Sackgassen Sachzwänge

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. MaiEs gibt durchaus verschiedene Arten von Sackgassen, in die wir so im Lauf unseres Lebens geraten können. Darunter sind viele, aus denen man auch recht leicht wieder heraus kommt. Und dann gibt es die spezielleren welchen, die zudem noch Einbahnstraßen ohne Umkehrmöglichkeit sind. Hat die Menschheit einen Rückwärtsgang? Von sich aus würde ja kaum jemand halbwegs Belichteter in eine solche Seinsfalle einbiegen. In eine angekündigte Ausweglosigkeit auf Nimmerwiedersehen. Doch – da sind dann noch die sogenannten Sachzwänge, die uns (warum auch immer) umtreiben: “Muss Arbeit hier, muss Essen, muss Frau, muss Kinder…” Oft erschließen sich der Sinn und die verschiedenen Bedeutungen eines Begriffs aber erst bei festerer Beutlung:

Sackgassen KonzeptKrampf“Sachzwänge? Z’weng am Sach?”, fragt etwa Uwe Dick in bayrischer Mundart – und das könnte “wegen einer Sache” bedeuten, wobei im Bayrischen “das Sach” speziell auch “Grundbesitz, Vermögen” meint. Aha, Realitäten aus dem Eigentumsbüro! Oder “z’weng” würde “zuwenig” bedeuten, dann wäre man schnell bei etwas wie “Mangel an Denkvermögen” und “Wirklichkeitsdefizit” der Realitäter*innen, die unsere Realitäten zu ihrem Nutz und Gewinn bestimmen. So hat auch der oft unterschätzte Sepp Forcher noch kurz vor seinem Ableben festgestellt: “Die Menschheit ist eine verlogene Bagage, sie ist nur gewinnorientiert.” Unter diesen Umständen ist die Angst vor dem Untergang schon berechtigt. Ein ins Unendliche wachstumsabhängiges Gewinn- und Gewaltsystem kann auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht funktionieren, ohne letztendlich seine Grundlagen (den Planeten mitsamt allem, was auf ihm lebt) vollends zu verzehren. Dann ist es zwar vorbei mit der Herrschaft der Herrschaftenaber eben auch mit uns. Und das wollen wir sicher nicht. Auch wenn wir in der Mutter aller Sackgassen stecken geblieben sind – es wohnt uns doch immer der unbändige Lebenstrieb inne.

Sackgassen Sachzwänge AlternativLosWir leben im Zwischenin einem Freiraum möglicher Perspektiven. Ungeachtet des Unvermeidlichen wie etwa der eigenen Endlichkeit obliegen wir dem Unverfügbaren, das sich noch jedem Versuch seiner Verwertung, sogar jeder Kontrolle, Zweckwidmung, Definition – und jedem Besitzanspruch erfolgreich entzogen hat, seiner Natur gemäß. Nichts würde die Leistungsdreher der Geschnellschaft geiler machen, als noch den letzten Rest Resonanz ihrer Kostenpflicht zu unterwerfen. Hier enden ihre Macht und ihre Möglichkeiten. Hier explodiert das freie Leben uneingeschränkt vor sich hin und kümmert sich einen Dreck darum, was ihr als Erfolg bezeichnet. Ich bin auf diese Welt gekommen, um zu sein – und nicht, um jeden Überlebenskampf zu einem Businessmodell zu machen. Mein SchwerkrampfEine Ausgebrut. Schiebts euch den ganzen Plempelkrempel von Gottes Gnaden in den Sonntagsstaat! Kein Weltkrieg (“Wenn ich nicht die ganze Welt krieg!”) kann unsere Liebe je zergrunzen.

Unvermeidlich Fatales FinaleEure künstliche Ewigkeit aus Algorithmen und Kampfdrohnen versagt im Zwischen. Im Zwischen ist das, was uns allen fehlt. Kein Kauf, kein Rausch und auch keine Zugehörigkeit zu irgendwas kann diese Lücke füllen. Und genau so soll das auch sein. Der synaptische Spalt funktioniert nur dadurch, dass er einer ist. Zwischen eben, Raum für Resonanz, Freie Zone für Verständigung und Verknüpfung. Für die Verdichtung dessen, was aus dem Leben selbst entsteht – nicht aus den Absichten der Menschenteighersteller. Wir sind der Germ. Wir bewirken appetitliche Gestalt. Backe, backe – ohne unsere Zutat nichts als Gatschfladen und Fladengatsch ringsumadum. Meinungsvielflat und “Flood the zone with shit!” Hier hört der Spaß auf, Kasperl. Dieser verräterische Satz passt doch perfekt in unser Beutelschema. Seit wasweißich wird jetzt zurück gebeutelt! Denken wir probiotisch und drehen wir den Spaß einfach um: “Flood the shit with zone!” Überall dort, wo Resonanz geschieht und sich das Unverfügbare ereignet, kann kein wie auch immer gearteter Bullshit auf Dauer den Dialog verstopfen. Zwiesprache im Zwischen, Dialog mit dem Leben, auch ganz ohne Worte, senden, empfangen

Gedenken wir der wahren Menschenfreunde!

 

Kategorischer Aperitiv

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. April – Hallo, ihr Menschen! Wir sinds, eure Gefühle. Wir sind viele. Wir sind ambivalent, mehrdeutig, rätselhaft. Und wir sind widersprüchlich – wie die Weltlage und das Wetter im April. Die Angst vor dem Untergang klopft an unser Bewusstsein – und draußen wird es Frühling wie jedes Jahr. Der Gaspreis steigt, die Börsen wackeln, alles wird teurer – und zugleich schenkt sich die Natur Bärlauch und Blumen wie immer. Ökozid oder Atomkrieg – wie hätten sie es denn gern? Und Pandemie, Hungersnot, Gewaltherrschaft stehen auch weiterhin zur Auswahl. Auswahl? Dass wir nicht lachen! Lachen ist Selbstschutz angesichts des Schreckens. Frühling ist der Aperitiv des Jahres. Bienchen kichern, Blümchen nicken – und die Hasen lachen sich eins. Aperil, Aperol, Schpritzmajim!

