Palmen Unter

Artarium am Sonntag, 9. Oktober um 17:06 UhrEr ist wieder da! Und schon ereignet sich auch Inspiration. Es ist ein merkwürdiger Zustand, der da wie aus dem Nichts plötzlich in Bewegung kommt. Ein Vierzeiler von Wolfgang Kauer, kurz nach der Rückkehr aus dem Urlaub unter Palmen am Telefon vorgetragen, erinnert mich an ein Lied aus meiner Jugend von Konstantin Wecker: “Die Herren pokern, ihre Welt schneit unsere Herzen langsam ein. Jetzt kann nur noch die Phantasie die Sterbenden vom Eis befreien.” Mein Denken biegt in eine neue Richtung ab, und ich frage meinerseits: “Was ist das eigentlich, Phantasie? Der Hase antwortet: “Julian Schutting würde sagen, dass er über eine entsprechende Imaginationskraft verfügt.” Wie geil! Es regnet Themen, mit denen wir weiter denken – und arbeiten können …

Palmen UnterDa machen wir doch gleich eine Sendung draus! Zumal der Hase aka Christopher Schmall zur Zeit an einem neuen Gedichtzyklus mit dem Arbeitstitel “Palmen Unter” laboriert – und sich dabei auch von Julian Schutting inspirieren lässt. Verdichten wir eine Collage aus Anekdoten, Lesungen, Musik und Künstlergespräch – zu einer kaum beschreibbaren, auf jeden Fall aber erlebbaren Welt, die sich zwischen zwei Menschen ereignet – und dabei doch so geheimnisvoll bleibt, wie Peter Gabriel das einmal in einer Vorrede zu dem wunderbaren Song “Secret World” ausgedrückt hat (ich übersetze sinngemäß): “Machmal sieht man ein so eng verbundenes Menschenpaar, dass sich nur noch schwer unterscheiden lässt, wer jetzt genau wer ist. Und kleinste Bestandteile von ihnen lösen sich auf – in einen Raum, der zwischen ihnen entsteht. Dies könnten wir als die geheime Welt erkennen.”

Wieso geheim? Manch Mensch mag sich das jetzt fragen – und schon esoterisches Marktgeschrei im Hintergrund trapsen hören oder die Andenkenstandler der einen oder anderen Weltreligion mit ihren morschen Knochen klappern. Aber nicht doch! Wir leben ja alle in mehreren Welten zugleich, mindestens jedenfalls in deren drei: Die Welt der Straßenverkehrsordnung, die Welt der Wünsche und Phantasien – und die Welt dazwischen. Diese dritte Welt (!) haben wir auch bitter nötig, um uns nicht an den Widersprüchen der ersten zwei immer und immer wieder aufzureiben.

Noch lockt das Unverfügbare

 

Aus einer Zeit vor unserer Zeit

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. September – Es war einmal eine Zeit, in der man den Übergang von alten, bösen Zuständen in neue, bessere Zukünfte förmlich zu riechen und zu schmecken glaubte. Nie wieder sollten irgendwelche hoffnungslos rückwärtsgewandten Trottel mit ihren wahnsinnigen Ideologien die Welt in Krieg und Zerstörung stürzen. Vielmehr sollte ein neues Zeitalter der friedlichen Entwicklung anbrechen und mit der Zeit alle Ursachen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf der ganzen Welt überwinden. Halleluja! In Griechenland begannen drei Freunde damit, psychedelische Popmusik herzustellen. Sie nannten sich Aphrodite’s Child und feierten erste Erfolge, als ein paar hoffnungslos rückwärtsgewandte Trottel dort eine Militärdiktatur einführten und so jeglichen künstlerischen Freiraum abwürgten.

