Der Sender mit dem Schorsch

Ein Schorsch mit Ohren – seit zwanzig Johren. Was soll das? In der Radiofabrik unseres Vertrauens werden Wahlen noch mit Geschmack gewonnen – und deshalb können ALLEganz nach Gehör – den ihrer Ansicht nach “besten” Jingle wählen, und zwar hier: Anhörung und Online-Abstimmung, ein Demokratie-Hörtheater für Anfänger und Insider. (Jeder nur ein Kreuz) Woselbst auch wir, die Perlentaucher, gleich mit 4 Beiträgen quasi gegen uns selbst antreten. Genug kann nie genügen, auch nach 20 Jahren nicht, das erkannte Konstantin Wecker ja schon vor vielen… Und so tauchen wir tief in unser Archiv, um der Fragestellung “Was soll das?” ein paar Perlen beizufügen, die sowohl unser Selbstverständnis als Sendungsmacher als auch die Wesensart der Radiofabrik darstellen. Die Ursuppe, eine Anstiftung:

Der mit dem Schorsch tanztDas Sinnbild oder die Grundidee des Perlentauchens ist ungemein zeitgemäß: Durch immer mehr und immer noch zäheren Schlaaz zu tauchen, um einzelne Perlen des Besonderen und somit subjektiv Wertvollen hervor zu stöbern, auf dass wir sie in diesem öffentlichen Raum Radio mit anderen kreativen Individualist_innen teilen können. Und passt auch wie der Topfdeckel aufs Freie Radio, einem der letzten öffentlichen Räume, der noch nicht von kommerziellen und/oder machtpolitischen Interessen verseucht ist. In dem genau jener Erfolgs- und Anpassungsdruck nicht herrscht, der sonst ja schon die meisten Lebensträume molochgleich verschlungen hat. Jener zutiefst soziopathische Wachstumswahn, der schöpferisches Arbeiten unmöglich macht und seelische Ausgeglichenheit zerstört. Diese Zerdepperung des Menschlichen durch Populismus, Krone und Fernsehblah. Jede Menge dicht verdichteter Schlamm also, Unflat und Gatsch, aus dem solche Kostbarkeiten wie etwa Eigenartiges oder Wesentliches hervorzusuchen immer anstrengender wird. Jedoch ein von unbeugsamen Sender_innen bevölkertes Radio hört nicht auf, all den Dringlingen Widerspruch zu leisten. Hier die Zutaten zu unserem Zaubertrank:

Schorsch 1: Was soll das feat. Norbert K.Hund (Kunstbiotop-Jingle) via CBA

Moderatorin: “Über die Alternativen einer lebendigen Salzburger Kultur machen sich nur die wenigsten Gedanken…”

Norbert K. Hund: “Und das, was wir unter Kultur verstehen würden, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar wäre mit einem Biotop. Das vergleichbar wäre mit einem kleinen Tümpel, einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das, denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Schorsch 2: Was soll das feat. Thomas Oberender (Oberender-Jingle) via CBA

Interviewer: “Leidet der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele an so etwas wie einem Salzburg-Syndrom?”

Thomas Oberender: “Alsozusagen, wenn sie über die Identifikation oder Identifizierung – des Aggressors sprechen, der sind wir. Ab da tuts weh, ja. Dass sie sich selber sozusagen auch als Täter erleben. Das ist die Urerfahrung des Dramas oder der Tragödie, die da eben lautet: Wir sind sterblich – und Leben heißt schuldig werden. Immer. Für jeden einzelnen von uns. Und dafür ein Auge zu öffnen und sich mit dieser Erfahrung zu konfrontieren – das ist das Privileg, aber auch die Aufgabe von Kunst.”

Schorsch 3: Was soll das feat. Perlentaucher (Perlentaucher-Jingle) via CBA

Christopher Schmall: “Vor allem, wenn man jetzt Romane schreibt und da wirklich sehr viele Personen irgendwie in sich hat, und über die Bescheid weiß und ihr ganzes Leben teilt – die lassen einen auch nicht los. Deswegen hat die Joanne K. Rowling, die ja Harry Potter geschrieben hat, jetzt wieder neue Bücher geschrieben, weil sie einfach nicht aus dieser Welt raus kann. Sie hat diese Welt für sich erschaffen und ist einfach so in dieser Welt drinnen…”

Norbert K.Hund: “Ah, du meinst, würde sie jetzt zuhause sitzen und mit diesen ganzen Charaktären schwätzen, dann würd man sie bald einmal holen…”

Christopher Schmall: “Ja, aber nachdem sie das in Büchern verpackt…”

Norbert K.Hund: “Genau. Um das zu vermeiden, schreibt sie immer weiter…”

Christopher Schmall: “Ja, voll. Also, ich glaub schon, dass Kunst einen vor psyschischen Krankheiten auch retten kann.”