Aperitiv AperilEinerseits liegt ein zunehmendes Gefühl von Ohnmacht wie ein alles zersetzender Frustfrost auf unserer Seelenlandschaft. “Da kann man ja eh nichts dagagen machen.” Allzu ausgeliefert an die Erfahrung des eigenen Fremdbestimmtseins von der Kindheit bis noch ins Sterbeheim funktionieren wir wie Automaten vor uns (und den anderen) hin (und her). Aller Triebe beraubt erschauern wir auch im machtkalten Winterwind. Andererseits fühlen wir schon so etwas wie Hoffnung in uns aufsteigen. Spüren wir warm umfangend so etwas wie Ganzheit – in uns und der Welt. Etwas, das alle mit dem anderen verbindet – und mit uns selbst. Etwas, das die Zeit aufhebt und uns den Eindruck einer Ewigkeit erweckt. Lebendig sein und auch sinnvoll verbunden mit allem, was da war, ist, sein wird. Nur nicht mit dem, was sinnlos fragmentiert als Trümmersturm, Steinhagel, Bröselbrei schmerzbrennend voll durch unsere Zweige bricht und unsere feinsten Sinne, unseren Saft, unser Myzel des Lebens verstopft.

Aperitiv AperolEs ist also nun so, dass es all den uns vorliegenden Nachrichten von einem baldigen Ende menschlichen Lebens zum Trotz wieder Frühling wird. Oder eben auch gleichzeitig, ungeachtet dessen, parallel dazu. Diesen in Wahrheit nur scheinbaren Widerspruch müssen wir aushalten, obwohlund gerade weil wir ihn fühlen. Wir könnten uns allerdings dem Frühling weitaus fruchtvoller hingeben, wenn die herrschenden Ursachen der Bedrohung schon “eingehegt” wären (unwirksam gemacht – und das wird bald notwendig sein, am besten vorgestern). Machtmissbrauch, Wachstum um jeden Preis, Profitgier, “das ökonomische Diktat”, Naturfraß, Umweltschändung, Menschenverachtung, Ressourcenraubbau, Flächendeckende Volksverblödung, you name itund überhaupt Krieg mitsamt einer offenbar völlig unbrauchbaren internationalen Gemeinschaftsordnung, die bestenfalls moralische Phrasen in die Luft hüstelt. Da brauchen wir die Hinwendung zum Frühling allein schon als Medizin.

Aperitiv SchpritzmajimUnd das Lachen als Therapie zur Selbstverteidigung: “Das wirkliche Rätsel ist nicht, wann erstmals Häuptlinge oder Chefs oder sogar Könige oder Königinnen auf der Bildfläche erschienen, sondern ab wann es nicht mehr möglich war, sie einfach durch Gelächter zu vertreiben.” In der Realität der Realitäter (und *innen) verhält es sich wirklich so, dass “um die 80% der Führungskräfte Soziopathen sind”. Derlei krachende Kollisionen der Wirklichkeit mit sich selbst kann man zur Zeit nur durch die Witzessenz an sich ertragen – indem sich nämlich zwei Ebenen, die nicht zu einander passen, überraschenderweise doch begegnen, was uns zumindest schmunzeln und die Gegensätze erträglich macht. Das widerum bewirkt in unseren Leibern (die die Welt bedeuten) einen Ausschank erlesener Hormoncocktails. Und den Menschen ein Wohlgefallen, Prost! – In den Abgrund schauen und trotzdem lachen: Das ist der Aperitiv – zur Gefechtspause im Dauerfeuer des Weltgedümmels.

Gute Nacht, Österreich

PS. Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow – Der Mann, der die Welt rettete …

 

Das Kind in der Suppe

Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Januar – Jeder Betrachtung des Abgründigen wohnt ein Lebendigsein inne – immerhin spürt man, wie es einem da die Nackenhaare aufstellt. Und so ist die Beschäftigung mit dem Unheimlichen immer auch ein Fest des Lebens – sofern man nicht darin untergeht. Also nicht im Anstarren des Abgrunds verharren (der ja mit der Zeit zurück starrt, wie Nietzsche zu berichten weiß), sondern selbst wissen, dass man etwas empfindet, wenn man sich erschreckt. Dabei wie ein Kind einerseits in diesen Gefühlen versinken, zugleich andererseits im Vollbesitz der eigenen Phantasie das Unerträgliche inwendig umgestalten. Die lange Tradition künstlerischen Umgangs mit dem Morbiden zeugt von dieser Möglichkeit, das Unerträgliche in und um uns zu verbearbeiten – und lädt immer wieder dazu ein.

Mit Kind und KegelMit Kind und Kegel reist Familie Lemming nach St. Nimmerlein am See. Wir sitzen in der ersten Reihe und schauen zu. Von wem ist dieses Stück? Oder ist es gar ein Ganzes? Bald sind wir Menschen unter den Wiesen. Und werden Wiesen, und werden Wald. Liebe Abendlandler, das mit dem Landaufenthalt kann ja heiter werden. Almdudler akbar et cum spiritu tuo. Wo hängen jetzt die Jäger? Im Backheldensalat… Gerade die österreichische Dichtkunst ist reich an Bildern des Verfalls, wie sich an den Liedern und Gedichten von Ernst Jandl, H. C. Artmann, Helmut Qualtinger oder Georg Kreisler feststellen lässt. Dass uns diesen Umstand ausgerechnet ein Stiller Has aus der Schweiz wieder ins Gedächtnis befördert! Endo Anaconda hat allerdings (als Halbösterreicher und Wahlschweizer) die nötige Nähe und eben auch Distanz zum Objekt seiner Betrachtungsowie das Werk der Obgenannten verinnerlicht:

Das Kind in der Suppeösterreich, i steh auf di
es muss ja nicht unbedingt salzburg sein
dafür lieb ich den alten kaiser
den kreisky selig und den georg kreisler

österreich, hoch sollst du leben
du hast a rabenschwarze seel
und a feuerrotes herz
und an stinkerten pelz

So heißt es in seinem Lied “Österreich” aus dem Album “Stelzen”, dessen Texte insgesamt eine lebenslange Zweiseelenheimat erkennen lassen. Überhaupt scheint uns da ein Zusammenhang zu bestehen zwischen dem Schrecklichen und dem Schönen, ein Zusammenhang, dem speziell im Leiden fühlende Kunstschaffende Ausdruck verleihen. An dieser Stelle wollen wir wieder zwei verstorbene Salzburger Schriftstellerinnen “ins Leben denken”, deren Werk für die heimische Künstlerwelt wesentlich warund bleibt: Christine Haidegger und ihre Tochter Meta Merz, deren Text “Das Kind in der Suppe” schon zu zahlreichen Interpretationen inspirierte und der sich auch auf geradezu wundersame Weise als Titel dieser Sendung empfahl…

Das weiß doch jedes KindUnd was für eine dichte Metapher, die sprichwörtlich Welten über Welten hervorbringt! Hätte der alte Herr Adenauer nicht das Kind mit dem Bad ausschütten sollen, als sich herausstellte, dass nur noch nazibraunes Wasser in der Wanne war? Oder war da das Kind längst in den Brunnen gefallen? Wenn ja, in welchen? Und welches Kind? Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt! Hauptsache, das Prinzip Herrschaft bleibt erhalten. Dachte sich wohl der alte Herr. “Es ist schon in Ordnung, dass jemand regiert.” Dazu braucht es eben Beamte. Und Angst. Wir basteln uns eine Republik, die kann dann heißen, wie sie will. Der jeweilige Oberhops ist immer nackt, das weiß doch jedes Kind. Nur sagen traut sich das kaum je eins. Androhung des Ausschlusses aus der Volksgesundheit. Und Angst. Und kusch! Großjuchu ist das schönste Land auf der Welt und wir sind alle furchtbar stolz, irgendwas zu sein.

kumm schweinderl kumm
darfst noch a bisserl grunzen
weil morgen kommt der fleischhacker
und dann gibts kraut und blunzen

Stiller Has

 

Romantik Revolution

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. November — Es gibt nur eine Wirklichkeit und die heißt Realität. Romantik ist eine kunstgeschichtliche Epoche zwischen Siebzehnhundertirgendwann und Achtzehnhundertjenachdem. Revolution ist ein gewaltsamer Umsturz, bei dem Chaos und Anarchie ausbrechen (also das “Recht des Stärkeren” herrscht). So ähnlich wird uns die Beschaffenheit der Welt von klein auf, erst recht in der Schule, eingeflößt. Es gibt nur eine Wirklichkeit und die heißt Realität. Das ist der “Ernst des Lebens” (den wir erst verstehen werden, wenn wir einmal “groß” sind). Auf jeden Fall müssen wir dazu erzogen werden, dass wir uns an die herrschenden Verhältnisse anpassen. Wer sich nicht fügt, fliegt raus! Wie war das gleich nochmal mit dem “Recht des Stärkeren”? Eine Spurensuche

RomantikUnlängst flackerte im Fernsehen kurz eine Dokumentation vorbei: “Romantik – Kunst wider das Chaos” vertrat dabei die These, dass “die Romantik” eine Gegenbewegung zur beginnenden industriellen Revolution war. Philosophen sowie Kunstschaffende jener Zeit reagierten auf die zunehmende Zerstörung der Lebensbedingungen wie der Natur mit einer Hinwendung zu im Zeitgeist unterrepräsentierten Inhalten. Unberührte, von den Profitinteressen der neuen Unternehmerelite unvergewaltigte, das heißt unzerstörte und so nach wie vor gesunde Natur etwa (was auch die Natur der menschlichen Seele mit einschließt). Innerlichkeit also und Befreiung der unterdrückten Gefühlsanteile einer bislang nur unzureichend zur Geltung kommenden Ganzheit, Vielfalt und Vielschichtigkeit. Und auch individuelle Freiheit vom Sachzwang der Herrschenden und ihrer schon früh als Bedrohung erkannten Verhältnisse. Das hat alles recht wenig mit Biedermeier, Idylle und Heile-Welt-Heimatfilm zu tun – womit wir jedoch, erst recht in der Schule, von den Definitionshoheiten der alternativlosen Realitätswirklichkeit immerfort zu Tode gelangweilt werden. Wir sollen nämlich eine “Hochleistungsgesellschaft” sein.

RevolutionEin Gegengewicht zur Unwucht der schleudernden Welt zu finden und es auch anzuwenden, das wäre der Versuch einer Reform an den bestehenden Verhältnissen, ohne deren Sinn und Zweck von Grund auf in Frage stellen zu müssen. Um eine wirkliche Umwälzung (“dass ein neues Prinzip an die Stelle des bestehenden Zustands gesetzt wird”) herzustellen, müsste jedoch viel mehr geschehen, als dass bloß das eine oder andere Gegengewicht eingesetzt wird. Womöglich müsste man die gesamte schwindelerregende Maschine anhalten (wie dies etwa 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie angeregt wurde) und sodann als Menschheit gemeinsam “unter neuen Vorzeichen” weiter leben, ohne die Natur in und um uns zu zerstören. Wer stört uns? Wir sind verstört. Wir werden zerstört. Schluss damit! Das wäre die erste wirkliche weltweite Revolution. Und die Folgen? Was herrscht denn derzeit anderes als das rücksichtsloseste “Recht des Stärkeren”, wenn die eitlen Machthaberer sich unsere Welt untereinander als Besitz aufteilen?

