The Process Of Belief

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. JuliSeit fast 40 Jahren existiert da irgendwo in St. Kalifornien eine stilprägende Punkband namens Bad Religion. Zuallererst springen zwei Merkmale ins Ohr: Zum einen das fast schon sture Beibehalten des von ihnen mitbegründeten Sounds (der oft als Skatepunk oder Melodic Hardcore einsortiert wird) nebst den für sie typischen mehrstimmigen harmonischen Gesängen. Zum anderen die für die Punkszene eher untypisch komplexen und geistig herausfordernden Songtexte, die man am besten auch selbst lesen sollte, damit sie nicht in der Wucht ihrer Darbietung verschwimmen. Eine umfängliche Sammlung dieser Texte ist etwa hierorts – im Internet eures Vertrauens anzutreffen. Speziell zum heutigen Album The Process Of Belief

Bad Religion BeliefFür letzteres haben wir uns entschieden, weil es ungefähr in der Mitte des nun doch schon recht langen Bandschaffens erschienen ist und so den Sound/Stil kurz nach der Jahrtausendwende zu Gehör bringt. Und weil meine Lieblingsnummer auf The Process Of Belief enthalten ist, nämlich Sorrow (hier die etwas andere Live-Version), ein Lied, das mir erstmals in Mariazell widerfuhr. Bad Religion eben. Die etwas andere Geschichte. In Würdigung der Beständigkeit von Bad Religion wollen wir vor unserer Albumpräsentation noch vergleichen, wie sie sich in den 90ern anhörten – und wie sie sich (fast) heute anhören. God Song versus The Approach – zeitlich dazwischen das heute zu zelebrierende Krachwerk aus Abgrund und Harmonie. Es soll einfach wieder einmal gscheit scheppern und plärren, wenn wir schon alle seit Monaten nur noch im Kopf (und virtuell, pfui Deifi!) tanzen können. Und wenn Zeiten wie diese vermehrt nach Gedankenfutter verlangen, dann sind wir beim Herrn Professor bestens bedient. Greg Graffin singt und schreibt nicht nur für seine Band – er ist zudem Doktor der Zoologie, Universitätslektor und Buchautor, der in seinem Gesamtwerk Naturwissenschaft, Politik und Philosophie zusammen führt. Allein schon der Wikipedia-Eintrag zu den Werten der Band lässt den dahinter knotzenden philosophischen Kosmos erahnen. Der Begriff “Belief” hat hier viel mit Kritik an organisierter Religion (und das ganz besonders in den U.S.A.) zu tun. Der Herr Professor, inzwischen ergraut, gibt selbst Auskunft über einige Hintergründe.

Die erste wirkliche Autobiographie seit 40 Jahren Bad Religion wird am 18. August 2020 bei Hachette Books erscheinen – und wird auch als Hörbuch erhältlich sein.

Sehr zum Wohl!

 

Der große Schaspreis

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. JuniDer Preis ist heiß. Eigentlich dampft er noch. Und auch wenn es sich nicht um den großen Schaspreis (oder eine andere staatliche Heißluft) für Literatur handelt, geht es rund um den Wörtersee meist mit einiger Erregung zur Sache. Denn die Veranstaltung, die schon im Jahr 2000 nicht mehr “Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb” heißen durfte, war ja von Anfang an als fernsehgerechte Show konzipiert, als ein unterhaltsames Theater der Literaturkritik. In einem der zahllosen Artikel des deutschsprachigen Feuilletons, die Tag für Tag während des laufenden Wettlesens erschienen sind, hat man uns immerhin einige der bisherigen Bachmannpreis-Erregungen nachgereicht. Es haben eben auch alle tagesaktuell bemarkteten Verwurstwaren ihre jeweils sehr eigenen Geschichten

Der große Schaspreis…durch welche sich die Geschichte erst wirklich lebendig erzählen lässt. Nicht, dass wir mit der diesjährigen Preisträgerin Helga Schubert nicht einverstanden wären! Ihre spezielle Bachmannpreisgeschichte begann bereits 1980, als sie aus Gründen der DDR nicht teilnehmen durfte – und Sten Nadolny sein Preisgeld zu gleichen Teilen auf alle Autor*innen aufteilen ließ, weil er befand, dass Literatur nicht Gegenstand von Wettbewerben sein sollte.” Seine daraus entstandene “Entdeckung der Langsamkeit” ist überhaupt eine unverzichtbare Kritik am herrschenden Immernochschneller und Immernochmehr. Das wäre ja auch die große Chance von Corona-Lockdown und Digital-Distancing, endlich zur Besinnung zu kommen im Hinblick auf die kranken (und kränkenden, im Wortsinn krank machenden) Ziele und Werte, mit welchen die Weltbevölkerung zum Zweck ihrer besseren Beherrsch- und Verwertbarkeit fortlaufend neu infiziert wird.