Aus einer Zeit vor unserer ZeitKein Wunder, dass unsere Freunde sich (gemeinsam mit vielen anderen Regimegegnern) vor den Gefahren des Gefoltertwerdens erstmal in Sicherheit brachten, auch um ihre progressiven Musikprojekte weiter unzensiert vorantreiben zu können. Sie gelangten auf verschlungenen Wegen nach Paris und spielten dort das Konzept-Doppelalbum 666 ein, das bis heute als wegweisend und stilbildend für die gesamte Zeit des Progressive-Rock gilt. Ungeachtet all seiner Entstehungsumstände (es wurde zum Beispiel im legendären Europa Sonor Studio aufgenommen, wo Pink Floyd später ihren Klassiker Dark Side Of The Moon herstellten) ragt das Meisterstück von Aphrodite’s Child weit über die Zeit seiner Entstehung hinaus – auch bis in unsere Zeit hinein. Warum? Weil es die Bilder der Apokalypse des Johannes (Offenbarung) und somit das “Ende der Welt” zum Thema hat – und diese an sich schon verstörenden Motive mit verschiedensten Stilmitteln in zugängliche Zeitlosigkeit “übersetzt”. Weil es dabei von vorn herein ein offenes Ende hat und dadurch der Phantasie des Publikums freien Lauf lässt.

Weil es uns keine “richtigen” Deutungen und Bedeutungen aufdrängt. Weil es nicht mit irgendeiner Weltsicht missioniert, stattdessen diese Flut von surrealen Bildern in künstlerischer Überdrehung derart auf uns einprasseln lässt, dass, wenn überhaupt, Deutungsmöglichkeiten in unserer Vorstellung entstehen, aber halt immer mehrere. Wenn Griechen sich an biblischen Themen abarbeiten – wer erinnert sich da nicht an Nikos Kazantzakis’ Roman “Die letzte Versuchung” und an seine skandalumwehte Verfilmung von Martin Scorsese mit Willem Dafoe als Jesus?Ich schweife ab …

Damit mir das in der Sendung nicht passiert, oder aber erst recht, je nachdem, habe ich den Musikschichtenforscher und Assoziationsexperten Andreas Woldrich von der löblichen Sendereihe “Battle & Hum” als Gesprächsgast eingeladen. Und das kann dem diesmaligen Thema, das ein in sich vielfaches ist, auf jeden Fall nur gut tun!

Einige Hintergründe zu den oft verstörenden Abgründen auf diesem Album finden sich auf dieser Vangelis Papathanassiou gewidmeten Seite. Wir wissen auch nicht, welche Apokalypse gerade stattfindet und ob sie echt ist oder Theater. Oder wie …

 

Hesse Between Music

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. September Hermann Hesse war ein Grenzenüberschreiter. Bald nach dem ersten Weltkrieg begann er, sich für die Einflüsse von Psychoanalyse, Traumdeutung, Lebensreform und fernöstliche Weisheit zu öffnen. Dadurch erschuf er ein in vielen Nuancen schillerndes Werk jenseits der damals anerkannten bürgerlichen Konventionen – jedoch ohne seine bildungsbürgerliche Herkunft, speziell in der Sprache, gewaltsam zu vermeiden. Nach seinem Tod entdeckte die Hippie- und Anti-Vietnamkriegsbewegung in den USA sein literarisches Vermächtnis wieder neu – und in Deutschland brachte die Gruppe Between 1974 das beachtenswert vielschichtige Album “Hesse Between Music” heraus, das wir heute in seiner vinylen Originalversion zu Gehör bringen.

Hesse Between MusicAuch die Musik von Between war zutiefst grenzenüberschreitend in ihrer gesamten Konzeption. Ein Kritiker schrieb damals: “Einflüsse experimenteller, klassischer und mittelalterlicher Musik, verbunden mit außereuropäischen Elementen, vor allem aus Lateinamerika und Asien. Da entsteht wirklich Musik ‚between‘: Und das heißt hier allemal: es wird differenzierter, klischeedurchbrechender Musik gemacht als anderswo in diesem Genre.” Welches Genre? Oh, ihr abendländischen Kritiker, die ihr Schachterln scheißt bis die ganze Welt damit heillos zugemüllt ist! Schranken über Schranken, beschränkt, voll für den Schrank: Das Recht ist stets auf Seiten des Schrankes. Doch folgen wir der vielversprechenden Spur, die uns “Hesse Between Music” ursprünglich aufgezeigt hat, kommen wir mitten hinein in die Geschichten, die sich uns von selbst erzählen, aus denen unsere Geschichte eigentlich besteht. Es ist eine ungeheuerlich vielseitige Zusammenschau von Gedanken, Bildern und Seinszuständen, die uns da kongenial durchwirkt von Klangräumen, Melodien und Stimmungen begegnet – wie ein Theaterstück, welches wir plötzlich selber sind.