Unsere WeltInmitten des ebenso ewiggestrigen wie strunzdummen Dauergequengels von Wirtschaftswachstum und Neuen Märkten halten wir in uns inne und stehen dann mit Thomas Bernhard auf, um endlich “in die entgegengesetzte Richtung zu gehen”. Wo immer noch ein Weg hinführt. Wir sind die Brüder der romantischen Verlierer und werden dadurch unsere Seelen gewinnen. Noch regieren uns die Untoten und die Gespenster einer nie je da gewesenen Herrlichkeit. Die war über Generationen hinweg getürkt, getürkist, gedüdeldüht. Von devoten Geschichtsschreiberlingen auftragsgemäß zurechtgeschwindelt und bei Bedarf -gefälscht. Hinter ihrem schönen Schein war noch nie irgendein Sein im Sinn gedeihlichen Lebens (außer für sie selbst). Stattdessen Ausplünderung aller zusammengeraubten Ressourcen (inklusive der Untertanen), Gewalt in jeder Form (Folter, Mord, Vertreibung, Krieg), Unterhaltung (besser Untenhaltung) durch Angst, Feindbilder, Religion und Staatstheater. Die Luftsackerln funktionieren doch nur, solange wir uns vor ihnen fürchten. “Du hergwahter Gottesgnodenschoaß – wos wüst du von mir?” Und es wird keine Antwort sein – nur gähnende Langeweile.

Wir waschen unsere Hände in Urschuld.

 

Konform Konsum Kulturkollaps

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. SeptemberEs sind finstere Zeiten, in denen wir leben. Fragen die gestellt, Geschichten, die erzählt, und Erkenntnisse, die gewonnen werden, bleiben allesamt ohne Auswirkung auf den Lauf der Welt. Geschichte wird von irgendwelchen Siegern gemacht, die sich nicht mehr hinterfragen lassen, inwieweit ihre Machtausübung dem Gemeinwohl schadet oder nützt. Die Banalität des Bösen grinst uns schadenfroh ins Gesicht und jeder Versuch zu verstehen zerschellt an einer Wand aus sprachloser Bürokratie. Dahinter treiben die Sachzwänger und Zweckwidmer ihr grausames Spiel. Der totale Krieg gegen das Menschliche endet zwangsläufig im Untergang des Lebens an sich. Der Kulturkollaps, den wir da erfahren, der ist genauso weltumspannend wie die Zerstörung der Natur.

KonformDas trübt die Stimmung, Freunde und *innen – und verfinstert das Gemüt. Wollen wir denn nicht alle immer nur fröhlich, vergnügt, “gut drauf” – und vor allem von allem Unbill der Welt “in Ruhe gelassen” sein? Schön wärs! Die Diktatur der guten Laune ist immer und überall. Und der quietschbunt penetrante Konsumterror. Public Relations auf allen nur erdenklichen Kanälen – als “Propaganda” kennt man das diesbezügliche Grundlagenwerk von Edward Bernays, die darin erklärten Techniken wurden nur umbenannt, weil sich ein gewisser Joseph Goebbels so schamlos beim Neffen von Sigmund Freud bedient hatte. Wär ja sonst peinlich. Pfuigack, Zipferl sagt man nicht! Millionen Menschen verhungern lassen – das ist was ganz anderes. Lebt der Jean Ziegler eigentlich noch? Wir leben jedenfalls in einer geschlossenen Anstalt für Realitätsflüchtlinge, allerdings regiert und verwaltet von den eigentlichen Soziopathen. Während sie das Haus anzünden, singen wir ein fröhliches Lied. Juhu!

KonsumKonkret verstimmt sind wir auch über den allzu schnellen Tod von Elke Mader, die uns und unsere Projekte stets freundschaftlich begleitet hat. Scheißtod! Trauer mischt sich da mit Wut. Unser Blick in den Abgrund wird zunehmend deutlicher. Ob es der Abgrund ist, der zuletzt zurück blickt? Wir werden sehen… Und wir sind doch bedürftig nach einem Wort des Trostes. Was würde Leonard Cohen jetzt sagen?

You can add up the parts
But you won’t have the sum
You can strike up the march
There is no drum
Every heart, every heart
To love will come
But like a refugee

KulturkollapsIst es also längst nicht mehr kurz vor Zwölf auf der Doomsday-Clock des Atomzeitalters? Ist es vielleicht viertel nach Sieben – und zwar am nächsten Morgen? Sind wir jetzt alle tot? Haben wir es nicht mitgekriegt? Konsumismus, Kulturkollaps und Klimawandel – sind wir schon über den “Point of No Return” hinaus? Die Gegenwart stinkt gewaltig nach No Future. Die derzeitige Situation bietet kaum noch Perspektiven für eine friedliche und gerechte Welt. Eher für einen lang anhaltenden Abgang. Aberwas wäre gerade jetzt so richtig prophetisch? Was würde eine nächste Generation der verwirrten Menschheit zurufen – wenn die Möglichkeit einer Antwort besteht? “Hört endlich auf, euren Gewinn als höchsten Wert für alle anzusehen! Hört endlich auf, die ganze Welt zu eurem Glauben zwangsbekehren zu wollen! Hört endlich damit auf, im Recht zu sein, indem ihr alles Abweichende zerstört! Sonst gehen wir ALLE unter!

Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst

 

Sommerfrisch & Herrschaftsfrei

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. JuliUnterwegs zum dritten Ufer zwischen Pro- und Antithese. Wo Liebe regiert, herrscht Anarchie. Oder wie ich heute sagen würde: Da ist Anarchie real. Wirklich. Ja – und Liebe? “Wos isn des übahaupst, Liebe?” – “Liebe ist ein exakt definiertes Produkt, das du dir im Internet bestellen kannst, du Trottel – und jetzt schleich di aus unserer Sendung!” Möchte man auch mal sagen im inwendigen Strafprozess ums letzte eigene Leben. “Ich entziehe ihnen das Wort, sie brabbelnder Kulturschrott, der immer wieder nur eins wiederholt, nämlich dass die Macht an der Macht bleiben muss, alternativlos.” Herrschaftsfrei wollen wir leben – aber nicht gestaltlos, sinnentleert, unförmig und ohne Ordnung im Zusammen sein. Mitten in einer Welt, die am Prinzip Herrschaft zu sterben droht.

Herrschaftsfrei 1Seit der Erfindung des Imperiums im Zweistromland vor über 4000 Jahren herrscht in den Herzen und Hirnen von Untertanen der “zentral regierte Staat” in der “arbeitsteilig sowie in hierarchischen Strukturen verfassten Gesellschaft”, im Prinzip also das, was wir heute auch haben. Noch dazu kreuz und quer über den gesamten Globus vernetzt wie eine einzige weltweite Pandemie. Eine weltumspannende Krankheit des menschlichen Geistes, aufgebaut aus Angst und Macht, Herrschaft und Abhängigkeit, Gier und Gewalt und letztendlich sinnloser Zerstörung. Eine angebliche Weltordnung, die eigentlich eine Weltunordnung ist, so offenbar wie nie zuvor. Eine richtige Weltzerherrschaft. Und wiewohl deren tödliche Folgen für jedermann (und -frau und überhaupt) klar zu erkennen sind, wird dennoch weltweit, fast schon verzweifelt, am bisherigen System festgehalten. Den verursachenden Erreger (das Prinzip Herrschaft) zu neutralisieren und in neuer Gestalt weiter zu leben, wird mehrheitlich nicht mal in Betracht gezogen. Für Herrschende (die Herrschaft) ist die Welt Ware, sind wir Menschen Material

Herrschaftsfrei 2Geschätzte Milliarden Mitbewohner, bloß weil uns das unhinterfragbare Akzeptieren dieser herrschenden Machtstrukturen seit Generationen epigenetisch eintraumatisiert (mit fester Gewalt gefickt eingeschädelt) worden ist, sollten wir nicht trotzdem herrschaftsfrei zu leben beginnen? Trotz alledem und jetzt erst recht? Wenn sich das seit Jahrtausenden Überkommene als so offenbar nicht zielführend erweist für ein Leben im Frieden untereinander und mit der Natur, warum nicht etwas bislang Verunmöglichtes versuchen – das aber immerhin den Keim der Zerstörung (das Prinzip Herrschaft) nicht in sich trägt? Was wir dazu beitragen können, ist dieses dreistündige Konglomerat aus Musik und Gedanken, in dem wir vergangene Zeiten mit Gegenwart erfüllen und Zukünftigen, wenn auch noch unausgesprochen, ihr Lebensrecht auf Verwirklichung zuerkennen. Es haben sich ja bereits einige kluge Köpfe (und *innen) zum Zustand der Welt und der Notwendigkeit, herrschaftsfrei zu sein, das eine oder andere überlegt. So etwa unsere “Gäste” Wilhelm Busch oder Erich Mühsam und auch Konstantin Wecker.

Herrschaftsfrei 3Die Momente, in denen wir uns so überraschend und wie von selbst herrschaftsfrei fühlen konnten, die waren zunächst sommerfrisch. Als es noch Sommerferien gab, die klar umgrenzt und zugleich immer auch unendlich waren. Ein Augenblick am Flussufer, im Wald, allein oder gemeinschaftlich – und alle Macht von allen war aufgehoben, existierte einfach nicht mehr, wir waren frei! In diesen Zeiten erlebten wir, was es bedeutet, ohne Herrschaft sein zu können und selbstbestimmt über das Leben zu verfügen. Haben wir es deshalb zerstört? Haben wir uns und andere umgebracht? Hat da auf einmal das Faustrecht regiert und ist das Chaos ausgebrochen? Womöglich haben wir etwas versäumt, womöglich haben wir etwas kaputt gemacht, womöglich haben wir sogar die Zeit tot geschlagen. Auf jeden Fall haben wir gelernt, dass wir verantwortlich sind für das, was wir uns vertraut gemacht haben. Den Ort, den Augenblick, uns selbstund auch einander. Was wir in uns aufnehmen, was wir auf uns einwirken lassen, was wir uns anverwandeln. “Zähme mich”, sagte der Fuchsund weg war er

PS. Die überaus inspirierenden Bilder in diesem Artikel entstammen dem Cover-Artwork der von uns geschätzten multiethnischen Gruppe Kultur-Shock – merci!

 

Alt und Jung und Jung und Alt

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Mai“Aber ihr seid beides!” Dieses Apocalypse-Now-Zitat veranschaulicht unser aller Zwischenheit trefflich. Von Beginn an vergehen wir. Und bis zuletzt leben wir. Da ist immer beides zugleich. Alt und Jung sind untrennbar miteinander verbunden. Auch wenn das im Jugendclub wie auch im Altersheim zunächst anders ausschaut. Apropos, geht es alten Menschen besser, wenn sie plötzlich Senioren heißen? Oder Senior*innen? Best-Ager gar? Na also. Bitte. Danke. Pubertäter aller Länder, begreifet euch! Und Insass*innen aller Altersendlager, werdet euch bewusst: Jung ist der, der Junges tut. “Ihr seid am Leben. Das ist alles, was zählt. Ihr seid am Leben!” Darauf lässt sich dann, egal ob alt oder jung, nur noch eins erwidern: “Das ist die Wahrheit.”