Publikumspreisträgerin Lydia Haider und gebenedeit – Die Viren sollen krepieren

Der große Schaspreis kann jedoch auch das Strafgeld für einen beamtshandelten Darmwind bedeuten. Wie bitte, was? Wenn jeder Schas klagbar wäre, dann liefen (lauferten) doch ein Haufen Politwichteln, Religionskoffer und Finanzhoudinis (um hier nur einige anzuführen) hoch verschuldet in der Landschaft herum. Oder geht es darum, aus welcher Öffnung des Körpers die heiße Luft entweicht? Ob man bloß ein Arschloch hat – oder ob man eines ist? Vielleicht hat Martin Luther auch den ersten Satz des Johannesevangeliums verkehrt übersetzt und es müsste heißen: “Im Anfang war der Sinn.” – Weil da steht ja Logos – dann bräuchten wir uns forthin nur noch mit dem Sinn von Vorschriften und Gesetzen zu befassen – und nicht mit deren Wortlaut.

Höchste Zeit für einen gepflegten Exorzismus mit Torsten Sträter

 

Bachmann Loops

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Juni“Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!”, schrieb Ingeborg Bachmann 1961 in ihrer Erzählung Undine geht”. Was sie wohl heute von dem nach ihr benannten Preis halten würde? Jene Dichterin, die 1967 aus Protest gegen die Übersetzung der Gedichte von Anna Achmatowa durch den ehemaligen NS-Funktionär Hans Baumann ihren bisherigen Stammverlag verließ, weil sie verstand, dass eine Frau, die gegen den Totalitarismus Stalins anschrieb, nicht von einem Mann bearbeitet werden durfte, der den Totalitarismus Hitlers mit befördert hatte. Jene Ingeborg Bachmann, die 1973 zugrunde ging, auch an ihrer jahrelangen Verzweiflung über jederlei kritiklosen Gehorsam, nunmehr dem alles zersetzenden ökonomischen Diktat gegenüber. Das Virus Macht hat viele Gesichter.

Bachmann LoopsWie entstanden nun eigentlich 1976 jene Tage der deutschsprachigen Literatur, als deren Höhepunkt sich das “Wettlesen” um den Ingeborg-Bachmann-Preis etablierte? Schon wieder begegnet uns Humbert Fink, der weithin als “Konservativer vom Dienst” dargestellt wird – und der im legendären Club 2 mit Nina Hagen 1979 als gelangweilter Verächter der weiblichen Sexualität auffällig wurde. Und der ebenso notorische Marcel Reich-Ranicki (die Löffler?), der ja auch nicht gerade als Verfechter einer spezifisch weiblichen Sicht- und Schreibweise gilt – viel eher als Prototyp des Machtbildes vom “alten weißen Mann”. Hier tut sich auf einmal eine schwindelerregende Diskrepanz zwischen Behauptung und Tatsächlichkeit auf, die aufs erbrechenmachendste die hierzulande gebräuchliche Rundumverwurstung von toten Künstler*innen aufzeigt. Wurscht, wer Mozart wirklich war, zur Imagepflege und als Handelsware ist er super! Überhaupt, ein Literaturevent als “sportiver” Wettkampfdas gibt uns zu denken!

Einen angenehm anderen Umgang mit dem Vermächtnis von Verstorbenen pflegt der Berliner Produzent Tim van Jul, der schon vor 8 Jahren mit seinem Projekt “Seid was ihr wollt – Kinskys Villon” im Artarium zu Wortklang kam. Nun hat er unlängst einen Gedichtvortrag von Ingeborg Bachmann kongenial in elektronische Musik gebettet, noch dazu zuhause als Ein-Mann-Unternehmen, wie es in den Zeiten der Corona angesagt ist. Und wie es zur diesjährigen digitalen Darreichung der “Tage der deutschsprachigen Literatur” passt wie kein anderer Faust aufs Auge. Daher spielen wir sein aktuelles Album “Bachmann Loops” am Tag der Preisverleihung.

