Eric Burdon – Winds of Change

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Juli – In unserer monatlichen Sendereihe “Das ganze Album” greifen wir diesmal besonders tief ins Archiv der Zeitgeschichte und präsentieren ein wegweisendes Werk aus dem Jahr 1967, als sich erstmals der Widerstand gegen den Vietnamkrieg formierte, die Flower-Power-Generation den Weltfrieden anstrebte – und Experimente mit psychoaktiven Substanzen in Kunst und Kultur populär wurden: “Winds of Change” von Eric Burdon und seiner damals oft auch “The New Animals” genannten Band. (Hier die Beschreibung eines Fans). Nachdem wir uns mit der angesprochenen Epoche schon mehrmals befasst haben, vom israelischen Peacenik Abie Nathan bis zum Jahrhundertfilm Apocalypse Now, wollen wir nun speziell den Einfluss von LSD auf die Musikwelt jener Zeit würdigen.

Eric Burdon - Winds Of ChangeWie wir unlängst bei Bruce Eder auf Allmusic erfuhren, hat der Englandflüchtling Eric Burdon einige Monate vor den Recording-Sessions zu “Winds of Change” seinen ersten Acid-Trip versucht, was uns den Songtitel “Yes, I am experienced” auch jenseits von Jimi Hendrix begreiflich macht… Des weiteren wiederspiegelt sich diese Eric-Burdon-Experience” sowohl in der Gesamtgestaltung des Albums (dem zeittypischen Psychedelic-Sound), als auch in einzelnen recht experimentellen Spoken-Word oder besser Word-over-Music-Tracks wie etwa “Poem by the Sea” und “The Black Plague”. Herausragend ist zudem sein Rolling Stones Cover von “Paint it Black” mit sitarähnlichen Violinklängen und improvisierten Textpassagen. Das ganze Album ist folgerichtig auch dem großen Inspirator des west-östlichen Musikdiwans, dem inzwischen völlig zu Unrecht verstorbenen Ex-Beatle George Harrison gewidmet. Wie dem auch immer sei – das gegenständliche Werk klingt und spricht für sich selbstes gehört nicht nur (wieder) gehört, sondern es soll in seiner gesamten Anmutung mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen erlebt werden. Weshalb wir es in voller Klänge (und originaler Länge) zu Gehör bringen. Hoffentlich auch zu Gespür! Gehen wir also gemeinsam auf eine (eben nicht nur Zeit-) Reise!

Are you experienced?

Yes, I am experienced.

Na, dann…

 

Fußball, Fußball, Fußball!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. Juli – Hiermit sei auch den hintersten Wäldlern unter unseren Hörerinnyen bekannt gegeben, dass wirklich schon wieder eine akute Fußball-Weltmeisterschaft ausgebrochen ist. Dieses Mal noch dazu im postkommunistischen Russland (Großputinien), was diesen Umstand auch nicht gerade sympathischer macht. Und hätte der Autor der Weltgeschichte noch Johann Nestroy geheißen, könnte man sich auf manch “sprechenden Namen” einen ganz eigenen Reim scheißen: Dann würde nämlich der frühere FIFA-Präsident nach einer ansteckenden Hautkrankheit benannt (Blattern), der aktuelle hingegen nach einer entwicklungspsychologischen Störung (Infantilo). Sofort wirds wieder lustig mit dieser milliardenschwären Verunstaltung einer an sich doch schönen Spielidee