Alt und Jung und Jung und Alt AusblickNaturgemäß blicken Menschen unterschiedlichen Lebensalters jeweils anders in die Welt. Sie haben ja auch verschiene Interessen und Schwerpunkte. Kein Jugendlicher wird jemals abgeklärt und reich an Lebenserfahrung die Entwicklung des Weltgeschehens im Rückblick kritisch würdigen. Kein noch so agiler Herangereifter wird jemals mit Entwürfen für seine Zukunft schwanger gehen und dabei auch noch berauscht die Nacht durchtanzen. Drecksbiologie! Da kann man möchten was man will. Was man aber kann, ist in einen Dialog treten, über die genannten Grenzen hinaus. Was man auch kann, ist miteinander in Resonanz geraten, da lösen sich ja viele dieser Genregrenzen, Geschlechtergrenzen, Generationengrenzen auf, ohne dass man sie künstlich unterdrücken, wegverdrängen oder zuschütten muss. Das ist ein Anflug von Demokratie – gegenläufige Interessen unter einen Hut zu bringen.

Alt und Jung und Jung und Alt GezeitenDem Anfang wie dem Ende wohnt ein Leben inne. Und wie sehr erst dem Dazwischen! Kein Funktionieren, keine Staatsbürgerschaft, kein verregeltes Verrinnen von Lebenszeit. Staat dessen Denken und Fühlen und Fragen und Ergründenwollen. Neugier und Forschergeist und unstillbare Sehnsucht nach lebendiger Antwort. Nach Wahrnehmung. Als Mensch, nicht als Molekül. Das Grundbedürfnis, den elementaren Prozess des eigenen in die Welt Wachsens “zu einem guten Ende” zu bringen. Das in jedem einzelnen Vorgang des Lebens tobende Verlangen, von etwas, von jemand, überhaupt angesprochen zu werden. Und die Reaktion zu erfahren, die der Fragestellung entspricht. Wenn das nicht geschieht, stirbt etwas ab im Lebendigen. Noch bevor es hinreichend alt geworden ist, um wiederum Junges zu inspirieren. Noch bevor es jung genug ist, um überhaupt alt zu werden. Die herrschenden Weltverhältnisse der Macht zerstören nicht nur das bereits vorhandene Leben – sie vernichten es schon vor seiner eigentlichen Entstehung. Das Menschsein wird wortwörtlich “im Keim erstickt”. Wem das nicht mehr weh tut, der/die ist zu einem Teil der Banalität des Bösen” geworden.

Alt und Jung und Jung und Alt MusikBöses zerteilt und zertrennt das Große und Ganze nämlich so weit, bis die Lebensfrage nach Antwort genau gar nichts mehr vorfindet, sich daran zu verstehen. Das ist, was Hannah Arendt insgesamt mit dem Begriff meint: Die Weigerung, selbst Verantwortung zu tragen, zerbröselt jedes Verstehenwollen ins schiere Nichts, ist also seinem Wesen nach Vernichtung. Ist also selbst nichts anderes als Nichts. Auf Nichts lässt sich auch nichts antworten, es sei denn man ist ein Hupfhans und Hampelzwerg im Scheinweltgedümmel der Imageindustrie. Nichts als Etwas zu verkaufen, noch dazu für echte Arbeit, echten Schweiß und echte Lebenszeit, das hat wiederum durchaus was Diabolisches. Ist das die große Weltverschwörung zum Untergang und zum Zerfall des Lebendigen? In Abwandlung von Jan Josef Liefers könnte man sagen: “Verzweifeln sie nicht. Aber zweifeln sie bitte weiter!”

Oder auch: “Werden sie ruhig alt. Aber bleiben sie jung dabei!”

 

Frühlingsfest der Endlichkeit

>>> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. April – Er ist wieder da! Der kleine Tod, mit dem Andreas Vitàsek schon immer ein hochgradig ambivalentes Zwiegespräch pflegt. So abgründig liebevoll und schaurig vertraut wie vermutlich eh meistens im sonderlichen Sein des Homo Säugetier. Die vereinfachte Darstellung des Todes als bloßer Gegenpol zum Leben (was schon auch zutrifft) erhellt eben nur einen Aspekt des vielfältig Möglichen zwischen Frühlingsfest und Abschiedsleid. Vom “dünnen Firnis der Kultur, der uns von der Barbarei trennt” sprach der legendäre Jurist Fritz Bauer. Wie fest wäre hingegen der Firnis einer Kultur, die sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein widerstrebender Gegensätze speist? Einer Kultur des Sowohl-als-Auch, der wir diesmal im Strom der Gezeiten eine Insel stiften werden.

Frühlingsfest der EndlichkeitVor genau 10 Jahren haben wir mit “Frühlings Erwachen” der Zwiefalt von Leben und Tod eine Sendung gewidmet. Deshalb haben uns auch diese Szenenfotos der Schauburg in München trefflich inspiriert. Aber diesmal interessieren wir uns mehr für das, was entstehen kann, wenn die gegeneinander wirkenden Pole Lebenslust und Todessehnsucht eine Zeit lang und im selben Raum vorhanden sein und sich auswirken dürfen – ohne dass Entscheidungen getroffen werden müssen. Somit sollen Musik, Texte und Themen vorkommen, die entweder Frühling, Sonnenlicht, Liebe oder Angst, Trübsal, Untergang darstellen. Natürlich dazwischen auch solche, die bereits im Sowohl-als-Auch daheim sind – und von dort aus Fragen aufwerfen: Was ist Gegenwart (einmal abgesehen von Vergangenheit und Zukunft) anderes als Anwesenheit? Müsste sie dann nicht bei manchen Philosophen und Sprachwissenschaftern Abwesenheit heißen? Von wegen Geistesgegenwart