Die Woge trug ein Treibholz hoch und sinkt.
Das Fieber riss dich an sich, lässt dich fallen.
Der Glaube hat nur einen Berg versetzt.
Lass stehn, was steht, geh Gedanke!

Ingeborg Bachmann – Geh, Gedanke

 

Vitásek und die Utopien

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. MaiIn Zeiten wie diesen, in denen nicht nur das ansteckende Lachen verdächtig ist, sonder überhaupt Theater und Kabarett nur noch virtuell stattfinden und einem speziell die Humorkünstler leid tun müssen, weil sie kaum noch übertreiben können, was gerade stattfindet, in Zeiten wie diesen sollte man sich allein schon aus Gründen geistiger Gesundheit der hysterischen Flut medialen Gezappels zumindest zeitweilig enthalten – und statt dessen die eine oder andere gut abgehangene (aromatisch ausgereifte!) Vorstellung aus früheren Zeiten zu sich nehmen. Der etwas andere Kabarettist Andreas Vitásek erschuf zu seinem 50. Lebensjahr das Programm “My Generation”, in dem er die Utopien und Abgründe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdichtet. Es ist Zeit, aus der Zeit zu fallen.

Vitásek und der TodZugegeben, das Foto stammt aus dem aktuellen “Austrophobia”, wir freuen uns aber so heftig über die Wiederbelebung des Tods, dass wir es hier sinnbildlich verwenden. Denn auch durch “My Generation” weht naturgemäß der Hauch einer unentrinnbaren Endlichkeit – allein schon des Älterwerdens wegen. So legt sich unser Held des Erinnerns letztendlich bei Professor Freud auf die Couch und assoziiert sich (und uns) einen ziemlichen Wirbel. Zuvor jedoch nimmt er uns mit in seine eigene Geschichte und bringt dabei die abgedrehtesten Anekdoten aus der Wiener Szene (wieder) zu Bewusstsein. Ein persönlicher Parforceritt durch die Post-68er-Jahre und zugleich Zeitgeschichte zum Mitfühlen und Lachen. Vitásek erzählt von seinem Studium der Theaterwissenschaften, seiner Zeit als Komparse am Burgtheater (als Giorgio Strehler einmal Franz Morak als Richard III. absetzte), seinen seltsamen Begegnungen mit “den Linken” und deren noch viel seltsamerem “Marsch durch die Institutionen”, von der Palmers-Entführung, dem OPEC-Überfall und den eigenartigen Karrierewegen seiner damaligen Bekannten. Einer davon ist Peter Pilz – und die bsoffene Gschicht, die wir da erfahren, wirkt heute geradezu prophetisch:

Spät in der Nacht treffen sie einander in einem Lokal im 7. Bezirk und Vitásek stellt beheitert fest: “Ihr Grünen, ihr habts überhaupt kein Kulturkonzept.”

Wenn das kein Grund ist, wieder einmal in früheren Zeiten zu verweilen…

ALLES hat eine Geschichte!

 

Museum für Naive Technik

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. April – Als das Kernkraftwerk Zwentendorf nach der legendären Volksabstimmung vom 5. November 1978 dann doch nicht wie geplant in Betrieb ging, kam alsbald die Frage auf, was man nun mit dem Bauwerk tun solle, wo es doch schon fixfertig errichtet wäre. Ein besonders lustiger Vorschlag aus den Reihen der Atomkraftgegner war, das gesamte Ensemble zu einem “Museum für Naive Technik” umzuwidmen. Am 26. April 1986 offenbarte sich dieses halbspaßige Ansinnen in prophetischer Weise, als die von den Aposteln der Atomkraft stets als beherrschbar angepriesene Technik der halben Welt buchstäblich um die Ohren flog – in Gestalt des Reaktorblocks 4 von Tschernobyl. Dort befindet sich inzwischen das tatsächliche Museum für Naive Technik als ein Mahnmal menschlichen Wahnsinns.

