Gloria in excentris verbis

Artarium am Sonntag, 9. August um 17:06 Uhr – Liebe Festspielgemeinde! Selbstredend erweisen auch wir den Hundertjährigen unsere herzhafte Würdigung. Wobei, beim irgendwie ewigen Jedermann wäre “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” durchaus eine erfreuliche Weiterentwicklung – des Themas wie auch der Geschichte. (Da gibts ein geiles Buch UND einen geilen Film übrigens). Sic transit gloria mundi oder Was ist wesentlich – in dieser Welt? Doch wie sehr wir auch herumwedeln mit dem “griechisch-lateinischen Flüchtlingsgepäck aus dem andachtskapitalistischen Meinungs-KZ” (so Uwe Dick zur katholischen Erziehung), die Salzburger Festspiele bleiben (auch und erst recht in ihrer Jubiläumsausgabe) ein abgezäunter Privatbesitz – und für Glanz und Gloria der Geldmachtwerte reserviert.

Gloria in excentris verbisApropos ewig – beim gestrigen Jedermann schob sich mir wieder einmal die ganze Ambivalenz des Salzburger Welttheaterbetriebes ins Bewusstsein, so dass ich sprach: “Ich bin zutiefst zerteilt.” Denn die dramaturgische Leistung, die dabei gezeigt wurde, war atemberaubend und holte aus dem klobigen Text Nuancen heraus, die ich in ihm nie vermutet hätte. Chapeau! Die Schöpferkraft aller Mitwirkenden (vom Hauptdarsteller bis zum Helferlein, und das gilt für die gesamten Festspiele) ringt einem immer wieder Respekt und Bewunderung ab. Dahingegen ist Hofmannsthals österreichbesoffenes Geschwurbel vom “theresianischen Menschen” sowie von “Geist und Sittlichkeit” ein übles Plädoyer für die Bewahrung der etablierten Herrschaft von Besitz, Kirche und Staat im neuen Gewand von Deutsch-Restösterreich nach dem Ersten Weltkrieg. Inwieweit dieses geistige Erbe in die Bundesverfassung von 1920 hineingewirkt hat – und inwieweit es als unausgesprochenes Leitmotiv dieses von ihm mitbegründeten Hochkulturspektakels wahrnehmbar bleibt – das überlassen wir eurem Geruchssinn.

Inzwischen (!) wenden wir uns einer verbürgt fortschrittlicheren Veranstaltung aus dem Hause Salzburg zu: “Zwischen Mund und Arten” – eine Lesung mit Musik oder eine Musik mit Lesung oder überhaupt eine Collage aus “lyrischen Schlagabtäuschen und unterschwelligen Zusammenhängen”, dramaturgisch durchbrochen von Dialektgepunk aus dem Pongau – die unlängst im Rahmen des löblichen Festivals Zwischenräume gezeigt wurde. Und naturgemäß werden wir auch eure Kreativität kitzeln sowie eure Lachmuskeln wiederbelebenmit fürwahr großen Monologen der Kleinkunst

Gloria Victoria – widewitt bumbum!

 

The Blues Brothers – Das Original

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. JuliKinder, wie die Zeit vergeht! Und gerade deshalb ist es so notwendig, einzelne Ereignisse “von damals” hervor zu holen und sie für ein Weiterwirken in der Weltgeschichte aufzubereiten. Denn die wesentlichen Wendepunkte der Menschheitsentwicklung sind verstehbarerweise selten in der “Geschichtsschreibung der Sieger” verzeichnet. Deren gepriesene Feiertage beruhen ja zumeist auf Niedermetzeln und/oder Verhungernlassen, auf Unterdrücken, Beherrschen, Ausplündern, auf gebrochenen Versprechen sowie Legalisierung des Unrechtskurz (haha!) auf Lug und Trug und Drohungen. Und während heute über das Umbenennen von Mohrengassen und das Großschreiben des Wortes Schwarz räsoniert wird, gehen die Blues Brothers einen anderen Weg:

The Blues BrothersDer Kultfilm aus dem Jahr 1980 stellt eine damals längst überfällige Würdigung von afroamerikanischen Musiktraditionen und deren Einfluss auf die unzähligen Stilrichtungen des internationalen Musikschaffens dar, als Geschichte des gemeinsamen Widerstands gegen die Dummheit, Gefühllosigkeit und rassistische Intoleranz einer auf Gehorsam und Gleichförmigkeit programmierten Gesellschaft. Und zugleich setzen die Blues Brothersals Bandprojekt wie auch als Film – just am Schnittpunkt der wechselseitigen schwarzweißen Einflussnahme, nämlich dem Rhythm and Blues, vielen Vertreter*innen originär “schwarzer” Musikgenres ein zärtlich bewunderndes Denkmal. So treten im Rahmen einer turbulenten Filmhandlung etwa Ray Charles, John Lee Hooker, Aretha Franklin oder der große Cab Calloway jeweils mit eigenen Kompositionen prominent in Erscheinung. Die Blues Brothers Band selbst hat lange Zeit Probleme, ihre angestammte schwarzweiße Fusionmusik live vor Publikum zu zelebrieren, und muss daher notgedrungen auf schräge Coverversionen ausweichen, wie zum Beispiel “Rawhide” in Bob’s Country Bunker (“Wir haben hier BEIDE Arten von Musik, Country UND Western!”). 40 Jahre danach ist Donald Trump Präsident…

Kein Wunder bei so viel “Negermusik”, dass nicht nur Nazis vom Himmel fallen und ins verdiente Loch krachen sowie reinweiße Countryboys in hohem Bogen durchs Bootshaus in den See “fahren”. Nein, auch Polizeiautos werden naturgemäß lustvoll ineinander getürmt, umgestürzt – und filmreif verschrottet.

Wir wollen euch darauf Appetit machen!

Du magst den Wagen nicht?

 

Loreena McKennitt – Lost Souls

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 31. Mai – Anlässlich der zu befeiernden Ausgießung (sowie ihrer Stattfindung in Gestalt von Regen) und überhaupt deshalb, weil eh alles immer schneller, immer lauter und immer noch penetranter daherdröhnt ringsum, also jedenfalls aus Gründen, entführen wir euch heute in ein Zwischenreich aus kräftiger Stille und sanfter Energie, nämlich Loreena McKennitts bislang letztes Studioalbum Lost Souls. Auf dem titelgebenden Stück (zugleich die Schlussnummer) taucht sie aus ihrer lebenslangen Reise durch diverse versunkene Mythologien und Musiktraditionen endgültig im Hier und Jetzt der globalen Gefährdung auf. Im Text zur gewohnt atmosphärischen Musik bezieht sie sich auf Ronald Wrights Buch “Eine KURZE Geschichte des Fortschritts” – und stellt fest: “I’m coming home to you.”

Loreena McKennitt - Lost SoulsSpeziell eine Passage (aus dem Buch) hat es McKennitt angetan: “Wright sagt, dass unsere Spezies die moralische Richtung verloren hat, immer mit dem Blick auf den ‚Fortschritt‘, und dass wir so etwas wie verlorene Seelen geworden sind.” (Aus der feinen Rezension auf nordbuzz.de zitiert.) Wie des weiteren zu erfahren war, möchte die inzwischen über 60-Jährige ihr musikalisches Wirken künftighin zurück stellen, um sich vermehrt ihrer Familie und dem Kampf um die Rettung des Planeten vor der menschgemachten Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu widmen. Respekt! Inne zu halten und sich auf das Wesentliche zu besinnen ist die einzig gute Grundlage für wirklich tragfähige Zukunftsperspektiven. Und nicht kurzatmig und kurzsichtig immer nur noch schneller der Kurzlebigkeit fragwürdiger Reförmchen zu obliegen. Beim hörenden (wer Ohren hat) Einsinken in die Klangwelt von Lost Souls werden unweigerlich Augenblicke der Verbundenheit mit dem ursprünglich Lebendigsein an sich hervor gerufen, wie man sie zum Beispiel im Blinzeln von Sonnenlicht durch sanft windbewegte Blätter, im stillen Seufzen angesichts des Sternenhimmels oder im atemberaubend klaren Geschmack frischen Quellwassers erfahren kann. Wer in letzter Zeit nicht mehr so oft hinaus konnte wie früher, wird das zu schätzen wissen.