Beim ersten aufmerksamen Eintauchen in diese außergewöhnliche Hörwelt war ich einigermaßen überwältigt von der gleichzeitigen Vielheit all der unterschiedlichen Eindrücke, die da auf mich ein – und durch mich hindurch strömten. Unangestrengt wohlgemerkt, heiter gelassen versöhnt mit der eigenen Endlichkeit im Angesicht des Unendlichen, zufrieden schmunzelnd wie nach dem besten Essen aller Zeiten. Da tauchte in mir die Frage auf, wer um Himmels willen diese Dramaturgie erfunden haben könnte, und ich stieß naturgemäß auf einen weiteren Grenzenüberschreiter: Den Radiopionier sowie langjährigen Musikpropheten Joachim Ernst Berendt … 

Hier ist der Miterfinder des SWF, “Jazz-Papst” der Deutschen, Wegbereiter der World-Music und Autor von Nada Brahma – Die Welt ist Klang als verantwortlicher Produzent des Albums an der Schnittstelle von Musiktradition und ihrer friedvollen Überschreitung zu erleben. “Die Welt ist Klang” war für ihn bis zuletzt eine zutiefst politische Aussage, getreu dem Motto seines 1942 als evangelischer Pfarrer im KZ Dachau umgekommen Vaters: “Protestant sein heißt protestieren.”

 

Wir ficken euch, Oida!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. August “Wissen sie, wie wir reden zuhause? Wissen sie nicht! Weil – mit ihnen reden wir nicht so. Weil sie sind unsere Arbeitgeber. Aber wollen sie wissen, wie wir untereinander reden? Wollen sie den serbischen Originalton einmal wirklich übersetzt hören? Wir ficken euch, Oida! Sehen sie, wie unangenehm ihnen das ist?” Zu diesem sprachlichen Höhepunkt postjugoslawischer Völkerverständigung steigert sich Malarina in ihrem Soloprogramm “Serben sterben langsam” empor, mit dem sie letzten Sommer auch schon in Salzburg zu Gast war. Ficken kann ja – je nach Kontext – vielerlei bedeuten. Und seit der Frage, ob man das auf einer CD überhaupt sagen darf, ist so viel Freiheit den Bach runter geflossen, dass wir endlich einen Sendungstitel damit garnieren können. Freies Radio, Oida!

Wir ficken euch, Oida!Mit ihrer konsequent angewandten Satire trägt Malarina mehr zum Verständnis untereinander bei als irgendein Politkasperltheater, das den Begriff “Integration” vor sich her vergewaltigt. Gerade in Zeiten weltweiter Kulturzerstörung durch die “Diktatur des Konsumismus” (Pasolini) kann das Herumreiten auf überspitzten Klischees dabei helfen, sich selbst und die anderen noch zu erkennen. “Die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellen.” So wird der Zweck von Satire beschrieben. Und wenn man sich im Erkennen selbst (wieder) spürt, dann ist der Weg zum Einfühlen in andere auch nicht mehr so weit. Wohlgemerkt, hierbei geht es um aus sich selbst heraus entwickelte Gefühle und nicht um antrainierte gefühlsähnliche Reflexe, die durch die jeweils passenden Schlüsselreize abgerufen werden, genauso unwillkürlich wie ein plötzlicher Rülpser. Letztere zu entlarven als hinterfotzige Mechanismen der Massenbeeinflussung, meist durch rechtsextrem konservative Soziopathen und Glaubensgemeinschaften, das gelingt ihr elegant – etwa mit ihrer serbisch-österreichischen Geschichtsstunde”.

Es ist nämlich unendlich kostbar, sich in jemand anderen “einzufühlen”, sich mitsamt seiner eigenen Welt einer anderen Welt anzuverwandeln, ein Geschenk der Liebe zu sein inmitten von feiger Berechnung. Sich über die Fesseln der Konvention zu erheben und der fremdelnden Welt ein Gemeinsames darzuleben, indem man deren Klischees dem erlösenden Lachen anheim stellt. Und um die Völkerverständigung dieser erfrischenden Frau unserem Wesen nach weiter zu betreiben, fügen wir das Antikriegslied eines Kroaten sowie eine Hymne auf die Albanien-Nostalgie hinzu …

Oder wie Sebastian Kurz gesagt hätte: “Ich habe die Balkontüre geschlossen.” Oida!

