Im Weltkrankenhaus

>>> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. September – Woran krankt die Welt? Versuch aus einer Stadt, die von allerlei Symptomen des “Großen Welttheaters” gezeichnet ist – und in deren Schauspielgeschichte es von Allegorien nur so wimmelt: Mammon, Glaube, Tod – geschenkt. Frau Welt hat das Coronavirus, nebst Hitzewallungen, Mundtrockenheit und Wasser, wos nicht hingehört. Ist diese Klimakrise ein ernstes Anzeichen für das Klimakterium der Menschheit (Die letzten Tage Reloaded) oder für eine schleichende Vergiftung durch die Weltwirtschaft? In unserem Weltkrankenhaus versammeln sich die besten Diagnostiker (von Dr. House bis Dr. Manson), um nichts Geringeres zu vollbringen, als die Welt zu retten. Und um zu erörtern, inwieweit das überhaupt (noch) möglich ist. Sonst – schlägts Dreizehn!

Dr. Hund & Dr. Hase im Weltkrankenhaus “Grüß Gott, ich bin der Arzt. Und sssippe sssappe!” Lachen soll ja gesund sein, vor allem wenns ernst wird. Dr. Hund und Dr. Hase sind stellvertretend überfordert mit dem Ernst der Situation. Was? Die Welt geht unter? Da müssen wir schnell den Müll trennen, Biofleisch kaufen und mehr Elektroautos produzieren! Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: “Du, ich hab Menschen.” Sagt der andere: “Mach dir keine Sorgen, das geht auch wieder vorbei.” Unlängst hab ich den Film “Das Kapital im 21. Jahrhundert” gesehen, in dem Dr. Paul Piff sein “Monopoly-Experiment” erläutert. Dabei stellt sich heraus, dass Menschen, die durch den Zufall eines Münzwurfs reich werden und gewinnen, diesen Umstand schon bald als eigenen Verdienst durch eigene Leistung ansehen und sich ihren (durch Zufall armen) Mitspielern gegenüber zunehmend rücksichtslos verhalten. Dr. Harald Lesch zeigt uns hier das Experiment in deutscher Sprache…

Dr. Helnwein & Dr. Manson im WeltkrankenhausWie krank muss eine Welt sein, dass sie solche Symptome hervorbringt, wie sie unter anderem von Dr. Helnwein und Dr. Manson dargestellt werden. Eine “bessere Gesellschaft”, die sich für (grundlos!) auserwählt hält, bringt alles um, was nicht in ihre Wahnvorstellung von Recht und Ordnung passt. Das Weltkrankenhaus in guter Absicht kommt jetzt unweigerlich an die Kapazitätsgrenze des Fassbaren: “The Punk-Rocker deserved to die – because he looked the way he did.” So kommentiert Marilyn Manson die Ermordung von Brian Deneke. Machen wir uns nichts vor, dieser “Einzelfall” (es sind deren unzählige) ist auch nur ein einzelnes Symptom einer bösartigen Krankheit. Aber welche kann das sein? Kapitalismus? Fernsehwerbung? Glaubensplemplem? Oder ist es gar das Zusammenwirken all dieser – und noch anderer, bislang unerkannter Seuchen? Wir hatten doch so schöne Hoffnungen und Träume (High Hopes) und dann kommt Dr. Ariadne von Schirach und diagnostiziert uns “Die psychothische Gesellschaft”, eine systemische Erkrankung, die das Überleben der Menschheit in Frage stellt

Dr. House im WeltkrankenhausAllerdings lautet der Untertitel ihrer als Buch erschienenen Diagnose auch “Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden.” Das legt immerhin die Hoffnung nahe, dass es Hoffnung gibt. Und die hegen ja auch wir bis zuletzt, sonst würden wir hier nicht mehr hörbar in Erscheinung treten. Und im Weltkrankenhaus Doktor spielen mit der Frage: “Was ist los mit dieser Menschheit, dass ringsum zunehmend der Wahnsinn regiert?” Ich hätte da noch eine Diagnose, die alle bisherigen Symptome erklären könnte: Die Welt leidet nicht einfach nur an Menschheit, sondern an deren Erwachsenensyndrom. Nicht das Heranwachsen, die Geschlechtsreife oder die Fertigkeiten der Lebensgestaltungnein, das nachträgliche Abwerten der eigenen Kindheit im (falschen) Bewusstsein, etwas geleistet und “es geschafft” zu haben, wodurch man auch glaubt, ein Recht auf Macht über andere zu besitzen – just wie im erwähnten Monopoly-Experiment

Für diese Erkrankung suchen wir derzeit noch nach einer geeigneten Therapie.