Schorsch 4: Was soll das feat. Günther Paal aka Gunkl (Gunkl-Jingle) via CBA

Günther Paal (Gunkl): “Es muss die Möglichkeit bestehen. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn sie sich etwas leisten kann. Eine Gesellschaft, die sich Querdenker oder lautradikal Nichtdenker nicht leisten kann – also, wenn man das nicht abfedern kann, dann ist das ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Davon abgesehen passiert in diesen Freien Radios auch etwas, was ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen.”

…………

Nicht zuletzt und nicht umsonst endet jedes der hier transkribierten Statements mit dem selben Dialog: “Die Radiofabrik – was soll das? – Freies Radio für Salzburg!” Ebenso absichtsvoll heißt der Titel des zitierten Musikstücks “Nothing else matters!” Und jetzt nehmt euer demokratisches Wahlrecht (oder wie das Ding heißt) endlich in den Mund – und gebt uns eure Stimme! Wir machen höchstens einen Jingle draus…

 

Dummer August

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. August – Ein dummer August kann einerseits eine bestimmte Figur im Ensemble von Zirkusclowns sein, ein sogenannter Rotclown (wegen der Nase), soweit die wissenschaftliche Einsicht zur Eröffnung unserer einstweiligen Betrachtung. Ein dummer August (mit Betonung auf der zweiten Silbe) kann aber auch ein missratener Sommermonat sein, der nicht nur viel zu schwülwarm daherwettert, sondern auch sonst allerlei Unannehmliches mit sich führt, wie etwa Fernsehnachrichten oder Studioumbau. Sobald der August (beliebig betonbar) also ein richtiger Ungustl wird, hilft nur noch eine Rot(z)nase, um sie ihm aufzusetzen, damit es vielleicht wieder lustig wird in dieser Rundumsauna des schweißtreibend erschöpfenden Vielzuviel, Vielzuschnell und Vielzunochmehr

Dummer Hund“I dagrei de Hitz neama” sprach heut schon der Hase – und sprang in den Swimmingpool seines benachbarten Freundes. Dem Hund bleibt da nur Nina Hagen: “Ich war zuhause unter meiner kalten Brause”. Das erfrischt immerhin auch, wenn es einem viel zu HEISS wird. “Ich brauche mehr Wasser”. Soweit die Haushaltstipps der Redaktion. Es folgt die übliche Drogenwarnung. Gegen Abend ist zudem mit Bevölkerungszunahme zu rechnen, die breite Masse breitet sich aus oder so, wahnsinnig witzig. Ich bin halt auch schon weitgehend verdunstet. Was also soll das alles? In feuchtfroher Erwartung des Endes der Hitzewelle bespaßen wir sämtliche Aspekte des Unvermeidlichen – wie einst der liebe Augustin: “Alles ist hin!” Die allmächtige Liaison von Penis und Kapital. Und noch einmal setzen wir dem Unerträglichen unser Erlesenstes zuwider.

Dummer KrautschädlSo wird es allerhand Humoreskes wie auch Hintergründiges auf die Ohren geben. Die Darstellung des unerigierten Penis (Hazel Brugger) sowie das Fenster mit dem Hasen (Torsten Sträter), den Todesengel (Lisa Eckhart) und naturgemäß die unter “Drogenwarnung” verlinkte Habakuk-Parodie (maschek). Wir stellen jene 20-Jahre-Radiofabrik-Jingles vor, die wir in diesem Jahr erstmals als Perlentaucher beim Radioschorsch-Public-Voting einreichen – und schwätzen und lesen uns wie immer die Münder wund, dass nur noch massenhaft Flüssigkeit die Selbstentzündung abhüten kann. Selbstredend (sag ich ja) gibts auch die gewohnt außergewöhnliche Musik, durch die uns allen Trost und Rat widerfährt: “Mei Krautschädl is nämlich net deppad!”

