Lieber Augustin

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Januar“Wie sie sehen, bin ich sehr beschäftigt. Ich habe eine Epidemie draußen wüten.”, erklärt sich Gevatter Hein dem Volkssänger Augustin bei ihrer Begegnung in der “Roten-Dachl-Schenke”. Doch ungeachtet der unheimlichen Szenerie bringt dieser den Tod (der als Person auftritt) dazu, mit ihm Brüderschaft zu trinken. Und überlebt daraufhin sogar seinen Sturz in eine offene Pestgrube. Nun meinen manche, diese alte Überlieferung aus Wien habe einen durchaus aktuellen Bezug zur gegenwärtigen Corona-Pandemie und sollte gerade jetzt wieder aufgegriffen werden. Chapeau! Wir wiederholen daher das sozialsatirische Hörspiel “Augustin” von Ambros, Tauchen, Prokopetz aus dem Jahr 1980, das wir schon einmal unter dem Titel Weine Frohnachten spielten.

AugustinDer Dreh- und Angelpunkt dieser (so unnachahmlich dargebotenen) Volkssage ist die bereits erwähnte Begegnung von Augustin mit dem Tod: Sich verbrüdern, dem anderen ins Gesicht schauen und erkennen, wer er ist, das alles sind Symbole des Dialogs auf Augenhöhe. Man kann das auch als “vorbehaltloses Annehmen der eigenen Endlichkeit” verstehen – in einer Gesellschaft, die zum Thema Tod und Sterben ein hoch ambivalentes Verhältnis pflegt: Einerseits verdrängen und abschieben ins Krankenhaus und ins Hospizandererseits aber überhöhen und zelebrieren mit Totengedenken und Friedhofskult. Die sprichwörtlich “fröhliche Morbidität” des speziell wienerischen Umgangs mit der Vergänglichkeit (und ihre Verbearbeitung durch Ambros/Prokopetz während der 70er Jahre) hat inzwischen ihren festen Platz in der Literaturkritik wie auch in der Wissenschaft gefunden. Heute jedoch fragen sich manche, ob solch “halblustig verblödelte” Darstellung von Lebensrausch und Seuchentod überhaupt noch gesendet werden DÜRFE – angesichts des Ernsts der Lage ringsin und um uns

Tatsächlich jährt sich der Beginn der Pandemie gerade zum zweiten Mal (am 23. Januar 2020 wurde die erste COVID-Infektion außerhalb Asiens nachgewiesen). Gerade deshalb tut es gut, mit einer gewissen ironischen Distanz auf jedwedes Infektionsgeschehen zu blicken – und dabei hemmungslos, heimlich, verschrullt (oder wie auch immer) zu lachen. Gerade die Karrikatur einer Situation (und sei diese noch so unangenehm) kann uns dabei helfen, ihr gelassener gegenüber zu treten. Und so tun wir, was der ORF (aus unerfindlichen Gründen) nicht tut: Die CD einlegen, auf “Play” drücken – und geht dahin! Fürchtet euch nicht und bedenket:

“Des Leben überleb ma ned.”

 

Niveau ist keine Hautcreme

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. DezemberInnehalten inmitten des inflationären Geplappers und unterscheiden. Zwischen leerem Geschepper und lebendiger Kunst. Sprache entlarvt. Zuverlässig. Hohle Phrasen sind kein Ersatz für das Eigene. Die stillste Zeit (wie auch immer sie zustandekommen mag) bietet Gelegenheit, genau hinzuhören. Mit allen Sinnen hinzuspüren, inwieweit der Mensch hinter den Worten auch etwas Wesentliches mitzuteilen hat. Oder ob da nur billiges Heischen um Zustimmung (Applaus, Reichweite, Gewinn) stattfindet, das uns seltsam ungesättigt zurücklässt. Sprache auf hohem Niveau bewirkt Verständnis, befördert Einsicht und Mitgefühl und ist zudem rundum wohlschmeckend. Nährwert, nicht Mehrheit. Nicht industrialisierter Leerraumfüllstoff im Menschenmassenmatsch.