 

Harlekinese und Kasperliade

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. FebruarAchtung Achtung, Klasse! Nachdem wir uns jetzt alle gegenseitig an unsere eigenen Nasen gefasst haben, atmen wir einmal tief durch die selbige ein und schreien drei mal laut: Hurra – ich bin ein fröhlicher Homo Sapiens!“  Genauso gut könnte man da sagen: “Demokratie ist, wenn wir alle paar Jahre diejenigen wählen, die uns am lustigsten auf den Kopf scheißen.” Oder: “Großvati, Großvati, es hat geschneit!” – Wie dem auch sei, im nunmehrigen Februar findet vielerorts Fasching, Fastnacht oder Karneval statt, und wir haben beschlossen, diesem Zustand in unserer Sendung Rechnung zu tragen (solang es nicht allzuviel kostet). Und so hoppeln wir fröhlichfeucht durch eine ganze Kasperliade aus Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutungmit Gefühl.

Kasperliade 1Da das assoziative Gestrüpp zum Thema ebenso unübersichtlich wie reichhaltig ist, müssen wir uns, bei aller Vielheit, auf eine Hauptperson ausrichten – den Kasper. Reisen wir also ohne Stress quer durch alle möglichen Manifestationen dieser multiplen Personalunion mit sich selbst. Sozusagen mit Casper ins Kasperltheater, und gleich weiter zum Joker, zum Kaspar Hauser, überhaupt zum traurigen Clown und seiner genau deshalb entlarvenden Weltsicht. Der Titel der Sendung müsste eigentlich “Harlekinese, Kasperliade und Clownerie” heißen, aber wo ist heute noch Platz für so abgerundete Triologien? Oder Songtitel wie zum Beispiel “Die Verfolgung und Ermordung des Rockundroll, dargestellt durch die Musikertruppe des Hospizes zu Vicht unter der Anleitung des Herrn von Schroeder, Teil I” Hä? Eine rheinrhetorische Frage – also auf Kölsch. “Die Musik ist tot – gefoltert, gequält, der Unschuld beraubt. Die Musik ist tot – und mit ihr all das, woran wir geglaubt. – Rock’n’Roll ist tot.” Aber sicher nicht bei uns. Gut zu hören!

Kasperliade 2Nicht, dass wir zwei nicht lustig wären (siehe Bild), für den Höhepunkt des Rumkasperns (in der zweiten Stunde) haben wir uns dennoch kompetente Unterstützung vom Institut für Battle & Hum besorgt. Der Master of Cerebrity Randy Andy wird uns livehaftig die Rumkugel geben – und sich wie euch mit Kleinodien des etwas abgedrehteren Humors behupfdudeln. Oder der etwas abgründigeren Musik, etwa aus dem Soundtrack zu “Joker” von Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir. Wenn auch der zuvor zitierte Text von Schroeder Roadshow den Tod des Rock’n’Roll betrauert und dabei durchaus eine prophetische (1980) Kritik am Unwesen der Untenhaltung darstellt (ich sag nur Autotune), so gibt der darin angesprochene Mythos (vielleicht eh posthum) laute Lebenszeichen von sich. Im (definitiv posthumen) Michael-Glawogger-Film “Hotel Rock’n’Roll” jedenfalls, den wir hiermit aufs allerschärfste empfehlen (und der uns auch durch die Sendung begleiten wird), nebst weiteren Dopfencollagen aus Audio.

