Nur noch Nebel

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. NovemberNebel legt sich über das Land – und oft auch auf die Seele. Der Spätherbst ist eben die Jahreszeit für Depressionen und artähnliche Gefahren. “Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“, schreibt Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht “Herbsttag“, und weithin wohl noch viel geläufiger: “Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr”. Dazu muss man nicht Trakl oder drogentrüb sein, dass man derlei in diesen düsteren Stunden spürt. Oft reicht schon ein gewisses Maß an Empfindsamkeit, um von der eigenen Schwermut so in die Tiefe gezogen zu werden. Nebel verhängt den Blick – und kaum noch Orientierung bietet sich stillschreienden Sinnen. Es ist wie ein leises Verlorensein in der Welt. Allumwattet wandelt selbst Hesse seltsam allein: “Kein Mensch kennt den anderen”

Spaziergänger im NebelWiewohl noch dem dichtesten Nebel recht angenehme Seiten abzugewinnen sind. Das Dämpfen von Geräuschen (des Stadtlärms zum Beispiel) oder das Verhüllen von unschönen Anblicken (wie die Volk genannten Schiachperchten oder die Baukötze der Arschitekten). Sogar der Vereinsamungsaspekt hat eine Kehrseite, denn nebelt man sich ein, kann man nicht mehr so leicht entdeckt werden, entschwindet man elegant der möglichen Belästigung. Ich bin etwas, was du nicht siehst. Ätsch. Auch benebelt zu sein kann einen mit der Gnade impressionistischer Weltbeschau versorgen. Wie man sich dreht und wendet, ist Seelenzustand Wasserdampf oder Grundfarb für ein Gedicht. Daher wollen wir inmitten solch ineinander überfließender Beschleierung den Blick auf jene Kunstform richten, die Lyrik und Musik zu ganz neuen Eindrücken verschmilzt, gemeinhin Word over Music genannt – oder besser noch “Hörtheater”. Beispiele gibts aus dem am 30. November erscheinenden Musiklyrikalbum “tenebra” der ONchAIR Bros sowie aus dem bekannten Hesse-Projekt von Schönherz & Fleer. Was das mit Chriss’ Buch “seelen.splitter” zu tun hat, bleibt vorerst noch nebulos

Die mir noch gestern glühten,
Sind heut dem Tod geweiht,
Blüten fallen um Blüten
Vom Baum der Traurigkeit.

Ich seh sie fallen, fallen
Wie Schnee auf meinen Pfad,
Die Schritte nicht mehr hallen,
Das lange Schweigen naht.

Der Himmel hat nicht Sterne,
Das Herz nicht Liebe mehr,
Es schweigt die graue Ferne,
Die Welt ward alt und leer.

Wer kann sein Herz behüten
In dieser bösen Zeit?
Es fallen Blüten um Blüten
Vom Baum der Traurigkeit.

Hermann Hesse

 

Turn on, tune in, drop out…

> Stream/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8 August – Ein Summer of Love oder Von der freien Liebe zum freien Radio. Die Strandpiraten der spontanen Assoziation plündern kulturelle Überbleibsel aus fast 50 Jahren und suchen nach lebendigen Spuren des einstmals die ganze Welt verändern wollenden Hippie-Spirit. Vom psychedelischen Bewusstseinserweitern übers künstlerische Grenzensprengen bis zum sozialrevolutionären Engagement der 68er-Generation reichen unsere Fundstücke – doch wo verorten wir deren Auswirkungen in der Gegenwart? Etwa im vollmacdonaldisierten Drogenverbrauch, im industriekompatiblen Goa-Eventstadeltum oder im Verschlimmbesserungsmühen altersfrustierter Sozialreformierer? Findet sich jenseits von Kommerz und Verwurst noch etwas Genießbares aus Love & Peace?

