Charles Janko Nachruf

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. NovemberSchuld ist wie so oft der Berlinsalzburger Schriftsteller Peter Hodina, dem wir die überaus inspirierende Begegnung mit Charles Janko ursächlich verdanken. Denn am 27. 2. 2015 fand in Alrun Pachers literarischem Salon eine feine Zweierlesung von Peter Hodina und Christopher Schmall statt, welche der inzwischen völlig zu Unrecht verstorbene Charles mit meisterlichen Klavierimprovisationen umrahmte. Doch dieser ebenso banale wie hier angebracht erscheinende Begriff wird seiner tatsächlich ausgeübten Kunstfertigkeit eigentlich überhaupt nicht gerecht. Statt auf so eine rein äußerliche Funktions-Zuschreibung sollte sich unser Augen- und Ohrenmerk doch viel mehr auf die innere Haltung von Charles‘ spontan-kreativem Musikausdruck richten.

Charles Janko Literaturhaus Salzburg Nov 2016Erzählen wir die Geschichte: Während das Publikum den Lesenden andächtig lauschte, saß Charles meditativ in sich versunken am Flügel, um in den Pausen augenblicklich zu seiner ganz eigenen Verdichtung der zuvor offenbar gesammelten Eindrücke anzuheben. Und was er da improvisierend wiedergab, war nicht einfach nur Begleitung, Behübschung, tonale Garnierung – nein, es war in höchstem Maß die erweiternde Teilwerdung am Moment des Geschehens, eine nachgerade organische Verganzheitlichung dessen, was rund um ihn im Hier und Jetzt vor sich (und bestimmt auch durch ihn hindurch) ging. Wollen wir das aber nicht verkehrt verstehen: Die dargebotenen Texte an sich waren schon ganz, deren Vortrag in Resonanz mit dem Publikum erst recht, die ganze Inszenierung dieses Literarischen Salons sowieso, alles war ganz und gar ganz (im Sinn von vollkommen). Und doch – wenn Charles‘ Musik nicht hinzu gekommen wäre, hätte der gesamten Darbietung etwas gefehlt. Was wiederum nur dadurch erkennbar wurde, dass er sie spielte! Mich erinnerte dieses Geschehen an Gefühlseindrücke, die ich vor Jahren beim gemeinsamen Hören von Keith Jarretts “The Köln Concert” gehabt hatte, und eben darauf sprach ich ihn (nach dem Ende der Veranstaltung) an. Es entspann sich sofort eine derart befreiende, einfühlsame, weltoffene Unterhaltung, dass sich nur eins sagen lässt: Charles Janko war ein Mensch, der ganz in seiner Kunst lebte.

Ausgehend davon kam es auch dazu, dass sich Charles im November 2016 bereit erklärte, “auf splitterwegen und zerbrochener zeit”, die Geburtstagslesung von Chriss im Literaturhaus Salzburg, kongenial musikalisch zu “illustrieren”. Davon haben wir eine recht improvisierte Aufnahme hergestellt, bei der man die Lesenden trinken und tuscheln hört, ganz im Sinn einer spontan-assoziativen Gesamtkunst. Jetzt gibts diese “Charles Janko Literaturhaus-Improvisationen” zum Nachhören.

“Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.”  Bertolt Brecht

 

Audiowastecooking

> Sendung: Artarium am Sonntag, 12. NovemberSeit 14:92 Uhr wird jetzt zurück entdeckt! Und seit 15:17 Uhr wird jetzt zurück gethesenanschlagt! 500 Jahre oder 500 Sendungen, Jubiläum hin oder her – wir lassen ungern was verkommen – von dem, was die Kulturgeschichte (geh bitte, ich brunz mich an vor Lachen!) uns an die Ufer des Bewusstseins schwemmt. Auch unter jenen Musikalien, die wir in vielen unserer Sendungen aus Gründen der Spontanität nicht mehr unterbringen konnten und die wir nur allzu gern noch gespielt hätten, finden sich appetitliche Überbleibsel, um die es schlicht zu schade wäre, wenn sie so ganz und gar ungehört verblieben. Daher gibts diesmal “Das ganze Album” zur selbstkreativen Resteverwertung – aus immerhin einer Hand voll “übriggebliebener” Songs und Sounds der Sendungsgeschichte.

