Erster Mai – Vorbei?

Artarium am Sonntag, 30. April um 17:06 Uhr“Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!” So dichtete Eugène Pottier in den Tagen der Pariser Commune 1871 den Text jenes Liedes, das wir inzwischen als “Die Internationale” kennen und das bis heute speziell zum 1. Mai von ganz verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Gruppen inbrünstig nachgesungen wird. Doch war da nicht auch noch irgendwas mit Anarchie – zu Anbeginn dessen, was sich inzwischen so alles Arbeiter_innenbewegung nennt? Eine unlängst auf arte ausgestrahlte 2-teilige Doku über die Ideengeschichte des Anarchismus erzählt unter anderem von der Entstehung des 1. Mai als “Kampftag” – und zwar unter dem Titel: Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie

anarchie in germoney backDeren 1. Teil (1840 – 1912) sowie ebenso 2. Teil (1912 – 1937) wären, wenn nicht alldahier, dann zumeist sonstwo im Internet zu finden. Ein schmerzlich vermisster 3. Teil (nach 1945) wurde zwar schon geplant, die Finanzierungszusagen seitens der beteiligten Sender sind aber bisher noch ausgeblieben. Dabei würde uns gerade der ebenso interessieren wie betreffen! In dem müsste es nämlich auch um den GRÖPHAS gehen, den Oberndorfer Anarchisten und “größten Philosophen aus Salzburg”: Leopold Kohr, Vordenker des “Europa der Regionen”, Nährvater der Slow-Food-Bewegung und Herausgeber solch schöner, wahrer und auch guter Sätze wie “Small is beautiful”. Für ihn war die Entfernung von Oberndorf nach Salzburg der Maßstab des Reisens und zugleich die maximale Ausdehnung für ein gerade noch menschlich verkraftbares Gemeinwesen. Als so ein Fußgänger des Geistes wird man schon auch fragen, ob es bei entsprechender Kleinräumigkeit des Bankwesen und der Wirtschaft überhaupt zu ökonomischen Krisen käme, vor denen uns jede “Obrigkeit” gern erstarren macht wie die Kaninchen vor der Schlange. Oder anders gesagt – Stille Nacht lässt sich allemal imageträchtiger verhupfdudeln (sprich verkaufen!) als – in diesem Fall – Stille Macht!

anarchie in germoney ganz

Zur Stimmung empfehlen wir “Die Internationale – illustriert von Gerhard Seyfried”

 

Mir ist der Falco Wurst

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. FebruarMehrdeutiges in der Kunstfigur oder Image essen Seele auf. Vom Pferdefuß der Popkultur sowie einer möglichen Vermeidung, sich selbst damit unsterblich tot zu treten. Bereits am Beispiel eines Sendungstitels lassen sich die Potenziale des Ungefähren aufzeigen. Ob einem etwas oder jemand wurst ist (und was genau bedeutet “is ma wuascht” im diesem Fall?) oder ob damit nicht doch Conchita gemeint sein könnte (immerhin eine weitere “Kunstfigur”), und wie sich eine Bedeutung nach der anderen ins Mehrdeutige eindeuten lässt – davon handelt unser Ausflug ins Unbewussteunter anderem. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Oder doch nicht? Der Markt der Möglichkeiten” ist womöglich ja ganz was anderes als “die totale Vermarktung” jeder künstlerischen Selbstaussage!