Abschied vom Heimatfilm“Der Wald ist die Frisur des Berges, Schorschi.” – “Dem gehn oba sche longsom de Hoa aus.” Eben. Viele wunderbare Szenenbilder und noch mehr verdanken wir übrigens dem Luna-Filmverleih. Da bleibt keine Heimat trocken & Kebapaufstrich. Wenn schon das Wort eine Waffe ist … dann ist die E-Gitarre eine Abschussvorrichtung für noch erheblichere Auswirkungen. Und erst das Schlagzeug – bitte, im Italienischen heißt es eh “Batteria”. Im Anfang war die Wucht. Und die Wucht war bei sich. Die Wucht aber sprach – und siehe, es ward. “Let there be Rock” Wie find ich den Notausgang? Vielleicht wenn die Kasperliade selbst-systemkritisch rotzt: “Scharfe Waffen griffbereit im Handschuhfach, auf dem Müllplatz liegt ein letztes Stoßgebet. Verzweiflung, Angst und Wahnsinn halten uns in Schach, im Fernsehen spricht der Papst von Humanität. Schon wieder so ein Tag, so wunderschön wie heut. Und tatsächlich schon wieder all die furchtbar netten Leut. Massenmörder, Henker, Diktatooor – kommen eben nur im Märchen vor!”

Schroeder Roadshow – So ein Tag

 

Wallfahrt nach St. Moloch

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. August – Einmal frei nach Sven Regener: Am Fenster fliegt eine Präsidentin vorbei – da kommt jede Hilfe zu spät.” Es ist wieder soweit, draußen vor der Tür wüten die Salzburger Festspiele, diese alljährliche Heimsuchung der ohnehin schon unter Massentourismus und Kommerztrotteltum ächzenden Einwohnerschaft. Diese perverse Wallfahrt von Wohlstand und Wichtigsein zum Hochamt ihrer vorgeblichen Bedeutsamkeit… Wer schafft das Unrecht auf der Welt? Eben. Wir schaffen da lieber unsere eigenes. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurück gefestspielt. Drei Stunden Möglichkeitsform und kritische Phantasie gegen das Hergebrachte, scheinbar Gottgegebene und zum Überobertum Aufgeblasene. Und auch wenns wehtut: Jedermann muss sterben!

Wallfahrt nach St. Moloch - Die schwarze EminenzNicht, dass wir uns falsch verstehen: Theaterkunst auf höchstem Niveau ist eine schöne Sache, die wir sehr zu schätzen wissen. Vielleicht ganz besonders, wenn sie dort stattfindet, wo wir zuhause sind. Unerträglich ist nur die übersteigerte Dominanz, mit der die Kriegsgewinnler ihres Kulturmarkts diese Stadt Jahr für Jahr zernutzen. Dann gibts hier nur noch selbstfahrende PR-Roboter, rechtgläubige Prediger sowie öde Hofberichterstatter eines hochfürstlichen Staatsspektakels in einem zeitgemäßen demokratischen Kostüm. Es ist dieser totale Absolutheitsanspruch, der aufgrund seiner Verwandtschaft mit religiösem Fanatismus und staatlicher Willkürherrschaft so dermaßen schlecht riecht. Es ist diese unhinterfragbare Selbstverständlichkeit, mit der sämtliche Lebensbereiche des Stadtsommers dem heiligen Zweckfestival untergeordnet werden, die in ihrer angemaßten Allmächtigkeit so sehr nach Diktatur stinkt, dass einem als außenstehendem Beobachter schlicht schlecht werden muss.

Wallfahrt nach St. Moloch - Jedermann reloadedDemgemäß unser Titel “Wallfahrt nach St. Moloch”, in welchem die katholische Unterwürfigkeit mit dem herrschenden Gottesdienst des Menschenopfers verschmilzt. Wir basteln uns selbst Festspiele, nicht nach verordnetem Geschmack oder bildungsbürgerlichem Kanon des Herzigen und Putzigen. Scheiß doch auf die Programmwichtel der Mussbarkeit! Was wäre nicht alles vorstellbar – allein schon mit dem im Fundus längst Vorhandenen? Jedermann Reloaded – von Philipp Hochmair und der Elektrohand Gottes. “Der aberwitzigste Dreck” (Karl Kraus) hier einmal nicht als Cash-Cow der Festspiele sondern als Rockperformance. Endlich eine Erlösung aus dem bereits 99-mal wiedergekäuten Knüttelgevers vom Domplatz der Eitelkeiten. Sogar die (inzwischen wieder abgesetzte, warum wohl?) Crouch-Mertes-Inszenierung hätte ja gewisse (wenn auch zaghafte) Innovationen angedeutet. Aber nichts da, bei uns in Salzklappersdorf bleibt alles so, wie man glaubt, es am besten verkaufen zu können.