Museum für Naive TechnikEinen größten anzunehmenden Urstoß zu unserer Sendung (exakt 34 Jahre nach dieser Katastrophe) verdanken wir dem lieben Kollegen Andreas Woldrich, der uns auf die außergewöhnlichen Filmmusiken von Hildur Gudnadóttir hinwies und dabei ihr musikalisches Mitwirken an der TV-Serie Chernobyl hervor hob (absolute Empfehlung!). Ihre darin verwobenen Klangwelten entziehen sich jedweder Kategorisierung, zumal sie revolutionär andersartig aufgebaut und ebenso untypisch in die Dramaturgie der Filmhandlung eingefügt sind. Erfrischend verschieden vom Allermeisten, das uns als “Filmmusik” sonst oft funktional und erwartbar entgegen dröhnt. Da hätte der Altmeister des atmosphärischen Samplings seine helle Freude daran (und hat sie mit Sicherheit auch). Allein ein Stück wie “The Door” auch nur anzuhören, versetzt einen unweigerlich in die Stimmung des Unbehagens angesichts der “unsichtbaren Gefahr”. Und das ist auch die Parallele zum derzeit vorherrschenden Gemütszustand.

Die Handlung von Chernobyl (wiewohl fiktional erweitert) folgt den posthum bekannt gewordenen Aufzeichnungen des sowjetischen Wissenschafters Waleri Legassow, der darin die eigentlichen Ursachen der Nuklearkatastrophe sowie die unrühmliche Informationspolitik der Regierenden offenlegt. Diese folgten laut Legassow in allen Entscheidungen dem “ökonomischen Diktat”, so wie sämtliche Propagandisten der “friedlichen Nutzung der Kernenergie” in den anderen Ländern der Welt übrigens auch, und zwar immer skrupellos und ohne Rücksicht auf die bekannten Gefahren für Leben, Umwelt und Gesundheit. Hier eine Liste schwerer Störfälle seit 1945…

Danke! Jetzt sind wir gründlich beruhigt, Oida.

 

Es gilt die Unmutsverschuldung

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Aperil Unmut (von wemwas auch immer verschuldet) ist ja heutzutage ein weit verbreitetes Phänomen. Wenn aber Unmut zur Wut wird, dann wird Unwucht zur Mucht. Was für eine feine Schöpfung! Und schon sind wir mitten in der sprachkreativen Logik des erweiterten Wortbaus. Zack, zack, zurück zum Anfang! Kaum wird von einem möglichen Verbrechen berichtet, hört man sogleich den (aus rechtlichen Gründen gebotenen) stereotypen Stehsatz: “Es gilt die Unschuldsvermutung.” Und der ist ob seines inflationären Gebrauchs schlechterdings nervtötend. “Es gilt die Unmutsverschuldung.” Genau – nur wer oder was ist schuld an unserem Unmut? Das wäre ein gutes Beispiel für durch Sprachkunst ausgelöste Denkprozesse. Sofern man Ohren hat – und zwar nicht bloß zum Brillenbefestigen.

Es gilt die UnmutsverschuldungEine weitere flotte Fingerübung fürs Gehirn ist die folgende: Ein einzelner Buchstabe macht einen gewaltigen Unterschied (und dann halt auch noch die Zeit).

“Die SPÖ betrieb Umverteilung. Die ÖVP betreibt Umvereitlung.”

Und Ursula Stenzel? Die betreibt Einverumtlung. Danke für dieses Bild! Michael Niavarani vertritt ja die Ansicht, dass eine “unüblich verschaltete Gehirnregion” für solcherlei humoreske Schöpfung ursächlich ist – und dass das bitte durchaus “normal” (im Sinne von nicht krankhaft und somit behandlungspflichtig) sei, dergestalt zu denken. Ich würde da noch weiter gehen und mir vorstellen, wie Weltpolitik aussähe, wenn diese Art zu Denken noch viel “üblicher” wäre: “America kräht again!” – alle lachen, gehen nach Hause – und wählen jemand Vernünftigen. Kann es sein, dass den (allgemein üblichen) “normalen” Mehrheitsmenschen genau diese unabhängige Hirnschaltung fehlt? Und wodurch ist die Verziehung zum Nachplappern von vorgeformtem Blödsinn so erfolgreich?

Es gilt die Unmutsverschuldung!

