{"id":777,"date":"2012-04-19T19:23:13","date_gmt":"2012-04-19T17:23:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/?p=777"},"modified":"2012-04-19T19:23:13","modified_gmt":"2012-04-19T17:23:13","slug":"doch-wir-ham-ein-goldnes-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/2012\/04\/19\/doch-wir-ham-ein-goldnes-herz\/","title":{"rendered":"&#8230;&#8220;doch wir ham ein gold&#8217;nes Herz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel erschien am 16.04.2012 in einer gek\u00fcrzten Version in der <a title=\"Wiener Zeitung 16.04.12\" href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\/themen_channel\/wz_integration\/gesellschaft\/450948_Nicht-den-alten-Nazis-ueberlassen.html\" target=\"_blank\"><strong>Wiener Zeitung<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>&#8222;Sei Bluat war so l\u00fcftig und leicht wie der Wind. Ja, er war halt: a echt&#8217;s Weanakind.&#8220;<br \/>\nSo endet das ber\u00fchmte Fiakerlied, das vielen als &#8222;heimliche Hymne Wiens&#8220; gilt.<br \/>\nUnter den Nazis war dieses Lied verboten. Nicht jedoch, weil der Ausdruck \u00f6sterreichisch-wienerischen Nationalstolzes dem gro\u00dfdeutschen Anschlussgedanken widersprach. Der Grund: Gustav Pick, der Autor des Fiakerliedes, war Jude.<br \/>\nSo wie auch Fritz Spielmann (Schinkenfleckerl), Jimmy Berg (Sperrstund Is) oder Peter Hammerschlag (Kr\u00fcppellied).<\/p>\n<p>Bis 1938 waren in Wiener Kabarett, Chanson und Revue\u00a0 j\u00fcdische Komponisten, Texter und Musiker \u00fcberdurchschnittlich vertreten.<br \/>\nUnz\u00e4hlige Volkss\u00e4nger, Komiker und Musiker tummelten sich um die Jahrhundertwende in den Kaffeeh\u00e4usern und Singspielhallen Wiens. Etablissements wie das Kabarett &#8222;H\u00f6lle&#8220;, oder das &#8222;Budapester Orpheum&#8220; waren Talentschmieden f\u00fcr K\u00fcnstler wie Fritz Gr\u00fcnbaum, Karl Farkas, Hugo Wiener, Armin Berg oder Hans Moser. Letzterer war \u00fcbrigens kein Jude, aber mit einer J\u00fcdin verheiratet, spielte in der Nazizeit aber trotzdem \u2013 oder deshalb? \u2013 in fragw\u00fcrdigen Propagandastreifen mit. Aber das sei hier nur am Rande bemerkt.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tsfrage \u2013 Jude oder Nicht-Jude \u2013 war noch bis in in die Zwischenkriegszeit hinein von geringer Bedeutung, wichtiger war die Einstellung zu Begriffen wie Nation und Heimat.<strong><br \/>\n<\/strong>Im ersten Weltkrieg hatten sich noch viele j\u00fcdische K\u00fcnstler, wie Robert Musil, Stefan Zweig, Franz Werfel, Oskar Kokoschka oder Alfred Kubin f\u00fcr den Krieg freiwillig gemeldet oder ihre Kreativit\u00e4t in den Dienst militaristischer Propaganda gestellt. Damit entsprachen sie dem allgemeinen Zeitgeist.<br \/>\nSo auch der ber\u00fchmte Hermann Leopoldi, einer der meist gefeierten &#8222;Klavierhumoristen&#8220; der 20er Jahre, Komponist und Interpret unz\u00e4hliger Schlager und Wiener Lieder.<\/p>\n<p>Leopoldi hie\u00df eigentlich Hersch Kohn, entstammte einer j\u00fcdischen Meidlinger Musikerfamile und wurde 1938 ins KZ Dachau und dann ins Lager Buchenwald deportiert. Er hatte Gl\u00fcck, seine Frau konnte ihn freikaufen, und er emigrierte in die USA.<\/p>\n<p>Weniger Gl\u00fcck hatte Fritz L\u00f6hner-Beda, Leopoldis langj\u00e4hriger Textdichter. Ihr letztes gemeinsames St\u00fcck war der Buchenw\u00e4lder Marsch, den sie auf Anordnung des sadistischen KZ-Leiters komponiert hatten. L\u00f6hner-Beda \u00fcberlebte den Nazi Terror nicht. Genauso wie unz\u00e4hlige andere j\u00fcdische Musiker, Komponisten und Schriftsteller. Kein Wunder, dass die meisten \u00dcberlebenden im Exil nicht gerade das Bed\u00fcrfnis hatten, in ihre alte Heimat zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Hermann Leopoldi kam zur\u00fcck \u2013 und wurde jubelnd in Wien empfangen. Es schien, als h\u00e4tten die \u00d6sterreicher vergessen, warum er emigriert war, &#8222;Sagen&#8217;s Herr Kohn wann kommen&#8217;s z&#8217;r\u00fcck&#8220;, heisst es denn auch in einer Textzeile des Liedes &#8222;An der sch\u00f6nen roten Donau&#8220;, in dem Leopoldi mit der anbiedernden Verdr\u00e4ngungsmentalit\u00e4t der \u00d6sterreicher abrechnet. &#8222;Wann kommen&#8217;s z&#8217;r\u00fcck?