Wallfahrt nach St. Moloch - Sound Of MusicWomit wir beim ungeschriebensten aller Glaubens-Gesätze angelangt wären: Der nie ausgesprochenen Verpflichtung, alles diese Stadt und vor allem ihre Festspiele betreffende immer und überall beeindruckend und großartig und konkurrenzlos wunderbar zu finden, selbst wenn dies tatsächlich nicht der Fall sein sollte. Jede Zuwiderhandlung wird mit Ausschluss aus der Anstalt bestraftmit Ignoriertwerden bis der soziale Tod eintritt. Ein durch und durch menschenverachtendes Bigott-Kompott. Doch die weltweite Wallfahrt fährt ungestört fort – und Eliten wie Hordioten pilgern nach Salzburg, der Stadt der falschen Fassaden und des “schönen” Scheins. Und die Chefpropagandistin der fetten Fetzenspiele sagt dazu brav ihr Sprüchlein auf: “Der Sinn der Festspiele – der Gründungsmythos war ein Friedensprojekt nach dem ersten Weltkrieg – schöner und gleichzeitig aktueller gehts nicht.” Damit fliegt sie auch tatsächlich am Fenster vorbei, denn wir haben dazu noch ganz was anderes gehört:

“Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die den Krieg führt, und wir gewinnen ihn auch.” Sagt immerhin Warren Buffett, der weltweit drittreichste Milliardär. Die Festspiele mögen beginnen. Jeedeermaaann!

 

Das große Rauschen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Juli – Ringsum nichts als Rauschen und im Kopf der Tinnitus. Die Summe aller Signale und Informationen, die sich zunehmend gleichzeits ins Gehirn multiplizieren und in ihrer gegenseitigen Überlagerung einen undurchdringbaren Brei bilden. Lärm, Logorrhoe, semantischer Gatsch, Marketingdong, Bejinglegebell, Radio BILLA – in meinem Kopf toben zwölf blecherne Duracellaffen – und hören nimmermehr auf. Das mentale Zustandsbild des durchschnittlichen Konsumdeppen (und der Deppin selbstauch) entspricht so ziemlich der Zugeschissenheit des Planeten. Das gilt leider nicht nur für die Mithupfer und Gernknödel, sondern auch für alle Ruhebedürftigen und Verweiglinge. Denn in uns und um uns lagern sich der Industriemüll und seine Zerfallsprodukte gnadenlos ab.

Rauschen kann tödlich seinIn unseren Sendungen geht es dabei meist nicht um den Abfall in der Außenwelt, also die Zerstörung der uns umgebenden Natur durch rücksichtsloses und profitgieriges Ausplündern der Erde, was für sich genommen schon lebensgefährlich genug ist. “Die Menschheit schafft sich ab” heißt es demgemäß auch bei Harald Lesch. Wir jedoch sind Trüffelhasen hier im Medienwald und widmen unser Gespür mehr den Innenwelten und deren Zuständen. Weil wir ja “nach Perlen tauchen” in diesen trüben Gewässern des Konsum-, Leistungs- und Wegwerfschwindels. Genau da zeigt sich das wahre Unwesen dieser Zuvielisation, die sich zwar Kultur nennt, in Wirklichkeit jedoch nichts anderes ist als Verstopfung. Die sogenannte “Informationsgesellschaft” erzeugt eine fortwährende Anhäufung von immer noch mehr nicht mehr abbaubaren Überresten ihrer eigenen Behauptung. Meinungsvielflat, Übelforderung und Wahlfeilheit. Flächendeckendes Rauschen

