehen. Es erstaunte mich und doch auch wieder nicht: Sie sah aus wie die Wohnung im vierten Stock. Zugewachsen. Schreibhöhle und Irrgarten. Gefängnis oder Geheimnis? Edith hatte Friederike ein geschmücktes Weihnachtsbäumchen gebracht, schief stand es zwischen den Gebirgen aus Büchern, Zettetlabyrinthen und kleinen bunten Wäschekörben, überquellend mit Papierenem auch sie. Ist die Weit hier ausgeschlossen oder vielmehr hereingeholt in tausendertei gedruckte Tanderei? In den Atem lebensnotwendiger Schrift und Schriften, die sich vermehren wie das Myzel einer tropischen Pflanze? Für Friederike ist diese Verzettelung ein Lebensmuster, sie kann es ironisieren und hat selbst Angst vor den Hurrikanen aus Staub.”

Aus Der Welt entlang” (Besuch bei Friederike Mayröcker)

 

Weltenreisende

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. April“Kunst ist ein Brückenschlagen von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, von Mensch zu Mensch.” Unter diesem Motto begegnen wir der Lyrikerin und Malerin Gerda Steingruber-Schaffler, die als eine echte Weltenreisende zwischen den verschiedensten Kulturen unterwegs ist und solch von ihr selbst beschriebenes Brückenschlagen in ihrer Kunst wiederspiegelt. Folgerichtig heißt dann auch ihre Gemeinschaftslesung mit Christopher Schmall am Diestag, 25. April im Literaturhaus “Brückenschlag” (Beginn 19:30 Uhr), naturgemäß mit afrikanischer Musik und einem kleinen Buffet. Beim Essen nämlich kommen die Leut zsamm! Und so freuen wir uns ebenfalls auf ein anregendes Live-Gespräch im Studio, denn: “Wenn jemand eine Reise tut, so kann er, oder eben sie, uns sicher was erzählen.”

WeltenreisendeLaut ihrem Portrait (Künstlergilde Freilassing) unternahm sie etwa schon Reisen mit dem eigenen Land-Rover, nach Afghanistan, Pakistan, Indien, Iran, Türkei, Griechenland, Syrien und Algerien sowie Rucksack-Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Sri Lanka, Thailand, Kenya, Ghana, Burkina Faso, Togo und Äthiopien. Fürwahr eine beachtenswerte Sammlung von Stationen, dazu noch Ausdruck eines künstlerischen Lebenswegs. Nun haben wir zwei Radiohasen uns auch des öfteren mit dem Thema des Unterwegsseins beschäftigt, unsere andere Sendereihe nennt sich sogar eine “musikliterarische Gefühlsweltreise” und verhandelt On The Road vom Reisen bis zum Auf der Flucht sein. Ganz gleich, ob innere oder äußere Fahrt, ob Ankommen oder Abschiednehmen, ob Heranwachsen, Werden oder Vergehen, sind wir nicht alle Weltenreisende unserer jeweiligen Lebensgegend? Und sind wir nicht vor allem immer auch unterwegs zu uns selbst wie zu unserem Gegenüber? Deshalb ist jeder einzelne Aspekt und jede noch so kleine Anekdote aus unserem Reiseleben so wertvoll, dass es sich auszahlt, diese Erfahrungen auszutauschen.

“Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehn.” (Gottfried Benn)