Niveau ist keine HautcremeEin Fest der Freude im Radio? Na, dann freuen wir uns doch alle noch einmal über den endlichen Abgang des jüngsten Alt- bezw. längsten Kurzkanzlers aller Zeiten. Er war ein abschreckendes Beispiel für die Schändung der Sprache mit synthetischen Textbausteinen:  Pseudorhetorische Reizwortreihen, die an angemaßter Pose nur noch vom Liederwürgen eines Andreas Gabalier übertroffen werden. Aber fürchtet euch nicht, es gibt fürwahr hochkulturellere Abgänge zu vermelden. So legt unsere langjährige Lieblingsfestspielpräsidentin nach unglaublichen 26 Jahren ihr Amt nieder. Da machen wir uns jetzt aber schon Sorgen, denn an wem sollen wir uns künftighin reiben? Keine konnte so an einem zupfen wie sie! Ihre Bodenständigkeit war ein essenzieller Beitrag zur Identifikation auch der nicht so kunstinteressierten Bevölkerung mit der Institution der Salzburger Festspiele. Und bei aller gebotenen Kritik – wir verdanken ihr durchaus mancherlei Perlen niveauvoller Vortragskunst.

So empfahl sie uns “den wunderbaren Philosophen und Politiker Nida-Rümelin” und siehe da, wir sind mitten in den postitiven Beispielen für “jemand, der etwas zu sagen hat und der das auch verständlich und übereinstimmend tut”. Rhetorik ist eben ein Mittel der Kunst – entscheidend ist, ob dahinter ein Mensch steht oder ein Blob. Besonders deutlich kommt das im Lebenswerk von Georg Stefan Troller zum Ausdruck, der vor kurzem seinen 100. Geburtstag feierte und in einem beachtlichen Gespräch “sein geheimes Drehbuch” enthüllt. Es soll unser Schlusswort sein

Sein Portrait von Ron Kovic (Geboren am 4. Juli) ist Wahrheit in Menschengestalt.

 

Jenseits von Mütend …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. DezemberSchon bald können wir das zweijährige Pandemiejubiläum begehen – und nach wie vor ist kein Ende in Sicht. Immerhin tauchen gelegentlich sprachkreative Lösungen für die Beschreibung der Zustände in und um uns auf. Impfpflichtzwist zum Beispiel ist eine anspruchsvolle Trainingseinheit für unseren inzwischen weithin unterforderten Artikulationsapparat. Aber auch “mütend”ist eine geniale Wortschöpfung, die das Gemütsgemenge von immer mehr Menschen als Mischung aus “müde” und “wütend” auffasst. Und viele empfinden dieses Zugleich von eigentlich entgegengesetzten Emotionen als genau die Verfassung, in der sie sich seit Anbeginn der Pandemie befinden. Doch ist dies in sich selbst widerstrebende “Mütendsein” nicht schon viel länger in uns wirksam?

Jenseits von MütendDie einander jeweils verstärkenden Impulse von heftiger Empörung und ebenso heftiger Ohnmacht zwingen die Betroffenen in eine andauernd aufgeregte Resignation. Aber sind es wirklich “nur” die Viren, die uns da verwirren? Oder ist es nicht viel mehr der hahnebüchene Umgang mit der Pandemie, der die “für uns Verantwortlichen” als schwindlige Irrlichter entzaubert und der uns so wütend macht? Und ist es nicht der Umstand, dass da irgendwelche Schönwetterpropheten und Wahlprognosten “über uns Macht haben” (und uns kein Ausweg einfällt, wie wir die endlich alle entmachten könnten), der uns so überaus ermüdet? Wo sie sich doch gerade in diesem Umgang mit Corona laufend als ebenso überfordert wie unterqualifiziert erweisen. Und statt von Anfang an Fachleute mit dem Pandemiemanagement zu beauftragen (und somit zuzugeben, dass sie nicht alles wissen können), stellen sich “unsere Politiker*innen” dar, als hätten sie alles im Griff – doch draußen vor der Tür herrscht Gevatter Hein.

Wir werfen einen Blick in die Möglichkeiten jenseits von Polit-Textbausteinen oder Parallelweltphrasen – etwa auf die Frau, die den Begriff “mütend” weithin bekannt gemacht hat. Die Intensivmedizinerin Dr. Carola Holzner entgegnet Impfskeptikern und erklärt verständlich, was mRNA eigentlich ist (körpereigene Information) und wie die tagtäglich in jeder unserer Zellen funktioniert. Warum erleben wir derartiges nicht schon seit einem Jahr in allen Medien? Ja, warum? Weil es am Sprach fehlt im kommerziellen Infotainmentzirkus, mit dem wir alle schon länger infiziert sind?

