Osterhasen Quarantäne

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. April Willkommen zu unserem Quarantäne-Workshop aus den Außenstudios des Ausnahmezustands. Wir lernen dabei heute, wie sich ein aus spontan-assoziativer Live-Begegnung und atmosphärisch verdichtetem Zusammensein erwachsenes Sendungsformat “von zuhause aus” produzieren lässt, und zwar ob wir wollen oder nicht. Denn die auch in der Radiofabrik geltenden Corona-Richtlinien verunmöglichen uns den Gebrauch des gewohnten Sendestudios – und so stehen wir vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe, nämlich die Sendung schon “im voraus” herzustellen und dabei dennoch einiges an Überraschung und dialogischen Live-Elementen einzubeziehen. Was sagt der Hund? “Eine Live-Sendung vorproduzierendes geht überhaupt ned.

Osterhasen Quarantäne MusikDabei soll die “musikliterarische Gefühlsweltreise” ihren unteren Titeln getreu auch in der heutigen Form “mit tiefgründigen Themen” zugange sein. Eine bloße Reflexion zur aktuell herrschenden Pandemie wäre uns aber zu langweilig, zumal wir erst unlängst im Artarium “Die Büchse der Corona” aufgemacht haben. Weltweite Virenkrise – das könnte einigen Globalsoziopathen allerdings gerade recht kommen, weils doch so schön ablenkt von all den hässlichen Nebenwirkungen der internationaler Konzernokratie und ihrer grenzenlosen Gier, wie etwa Lohnsklaverei, Massenverelendung und Umweltzerstörung. Alles geht so weiter wie bisher – und jedweder Widerstand wird durch Ausgehverbote im Keim erstickt. Irgendwie legt sich die derzeitige Zwangslage auch wie eine schleichende Krankheit auf Geist und Seele. Wer verbreitet das Virus? Richtig, die Wirtschaft. Bitte merkts euch das amal!

Osterhase in Quarantäneman greift schnell zur resignation
man greift schnell zu schuld und verleumdung
man greift schnell zu panik und furcht
man greift schnell zur illusionierung

man geht schnell durch gassen und märkte
man geht schnell zurück in sein haus
man geht schnell vorbei an den alten
man geht schnell zur arbeit und dankt

man glaubt schnell all den idioten
man glaubt schnell den fakten und zahlen
man glaubt schnell den falschen versprechen
man glaubt dem geld schnell und seinen vasallen

Auszug aus “zyklus viral” von Christopher Schmall. Dem ist nicht viel hinzu zu … außer vielleicht die Musikauswahl betreffend. Denn kaum richten wir den Blick ins Innere der Gefahrenzone, also in die Gefühlswelt der Gefährdeten, schon scheint das Bedürfnis nach Krachbumm und Intensität zuzunehmen, in jeder Quarantäne ziemlich genau dem Unvermögen des Draußenauslebens entsprechend.

Osterhasen Quarantäne im KopfUnd so soll dieser Versuch, das Unmögliche zu ermöglichen, ein weiteres Fragment werden – in den Versuchen vieler, der Isolation, der Angst und dem Wahnsinn kreativen Lebensmut abzuringen. Auch wenn wir dafür unseren gesamten, längst eingespielten Produktionsprozess über den Haufen werfen und quasi neu entwickeln müssen, die bloße Vorstellung, in diesem Monat keine neue Schöpfung zu gestalten war noch viel mühsamer. Auch wenn all dieses digitale “Verbundensein” weit entfernt von “The Real Thing”, nämlich “Life is Live” ist, auch von Krisen und Katastrophen (und von der Regierung, wäh!) aufgezwängte Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden. Aus unserer häuslichen Abgeschiedenheit in eure Einsiedelei, Quarantäne, Verunsicherung gesendet, allerbeste Hasengrüße des Überdauerns, Überstehens und Überwindens, die etwas andere Collage aus Liebe, Poesie und Widerstand: Bleibts am Leben!

Die Landschaftsfotos verdanken wir der Musikgruppe Hasenbar

 

Harlekinese und Kasperliade

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. FebruarAchtung Achtung, Klasse! Nachdem wir uns jetzt alle gegenseitig an unsere eigenen Nasen gefasst haben, atmen wir einmal tief durch die selbige ein und schreien drei mal laut: Hurra – ich bin ein fröhlicher Homo Sapiens!“  Genauso gut könnte man da sagen: “Demokratie ist, wenn wir alle paar Jahre diejenigen wählen, die uns am lustigsten auf den Kopf scheißen.” Oder: “Großvati, Großvati, es hat geschneit!” – Wie dem auch sei, im nunmehrigen Februar findet vielerorts Fasching, Fastnacht oder Karneval statt, und wir haben beschlossen, diesem Zustand in unserer Sendung Rechnung zu tragen (solang es nicht allzuviel kostet). Und so hoppeln wir fröhlichfeucht durch eine ganze Kasperliade aus Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutungmit Gefühl.