FußballDie FIFA, dieser undurchsichtige Fußball-Weltverband, dient einzig dem Zweck, “den Fußball” überall zu verkaufen (was ihr auch völlig zu Recht oftmals vorgeworfen wird). Lässt sich in so einem immer noch mehr Geld anhäufenden Sumpf aus Kommerz und Korruption gar noch ein Rest Leidenschaft und Kultur entdecken – und somit (im Sinn des Perlentauchens) herausdestillieren? Derweil kann derlei durchaus noch gelingen, sofern man die Freude an spontan-kreativer Spielgestaltung und den Mut zu assoziativen Umwegen nicht schon vollends verloren hat: So habe ich neulich das uruguayische Nationalteam beim Spiel gegen Russland beobachtet und dabei echte Fußballkunst und Spielfreude entdeckt. Abgesehen davon, dass dieser wieselflinke Diego Laxalt auch eine wahrlich fröhliche Frisur zur Schau trägt. Irgendwie wollte ich da gleich mehr erfahren über dieses sympathische Land zwischen Argentinien und Brasilien, in dem anscheinend doch eine “etwas andere Kultur” gepflogen wird. Und siehe da, bei meinen Nachforschungen stieß ich auf eine der populärsten Rockbands des Landes, La Vela Puerca. Ob deren Name jetzt “Riesenjoint” bedeutet oder was auch immer, das bleibe dahingestellt – halluzinogen sind speziell ihre Texte allzumal.

Am berührendsten war für mich der Umstand, dass mitten in einem über 2-stündigen Livekonzert zum 20-jährigen Bandjubiläum urplötzlich ein Gedichtvortrag stattfand, was mir den hohen Stellenwert der Dichtkunst in der uruguayischen Populärkultur verdeutlichte. Es handelt sich dabei um die spanische Version einer Ode des großen portugiesischen Schriftstellers Miguel Torga von 1946, “A los poetas”. Ein irrer Text, den mir die gute Cristina Colombo für unsere Sendung ins Deutsche übertragen hat.

Für Überraschendes ist jedenfalls gesorgt, so dass sogar Fußballgleichgültige oder Fußballablehnende dieser Themenstellung etwas abgewinnen können. Toooooooor!

I werd narrisch!

 

Nachwurf auf Stefan Weber

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. JuniDer große Vorsitzende von Drahdiwaberl, der “exzessivsten Band Österreichs”, ist nunmehr auch von uns gegangen. Wir werfen ihm daher, ganz in seinem Sinn, ein paar Reminiszenzen und, ja, natürlich, Fleischbatzerln hinterher. Mit Stefan Weber, der diese Musikkapelle seit dem Jahr 1969, zuletzt sogar trotz seiner schweren Parkinson-Erkrankung, als ein sich immer wieder neu erfindendes Aktionskunstprojekt betrieb, verliert die heimische Kunstszene einen ihrer besten Referenzwerte für kritisch-abgründiges Hinterfragen, nämlich all dessen, was hierzulande “allgemein anerkannt” ist – und somit “normal” und “üblich” sei. So zum Beispiel der “gute Geschmack” oder das “gesunde Volksempfinden”, wie es der Boulevard bis zum Erbrechen zelebriert.

Nachwurf GummibeidlMa konn den Parki überlisten,
oba leida ned total ausmisten.
Ma konn den Parki ignoriern,
ma wird eam trotzdem imma spürn,
genauso wie die Midlife-Krise,
sich nix scheißen is mei Devise.

I wü liaba a Dauererektion,
i scheiß auf den Parkinson.
(The show must go on)

Geh weg, Parki!
Geh scheißn, Parki!
*zähnefletschknurr*

Diese Zeilen aus dem Parkinson-Blues (vom Drahdiwaberl-Album Sitzpinkler 2004) haben mich damals schwer beeindruckt – und sind eins von vielen Zeugnissen, wie radikal ernst es ihrem Autor mit seiner aktionistischen Selbstinszenierung immer war. Und dafür, Nachwurf 1, ist ihm unsere Bewunderung auch über den Tod hinaus sicher. In der legendären ORF-Sendung “Phettbergs Nette Leit Show”, über die wir das Portrait “Die Krücke als Zepter” gestaltet haben, ragte Stefan Weber als Gast naturgemäß ebenfalls heraus. Dieses übermenschelnde Künstlergespräch spielen wir, quasi als Nachwurf 2, in seiner vollsten Länge – und Schönheit. Und zum dritten Nachwurf gereicht uns eine der wenigen Drahdiwaberl-Nummern, die auch von der Konserve gespielt den Live-Exzess der Truppe rüberbringt: Die Nazioper von 1994.