 

Die Schatzinsel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. August – Schon seit einigen Jahren erklingt an jedem dritten Sonntag im Monat im Anschluss an unser Artarium eine Sendung namens “Gitarre und Meer: Eine Seereise mit Captain Carsten”. Und fast immer, wenn wir da noch ein Weilchen zuhören, entdecken wir die eine oder andere Perle, die uns angenehm überrascht. Denn von einem, der auszog, im Musikum Mattsee Gitarre zu lehren, (und darüber hinaus mit konzertantem Flamenco auftritt) haben wir kein so weites Spektrum an Musikstilen erwartet, wie es sich da immer wieder aus dem Radio heraus entfaltet. Grund genug, den geheimnisvollen Captain (der auch noch tatsächlich von der norddeutschen Küste herstammt) auf unsere Schatzinsel einzuladen. Die Perlentaucher sind halt neugierig auf alles, was Resonanz erzeugt.

Die SchatzinselWährend der Hase diesmal mit dem Glücklichmachen von Festspiel-Mitwirkenden beschäftigt ist, werde ich mit dem Captain gemeinsam ein paar versteckte Schätze heben, die uns vielleicht vertraut sein mögen, doch im Zusammenspiel von Musik- und Lebensgeschichte einige ganz neue Aspekte gewinnen können. Zu One Hundred Years von The Cure etwa fiel dem Captain (in Erinnerung an allerlei ”scheinbar apokalyptische Klänge” aus seiner Jugendzeit) folgendes ein: “Markant ist musikalisch immer die erbarmungslose kleine Sekund abwärts, die den Song aussichtslos erscheinen lässt. Wie auch schon bei Astronomy Domine von Pink Floyd. Syd Barrett hat das bei Gustav Holst – Die Planeten (Mars der Kriegsbringer) entliehen.” Ham wir mal wieder was gelernt! “Ein Musiklehrer halt.”, stellte der Hase zutreffend fest. Und ich fand wieder einmal heraus, wie gut das wiederholte Anhören gerade bei repetitiv minimalistisch geprägter Musik ist, um deren Sinn zu erfassen.

Doch keine Angst – das wird hier keine Musikfachsimpelsendung. Vielmehr wollen wir den sympathischen Kollegen von der “Sendung nach uns” einmal kennenlernen – und euch sein sehr offen und assoziativ gehaltenes Sendungskonzept vorstellen, das dem unseren durchaus wesensverwandt ist und diesmal als “Captain Carstens Capriolen 2” stattfinden wird. Eine Sendung, die den Musikgenuss mit interessanten Anekdoten und Hintergrundwissen anreichert und zu einer bekömmlichen Mahlzeit (mit Zutaten aus allen sieben Weltmeeren) zusammenkomponiert. Wohl bekomms

Die Salzburger Strandpiraten im Strom der Kulturgezeiten bitten zu Omnomnom!

 

With Every Breath

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. August“Shabbat Shalom!” – Wirklich? An einem Sonntag? Pardon, unsere Sendung findet halt programmgemäß immer an einem Sonntag statt. Und nachdem sie danach zeitlich unbefristet nachzuhören ist, kann das ganze Album “With Every Breath – The Music of Shabbat” freilich auch zu solcher Gelegenheit angewandt werden. Die darin enthaltenen Titel widerspiegeln nämlich allesamt die Tradition der Shabbat-Liturgie nebst chassidischen Liedern in zeitgemäß zugänglicher Verbearbeitung, mit viel Leidenschaft und Kunstverstand vorgebracht von der Synagoge “B’Nai Jeshurun” aus New York. Aufgenommen, abgemischt und herausgebracht hat dieses stimmungsvolle Kleinod der ebenfalls in New York ansässige Musik-Club “Knitting Factory” mit hauseigenem Label