&#8220;, als ob er nur mal auf Urlaub gewesen sei. Weiter heisst es in dem Lied: &#8222;Wir ham schlie\u00dflich kan Charakter, doch wir ham ein gold&#8217;nes Herz.&#8220;<br \/>\nSchon bald schrieb der Leopoldi aber wieder wie gewohnt typisch &#8222;\u00d6sterreichische&#8220; Schlager \u00fcber Weinseligkeit und Schm\u00e4htandlerei und wurde daf\u00fcr bis zu seinem Tod 1959 vom \u00d6sterreichischen Publikum gefeiert.<\/p>\n<p>Auch Gerhard Bronner kam nach dem Krieg zur\u00fcck. Seine\u00a0 gesamte Familie war von den Nazis umgebracht worden, er selbst hatte eine abenteuerliche Fluchtgeschichte nach Pal\u00e4stina hinter sich und wollte eigentlich 1948 nach London, wo er ein Engagement erhalten hatte. Doch seine damalige Frau bestand darauf, noch vorher ihre Eltern in Wien zu besuchen. Er blieb h\u00e4ngen. &#8222;Wir d\u00fcrfen die jungen Menschen hier nicht mit den alten Nazis allein lassen&#8220;, war das ausschlaggebende Argument seines Freundes Hans Weigel. Bronner wurde zu einer \u00f6sterreichischen Rundfunk- und Wiener Kabarettkoryph\u00e4e, legend\u00e4r waren seine Programme mit Helmut Qualtinger (dessen Vater \u00fcbrigens \u00fcberzeugter Altnazi war), legend\u00e4r seine &#8222;Marietta Bar&#8220;, in der unter anderem auch Georg Kreisler seine ersten musikalischen Schritte in \u00d6sterreich machte.<\/p>\n<p>Kreisler war 1955 aus den USA zur\u00fcckgekehrt und hatte Zeit seines Lebens ein \u2013 milde ausgedr\u00fcckt &#8211; ambivalentes Verh\u00e4ltnis zu Wien und \u00d6sterreich. &#8222;Wie sch\u00f6n w\u00e4re Wien ohne die Wiener&#8220;, heisst es in einem seiner Lieder. Zu seinem 75. Geburtstag 1996 bat er\u00a0 er gar in einem offenen Brief an die Repr\u00e4sentanten der Republik, ihm in Zukunft nicht mehr zu seinen Jubil\u00e4en zu gratulieren, &#8222;weil sich die Republik \u00d6sterreich in den \u00fcber vierzig Jahren, seit ich nach Europa zur\u00fcckgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat.&#8220; Die \u00d6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft habe er nie zur\u00fcckerhalten, stattdessen bes\u00e4\u00dfe er immer noch seinen alten Deutschen Pass mit einem gro\u00dfen J Stempel darin.<\/p>\n<p>In seinem Buch &#8222;Das b\u00f6se Wien&#8220; schrieb Kreisler:<br \/>\n&#8222;Wien ist ein einziger gro\u00dfer Platsch, schlammig, faulig, wurstig, vielleicht das Einzige in der Welt von dem man sagen kann: &#8222;Ein bisschen tot.&#8220;<\/p>\n<p><em>Die Lieder Kreislers, Bronners, Leopoldis und all der anderen unz\u00e4hligen j\u00fcdischen Komponisten, Musiker, Texter und Kabarettisten, werden heute noch gesungen. <\/em><\/p>\n<p><em>Beim Wean Hean Wienerlied Festival vom 19. April bis 23. Mai 2012 zum Beispiel, das dieses Jahr den Schwerpunkt auf j\u00fcdische Komponisten und Textdichter setzt. <\/em><\/p>\n<p><em><strong><a title=\"Wean Hean 2012\" href=\"http:\/\/www.weanhean.at\/\" target=\"_blank\">HIER<\/a><\/strong> geht&#8217;s zum Programm.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der j\u00fcdische Beitrag zum Wienerlied. <a href=\"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/2012\/04\/19\/doch-wir-ham-ein-goldnes-herz\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":79,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3595],"tags":[],"class_list":["post-777","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=777"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/777\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":783,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/777\/revisions\/783"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.radiofabrik.at\/fraunowak\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}