santa conchita wurstWir zwei Hasen bewahrheiten hier wieder einmal einen Untertitel der Sendereihe, indem wir Brücken schlagen “zwischen Genres und Generationen”. Während meine Kleinigkeit den Hans Hölzel noch persönlich angetroffen hat im Wien der 1980er, kam unser dichtender Junghase just im Jahr von Falcos legendärem Donauinselkonzert auf die Welt (die nicht wenigen bloß die Bretter bedeutet, in denen sie dann vor sich hin bohren). Woraus sich schlussfolgern lässt, dass an einem von uns das Gesamtwerk der Kunstperson Falco quasi “vorbeigegangen” ist, ohne gröberen Eindruck zu verursachen. Was wohl auch an der kommerzversessenen Musik von damals liegt, die selbst ich für inzwischen nur noch schwer vermittelbar halte. Anders hingegen beim textlichen Nachlass vom Herrn Falcohölzel, den etwa Rudi Dolezals neurecycelte Dokumentation “Falco der Poet” formschön aufbereitet. Das ringelreihernde Leichenfleddern und Posthumverramschen wurde “anlässlich seines 60. Geburtstags” wie gewohnt bis zum Überdruss auf allen Kanälen gepflogen, was uns unweigerlich zur Entdeckung des Monats führt: Tom Neuwirth, der Mann hinter (oder auch in) Conchita Wurst, kündigte unlängst in einem Interview an, er werde die von ihm erschaffene (und gelebte) Kunstfigur “umbringen”. Das ist doch eine Idee

Ich bin es
und ich bin es nicht
geblendet vom grellen
Scheinwerferlicht
seh ich mich selber nicht

 

Wir sind das Letzte

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20.November It’s the end of the World as we know it heißt ein legendärer R.E.M. Song, der sogar zur stehenden Redewendung geworden ist. Der aktuelle Spiegel übersetzt diesen Satz für sein Titelbild (mit einem auf die Erde zurasenden Trumpeoriten) völlig dudenkorrekt als: “Das Ende der Welt wie wir sie kennen”. Und Michael Stipe protestiert gegen die fallweise Zerwendung seines 30 Jahre alten R.E.M.-Hits durch Donald, den haltlosen Zitateklaubauf. Ach, wie schön ist doch der Weltuntergang, und wenn er das Letzte ist, was wir erbeben! Rings um uns die Sintflut und dazu längst mitten in uns drin. “Wohlfeil Gegrusel”, sprach die Untenhaltungsindustrie, und schiss eine apokalyptische Dystopie nach der nächsten ins Kollektivbewusstsein des Konsumkasperltheaters – wars das?

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(Foto von Holger Scholl) WILFRIED SCHMICKLER

“Hier aber krankt der vermeintlich gesunde Menschenverstand”, vermerkt der gestandene Politkabarettist Wilfried Schmickler im kurzen Pressetext zu seinem aktuellen Programm Das Letzte, und fährt wie folgt fort: “Denn das Letzte kommt kurz vor dem Ende. Doch ein Ende ist nirgends in Sicht. Es hört einfach nicht auf. Das letze Gefecht war nur der Vorkampf, das letzte Wort nur der Auftakt für die nächste Jahrhundert-Rede und die letzte Sau nur die Vorhut der Herde, die gleich danach durchs globale Dorf getrieben wird.”

Wenn das kein Grund ist, sich zwischen den Präsidentenwahlen mit erregter Gelassenheit zu imprägnieren, dann sind es womöglich die erstaunlich gut produzierten Blues-Nummern mit abgründigen Texten wie: Der kleine Mann und seine kleine Frau. Irgendwie muss ich bei solchen Arrangements geradezu an Element Of Crime denken und mich befällt dabei die Frage, warum Robert Rodriguez die noch nie gecastet hat (so wie die aus- und dreinschauen). Doch ich schweife ab. Nichtsdestoweniger ist Bruder Wilfried ein wortgewaltiger Rheinländer, der hypnotisch zuhören macht, sofern man sich diesseits der Debilität noch Sinn und Verstand zu erhoffen wagt. Und auch das lustvolle Kritisieren (ursprünglich ja “unterscheiden”) zugleich auf politische Entwicklungen und auf den Leipziger Buchpreis angewandt haben will: “Der Giersch, ein schier unausrottbares Unkraut, ich nenn ihn immer den Nazi unter den Doldenblütlern…”

 