With Every BreathSeinen Weg in unsere Ohren fand es durch die geschätzte Kollegin Mirjam Jessa (eine jener Stimmen, die der Stimmung gerecht werden) 1999 in der von ihr mitbegründeten Ö1-Sendereihe “Spielräume”. Es war dazumals noch einigermaßen umständlicher als heute, sich ein Album von einem Indie-Label aus den USA einfliegen zu lassen, doch die darauf enthaltene wegweisende Kulturgrenzauflösung war aller Bemühung wert. So bringen wir jetzt diesen weithin unbekannten Schatz wiederum anderen zu Gehör, auf dass die Welt rund um unser akustisches Einflussgebiet ein Stück schöner wird. Wie wir auch die Gedanken eines gewissen Rabbiners aus Nazareth weiter entwickeln können, in diesem Fall etwa zu: “Liebe deine Übernächsten!” Apropos Rabbiner, die B’Nai Jeshurun Synagoge ist da wohl mit zwei besonders kreativen Exemplaren gesegnet, Rabbi José Rolando Matalon und Rabbi Marcelo Bronstein, die auf diesem Album auch sprechsingend zu erleben sind. Und deren Hazzan (Kantor) Ari Priven zeichnet für die vielschichtigen, vielstimmigen und vielfältigen Musikdarbietungen verantwortlich. Alles in allem vom Glück verfolgt, heißt es bei André Heller. Alles in allem hörenswert, heißt es bei uns.

“Wenn du glaubst, dass Gott existiert, aber nicht entsprechend handelst, verhältst du dich wie jeder andere Gläubige. Das ist nicht besonders interessant. Wenn du nicht an Gott glaubst und dich verhältst, als ob es ihn nicht gibt, dann bist du ein säkularer Philosoph… Interessant wird es aber, wenn man die beiden Positionen in einem Paradox verknüpft. Also in der humanistisch agnostischen Haltung, wonach ich glaube, dass es keinen Gott gibt, aber ich mich um der Tradition willen so verhalte, als ob er existierte. Ganz verrückt wird es dann mit Kirkegaard, der eigentlich sagt: Ich weiß, dass es Gott gibt – aber ich verhalte mich so, als ob er nicht existiert.” Slavoj Žižek

Trauen wir uns über unsere gewohnten Grenzen hinaus: Rettung lauert überall.

 

Kreisler singt Kreisler

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. JuliGratulieren? Papperlapapp! Zumal wir sicher nicht “das offizielle Österreich” sind. Wir freuen uns einfach, dass dieser Georg Kreisler (vor nunmehr 100 Jahren) in unsere Welt gekommen ist und uns im Verlauf seines Lebens mit den abgründigen Kostbarkeiten seiner Lieder und Texte berührt hat. Und immer wieder auch aufgerichtet, wenn wir am eigenen leidenden Leben zu verzweifeln anfingen. Denn “du bist nicht allein” ist eine immens tröstliche Erfahrung, wenn einem die Mehrheitsnormalitäter seiner Hoppladochnichtheimat das Verurteil des Nichtdazugehörens einbläuen, wegen wasauchimmer für einem ideologischen Scheißdreck. Wir sind alle längst abgeschafft und leben gegen das Zerquetschtwerden des Lebendigen an. Trotz alledem. Auch darum lieben wir ihn.

Georg KreislerUnd darum taucht er immer wieder an entsprechender Stelle in unseren Radioarbeiten auf. So zum Beispiel am Wohlfühlfriedhof, bei Nikolaus Habjan und Franui oder überhaupt beim Erinnern an andere Episoden des angewandten Antisemitismus in Salzburg und Österreich. Einmal abgesehen vom zeitgeschichtlichen Hintergrund ist da noch eine andere Wesensverwandtschaft, die es zu würdigen gilt, nämlich die Eigenart, allen Widerlichkeiten der eigenen Lebenserfahrung auf so kreative Weise zu begegnen, dass etwa die taz zu seinem 100. Geburtstag titeln konnte: “Die Kunst hat ihn gerettet.” Und mit der ihm eigenen Feinfühligkeit landet Georg Kreisler auf seiner immerwährenden Suche nach der möglicherweise doch (für alle Beteiligten) irgendwie “besseren Welt” unausweichlich bei der radikalen Ablehnung “jedweder Herrschaft von Menschen über Menschen”, von staatlichen Besitzansprüchen, die auf der Idee von Eigentum beruhen. Das kann – angesichts der apokalyptischen Weltsituation – auf die Dauer nur frustrierend sein. Einen “verzweifelt Liebenden” nannte ihn Konstantin Wecker.