Wir haben vor einigen Jahren bereits ihre legendäre Livesession “Nights from the Alhambra” vorgestellt, in der maurische und orientalische Einflüsse mit keltischen Traditionen verschmelzen. Auf ihrem neuen Album taucht dazu noch das Thema der israelischen Nationalhymne haTikwa (die Hoffnung) auf und feiert als “Sun, Moon and Stars” friedliche Urständ mit zahlreichen musikalischen Nachbar*innen

Also dann, Shalom!

 

Vitásek und die Utopien

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. MaiIn Zeiten wie diesen, in denen nicht nur das ansteckende Lachen verdächtig ist, sonder überhaupt Theater und Kabarett nur noch virtuell stattfinden und einem speziell die Humorkünstler leid tun müssen, weil sie kaum noch übertreiben können, was gerade stattfindet, in Zeiten wie diesen sollte man sich allein schon aus Gründen geistiger Gesundheit der hysterischen Flut medialen Gezappels zumindest zeitweilig enthalten – und statt dessen die eine oder andere gut abgehangene (aromatisch ausgereifte!) Vorstellung aus früheren Zeiten zu sich nehmen. Der etwas andere Kabarettist Andreas Vitásek erschuf zu seinem 50. Lebensjahr das Programm “My Generation”, in dem er die Utopien und Abgründe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdichtet. Es ist Zeit, aus der Zeit zu fallen.

Vitásek und der TodZugegeben, das Foto stammt aus dem aktuellen “Austrophobia”, wir freuen uns aber so heftig über die Wiederbelebung des Tods, dass wir es hier sinnbildlich verwenden. Denn auch durch “My Generation” weht naturgemäß der Hauch einer unentrinnbaren Endlichkeit – allein schon des Älterwerdens wegen. So legt sich unser Held des Erinnerns letztendlich bei Professor Freud auf die Couch und assoziiert sich (und uns) einen ziemlichen Wirbel. Zuvor jedoch nimmt er uns mit in seine eigene Geschichte und bringt dabei die abgedrehtesten Anekdoten aus der Wiener Szene (wieder) zu Bewusstsein. Ein persönlicher Parforceritt durch die Post-68er-Jahre und zugleich Zeitgeschichte zum Mitfühlen und Lachen. Vitásek erzählt von seinem Studium der Theaterwissenschaften, seiner Zeit als Komparse am Burgtheater (als Giorgio Strehler einmal Franz Morak als Richard III. absetzte), seinen seltsamen Begegnungen mit “den Linken” und deren noch viel seltsamerem “Marsch durch die Institutionen”, von der Palmers-Entführung, dem OPEC-Überfall und den eigenartigen Karrierewegen seiner damaligen Bekannten. Einer davon ist Peter Pilz – und die bsoffene Gschicht, die wir da erfahren, wirkt heute geradezu prophetisch:

Spät in der Nacht treffen sie einander in einem Lokal im 7. Bezirk und Vitásek stellt beheitert fest: “Ihr Grünen, ihr habts überhaupt kein Kulturkonzept.”

Wenn das kein Grund ist, wieder einmal in früheren Zeiten zu verweilen…

ALLES hat eine Geschichte!

 

Museum für Naive Technik

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. April – Als das Kernkraftwerk Zwentendorf nach der legendären Volksabstimmung vom 5. November 1978 dann doch nicht wie geplant in Betrieb ging, kam alsbald die Frage auf, was man nun mit dem Bauwerk tun solle, wo es doch schon fixfertig errichtet wäre. Ein besonders lustiger Vorschlag aus den Reihen der Atomkraftgegner war, das gesamte Ensemble zu einem “Museum für Naive Technik” umzuwidmen. Am 26. April 1986 offenbarte sich dieses halbspaßige Ansinnen in prophetischer Weise, als die von den Aposteln der Atomkraft stets als beherrschbar angepriesene Technik der halben Welt buchstäblich um die Ohren flog – in Gestalt des Reaktorblocks 4 von Tschernobyl. Dort befindet sich inzwischen das tatsächliche Museum für Naive Technik als ein Mahnmal menschlichen Wahnsinns.