AudiowastecookingNun ist ja “Wastecooking” an sich schon eine schöne Wortschöpfung, und ihre artivistische Auslegung durch den Koch- und Filmkünstler David Groß eine hoch ästhetische Ansage (die das Dumpstertum aus seinem Prekariats-Schmuddeleck befreit), aber im Hindenken an ein Hörperlenbuffet aus unberührten Ohrköstlichkeiten MUSS soo ein schöner Begriff geradezu erweitert werden – ins Audiowastecooking! Und deshalb lasst euch überraschen von unserem mehrgängigen Menü zum Hirnhören und Genießen. Nachdem wir ja naturgemäß zur Stunde noch nicht wissen können, was wir an klanglichem Rohmaterial in den Untiefen der Archive aufstöbern werden, seien hier auch weder Interpret_innen noch Songtitel angekündigt. Doch wer uns kennt, weiß längst, wie sich unsere Geschmäcker in ihrer Kombination auswirken: Immer wieder neu zu entdeckende Verbindungen aus Unerhört und Altvertraut bewirken feine Klang-Farben-Harmonien zum Kauen und Verdauen. In diesen Sinnen – “Besten Appetit beim Audiowastecooking-Festbeschmausen!”

Wir sind ein geiles Institut.

 

Deprogramming Division

> Sendung: Das Artarium zum Wahlsonntag, 15. OktoberAlle wählen vom Reden. Wir aber spielen dem schwindlichmachenden Anlass entsprechende Musik. Nämlich die “Underwater Serenades” von Deprogramming Division, einem der vielfältigen Soundprojekte des umtriebigen Salzburgsohns Herwig Maurer, der einst aus seiner Heimatstadt auszog, um die dekadente Westwelt mit seinen Musikalien anzureichern. Nebst immer unzähliger werdenden Filmarbeiten (IMDb) sowie Veröffentlichungen von Alben und Soundscapes gibt es von ihm auch noch Kunstfotographie und demgemäß durchkonzipierte Bilderfluten zu entdecken – und zu erforschen. Dem kreativen Umtrieb so eines über die kommerzfeile Nachdepperei der allgemeinen Untenhaltung hinaus wollenden Menschenkinds kann die “Provinzkunstmetropole” halt nicht entsprechen.

Deprogramming DivisionWarum allerdings ausgerechnet der Titel Deprogramming Division und somit auch die Musikwahl auf unser Thema passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge aller abgründlich genervten Betrachter? Na, weil die Ferngesteuerten, Programmierten oder eben “populistisch verblökten Mund auf und bitte schiab mas eini Schafe” selten so wahrnehmbar tief durch die Republik fliegen wie an diesem wahnsinnigen Wahlabend. Stermann und Grissemann werden forthin als Gute Nacht, Österreich auftreten und Thomas Bernhard hat mit “fürchterlicher Friedhof der Phantasien und Wünsche” aber noch sowas von untertrieben. Eine Erregung zur Beruhigung oder The Idiots are taking over von NOFX. Es ist alles schon oftmals ausgesagt worden, doch die Quasselödien glauben lieber den Massenblödien und Kassenschmähdien. Der Urheber ächzt: “Streit” und wir verklagen uns schon mal vorsorglich selbst. Seids ihr noch zu retten? Na guat, donn ned. Es is jo sowiaso olles ned woa oder vielleicht doch? Wir tauchen jedenfalls erstmal ab. Und wir laden euch ein, diese spirituelle Atempause mit uns gemeinsam zu verbringen. Mit einzusinken in diese instrumentale Phantasiewelt, erschaffen von einem, der wie wir davon überzeugt ist, dass jeglicher Kunst eine wesentliche soziale Funktion innewohnt. Siehe > Pacific Nexus Media

Am Freitag, 13. Oktober gibts unsere Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem ebenso schönen wie passenden Titel “Unendlichkeitsversuch” – Guten Morgen, liebe Welt!

 

Fünfhundert Sendungen!