Kasperliade 1Da das assoziative Gestrüpp zum Thema ebenso unübersichtlich wie reichhaltig ist, müssen wir uns, bei aller Vielheit, auf eine Hauptperson ausrichten – den Kasper. Reisen wir also ohne Stress quer durch alle möglichen Manifestationen dieser multiplen Personalunion mit sich selbst. Sozusagen mit Casper ins Kasperltheater, und gleich weiter zum Joker, zum Kaspar Hauser, überhaupt zum traurigen Clown und seiner genau deshalb entlarvenden Weltsicht. Der Titel der Sendung müsste eigentlich “Harlekinese, Kasperliade und Clownerie” heißen, aber wo ist heute noch Platz für so abgerundete Triologien? Oder Songtitel wie zum Beispiel “Die Verfolgung und Ermordung des Rockundroll, dargestellt durch die Musikertruppe des Hospizes zu Vicht unter der Anleitung des Herrn von Schroeder, Teil I” Hä? Eine rheinrhetorische Frage – also auf Kölsch. “Die Musik ist tot – gefoltert, gequält, der Unschuld beraubt. Die Musik ist tot – und mit ihr all das, woran wir geglaubt. – Rock’n’Roll ist tot.” Aber sicher nicht bei uns. Gut zu hören!

Kasperliade 2Nicht, dass wir zwei nicht lustig wären (siehe Bild), für den Höhepunkt des Rumkasperns (in der zweiten Stunde) haben wir uns dennoch kompetente Unterstützung vom Institut für Battle & Hum besorgt. Der Master of Cerebrity Randy Andy wird uns livehaftig die Rumkugel geben – und sich wie euch mit Kleinodien des etwas abgedrehteren Humors behupfdudeln. Oder der etwas abgründigeren Musik, etwa aus dem Soundtrack zu “Joker” von Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir. Wenn auch der zuvor zitierte Text von Schroeder Roadshow den Tod des Rock’n’Roll betrauert und dabei durchaus eine prophetische (1980) Kritik am Unwesen der Untenhaltung darstellt (ich sag nur Autotune), so gibt der darin angesprochene Mythos (vielleicht eh posthum) laute Lebenszeichen von sich. Im (definitiv posthumen) Michael-Glawogger-Film “Hotel Rock’n’Roll” jedenfalls, den wir hiermit aufs allerschärfste empfehlen (und der uns auch durch die Sendung begleiten wird), nebst weiteren Dopfencollagen aus Audio.

Abschied vom Heimatfilm“Der Wald ist die Frisur des Berges, Schorschi.” – “Dem gehn oba sche longsom de Hoa aus.” Eben. Viele wunderbare Szenenbilder und noch mehr verdanken wir übrigens dem Luna-Filmverleih. Da bleibt keine Heimat trocken & Kebapaufstrich. Wenn schon das Wort eine Waffe ist … dann ist die E-Gitarre eine Abschussvorrichtung für noch erheblichere Auswirkungen. Und erst das Schlagzeug – bitte, im Italienischen heißt es eh “Batteria”. Im Anfang war die Wucht. Und die Wucht war bei sich. Die Wucht aber sprach – und siehe, es ward. “Let there be Rock” Wie find ich den Notausgang? Vielleicht wenn die Kasperliade selbst-systemkritisch rotzt: “Scharfe Waffen griffbereit im Handschuhfach, auf dem Müllplatz liegt ein letztes Stoßgebet. Verzweiflung, Angst und Wahnsinn halten uns in Schach, im Fernsehen spricht der Papst von Humanität. Schon wieder so ein Tag, so wunderschön wie heut. Und tatsächlich schon wieder all die furchtbar netten Leut. Massenmörder, Henker, Diktatooor – kommen eben nur im Märchen vor!”

Schroeder Roadshow – So ein Tag

 

Wallfahrt nach St. Moloch

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. August – Einmal frei nach Sven Regener: Am Fenster fliegt eine Präsidentin vorbei – da kommt jede Hilfe zu spät.” Es ist wieder soweit, draußen vor der Tür wüten die Salzburger Festspiele, diese alljährliche Heimsuchung der ohnehin schon unter Massentourismus und Kommerztrotteltum ächzenden Einwohnerschaft. Diese perverse Wallfahrt von Wohlstand und Wichtigsein zum Hochamt ihrer vorgeblichen Bedeutsamkeit… Wer schafft das Unrecht auf der Welt? Eben. Wir schaffen da lieber unsere eigenes. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurück gefestspielt. Drei Stunden Möglichkeitsform und kritische Phantasie gegen das Hergebrachte, scheinbar Gottgegebene und zum Überobertum Aufgeblasene. Und auch wenns wehtut: Jedermann muss sterben!

Wallfahrt nach St. Moloch - Die schwarze EminenzNicht, dass wir uns falsch verstehen: Theaterkunst auf höchstem Niveau ist eine schöne Sache, die wir sehr zu schätzen wissen. Vielleicht ganz besonders, wenn sie dort stattfindet, wo wir zuhause sind. Unerträglich ist nur die übersteigerte Dominanz, mit der die Kriegsgewinnler ihres Kulturmarkts diese Stadt Jahr für Jahr zernutzen. Dann gibts hier nur noch selbstfahrende PR-Roboter, rechtgläubige Prediger sowie öde Hofberichterstatter eines hochfürstlichen Staatsspektakels in einem zeitgemäßen demokratischen Kostüm. Es ist dieser totale Absolutheitsanspruch, der aufgrund seiner Verwandtschaft mit religiösem Fanatismus und staatlicher Willkürherrschaft so dermaßen schlecht riecht. Es ist diese unhinterfragbare Selbstverständlichkeit, mit der sämtliche Lebensbereiche des Stadtsommers dem heiligen Zweckfestival untergeordnet werden, die in ihrer angemaßten Allmächtigkeit so sehr nach Diktatur stinkt, dass einem als außenstehendem Beobachter schlicht schlecht werden muss.