Museum für Naive TechnikEinen größten anzunehmenden Urstoß zu unserer Sendung (exakt 34 Jahre nach dieser Katastrophe) verdanken wir dem lieben Kollegen Andreas Woldrich, der uns auf die außergewöhnlichen Filmmusiken von Hildur Gudnadóttir hinwies und dabei ihr musikalisches Mitwirken an der TV-Serie Chernobyl hervor hob (absolute Empfehlung!). Ihre darin verwobenen Klangwelten entziehen sich jedweder Kategorisierung, zumal sie revolutionär andersartig aufgebaut und ebenso untypisch in die Dramaturgie der Filmhandlung eingefügt sind. Erfrischend verschieden vom Allermeisten, das uns als “Filmmusik” sonst oft funktional und erwartbar entgegen dröhnt. Da hätte der Altmeister des atmosphärischen Samplings seine helle Freude daran (und hat sie mit Sicherheit auch). Allein ein Stück wie “The Door” auch nur anzuhören, versetzt einen unweigerlich in die Stimmung des Unbehagens angesichts der “unsichtbaren Gefahr”. Und das ist auch die Parallele zum derzeit vorherrschenden Gemütszustand.

Die Handlung von Chernobyl (wiewohl fiktional erweitert) folgt den posthum bekannt gewordenen Aufzeichnungen des sowjetischen Wissenschafters Waleri Legassow, der darin die eigentlichen Ursachen der Nuklearkatastrophe sowie die unrühmliche Informationspolitik der Regierenden offenlegt. Diese folgten laut Legassow in allen Entscheidungen dem “ökonomischen Diktat”, so wie sämtliche Propagandisten der “friedlichen Nutzung der Kernenergie” in den anderen Ländern der Welt übrigens auch, und zwar immer skrupellos und ohne Rücksicht auf die bekannten Gefahren für Leben, Umwelt und Gesundheit. Hier eine Liste schwerer Störfälle seit 1945…

Danke! Jetzt sind wir gründlich beruhigt, Oida.

 

Es gilt die Unmutsverschuldung

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Aperil Unmut (von wemwas auch immer verschuldet) ist ja heutzutage ein weit verbreitetes Phänomen. Wenn aber Unmut zur Wut wird, dann wird Unwucht zur Mucht. Was für eine feine Schöpfung! Und schon sind wir mitten in der sprachkreativen Logik des erweiterten Wortbaus. Zack, zack, zurück zum Anfang! Kaum wird von einem möglichen Verbrechen berichtet, hört man sogleich den (aus rechtlichen Gründen gebotenen) stereotypen Stehsatz: “Es gilt die Unschuldsvermutung.” Und der ist ob seines inflationären Gebrauchs schlechterdings nervtötend. “Es gilt die Unmutsverschuldung.” Genau – nur wer oder was ist schuld an unserem Unmut? Das wäre ein gutes Beispiel für durch Sprachkunst ausgelöste Denkprozesse. Sofern man Ohren hat – und zwar nicht bloß zum Brillenbefestigen.

Es gilt die UnmutsverschuldungEine weitere flotte Fingerübung fürs Gehirn ist die folgende: Ein einzelner Buchstabe macht einen gewaltigen Unterschied (und dann halt auch noch die Zeit).

“Die SPÖ betrieb Umverteilung. Die ÖVP betreibt Umvereitlung.”

Und Ursula Stenzel? Die betreibt Einverumtlung. Danke für dieses Bild! Michael Niavarani vertritt ja die Ansicht, dass eine “unüblich verschaltete Gehirnregion” für solcherlei humoreske Schöpfung ursächlich ist – und dass das bitte durchaus “normal” (im Sinne von nicht krankhaft und somit behandlungspflichtig) sei, dergestalt zu denken. Ich würde da noch weiter gehen und mir vorstellen, wie Weltpolitik aussähe, wenn diese Art zu Denken noch viel “üblicher” wäre: “America kräht again!” – alle lachen, gehen nach Hause – und wählen jemand Vernünftigen. Kann es sein, dass den (allgemein üblichen) “normalen” Mehrheitsmenschen genau diese unabhängige Hirnschaltung fehlt? Und wodurch ist die Verziehung zum Nachplappern von vorgeformtem Blödsinn so erfolgreich?

Es gilt die Unmutsverschuldung!