Einander mitteilen (und so mit einander teilen), was wir erleben, was in uns vorgeht und was uns wichtig erscheint. Nicht, was von irgendeinem Gott, vom Markt, von der Statistik vorgegeben, gewollt oder gesollt wird. Mit unseren eigenen Worten. Dialog. Auf du und du. Das muss nicht hochglänzend sein. Kein schöner Schein. Nur echt. Michaela Schara zum Beispiel: “Mütend – ein Rant, ein Uff, ein großes Vielleicht”

Oder wir selbst. Ein Weihnachtsmärchen

Weihnachtshase

 

 

 

 

 

 

 

 

“Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und belabert seid!” Aber was sind wir? Ausgebrannte Mitmacher*innen? Zuversichtliche Erschöpfte? Achtsame Empörte? Denker*innen? Ambivalent, mehrdeutig, stimmungsbeeinflussbar. Schauen wir einmal in den Spiegel: Der Pandemomat. Und schauen wir auch einmal genauer hin: Die ausführliche Langzeitstudie Lebensgefühl Corona.

 

Unter der Oberfläche

Artarium am Sonntag, 12. Dezember um 17:00 Uhr – Nach all dem Zeitlosen in der Musik spielen wir diesmal ein weitgehend verschollenes Album, dem man die Zeit seiner Entstehung durchaus anhört, nämlich Unter der Oberfläche von Hans Koval aus dem Jahr 1986. Mir widerfuhr sein als LP auf schwarzem Vinyl gepresstes Werk Mitte der 90er durch einen Flohmarkt in der legendären Käfergrabenmühle (deren Hausvater Bernhard Samitz vulgo Bez wir bereits eine Sendung widmeten und der danach auch einen schönen Roman von Brita Steinwendtner inspirierte). Dass wir dieses Zeitdokument gerade jetzt wieder ausgraben und zu Gehör bringen, hängt mit den Umständen seiner Entstehung zusammen – und mit dem, was es in unsere Gegenwart hinein berichtet, wenn wir es aus seinem Kontext heraus verstehen

Unter der OberflächeSeit Mitte der 70er war das Duo Koval & Klingenbrunner in der Tradition kritischer Liedermacher unterwegs und begleitete so die Generation der Hoffnungsvollen und Verändernwollenden durch eine sich abzeichnende Endzeit des grenzenlosen Wachstums. Zwentendorf, Hainburg und die Katastrophe von Tschernobyl schienen “letzte Warnungen” zu sein, die ein globales Umdenken und Umsteuern erfordern würden, um dem Untergang zu entgehen. Doch hat sich seit damals wirklich Entscheidendes geändert? Haben also Naturzerstörung, Ressourcenraubbau, die Ausbeutung von Mensch und Tier, Meinungsmanipulation durch Massenmedien, kurz, die Zerbraucherung unser aller Leben durch die jeweiligen Beherrscher, die von Geldes Gnaden Kaiser von Hinterfotz und St. Nimmerlein plötzlich aufgehört? Oder wenigstens nachgelassen? Ganz im Gegentum! Jetzt auch in türkis und mit Klimawandel. Immer noch schneller, noch mehr, noch rücksichtsloser. Und mitten im neualten Weltgedümmel taucht Hans Koval mit Band wieder auf – prophetisch.

Mit verschiedenen musikalischen Stilmitteln wie (damals) radiotauglichen Balladen, Anleihen aus Folk- und Volksmusik, geerdet fettigem Blues-Rock oder satirischen Couplets gelingt ihm eine sympathische Synthese aus persönlicher Hinterfragung und Kritik an den Verhältnissen. Eine Sicht auf die erschreckenden Entwicklungen mit genau dem Sowohl-als-auch, das wir in der heutigen “gespaltenen Gesellschaft” so schmerzlich vermissen. Und genau das wäre auch eine der Botschaften aus der damaligen “Zeit des Umbruchs”, die wir uns im Heute zu Herzen nehmen könnten.