Ingeborgs Flachmann

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. September – Wir basteln uns schnell auch noch ein Wettlesen. Und widersprechen der weit verbreiteten Vorstellung, man könne sich Sprache einfach so aufsetzen wie einen Hut. Oder sich von den Fachoberuhus der Literaturverwaltung das Gute, Wahre und Schöne vorsortieren lassen, damit man dann eine Bildung haben tut. Die Richtige natürlich. Kennst dich aus? Einbildung ist auch eine. Ätsch! Denn Sprache ist nicht bloß eine ganze Welt, auf die man sich Hals über Kopf einlassen muss, sie ist zudem noch weitgehend unerforscht und ob ihres ständigen Wandels schlechterdings nicht kartographierbar. Die Sprachwissenschaft kann nur beschreiben, was bereits entdeckt ist, jedoch nicht, was darüber hinaus neu entsteht. Diese Welt erschafft sich ständig selbstdurch ihre Beschreibung.

flachmannSo lassen wir diesmal zwischen Bachmannpreis und Bücherflohmarkt ein paar auserwählte Kandidierte gegeneinander aufmarschieren – und um einen Preis wetteifern, den es genauso gewiss gibt wie den finalen Schluck aus Ingeborgs Flachmann. Na, dann Prost!

Wenn jetzt noch wer daherkommt und meint, dass es bei sowas Veränderlichem wie Sprache objektive Kriterien zur sportlichen Beurteilung oder Leistungsmessung geben könnte, dann gehen wir zwei zwischenzeitlich in aller Höflichkeit laut lachen. Ob nämlich ein Text oder sein Vortrag irgendwie beliebt, erfogreich, populär ist, das hängt vom Zusammenwirken so vieler verschiedener Faktoren ab, dass es sich genausogut erwürfeln ließe.

Folgende Interpreten und ihre Beiträge wurden auf geheime Weise für das Finale nominiert (in der Reihenfolge ihres Auftretens). Es singen, spielen und ergehen sich in Collagen (weil wir finden, das gehört sich längst – bloß keine fade Buchstabensuppe):

Loriot (als Lothar Frohwein) – Melusine (Krawehl, Krawehl)

Josef Hader (als er selbst) – Atonales Lied

Ernst Jandl (auch als er selbst) – Kunstvaterland (aus “Die Humanisten”)

Angela Merkel (sie selbst) – Nein (Yung Hurn remixed by DJ Karl the Dog)

Loriot (als Der große Diktator) – Almduludl (Rede)

Bagher Ahmadi (als Ernst Jandl) – schtzngrrrmm

Christian Brückner (als er selbst) – Hitlers Hitler

Die musikalische Umrahmung besorgen uns im Sinne niveauvoller Textverbratung Käpt’n Peng und die Tentakel von Delphi (Signation), Catharina Boutari (covert Das Bo), Rainald Grebe (Guido Knopp) sowie PeterLicht (Fluchtstück). Und wenn wir hier schon in der Jury sitzen, dann würdigen wir gleich auch noch die Wettrapper und Lyrizisten von Battle & Hum, Gewinner des heurigen Radioschorsch, mit einer eigenen Laudatio.

Gluckglucksus, Schwuppdiwuppsus – oder einfach nur Flachmann!

 

Dochfußballsendung

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. JuliFußball und Literatur, ein launiges Livegespräch mit dem langjährigen Sportjournalisten Wolfgang Maria Gran über den Mikrokosmos am Fußballfeld, sprachliche Feinheiten in der medialen Darstellung, sogenannte und wirklich lustige “Experten” – und warum wir die Berichterstattung zur jüngsten Fußball-EM am liebsten im deutschen Fernsehen angeschaut haben. Eine Abrechnung mit der servilen Beflissenheit des reportlichen Flachbildhirns nebst wehmütiger Erinnerung an einige ehemalige Hochblüten des Genres Sport- UND Kulturjournalismus. Anders gesagt – einen Livekommentator, bei dessen Wortwahl einem das Hirn einschläft, der einem geistig nicht mehr zumutet, als man ohnehin sehen kann, den braucht kein Mensch!Warum ist der dann aber da – und labert?