Reminiszenzen gibt es hinsichtlich einer eigenen Performance-Oper (“White Noise – Mark will leben” 2007 in der ARGEkultur, zusammen mit Markus Janka, Daniel Toporis und Mea Schönberg). Theaterblut, Gummibeidl, Onanieren, da sind durchaus einige Parallelen erkennbar. Oder bezüglich der Musik, die Stefan Weber Zeit seines Lebens inspiriert hat: derjenigen von Frank Zappa. Ganz abgesehen von den zahlreichen Künstlern und Musikern (und * und -innen), denen der Drahdiwaberl wiederum selbst zur Inspiration wurde, das eine oder andere davon werden wir auch auspacken

Warum diese Sendung überhaupt anhören? – Weil ich es kann. Hahahahaha!

PS. Wir empfehlen zudem heftigst diese schöne Aufnahme: “Stefan Weber und Walter Gröbchen” (Stream aus dem CBA-Archiv) von aufdraht: vagabundenradio. Lesung/Liveperformance/Künstlergespräch aus dem Wiener Rathaus 2007 oder die Lehrer-Schüler-Begegnung der etwas anderen Art.

 

Owie lacht (Bilgeri & Köhlmeier)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Juni (wegen Überlänge schon um 17 Uhr) Dies ist ein beinhartes Nostalgieprogramm. Allerdings richtet sich die Musik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen Jederman, der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbst. Owie lacht da ein jegliches, das die frühen Austropop-Hymnen der 70er Jahre noch selbst aus dem Radio gedudelt bekam. Etwa “Sein Köpferl im Sand” von Arik Brauer, dessen Vorspann ich hier eingangs verbrach. Oder die “inoffizielle Landeshymne” der beiden, vor über 40 Jahren auch mal im Duett als “Ray & Mick” auftretenden Hervorbringer des Albums “Owie lacht”, der unumstritten allererste alemannische Mundart-Ohrwurm “Oho Vorarlberg” von Michael Köhlmeier und Reinhold Bilgeri. Und wie verschieden sie dann sind…

owie lachtNachdem wir bereits in der Sendung “Die Köhlmeier Rede” auf Herkunft und Frühwerk des Schriftstellers verwiesen haben, um seine heutige Position in der medialen Erregung zu beleuchten (mit “March Movie”, dem legendären ORF-Hörspiel von 1983), reisen wir diesmal noch um ein weiteres Jahrzehnt zurück – in die Zeit seiner text-musikalischen Anfänge und fürwahr humoresken Mundart-Experimente. Als Beispiel für die interpretative Ergiebigkeit seiner damaligen Ergüsse sei hier der Zwischenspieljodler aus dem erwähnten Vorarlberglied angeführt (und genau so steht der Text im CD-Booklet):

Holleraggi, Dolleraggi, Ahiazolleraggi…
Roll roll roll Rolladen, Zwirnsfaden, Leberbraten usw…

Das sollte uns doch zu denken geben! Ganze Doktorarbeiten der Germanistik ließen sich daraus schnitzen, ja sogar Lehrstühle auf Lebenszeit – also, wenn man sich da mal Walther von der Vogelweide anhört?

Doch Scherz beiseite, hier noch ein paar Fußnoten fürs geneigte Sammelalbum unseres Publikums: Der auf Owie lacht enthaltene Song “Sus wär i sealbr dra” erinnert in seiner ganzen Aufmachung stark an “Ballad of a Thin Man” von Bob Dylan, wovon inzwischen auch eine schräge Coverversion von Laibach existiert. Michael Köhlmeiers sehr spezielles Verhältnis zu Urheberschaft und Inspiration verdichtet sich schön im Titel seines Albums “12 Lieder nach Motiven von Hank Williams” aus dem Jahr 2008. Und seine Vorliebe fürs Vervorarlbergisieren von internationalen Popmotiven ist ihm nach wie vor ungebrochene Leidenschaft, wofür diese Version von Lou Reeds “Walk on the Wild Side” als Beweis genügt.