“Wissen sie, warum es diese sozialen Medien gibt? Die Menschen halten es nicht aus, still zu sein, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.” Ferdinand von Schirach (Glauben)

 

Bigottesstaat

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. November – Vorspiegeln falscher Tatsachen im Hinblick auf “eine oberste Direktive” und dadurch immer mehr Macht ausbauen – fertig ist der Bigottesstaat. Den Mitmenschen etwas von Wohlstand und Sicherheit vorschwadronieren, während man in Wirklichkeit dem ökonomischen Diktat obliegt und sehenden Auges auf den Abgrund zusteuert. Hauptsache der Ping-Pong-Index des ungesunden Volksbefindens liefert laufend neue Daten für die Imagepflege. Mit Populist und Tücke nasführen die Geldscheinheiligen ihre Immernochmehrheiten in ein digitales Paradies, vor dem uns besser graust. Denn hinter den Versprechen und dem schönen Schein grinst uns die böse Absicht des Betrugs ins Hirn: Man will uns glauben machen, dass jeder Scheißdreck, wenn er nur verkauft wird, wertvoll sei …

Maskenpflicht im Bigottesstaat“An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen …” Und so schauen wir uns um im zweiten Coronajahr und sehen wenig Fruchtbares bei den “politisch Verantwortlichen”. Die haben wohl alle etwas anderes zu tun als das, wofür wir sie bezahlen. Sie singen uns zwar dauernd die Ohren voll, dass sie zu unserem Besten handeln”, erweisen sich in der Tat jedoch als jeder neuen Entwicklung planlos hinterherhampelnde Reagierung. Zudem entpuppt sich ihr Handeln in erschreckender Widerholung als unzureichend. Im Zustandekommen undurchschaubar, in der Kommunikation unklar und ungenau, im Großen und Ganzen unbefriedigend. Sollten wir uns lieber gleich einen Maulkorb aufsetzen? Vielleicht hilft das ja? Oder wir nehmen uns Brasilien zum Vorbild – die haben einen vollkommen irrlichternden Brandstifter als Präsidenten und trotzdem (oder sagen wir dem zufleiß) in Städten wie São Paulo eine Impfquote von über 90%.

Nicht, dass wir uns da jetzt falsch verstehen, auch hierzulande irrlichtern die “politisch Unverantwortlichen” mit ihren Wurmkuren und Heilsverbrechen durch die asozialen Medien. Facebook ist überhaupt das beste Beispiel für den Bigottesstaat neuen Typs: Vorspiegeln von Gemeinschaft während gefühllose Algorithmen eiskalt selektieren, Behauptung einer “obersten Direktive” (Gemeinschaftsstandards) während in den “Hidden Layers” die “Hidden Agenda” namens Unternehmensgewinn die alleinige Maßgabe bleibt. Et voilá – da ist sie jadie globale Machtstruktur ohne Kontrolle!

Warum nur muss ich plötzlich an Überbevölkerung und die Haltung der katholischen Kirche zur Geburtenkontrolle (Empfängnisverhütung) denken? Bigott – ja, wer hats erfunden?

 

Der Ast, auf dem wir sitzen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. NovemberGibt es noch Hoffnung? Oder haben wir den Ast, auf dem wir sitzen, inzwischen unumkehrbar abgesägt? Ist die menschliche Spezies zum Aussterben verurteilt? Oder können wir (als die gesamte Menschheit) die Folgen der von uns verursachten Umweltschäden noch rechtzeitig in den Griff bekommen? Kann das bei einer Weltbevölkerung von fast 8 Milliarden (und weiter steigend) überhaupt gelingen? Oder sind wir längst über den sprichwörtlichen “Point of no Return” hinaus geraten? Inhaltlich überaus passende Gedanken zum sogenannten “Totensonntag”, doch denken wir dabei einmal nicht nur an diejenigen, die bereits gestorben sind, sondern vor allem auch an die, die noch sterben werden, und an die nach ihrem Tod niemand mehr denken kann, weil es niemand mehr gibt.

Der Ast, auf dem wir sitzenEs war in den späten 70ern, als sich das No-Future-Lebensgefühl auch hierzulande auszubreiten begann und Bands wie Joy Division diesem existenziellen Vorauswissen unser aller Vergänglichkeit musikalischen Ausdruck verliehen – es begab sich also zu jener Zeit, dass im ZDF der Psychiater, Autor und Journalist Hoimar von Ditfurth den Zweiteiler “Der Ast, auf dem wir sitzen”, man muss geradezu sagen, vor die Säue warf. Denn nach wie vor sind “Meinungen”, die etwa den Klimawandel leugnen oder verharmlosen, im öffentlichen Bewusstsein oft prominent vertreten, und das nicht nur bei den üblichen Verschwörungsepileptikern. Die erwähnte Sendung stammt aus dem Jahr 1978 und präsentiert eine Reihe von Erkenntnissen und Überlegungen, die heute noch genauso gültig und bedeutsam sind wie damals vor über 40 Jahren. Sie sind zeitlos und genau deshalb verstörend. Und sie erweisen sich (von heute aus betrachtet) im besten Wortsinn als prophetisch.

