Die Hundeblume

Artarium am Sonntag, 30 August um 17:00 UhrEin Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst.” Einmal am Tag eine halbe Stunde in den Hof, das heißt immer in einer Reihe, immer in demselben Kreis, immer von denselben aggressiven Gefängniswärtern mit lautem Geschrei angetrieben. Sein einziger Lichtblick ist ein einsam blühender Löwenzahn, eine Hundeblume, wie man in Norddeutschland sagt, und an diesem einzigen farbigen Lebewesen inmitten all der grauen und grausamen Eintönigkeit hält er sich fest …

Die HundeblumeSie wird zum Objekt seiner Begierde und erst durch sie findet er – in einer Situation, die ihm nur aussichtslos erscheinen kann – wieder zu einem Ziel, auf das er sein ganzes Dasein ausrichtet. Die Geschichte, die hier erzählt wird, begleitet ihn dabei bis zur tatsächlichen Begegnung “mit dem Lebendigen”. In dem Moment, wo sich sein inneres Überleben und die äußere Wirklichkeit des Lebens berühren (das in seiner Hundeblume verkörpert ist), in dem Moment “erkennt sich das Leben im anderen selbst”. Und für den “lebendig Begrabenen”, dessen einzige Aussicht bislang das Zugrundegehen war, erschließt sich in einem zeitlosen Augenblick der eigentliche Sinn allen Lebens: “Er war so gelöst und glücklich, dass er alles abtat und abstreifte, was ihn belastete: Die Gefangenschaft, das Alleinsein, den Hunger nach Liebe, die Hilflosigkeit seiner zweiundzwanzig Jahre, die Gegenwart und die Zukunft, die Welt und das Christentum – ja, auch das!” Ihr könnt die ganze Geschichte hier lesen, sie heißt “Die Hundeblume”.

Geschrieben hat sie Wolfgang Borchert kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs, aus dem er sterbenskrank heimgekehrt war – als er bereits wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. An diesem Punkt seines Lebens entschied er sich, die ihm noch verbleibende Zeit zu nutzen, so viel als möglich von dem, was er selbst erlebt und überlebt hatte, zu verdichten und für die Nachwelt (uns) aufzuschreiben. Über sein bekanntestes Theaterstück “Draußen vor der Tür”, das noch in seinem Todesjahr 1947 auch als Hörspiel gefeiert wurde, haben wir im April eine Sendung gestaltet.

“Die Hundeblume” scheint mir jedoch noch dichter, noch wesentlicher zu sein. Weil sie nämlich einer grundsätzlichen Frage nachgeht: Was macht den Unterschied zwischen Untergehen und Überleben aus? Und dabei ähnliche Antworten gibt wie Viktor Frankls “Trotzdem Ja zum Leben sagen” – ebenso beglaubigt durch seine eigene Erfahrung: “Noch kurz vor seinem Tode erklärte Borchert, dass es diesen Hundeblumen-Mann gab, dass er 21 Jahre alt war und 100 Tage in einer Einzelzelle saß mit dem Antrag des Anklagevertreters auf Tod durch Erschießen.” (Wikipedia)

 

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