Wallfahrt nach St. Moloch - Jedermann reloadedDemgemäß unser Titel “Wallfahrt nach St. Moloch”, in welchem die katholische Unterwürfigkeit mit dem herrschenden Gottesdienst des Menschenopfers verschmilzt. Wir basteln uns selbst Festspiele, nicht nach verordnetem Geschmack oder bildungsbürgerlichem Kanon des Herzigen und Putzigen. Scheiß doch auf die Programmwichtel der Mussbarkeit! Was wäre nicht alles vorstellbar – allein schon mit dem im Fundus längst Vorhandenen? Jedermann Reloaded – von Philipp Hochmair und der Elektrohand Gottes. “Der aberwitzigste Dreck” (Karl Kraus) hier einmal nicht als Cash-Cow der Festspiele sondern als Rockperformance. Endlich eine Erlösung aus dem bereits 99-mal wiedergekäuten Knüttelgevers vom Domplatz der Eitelkeiten. Sogar die (inzwischen wieder abgesetzte, warum wohl?) Crouch-Mertes-Inszenierung hätte ja gewisse (wenn auch zaghafte) Innovationen angedeutet. Aber nichts da, bei uns in Salzklappersdorf bleibt alles so, wie man glaubt, es am besten verkaufen zu können.

Wallfahrt nach St. Moloch - Sound Of MusicWomit wir beim ungeschriebensten aller Glaubens-Gesätze angelangt wären: Der nie ausgesprochenen Verpflichtung, alles diese Stadt und vor allem ihre Festspiele betreffende immer und überall beeindruckend und großartig und konkurrenzlos wunderbar zu finden, selbst wenn dies tatsächlich nicht der Fall sein sollte. Jede Zuwiderhandlung wird mit Ausschluss aus der Anstalt bestraftmit Ignoriertwerden bis der soziale Tod eintritt. Ein durch und durch menschenverachtendes Bigott-Kompott. Doch die weltweite Wallfahrt fährt ungestört fort – und Eliten wie Hordioten pilgern nach Salzburg, der Stadt der falschen Fassaden und des “schönen” Scheins. Und die Chefpropagandistin der fetten Fetzenspiele sagt dazu brav ihr Sprüchlein auf: “Der Sinn der Festspiele – der Gründungsmythos war ein Friedensprojekt nach dem ersten Weltkrieg – schöner und gleichzeitig aktueller gehts nicht.” Damit fliegt sie auch tatsächlich am Fenster vorbei, denn wir haben dazu noch ganz was anderes gehört:

“Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die den Krieg führt, und wir gewinnen ihn auch.” Sagt immerhin Warren Buffett, der weltweit drittreichste Milliardär. Die Festspiele mögen beginnen. Jeedeermaaann!

 

Das große Rauschen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Juli – Ringsum nichts als Rauschen und im Kopf der Tinnitus. Die Summe aller Signale und Informationen, die sich zunehmend gleichzeits ins Gehirn multiplizieren und in ihrer gegenseitigen Überlagerung einen undurchdringbaren Brei bilden. Lärm, Logorrhoe, semantischer Gatsch, Marketingdong, Bejinglegebell, Radio BILLA – in meinem Kopf toben zwölf blecherne Duracellaffen – und hören nimmermehr auf. Das mentale Zustandsbild des durchschnittlichen Konsumdeppen (und der Deppin selbstauch) entspricht so ziemlich der Zugeschissenheit des Planeten. Das gilt leider nicht nur für die Mithupfer und Gernknödel, sondern auch für alle Ruhebedürftigen und Verweiglinge. Denn in uns und um uns lagern sich der Industriemüll und seine Zerfallsprodukte gnadenlos ab.

Rauschen kann tödlich seinIn unseren Sendungen geht es dabei meist nicht um den Abfall in der Außenwelt, also die Zerstörung der uns umgebenden Natur durch rücksichtsloses und profitgieriges Ausplündern der Erde, was für sich genommen schon lebensgefährlich genug ist. “Die Menschheit schafft sich ab” heißt es demgemäß auch bei Harald Lesch. Wir jedoch sind Trüffelhasen hier im Medienwald und widmen unser Gespür mehr den Innenwelten und deren Zuständen. Weil wir ja “nach Perlen tauchen” in diesen trüben Gewässern des Konsum-, Leistungs- und Wegwerfschwindels. Genau da zeigt sich das wahre Unwesen dieser Zuvielisation, die sich zwar Kultur nennt, in Wirklichkeit jedoch nichts anderes ist als Verstopfung. Die sogenannte “Informationsgesellschaft” erzeugt eine fortwährende Anhäufung von immer noch mehr nicht mehr abbaubaren Überresten ihrer eigenen Behauptung. Meinungsvielflat, Übelforderung und Wahlfeilheit. Flächendeckendes Rauschen

