{"id":300,"date":"2010-08-08T08:08:11","date_gmt":"2010-08-08T06:08:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/?p=300"},"modified":"2010-08-08T12:35:05","modified_gmt":"2010-08-08T10:35:05","slug":"kein-engel-der-uns-die-reggae-musik-vom-himmel-brachte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/2010\/08\/08\/kein-engel-der-uns-die-reggae-musik-vom-himmel-brachte\/","title":{"rendered":"&#8222;Kein Engel, der uns die Reggae-Musik vom Himmel brachte&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_345\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/files\/2010\/07\/stascha_bader.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-345\" class=\"size-medium wp-image-345\" src=\"http:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/files\/2010\/07\/stascha_bader-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/files\/2010\/07\/stascha_bader-201x300.jpg 201w, https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/files\/2010\/07\/stascha_bader.jpg 335w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-345\" class=\"wp-caption-text\">Stascha Bader - Regisseur von &quot;Rocksteady-The Roots Of Reggae&quot;<\/p><\/div>\n<p>Sonne, Strand, Meer, leuchtende Farben, lachende Menschen, eine karibische Insel  und ein Haufen alter Musikerlegenden, die sich nach langer Zeit wiedertreffen, um noch einmal die Hits von damals aufzunehmen. Das Sujet kommt einem irgendwie bekannnt vor, aber Stascha Baders Film \u201eRocksteady\u201c, will mehr sein als eine blo\u00dfe Kopie vom \u201eBuena Vista Social Club\u201c.<br \/>\nDer Schweizer Regisseur gilt als Reggae-Experte, seine Dissertation \u00fcber \u201eElektro Orale Poesie in Jamaika und England\u201c ist heute noch ein Standardwerk. Nach \u00fcber 20 Jahren ist er wieder nach Jamaika gereist, um einen Film \u00fcber Rocksteady, die Wurzeln des Reggae, zu drehen.<\/p>\n<p>Rocksteady wird die Musik genannt, die Mitte der 60er den schnellen Beat des Ska verlangsamte, und aus der sich in flie\u00dfendem \u00dcbergang der Reggae entwickelte. In nur wenigen Jahren entstanden unz\u00e4hlige Hits wie \u201eBy the Rivers Of Babylo\u201cn, \u201eYou Don\u2018t Love Me Nonono\u201c, \u201eThe Tide Is High\u201c, die vielen heute nur noch als Coverversionen bekannt sind.<br \/>\nDie Originale und deren Interpreten hingegen sind ein wenig in Vergessenheit geraten. Das will Stascha Bader mit seinem Film nun \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Selina Nowak hat den Regisseur getroffen und mit ihm \u00fcber seinen Film geplaudert.<\/p>\n<p><strong>Machst Du selbst Musik?<\/strong><br \/>\nIch habe lange Musik gemacht und auch Musik studiert, aber ich bin kein Musiker, sondern spiele einfach zu meinem Vergn\u00fcgen ein bisschen E-Bass.<\/p>\n<p><strong>Hast Du w\u00e4hrend der Dreharbeiten mit den Musikern gejammt?<\/strong><br \/>\nNein, mein Job war, die Bienen im Korb zu behalten und nicht noch mehr Unruhe zu stiften (lacht) ich war \u201cnur\u201d Regisseur.<\/p>\n<p><strong>Nach Deiner Dissertation hast Du Dich lange nicht mit Reggae besch\u00e4ftigt. Warum?<\/strong><br \/>\nIrgendwie hatte ich eine Overdose und ab den 80er Jahren hat sich auch gar nicht mehr so viel getan im Reggae. Die heutige jamaikanische Musik h\u00f6re ich ehrlich gesagt selten, denn entweder ist es einfach Reggae &#8211; und den kenn ich jetzt schon seit vielen Jahrzehnten, weshalb er mich langweilt &#8211; oder es ist sogenannter Dancehall. Der ist unglaublich knallhart elektronisch, Soca und HipHop inspiriert, den finde ich auch nicht sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p><strong>Wie kam Dir dann die Idee zum Film?<\/strong><br \/>\nDie kam mir beim Ausr\u00e4umen meiner Plattensammlung. Ich musste mich entscheiden, was ich behalte und was ich wegschmei\u00dfe. Und so hab ich mich durchgeh\u00f6rt und bin beim Rocksteady einfach h\u00e4ngen geblieben. Ich dachte \u201ewow, so ein Schatz, der noch zu heben ist, so viele S\u00e4nger, so viele Bands, so viele unglaublich gute Musiker, wie w\u00e4re es, wenn man die nochmal zusammen bringen w\u00fcrde, um ein Album aufzunehmen?\u201c<\/p>\n<p><strong>Warum geriet Rocksteady ein wenig in Vergessenheit?