Sandra Kreisler, die wir als Wortfrontfrau kennenlernen durften, hat nach längerem Zögern 2003 einige der für sie bedeutsamen Lieder ihres Vaters neu interpretiert und ihnen so eine weitere Dimension von Zeitlosigkeit hinzugefügt. Besonders “Meine Freiheit, Deine Freiheit” ist uns als eine jener Coverversionen begegnet, die das Original an Originalität geradezu übertreffen. Exzellentes Klavierspiel von Jochem Hochstenbach verschmilzt da mit Sandras feinstem “Acting while Singing”. Mehr dazu kann man/frau in diesem wieder hervor gespülten AVIVA-Interview erfahren.

Sandra Kreisler kann ihrem Vater also nicht nur das Wasser reichen. Sie kann auch durchaus darin umrühren.

Naturgemäß

 

Flowerpornoes

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. JuliEin Bandname zum Verlieben: Flowerpornoes – die logische (und durchdachte) Weiterführung von Blümchensex zum Breitwandvideo. Und ein Albumtitel, der mich auch augenblicks in seinen poetischen Bann zieht: “Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?” In den 80ern, als Tom Liwa (noch vor Blumfeld etc.) auf Deutsch zu texten und singen begann, hab ich das (wie so vieles in den 80ern) nur am Rand mitbekommen. Als aber 2007 nach über 10-jähriger Bandpause das Album zur tiefgründigen Wiedervereinigung der immerwährenden Kultband herauskam, da war ich bereiter für jene lyrisch verklausulierten Offenbarungen, die das Schaffen rund um diesen so rätselhaft vertraut wirkenden Tom-Liwa-Kosmos ausmachen.

FlowerpornoesAuf der Suche nach erhellendem Begleitmaterial stieß ich auf der Seite des Hamburger KNUST auf einen außergewöhnlichen Text zu Tom Liwa, der unter anderem das früher schon von Peter Gabriel eingeforderte Gleichgewicht aus Verborgenem und Hergezeigtem hervorstreicht, das jeglicher guten Kunst zugrunde liegt. Oder, wie ich das auch formulieren würde: “Liebe ist ein angewandtes Paradoxon.” Der Autor dieser sehr lesenswerten Betrachtungen dürfte der Erlanger Musiker Peter “Point” Gruner (und nicht Gruber) sein der uns mit seiner Band “Die Spielverderber” einen schönen Song über Verschwörungstheorien und Esoterikgeschwurbel dargebracht hat: “Ich hab das Licht gesehen”. – Weil der so wissend und einfühlsam über das Entstehen von Tom Liwas Texten und Liedern zu schreiben versteht, zitiere ich ihn hier ausführlich:

“Wie oft musst du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? Eine Textzeile und ein Albumtitel, der für Tom Liwa mehr sein dürfte als nur eine rhetorische Frage. Das Suchen, das Hinterfragen, die Sehnsucht nach Vollkommenheit treibt die Kunst im Allgemeinen an. Und Tom Liwa im Speziellen. Wobei man sich den Duisburger Sänger und Songschreiber, diesen vielschichtigen Spielmann, Dichter und Philosophen, diesen Traumtänzer und Traumdeuter kaum vorstellen kann, wie er sich zornig, mit blutiger Stirn, gegen unnachgiebige Widerstände wirft. Eher läuft er um die Wand herum, springt drüber oder spaziert einfach mitten durch – sind die Dinge doch selten das, was sie scheinen.