Goa GilEine interessante Untersuchung in diesem Spannungsfeld bietet die englischsprachige Dokumentation „Last Hippie Standing“ (Video). Sie folgt der Fährte der allerersten enttäuschten Zivilisationsflüchtlinge, die schon in den 60er und 70er Jahren die Strände des indischen Bundesstaats Goa als Refugium für sich entdeckten – und dort über die Jahrzehnte hinweg ihren eigenen Lebensstil pflegten. Aus den zunächst recht spontan abgehaltenen Strandfesten und akustischen Jamsessions entwickelten sich mehrtägige Full-Moon-Parties mit vermehrt elektrisch verstärkter und dann auch elektronischer Musik, die schließlich zu einem massentouristischen Phänomen mutierten. Kaum jemals hat sich der oft zitierte „Clash of Cultures“ deutlicher als das entlarvt, was er in Wirklichkeit ist: Ein Vertreibungskrieg potenter Geschäftemacher gegen Ureinwohner und Zuwanderer! „We don’t want poor people. We want rich people to come and enjoy. So we want tourists who can spend money. We think of tourism in terms of tourism to generate money.  Soweit Chief Minister Francisco Sardinha (Goa war einst portugiesische Kolonie). Der Mann könnte noch Tourismuslandesrat von Salzburg werden. Oder Festspielpräsidentin.

summer of love tourplakatPolitik als willfährige Handlangerin der Reichen und Machtgeilen. Bäh! Genau dagegen kämpfte doch einst weltweit die Bewegung der Hippies: Autoritäre Bevormundung, Gesellschaftliche Zwänge, heuchlerische Moral, Kriegstreiberei, Umweltzerstörung. Und was tun wir? Lutschen an den Damals-Devotionalien und zelebrieren museumstauben Fan-Folklorismus. Oder etwa doch nicht? Womöglich bröseln wir uns nicht schon wieder den x-ten Aufguss romantischer Nostalgie ins Hirnpfeiferl, sondern lassen die Funken der freien Phantasie aufflackern. Und aus den Artefakten, die heut an unser Inselufer gespült werden, eine ganz neue Geschichte entstehen. Aber vielleicht funktioniert es auch nicht und wir werden noch depressiver. Nur – wenn wir die Idee von Liebe und Freiheit ernst nehmen, dann können auch wir die verklärte Vergangenheit entzaubern, indem wir sie nämlich nicht direkt dokumentarisch, also „eins zu eins“ abbilden – sondern indem wir uns ihr mehr metaphorisch, gleichsam in Gleichnissen, also „abstrahiert“ annähern. Und so spielen wir keinen umfassenden Hippie-Soundtrack zum Film vom nie gelebten Leben, aber ein reichliches Sammelsurium an Eindrücken von unserer Reise durch den Bauch der Zeit. Hermann Hesse trifft auf Rudi Dutschke. Die Punkballade auf Goa. Alte Hadern im neuen Gewand. Syd Barrett neben Käptn Peng. Aktuelle Beatles-Reworks und Neo-psychedelia aus Frankreich. Zu allerüberst Musikkabarettist Rainald Grebe. Und auch wir nehmens mit Humor: Liebe ist eine Frage der Frequenz – nicht des Frequency!

 

Zwischen Leben und Überleben

-> Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Februar – Eine Sound-Themen-Text- und überhaupst Rundumcollage, dass es uns und euch schwindlig werden wird. Versprochen! Eine Nachtwanderung durchs Hochgebirge der Eingebungen und die Abgründe der assoziativen Vielfalt. Bring erst einmal Jello Biafra mit Hermann Hesse, Gunkl und Käptn Peng auf einen Spoken-Word-Nenner! Oder entwickle einen roten Faden – noch besser gleich ein ganzes Knäuel – rund um so verschiedenartige Musikbeiträge wie zum Beispiel von Lehnen, Jefferson Airplane, Hans Zimmer, Chrystal Castles, Xavier Rudd, Steaming Satellites, Arik Brauer, Romy Schneider in Berlin, Tocotronic, Loungepaket, Rainald Grebe und Deadnote.Danse! Werte Hörgemüse und Ohrrüben, an die Empfängnisgeräte, denn derlei verspricht Vielfalt vom Feinsten! Wir schmeißen einfach eins aufs andere und rühren genüsslich darin herum – mit unseren eigenen Gedanken. Was hat übrigens Peter Gabriel zur dräuenden Gemeinderatswahl beizutragen? Richtig, „Moribund the Bürgermeister“ 😀 In diesem Sinne – zum Wohl!