Österreich im April 2020: Ein gut ausgebildeter Sozial- und Gesundheitsbetreuer leistet aufgrund der aktuellen Corona-Krise außerordentlichen Zivildienst in einem Senior*innenheim. Dort ist er mit eklatanten Gefährdungen dieser Risikogruppe konfrontiert und wendet sich deshalb mit dringenden Anregungen direkt an den Gesundheitsminister. In dem Zusammenhang wir ihm telefonisch mitgeteilt, “…er überschreite seine Kompetenzen und lehne sich zu weit aus dem Fenster, weil er seine Vorgesetzten übergehe, was ein Nachteil für ihn wäre…”

Erich Fried in seiner Rede zur Salzburger Bücherverbrennung 1938 (die er 1987 gehalten hat, “um die historischen Kontinuitäten aufzuzeigen”): “Mein Gott, wer erst einmal gründlich kuschen gelernt hat, der vergisst das nicht so schnell, und gibt es noch seinen Kindern weiter als praktische Überlebensregel. Wer hat uns so dressiert, welchen Einflüssen ist das zu verdanken?”

Es folgt nun volksdümmliche Musik…

 

Die Büchse der Corona

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. MärzAlbert Uderzo ist tot. Das betrübt viele von uns, aber immerhin wurde er über 90 Jahre alt. Sein kongenialer Partner René Goscinny dagegen verabschiedete sich schon mit 51 von der Welt, allerdings mit einer schwer überbietbaren Schlusspointe: Er erlitt mitten in der Untersuchung bei seinem Kardiologen einen Herzinfarkt, als der ihn auf einen Ergometer setzte. Wir bedanken uns bei beiden für die Erfindung des “globalen gallischen Dorfs” und wollen auch fürderhin so unbeugsam sein wie dessen Bewohner, zumal wir bedingt durch die akute Corona-Pandemie nach wie vor von zuhause produzieren. In dem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass der Bösewicht im Asterix-Band Nr. XXXVII (Asterix in Italien) Coronavirus heißt – nur halt nicht in der deutschen Übersetzung.

Hundertwasser und die Silhouette der CoronaDie Begründung des für dieselbe zuständigen Klaus Jöken klingt nach doppelt eingesprungenem Insiderschmäh und beweist, dass für manche auch die verzwirbelte Wendeltreppe den Denkweg zur Assoziation darstellt. Caligarus? Geh bitte! Und was tut sich in der Welt der realen Zaubertränke und Fake Facts? Glauben Amerikaner tatsächlich, dass COVID-19, auch kurz Corona”, durch den Genuss einer mexikanischen Biersorte (!) übertragen wird? Wo ist der Harry Lesch, wenn man ihn mal dringend braucht? Ach ja, hier erklärt unser Held der Zahlen und Fakten einmal verständlich, wie man diverse Corona-Statistiken (Sterberate etc.) interpretieren kann. Oder hier eine Gesamtdarstellung aktueller Forschungsergebnisse zum Thema (wenn auch etwas reißerisch und massenkompatibel aufbereitet). Auf jeden Fall bleiben wir dabei: In Zeiten wie diesen, wo Verschwörungsesoteriker und ihre Gläublinge alle Welt medial mit ihren Schwindligkeiten infizieren, ist der Herr Professor ein Fels in der Brandung des Aufgeregten. Genau wie Peter Filzmeier im Hysterium der heimischen Innenpolitik. Was uns nunmehr zur Situation in Österreich und in uns selbst führt.

In dieser Sendung betrachten wir erstens die Vergewaltigung von Kunst und Kultur zum Zweck des Geldmelkens am Beispiel des Après-Ski in Ischgl. Dazu der “Herr Gesundheitslandesrat von Tirol” im ZiB 2 Interview. Zweitens widmen wir uns der Innensicht auf die unsichtbare Bedrohung, zumal wir ja derzeit alle in emotionalen Turbulenzen hausen. Und drittens zitieren wir (im Kontext individueller Schicksale vor globalen Ursachen) Konstantin Weckers “Stürmische Zeiten, mein Schatz”, dessen Refrainzeile “Leben ist Brücken schlagen – über Ströme, die vergehen” aus dem Gedicht “Schleierkraut” von Gottfried Benn die Hoffnung des Menschseins anrührt.

War da zuletzt nicht auch Hoffnung – in der Büchse der Pandora?

Gesundheit!