Das Problem ist, mit der Arbeit fertig zu werden…

 

105 Jahre Marko Feingold

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Mai – Zum bevorstehenden Geburtstag des ältesten KZ-Überlebenden und jahrzehntelang nimmermüden Zeitzeugen erinnern wir an unsere gemeinsamen Projekte – und denken darüber nach, wie Geschichte auch in zukünftigen Generationen lebendig bleiben kann. Marko Feingold hat dies immer durch engagiertes Erzählen in der Begnung mit jungen Menschen ermöglicht. Doch wie lassen sich die persönlichen Erfahrungen seiner Generation weiterhin vermitteln, wenn ihre letzten noch lebenden Vertreter nicht mehr selbst dafür einstehen können? Dabei haben wir das beim heurigen “Tag gegen Gewalt und Rassismus” am 4. Mai vorgestellte Jugendprojekt “Dialog des Erinnerns” der KZ-Gedenkstätte Mauthausen entdeckt, das uns auch als Geburtstagsgruß an Marko Feingold geeignet erscheint.

100xniewieder für marko feingold peter haasUnter dem Motto “Geschichten brauchen Stimmen” haben sich einige junge Menschen mit den Lebensgeschichten von im KZ Mauthausen zu Tode gebrachten Menschen beschäftigt und daraus jeweils eigene Gegenwartstexte erarbeitet. Diesem Projekt gelingt es, längst verstummte Stimmen aus den Todeslisten mit viel Mut und Mitgefühl wieder ein gutes Stück ins Leben zu schreiben”. Vor allem die phantastische Elodie Arpa, zuletzt Gewinnerin beim mehrsprachigen Redewettbewerb “Sag es MULTI”, hat uns mit ihrer Bearbeitung der Biographie von Peter van Pels tief berührt – und überzeugt – weshalb wir diese Darbietung für die heutige Sendung ausgewählt haben. Die darin vorgestellte reale Person, welche am 10. Mai 1945 in Mauthausen verstarb, ist genau jener “Peter van Daan”, der auch im Tagebuch der Anne Frank beschrieben wird. Diese zusätzliche Verbindung lässt Elodie Arpa auf geradezu magische Weise in ihren Text über “den heutigen Peter” einfließen, ein emotional ansprechender und rundherum mutmachender Beitrag!

100xniewieder für marko feingold norbert k hundNun freuen wir uns naturgemäß besonders, wenn gerade so eine hochoffizielle Einrichtung wie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen bei der jugendgerechten Vermittlung von Zeitgeschichte nach neuen Ausdrucksformen strebt. Auch wir haben auf diesem Gebiet schon so manches bewirkt. Die Radiofabrik im allgemeinen mit ihrem Projekt “Hörstolpersteine” und den damit verbundenen Schulworkshops. Die Artarium-Redaktion wiederum im speziellen mit dem Marko Feingold Projekt 2013, aus dem ein zweistündiges Radiofeature hervorging. Zudem wurde eine Begehung des Jüdischen Friedhofs und ein Besuch der Salzburger Synagoge dokumentiert, jeweils gemeinsam mit Marko Feingold, der dabei interessierten jungen Menschen vom jüdischen Leben in Salzburg und vom Überleben in den Konzentrationslagern berichtet. Eine Intention des Projekts war, zumidest etwas von seinem umfänglichen Wissen “für die Nachwelt zu erhalten”, und zwar in einem Live-Setting, das seinen ungebrochenen Humor und seine Schlagfertigkeit für alle Zeiten erlebbar macht.

Sodann haben wir uns auch noch an Bernhard Jennys Performance/Buchprojekt “100x NIEWIEDER für Marko Feingold” beteiligt. Der Textbeitrag dazu von Norbert K.Hund steht jetzt da, stellvertretendend für alles, was noch gedacht werden kann:

Als ich 1966 in Salzburg in den Kindergarten kam, zeichnete ich unter dem Einfluss vieler neuer Eindrücke ein Bild. In der Mitte befand sich ein Fleischwolf, in dessen Trichter wir Kinder von oben hinein geschlürft wurden. Unten kamen auf drei Förderbändern Dosen mit Fleisch, Flaschen mit Blut und Pakete mit Knochen heraus, welche sogleich auf Lastwagen verladen und anschließend ausgeliefert wurden. Zuhause erklärte ich meiner Mutter voller Stolz diese Zeichnung und sagte: „Das ist die Menschenvernichtungsmaschine.“ Sie nahm das Bild wortlos an sich und räumte es in einen Kasten. Auch auf späteres Nachfragen hin hat sie nie wieder etwas darüber gesagt. Ein schreckliches Schweigen.