Rauschen verbotenInmitten dieser Schlammlawine an Reizüberflut und Signalstörerei, ganz zu schweigen vom stetigen Beschwallertwerden mit Umpfz und lauthalsem Schas, stiften wir eine Insel, die dem Untergang im Kommerz nach wie vor widersteht. Erhört, erlesen und erbaulich sind unsere Beutestücke des täg- und nächtlichen Überlebens im Sumpf umbrandender Zergrunzung. Wir mögen ihm nicht entrinnen, dem Technolügietsunami der depperten Massenzucht, aaaber wir geben niemals auf, ein kleines gallisches Dorf zu sein, mit unserer ganz eigenen Weltsicht und Lebensart. Zaubertrank hin oder her, soviel steht für uns fest: Die spinnen, die Römer! Und deshalb laden wir auch alle Menschen guten Willens auf unsere Überlebensinsel ein, denn wie schon der bekannte Druide Peter Gabriel einst vorhersah: “If again the seas are silent, in any still alive – it’ll be those who gave their island to survive.” Here comes the Flood – und wir basteln uns eine Hoffnung.

Rauschen vermindert ihre FurchtbarkeitVerklebt, verschleimt, verschroben, beplempert, waach, zerschleunigt, Zeitraffer, Zeitlupe, Zeiz, zeränderte Geschwindligkeit, YouTuba, Masse und Matsch, Mein Krampf, döppelte der Gottelbock, Wien : Hendlplatz, Volkszornbrot, Unz, Untenhaltung, Untengack, unzerm Wetterbercht, Börsendoofer, Red ned so an Bull, Fußbad, Fußblah, panta rhei, Quod licet Jovi non olet – oder einfach nur Bestelln

Baby lass uns was zusamm bestelln
Baby lass uns zusamm was bestelln
Baby lass uns was bestelln zusamm
dass wir dann hinterher was zusamm bestellt ham

Hörst du es schon rauschen?

 

Auf den Kopf geschissen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. MaiMüssen wir den Umstand des “von oben herab bestoffwechselt werdens” denn wirklich so drastisch darstellen? Ja, unbedingt müssen wir das! Wo sich Thomas Bernhard noch vornehm zurückgehalten (der alte Untertreibungskünstler) und sich etwa in Wittgensteins Neffe “auf den Kopf machen lassen hat”, da können wir angeriechs derzeitigen politischen Würsteltums nicht anders, als explizit von beschissen, geschissen und verschissen ein Reden zu sein. Wollten wir die herrschenden Zuständ weiter be- und verdichten, so müssten wir wohl bald auch zerschissen sagen. Der auslösende Anlass zu dieser Sendung und ihrem Titelen war jedoch die Kreuzigungsgruppe von Alfred Hrdlicka, welche inzwischen auf sehr spezielle Weise diesen Grundgedanken versinnbildlicht.

Auf den Kopf geschissen 1Ein Künstler ist eben immer auch Prophet, der weithin unbemerkte gesellschaftliche Entwicklungen feinfühlig vorweg wahrnimmt und diese in seiner Arbeit ausdrückt. Ursprünglich waren die Skulpturen für einen Neubau der Salzburger Polizeidirektion gedacht gewesen, doch der damalige Polizeidirektor verhinderte solch eine Zumutung des hinterfragenden Denkens im Weichbild “seiner” Behörde. Dafür steht dort heute ein wirrer Haufen mutmaßlicher Mikadostäbchen herum. Was uns der Künstler wohl damit sagen will? “Wer sich zuerst bewegt hat verloren” vielleicht. Die Kreuzigungsgruppe jedenfalls wurde hinter der Naturwissenschaftlichen Fakultät aufgestellt, wo auch sehr viele Vögel unterwegs sind. Und die haben den drei Figuren in all den Jahren ordentlich auf den Kopf geschissen, was unserem Sendungstitel ja nur recht sein kann. Denn von oben herab kommt meist Scheißdreck übers Volk…

Küssdiehandke!

Auf den Kopf geschissen 2Und wie verschissen sie dann sind. Kunst dient nicht der Verklärung von Herrschaft und Hierarchie. Da wäre sie ja bloßes behübschendes Auftragshandwerk. Vielmehr muss Kunst der Anstiftung zum Denken und Empfinden dienen, und das all jenen gegenüber, die ihr ausgesetzt sind. Womit wir auch geklärt hätten, was Kunst ist – und was weg kann. Folglich wollen wir wieder einmal die Sprachkunst von Ernst Jandl feiern, aus der mannigfache Anregungen zum kreativen Umgang mit der eigenen herrühren: neunzehnscheißhundertsiebenundsiebzigscheiß
scheißneunzehnhundertscheißachtundscheißsiebzigscheiß
so es sein aufbauen sich der scheißen leben
schrittenweizen hären von den den geburten
und sein es doch wahrlich zum tot-scheißen

aus Ernst Jandl – Von Zeiten

Auf den Kopf geschissen 3“Gehns doch hin und lernens aus der Geschichte!“ Was könnten wir aus einer Geschichtsschreibung der jeweiligen Sieger denn lernen? Dass jedwede “Herrschaft” ihren Untertanen immer von oben herab auf den Kopf scheißt zum Beispiel. Manche dieser “Herrschaften” sind dabei so niveaulos, dass man meint, sie hätten einem von unten herab auf den Kopf geschissen. Wie man es auch dreht und wendet, es fällt doch auf, dass sich Regierung und Schwerkraft nicht zum Wohl aller auswirken. Das erkennt jedes Kind, das schon einmal eine Dokumentation über in Bäumen brütende Vögel gesehen hat. Da sind auch immer die in den unteren Etagen die Bekleckerten. Es kichert leis der Attentäter,
noch unentdeckt sind all die Toten,
das ist die Zeit der Irren und Idioten.

