Menschenvernichtungsmaschine

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 10. April um 22:06 UhrWas für ein Wort – und wie es zustande gekommen ist. Es trifft ein jedem Menschen innewohnendes Grundgefühl, ungeachtet dessen, ob das nun verdrängt, verleugnet, verboten oder unterdrückt ist. Die Diktatur der guten Laune herrscht doch nicht nur irgendwie “da draußen”, sie findet zugleich auch in uns allen statt. Um es persönlich zu sagen: In dir – in dir – in dir – und in mir. Ein Gefühl unentrinnbaren Ausgeliefertseins, das in den frühesten Erfahrungen des Nichtselbstseindürfens erstmals erlebt wird und das von da an immer wieder auftaucht, sobald von uns Anpassung an die Übermacht verlangt wird, die wir als gegen unsere Lebensinteressen gerichtet erkennen. Doch hätten wir diese Gefühle nicht von uns abgespalten, hätten wir das nicht überlebt.

Menschenvernichtungsmaschine 1

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Eine solche Begegnung mit der gewaltsam Anpassung fordernden Funktionsmaschinerie zeigt der Film “Freistatt” auf eindrucksvolle Weise. Doch offensichtlich ist die schwarze Pädagogik wohl kein Phänomen, das der einen oder anderen Zeitepoche punktuell zuzuordnen wäre. In Michael Hanekes Film “Das weiße Band” wird die umfassende Durchdringung der gesamten Gesellschaft mit den gleichen Vorgehensweisen gegen das Lebendige in Kindern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt. Und die Salzburger Pädagogin Sabine Seichter deckt in ihrem Buch “Das normale Kind” deren Fortbestehen in heutigen Erziehungsmethoden auf. Soviel erstmal zu der diese unsere Sendung umgebenden Mentalitätslandschaft. In dieses Setting setzen wir unser Set aus Musik, Stimmungen, Texten und Gesprächenunseren kleinen Koffer mit Werkzeugen zur Reparatur der Welt (Tikkun Olam)

Menschenvernichtungsmaschine 2

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Ein Kind kommt in einen Kindergarten und erlebt dort etwas so Schreckliches, dass es zunächst seine Wortsprache verliert. Zugleich erlebt es etwas so Schönes, dass es ein Bild zeichnen kann, in dem nicht nur seine eigenen Gefühle, sondern zudem die seiner Familie sowie alle Wirklichkeit(en) der Welt enthalten sind. Und als ob das nicht schon Wunder genug wäre, hat es auf ein Mal auch sämtliche Worte wieder, um seiner Mutter die ganze Geschichte des Bildes zu erzählen: “Das ist die Menschenvernichtungsmaschine …” Was das Schöne war, das es zuvor im Kindergarten erlebt hat und das es zu dieser Entwicklung befähigte, diese “geheimnisvolle Ressource”, das will ich noch nicht verraten. Das werde ich in der Sendung erzählen und ihr könnt dabei, wie wir zu sagen pflegen, gut zu hören. Das Kind nämlich bin ich selbst und es ist meine eigene, wunderbare Geschichte.

Menschenvernichtungsmaschine 3

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Die Erinnerung an die Erlebnisse im Kindergarten sind mir erst unlängst wieder aufgetaucht. Aber das Bild und die damit verbundene Geschichte, das hat sich mir seit damals dermaßen eingeprägt, dass ich es auch früher schon immer wieder abrufen konnte. In Verbindung mit dem “schrecklichen Schweigen” meiner Familie, etwa für die Sendung “105 Jahre Marko Feingold” oder in Bernhard Jennys Buchprojekt “100x NIE WIEDER …” Doch diese eine Bedeutungsebene, die auf die Verbrechen des Nationalsozialismus verweist, ist nur eine von mehreren, die in diesem einen Augenblick glückhafter Selbstbegegnung enthalten sind. Und ich bin mir sicher, dass da noch einiges mehr an Zuordnungen und Verknüpfungen im Synapsenlabyrinth zustande kommen wird. Es geht dabei darum, sich selbst wieder zu spüren sowie die Verbindung wieder aufzunehmen, die damals abgerissen ist.

Die Menschenvernichtungsmaschine ist ein wiederkehrendes Motiv. Es zeigt uns zutreffend den Zustand der “zivilisierten” Welt auf. Ein individuelles Schicksal muss es allerdings nicht sein.