Und genau das ist es auch, was Tom Liwa, seit er Mitte der Achtziger Jahre mit den Flowerpornoes auf der Bildfläche erschienen ist, bis heute so faszinierend macht: Man kriegt ihn einfach nicht zu fassen. Es gibt kaum einen deutschen Songschreiber, der in seinen Liedern so viel von sich preisgibt und dennoch so rätselhaft bleibt. Zu offenen, schwebenden Gitarrenakkorden vermengt er Autobiografisches mit surrealen lyrischen Bildern, die oft wie eine Brücke wirken zwischen dem Bewussten und dem Unterbewussten. Wenn Tom Liwa von den Schauplätzen seiner Kindheit und Jugend singt, dann klingt das nicht nostalgisch, sondern vielmehr wie ein Eintauchen in den großen, unergründlichen Strom der Zeit, in dem es keinen Unterschied gibt zwischen Gestern, Heute und Morgen, zwischen Geburt und Tod. Singt er von der Liebe – und das tut er fast immer, auf die eine oder andere Weise – dann kann das angesprochene Gegenüber eine Frau sein, genauso gut aber auch ein höheres Selbst oder der innere Schweinehund.

Vermutlich trifft auf Liwa das Gleiche zu, was der Humorist Wiglaf Droste mal über Van Morrison geschrieben hat. Dessen Gesänge seien “Zwiegespräche mit seinem Gott, die manche Leute als Songs missverstehen”. Dass ihm dabei nicht mal halb so viele Menschen zuhören wie er verdient hätte mag ihn kränken oder ihm egal sein. Tom Liwa wird so oder so weiter bergeweise Songs schreiben, wird weiter mit Skepsis und Anteilnahme, mit Liebe und Spott auf die Welt und seine eigenen Befindlichkeiten blicken, wird seinen inneren Kosmos immer wieder neu vermessen, nur um festzustellen, dass er genauso begrenzt wie grenzenlos ist. Und wird uns einen Spalt weit die Tür öffnen zu einer Welt, die immer genau so schön ist, wie wir sie uns erträumen.”

 

God Shave The Queen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Juni – Der bis zuletzt ruhelose Punkdirektor in Ruhe gibt bekannt: Die sich inflationär überschlagen habende Berichterstattung zum “Diamantenen Thronjubiläum” einer gewissen Elisabeth von England war von einigermaßen nervenziehender Überdosiertheit. Rülps. Bin ich denn der einzige, dem bei ­“Thronbesteigung” irgendwie anstößige Vorstellungen in den Sinn geraten? So wie “gelang unserem Kaiser die erfolgreiche Erstbesteigung seiner Gemahlin” oder dergleichen. Naja, uns ist die royale Namensvetterin aus der eigenen Exmonarchie immer noch sympathischer als die spleenige Teetante mit den Hüten. Sie zelebrierte schließlich ihren Überdruss mit dem goldenen Käfig in Gedichten als Elisabeth von Österreich. Nichts desto und zum Trotz widmen wir der Queen einige Assoziationen.

God Shave The QueenBeim ersten Mal war Paddington Bear beim Tee noch ziemlich witzig, doch nach dem dritten öffentlich-rechtlich verordneten Einlauf des süßlichen Sedativs und erst recht nach dem bombastmartialischen Aufmarsch der Stadionrocker gab es nur mehr eine mögliche Antwort: Chumbawamba, The Sex Pistols und Laibach. Das sollte uns, denke ich, zu denken geben. Oder nicht? Egal. Ein Pottpurree zum Jubilierium soll hier angerichtet sein – nicht ohne Empire, Imperium, Imperialismus und ähnliche Ableitungen aufkommen zu lassen. Warum heißen Tantiemen in England Royalties? Weil wegen den Royals? Realitätenbüros? Realitäter? Real Madrid? Ein Weltreich, soweit die Welt reicht? Ein Volk, ein Reich, ein Weltmarkt? Gebt mir ein Leitbild für die Welt! Laibach ver(be)arbeiten Queens “One Vision” zum deutsch-slawischen Heimatfilm. Coverversionen sind überhaupt eine Quelle der Ironie: Rammstein etwa – von Laibach oder von Grandma’s Smuzi.

Wozu oberhaupt ein Staatsüberhaupt? Herrscher beherrscht Untertanen, egal ob von Gottes, Marktes oder sonstwie Gnaden. Regie wär ja gut, Gierung geht immer auf unser aller Kosten, Oligarch, leck mich am Arsch! Die eiserne Lady sagte einst: “There is no such thing as society.” Und unser Ohrwaschlkaktus: “Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.” Es kommt nicht darauf an, dass “da oben” keine Wahnsinnigen herumregieren (weil dieses “da oben” scheint die Vollpsychos magisch anzuziehen), sondern darauf, dass wir alle eine “herrschaftsfreie Gesellschaft” sein können

Zurück nach England. Oder in die Ukraine: Sweet Dreams are made of this…

Futsches Reich!