Erich Schmeckenbecher (Zupfgeigenhansel) – Wahnsinn im Mai (H. E. Wenzel)

 

Das Kritische

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. März – “Das kritische Salzburgbuch”, als welches “Die Ursache” von Thomas Bernhard des öfteren gern bezeichnet wird, ist nunmehr auch als Graphic Novel erschienen. Lukas Kummer hat dafür einige wesentliche Erzählstränge eindrucksvoll (nach)gezeichnet. Und der tapfere Residenz-Verlag, bei dem 1975 schon das vielfach umstrittene Original “Die Ursache. Eine Andeutung” herauskam, hat die sehr spezielle Text-Bild-Version jetzt produziert. Auf deren Präsentation im Salzburger Literaturhaus haben wir in unserer Sendung “Die Ursuppe” hingewiesen, wie ja überhaupt dieser “kritische Geist aus Salzburg” (und das muss nicht immer der “Skandalautor” selbst sein) in unserem Radioschaffen stets eine Hauptrolle spielt, sei es im Artarium oder in der Nachtfahrt, naturgemäß.

Die UrsacheDas Idee zum Tittel (nicht unser Hausarzt, leider) kam jedoch diesmal von Ernst Jandl und seinen autobiographischen Anmerkungen zu Sprach und Kunst, von denen hier noch sein wird ein Reden. Des weiteren auch aus dem kulturkritischen Buch “Musik = Müll” von Hans Platzgumer und Didi Neidhart, in welchem erfrischend zum Ausdruck kommt, was eine “kritische Würdigung” jenseits von bipolarem Schwarzweißdenken (oder besser -glauben) noch sein könnte. Und so haben wir die Musik/Text-Dramaturgie dieser Sendung in drei Stufen (vom Wort zum Buch zum Leben und auch wieder zurück) gegliedert, allerdings ohne uns allzusehr einzugliedern in den Erwartungsmarkt.

Eine AndeutungDie scheußlichste Entwicklung der sogenannten Marktwirtschaft ist nämlich das Befriedigenwollen der zuvor berechneten oder künstlich erzeugten Erwartungshaltungen von immer noch mehr und immer noch größeren Käuferschichten. Also der Mainstream oder das Statistik-Zerbrauchertum, die Degeneration der Gauß’schen Durchschnitte zum vollendeten Konsumwichtel der Industrie. Gepriesen sei hingegen der Residenz-Verlag, der seine Position am Markt mit der Produktion von kritischer Individualkunst zu verbinden versteht. Und uns entsprechendes Rezensionsmaterial für die 2. Stunde unserer Nachtreise bescheret hat. Die Verhandlung darüber sei hierohrs eröffnet…

Das kritische Salzburg-BuchDie einen werden über “Die Ursache als Graphic Novel” frohlocken – die anderen werden das Wort Werkzertrümmerung in den Mund nehmen. Was aber meint der Sprachenkunstler als Experte?

“Dass diese Sachen, die gemacht werden um hergezeigt zu werden, Sachen sind, die die einen freuen und die anderen ärgern, und dass sie gewollt so gemacht sind, dass sie die einen freuen und die anderen ärgern, dass es also Sachen, die alle freuen, gar nicht sein sollen, selbst wenn irgendwelche es könnten (so wie es Sachen, die alle ärgern, gar nicht sein sollen, selbst wenn irgendwelche es könnten), das ist das Kritische daran.” (Ernst Jandl – “Ich mit Umwelt”, 1970)

 

Neuer Ordner

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. Februar – Wer kennt das Phänomen nicht, dass ein neuer Ordner in jeglichem Computerdings zunächst immer “Neuer Ordner” heißt? Wenn er nicht leer bleibt (wie so oft) – was könnte drin sein? Wir machen diesmal, anlässlich der 100. Ausgabe unserer Perlentauchereien, einen neuen Ordner auf, um uns von (selbst)hergebrachten Ordnungstrukturen (und den damit verbundenen Erwartungen) zu befreien. Klingt einigermaßen pathetisch – ist aber auch so. Denn es gibt kaum Verwegeneres, als etwas vom eigenen Ordnungssystem in Frage zu stellen, aufzulösen, neu zu gestalten. Und zu schauen, was dann passiert… Es ist wohl weithin gebräuchlich, den Ordner zuerst zu benennen, und ihn danach mit “zum Thema passenden Inhalten” zu befüllen. Doch es funktioniert auch andersrum.