Dummer Thomas BernhardOder Thomas Bernhard. Ist man ein dummer Mensch, sobald man in die entgegengesetzte Richtung geht, also nicht der Mehrheit und ihrer allgemein üblichen Denkwelt folgt? Die Führer, die uns heute befehlen, sind die Prinzipien und Sachzwänge des “freien” Marktes. Die Götter, die unseren Gehorsam verlangen, sind komplexe Systeme aus Ursache und Wirkung, die von ihren Betreibern ganz legal gegen uns verwendet werden. Irgendwelche Bundeshutständer und Plakatkasperln sorgen bloß für den gesetzlichen Rahmen, innerhalb dessen wir gewinnbringend verwurstet werden. Und jeder Mensch hat das Recht, ein dummer zu sein und zu jedem solchen Schwachsinn Ja und Amen zu sagen. Da muss man sich doch endlich in die andere, die eigene Richtung aufmachen. Immerhin darüber lachen. Dummer geht nummer

 

der macht was er will

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. April April, April (kein Scherz!), der macht was er will. Das sollten wir uns zu Herzen nehmen! Oder auch der Macht, wenn sie macht, was sie will, das eigene Wollen entgegen – machen? Ein ganz schöner Abnützungskrieg, wenn man genau hinspürt. Marcello Da Forno sagte einst: “Willkommen daheim, hier wird der freie Wille freundlich umgebogen.” Wir befinden uns im Jahr 2018 nach Dings. Ganz Globalien ist von Kapitalisten besetzt. Ganz Globalien? Nein! Ein von unbeugsamen Selbstmenschen bevölkertes Medium hört nicht auf, den neoliberalen Eindringlingen Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Kommerzkasperln, die da als Beschwatzung in den befestigten Firmensendern Klimbim, Dumdum, Blablablah und Hollareidullijöh vor sich hin zwitschern…

macht wasIrgendwas mit Aquarium war da auch noch, glaub ich, oder wars Artarium? Egal, Idee oder doch lieber Tee? Allons, enfants terrible, wir spülen die Hitz zum Frühling letztjährig aus dem Saunastudio der Radiofabrik zu Salzburg, wo dir bei der kleinsten Bewegung der Schweiß aus allen Poren reihert. Feuchtwarme Nächte werden es bald gewesen sein, wenn heuer der Studioneubau wie angekündigt gelingt. Apropos Schweiß, ist es nicht seltsam, das immer nur der Krieg “ausbricht” oder sonst eine ansteckende Krankheit, nie jedoch der Frieden, der wird angeblich immer von irgendwem “gemacht”. Aber wer macht Sprache? Wehrmachtsprache? Und was macht Sprache? Was, Machtsprache? Mit Worten spielen kann nur, wer noch selbst Platz zum Denken hat. Also Raum als Produkt von Freiheit und Zeit. “Sie brauchen nicht denken, sie sind überdacht.” Diesen prophetischen Wortwitz zelebriert Konstantin Wecker nunmehr seit 35 Jahren: Im Namen des Wahnsinns. Und von Jahr zu Jahr wird er noch zutreffender. Bald haben wir alle genug Zerplatz.

der machtWas in Österreich Konsument heißt, nennen sie in Deutschland Verbraucher. Eine an sich schon sehr spezielle Wortwahl, wenn man die ökologischen Probleme des Planeten bewusst betrachtet. Konsum-End und Zerbraucher wären da wohl angebrachter! Und aus “Endverbraucherzertifikat” (einem Neusprechwort aus dem internationalen Waffenhandel) wird wortverspielerisch ganz schnell “Endzerbraucherverfickdiktat”. So lebendig die Sprachentwicklung im allgemeinen auch immer sein mag, die Wortwahl der Gesetzestexte ist nie eine demokratische. Gibt es also tatsächlich “kein richtiges Leben im falschen“, wie Adorno es ausdrückt, sind wir alle im Grunde geisteskrank, weil wir in einer wahnsinnigen Welt wohnen? Ein interessanter Gedanke, weil der im Umkehrschluss auch bedeutet, dass alle von der herrschenden Norm abweichenden zumindest graduell gesünder sein können. In dem Zusammenhang empfehlen wir die Gedanken von Kate Tempest, die wir im Artarium vorgestellt haben. Ansonsten, macht Sprache, wir machen nichts anderes.

 

Wir spielen die Hitz

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. JuliSalzburgs einzigstes Hitzradio aus dem heuer noch nicht klimatisierten Saunabereich der Radiofabrik. Wir schwitzen für euren Genuss und entblöden uns nicht, auch die Fenster zu schließen, wenn im Gastgarten wieder der Grölpöbel stöhnt. Doch womöglich regnets ja eh. Wie dem auch sei, die Doppeldeutung des Titels ist absichtsvoll gewählt. Nicht jeden Preis, der heiß ist, wollen wir auch gewinnen! Und zumeist ist “die beste Musik aller Zeiten” zugleich der größte Scheißdreck aus industrieller Künstlerhaltung. “Die größten Hits” sind es mit an tödlicher Sicherheit grenzender Wahrlichkeit immer. Die größte Hitz hingegen herrscht hier in diesem Brutschrank der Möglichkeiten, sobald es auch nur einen Tag lang Sommer ist…