SindelarBlenden wir zurück in jene Ära, als Theaterkritiker auch Fußballspiele rezensierten – und Österreich noch eine ernstzunehmende Weltmacht auf internationalem Rasen war. Zur Vertiefung dieser Zeitreise bringen wir bereits am Samstag, 23. Juli, ebenfalls um 17:06 Uhr, das Radiofeature “Metamorphosen eines Autors – Friedrich Torberg und seine Leidenschaft für den Sport” von Anja Krämer – aus dem Hause “Momente des Sports”. Darin finden sich folgende Interviewpassagen, die mich bei der Gestaltung dieser Sendung inspiriert haben, und die ich ob ihrer zeitlosen Trefflichkeit hiermit gern wiedergebe:

Dieser ekelhafte 1:0 Journalismus, wo wirklich nur mehr Spielzüge beschrieben und Tore geschildert werden, den hat es sicherlich in den 40er und 50er Jahren noch nicht gegeben. Damals haben sich Sportjournalisten schon auch noch ein bisschen als Literaten gefühlt. Gerade, wenn man sich so die Endvierziger, also diesen Neubeginn des österreichischen Sportjournalismus anschaut, wo es so beeindruckende Blätter wie “Wiener Sport in Bild und Wort” gegeben hat, da sind teilweise absolut literarische Texte, auch wenn sie nicht vom Herrn Torberg waren. Da schrieben Leute, die durchaus eines sehr elaborierten Stiles noch mächtig waren…

Da haben Menschen geschrieben, die einen anderen und höheren literarischen Anspruch an sich und an die Leser gestellt haben, als das heute der Fall ist…

Also, Herr Professor, wer ist denn nun wirklich schuld am seichten Sinngehalt all dieser uns heute so massenhaft aufbereizten Sportlerstatements?

 

Nichtfußballsendung

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Juni – Fußballmeisterschaften, rasenmähende Nachbarn, Weltreligionen – es gibt so einige Lärmerregungen, ohne die zumindest wir beide ganz gut leben könnten. In Ruhe. Gelassen. Als in Ruhe gelassene sozusagen. Aber nein, irgend ein Depp bohrt, jubelt oder laubbläsert doch immer irgendwo. Was tun? Ist eigentlich eine überflüssige Frage, wenn man dem Wirbel nicht auskommt, weil man das Gedröhn direkt vor der Haustür hat oder sogar im eigenen Hirn. Also wie dann damit klarkommen, wo sich doch nichts von alledem so einfach abschaffen lässt? Nehmen wir uns halt ein paar Humoristen zum Vorbild, packen wir unseren Überdruss in eine satirische Form – und schaffen uns so die notwendige ironische Distanz. Denn worüber man (noch) lachen kann, das hat einen auch (noch) nicht untergekriegt.

FigurenLasset uns also zunächst einmal beten, wie Michael Stein es uns gelehrt hat: Gebet gegen die Arbeit – aufbereitet von Volker Strübing. Im Anschluss bereisen wir unsere Ärgerthemen gleichsam in der Entwicklung des bajuwarischen Spottgesangs von Fredl Fesl (Fußball-Lied) über Hans Söllners Rasenmäher bis hin zum akuten Musik- und Textschaffen von Christoph Weiherer (A neis Liad). Letzteres allerdings in einer Fassung, in der er sich selbst andauernd live kommentiert. Womit wir endgültig bei den diversen Weltreligionen angekommen wären (österreichischer Konjunktiv). Und dazu hat uns der fränkische Kabarettist Mathias Tretter ein dermaßen aushängiges Hirndrama beschert, dass wir nicht umhin können (und wollen), es euch alsogleich umzuhängen. Und zwar stehenden oder auch schlanken Fußes: In seinem Programm “Selfie” (hier der entsprechende Auszug) entwickelt er (in Person des ebenso arbeitslosen wie dauerbekifften Akademikers Ansgar) die Verkaufsidee einer Patchworkreligion, welche dieser “Islamisch-Jüdischen Christobuddhismus” nennt:

“Deshalb wir haben uns versammelt, um gemeinsam zu beschreiten den achtfachen Pfad zu den fünf Säulen der Dreifaltigkeit. Wenn wir ihn gehen, wir werden uns befreien von den sieben Übeln der vier Himmelsrichtungen der zwei Geschlechter der einen Menschheit. Also von der Gier, von der Hass, von der Verblendung, von der Völlerei, von der Ichsucht, von der Hektik – und von der Versandhandel.”

Die in Deutschland populärste religiöse Persönlichkeit ist übrigens nicht der Yogi Löw – nein, es ist der Dalai Lama.

Shiit happens!

 

Eskapaden!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. MaiGepflegt Flüchten oder Die Qual der Wahl zwischen Realität und Wirklichkeit. Was (nicht) tun, wenn der Perspektivenraub zur Staatsräson wird? Ein Plädoyer für den Eskapismus in seiner etymologischen Urform: “Das Ordenskleid ablegen” respektive “das Mönchsgewand ausziehen” im Sinne von “der Gewohnheit entsagen” oder gar “umsatteln” – lässt ja zunächst nicht an die putzigen Alltagsfluchterln zwecks der besseren Bewältigung desselben denken, als welche der Begriff inzwischen im allgemeinen Sprachgebräu denunziert wird. Ein Satz gefällt uns aber: Eskapismus wird in Psychologie und Bildungssprache meist negativ verwendet – und als Flucht- oder Ausbruchshaltung, als Verweigerung gesellschaftlicher Zielsetzungen und Handlungsvorstellungen verstanden.” Eben.

GarderobberyDer Wind hat mir ein Lied erzählt
von einem Glück, unsagbar schön.
Er weiß, was meinem Herzen fehlt,
für wen es schlägt und glüht.
Er weiß für wen.

Komm, komm, ……. Ach!

Der Wind hat mir ein Lied erzählt,
von einem Herzen, das mir fehlt.
Der Wind.

Und warum sollten gerade wir an diesem Wundertütentag uns nicht auch auf ein kornblumenblaues Lied beziehen – wie einst Nina Hagen als Zarah Leander oder “eine Frau mit Vergangenheit” – um wenigstens etwas von dieser so unsagbar sachzwangzertrampelten Welt in unsere Phantasiewirklichkeiten zurück zu holen? Denn es gibt keine Realität – außer du kochst sie! Oder “Es gibt keine schlechten Menschen, sagte der Bär, wenn sie gut zubereitet sind.” Von derlei kulinarischen Eskapaden der Sarah Wiener wiederum zum Ausgangspuck der Geschichtung zu finden, dieser Weg wird kein leichter sein, aber Hairgott nochmal, Karaoke kann eben auch im Unterricht von Deutsch als Fremdsprache funktionieren. Bloß weil der Krieg vorbei ist, hören wir doch nicht zu leben auf. Guten Morgen!

Und wenn dich die Wahrheit findet, halte Sie so fest du kannst,
denn die Wahrheit ist aus Seide und ist allzu bald verfranst.
Sei mal laut und sei mal leise, sei mal langsam oder schneller,
deine Augen sind die Reise und das Licht wird immer heller.

 

Hoppelconference

> Sendung: Artarium vom Ostersonntag, 27. März – Wir sind die Hasen! Und deshalb bringen wir auch heuer die Eier. Zum Anmalen, zum Ausblasen, zum Suchen und Finden. Zum Wohlsein! Das Vorfrühlingsfest der Frohlocksmusik. Das Aufstehungsbimbam der Verwirrten und Verzerrten zwischen Daunenwelt und Dunkel. Zwaa Gnostiker in eiliger Mission. Ding dong, liebe Literaturfreunde, nicht jeder, der ins Mikrofon brüllt, denkt sich was dabei – oder hat auch was zu sagen. Anders hingegen ist es bei den Philosophen der Popkultur, Artarium, dem etwas anderen Kunnst-Biotop, schon seit über 100 Jahren. Und man muss sich fragen, warum das Artarium noch nicht im Besitz des Literaturnobelpreises ist. Die letzte allgemeine Verunsicherung vor der Ausfahrt ins Diffuse, Inhaltslose und Öde. Mit ostereirischer Musik! Wir spielen die Hitz…