Neuer OrdnerWir sind alle damit aufgewachsen worden, dass wir Themen gestellt bekamen – und diese dann gemäß den Erwartungen unsrer jeweiligen Erziehungspersonen zu bearbeiten hatten. Wenn wir das nicht erfüllten, war es eine “Themenverfehlung” und wurde mit “nicht genügend” entwertet. Vielleicht gab es da und dort in einem Freigegenstand wie “Kreatives Schreiben” einmal ein entgegengesetztes Herangehen, indem “das, was einem gerade so durch den Kopf geht” formuliert und verdichtet wurde – und erst dann (vielleicht) ein entsprechender Titel darüber gesetzt. Kunnst also bei unserer heutigen Sendung genauso machen: Wir senden “das, was uns in den letzten Wochen so durch den Kopf gegangen ist”, reichern es damit an, “was uns spontan dazu einfällt” – und ihr könnt diesen “neuen Ordner” so umbenennen, wie es zu eurem Hörerlebnis passt. Ein erster Schritt zu einer Ordnung”, die nicht von oben herab verordnet wird, sondern die von unten herauf entstehen kann…

PS. Kaum jemand weiß, dass Pjotrek Popolski aus Zabrze dereinst “der gesamte Popmusik erfunden” hat, weshalb man auch sagt: “Dieter Bohlen hat gestohlen alle seine Hits in Polen.” (Zitat von Enkelsohn Pawel Popolski). Wir grüßen ihn freundlich!

 

Die Ursuppe. Eine Andeutung

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. Januar – Was war zuerst – der Hase oder das Ei? Im Anfang jedenfalls war die Idee. Und das Wort “Ursuppe”, nicht ganz unpassend zum herrschenden Schneetreiben. Auch Volks Mund formuliert angesichts erheblicher Eintrübung: “Des is jo ur die Suppn!” In diesem Spannungsfeld zwischen Schöpfung und Sichtverlust wollen wir unsere köstlich kostenlose Buchstabensuppe servieren – und allen Sprachprivatisierern damit eine aufs Maul verpassen. “Wem gehört Thomas Bernhard – eigentlich?” Lassen sie sich ihre Muttersprache noch schnell patentieren, bevor ihnen irgend so ein Volkskoffer eine Bedeutung unterstellt, die sie nie gehabt haben! Oder wars ein Geldkoffer? Das ist bei dem dichten Schmähtreiben heut nur schwer zu erkennen.

Ursuppe 1“Die Ursache. Eine Andeutung” So lautet der ursächliche Titel von Thomas Bernhards Salzburgbuch, das für viele verstörend, für einige aber geradezu erlösend sein mag. “Die Suhrsache. Eine Abtötung” So könnte man unsere Einlassung zum Suhrheberrecht und zu Dr. Fabjans Besitznahme benennen, die wir 2015 als COPY RIOT live aufgeführt haben. Und heutzutage? “Die Ursuppe. Eine Anstiftung” Das trifft den Germ der Sache. Die Sogwirkung des kreativen Vakuums entfaltet ihre gestaltende Kraft und erzeugt Dichtung – und Wahrheit. Wenn die Wirklichkeit erst bis zur Kenntlichkeit entstellt ist, öffnen sich Einblicke hinter die schöne Fassade des Handelsüblichen. Des Althergebrachten. Und des Volksdümmlichen. Wer das vor Gericht beeinsprucht oder durch Hetzkampagnen abzuwürgen versucht, beweist unweigerlich nur die eigene Absicht – was uns naturgemäß verstimmt. Die heimlichen Realitäter wollen mit aller Macht an der Macht bleiben. Doch Dichtung offenbart sie.

Ursuppe 2Eine Möglichkeit, damit umzugehen, wäre etwa folgende: Ich dir zitieren einen Standard-Artikeln: “Will denn wirklich jemand Thomas Bernhard lesen? ….. Lesen: Das ist ja nicht bloß eine Meinung äußern oder tausendmal Zitiertes (Alles ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt) noch einmal zitieren, sondern: sich den komplizierten Sätzen ausliefern. Die Anstrengung, die der Autor selbst vollbrachte, um sich von der Tradition zu befreien – diese Anstrengung für sich nachzuvollziehen: Das ist Lesen.” Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich die Sprachlandschaften des berühmten Schriftstellers zu erschließen. Eine weitere, ganz besondere, wird bei einer Veranstaltung zum 30. Todestag des Autors am 12. Februar im Salzburger Literaturhaus eröffnet: “Mit einem präzisen, sparsamen, fast realistischen Strich und einer eindringlichen Wiederholungs- und Variationstechnik gelingt es dem österreichischen Künstler Lukas Kummer in seiner kongenialen Graphic Novel “Die Ursache” (Residenz, 2018), Bernhards Erinnerungen an die Schrecken von Internat, Krieg und Nationalsozialismus sichtbar zu machen.” Das, was ist, ist das, was ist. Eventuell ist aber das, was ist, gar nicht das, was ist. Auf jeden Fall jedoch ist das, was ist, das, was du damit machst

Ursuppe 3

Dem Andenken
des erschrockenen Benenners
dieser Ursachen und ihrer Auswirkungen,
dessen Name gleich dem meinen nicht genannt werden durfte
im Akademischen Staatsgymnasium,
widme ich diesen Nachruf
samt Echo und Nachhall
und Nachknall

Die Ursuppe?