Sendung: Artarium Feierstunde vom Samstag, 7. Oktober – Alle reden von Wahlen. Wir nicht. Oder vielleicht doch? Aufgrund eines 17-tägigen Programmschwerpunkts namens #Stimmlagen durften wir jedenfalls schon mal unseren gewohnten Sendeplatz (am Sonntag um kurz nach 17 Uhr) räumen. Unter anderem deswegen werden wir auch Georg Kreislers prophetisches Psychogramm “Bundeskanzler Irgendwer” darbieten. Nicht wenigen Mensch_innen war nämlich die Radiofabrik jahrelang eine willkommene Abwechslung zum tagesaktuellen Gleichstream der Lechzer und Hintnachhechler. “Wenn alle es machen, müssen wir es auch tun.” Solche Gedanken sind die Einführung des Quotentums durch die Hintertür, ärgert sich Sendungsgestalter Norbert K.Hund: “Das Wetteifern um Marktanteile widerspricht der Grundidee der Freien Medien.”

FünfHUNDert SendungenWir wollen ungeachtet dessen den Umstand würdigen, dass der alte Hund (anbei ein römisches Mosaik) in seiner fast 10-jährigen Präsenz auf diesem Sender immer wieder die entlegeneren Köstlichkeiten aus dem Sumpf der Kultur hervor geschnüffelt und daraus inzwischen zum 500. Mal eine Radiosendung zusammengerührt hat. Nicht ohne die Hilfe des treusorgenden Hasen, mit dem dies nunmehr auch schon über 350 mal gemeinsam gelungen sein wird. Und quasi zur Eröffnung der “selbstreferenziellen Wochen” im Artarium und in der Nachtfahrt nennen wir einige statistische Daten aus unserem Schaffensrausch, die man allerdings (mit was auch immer) vergleichen kann, die man jedoch keineswegs zu einem Wettbewerb um den jeweiligen “Marktwert” missbrauchen darf: Demnach existieren 500 ausgestrahlte Sendungen, 656 individuelle Signations, Jingles und Audiocollagen, 491 Beiträge im CBA-Archiv (mit 643 Dateien), von dort aus 7.829 Downloads und 12.708 Streams. Der Artariumblog umfasst heute 342 Artikel, der Nachtfahrt-Perlentaucher-Blog 95, und beide zusammen haben mittlerweile über 2,1 Millionen Aufrufe. – Das alles sagt naturgemäß nichts über den jeweiligen Inhalt aus – genau das sollte uns doch zu denken geben. Also: Wählt uns!” Oder auch nicht: “Bundeskanzler Austauschbar”

 

Es gibt, es gibt, es gibt

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. September – Es gibt einen geraden Weg, PeterLicht in der ARGEkultur (am Samstag, 30. September) – und überhaupst eine ganze Menge an Interaktion von Dichtkunst und Musik in der kommenden Woche, wovon hier ein Reden (und naturgemäß Hören) sein soll. Ein Kunnst- und Subkultur-Magazin, wie das Artarium seit seinen Anfängen vom Gründer Peter.W. immer so gern bezeichnet ward, darf, kann – ja, muss sogar gelegentlich über bevorstehende Umtriebe der heimischen wie überregional bedeutsamen Kunstschöpferei berichten. Und sich einen kritischen Seitenhieb erlauben auf die Lieb- und Inspirationslosigkeit, mit welcher derlei Veranstaltungen oft “beworben” werden, seitdem “das Internet” zunehmend von Kommerzkasperln durchseucht ist. Geld stinkt eben doch.