Österreich Hitz“Ein Musikprogramm abseits des Mainstream” verkündet arbeitsfroh und hoffnungsreich das Leitbild der Radiofabrik. Ein “Audiovergnügen der Extraklasse” wird da verheißen, prophetisch “Der Protection-Plan für EnthusiastInnen & IndividualistInnen” genannt. Und was kann er? “Schützt vor Einheitsbrei.” Alles klar! Das ist schon mal Musik in unseren Ohren und wirkt vorbeugend gegen Kotzen und Hirnbluten. Des weiteren heißt es da: “Neben der inhaltlichen ist die musikalische Vielfalt ein Markenzeichen des Programms von Salzburgs Community Radio. Radiomacher und Radiomacherinnen sowie die Musikredaktion der Radiofabrik achten hier auf Qualität abseits des Mainstream und quer durch alle Genres.” Ob sich jetzt nicht gleich manch eins unter den Kolleg_innen erschrocken an den schweißnassen Kopf greift? Die Hitparade bringt uns nicht in Wallungen – das macht vielmehr die Hitz, ihr Dudelsäcke! Tabularasa in exzentris trihullioh, wie das Patridiotenbrettl nahebleicht.

Musik aus SalzburgEin möglicher Gedankenanstoß aus unserem Gespräch mit dem ehemaligen Schauspielchef der Salzburger Festspiele: Warum hört Thomas Oberender gern die Radiofabrik?

“Mal ganz egoistisch gesprochen, weils die beste Musik ist. Ich bin sozusagen immer mit Shazam bewaffnet vorm Lautsprecher, weil ich auch gemerkt hab, dass viele Musiktitel nicht in der Playlist im Internet stehen, grade beim moderierten Programm müsste man dann auf die eigentliche Website des jeweiligen “Veranstalters” gehen. Es gibt da eine sehr besondere Form von Musik, die selten Mainstream, aber immer aufregend anders und innovativ ist – und ungewöhnlich. Das ist das eine, also jetzt mal der unmittelbare Grund, weil ich das Musikprogramm toll finde und mir das auch zum Teil neue kulturelle Bereiche erschließt. Da ist ja nicht nur europäische, oder sagen wir, westeuropäische Musik, sondern man hört da in alle möglichen Welten hinein. Und ich mag diese Geste “Musik aus Salzburg”, mitten ins internationale Programm gemischt kommen Bands, die man sonst nie wahrnimmtund die gut sind.”

Potzblitz Hitz

Und was sagt unser geschätzter Günther Paal (Gunkl) da dazu?

“In diesen freien Radios passiert ja auch etwas, das ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen. Das ist ein ganz kurzer Weg von der Operation zum Resultat. Wenn jemand, sagen wir mal, Musik präsentieren will, dann will der, dass diese Musik gehört wird. Und dann sagt so jemand: Freunde, da gibts was, das find ich ganz toll. Hörts euch das an, das ist wirklich gut. Man hört sichs an und denkt: “Find i jetzt ned” oder “Bist du deppert!”, irgendwas – aber das IST es. Ein sehr direkter Weg, um etwas zu vermitteln. Und nicht eine Behauptung von einer Gebärde, die vorgibt, etwas heißen zu wollen, mit dem Schielen auf ein Resultat, das wir uns aber alle verheimlichen – damit die Zeit vergeht. Wo ich mir dann denk, Freunde, das rareste Gut, das wir haben, ist Zeit, also tuts jetzt nicht Zeit schinden. Wenns euch um nix geht – gehts weg!

Dem haben wir (abgesehen von unserer Sendung) überhaupt nichts hinzuzufügen.

 

Spätlese

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. OktoberSpätlese mit Winzer heißt ein Gedicht von Anna Breitenbach, welches speziell für die heurigen (sic) Literaturtage in Weinstadt (sicsic) entstanden ist. In der unseren Untertiteln ziemlich artverwandten TV-Sendung “Kunscht” berichtete seine unstillbare Umtriebigkeit Denis Scheck über diverse Dichterlesungen, für welche zuvor die Autor_innen beim Lesen und Keltern des Weins mitgewirkt und so ihre Eindrücke in wohlvergorenes Wortwerk verwandelt haben. Auf diesem poetischen Terroir kommt es zu allerlei Assoziationen mit Fachbegriffen wie etwa Trockenstress, Süßfäule oder Geschein. Und ich dachte, dass es bei Wein, Wort und Gesang um Stoned Poets (Dichte Dichter) geht im Sinne des trunkenen H. C. Artmann, dem man nach seinem Vortrag vom Podium helfen musste.

herbsthasenWas also können wir Herbsthasen als Spätlese aufbereiten? Vor allem, ohne allzu wortwörtlich ins Weinfass zu fallen. Es ist spät und wir lesen? Vielleicht Handverlesenes aus dem Fetzenspiel mit dem Mozartstaat? Die Essenz des Rosinenweins aus Georg Trakls Drogentopf? Eigenes oder Fremdes, Angeeignetes oder Befremdliches, Übersetztes oder Vorletztes oder längst Zerfetztes? Über Oderhaupt ins Restdeutsch des Ostens dichteren Grobschnitt?