Österreich im April 2020: Ein gut ausgebildeter Sozial- und Gesundheitsbetreuer leistet aufgrund der aktuellen Corona-Krise außerordentlichen Zivildienst in einem Senior*innenheim. Dort ist er mit eklatanten Gefährdungen dieser Risikogruppe konfrontiert und wendet sich deshalb mit dringenden Anregungen direkt an den Gesundheitsminister. In dem Zusammenhang wir ihm telefonisch mitgeteilt, “…er überschreite seine Kompetenzen und lehne sich zu weit aus dem Fenster, weil er seine Vorgesetzten übergehe, was ein Nachteil für ihn wäre…”

Erich Fried in seiner Rede zur Salzburger Bücherverbrennung 1938 (die er 1987 gehalten hat, “um die historischen Kontinuitäten aufzuzeigen”): “Mein Gott, wer erst einmal gründlich kuschen gelernt hat, der vergisst das nicht so schnell, und gibt es noch seinen Kindern weiter als praktische Überlebensregel. Wer hat uns so dressiert, welchen Einflüssen ist das zu verdanken?”

Es folgt nun volksdümmliche Musik…

 

Goodbye Novecento

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. MärzIm Jahr 1999 entdeckte ich das damals frisch veröffentlichte Konzeptalbum Goodbye Novecento des italienischen Cantautore Antonello Venditti, in dem er seine Gefühle und Visionen im Hinblick auf den nahen Milleniumswechsel zum Ausdruck brachte. Das italienische “Novecento” bezeichnet nämlich das, was wir im Deutschen als “20. Jahrhundert” verstehen und – wegen der Zahlen – eh gern mit dem Neunzehnten verwechseln. Nun läuten wir ja gerade die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts ein (Bimbam, wie die Zeit verfliegt) und so passt diese Würdigung eines ganzen Albums auch hervorragend zu dessen 20-jährigem Erscheinungsjubiläum. Darüber hinaus scheint es in vervirten Zeiten wie diesen geboten, an die belebende Kultur der italienischen Linken zu erinnern.

Goodbye NovecentoAntonello Venditti, ein gläubiger Christ und zugleich sozialkritischer Künstler, begründete zusammen mit Francesco De Gregori, Lucio Dalla und anderen Alt-68ern die sogenannte “Römische Schule” der Cantautori. In den 60er und 70er Jahren war es durchaus nicht ungewöhnlich, sich aus kirchlichen Kreisen heraus in die Politik der Gesellschaftsreform einzubringen. (In Salzburg etwa gründete 1966 die “Katholische Arbeiterjugend” das erste Jugendzentrum der Stadt, aus dem sich in über 50 Jahren das heutige MARK entwickelte, das gerade wieder einmal heiß umfehdet, wild umstritten ist). Ebenso umstritten waren einige Liedtexte der erwähnten Sänger/Dichter/Musikanten. So wurde Lucio Dallas “4/3/1943” (Gesù bambino) rüde zerrupft und zensiert, Antonello Venditti für sein “A Cristo” sogar gleich wegen Gotteslästerung angeklagt. Es zeigt sich immer wieder aufs Neue, was die jeweiligen Machtspieler von “eigenständigen Ansichten mündiger Bürger*innen” halten. Wer die jeweils vorgehupfte Ideologie nicht gläubigst bejubelt, wird konsequent aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und schon sind nicht mehr die Verbrecher das Problem, sondern diejenigen, die deren Verbrechen darstellen. Das sind ja auch die sensiblen und oft prophetischen Kunstschaffenden.

Im Jahr 1979 war ein Lied namens “Bomba O Non Bomba” hier in Österreich in aller Ohren und erweckte massenhaft die erwünschten Urlaubsassoziationen. Dass sein überaus poetischer Text von Vendittis ambivalenten Erfahrungen in jener Zeit der “Bleiernen Jahre Italiens” erzählt, das wissen dagegen nur die wenigsten. Wir wollen in dieser Sendung auch die Besonderheit seiner Dichtkunst aufzeigen, nicht zuletzt anhand des Titels “In Questo Mondo Che Non Puoi Capire” vom gegenständlichen Album “Goodbye Novecento”. Das hierzu verlinkte Video sagt eh schon sehr viel…

Corona? Malgrado te!