Dunkel. Recht haben.Seltsames, Schräges, Symphonisches, Filmsoundtrack, Acid-Rock, Electronica, Liedermacher (pardon, Singer-Songwriter) Musikkabarett, Dark-Wave, Worldmusic, jede Menge sich jeder Genrebezeichnung entziehendes Klangsubstrat mit und ohne immanenter Botschaft, Fundstücke aus dem fluktuierenden Fundus von 50 Jahren Rock-, Pop- oder auch sonst Geschichte. Wie war das nochmal mit der Philosophie des Perlentauchens? Wir schwimmen in schlammigen Gewässern, wir fischen tagein, tagaus im Trüben, in den Kanälen und Kloaken der Zivilisationskultur. Wir stecken bis zum Halsansatz im modrigen Sumpf marketingfeiler Wortüberreste, bis über beide Ohren in einem stinkenden Brei aus Billaradio, Dancechartblähung und Warteschleifengeklingel. Und auch wenn uns das Herumtauchen in all dem merkantilen Dreck bis zur Erschöpfung anfäult – es gibt noch zwischen den unnötigsten Trümmern des enttäuschten Zukunftsglaubens der Staatslemminge das eine oder andere Kleinod zu finden und hervor zu holen. Eine Perle des Beschenkens, ein Ring der Begegnungen oder auch ein Schlüssel des Begreifens und Hinterfragens. Egal was – es gehört uns!

Nachttrafik. Sehr wichtig.Wir sind also quasi die letzte Nachttrafik vor der Ausfahrt in die Sackgasse. Deckt euch mit Mut und Spezereien ein, Freunde und Innen des Überlebens in arschkalten Sozialzeiten! Was zwischenmenschlich noch nicht aus Pressplastik ist, das wird es demnächst werden. Schön, wenn man sich noch berührt fühlen und verstanden wissen kann, abseits der ausgetrampelten Massenpfade. Und dafür wollen wir auch diesmal wieder sorgen – dass euch mitten in der Nacht eine unerwartete Idee anspringt, ein plötzliches Fünkchen Wärme anschmunzelt, ein grimmiges „jetzt reichts mir aber“ auskommt oder einfach dieses so dringend notwendige Gefühl überfällt, doch nicht ganz und gar allein auf der Welt zu sein. So wie bei einem guten Gespräch in einer gescheiten Trafik halt 😉 Wir bleiben die Radio-Nahversorger wider die Einsamkeit.

Glaube. Unfreiwillig.Interessant sind noch Buchhandlungen, deren Schaufenstergestaltung uns kleine Geschichten zu erzählen vermag. So wie wir ja auch unsere Fundstücke aus dem Gesellschaftsmüll benennen, sie mit Bedeutung versehen und in immer neuen Kombinationen zueinander in Beziehung stellen, auf dass sich im Geist ihrer jeweiligen Betrachter möglichst viele verschiedene Geschichten entwickeln. Im Unterschied zu den Weltbildern jeglicher Faschisten und Fundamentalisten (und da gehören auch die alltagsuniformierenden Zwangsneurotiker und Normsoziopathen in ihrer ständigen Anständigkeit allesamt mit dazu) wird Information keineswegs „von oben nach unten“ verordnet – sondern sie entsteht durch Interpretation der Wahrnehmung in den Gehirnen der Empfänger. Und zwar immer wieder neu und auch immer wieder anders. Genau so wie in der abgebildeten Auslage wollen wir im Radio Geschichten erzählen – damit in jedem einzelnen Kopfempfänger ein ganz eigenes phantastisches wahres Abenteuer entstehen kann. Kunst ist all das, was du kunnst (könntest) und damit herum zu spielen. Sei also eingeladen, uns diesmal zuzuspüren

 