Ein Häschen von alledem, damits ausgewogen und nährwert bleibt. Und zudem noch, was uns ein-, ab- und zufällt, damits nicht fad wird, so ganz ohne Weltrum und Kugel. Es ist ja immer ein Zwischenraum jenseits der Definitionen, den es genau deshalb zu bewohnen gilt. Nüchtern betrachtet kann auch der Rausch verhandelt werden, ohne ihn zu verteufeln – oder ihm zu verfallen. – Im Hinblick darauf Georg Trakls Briefzitat:

“Dass es Winter und kalt wird, spüre ich an der abendlichen Weinheizung. Vorgestern habe ich 10 (sage! Zehn) Viertel Roten getrunken. Um vier Uhr morgens habe ich auf meinem Balkon ein Mond und Frostbad genommen und am Morgen endlich ein herrliches Gedicht geschrieben, das vor Kälte schebbert.”

mozart-spaetleseSpätlese kann in unserem Fall aber auch Nachlese, Protestsongperlen– oder gar Torkelbärenauslese bedeuten. Der uns nicht ganz ungeläufige Herr Blumenau ergeht sich nämlich im Nachfeld der diesjährigen Kür von Sarah Leschs “Testament” in eigenwilligen Argumenten, warum er diesem Lied genau null Punkte zugestand und warum es ihn auch nicht wundert, dass es inzwischen von rechtsrechten Gruppen für deren Weltsicht vereinnahmt wird. Das läge, so der tägliche Blumenau in seinem Artikel, von vornherein an Text und Haltung des Songs. Darob mag man sich ein Bild machen.

Während wir uns wiederum einen ureigenen (und etwas anderen) Contest schneidern, in dem es um genau nichts geht, außer um unsere gemeinsame Lust an der Freud. Küren wir halt das aushängigste Kürzesthörspiel des heurigen (hic) Weinherbsts! Mit einem vollen Radio ist laut stinken.Dazu Georg Trakls Wienverkostung:

“In Wien aber “strahlt” die Sonne am “heiteren” Himmel und die “weiche Melancholie” des Wienerwaldes ist auch nicht “ohne”. Beim Heurigen freut sich das “goldene” Herz und wenn dort die “schmachtenden Weisen” erklingen, so denke o Mensch daran, dass es bei den “wackeren Älplern” schneit und grimmig kalt ist. O! wie weh ist die Welt, wie wahnig das Weh, wie weltlich der Wahn.”

 

Wohin wir uns sehnen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. JuliThomas Bernhard hat einmal sinngemäß gesagt, dass er sich weder am Ort der Abreise noch an jenem der Ankunft wirklich wohl fühle, sondern immer nur dazwischen, im Unterwegssein. (Ich glaub, das steht in Wittgensteins Neffe, aber dreht mir da bitte kein Kreuz draus!) Jedenfalls hat diese Beobachtung etwas mit unserem Thema “Sehnsuchtsorte” zu tun, wie wir diese Sendung auch ursprünglich betiteln wollten, was naturgemäß gar nicht geht, weil der Begriff schon in abernen Reisedokus belutscht wurde UND zudem verdächtig nach Rosamunde Pichler schmeckt oder wie die predictable Quatschtante halt heißt. So fest steht immerhin viel, dass “wohin wir uns sehnen” nicht unbedingt ein Ort im räumlichen Sinn sein muss – und dass “es” auch in uns Bewegung bewirkt.