Wenn wir heute darüber nachdenken, wie wir kommende Generationen erziehen, wie wir sie insbesonders gegen Gewalt und Grausamkeit schutzimpfen können, dann müssen wir uns ein Beispiel an Menschen wie Marko Feingold nehmen. Denn nur wer den Mut hat, auch von seinen abgründigsten Gefühlen wie Angst oder Schmerz freimütig zu erzählen, der vermag in jungen Menschen deren ohnehin bereits vorhandenes Mitgefühl anzuregen – und zu bestärken! Gerade ein solches Einfühlungsvermögen – ohne Abspaltung von „negativen“ Emotionen – wird es dringend brauchen, wenn wir nicht neuen menschenverachtenden Ideologien auf den Leim gehen sollen. Also, nie wieder Schweigen – auch über das Schreckliche.

 

Die Köhlmeier Rede

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. MaiMichael Köhlmeier hat also eine Rede gehalten. Und zwar anlässlich des “Tags gegen Gewalt und Rassismus”, einer vom österreichischen Nationalrat alljährlich abgehaltenen Gedenkfeier, die sich auf die Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai 1945 bezieht. Und in dieser Rede hat der Schriftsteller, wie es seit Jahrzehnten seine Art ist, das Entstehen von Gewalt – durch die Beobachtung von oft unbeachteten Details – dargestellt. Dass er dabei aber nicht in der Vergangenheit verblieb, sondern einzelne Zitate von aktuell regierenden Politikern aufgriff, das wird ihm seither (vor allem von denselben) heftig vorgeworfen. Multimedial überschlägt sich “die Öffentlichkeit” mitsamt Armin Wolf und es wird vor lauter Pro und Contra immer schwieriger, das Eigentliche zu fassen.

michael köhlmeier im kontrastWer die Stationen dieser Erregung hier noch einmal zusammengefasst nachvollziehen mag, kann sich den Artikel von Kontrast.at zu Gemüte führen (Foto von Johannes Zinner © Parlamentsdirektion). Ich habe die Nutzungsbedingungen verstanden und akzeptiert etcetera blabla. Aber eigentlich wollte ich doch auf etwas viel Wesentlicheres verweisen, auf jenes Entstehen von Ausgrenzung und Gewalt, wie es Michael Köhlmeier schon immer beobachtet und aufgezeigt hat: In seinem vor 35 Jahren entstandenen Hörspiel “March Movie” (runterscrollen, bis der Titel in Rot erscheint, dort gibts dann die Inhaltsangabe und auch einen Stream) deckt ein engagierter Eisenbahner nach Jahren das spurlose Verschwinden einer ganzen Blaskapelle auf. Doch anstatt, dass ihm dafür etwa gedankt würde, geht die gesamte Gesellschaft, die das Verschwundensein all dieser Menschen nicht wahrhaben will, brutal gegen ihn vor, stellt seine geistige Gesundheit in Frage und macht ihn so zum Außenseiter. Völker, hört die Parallelen! Und jetzt gehen die Mehrheitsnormalen auf Köhlmeier selbst los, weil er ihnen unangenehme Zusammenhänge ausspricht. Es erinnert geradezu grotesk an Thomas Bernhard und den Staatspreis-Skandal 1968.

Die “Brüskierten” entlarven sich selbst – durch ihre jeweiligen Reaktionen. Es gibt im Grunde eh nur zwei Arten von Menschen: Die, die von ihren eigenen Empfindungen ausgehen und so zu einer Anschauung der Welt gelangen. Und die, deren Programm eine vorgefertigte Weltanschauung ist und die daher auf alles und jedes nur ein und dieselbe Antwort geben (wenn auch immer wieder leicht variiert). In unserem Fall eben Ausländerflut, Balkanroute, Sozialschmarotzer. Ist das nicht gefickt eingeschädelt?