Es gibt das Sausen der WeltJe mehr wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen, je mehr es um die gewinnbringende Vermarktung der Veranstalterei geht, umso fader, phantasieloser und schlichtweg austauschbarer werden sogleich diesbezügliche Ankündigungen gefühllos automatisiert hingeklopft. Es gibt kaum noch originär eigenes Gedankengut, nur mehr Copy und Basta. Dem gegenüber sei hier nun aus vollstem Engagement für den Sinngehalt der entsprechenden Veranstaltungen eingetreten! So entstammt unser vielsagendes Artikelfoto (von Alexi Pelekanos) dem Kulturblog Mottingers-Meinung.at und zeigt die Arbeiten an PeterLichts “Das Sausen der Welt” im Wiener Schauspielhaus. Und statt der seit Jahren üblichen PeterLicht-Standardvideos (gähn!) könnt ihr euch hier schon mal einen Eindruck von der öffentlichen Zeitauflösung des Lieds “Gerader Weg” machen. Und wenn ihr dem LeseKonzert von PeterLicht am Samstag in der ARGE beiwohnen (was wir durchaus empfehlen) und mit ihm “Die Emotionale” singen wollt, dann vermittelt diese WDR-Sendungsbeschreibung einen zutreffenden Eindruck von manchem, was euch da erwarten könnte. Es gibt nämlich Performance in Progress

Es gibt TauDarüber hinaus gibt es in den nächsten Tagen noch ein paar weitere Termine der gediegenen Art und zur gepflegten Begegnung mit Wort & Klang. So sind bereits am Montag, 25. September von 22 bis 00 Uhr die Jungautoren Thomas Mulitzer und Christopher Schmall in der Radiosendung mit der etwas spezielleren Musikauswahl, dem gehobenen Late Night Talk namens TALK2MUCH, live lesend gut zu hören. Ersterer (nebstbei von Detailsinn dargestellt) präsentiert am Freitag, 29. September um 19:30 Uhr im Salzburger Literaturhaus seinen Debutroman “Tau” (eine Replik auf Thomas Bernhards “Frost”, erschienen bei Kremayr & Scheriau), nicht ohne im Anschluss als TWO ON GLUE (zusammen mit Wolfgang Posch) zu konzertieren. Selbigen beiden verdanken wir übrigens auch eine recht schöne Doppelsendung über Ilija Trojanow. Zweiterer (der Artariumhase), inzwischen Obmann der Salzburger Autorengruppe SAG, tritt wiederum bei deren Anthologie-Vorstellung am Dienstag, 26. September ab 20 Uhr in der Panoramabar der Stadtbibliothek als beitragender Dichtkünstler auf. Viel Spaß mit den vielen Links! Wir wollen unser Publikum ja auch mal überfordern.

 

Buchhändler unseres Vertrauens

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. September“Er hat meinen Einband geknickt! Er hat meinen Einband geknickt!“ So lamentiert ein aus dem Regal gefallenes Bändchen von Alfred Döblin eines Nachts laut und vernehmlich in Jochen Malmsheimers Bibliothek. Was sich dortselbst des weiteren abspielt, sobald seine Bücher (die ja ihrer Natur nach von Leben erfüllt sind), auch noch zu sprechen und miteinander zu streiten beginnen, das ist hier und heute im titelgebenden Auszug aus dem Programm “Flieg, Fisch, lies und gesunde…” gut zu hören. Was jedoch einen Buchhändler unseres Vertrauens genau ausmacht, das wird sich dem geneigten Ohre erst in der Zusammenschau eröffnen! Denn wie beim Lesen können auch beim Hören hirneigene Bilder und Assoziationen entstehen – sofern der dazu nötige Freiraum nicht vom dichten Gedudel verstopft wird.

BuchhändlerOder vom klebrigen Werbebrei in eigener Absicht, der uns im penetranten Befehlston und mit immer noch supereren Superlativen so derart das Aufmerken zuscheißt, dass gar kein Platz mehr fürs eigene Empfinden bleibt, nur noch fürs Befolgen der Denkanweisung. Diesem Dummtum der digitalen Demagogie setzen wir schön geschichtete Sendungen zuwider, in denen der lyrische Kosmos unserer Mitreisenden aufblühen und wuchern kannSchön geschraubt! Man könnte jetzt einfach auch nur “Scheißkommerz” schreien, jedoch war mir dieser reaktive Flachsprech einer sogenannten alternativen Rebellen- oder Punkszene von Anfang an verdächtig, und im höchsten Maße unsympathisch. Bäh! Sehr sympathisch ist mir im Gegenzug jenes Selbstverständnis, mit dem etwa Klaus Seufer-Wasserthal die Vorstellung “wirklich Buchhändler zu sein” zum Leben bringt. Dass nämlich im persönlichen Gespräch mit den Kund_innen (und das sind ja stets auch Leseinteressierte) die Empfehlungen der von ihm selbst gelesenen Bücher eine ganz wesentliche Rolle spielen. Dieser tröstliche Gedanke erinnert mich an meinen Lehrlings-Ausbildner in der ehemaligen “Buchzentrale”, den nachtaktiven und somit auch legendenumwobenen Herrn Huber, der bei jeder Gelegenheit zu sagen pflegte: “Sie wollen Buchhändler werden, also müssen sie lesen, lesen, lesen.” Deshalb kam er selbst wohl erst spätnachmittags in die Firma – um nächtelang ungestört zu lesen