reisenMag sein, dass unsere Reiselust also mehr mit dem zu tun hat, wer oder wie wir gern sein möchten, als nur damit, wo wir uns befinden. Mag auch sein, dass es vielmehr darum geht, wo (oder womit) wir uns in unserem Leben gerade aufhalten. Kann durchaus sein, dass wir mehr sehen, wenn wir dann tatsächlich das Meer sehen. Aber egal, ob es sich um ein äußeres Reiseziel oder um einen inneren Zustand handelt, und wie auch immer die zwei miteinander wechselwirken – es entstehen Bewegung, Entwicklung und Veränderung. Wir sind stets unterwegs zwischen Geburt und Tod, auf Lebensreisen im Werden und Vergehen – und bleiben dabei hoffentlich nie über längere Zeiträume hinweg festgebackene Sparschweinderln des immergleichen Immobilienbüros

chillenViel versprechender als das schon sprichwörtliche “Ziele setzen” oder anders gesagt, die Frage “Wohin wir wollen” (denn wer weiß das schon), scheint mir die Untersuchung “Wie wir begehren” zu sein. Die als Kriegs- und Konfliktreporterin bekannte deutsche Journalistin Carolin Emcke versucht in einem Essay mit diesem Titel mehr über das Entstehen ihrer sexuellen Persönlichkeit zu erfahren, indem sie in ihrer Kindheit und Jugend nach ersten Anzeichen eigenständigen (und von der Norm abweichenden) Begehrens forscht. Auch das eigene Erinnern kann eben eine Reise zu den inneren Sehnsuchtsorten sein, wenn man sie denn unternimmt. In diesem Sinne wünschen wir ringsumher einen gedeihlichen Sommer sowie in jedweder Hinsicht eine gute Reise!

 

Mondfallsüchtig – Nachwort

Ein Nachwort zur Nachtfahrt vom Freitag, 10. Juni

Angst vor dem Tod hatte ich eigentlich nie. Angst vor dem Sterben, meine ich, die Straße löst sich, auf unbestimmte Zeit verborgt euer Schöpfen, von Wasser oder betrittst fremde Welt, zum ersten Mal, unbekannt noch, unbefleckt; da hört man das Singen des Schreibens und Pausen wie Perlen aufgefädelt, Korallenkette viel feiner als gedacht, ein Hauch nur / Wimperntäuschung, du schreitest Samt

moonchildkaramellisiertes Schweigen. Vanaprastham. Trommelnde Morgensucht während Radierungen, hier zeigt sich auch wieder meine Liebe : nocturnales Verhalten, vielleicht mehr als Lebensgewohnheit, vielleicht ja Instinkte der Nacht, die sich ergießen, über mich strömen, so glänzend Rabenfedern in erfundenen Gassen. Nicht nur Realität lässt sich biegen, keucht die alternde Entendame, der Kronkorken nickt, als ich mich nähernd : nahtloser Bruch, dass Bäume schweben, Mondhase oh wach über uns! Mein Herz dargeboten auf dem Altar der Sprache, noch schlägt es, vernarbt, zart, wer wiegt mir das Wohl, die Freude, wer die Last, das Fallen? Möglich, dass Schatten hinter mir grinsen, mit wilden Augen; Kopf gehoben und zurück in ein anderes Ich oder wie viele Leben kann ein Mensch füllen? Aufgehört mit dem Denken während des Denkens, so stiehlt sich Zeit, so durch die Finger, bald läuten die Glöckner; angeregt, beschleunigt durch leuchtende Stunden, welch Sturz in den Himmel! Diese stille Sucht, gar mondfallsüchtig, erinnernd an Haikus durch winterliche Flusslande

birthund all das Vergessen, all den Vergessenen, den Verstummten, den Geächteten : was da wuchert in meinem Kopf, neben Lichtmandalas gestreifte Farbandeutung rosé reifblau, das Knistern der Stille vor dem Schlaf, in der Früh vor dem Schlaf, sieben / siegen über Schlafkunst, Versuch einer Feststellung, zu Asche, zu Wasser, kaum saugt man die Gräser, die gläsernen Strahlen, die Schalen in Spiegelung, wohl metallische Klänge sinken ins Ohr … ihre Worte berühren etwas ganz tief in mir, wie Dunkel, das schon wieder strahlend … ich werde bald ruhen, es wandelt sich viel, halbfeuchter Asphalt unter den Kronen der Stadt, der knöcherne Traumfänger in perpetuierendem Kreisen, von Geisterhauch; so manches in regen Zuständen, ein Umwenden und -wälzen bis sich die Wellen dann glätten unter geblümten Himmeln, in Poesie verbunden

– Christopher Schmall

 

Alles neu, vorläufig (Chriss)

also Regenschritte nächtens, ein zaghafter Fall, eine Barriere imagniert, Nebelmauer zwischen mir, entbeinter Anzug, ist es nicht wie eine stille Sucht, ist es nicht wie Kreisen, ist es Bedingung, ist es Muss, ist es Befehl, ist es dies Wimmern der Knospen bei Morgengrauen?

dämmerndMetallisch, acryl, was für eine Farbe, ich tische dem toten Teddy Datteln auf, ein Schluck weißen Tee, du nimmst bloß Zucker, während der gefaltete Kranich die Schwingen hebt; auch das Betrachten der Entwicklung, des Stils, der Stille zwischen der Werbung, das Bestaunen der Wiederholung, Geschichtsstunde schwänzen, dafür um 10 unter der Klostereiche Bier trinken, wir wurden photographiert von einem amerikanischen Paar, das unseren Anblick wunderschön und entgegen der Sonne, es war wohl auch die Baustelle unten vis à vis unserer Schule in kreischenden Stößen oder eine Schwester hinter den salzburgbraunen Mauern.