 

Kein Zurück

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. März – Irgendwo im Skiparadies Pandora (oder wars in Italien?) haben ein paar Ballermandln die Büchse der Corona umfallen lassen – und schon machen wir Sendungen mit Sicherheitsabstand. Im Einklang mit den geltenden Maßnahmen der Regierung versucht auch die Radiofabrik, jedwede Ansteckung mit dem depperten Coronavirus zu verhüten – und stellt unter anderem den Livebetrieb ein. Was uns nicht die Bohne daran hindert, euch auch weiterhin mit dem etwas anderen Kunnst-Biotop zu beseelen, auch wenn wir jetzt eine Zeit lang unsere Artarien von daheim aus produzieren werden. Oder wie Wilfried Schmickler sich unnachahmlich hineinsteigert: “Es gibt kein Zurück!” Da müssten schon andere kommen, um unser Sendungsbewusstsein auch nur ansatzweise anzuknabbern

Wilfried Schmickler - Kein Zurück“Kein Zurück” heißt demgemäß auch Wilfried Schmicklers aktuelles Programm, aus dem wir ein hoffnungsfroh kulturkritisches “Best Of” zu Gehirn bringen. Der schon seit Ewigkeiten aus TV-Sendungen wie den “Mitternachtsspitzen” bekannte Ex-Ministrant versteht es wie kaum ein anderer, apokalyptische Sprachbilder aus biblischem Bestand in gesellschaftspolitische Gegenwartsprophezeihungen zu verdichten, dass es einem die gewohnte Gleichgültigkeit abräumt. Sprachmächtig und sprachverliebt dicht sind auch seine Tiraden aus Triaden und Alliterationen aus Adjektivkaskaden und er kann singen! Ach, hört euch das doch einfach einmal an, lasst euch in diesen Fluss fallen und treibt eine Zeit lang dahin in der verschlungenen Welt der Bildworte und Wortbilder und Assoziationen und Einfälle und plötzlich zusammengeratenden Sinnstiftungen. Es soll euer Schaden nicht sein und – keine Angst, wir kommen ja alle wieder zurück von diesem Road-Trip nach Nicht-Nowhere. Wir kümmern uns drum, versprochen.

Gerade in entschieden sehr sonderlichen Zeiten wie diesen, in denen uns alle nur möglichen Empfindungen vermehrt anspringen, in denen wir Angst haben, zweifeln, uns nicht auskennen und uns daher ohnmächtig fühlen, können derlei humoreske Betrachtungen des Weltwahnsinns und seiner drohenden Folgen ein geeignetes Therapeutikum fürs Dranbleiben und Durchstehen sein. Fürs sich wieder an sich selbst erinnern. Bei aller Betroffenheit – Lachen (auch über sich selbst) ist gesund.

Aber dennoch nicht verzagen,
überstehn.
Leben heißt Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.

Konstantin Wecker (nach Gottfried Benn)

 

Goodbye Novecento

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. MärzIm Jahr 1999 entdeckte ich das damals frisch veröffentlichte Konzeptalbum Goodbye Novecento des italienischen Cantautore Antonello Venditti, in dem er seine Gefühle und Visionen im Hinblick auf den nahen Milleniumswechsel zum Ausdruck brachte. Das italienische “Novecento” bezeichnet nämlich das, was wir im Deutschen als “20. Jahrhundert” verstehen und – wegen der Zahlen – eh gern mit dem Neunzehnten verwechseln. Nun läuten wir ja gerade die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts ein (Bimbam, wie die Zeit verfliegt) und so passt diese Würdigung eines ganzen Albums auch hervorragend zu dessen 20-jährigem Erscheinungsjubiläum. Darüber hinaus scheint es in vervirten Zeiten wie diesen geboten, an die belebende Kultur der italienischen Linken zu erinnern.

Goodbye NovecentoAntonello Venditti, ein gläubiger Christ und zugleich sozialkritischer Künstler, begründete zusammen mit Francesco De Gregori, Lucio Dalla und anderen Alt-68ern die sogenannte “Römische Schule” der Cantautori. In den 60er und 70er Jahren war es durchaus nicht ungewöhnlich, sich aus kirchlichen Kreisen heraus in die Politik der Gesellschaftsreform einzubringen. (In Salzburg etwa gründete 1966 die “Katholische Arbeiterjugend” das erste Jugendzentrum der Stadt, aus dem sich in über 50 Jahren das heutige MARK entwickelte, das gerade wieder einmal heiß umfehdet, wild umstritten ist). Ebenso umstritten waren einige Liedtexte der erwähnten Sänger/Dichter/Musikanten. So wurde Lucio Dallas “4/3/1943” (Gesù bambino) rüde zerrupft und zensiert, Antonello Venditti für sein “A Cristo” sogar gleich wegen Gotteslästerung angeklagt. Es zeigt sich immer wieder aufs Neue, was die jeweiligen Machtspieler von “eigenständigen Ansichten mündiger Bürger*innen” halten. Wer die jeweils vorgehupfte Ideologie nicht gläubigst bejubelt, wird konsequent aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und schon sind nicht mehr die Verbrecher das Problem, sondern diejenigen, die deren Verbrechen darstellen. Das sind ja auch die sensiblen und oft prophetischen Kunstschaffenden.