Um Ideen und Inhalte zu vermitteln! Auch mein selbstgewählter Bildungsauftrag: PeterLicht am Samstag, 30. 9. in der ARGEkultur – Worte wollen, Worte können. Kunnst?

 

Das erzählte Mittagessen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. August“Wir sind auf einem überfüllten Planeten, auf dem zurzeit sieben Milliarden – und es sollen noch zehn Milliarden werden – darum kämpfen, einen Platz an der Sonne zu behalten und genügend Wasser zu trinken und genügend Öl zu verpulvern und genügend Strom zu verpulvern. Wir verhalten uns ja, als ob wir noch vier weitere Erden vor uns hätten. Die Sparsamkeit, zu der auf Umweltkonferenzen immer wieder aufgefordert wird, findet ja nirgends statt, die Chinesen und die Inder wollen endlich genauso reich werden wie die Amerikaner, also das ist eine düstere Zukunft.” So formuliert es der rastlose Sprachkritiker Wolf Schneider unlängst in einem Interview auf Deutschlandfunk Kultur. Er prägte auch jenen famosen Titel mit dem erzählten Mittagessen. Höchste Zeit also, selbst wieder eine Insel zu finden.

MittagessenIm Medium Radio dergestalt von Geschmäckern und Gerüchen zu erzählen, dass den Zuhörenden das Wasser im Mund zusammen läuft oder andere körperliche Effekte widerfahren, ist schon eine echte Herausforderung. Genauso ist es wohl auch bei Bildern, Filmen und überhaupt allem, was nicht von sich aus klingelt, scheppert oder tönt. Wie sich dennoch davon erzählen ließe, das wollen wir diesmal ausprobieren, und zwar am nahen Beispiel einiger Filme, die uns speziell begeistern. Nun mag man (oder jederfrau) sich fragen, was eigentlich ein Spielfilm mit dem erwähnten Mittagessen zu tun haben könnte. Und wir verweisen auf den Begriff der Insel, den wir, wenn auch im übertragenen Sinn, gern als zeitweilen Fluchtort vor dem grausen Weltgedümmel wählen. Klartext: Es muss Schutzzonen geben (egal ob zeitlich, räumlich, thematisch, sozial), wohin man sich zurückziehen kann vom Dauerstress immernder Nutzbarkeit, der einen allenthalben förmlich zuscheißt mit … da capo. So können zwei Stunden zum Abtauchen in die Opulenz der Bilderfluten schon äußerst hilfreich sein. Folglich versuchen wir, euch ein paar solcher Inseln zu vermitteln, indem wir von ihnen erzählenund sie (nebst Filmmusik) empfehlen

 

Dichterlandschaften

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. JuliVom Zauber der Dichterlandschaften erzählt Brita Steinwendtner in ihrem neuen Buch “Der Welt entlang”. Dazu besucht sie nicht weniger als 18 höchst unterschiedliche Gestalter_innen von Wortkunst in deren jeweiligen Lebens- und Schaffensräumen. Denn, so eine These dieses schon 2007 mit dem Band “Jeder Ort hat seinen Traum” begonnenen Work in Progress, die vielschichtige Wechselwirkung zwischen den Dichtenden und ihren Landschaften hat immer auch einen wesentlichen Einfluss auf die daraus entstehende Werkwelt. Folgerichtig müsse man die Autor_innen dort aufsuchen, wo sie leben, um so besser verstehen zu lernen, wie sie schreiben. Und genau das glückt Brita Steinwendtner in den 18 feinsinnigen Portraits ihrer Reise durch 18 verschiedene Dichterlandschaften.