 

Vorwärtsrückwärts

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. FebruarDie Frage war: Worüber können wir eine Sendung machen in diesem Faschings-, Fastnachts-, Karnevalskontext, wo sich doch ringsum ein Politkasperltheater nach dem anderen abspielt. Denn merket wohl: nach dem Verarschungsdiestag kommt unweigerlich der Arsch am Mittwoch, da kann man die Bretter, die die Welt bedeuten, noch so fest vor den eigenen Kopf halten (oder sie dem weltanschaulichen Gegenunter über denselbigen schlagen) “Ich blick verzweifelt rings – und lechz’ – nur öde Schnösel links und rechts.” Es wird also in deinem Sinn weiter gejandlt, lieber Ernst. Gute Güte, Vorwärtsrückwärts ist eine der allerfeinsten Wortschöpfungen aus jener Zeit des kalten Krieges, in der die jeweilige Richtung nicht schwel zu velwechsern war. – Oder war auch das schon ein Irrtum?

VorwärtsrückwärtsGibt es die Unterscheidung von vorwärts (links) und rückwärts (rechts) überhaupt – oder wollen alle Eliten doch immer nur an die Macht (oben)?Vilfredo Pareto hat das in seiner Elitensoziologie  etwa so beschrieben. Er hat auch Mussolini beraten, wie man “das Volk” mittels eines entmachteten Parlaments verscheißert. Grüße nach Thüringen! Da sitzt einer bis über beide Ohren im Vogelschiss der deutschen Geschichte und spielt mit dem Landtag Bauanoasch. Was fällt uns dazu noch ein? Volksmusik? Ich weiß zwar, wie die berühmten Bratwürste riechen, aber nicht, wie sich thüringische Musikkultur anfühlt. Oder ob und inwieweit es dort überhaupt Künstler*innen gibt, die sich mit derlei Tradition beschäftigen und selbige dann zeitgemäß, unterhaltsam und eben auch kritisch interpretieren (verbearbeiten). Aus Österreich und aus Bayern hätten wir da ein paar Beispiele anzubieten, nämlich die Herren Attwenger, die seit Jahren ihre musikalischen Herkunftswurzeln lustvoll durch sämtliche Stilrichtungen schießen, und den furiosen Weiherer, der mit seiner klugen Mischung aus Liedern und Gschichtln den fast schon zu Tode zerbrauchten Begriff “Heimat” wieder allgemein zugänglich macht. Denn ist es nicht unser aller

“Vorwärtsrückwärts oder Das unheimlich totale Leben” ist übrigens der Titel eines Romans von Franz Mechsner aus dem Jahr 1981, den es nur noch antiquarisch zu kaufen gibt. Er enthält eine Szene, in der ein junger Mann bei einer Demonstration in Wien auf ein Denkmal klettert. Als ich das Buch las, fand ich mich genau darin wieder.

 

Schroeder Roadshow

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Februar – Unlängst wurde in Salzburg wieder einmal der Dokumentarfilm Up to Nothing – Aufruhr im Mozartdorf gezeigt, eine Koproduktion von Studio West und ARGEkultur aus dem Jahr 2011. Er vereint die Erinnerung einiger der damals Beteiligten mit zahlreichen Originalaufnahmen von Hermann Peseckas aus den späten 70ern und frühen 80ern, als eine vielfältig zusammengewürfelte Bewegung namens ARGE Rainberg sich hierorts aufmachte, der bürgerlich-bräsigen Kulturverstopfung neuen Wind ins ledrige Gesicht zu blasen. Die daraus entstandenen kleinen und dezentralen Kulturstätten mag man inzwischen wohl nicht mehr missen, ihren langen Marsch durch die Institutionalisierung könnte man schon kritischer bewerten – was bleibt, ist das Erbe der Selbstermächtigung.

SCHROEDER DeutschlandIn dem Zusammenhang erinnere ich mich an ein spektakuläres Konzert der Schroeder Roadshow (es muss etwa 1980 gewesen sein) im damals noch für alle freien Produktionen  offenstehenden Petersbrunnhof. Das Publikum bestand beileibe nicht bloß aus “studentischem Milieu”, sondern aus allen nur erdenklichen “radikal alternativen” Leut*innen jedweder Hin-, Her- oder Zukunft. Die unzufriedenen Jugendlichen in dieser Stadt saßen eben nicht verträumt auf den Bergen herum, um “das bunte Treiben” da unten zu beobachten – sie waren ein wesentlicher Teil davon. Genau genommen bildeten sie das Myzel, aus welchem die öffentlich auftretenden Schwammerln der Bewegung erst hervorwachsen konnten. Längst hatten sie im Kongresshaus die erste Bravo-Boyband durch Farbbewurf abserviert, das Schwert des Paulus vor dem Dom in blutiges Rot getaucht oder der Bierjodlgasse einen komplementären Straßennamen verliehen. Die Hanfjodlgasse wurde als Fotopostkarte beinah schon zum Kultobjekt. Da sieht man, was ein gut gemachtes Zeitdokument alles an Überlegungen auslöst.