Rauschen verbotenInmitten dieser Schlammlawine an Reizüberflut und Signalstörerei, ganz zu schweigen vom stetigen Beschwallertwerden mit Umpfz und lauthalsem Schas, stiften wir eine Insel, die dem Untergang im Kommerz nach wie vor widersteht. Erhört, erlesen und erbaulich sind unsere Beutestücke des täg- und nächtlichen Überlebens im Sumpf umbrandender Zergrunzung. Wir mögen ihm nicht entrinnen, dem Technolügietsunami der depperten Massenzucht, aaaber wir geben niemals auf, ein kleines gallisches Dorf zu sein, mit unserer ganz eigenen Weltsicht und Lebensart. Zaubertrank hin oder her, soviel steht für uns fest: Die spinnen, die Römer! Und deshalb laden wir auch alle Menschen guten Willens auf unsere Überlebensinsel ein, denn wie schon der bekannte Druide Peter Gabriel einst vorhersah: “If again the seas are silent, in any still alive – it’ll be those who gave their island to survive.” Here comes the Flood – und wir basteln uns eine Hoffnung.

Rauschen vermindert ihre FurchtbarkeitVerklebt, verschleimt, verschroben, beplempert, waach, zerschleunigt, Zeitraffer, Zeitlupe, Zeiz, zeränderte Geschwindligkeit, YouTuba, Masse und Matsch, Mein Krampf, döppelte der Gottelbock, Wien : Hendlplatz, Volkszornbrot, Unz, Untenhaltung, Untengack, unzerm Wetterbercht, Börsendoofer, Red ned so an Bull, Fußbad, Fußblah, panta rhei, Quod licet Jovi non olet – oder einfach nur Bestelln

Baby lass uns was zusamm bestelln
Baby lass uns zusamm was bestelln
Baby lass uns was bestelln zusamm
dass wir dann hinterher was zusamm bestellt ham

Hörst du es schon rauschen?

 

Auf den Kopf geschissen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. MaiMüssen wir den Umstand des “von oben herab bestoffwechselt werdens” denn wirklich so drastisch darstellen? Ja, unbedingt müssen wir das! Wo sich Thomas Bernhard noch vornehm zurückgehalten (der alte Untertreibungskünstler) und sich etwa in Wittgensteins Neffe “auf den Kopf machen lassen hat”, da können wir angeriechs derzeitigen politischen Würsteltums nicht anders, als explizit von beschissen, geschissen und verschissen ein Reden zu sein. Wollten wir die herrschenden Zuständ weiter be- und verdichten, so müssten wir wohl bald auch zerschissen sagen. Der auslösende Anlass zu dieser Sendung und ihrem Titelen war jedoch die Kreuzigungsgruppe von Alfred Hrdlicka, welche inzwischen auf sehr spezielle Weise diesen Grundgedanken versinnbildlicht.

Auf den Kopf geschissen 1Ein Künstler ist eben immer auch Prophet, der weithin unbemerkte gesellschaftliche Entwicklungen feinfühlig vorweg wahrnimmt und diese in seiner Arbeit ausdrückt. Ursprünglich waren die Skulpturen für einen Neubau der Salzburger Polizeidirektion gedacht gewesen, doch der damalige Polizeidirektor verhinderte solch eine Zumutung des hinterfragenden Denkens im Weichbild “seiner” Behörde. Dafür steht dort heute ein wirrer Haufen mutmaßlicher Mikadostäbchen herum. Was uns der Künstler wohl damit sagen will? “Wer sich zuerst bewegt hat verloren” vielleicht. Die Kreuzigungsgruppe jedenfalls wurde hinter der Naturwissenschaftlichen Fakultät aufgestellt, wo auch sehr viele Vögel unterwegs sind. Und die haben den drei Figuren in all den Jahren ordentlich auf den Kopf geschissen, was unserem Sendungstitel ja nur recht sein kann. Denn von oben herab kommt meist Scheißdreck übers Volk…

Küssdiehandke!