DichterlandschaftenDabei herausgekommen ist ein in jeder Hinsicht dichtes Kompendium, das sich der Genrezuschreibung entzieht, weil es sich in Aufbau und Gestaltung, in Bild- und Wortwahl genauso verschieden verhält, wie die darin portraitierten Künstler_innen nun einmal ihrem Wesen nach sind. Es ist die geradezu zeituntypische Stärke dieses Unterfangens, ein so hohes Maß an Intimität zu schaffen und dabei doch nicht aufdringlich, einmischend oder respektlos grenzverletzend zu sein. Zugleich ein Zitatenschatz (sorgfältig mit Quellenangaben hinterlegt), vielfältige Einladung zum weiteren Entdecken, nachhaltig neugierigmachend, im besten Sinn verführererisch, sowohl Steinwendtners Steinbruch als auch Kreativkonglomerat, Dichtung von und mit Dichter_innen wie zum Beispiel Monika Helfer und Michael Köhlmeier, Friederike Mayröcker, Juri Andruchowytsch, Hubert von Goisern, Ilija Trojanow. Ein idealer Reisebegleiter zum Hineinstaunen in immer neue Welten oder wie es eine Nachbarin ausdrückte: “Jetzt bin ich auf Jahre hinaus mit Anregungen für meine Lektüre versorgt.” Wir haben unsererseits die Brita aufgesucht und sie ins Kunnst-Biotop gebeten, zur wechselseitigen Belebung der Dichterlandschaften

“Seit fünfzehn Jahren hatte ich diese Jandl-Mayröcker’sche Mansardenwohnung nicht mehr gesehen. Es erstaunte mich und doch auch wieder nicht: Sie sah aus wie die Wohnung im vierten Stock. Zugewachsen. Schreibhöhle und Irrgarten. Gefängnis oder Geheimnis? Edith hatte Friederike ein geschmücktes Weihnachtsbäumchen gebracht, schief stand es zwischen den Gebirgen aus Büchern, Zettetlabyrinthen und kleinen bunten Wäschekörben, überquellend mit Papierenem auch sie. Ist die Weit hier ausgeschlossen oder vielmehr hereingeholt in tausendertei gedruckte Tanderei? In den Atem lebensnotwendiger Schrift und Schriften, die sich vermehren wie das Myzel einer tropischen Pflanze? Für Friederike ist diese Verzettelung ein Lebensmuster, sie kann es ironisieren und hat selbst Angst vor den Hurrikanen aus Staub.”

Aus Der Welt entlang” (Besuch bei Friederike Mayröcker)

 

Hasen wie wir

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. JuniJenseits des Osterhasen wäre noch Platz für ganz normale Hasen, wenn die in unserer seltsamen Kultur nicht immer nur als Jagdbeute gesehen würden. Vom Kulturimport Playboybunny einmal abgesehen, ist etwa das notpuderige Erlegen der Schihaserln durchaus wesensverwandt mit der blutrünstigen Mühlviertler Hasenjagd. Was jedoch passiert mit derartigen nur allzu gewohnten Weltbildern, wenn die Hasen einmal tatsächlich den Platz (und die Rolle) der Menschen einnehmen? Dazu können wir beispielsweise den Kurzfilm “Poilus” von ISART DIGITAL auf uns wirken lassen, in dem menschengestaltig animierte Hasen die französischen Soldaten des 1. Weltkriegs verkörpern – und dadurch die Grausamkeit des Gemetzels erst recht entlarven. Menschen als Schlachtvieh oder Hasen wie wir?