So ist beispielsweise ihre Vorhersage der Erderwärmung durch Zunahme von CO2 in der Atmosphäre (2°-3° Celsius bis 2050) erstaunlich präzise. Oder legt derlei den Schluss nahe (wie vielerorts im Internet behauptet), dass die “Systemmedien” schon seit den 70ern eine “Klimahysterie” betreiben? Ist das dazugehörige Video auf dem Kanal “Klimaquatsch” ein Webfail des Betreibers oder eine listige Einflößung von Fakten in die “Diskussion” der Schwurbler? Wie dem auch immer sei, den Zorn der Zuspätgeborenen sah von Ditfurth damals jedenfalls schon voraus. How dare you?

Einzig die Überbevölkerung, die er damals als die allen Umweltproblemen zugrunde liegende Ursache heraus arbeitete, scheint seitdem ein Tabuthema geworden zu sein. Ich erinnere mich an das peinlich betretene Schweigen, das am 80. Geburtstag von Arik Brauer in einer ORF-Livesendung ausbrach, als der Jubilar auf die Frage nach dem seiner Meinung nach größten Problem der Menschheit zur Antwort gab: “Dass es immer mehr werden.” Deshalb widme ich diese Sendung auch meinem einstigen Biologielehrer Peter Reischütz, der schon in den 80ern über den Tellerrand dachte.

Gibt es noch Orte, wo wir hin können …

PS. Wo wir heute im Hinblick auf unser Aussterben oder Überleben stehen, könnt ihr euch leicht am Beispiel der weltweiten Wasserkrise (eine ARTE-Doku) ausrechnen. Da kommt richtig Stimmung auf!

 

Paternosterreich

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. Oktober“Österreich ist frei!” Das soll er gesagt haben, der Leopold Figl. Und abends im Zwölf Apostelkeller, da soll er auch schon mal gekifft haben (hat Hans-Georg Behr erzählt). “Wir freuen uns alle …”, hat die Lehrerin in der Volksschule gesagt, und wir “durften” uns rotweißrote Fähnchen basteln für den nationalen Feiertag. Wir lernten “Heimat bist du großer Söhne” singen, die Dichterin der Hymne hat die Töchter natürlich damals schon “mitgemeint”. Der eine oder die andere hat durchaus versucht, hinter die verordnete Volksfreude und Glückseligkeit zu schauen im Land der vielen Vaterunser, diesem Paternosterreich. “Auffe, owe, auffe, owe …” Wer soll sich da noch auskennen? Besinnen wir uns aufs Wesentliche, nämlich aufs Essen. Bereiten wir uns einen festlichen Ohrenschmaus!

PaternosterreichEin mehrgängiges Menü mit Musik, dessen Zutaten immerhin einige der große Söhne und Töchter unserer schon sehr speziellen Weltgegend sind. Als Ohrspeise (amuse geule) ein Pasticcio aus Elfriede Jelinek “Oh du mein Österreich! Da bist du ja wieder!” und Ernst Molden sowie Der Nino aus Wien mit ihrer Würdigung an Wolfgang Ambros “Wie wird des weitergehn?” nebst der bekannten Gewürzmischung aus den üblichen Artarium-Signations, serviert mit etwas Lukas Resetarits.

Um vorab nicht zuviel zu verraten, denn es ist eine hohe Kunst, die jeweiligen Zutaten auszuwählen, ihrem Eigengeschmack entsprechend aufzubereiten, sie zu einander in Beziehung zu bringen und sie sodann in bekömmlicher Aufeinanderfolge auftreten zu lassen, um also vorab nicht allzuviel auszuplaudern, wollen wir hier nur die weiteren Ingredienzien und Spezereyen anführen, aus denen wir dies Festmahl zur Feier des Feierns zubereiten, und die in ihrer Gesamtheit den berühmten “roten Faden” durch das Thema der Sendung ergeben (oder halt auch mehrere) – hören sie genau Hirn:

So der jahrelang in vielen Gassen hansdampfende Musiker, Autor und Filmemacher Peter J. Gnad, dessen Frage “Wie lange noch?” unsere “Insel der Seligen” wieder in den globalen Kontext befördert, in dem sie sich schließlich – ungeachtet jeglicher Mehlspeisromantik – doch befindet. Oder der durchaus berühmte Schriftsteller und Mythenerzähler Michael Köhlmeier, der sein jüngst erschienenes Trumm von einem Roman höchstselbst als über 40-stündiges Hörbuch eingelesen hat, dessen Rolle als “Gewissen der Nation” ihm allerdings weit weniger Ruhm einbringt. Große Söhne…