Auf den Kopf geschissen 2Und wie verschissen sie dann sind. Kunst dient nicht der Verklärung von Herrschaft und Hierarchie. Da wäre sie ja bloßes behübschendes Auftragshandwerk. Vielmehr muss Kunst der Anstiftung zum Denken und Empfinden dienen, und das all jenen gegenüber, die ihr ausgesetzt sind. Womit wir auch geklärt hätten, was Kunst ist – und was weg kann. Folglich wollen wir wieder einmal die Sprachkunst von Ernst Jandl feiern, aus der mannigfache Anregungen zum kreativen Umgang mit der eigenen herrühren: neunzehnscheißhundertsiebenundsiebzigscheiß
scheißneunzehnhundertscheißachtundscheißsiebzigscheiß
so es sein aufbauen sich der scheißen leben
schrittenweizen hären von den den geburten
und sein es doch wahrlich zum tot-scheißen

aus Ernst Jandl – Von Zeiten

Auf den Kopf geschissen 3“Gehns doch hin und lernens aus der Geschichte!“ Was könnten wir aus einer Geschichtsschreibung der jeweiligen Sieger denn lernen? Dass jedwede “Herrschaft” ihren Untertanen immer von oben herab auf den Kopf scheißt zum Beispiel. Manche dieser “Herrschaften” sind dabei so niveaulos, dass man meint, sie hätten einem von unten herab auf den Kopf geschissen. Wie man es auch dreht und wendet, es fällt doch auf, dass sich Regierung und Schwerkraft nicht zum Wohl aller auswirken. Das erkennt jedes Kind, das schon einmal eine Dokumentation über in Bäumen brütende Vögel gesehen hat. Da sind auch immer die in den unteren Etagen die Bekleckerten. Es kichert leis der Attentäter,
noch unentdeckt sind all die Toten,
das ist die Zeit der Irren und Idioten.

Erich Schmeckenbecher (Zupfgeigenhansel) – Wahnsinn im Mai (H. E. Wenzel)

 

Allerheimlichen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. November – Es gibt so Monate, die sind in der Hauptsache einfach nur da. Und üblicherweise nur mit einem einzigen Feiertag bestückt – mit Allerheiligen. Da wäre zwar noch das Geburtsfest des Hasen, doch das hat kaum je überregionale Bedeutung erlangt. Zum hundertsten Mal jährt sich im heurigen November das Ende des Ersten Weltkriegs. Ebenso auch die Entstehung der Republik Österreich. Zum achzigsten Mal hinwiederum jene in der Reichskristallnacht gipfelnden Novemberpogrome der Nationalsozialisten, als im Dritten Reich die Synagogen brannten und auch sonst viel jüdisches Eigentum geplündert und verwüstet wurde. “In einem plötzlichen Ausbruch des Volkszorns”, so hieß es damals in den Medien. Heute weiß man jedoch, es war staatlich organisiert.

Allerheimlichen TrauerengelUrsprünglich sollte diese Sendung (auch ob der zahlreichen, inzwischen endlos wiedergekäuten Österreichbezüge) Allerheimatlichen heißen, doch dann fiel uns plötzlich auf, dass sie genau in jener Nacht vom 9. auf den 10. November stattfindet, und so entschieden wir uns für den dazu wohl passenderen Titel Allerheimlichen. Denn bei allem beflissenen Gedenken an den nationalsozialistischen Staatswahnsinn ist dieses Datum doch nur einem Bruchteil der Bevölkerung geläufig. Der Rest ist selektive Wahrnehmung sprich Verdrängung, wie das auch die meisten Darstellungen von “80 Jahre Anschluss” heuer zeigten: Viel Betroffenheit über den “Untergang Österreichs”, kaum ein Bewusstsein darüber, dass der “Austrofaschistische Ständestaat”, dessen nationale Souveränität da nämlich unterging, schon seit 1933 als Einparteiendiktatur auftrat – und mit der “Ersten Republik” so gut wie nichts mehr gemein hatte (abgesehen vom Namen Österreich). Lernens a bissl Geschichte, Herr Reporter, oder wer auch sonst. Doch nicht nur, dass “Allerheimlichen” sich (allein schon versmaßtechnisch) besser auf “Allerheiligen” beziehen lässt – “Allerheimlichen” spiegelt zudem auch unser Interesse am unter den Oberflächen Verborgenen geradezu programmatisch wider.