HUNDT SCHROEDERDoch zurück zu Schroeder (und zu Uli Hundt, dem Fastnamensvetter). Schon in den 70ern kam Gunther Hofmeister begeistert mit deren selbstgeschnitztem Debutalbum (nebenstehendes Plattencover) an und eröffnete uns eine völlig neue Sichtweise auf gesellschaftliche Realitäten. (Es gibt keine Realität ohne Realitäter). Löblicherweise hat das mit der Schroeder Roadshow zeitweis verbandelte Trikont-Label dieses verschollene Kleinod als Mp3-Download wieder zugänglich gemacht (um wohlfeile 4,99 €). Wir allerdings bringen diesmal ein noch viel verscholleneres Opus von Schroeder zu Gehör, vernehmlich ihr drittes Studioalbum “Live in Tokio” von 1980. Auf selbigem sind die saftigsten Songtexte enthalten, die “wir Salzburger Jugendliche” sämtlich auswendig kannten – und beim erwähnten Auftritt lauthals, am Schluss sogar von der Bühne herab mitbrüllten. Diese Texte sind heute noch genauso zur etwas anderen Wahrnehmung des Weltgeschehens geeignet wie damals: Fragen wir uns einfach, was aus dem Potential eines Aufbruchs wird, sobald die Machthaberer zugreifen…

Schrei dich frei!

 

Unendliche Gedichte …..

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. Februar – Die unendliche Geschichte dieser fast endlosen Gedichte, die uns eine Geschichte erzählen und die wir als Balladen zu erkennen gelernt wurden. Für die gesamte Gattung war es ein fast ebenso endloser Weg von den Tanzliedern der Troubadoure über Francois Villons “Ballade von der Mäusefrau” bis zu Goethes Zauberlehrling und der Taucherglockenbürgschaft von Friedrich Schiller. Auf diesem “langen Marsch durch die Geschichte” haben dann auch sämmertliche Spracheologen des gezupften Worts ihre akademischen Claims abgesteckt, so dass wir heute wissen, was eine Ballade istund was nicht. Oder? Was ist zum Beispiel “Jetzt eine Insel finden” (ein Gedicht von Konstantin Wecker aus den 1980er Jahren)? Und wie ist das mit den “Rock-Balladen” im weitesten Sinn?

Unendliche Grüne HölleSuchen wir dazu als einschlägige Institution das Hotel Rock’n’Roll auf (oder den 3. Teil von Michael Glawoggers posthum vollendeter Spielfilmtrilogie). Hier erscheint uns neben dem notorischen Schorschi auch Sven Regener als Pfarrer, der über das letzte große Gitarrensolo räsoniert. Womit wir schnurstrachs wieder im unwegsamen Sumpf der Genrezuschreiberei unterzugehen drohen. Und das ist noch höflich formuliert für so ein elaberiertes Schachterlscheißen und Gscheitmeiern. Atemlos hechelt das Abendland: “Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los” und versinkt in seiner eigenen Behauptung. Das Unendliche ist was ganz anderes als die Quersumme zweckdienlicher Definitionen. Das Unendliche ist spürbar im Erleben von Liedern und Gedichten: “Das Luftholen im richtigen Moment ist unwiederholbar und verdichtet einen Augenblick zur Ewigkeit” wie Konstantin Wecker bereits bemerkt. Lyrik und Epik schließen einander ja eben nicht aus, ätsch Aristoteles! Und wenn jemand jetzt dies oder das Ballade nennt, unseren Segen soll ersiees haben. Für heute bin ich mal Sven, der Segener. Also wirklich! Es geht immer ums Vollenden – des Unvollendeten. Ums Unvollendliche. Grad im Beethovenjahr.

So wollen wir diesmal den Herren Sven Regener, Konstantin Wecker, Nino aus Wien und Jochen Distelmeyer lauschen – und vor allem Norbert Wally (The Base) mit der überaus passenden Ballade “I bet it rains” aus dem Hotel Rock’n’Roll Soundtrack.