 

Ein Album zum Muttertag

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. MaiDer Muttertag ist allgemein eine höchst ambivalente Angelegenheit. Ebenso wie das Verhältnis zwischen Müttern und ihren Kindern von der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Erfahrungen geprägt wird. Am Anfang war die Geburt, und allein dieser Beginn unseres eigenen Lebens kann schon lebensgefährlich sein. Von da an findet jegliche Entwicklung zwischen krassen Gegensatzpaaren wie Festhalten und Loslassen, Resonanz und Abgrund, Selbstbehauptung und Verbundenheit statt (um hier nur einige davon anzudeuten). Die Seelenbühne unseres Entstehens ist meist Heimat und Schlachtfeld zugleich. Inwieweit der herkömmliche Muttertag zur rituellen Bearbeitung dieser Ambivalenz taugt, darf bezweifelt werden. Margit Schreiner empfiehlt eher seine Abschaffung.

Kuh zum MuttertagEs ist wohl auch kein Zufall, dass der Film Muttertag (Die härtere Komödie) von Harald Sicheritz inzwischen zur Kultdarstellung desselben geworden ist. Sobald Widersprüchliches im Spiel ist, sind (speziell in Österreich) die Humorist_innen dafür zuständig. Also, was spielen wir in dieser Sendung – und warum die Kuh? Naturgemäß wollen auch wir die Mehrschneidigkeit des gegebenen Anlasses abbilden und greifen daher tief in den Fundus der emotionalen Assoziationen. Zum einen mit einem Klavierkonzert von Philip Glass, dem Tirol Concerto in 3 Movements, welches die Tirol-Werbung im Jahr 2000 in Auftrag gab – und später in einem Naturfilm-Soundtrack verbraten hat. (Da ist sie, die glückliche Kuh!) Das knapp halbstündige Instrumentalwerk für Klavier und Streichorchester ist eine meiner Lieblingsmusiken beim Schreiben, weil es sich gleichzeitig nicht aufdrängt und doch Energie von innen heraus freisetzt. Und zum anderen mit einer Lesung von Elias Hirschl aus seinem Roman “Hundert schwarze Nähmaschinen”, in dem er eigene Erlebnisse als Zivildiener in einem Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen wiedergibt, diesfalls aus Kapitel 5 (Frau Brandner).

Es ist fürwahr nicht einfach, inmitten von unmittelbarem Betroffensein und ironischer Distanz (auch zu sich selbst) die Balance zwischen Faszination und Verzweiflung zu wahren, handelt es sich dabei doch um einen Ritt auf des Rasiermessers Schneide. Oder eben um einen Tanz zwischen Nähe und Distanz, wie er ja jegliche Beziehung in all ihrer Ambivalenz charakterisiert. Elias Hirschl schafft diesen Spagat sogar sehr sympathisch, wie unser Mitschnitt von den Kritischen Literaturtagen 2017 beweist.

Eine ähnlich gelungene Verbearbeitung von psychiatrischen Zivi-Erlebnissen bietet auch noch Rainald Grebe – Gilead (Gottseidank, ich bin entmündigt, Fotzefotzefotze)

Alles Liebe zum Muttertag oder Ich scheiße goldene Atomeier!

 

Thomas Bernhard Sprachlandschaften

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. AprilZur 80sten Niewiederkehr der Salzburger Bücherverbrennung von 1938 (Stichtag ist die Walpurgisnacht) bringen wir heute die SAG-Gruppenlesung “Thomas Bernhard Sprachlandschaften” vom November 2017 zu Gehör. Gründe dafür gibt es mannigfache. So hat die Salzburger Autorengruppe im Jahr 1987 (damals mit Erich Fried gemeinsam) damit begonnen, das Erinnern an diesen geisttötenden Naziaufmarsch dem Vergessen zu entreißen. Auch wir haben dieses Thema immer wieder in Gestalt von Radiosendungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, so zum 75. Gedenken durch “Stimmen aus dem Massengrab” oder anlässlich der schier ewigwährenden Mahnmal-Zerplanerei durch unser Double-Feature-Projekt “ERINNERN VERGESSEN” vom April 2016.