Große Töchter! Sandra Kreisler, Dreifachstaatsbürgerin (Deutschland, Österreich, USA) und Tochter des großen Sohnes Georg Kreisler (ein Wiener, der seine von den Nazis aberkannte Staatsbürgerschaft seither nie zurück bekam und, fast möchte man sagen zufleiß, in Salzburg starb). Sie ist engagierte Verfechterin jüdischen Lebens und jüdischer Kultur und stilsichere Interpretin der genialen Lieder ihres Vaters, die wir bekanntlich sehr schätzen. Als Sängerin von Wortfront gibt sie die “Klofrau vom Kanzleramt”. Im Paternosterreich gehts halt auch “auffe, owe, auffe, owe…”

Das obligatorisch Regionale wird bei uns heute verkörpert von Wilfried “Lauf Hase Lauf” sowie von Fritz Messner und den Querschlägern “Da tamische Franz”, denn auch (und vor allem) in der “Heimat” gibt es Gründe genug, seine “Füße in die Hand zu nehmen” und sich “an den äußersten Rand der Mehrheizgesellschaft zu verziehen”. Wir haben immer schon unser besonderes Augenmerk auf all das Verdrängte und Verleugnete rings um uns gerichtet, auf all das in Menschen- wie in Gefühlsgestalt Abgelehnte, Abgewertete, Ausgestoßene. DAS fehlt nämlich zum großen Ganzen.

Aber gehört sich das – ausgerechnet am verordneten Feiertag? Was sagt denn der Sepp Forcher dazu? Ach so – na ja – dann sind wir doch wieder beruhigt …

Und Mahlzeit!

 

Lernens Geschichte

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. OktoberVor 50 Jahren gewann die SPÖ die absolute Mehrheit (am 10. Oktober 1971) und regierte sodann 12 Jahre lang mit Bruno Kreisky “das Labyrinth, in dem sich jeder auskennt” (Helmut Qualtinger). Was seine Kanzlerschaft damals für die Stimmung im Land bewirkte, dem haben wir in einer Sendung zu seinem 100. Geburtstag nachgespürt. Heute wollen wir seinen legendären Ausspruch “Lernens Geschichte” zum Anlass nehmen, etwas über die Hintergründe der aktuellen politischen Situation in Österreich herauszufinden. Die freundliche Einladung, Geschichte zu lernen, verstehen wir nämlich als Anregung, uns selbst ein Bild zu machen, und nicht als Aufforderung, nichts anderes denken zu dürfen als ausschließlich das von den jeweiligen Weltanschauern Vorgefertigte.

Lernens Geschichte (Bruno Kreisky Portrait von Otto Muehl)Vor wenigen Tagen musste Sebastian Kurz wegen Korruptionsvorwürfen als Bundeskanzler zurücktreten. Da ging es um irgendwas mit Zeitungsinseraten, was uns die Herren Christoph & Lollo freundlicherweise in diesem Video hier verständlich aufbereitet haben. Dank an Robert Presslaber für die Inspiration! Mir war das aalglatte Buberl mit seinen Floskeln und Phrasen ja schon immer suspekt. Das wirkte alles so künstlich, hohl und einstudiert. Doch hinter dem “schönen Schein” blitzte auch immer wieder etwas zutiefst Böses auf, etwa seine Verachtung gegenüber Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind (“Wer sich die Miete nicht leisten kann, soll Eigentum erwerben”). Oida, gehts no? Und dann die geballte Geldvernichtung der gesamten Leuchtturm-Partie (“Durch die Zusammenlegung der Gesundheitskassen werden wir eine Milliarde einsparen”). Bisher hat die “großartige” Aktion allerdings nur Millionenverluste eingebracht. Rechenaufgabe: Wieviel depperte Werbung in wieviel depperten Medien braucht es, um ausreichend Menschenleute so deppert zu machen, dass eine (wie auch immer gefärbte) ÖVP den Bundeskanzler stellt? Oder – was können wir aus der Geschichte dieser “staatstragenden” Partei lernen?