<\/strong><br \/>\nRocksteady war eine kurze Periode, die sehr charmant und kammermusikalisch t\u00f6nte, eine Musik, die sehr herzlich war. Die Zeiten wurden dann in den 70er Jahren sehr viel h\u00e4rter in Jamaika und auch die Musik wurde h\u00e4rter. So waren die goldenen s\u00fc\u00dfen Tage des Rocksteady gez\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Ist es nicht ein bi\u00dfchen nostalgisch, all die alten Hits wieder aufzuw\u00e4rmen?<\/strong><br \/>\nDer wichtigste Grund, warum ich diesen Film gemacht habe, ist weil Rocksteady ein f\u00fcr mich ein Weltkulturerbe ist. Aber im Gegensatz zu den Pyramiden oder dem Taj Mahal, die aus Stein gebaut sind, ist die Musik etwas das sich in Luft aufl\u00f6st. Ich wollte diesen Musikerinnen und Musikern ein Denkmal setzen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, sondern viel mehr mit historischer Gerechtigkeit.<\/p>\n<p><strong>Was haben die Musiker nach der Rocksteady \u00c4ra gemacht?<\/strong><br \/>\nViele Rocksteady-Musiker sind ins Ausland gegangen um Geld zu verdienen. Einige haben es  geschafft, auf die Reggae-Welle aufzuspringen, andere haben einfach aufgeh\u00f6rt, Musik zu machen. Die hatten dann Brotjobs als Verk\u00e4ufer, Maler, Bauarbeiter, LehrerIn\u2026<\/p>\n<p><strong>Und wie werden die Musiker heute in Jamaika angesehen? Sind sie dort auch in Vergessenheit geraten?<\/strong><br \/>\nJamaika ist ein Ort, wo Musiker sehr hoch geehrt werden, vielleicht wie bei uns die Schriftsteller. Jedesmal, wenn ich mit irgendeinem der Musiker durch die Stra\u00dfen von Kingston spazierte, wurden wir angehalten und von allen Seiten t\u00f6nte es \u201eHallo, wie geht\u2018s\u201c.<br \/>\nMan kann mit Stranger Cole oder Ken Boothe zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das Ghetto gehen, ohne angegriffen zu werden. Sie sind Autorit\u00e4ten, die jeder kennt, fast schon Halbg\u00f6tter.<\/p>\n<p><strong>Wie wichtig war es, im legend\u00e4ren Federal Records Studio aufzunehmen und zu drehen?<\/strong><br \/>\nZur Zeit des Rocksteady gab es drei Studios in Jamaika: Treasure Isle, Federal Records und Studio One. Von diesen ist heute nur noch das Federal Record Studio aktiv. Das hat Bob Marley gekauft und umgetauft in Tuff Gong Studio. Studio One funktioniert nicht und Treasure Island gibt\u2019s auch nicht mehr.<br \/>\nEs gibt also nur noch ein Studio aus dieser alten Zeit. Und ich wollte es unbedingt in einem alten Studio aufnehmen, weil das garantierte, dass man auch so arbeiten kann, wie es damals war. Dass man alle 12-15 Musiker reinstopfen kann, plus mehrere S\u00e4nger und in einem Take den ganzen Song aufnehmen kann. Denn die modernen Studios sind alle klitzeklein, man stellt nie eine ganze Band rein.<\/p>\n<p><strong>Wie nahmst du Kontakt zu den Musikern auf, kanntest du einige schon vorher pers\u00f6nlich? <\/strong><br \/>\nEs war eine Heidenarbeit, alle MusikerInnen aufzust\u00f6bern. Viele Freunde haben mir geholfen. Chuck Foster, der die Sendung &#8222;Reggae Central&#8220; von KPFK in Los Angeles macht, und Mossman Raxlen aus Montreal, der ein DJ und Reggaeproduzent ist. Die beiden haben mir sehr geholfen, Kontakt zu vielen Leuten aufzunehmen, die sie pers\u00f6nlich kennen. Aber dann ging f\u00fcr mich das Klinkenputzen los. Ich musste jeden Einzelnen pers\u00f6nlich treffen, bitten, und zum Teil auch beknien.<\/p>\n<p>Einige haben nicht mitgemacht. John Holt von den Paragons h\u00e4tte ich sehr gern dabei gehabt, weil er Klassiker (&#8222;The Tide Is High&#8220;) geschrieben hat. Wir haben dutzende Male versucht, ihn und seinen Produzenten anzurufen, aber es hat leider nie geklappt. Dito mit dem legend\u00e4ren Rocksteady-S\u00e4nger Alton Ellis.<\/p>\n<p>Judy Mowatt wollte anf\u00e4nglich nicht mitsingen, sie sagte, dass Rocksteady f\u00fcr sie Schlagerkitsch sei. Sie ist Christin geworden und singt heute ausschlie\u00dflich Gospels. Ich musste zweimal zu ihr nach Jamaika reisen. Das erste mal mit Schweizer Schokolade, das hat nichts genutzt, das zweite Mal mit &#8222;Basler L\u00e4ckerli&#8220;, das hat sie dann gemocht.