Thomas Bernhard LandschaftInzwischen ist der hier jahrelang umtriebige Christopher Schmall zum Obmann der SAG gewählt worden – und in dieser Funktion auch für diverse Themenarbeiten mit verantwortlich, wodurch sich Vergangenes und Zukünftiges im Hier und Jetzt wieder begegnen. Das scheint mir auch die Essenz dieser Gruppenlesung zu sein, in der es ja darum geht, einen “toten Dichter” durch die Beschäftigung mit seinem Werk “ins Leben zu schreiben” und so aus dem erstarrten Erinnern an Thomas Bernhard eine fortwährende Zwiesprache herzustellen. Ganz ähnlich hat dies die SAG bereits in der Literaturhaus-Veranstaltung “Salzburg Seelen” (zum Allerseelentag) verwirklicht, in deren Rahmen Christine Haidegger ihre viel zu früh verstorbene Tochter Meta Merz würdigte. Waren hierbei noch alle möglichen “von uns gegangenen” Wortschöpfer_innen Gegenstand der Verbearbeitung, so legten die “Thomas Bernhard Sprachlandschaften” (bei den Kritischen Literaturtagen in der ARGEkultur) den Schwerpunkt ausschließlich auf den prominenten Namensgeber und “wie verschieden sie dann sind“. Denn all die mit-schreibenden und -lesenden Autor_innen befassten sich auf ihre jeweils eigene Art und Weise mit demselben…

Dichter_innen sind nun einmal naturgemäß Zeitreisende, in dem Sinn, dass sie nicht nur Zukünftiges ausdenken, sondern auch Vergangenes erzählen können. Und auch das Wort “Geschichte” hat diese zwei Bedeutungsebenen. Ich behaupte somit, dass “die Geschichte” aus lauter “Geschichten” besteht, andernfalls gäbe es sie gar nicht. Womit wir wiederum bei einer wesentlichen Aufgabe jedweder Dichtkunst angelangt sind: beim Erdenken, Bewahren und Weitergeben von allem, was war, ist und sein könnte, also zusammenfassend – beim Geschichte(n)erzählen! Soviel erstmal dazu.

“Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt.” Karl Kraus

 

COPY RIOT!

 

Hitler? Gott? Somuncu…

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. AprilEndlich gibt es mal wieder ein Theater-Skandälchen, am Stadttheater zu Konstanz immerhin, wo justament zum “Gebortstag des Föhrers” die Farce/Groteske “Mein Kampf” von George Tabori Premiere hat, noch dazu in einer gegenwartsnahen Inszenierung des notorischen Kabarett-Rabauken Serdar Somuncu. Den kennen wir ja seit unserer Sendung “Urheber rechts” als todesmutig aus Hitlers schwindligem Original vortragenden Theaterdonnerer, der sich, vor allem durch seine kritischen Kommentare dazu, sechs Jahre lang mit Alt-, Neu- und Möchtegernnazis anlegte. Und nun sollen die Theaterbesucher in Konstanz auch noch Judensterne (wenn sie Eintritt zahlen) oder Hakenkreuz-Armbinden (wenn sie gratis reinkommen) tragen! Ein Skandal, oder?

Serdar Somuncu - Der Adolf in mirIn einer Talkshow des deutschen Fernsehens antwortet Somuncu auf die ewigdämliche Frage: “Was darf Satire?” dann auch folgerichtig mit: “Deine Mutter darf Satire!” Der Mann hat offenbar so seine Geschichte mit der deutschen Verbotskultur. In einem bemerkenswerten ZEIT-Artikel erfahren wir mehr über die Hintergründe: Als der kleine Serdar einst in die erste Volksschulklasse kommen sollte, da wurden sämtliche Kinder mit ausländischen Namen für die Sonderschule ausselektiert. Daraufhin brüllt sein Vater den Schuldirektor an: “Was heißt das? Wir Ausländer nix gut deutsch? Du Arschloch!” – So einen Vater hätten wir wohl alle gern gehabt, als wir mit 6, 7 Jahren zum ersten Mal der grausigen Menschenvernichtungsmaschine namens Abrichtung zur gesellschaftskonformen Anpassung ausgeliefert wurden. (Die “Menschenvernichtungsmaschine”, eine Art Fleischwolf mit Fließbändern zur industriellen Verwurstung von Kindern, zeichnete ich im Alter von etwa 5 Jahren, nachdem ich zum ersten und zum Glück letzten Mal in einem Kindergarten “betreut” worden war. Und ich erachte diesen Eindruck noch heute als absolut zutreffend.) Doch neben prägenden Erlebnissen aus der frühesten Kindheit beleuchtet das ZEIT-Portrait auch die weitere künstlerische Entwicklung:

Denn das Spiel mit dem Indifferenten, das einem das Lachen schon mal im Hals stecken bleiben lässt, diese Inszenierung der Mehrdeutigkeit, die einen unsicher macht, wo man denn eigentlich von vornherein “dazu gehört”, die hat System und Methode – und ist äußerst wirkungsvoll. Hören wir Serdar Somuncu also einmal im Original, bevor wir seine Version eines “immersiven Theaters” von uns weisen…

Nein, ich liebe euch,
und ich schieß nicht gleich,
warum habt denn ihr
so schrecklich Angst vor mir?
Ich bin Mensch und Christ,
und ein Revolver ist
kein Zeichen von Gewalt,
wenn ich ihn halt.

Georg Kreisler – Kapitalistenlied

 

Collide – These Eyes Before

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. April – Das höchst eigenartige Duo Collide aus Kalifornien hat das gegenständliche Album mit Reworks/Coverversionen von einigen unbestreitbaren Größen der Rockgeschichte herausgebracht. Darauf finden sich absolute Klassiker wie Space Oddity von David Bowie, Comfortably Numb von Pink Floyd, I Feel You von Depeche Mode oder Creep von Radiohead. Einige Jahre zuvor haben Collide auch schon White Rabbit von Jefferson Airplane verbearbeitet, eine Interpretation, die wir neben der von Patti Smith immer wieder gern in unseren Perlentaucher-Nachtfahrt-Sendungen einsetzen. Überhaupt finden wir das Konzept der Zweipersonenband sehr ansprechend, geht es dabei doch neben persönlicher Einswerdung auch um die Verschmelzung musikalischer Strömungen und Stile.

Collide“We just wanted to make the kind of music that we wanted to hear.” Dieser Selbstaussage von ihrer im übrigen erfreulich aufgeräumten und übersichtlich strukturierten Homepage können wir naturgemäß nur vollinhaltlich verfallen. Genauso wie der offenbaren Schwierigkeit aller Diplomgenrezuschreiber, ihr musikalisches Schaffen in das eine oder andere Schachterl zu pressen. Von Trip-Hop und Synth-Rock ist etwa die Schreibe, von Electronic, Techno, Industrial oder Gothic oder DarkwaveMuuuuhaha, da derstessen sie sich reihum, die versammelten Gscheitscheißer des kategorischen Definitionismus. Generell ist ja nichts gegen die Beschreibung dessen, was jemand macht, einzuwenden: Leise Lieder zur akustischen Gitarre oder bombastsymphonische Rockmusik mit Flugshow und Feuerwerk – das kann schon einen Unterschied erklären! Auch inhaltlich ließe sich einiges aussagen: Gesellschaftskritische Nachdenkballaden über den Globalisierungsgenozid oder Postmoderner Zitatentsunami zur gefälligen Bewusstseinszerweiterung. Welches Tüterl hättens denn gern? Aber dass es bei all dieser Genrefizierung gar nicht um Selbstwahrnehmung und Sprachphantasie geht, sondern um das gschwinde Gschäft mit der gefälligen Begriffigkeit, das verursacht schon einen gründlichen Kulturkrampf und Zivilisationsbrechreiz. Jedenfalls uns…

“If you’re on the fence on whether or not to pick up a copy for yourself, check out the reviews and decide for yourself.” So heißt es schönerweise bei Collide daheim. Wir können noch eine weitere Art der unmittelbaren Erfahrung anbieten: Gut zuhören!