Vom Fallen zum Fliegen

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 8. Mai um 22:06 Uhr – Es gibt zwei Formen menschlicher Bewegung (oder besser Bewegtheit?), bei denen wir “den Boden unter den Füßen verlieren” oder aber “das Gewohnte hinter uns lassen, weil wir bemerken, dass uns Flügel wachsen”. Beiden gemeinsam ist “die etwas (eigentlich sogar sehr) andere Fortbewegung” – nämlich durch die Luft. Der Unterschied zwischen Fliegen und Fallen besteht lediglich in der bewussten Steuerbarkeit. Während das Fallen (hier kommt auch “fallen gelassen werden” ins Spiel) ein passiver Vorgang ist (es passiert uns), wird das Fliegen als eine aktive Handlung begriffen, bei der wir uns entscheiden können, wie und womit wir uns über die Hindernisse erheben und die Distanz zwischen uns und unserem Ziel überwinden. Doch was ist mit dem Landen?

Vom Fallen zum Fliegen„Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt: nicht ertrinken. Das Gefühl des Schiffbruchs, da es die Wahrheit des Lebens ist, bedeutet schon die Rettung. Und darum glaube ich einzig an die Gedanken Scheiternder.“

José Ortega y Gasset

Mit dem Gefühl, zu fallen (und zwar ins Bodenlose) kenn ich mich aus. Es ist stets verbunden mit dem Gefühl, nicht gehalten und auch nicht aufgefangen zu werden. Dadurch fühlt es sich wie (von jemandem) fallengelassen werden an. In weiterer Folge wie (von jemandem) weggeworfen und in einen Abgrund ohne Aussicht auf Wiederkehr hineingestürzt worden zu sein. Merkt ihr, wie hier das passive Erleiden nach seiner aktiven Verursachung fragt: Wer hat mir das angetan?” Als das Kind ein Kind war, hat es das alles genau so erlebt und empfunden. Doch was ist heute?

Vom Fallen zum FliegenEinschub zwecks Steigerung der Spannung: Wer weiß, was das für ein schöner Regenbogen ist – und weshalb und seit wann der hier an dem Türmchen neben der Ausfahrt der Garage vom Barmherzigen-Brüder-Spital angebracht ist? Die überraschende Antwort findet sich in dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag. Und auch in diesem Link

Zwischen dem Fallen und dem Fliegen kommt das Landen. Das Zwischenlanden zunächst. Lange Zeit hat das ehemalige Kind immer dann, wenn es sich im Gefühl des Fallens wiederfand, versucht, aus dieser Bewegung des Abstürzens direkt in eine Bewegung des Fliegens überzugehen. Was soll ich sagen – es war ungeheuer anstrengend, hat letzten Endes nicht funktioniert, und die dabei eingesetzten Mittel haben sich mit der Zeit als ungesund erwiesen. Inzwischen hat es gelernt, bei sich selbst innezuhalten, also dort zu landen, wo das Leben und das Überleben sind.

Vom Fallen zum FliegenUnd von da aus und immer wieder von da aus kann es beginnen, die schier unendlichen Möglichkeiten, die in seiner Lebenskraft, in seiner Lebensweisheit und in seiner alles umfangen wollenden Lebendigkeit schon immer vorhanden waren und vorhanden sind und ja, vorhanden sein werdenvon Grund auf neu und unverbeultauszuprobieren und mit ihnen herum zu spielen, bis es sie gezielt anwenden kann.

Die Unendlichkeit des Lebens in dir selbst. Das ist die Ressource, ohne deren Erschließung kein kompliziertes frühkindliches Trauma “neu verhandelt” werden kann. Und seien wir ehrlich, wir, die wir aus Zivilisationistan kommen, haben das alle. Das Fliegen(können) aber, wie ich es verstehe, das sich aus immer wieder von neuem Gelandetsein ergibt, das hat nichts mit chemisch induziertem Überfliegertum zu tun. Es kann vielmehr sein, dass einem dadurch Flügel wachsen, dass das Herz als zahllose rote Fühler durch die Rippen kommt, um einen Menschen zu berühren.

 

In diesem Sinne