Musique

Stream/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. Mai – Freihändig assozierte Musik und Textbeiträge oder auch: Ich zeig dir meins – du zeigst mir deins. Das wollten wir wieder einmal erleben – einander vorlesen und vorspielen, was uns so beschäftigt, begeistert, bewegt. Vor allem beim Wiederhören unserer ersten gemeinsam gestalteten Nachtfahrt „ZwischenInsel Poesie“ spürten wir so eine unbefangen schöne Spannung zwischen den Zeilen. So etwas Ähnliches wollten wir eigentlich noch einmal entstehen lassen – doch geht das überhaupt, nach fast zweieinhalb Jahren, zusammen unterwegs, im Radio, auf Reisen? Wie lässt sich das anfängliche Faszinosum ängstlich aufgeregten Kennenlernens abermals aufgreifen und mit der inzwischen gewachsenen Vertrautheit in spontanen Doppelconferencen verschmelzen? Eine Frischhaltepackung!

geschmückt für die nachtMusique – das Musische. Die anregende Inspiration. Der ätherische Kuss. Das beinah schon Unspürbare. Und dennoch unafhaltsam sich manifestierend gewinnt da etwas Gestalt und tritt schließlich hinaus ins Leben, in die Nacht, in die Welt. Verführen wir einander zu neuen Ideen und ergehen wir uns in überraschenden Bildwelten. Verdichten wir Augenblicke zu Ewigkeiten und lassen wir ebenso schnell wieder los, um zum nächsten Ufer aufzubrechen. Vergehen wir im Verweilen, springen wir von Stein zu Stein und sammeln wir Eindrücke für unser Lagerfeuer. Wärmen wir uns im silbrigen Mondlicht und lassen wir uns vom dunklen Fluss forttragen. Vertrauen wir der steten Verwandlung, fassen wir uns an den Händen – und ein Herz für die stürmischen Zeiten, die unsere Strände umbranden. Leisten wir uns den Urlaub vom Gewohnten, brechen wir auf, fahren wir los, leben wir…

literatur und politikMusique – das Unfass- und Unberechenbare. Das ist dann in keinem Subventionsansuchen zu rechtfertigen und in keiner Weise systematisch dingfest zu machen. Und wie es nicht passender sein könnte, fällt mir anlässlich der unlängst stattgehabten Wiedereinschwärzung unserer Salzburger Landesregierung dieses Sonderheft des Vereins für Politik und Zeitgeschichte der steirischen ÖVP in die Hände. Es stammt aus dem Jahr 1988, widmet sich dem Thema „50 Jahre Anschluss 1938“ und lässt ausgewiesen gesellschaftskritische Autoren wie etwa Michael Scharang zu Wort kommen, der die Einladung zum Mitgestalten folgendermaßen quittiert: „Ich höre weg, wenn von sogenannten Aufgaben gesprochen wird, welche die Literatur erfüllen soll. Ein Schriftsteller ist nicht der Erfüllungsgehilfe von Oberlehrern. Könnte Literatur jedoch hin und wieder erreichen, dass den Politikern das Lachen vergeht, würde ich mich dazu hinreißen lassen zu sagen, sie habe ihre Aufgabe erfüllt.“ Derartiges ist allerdings vor allem von Seiten der Herausgeber mutig! In dem Zusammenhang ist nicht unwitzig, wie ich diesen Band einst „erwarb“ – der wurde nämlich vor einigen Jahren von der Dr. Wilfried-Haslauer-Bibliothek (ÖVP Salzburg) zur Abholung als Altpapier aussortiert.

marsch blasen!Musique – die Musik! Kräftig den Marsch blasen – und gut zu hören. Denn was uns da dieses Mal in der Playlist widerfährt, das vereint die beiden Aspekte unserer ursprünglichen Idee, dass wir einander überraschen wollen mit Altgewohntem wie auch mit Neuentdecktem. Nur langweilig soll – und wird es auch – sicher nicht werden. Unsere Stimmungen sind wohl nach wie vor geprägt von dem, womit wir uns in den letzten Wochen beschäftigt haben, zumal von der Gedenksendung 75 Jahre Salzburger Bücherverbrennung. Das wirkt sich natürlich auf die Auswahl der von uns selbst gelesenen Texte wie auch der Musiktitel und sonstigen Spoken Word Beiträge aus. Doch weil wir hier eben eine ganz eigene Art von Sendung machen, dürfen und sollen sich unsere Gefühle auch aufführen und einmischen. Wir sind nämlich nach wie vor ein geiles Institut – und somit auch sehr gut zu spüren! 🙂