Frühlingsfest der Endlichkeit“Den Leibern, die hier umgehen, ist jeder Geist Gespenst.” So Uwe Dick in der Vorrede seiner szenischen Lesung “Der Öd”. Ja fürwahr, es scheint uns das “Hordiotentum” einer “perfekt blöd gemachten Rasse” dergestalt zu umbrodeln, dass Homo gewiss nicht sapiens heißen kann, bestenfalls Brotteig, Knetmatsch oder Massenblubb. Da ist es wieder, dieses Zwischen dem Glauben an die Menschheit und dem Verzweifeln an den Verhältnissen. Die Unsicht der Gestaltigen im Umgang mit der Welt wird eines Endes unser Untergang sein. Kein schönes Erwachsen! Kein Frühlingsfest der gemischten Gefühle für Anfängys und Fortgelaufene. “Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne”, um es mit den Worten des Dichters weiter zu denken. “Mein Herz schlägt mich innerlich tot.” Und zwar schon seit vor meiner Geburt. “Liebe An- und Verwesende …”, das ist das Ende der Legende vom “ewigen” Wachstum im Hier und Jetzt. Schon ein Trost!

Frühlingsfest der EndlichkeitLeben und Endlichkeit sind die zwei Seiten derselben Medaille, untrennbar ineinander verknüpft. Warum nicht beides annehmen – und feiern, wie der Frühling fällt. Dazu bedarf es keines Auflaufs in der Außenwelt. Dazu bedarf es keiner Zusammenrottung und keines öffentlichen Almauftriebs. Der eigenen Endlichkeit endlich einmal so richtig zu obliegen, sie sich bewusst werden zu lassen, ihr Raum im Leben zu gewähren, ihr zu huldigen, weil sie die längst vorhandene zweite Hälfte des eigenen Selbst ist, das würde uns viel deppertes Festbatzen an unserem Traum vom perfekten Glückskeks ersparen! Das letzte Wort soll nun eine Französin (Roxanne aus Apocalypse Now) haben: Er wütete und er weinte, mein verlorener Soldat. Und ich sagte zu ihm: In dir wohnen zwei Seelen, weißt du das? Eine, die tötet – und eine, die liebt. Und er sagte zu mir: Ich weiß nicht, ob ich ein Tier bin oder Gott.Aber ihr seid beides …“

Frühling? – Gutes Wetter für Luftangriffe.

 

Licht Kind Schatten

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. März – Auf unserer heutigen Expedition ins Zwischenreich aus Licht und Schatten vertrauen wir uns dem einzigen “Führer” an, der in dieser Schwurbelwelt aus Entweder und Oder noch zuverlässige Perspektive verheißt, nämlich dem Kind. Die besondere Auffassungsgabe oder eben emotionale Perzeption von Neugeborenen wurde in zahlreichen Studien untersucht und von humanistischen Psychologen wie zum Beispiel Arno Gruen als Grundlage in ihre Arbeiten integriert. Das Kind blickt sozusagen durch, wo die verwachsenen Darsteller_innen sich im Gewirr von Gut und Böse verstricken und dann vor lauter erwünscht geglaubter Programmabspulung kaum noch in der Lage sind, dem Leben ohne Vorbehalt zu antworten. Kein Wunder also, dass “die Welt” so ausschaut …

Licht Kind SchattenDer große österreichische Sänger und Menschenfreund Georg Danzer hat die Situation so beschrieben:

es gibt so fü leiwaunde kinder
und mit jedn tag werns mehr
und es stöhd sich die peinliche frage
wo kumman de dumman erwachsenen hea

Hier die neue Version der Blau AG

Und das ist beileibe kein Zeitgeistrülpser aus den ach so freizügigen 70ern, das ist ein ebenso zeitloser wie ernst zu nehmender Befund, der uns (als Einzelne und auch als Gesellschaft) ein Wegweiser durch den Irrgarten der Zivilisation sein sollte. Und dann hör ich die aktuelle Wirtschaftsministerin sagen: “Die Gymnasien produzieren oft am Markt vorbei.” Bitte? Welcher Markt? Was ist das für ein Weltbild? Oder sind “die Gymnasien” doch nichts anderes als Produktionsstätten für das Humankapital “der Wirtschaft”, das gefälligst wunschgemäß zu funktionieren hat? Schwachsinn!

Kind Licht Schatten“Das versteht doch jedes Kind…” Oder wie es ein gewisser Jesus ausgedrückt haben soll: “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht an der Welt teilhaben, in der Liebe, Frieden und Gerechtigkeit herrschen.” (Frei übersetzt nach Matthäus, Kap. 18) Die heutige Generation der Kinder und Jugendlichen drückt das ganz ähnlich aus: “Hörts endlich auf, den Planeten zu ruinieren, und machts es einfach richtig, sonst haben wir nämlich alle keine Zukunft mehr.” Woraus folgt, dass Menschen, die so weitermachen wie bisher, zu Mördern ihrer eigenen Kinder werden. “Jetzt reichts aber. Das geht zu weit. Kreuzigt ihn!” Wir befinden uns zwischen der Phantasie und dem bodenlosen Abgrund. Zeit, der spielerischen Kraft des inneren Kindes zu obliegen, die es auch in Heranwachsenden und sogar noch in vollständig Ausgewachsenen zuwege bringt, sich die vorgefundene Welt im Einklang mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen vorzustellen. The Expert is the Freestyler!