Die UNS-SACHE

Eine Angehung

Sein Ermächtnis

Kein Privatbesitz

 

Der Sender mit dem Schorsch

Ein Schorsch mit Ohren – seit zwanzig Johren. Was soll das? In der Radiofabrik unseres Vertrauens werden Wahlen noch mit Geschmack gewonnen – und deshalb können ALLEganz nach Gehör – den ihrer Ansicht nach “besten” Jingle wählen, und zwar hier: Anhörung und Online-Abstimmung, ein Demokratie-Hörtheater für Anfänger und Insider. (Jeder nur ein Kreuz) Woselbst auch wir, die Perlentaucher, gleich mit 4 Beiträgen quasi gegen uns selbst antreten. Genug kann nie genügen, auch nach 20 Jahren nicht, das erkannte Konstantin Wecker ja schon vor vielen… Und so tauchen wir tief in unser Archiv, um der Fragestellung “Was soll das?” ein paar Perlen beizufügen, die sowohl unser Selbstverständnis als Sendungsmacher als auch die Wesensart der Radiofabrik darstellen. Die Ursuppe, eine Anstiftung:

Der mit dem Schorsch tanztDas Sinnbild oder die Grundidee des Perlentauchens ist ungemein zeitgemäß: Durch immer mehr und immer noch zäheren Schlaaz zu tauchen, um einzelne Perlen des Besonderen und somit subjektiv Wertvollen hervor zu stöbern, auf dass wir sie in diesem öffentlichen Raum Radio mit anderen kreativen Individualist_innen teilen können. Und passt auch wie der Topfdeckel aufs Freie Radio, einem der letzten öffentlichen Räume, der noch nicht von kommerziellen und/oder machtpolitischen Interessen verseucht ist. In dem genau jener Erfolgs- und Anpassungsdruck nicht herrscht, der sonst ja schon die meisten Lebensträume molochgleich verschlungen hat. Jener zutiefst soziopathische Wachstumswahn, der schöpferisches Arbeiten unmöglich macht und seelische Ausgeglichenheit zerstört. Diese Zerdepperung des Menschlichen durch Populismus, Krone und Fernsehblah. Jede Menge dicht verdichteter Schlamm also, Unflat und Gatsch, aus dem solche Kostbarkeiten wie etwa Eigenartiges oder Wesentliches hervorzusuchen immer anstrengender wird. Jedoch ein von unbeugsamen Sender_innen bevölkertes Radio hört nicht auf, all den Dringlingen Widerspruch zu leisten. Hier die Zutaten zu unserem Zaubertrank:

Schorsch 1: Was soll das feat. Norbert K.Hund (Kunstbiotop-Jingle) via CBA

Moderatorin: “Über die Alternativen einer lebendigen Salzburger Kultur machen sich nur die wenigsten Gedanken…”

Norbert K. Hund: “Und das, was wir unter Kultur verstehen würden, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar wäre mit einem Biotop. Das vergleichbar wäre mit einem kleinen Tümpel, einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das, denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Schorsch 2: Was soll das feat. Thomas Oberender (Oberender-Jingle) via CBA

Interviewer: “Leidet der Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele an so etwas wie einem Salzburg-Syndrom?”

Thomas Oberender: “Alsozusagen, wenn sie über die Identifikation oder Identifizierung – des Aggressors sprechen, der sind wir. Ab da tuts weh, ja. Dass sie sich selber sozusagen auch als Täter erleben. Das ist die Urerfahrung des Dramas oder der Tragödie, die da eben lautet: Wir sind sterblich – und Leben heißt schuldig werden. Immer. Für jeden einzelnen von uns. Und dafür ein Auge zu öffnen und sich mit dieser Erfahrung zu konfrontieren – das ist das Privileg, aber auch die Aufgabe von Kunst.”

Schorsch 3: Was soll das feat. Perlentaucher (Perlentaucher-Jingle) via CBA

Christopher Schmall: “Vor allem, wenn man jetzt Romane schreibt und da wirklich sehr viele Personen irgendwie in sich hat, und über die Bescheid weiß und ihr ganzes Leben teilt – die lassen einen auch nicht los. Deswegen hat die Joanne K. Rowling, die ja Harry Potter geschrieben hat, jetzt wieder neue Bücher geschrieben, weil sie einfach nicht aus dieser Welt raus kann. Sie hat diese Welt für sich erschaffen und ist einfach so in dieser Welt drinnen…”

Norbert K.Hund: “Ah, du meinst, würde sie jetzt zuhause sitzen und mit diesen ganzen Charaktären schwätzen, dann würd man sie bald einmal holen…”

Christopher Schmall: “Ja, aber nachdem sie das in Büchern verpackt…”

Norbert K.Hund: “Genau. Um das zu vermeiden, schreibt sie immer weiter…”

Christopher Schmall: “Ja, voll. Also, ich glaub schon, dass Kunst einen vor psyschischen Krankheiten auch retten kann.”