 

Republik der Taubheit

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Juni“Jetzt begreif ich erst so richtig, WAS dieser Krieg in der Ukraine ist – und WIE sich das anfühlt.” Das war einer der ersten Gedanken, die in mir hervorblitzten, als ich aus diesem komprimierten Gefühlsfilm wieder aufgetaucht war, den die “Republik der Taubheit” von Ilya Kaminsky in mir ausgelöst hatte. Dieses gerade mal 100 Seiten starke Stück Universalpoesie strotzt geradezu vor poetischer Kraft und feiert in all seiner Zärtlichkeit das unbeugsame Leben inmitten von Tod und Zerstörung. Es ist dem lyrischen Mundhandwerk von Anja Kampmann zu verdanken, dass “Deaf Republic” nun auch für deutsche Ohren erlebbar ist. Wir freuen uns sehr darauf, eine so überaus wirkmächtige Dichtung hier vorstellen zu können – und empfehlen diese auch entschieden zur eigenen Lektüre!

Republik der TaubheitZur Einstimmung in dieses Ausnahmebuch lesen wir mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags einige Auszüge daraus vor, die wir mit ebenso ab- wie hintergründiger Musik von Hildur Guðnadóttir kontrastieren. Und (unserer Natur gemäß) erzählen wir von unserer Reise durch dieses Buch, das ein so anrührendes, zutiefst erschütterndes, geheimnisvolles, lustvoll kichernmachendes, lebenskluges, metaphernreiches, sprachlich souveränes, tiefgründiges, verletzliches und verletzendes und letzten Endes ein mehr als vielschichtiges Erlebnis ist, das in seiner schlichten Komplexität jedwede Genrezuordnung sprengt. Nicht einmal Selbstgeschöpftes wie “kollektivpsychedelischer Roadtrip” oder “immersivlyrisches Multifunktionsdrama” könnten den hier von uns festgestellten Auswirkungen gerecht werden. Man muss es selbst zu sich nehmen, sich auf die Erfahrung einlassen, damit man da auch nur ansatzweise mitreden kann. Alles andere wäre in etwa so sättigend wie das sprichwörtliche erzählte Abendessen. Umso erfreulicher, dass sogar der öffentlich-rechtlich diensttuende Germanist und Literaturkritiker diesen Umstand würdigt: Thomas Strässle hier in der 3sat Kulturzeit vom 9. Juni (Buchvorstellung ab 07:49 und Würdigung ab 15:03 Minuten). Chapeau!

Doch der Mann ist immerhin auch Musiker, das könnte seinen Zugang zu Kaminskys eigenwilliger Singsprache befördert haben: “We lived happily during the war”. Anja Kampmann, die selbst mit Komponist*innen zusammen arbeitet, hat darüber hinaus wohl noch andere Berührungspunkte: dnipro. “Stille ist eine Erfindung der Hörenden. Stille existiert nicht für Menschen, die nicht hören können. Sie haben keine Vorstellung davon.”, sagt Kaminsky, der 12 Jahre seines Lebens als fast vollständig Gehörloser verbrachte. Was mag dann der legendäre “Sound Of Silence” bedeuten?

Unsere Sendung soll jedenfalls auch diesmal nicht ohne Verbundenheitsgruß an die ukrainischen Kulturschaffenden enden: Die Coverband Grandma’s Smuzi hat den Cranberries-Hit Zombie in ukrainischer Übersetzung neu aufgenommen – und mit einem kongenialen Video ausgestattet. Das Prophetische tritt zunehmend aus den Randbereichen der Wahrnehmung ins Rampenlicht des Weltgeschehens. Oder, um es als ein Fazit in die Republik der Taubheit zu schreiben: “Das Leben lebt – ungeachtet des Untergangs.”

PS. Eine sehr nuancenreiche Lesung von Johannes Wördemann (der vierminütige Ausschnitt mutet fast wie ein Hörspiel an) findet sich hier im SWR-Literatur-Podcast.