Lernens Geschichte (Bruno Kreisky 1935)Die ÖVP ist jedenfalls nicht am 17. April 1945 von irgendeinem “Volk” jungfräulich unbefleckt empfangen worden oder sonstwie “von Gottes Gnaden” auf uns herab … Nein, sie wurde durchaus von Vertretern der einstigen Christlichsozialen Partei erschaffen, um deren konservative und katholische Weltanschauung auch nach dem 2. Weltkrieg weiter zu betreiben. Von Bruno Kreisky ist ja überliefert, dass er mit der ÖVP nie eine Koalition eingehen wollte, weil ihre geistigen Vorfahren ihn wegen Hochverrats verurteilt hatten. Sein “Verbrechen” war es, Funktionär der damals verbotenen “Revolutionären Sozialisten” zu sein. Bei seinem Prozess hielt er als 25-jähriger eine beachtliche Verteidigungsrede, die hier auszugsweise vorliegt. Die Geschichte der ersten Republik ist jedenfalls reich an totalitären Umtrieben und heimlichen Manövern, die man auch als Vorlage für heutiges Verhalten lesen kann.

Lernen wir aus der Vergangenheit – und bleiben wir dabei bloß nicht stehen …

Übrigens, Helene Maimann und Harald Sicheritz sind gerade dabei, das Leben des jungen Kreisky als Spielfilm umzusetzen – mit einem “österreichischen Budget”

 

MC Solaar

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Oktober – Der Mann, der Hip-Hop in Frankreich populär machte: Claude M’Barali wurde quasi unterwegs im Senegal geboren, von wo aus seine Eltern (die eigentlich aus dem Tschad stammten) bald schon nach Frankreich emigrierten. Dort wuchs er, als Kind von Einwanderern, naturgemäß in einem Pariser Vorort auf, woselbst er aber vielfältige Interessen (Vorsicht, Bildung!) verfolgte, speziell Literatur, Film oder Fernsehen, also jederlei Anwendung elaborierter Erzählkunst. Daraus entwickelte er bald eine sehr eigene musikalische Erzählform, inspiriert von der ihn umgenbenden Hip-Hop-Kultur, nur halt viel feinsinniger, vielschichtiger und hintergründiger als der sonst übliche Gangsta-Rap der Banlieue. Seit jener Zeit nennt er sich MC Solaar ….. et voilà!

MC SolaarWir spielen heute das für seine Stilvielfalt und Eleganz bekannte Album Mach 6 von 2003, einen ganz und gar ohrschmiegsam abgemischten Kunstschmaus, in dem sich anspruchsvolle Texte, wortakrobatische Darbietung, eigenständige (nämlich selbst entwickelte und nicht aus irgend einem fernanderen Kulturkontext zusammengeglaubte und schlicht nachgeahmte) Beats, sinn- und gefühlvolle Musikzitate sowie sozialkritische Aussagen zum sprichwörtlichen “Film im Kopf” verbinden, oh wie wohl ist mir nach so einem französischen Abendessen. Es hört sich einfach gut an, ist ein Film, eine Reise, ein Abenteuer, ein Eintauchen in die unendlichen Weiten. Das Paradoxon funktioniert, wenn sowohl das Vertraute wie das Unbekannte bekömmlich ausbalanciert sind. Und im Ausbalancieren ist der inzwischen ja auch schon über 50-jährige Musiker fürwahr ein Haubenkoch. Ihre Ohren werden nicht nur Augen machen – sie werden sich auch die Lippen lecken!

An dieser Stelle muss ich der globalen Fast-Food-Industrie noch einmal gründlich auf die Lanze brechen: Eure mit Millionenmarketing in den Massenmarkt gehypten “Hits” sind nichts als akustischer Sondermüll, der den kommenden Generationen auch noch den letzten Anflug gesunden Geschmacks verkleben wird. Gehts doch scheißen mitsamt eurem billigen Trottelpop, glitschigen Teflonrock und unsagbar unechten Poser-Rap. Die Behauptung einer Gebärde – eine Schändung der Musik.

Wer möchte, kann das natürlich noch wissenschaftlich vertiefen (RAP heißt Rhythm And Poetry), wer es lieber satirisch mag, kann auch Pjotrek Popolski beim Erfindung der gesamte Raps-Musik (mit die Hips und die Hops) beiwohnen.