Schorsch 4: Was soll das feat. Günther Paal aka Gunkl (Gunkl-Jingle) via CBA

Günther Paal (Gunkl): “Es muss die Möglichkeit bestehen. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn sie sich etwas leisten kann. Eine Gesellschaft, die sich Querdenker oder lautradikal Nichtdenker nicht leisten kann – also, wenn man das nicht abfedern kann, dann ist das ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Davon abgesehen passiert in diesen Freien Radios auch etwas, was ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen.”

…………

Nicht zuletzt und nicht umsonst endet jedes der hier transkribierten Statements mit dem selben Dialog: “Die Radiofabrik – was soll das? – Freies Radio für Salzburg!” Ebenso absichtsvoll heißt der Titel des zitierten Musikstücks “Nothing else matters!” Und jetzt nehmt euer demokratisches Wahlrecht (oder wie das Ding heißt) endlich in den Mund – und gebt uns eure Stimme! Wir machen höchstens einen Jingle draus…

 

Karneval der Kulturen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. Februar – Am schlimmsten ist es immer mit dem Einstieg. Wie nur, ja wie? Da könnt doch jetzt Jedermann daher kommen und uns was vorraunzen von seiner Frau. Oder vom Xenophil Pimperl. Wie sagte einst Goethe: “Das also war des Puderns Kern.” Unschwer festzustellen, dass gerade Fasching beziehungsweise Karneval herrscht. Dabei wollen wir in dieser Saison nicht übrig geblieben werden, und so eröffnen wir unsere ganz eigene Session inmitten des schwindligen Kasperltheaters. Und wir wären nicht wir, wenn wir die Begrifflichkeiten des Kulturkarussells allzu bierernst nähmen. “Kulturen” kann ja so einiges bedeuten, von Anthropologie über Joghurt bis zu regionaler Volksmusik oder fremdländischen Filmen: “Almduludl akbar!”

Karneval der KulturenDie Grundlage der Selbstironie ist, wie der Name schon nahelegt, das Vorhandensein von irgend so was wie Selbst. Oder Bewusstsein. Einigermaßen selbst zu spüren, WER man ist – nicht bloß WAS. Letzteres bescheren einem eh die auswendig zu lernenden Phrasen von einer Identität aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Kultur und Berufsausübung. Die Mär von der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Kategorien, die von fragwürdigen “Autoritäten” festgelegt werden. Fürs “Befolgen” solcher Hohlheiten werden ganz konkrete Belohnungen in Aussicht gestellt, wie zum Beispiel: „Dann fühlst du dich gut!” oder “Im nächsten Leben wird es dir besser gehen.” Den Schas glauben nicht wenige – und irren ein Leben lang fremd in sich umeinand. Naturgemäß können die nicht über sich selbst lachen, sie haben irrationalerweise Angst davor, genau das zu verlieren, was sie nie gefunden haben: Das eigene Selbst. So heißt denn die volksmundige Frage: “Sag einmal, spürst du dich überhaupt?”

Karneval im LichtIch gebe zu, dass der Sendungstitel Karneval der Kulturen bereits zum Zweck verschiedener Aufmärsche des multikulturellen Bestrebens in aller Einfältigkeit ausgelutscht ist. Aber wir wären auch nicht wir, wenn wir dieser Standardvorstellung von Eiapopeia und Lieblieb nicht noch Abgründiges und Hintersinniges zu den beiden Begriffen Karneval und Kulturen (Mehrzahl) abringen würden. So soll uns die “närrische Jahreszeit” auch als Steilvorlage für die aktuelle politische Situation dienen, deren Umtriebe fast nur mehr erträglich sind, wenn man sie als Kabarettprogramm auffasst. Zu den riesigen Nebenwirkungen lesen sie… Und was den vielbeschworenen “Clash of Cultures“ angeht, können die Dichter, Künstler und Musiker, die sich wirklich mit Begegnung und/oder Verbindung unterschiedlicher Kulturen beschäftigen, meist eine bessere Belichtung anbieten als die inflationären Philosaufen, Pädagockeln und Politwichteln. Naturgemäß nur dann, wenn man einigermaßen selbst (siehe oben)…

Karneval im TheaterDas Grundverbrechen sind die falschen Versprechungen, die einem fürs vorauseilende Anpassen und fürs reibungslose Funktionieren gemacht werden: Dass man dafür in irgendeiner Art belohnt würde, wenn man sich selbst aufgibt, sich einfügt und brav mitarbeitet. Dass man halt “dazu gehört”, wenn man bei allem mitmacht, was die Strömung jeweils vorgibt, gern auch mal beim andere schlecht finden, herabsetzen und gnadenlos aussperren. Denn darum geht es meist bei den Gesellschaftsordnungen, vom Kleinsten bis ins Größte, sei es Familie, Kirche, Schule, Staat, Weltkonzern: Dabei sein oder untergehen! Das ist nichts anderes als blankes Drohen mit Gewalt. Wer solche Grenzen zwischen den Dazugehörenden und den Ausgeschlossenen aufrichtet, der profitiert von den Schmiergeldern und Zollgebühren, die unweigerlich dabei anfallen. Deshalb ist “Sepp, pass di an!” nicht nur ein beliebtes Lebensmotto, sondern auch ein verbreiteter österreichischer Vorname. Wir werden alle sterben.