Während Kugelschreiberbilder gefunden Erik Satie, wie man Musik entdeckt immer wieder wundersam, während Papierschwärzung erneuter Versuch das Sujet, erweiterter Genuß wird Asche, hierhin, bis hierhin zu denken, so blaubeerversüßt, pianogeweht, scheint trivial, fast obsolet, jetzt um 3 und auch berauscht, und all der Rauch in meinem Kopf…

gedämpftes Licht wäre angenehmer, es verrännen Buchstaben zu umbrenartigen Verästelungen auf Karmesinkaramell; so fällst du also durch die Nacht und hältst Ausschau nach Augenblicken, Beiläufigkeiten, ein Festhalten der Vergänglichkeit, und flüchten vor dem Schwachsinn, in Gedanken, geh bald um Essen, demnächst wieder Stille, füllst du sie?

 

Alles neu, vorläufig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 13. Mai – Kinder, was sind das für Zeiten! Alles scheint im Wandel zu sein, doch macht der Mai wirklich alles neu? Oder handelt es sich nur um den üblichen Handel, der eben gefälligst frei zu sein hat? Ein neuer Anstrich macht noch lang keine SPÖ. Und ein neurolinguistisch tefloniertes Fieberzapferl noch lang kein schöneres Wetter für unsere Heimat. Freimat, Reimat, Seimat? Gedeihmat! Guten Morgen, wir sind die Festspielpräsidentin und alles wird schön. Aber Schurz beiseite, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man jetzt nicht unbedingt auch noch eine Sendung machen. Aber muss man schweigen – oder soll man als Verdichter und Gestalter nicht doch versuchen, dem Unsagbaren einen Ausdruck zu verleihen? Wir hätten da schon eine entsprechende Bedürfnislage

allesMan kann ein Leben lang gegen die Hohlphrasen der Schwarzpädagogik im eigenen Kopf ankämpfen – und dann doch mit Entsetzen feststellen, dass die zubetonierte Wirklichkeit des umgebenden Weltgeschehens noch die schlimmsten Horrorvisionen in den (eigenen?) Schatten stellt. Denn das Unterbewusstsein der in Fernsehbildern und Nachrichten so genannten Realität ist voll von all den Gespenstern aus der eigenen Kindheit, die man längst auf dem Abfallhaufen der Ur- und Frühgeschichte entsorgt zu haben glaubt. Und wenn man sich dann einmal so umspürt in der “Welt” genannten Unterdrückung des Lebendigen, da kanns einem schon ordentlich schrugel werden, wie im Schlumperwald. Sollte es zumindest, sofern man sich noch irgendwie anfühlt. Da bekommt gleich auch unserer mundartiger Ausdruck “Heast, gspiast di nu?” seine eigentliche Bedeutung zurück! Das Leben, ein Traum!

neuWas gibt es Neues? Immerhin eignet sich die eigenartige Herangehensweise dieser Sendung ganz vorzüglich dafür, die Wechselbeziehung von Dichtung und Realität oder Phantasie und Wahrheit darzustellen. Wobei zwischen Wahn und Wirklichkeit zwar ein Gegensatz bestehen mag, nur das Gegenteil voneinander sind sie deswegen noch lange nicht! Vielmehr wohl eher zwei Facetten ein und desselben Phänomens: einer unendlich vielschichtigen Wahrnehmung dessen, was ist, war, sein wird, sein könnte, etc. Also die Gesamtheit aller Geschehnisse in den inneren und äußeren Welten unseres Daseins. Doch genug philosophiert jetzt. Her mit den Beiträgen, die wir auch diesmal wieder drei Stunden lang aus der Situation heraus zu einem noch unbekannten Gebilde verschmelzen wollen. Noch besser, mit den Elementen, in denen wir dergestalt umrühren werden, dass aus ihrer spontanen Verbindung wiederum etwas ganz Neues entsteht, wobei dieses Neue naturgemäß auch viel Altes enthält. Oder wie es der als Dichter unterschätzte Der Nino aus Wien meisterlich bernhardesk in einem Lied formuliert hat “Es geht immer ums Vollenden”