36 uhr…aus 5 Jahrzehnten Hasenhistory (ganz ohne Guido Knopp). Von White Rabbit zu Frightened Rabbit. Chasing Rabbits von Run Rabbit Run zu Rabbit Heart (and the Machine). Dazu gibts dem Anlass entsprechend Bad Eggz mit Christian Brückner und gscheit was auf die Glocke mit Marcel Reich Ranicki. Doppelt gehoppelt und rührend geschüttelt! If there is something, in every dream home a heartache: Both ends burning. Und zu diversen Weibi-Sagern der Sendungsmacher-Kolleg_innen von Rock, Punk & Politics oder Schallmooser Gespräche sei einmal angemerkt, dass uns als nicht-heterostereotyper Zweiheit so eine Zuschreibung von Männer- oder Frauenrollen genauso wunderlich vorkommt, wie wenn man etwa beim Chinesen angesichts der Stäbchen fragen würde: “Welches ist denn das Messer – und welches die Gabel?

Amen

 

Das Kabarett ist tot

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. MärzDas Kabarett ist nicht tot. Und auch nicht totzukriegen. So formulierte es Georg Kreisler schon in den 70er Jahren: “Der moderne Kabarettist hat eins erfasst: Bleibe sympathisch, dann bist du demokratisch.” Denn wie Schauspieler auf den Bretterstrich gehen, der ihnen die Welt bedeutet, und mit ihrer Kunst um die Gunst des Publikums buhlen, so wetteifern auch Kabarettisten (und -innen!) um Sympathien und Sendeplätze, was wohl ein Grund dafür ist, warum wirklich kritisches politisches Kabarett gerade hierzulande Seltenheitswert besitzt. Während in Deutschland Satireformate wie Die Anstalt oder heute-show prominent platziert im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (ZDF) stattfinden, beschränkt sich die satirische Systemkritik in Österreich auf Gags bei Stermann und Grissemann

Marksalzburg

MARK 2007 (Foto: Angela Armstorfer)

Für uns beinah “so sexy wie ein Quickie am Dixiklo” (danke Volker Strübing). Darüber hinaus hat man sich bereits reichlichst überlegt, wieso das politische Kabarett in Deutschland noch immer lebendig wirkt, während es in Österreich fast schon verschämt als Mumie seiner selbst in den Nischen des Untergrunds umzugehen scheint. Belassen wir es halt einmal dabei – und hören, sehen, spüren wir uns stattdessen dortselbst um, wo eine besondere sprachliche Eleganz des Vortrags uns Lust auf Erkenntnisgewinn erwecket (Jochen Malmsheimer) oder die Geübtheit des Gedankengehens uns neu kombinierte Einsichten ins Erbe humanistischer Bildung beschert (Georg Schramm). Zwei solche Vorträge haben wir bei der Veranstaltung “Große Kleinkunst” – 50 Jahre Unterhaus (in Mainz) entdeckt. Zudem gibts den früheren Weltklasse-Bariton Thomas Quasthoff, den wir als humorigen Helene-Fischer-Interpreten kennen, und der in seinem ersten 3-Personen-Programm “Keine Kunst” einen furiosen “Faust 1 und 2 in 3 Minuten” abfeuert, dass einem die Breitseiten weh tun. Worum könnte es beim Kabarett also noch gehen, wenn das Private politisch oder das Kulturelle kritisch betrachtet wird?