Poilus Hasen BegegnungIn anderen Kulturen wird der Hase als Sonnenschöpfer (First Nations), Spender des Lebenstranks (Japan) oder Begleiter von Gottheiten und zauberkundigen Frauen (keltisch) wahrgenommen. Bei uns in Folge der Christianisierung als ein Hexentier und Symbol entfesselter Geilheit… Darob ließ sogar ein gewisser Papst Zacharias im Jahr 751 den Verzehr von Hasenfleisch verbieten, weil er dies als sitten- und moralgefährdend einstufte. Ein “unreines” Tier also. Jössasna! Und wie war das mit dem Osterhasen? Achso, ein Überbleibsel der Zwangsbekehrung wie auch die Flurnamen keltischer Kultplätze, auf welche die Religion des Friedens dann ihre Wallfahrtskirchen und Maria Dingsbumse gewaltreich obenaufpfropfte. Wir leben in einer Kultur des Eroberns und Beherrschens, ganz nach dem Motto Töte oder stirb. Was für eine Errungenschaft! Je gläubiger, desto wahnsinnig. Und wahrscheinlich ist ein Grund für die hintergründige Kraft des skandinavischen Kunstschaffens die nie ganz flächendeckende Christianisierung in den Herzen und Hirnen der dort Lebenden.

Poilus Hasen FerdinandDoch zurück zum Hasen an sich. Wie das alles anfing, dass wir zwei zueinander erstmalig Hase sagten, wie wir dieses Wort dann in immer neuen Verbindungen wie Hasenhund, Hasensalat oder Hasenschwall steigerten, sogar bis zu dem inzwischen legendären “Wir sind die Hasen!” Und wie sich daraus fast unbemerkt die Vorstellung entwickelte, in unserem Menschsein einige wesentliche Eigenarten dieses weithin unterschätzten Naturgefährten zu entdecken – und zu erforschen. Vom Wesen des Hasen inspiriert zu einem friedvolleren und gewaltfreieren Menschendasein – auf einer Welt voller Verbrecher und folgsamer Idioten. Da ist es wohl kein Zeitzufall, dass der Hase Ferdinand im wirklich ausgezeichneten Kurzfilm “Poilus” inmitten der Schlachtfelder des 1. Weltkriegs ausgerechnet jenes Thema von Beethovens “Ode an die Freude” spielt, das auch als Hymne des geeinten Europa bekannt ist. Darüber hinaus bietet das Künstlerkollektiv Institut Hasenbart Wissenswertes zum Selbstinterpretieren. Betrachten wir nun die Welt aus der Perspektive des Hasen!

 

Fever Ray

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Juni Karin Dreijer Andersson ist eben anders – und macht seit jeher auch solche Musik. Ganz besonders anders ist das gleichnamige Debutalbum ihres Soloprojekts Fever Ray, das wir mit Ausnahme des Schlusstracks Coconut (hier zu genießen) in dieser Sendung vorstellen. Sozusagen fast ein ganzes Album, aus Gründen, die alle irgendwie etwas mit Zeit zu tun haben. Jenseits von Zeit und Raum hingegen scheint sich die eigenartige Musikwelt von Fever Ray aufzutun, die sich im besten Sinn mit geheimnisvoll, hypnotisierend und mehr noch als vielschichtig beschreiben ließe. “Wenn Terror ins Vertrauen kippt” oder die gepflegte Verstörung. Von da ist es auch zum Meister des Mehrdeutigen nicht mehr weit – zu Peter Gabriel nämlich und den Fourteen Black Paintings.

Fever Ray AlbumFrom the pain come the dream
From the dream come the vision
From the vision come the people
From the people come the power
From this power come the change

Völlig folgerichtig hat Fever Ray einen Gabriel-Klassiker aus den 80ern in einer Art und Weise gecovert, dass einem die liebe Gänsehaut besonders wohltuend über den Rücken rinnt. Nämlich Mercy Street, das auch in unserer Signation verstörensvoll anklingt.

Und so klingt auch die eine oder andere Stimmung ihres Albums im folgenden Gedicht nach, welches der etwas anderer Musikredakteur aus unserem etwas anderen Kunnst-Biotop wohl noch unter dem Eindruck desselben verfasst hat:

deine hand weiß
die nackten nächte
am strand am rand
des walds unter sternen
die suchen nach dunkel
im dämmern im glühen
tropfender worte einer
noch zu erdenkenden welt