vorläufig

Aber hinter dir und vor dir,
doch am meisten noch daneben,
steht der Himmel, stehen die Wolken,
steht die Stadt nur deinetwegen.
Still, versäume nicht zu sagen,
was dir wirklich viel bedeutet
es gibt Menschen, es gibt Freunde,
aber meistens sind es Leute.
Manche sprechen oft von Schönheit,
viel zu oft um wahr zu sein.
Schöne Bücher, oder Tücher,
oder auch ein schöner Reim.
Du willst wissen, suchst die Wahrheit, in dem Buch das einst hier lag,
zwischen Nettigkeit und Schönheit steckt oft mehr als nur ein Tag.

Im Museum siehst du das Bild, in dem mehreres vereint ist,
in dem jeder Strich gemeint ist und nichts einzelnes allein ist.
Und es fließt alles zusammen und erzeugt ein Feuerwerk,
aus der Arbeit der Gedanken und der Farbe, die sie färbt.

 

Sumpfblüten

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9 OktoberSumpf ist ja im allgemeinen Sprachverbrauch zumeist höchst zwiespältig konnotiert. Bist du deppad, des hob i jetz owa uandlich gscheid gsogt! Also irgendwo zwischen Feuchtwiesen, die für die Erhaltung der Artenvielfalt unerlässlich sind, und Korruptionssümpfen, die trockengelegt werden sollen, damit der geschmeidige Warenverkehr nicht darin steckenbleibt, gibt es hoffentlich noch weitere Stimmungen und Gerüche für unser Orchideenstudium. Bei anderen Radiosendern existieren ebenfalls gatschartige Genussmittel mit lustigen Titeln wie Im Senf oder so ähnlich, die sich wie wir auch der Monoklonkultur industrialisierter Behupfdudelung widersetzen. Bravo! Lasset uns also jenseits der erwartbaren (und ausgelutschten) Assoziationen Überraschenderes entdecken – in, durch und rund um diesen Sumpf.

HC ArtmannplatzSchon ist Schluss mit lauschigen Gastgärten und nächtlichem Herumflanieren (zumindest ohne Mütze und Schal). Die öffentlichen Plätze sind verwaist, die Sitzmöbel werden bald wieder verräumt – und die Stadt klappt ihre Sommersaison zu wie ein ausgelesenes Buch. Wieder lockt dich der Ofen, hinter dem du doch sonst keinen Hund hervor… Was solls! In uns wuchern nichtsdestotrotz noch dieselben Tropenträume wie frühsommers oder schwüls. Um ebendiesen auch herbstbeginns zu obliegen, begehen wir nun gluckernd, rülpsend und schmatzend diese sumpfige Sendung. Was sich da unter der schleimigen Oberfläche unseres schönen Scheins an Musik zusammenbraut, kann sich durchaus hören lassen. Und was dem fruchtbaren Feuchtbiotop unserer Phantasien und Wünsche an Texten entquillt und entsprießt, das braucht weder Mondlicht noch Finsternis zu scheuen. Ein buntböses Potpourri aus Diven und Abgründen, gefährlich und schön wie ein Leben.

BlutmondLoveGrave treffen auf The Cure, Crude (aus Salzburg) begegnen Creed (aus den 90ern), der Keller Steff hat einiges mit Motörhead gemeinsam – und Wolfgang Ambros singt auf Englisch. B. Traven ist deutlich, Francois Villon natürlich derb, Vladimir Kaminer dem Sport verfallen – und Virginia Woolf bleibt geheimnisvoll. Konstantin Wecker zuletzt stiftete den Text zum Titel:

Das ist die hohe Zeit der Tropenträume,
ein Flügelschlag nur bis zum Meer,
und alles, was ich jetzt versäume,
erreicht mich bis ins Grab nicht mehr.

Versoffner Mond und dunkle Weine,
das Leben schlägt die Phantasie!
Ein schwuler Priester schwingt die Beine,
er ist der Star der Travestie.

Da wuchern wieder Kindheitsträume,
das Wunderland Calafia,
das ich erst spät durch dunkle Räume
im Rausch und Taumel wiedersah.

Der Tod hat viel zu schwere Flügel,
ihn hält es nicht in meinen Höhn.
Er ist das Pferd. Ich halt die Zügel.
Er überdauert. Ich werd überstehn.

Nur weiter, wo die Schiffe dösen,
dem letzten Hafen hinterher,
dort, wo die Blumen alles Bösen
dem Sumpf entblühen, bunt und schwer,
bunt und schwer.

Zum vollständigen Text auf www.wecker.de