Schatten Kind LichtBleibt allerdings immer noch die peinliche Frage, wo die dummen Erwachsenen her kommen. Oder besser gefragt, was denn eigentlich so dumm macht. “Massenblödien, Quasselödien, Kassenschmähdien!” Eh klar, die Umweltbedingungen. Oder der Calvinismus. Der Markt. Das Unterbewusstsein? Da wirds interessant, gelangen wir da doch zum Verdrängten, in den Schatten (wie C. G. Jung das bezeichnete). Unsere Gedankengänge gehen doch immer von den selben Anfangspunkten (oder Befestigungen, Verankerungen) aus – und führen auch wieder zu ihnen zurück. Wenn wir eigenständig denken und nicht “denken lassen”. In dem Fall sind die Denkpunkte nah an der Oberfläche befestigt, in fremdbestimmten und vorgefertigten Bereichen wie Mode, Meinung, Zeitgeist oder Parteizugehörigkeit. Ein tiefgründiges Denken erfordert hingegen tiefer im eigenen Selbst begründete Ausgangspunkte. Und das auch hinter der Grenze zum Unbewussten, an der Scham und Schuldgefühl lauern.

Also, mitten hinein! Aber wie? Keine Ahnung – doch wir sind die Perlentaucher …

 

Out of the Light into the Dark

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. Oktober“Dekadenz ist ästhetischer Widerstand um den Untergang zu ertragen.” Dieser schöne Satz stammt aus einem dokumentarischen Zweiteiler, der zur Zeit in der ARTE-Mediathek wütet. Darin kommt die Ambivalenz von Dekadenz (im allgemeinen Verständnis) elegant zum Ausdruck: Einerseits die Suche nach Schönheit (speziell im Verfallen) sowie die Lust am Ergründen des Abgrunds, andrerseits die moralische Empörung über den drohenden Untergang sowie der kreative Widerstand gegen dessen Verursacher. Rückblickend haben wir uns ja schon des öfteren mit derlei “tiefgründigen Themen” beschäftigt, was läge also näher, als zwischen Herbstbeginn und Zeitumstellung der “Düsterkeit des Zwielichts” zu obliegen. Es wird finster – ist das nicht auch schön?

Dark in the LightVom Herrn Hölzel vulgo Falco, dem internationalen Erfolgsösterreicher mit dem tragischen Abgang, gibt es den Song “Out of the Dark into the Light”, dessen Hoffnungskonzept angesichts der uns bevorstehenden Untergänge doch etwas abgegriffen wirkt. Auferstehung Reloaded und Phoenix im Kontext des Abgangs des Abendlands… So ging ich auf die Suche nach dessen Umkehrung und fand nach geraumer Odyssee tatsächlich ein Musikstück namens “Out of the Light into the Dark”, komponiert von Michiel de Groot für das Online-Game-Universum von “The Elder Scrolls”. Und so ward der Inspiration für einen zur dämmrigen Jahreszeit passenden Sendungstitel füglich Genüge getan. Lasset uns schwelgen in der Schönheit des untergehenden Lebens! Zu keiner Zeit ist das Licht intensiver als im Herbst, wo es doch von Tag zu Tag weniger wird. Zu keiner Zeit dringt das Leben stärker ins Bewusstsein als im Angesicht des Todes. Da ist auf einmal alles nichtig und lächerlich, so wie Thomas Bernhard das beschrieben hat, und zwar wirklich alles, was uns zuvor noch wichtig, übermächtig und unentrinnbar erschienen ist. Mein Herz schlägt mich innerlich tot

Blackberry by XöEin kraftvolles Kunstwerk zum Thema Licht und Finsternis, hier von Helmut Xö nachbearbeitet. Versucht einmal, den Schriftzug unter der Schwarzbeere (ja, da ist einer) zu entziffern. Wo hört Licht auf? Wo fängt Schwarz an? Dark Colours sind eben auch Farben – oder doch nicht? Das Spiel mit dem Dunkeltum löst dessen schwer zu bestimmende Grenzen scheinbar auf und befördert uns dadurch in die Dimension, die es nicht gibt – oder eben doch. Mein Leben ist ein tägliches Duell mit dem Gegenteil. Und es steht nach wie vor unentschieden. Der Herr Hase radelte heut sprichwörtlich durch die Vorstadt im Fön und nahm dabei einen sehr speziellen Geruch wahr, den er nicht benennen konnte. Irgendwie süßlich jedenfalls, und da fiel mir “es riecht nach Rattenchor” ein. Das legendäre Motiv von Georg Trakl, zu dem wir vor fünf Jahren ein ganzes Artarium gestaltet haben! Dieser Dichter der Dekadenz des Fin de Siècle ist wie kein anderer berufen, auch düsterer Stimmung glühende Sprache zu verleihen.

Light in the DarkDas “im Zwischen leben” und sich nicht für irgend eine der zwei oder mehr Seiten zu entscheiden, das “zwischen den Stühlen sitzen”, sitzen bleiben und die Spannung der Ambivalenz aushalten, das ist auch eine Möglichkeitsform, egal was uns die Schwarzweißmaler ins Schachterl scheißen. Ich entziehe mich der vorgesetzten Zweiheit des Entwederoder und erweitere sie hiermit ins Entoderweder oder ins Goisern’sche Entwederundoder. Multiple Choice is no choice at all – ist Multiple Scheiß! Niemand muss sich “fürs Leben entscheiden”, um zur Welt zu kommen. Es ist eine sexuell übertragbare Tröpcheninfektion, die ausnahmslos tödlich verläuft. Und zugleich ist darin immer auch die Anfrage an einen selbst enthalten, es anzunehmen, es zu bejahen, damit einverstanden zu sein. Zelebrieren wir die Schönheit des fast unmerklichen Übergangs, des gleichzeitigen Vorhandenseins von Leben und Tod, des Ineinanderfließens von Vergangenheit und Zukunft, in der Gegenwart, die keine Zeit ist – und also auch nicht dauert. Flüchtige Anwesenheit inbetween! Die “Besitzer” der erfundenen Dauerhaftigkeit seien dahingehend gewarnt: Nobody lives forever