Im Jahr 1979 war ein Lied namens “Bomba O Non Bomba” hier in Österreich in aller Ohren und erweckte massenhaft die erwünschten Urlaubsassoziationen. Dass sein überaus poetischer Text von Vendittis ambivalenten Erfahrungen in jener Zeit der “Bleiernen Jahre Italiens” erzählt, das wissen dagegen nur die wenigsten. Wir wollen in dieser Sendung auch die Besonderheit seiner Dichtkunst aufzeigen, nicht zuletzt anhand des Titels “In Questo Mondo Che Non Puoi Capire” vom gegenständlichen Album “Goodbye Novecento”. Das hierzu verlinkte Video sagt eh schon sehr viel…

Corona? Malgrado te!

 

In Nino veritas

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Der Nino aus Wien hat sich seit nunmehr über 10 Jahren ein erfrischend heterogenes Publikum erschrieben, ersungen, erspielt. Da mischen sich Freund*innen von locker flockiger Popmusik mit Liebhaberern literarischer Abgründigkeit und Groupinien psychedelischer Sumpfabenteuer. Die wahren Abenteuer sind – unterwegs – und die eleganteste Grabinschrift “auf der Durchreise”. Am Mittwoch, 11. März bespielt der Nino (mit Band) den großen Saal der ARGEkultur und stellt dabei auch sein überaus tanzbar geratenes neues Album vor. Auf selbigen kommt allerdings das inzwischen für viele unverzichtbare “surreale Roadmovie aus dem Kopf” auch nicht zu kurz, etwa in Gestalt der Schlussnummer “Wach” mit der Musicbanda Franui. Das freut uns!

Der Nino aus Wien zum WeltfrauentagIst uns doch der Dichter und Liedermacher zuallererst mit seiner herausragenden Ballade “Es geht immer ums Vollenden” aufgefallen, deren Text ein wahres Meisterstück lyrischer Reimkunst ist – und deren finale Feststellung “…und den Superbowl” einen gekonnt in ein ganzes Universum an Deutungsmöglichkeit entlässt. Daher soll diese Sendung auch den dichterischen Schwerpunkt im Schaffen des urwiener Nachtschattenfreunds anleuchten und sonderliche Denklandschaften jenseits von Hupfidupfi und Blumpf offenlegen. Der äußerliche Eventstream der Gleichklone ist eben nicht seine Themenwelt, vielmehr die unendliche Vielfalt individueller Innenschau, die er ebenso erdverbunden wie schwerelos schwebend ausdrückt. Zudem ist die besondere Verbindung von Sprachkunst und Musik hervor zu heben, die den sehr speziellen Charme seiner Darbietung ausmacht, und die Vergleiche mit PeterLicht oder Hubert Weinheimer (Das trojanische Pferd) nahelegt. Einer “vorauseilenden Denkmalerrichtung” wie etwa “Bob Dylan vom Praterstern” (Falter) wollen wir uns jedoch nicht anschließen, weil uns derlei Formulierung allzu inflationär erscheint im verbreiteten Heischen um Aufmerksamkeit (und Auflage). Die Substanz der Dichtung des Nino aus Wien geht aber durchaus auch in diese Richtung. Doch beschränken wir uns lieber auf die deutsche Sprache, genau genommen das Wienerische, das ja, wie manche sagen, da dazu gehört, oder, wie andere meinen, deren Höhepunkt ist.

Da fügt es sich fein, dass am Freitag, 13. März ein weiterer Dichter und Denker aus Wien, nämlich der von uns hoch geschätzte Gunkl in der ARGEkultur zu Gast sein wird. Was die beiden eventuell miteinander verbindet, das hat der liebe Apotheker und Nebenwirkungssoziologe Hund hier wie folgt zusammengestellt: “Wieso der Gunkl nicht gern auf Festln geht” sowie “Warum der Nino lieber zuhause bleibt”

Viel Vergnügen!