Bon appétit

 

„Too Old to Rock’n’Roll …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. September … Too Young to Die! Dieser inzwischen geradezu Kult gewordene Satz begleitet mich nunmehr auch schon seit fast 50 Jahren. Immer hin ist das gleichnamige Konzeptalbum von Jethro Tull in jenen “seligen 70er Jahren” erschienen, als Zukunft noch nach Möglichkeit klang – und Bruno Kreisky anfing, Österreich zu “modernisieren”. Kennengelernt habe ich dieses epische Musikwerk dann auch in jenen “Zeiten des Aufbruchs”, als ich bei meiner Cousine Elke Mader in der legendären Porzellangasse meine sehr eigene Auffassung von “Rock’n’Roll” ausbrütete. Denn wiewohl sich Ian Anderson auf die Jugendkultur der 50er bezieht, so bleibt die Bedeutung des Begriffs “Rock’n’Roll” doch für jede/n und zu jeder Zeit etwas zutiefst persönlichesalso sehr eigenes.

Jethro Tull - Too Old to Rock'n'Roll, Too Young to Die!Egal, was uns die Marktstandler mit den gegelten Haaren im Fernsehen vorhupfen, die Leistungskasperln und Propagandaklone. Ja, natürlich wollen sie uns ihre Bedeutungen in unsere Wortwelt schwindeln, bis in unser Intimstes, unser Selbstbild, und sogar unsere Träume – damit wir genau so funktionieren, wie wir nach ihrem jeweiligen “Weltbild” auch funktionieren sollten… Doch war Rock’n’Roll nicht auch einmal rebellisches Aufbegehren gegen die Weltordnung der Altvorderen? Zumindest, bis das kommerzielle Internet ihn aufgefressen und als brave Handelsware wieder ausgespuckt hat, als zahnlosen Zombie seiner selbst? Dann doch lieber eine eigene “Weltanschauung”, selbst erlebt und erschaffen aus dem Chaosmos der unendlichen Möglichkeitsform – anstatt des herrschenden Mitmachzwangs der Funktionalisierer, dessen dummes “Schneller, Höher und vor allem Weiter so” offenbar zu unser aller Untergang führt. “Wieso, Mr. Anderson?” Das Unvermeidliche ist die eigene Endlichkeit. Und dann?

Too Old to Rock'n'Roll - Cover ArtworkDie in der Hochblüte des gern die Genres verschmelzenden Prog-Rock entstandene und ursprünglich als Bühnenstück oder Rock-Oper angelegte Erzählung handelt von einem alternden Rock’n’Roller und seiner Kultur, die scheinbar völlig “aus der Mode gekommen” ist, von Irrungen und Wirrungen mit Sex & Drugs, von einem Selbstmordversuch, den er naturgemäß überlebt – und von den glücklichen Fügungen, die ihm hernach ein erneu(er)tes Leben voller Lust und Freude ermöglichen. Das darob vielschichtige wie auch weitläufige Werk war als Schallplatte in einem buchähnlichen Cover mit sämtlichen Songtexten enthalten, zudem jedoch mit einem der Handlung folgenden Comic (siehe Bild) als Begleitlektüre versehen. Das war damals schon einzigartig.

Was uns zu einer weiteren, dereinst verbreiteten Erweiterung der Kopfdramaturgie führen kann: Das Mitlesen der Songtexte. Während ich mich noch wundere, was genau zu meinem Gesamteindruck beim Hören dieses von Meister Steven Wilson hervorragend neu abgemischten Albums beiträgt, zu diesem eigentümlichen Gefühl des einverstandenen Gelassenseins im Umgang mit der Vergänglichkeit an sich, währenddessen also lese ich diese poetischen Zeilen der Schlussnummer:

The disc brakes drag, the chequered flag sweeps across the oil-slick track.
The young man’s home; dry as a bone. His helmet off, he waves: the crowd waves back.
One lap victory roll. Gladiator soul.
The taker of the day in winning has to say
Isn’t it grand to be playing to the stand, dead or alive.

The sunlight streaks through the curtain cracks
Touches the old man where he sleeps.
The nurse brings up a cup of tea – two biscuits and the morning paper mystery.
The hard road’s end, the white God’s send is nearer everyday, in dying the old man says
Isn’t it grand to be playing to the stand, dead or alive.

The still-born child can’t feel the rain as the chequered flag falls once again.
The deaf composer completes his final score. He’ll never hear his sweet encore.
The chequered flag, the bull’s red rag
The lemming-hearted hordes running ever-faster to the shore singing,
Isn’t it grand to be playing to the stand, dead or alive.

Auf dieser Seite (unten) sind sämtliche Songtexte des Albums zu finden.