<br \/>\nAber die alle anderen haben sehr gerne mitgemacht<\/p>\n<p><strong>Wie stark hat Dich \u201eBuena Vista Social Club\u201c beeinflusst?<\/strong><br \/>\n\u201eRocksteady &#8211; The Roots Of Reggae\u201c ist \u00e4hnlich aufgebaut. Blo\u00df hab ich in meinem Film auch noch die historische Komponente mit einbauen wollen. Das hei\u00dft, darin ist sehr viel historisches Archivmaterial und auch die Songs folgen einer ganz starken historischen Entwicklung. Es geht darin um Arbeitslosigkeit, um Auswanderung, um Kriminalit\u00e4t, nat\u00fcrlich auch um die Liebe und die Hoffnung und den Geist der Rebellion. Denn das hat mir ein bisschen gefehlt in \u201eBuena Vista Social Club\u201c und deswegen wollt ich\u2018s ein bisschen besser machen.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnte Dein Film einen Jamaika-Boom ausl\u00f6sen, \u00e4hnlich wie es damals nach \u201eBuena Vista\u201c einen Kuba-Boom gab?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde mir sehr w\u00fcnschen, dass mein Film \u00e4hnlich wie \u201eBuena Vista Social Club\u201c ein Revival ausl\u00f6st und, dass die Musiker wieder im Scheinwerferlicht stehen. Sie waren die Sch\u00f6pfer einer wunderbaren Musik, die zu einer Weltmusik wurde. Dies wurde noch nie richtig anerkannt.<\/p>\n<p><strong>Im Film wird auch die Ehefrau von Bob Marley interviewt. Wie gro\u00df ist sein Einfluss auf die Reggae Musik tats\u00e4chlich?<\/strong><br \/>\nMein Film k\u00f6nnte auch hei\u00dfen: \u201eStanding In The Shadow Of Bob Marley\u201c. Es ist ein Film, der zeigen will, dass es eben kein Engel namens Bob Marley war, der uns die Reggaemusik vom Himmel gebracht hat, sondern, dass es eine Volksmusik ist, die von unten entstanden ist und Bob eigentlich ein Teil davon war.<\/p>\n<p>In Jamaika ist er nicht mehr wirklich relevant, weil er schlichtweg nicht mehr da ist. Man h\u00f6rt seine Musik ab und zu im Radio, aber er sagt nicht so viel zur heutigen Zeit. F\u00fcr die Jamaikaner ist er eine verblassende Ikone.<\/p>\n<p><strong>Und die politische Ikone Bob Marley?<\/strong><br \/>\nNiemand glaubt in Jamaika daran, politisch etwas bewegen zu k\u00f6nnen. Bob Marley hat es versucht und ist international zu einer Politikone geworden, man sieht ihn auf T-Shirts, vorne Bob, hinten Che Guevara. Aber in Jamaika ist sein Einfluss minimal.<\/p>\n<p><strong>Gibt es weitere Musikthemen, die Dich reizen?<\/strong><br \/>\nDer Balkan birgt f\u00fcr mich ein unheimlich interessantes Reservoir an musikalischen Entdeckungen. Vielleicht mach ich auch eine Fortsetzung von \u201eRocksteady\u201c, einen Film \u00fcber den heutigen Reggae international. Oder ein Musical in Jamaika \u2013 wer weiss.<\/p>\n<p><strong>Wird es eine Europatour mit den Rocksteady Musikern geben?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass alle Rocksteady Allstars mit Band durch Europa und die Welt touren, denn sie sind ein Kn\u00fcller. Das Internationale Jazzfestival Montreal, Kanada, hat sie letztes Jahr eingeladen. Da bewies unsere Rocksteady All Star-Band vor 125 000 Leuten, dass sie in Topform sind! Es war ein wahnsinnig sch\u00f6nes Konzert und ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass sie auch in Europa auftreten \u2013 m\u00f6glichst bald!<\/p>\n<p>&#8222;Der Film Rocksteady \u2013 The Roots Of Reggae&#8220; l\u00e4uft momentan deutschlandweit in den Kinos und ist, genau wie der dazugeh\u00f6rige Soundtrack im Handel erh\u00e4ltlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit dem schweizer Regisseur Stascha Bader \u00fcber seinen Film &#8222;Rocksteady &#8211; The Roots Of Reggae&#8220; <a href=\"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/2010\/08\/08\/kein-engel-der-uns-die-reggae-musik-vom-himmel-brachte\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3595],"tags":[3618,3617,3615,3616],"class_list":["post-300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","tag-film","tag-interview","tag-rocksteady","tag-stascha-bader"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=300"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":350,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/350"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}