“Verantwortungslose Verwaltungsfachangestellte mit Kontrollzwang, also das, was wir in Verkennung der Wahrheit Regierungen nennen, versuchen uns einzureden, die Voraussetzungen für ein anständiges Duell seien inzwischen weggefallen. Aber das stimmt nicht. Im Gegentum, sie werden ständig mehr! Die staatlichen Organe aber sind nur desinteressiert, willenlos, kenntnisfrei oder zu stumpf, um empfindliche Menschen zu schützen oder diesen im Schadensfalle Genugtuung zu verschaffen. Nehmen wir es darum wieder selbst in die Hand, und streiten für das Gute, Schöne und Wahre! Ziehen wir die Klinge blank gegen rhetorische Gedankenarmut und geschmackliche Totgeburten, gegen sinnliche Verwahrlosung, gegen die Vertalkung des Gesprächs, gegen die Kompostierung des Kompliments, gegen die Verrohung der Verehrung, gegen die Veröffentlichung alles Privaten, gegen die Verachtung des Fremden, gegen Dumpfbichelei und Herzverholzung, gegen die Lawinen von Scheiße, die sich durch die wirkliche wie die virtuelle Welt wälzen und unser aller Leben bis in das letzte Filament hinein durchseuchen, gegen den ganzen verdammten Rotz, der da draußen jeden Tag unwidersprochen in unser Leben geschissen wird. Forden wir sie heraus!

Jochen Malmsheimer

 

Halleluja Rainald Grebe

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Februar – Er bietet das Vielfältigste, Hintergründigste und Abgedrehteste, das derzeit im deutschen Sprachraum unter den Begriffen Musik, Theater und Kabarett zu erleben ist. Vor allem aber sprengt er die Grenzen der Definitionen – und macht aus allem, was er auf die Bühne stellt, eine noch nie dagewesene Mischform – genau das gefällt uns naturgemäß ganz besonders. Er spricht in Interviews offen über Drogen und seinen Zivildienst in der Psychiatrie, spielt in Jugendzentren, Kellertheatern – und auf der Berliner Waldbühne. Oder im Volkspark Wuhlheide, wo er vor 15.000 Zuschauern die DDR-Weltjugendspiele von 1973 “zum Nacherleben” bringt. Für ihn ist eben alles, was ihm so begegnet, immer auch “Absurdes Theater” – das merkt man seinen Auftritten sogar vollnüchtern an.

WuhlheideDer studierte Dipl. Pup. (Diplompuppenspieler) wird als Dadaist der Kleinkunstszene, als experimentell, eigenwillig und absurd komisch beschrieben. Seine Selbstdarstellung ist aber auch stets eine Fundgrube für Neugierige und Eigenartige. So prophezeit der “Verrückte bei klarem Verstand” über sein (eben auch diese Sendung prägendes) Konzert – oder besser Happening: “Spring nie zweimal in denselben Fluss, sag ich mir gleichzeitig – und werde alles dafür tun, dass Halleluja Wuhlheide kein Aufguss wird, sondern ein Unikat. Monate proben für den einen großen Abend. Mit brandneuen Songs und Klassikern, mit Gästen, Freunden, Wegbegleitern. Die einmalige Verschwendung.”

Es geht mir gut, ich kann nicht klagen,
auf du und du mit meinen Spareinlagen,
hier im Auenland lächelt die Heidi Klum
und an den Rändern fliegen die Nazguls rum.
Lampedusa, Lampedusa, ich rasier mir die Beine,
und wer Nazis nicht sucht – na, der findet auch keine.
Die Arche Noah ist ein schönes Schiff,
Tina – there is no alternative.
Mein Nachbar schläft auf dem Sofa ein
und der Vettelvettelvettel, der fährt immer im Kreis.
This world is doomed – doch ich denke oft,
solang Roland Kaiser tourt, ist doch alles soft,
im Kokon…

Komm in den Kokon!

PS. Link zur Sendung vom 10. August 2014: “Rainald Grebe – auch mit Band!”