Allerheimlichen KriegsdenkmalSo soll neben dem Gedenken an die Opfer des Weltkriegswahns, des Antisemitismusirrsinns und der Republik Österreich speziell das Leben und Überlebthaben der eigenartigen Abweichler und nicht in die Norm der Verwertzweckung passen wollenden Brötler, Tümler und überhaupt Künstler eine Rolle spielen. Und naturgemäß _innen… Als besonderes Beispiel Axel Corti, der schon 1989 in einem legendären Schalldämpfer dergestalt prophetische Anschauungen zum Thema Kunst und Macht in diesem, unserem ach so schönen Land vorgebracht hat, dass man meinen möchte, er bezöge sich noch 25 Jahre nach seinem Tod auf die aktuelle politische Situation. So ist das mit der Kunst, bitte, die Regenwürmer scheißen auch nicht umsonst in den Boden. So ähnlich ist das auch mit uns, den Hasen, dem Kommando Welpentier oder der Festspielpräsidentin. Je nachdem und überhaupts, solange es der Lebensfreude dient, schichten wir Dramaturgisch-durchkonzipiertes und Spontan-assoziatives in- wie durcheinander, dass die Empfängnisgeräte eures Vertrauens nur so scheppern. Und eure Gehirnwindungen, Gehörknöchelchen und Minderwertigkeitskomplexe.

“Wofia brauchtsn de? Na lossts es weg!“  Karl Ferdinand Kratzl

 

Herbstzeitlotterie

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Oktober – Nun haben also auch wir einen Radioschorsch erhalten, und zwar für unseren Jingle mit dem Gunkl (zur Frage: “Was soll das?”), noch dazu hochanständig per Onlinevoting. Ein ganz ehrenwerter Weg zu einem Publikumspreis, fragt doch mal die Stefanie Sargnagel. “Die Bundes-SPÖ würde bei einem Wahlergebnis von annähernd 40% wohl ziemlich lang nicht wieder aus ihrem Glücksrausch auftauchen“, freut sich die Perlentaucher-Redaktion. Denn seit immerhin fast 8 Jahren verwursten Christopher Schmall und Norbert K.Hund “ringsum angespültes Treibgut der Kulturgeschichte” kongenial zu stets unterhaltsamen “Denkanstößen, Gefühlsräumen und Stimmungsbildern”. Im Sumpf von Salzburg – die etwas andere Collage aus Musik, Text und Themen

Herbstzeitlotterie 1Also feiern wir eine “lange Nacht der Preisträger_innen”, umgeben von Elfriede Jelinek, Bob Dylan, oder Thomas Bernhard… Warum heißt es dann Herbstzeitlotterie? Das ist wohl eine etwas längere Geschichte, abgesehen davon handelt es sich aber um ein recht passables Wortspiel, also in sich selbst sozusagen. Demokratische Prozesse und Zufallsereignisse, das wäre ein paar Betrachtungen wert, in diesen Zeiten der Zeitumstellung sowie ihrer geplanten Abschaffenwollung aufgrund einer merkwürdigen europäischen Online-Befragung, an der ungefähr 0,9% der Gesamtbevölkerung teilgenommen hat. Sommerzeitlotterie, Winterzeitlotterie, kauft Herbstzeitlose für die kommende Herbstzeitlotterie, im Gackpot befinden sich bereits XYZ Millionen – oder wie ich längst zu sagen pflege: “Je Geld desto Oasch” Womit sich der Kreis zwar nicht schließt, allerdings eine Andeutung gemacht wäre.

Herbstzeitlotterie 2Was die Radiofabrik als Freies Medium auszeichnet, ist dagegen das völlige Nichvorhandensein von kommerziellen Interessen – und dem ganzen damit einhergehenden Lobbyistengsindel. “Journalism is publishing what someone else does not want published. Everything else is public relations.” (Nach George Orwell zitiert). Seit über 20 Jahren bewahrt sich der Sender mit dem Schorsch unsere Unabhängigkeit von allen wirtschaftlichen und weltanschaulichen Sachzwänger_innen. Und das ist gut so. Zwanzig Jahre sind noch lange nicht genug. Wir gratulieren, jetzt erst recht! Bei all den hochfliegenden Plänen für die nähere Zukunft – Stichwort Lehrredaktion – soll dieses Zitat von Pippi Langstrumpf immer mit dabei sein: “Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Ein weises Wort, das zudem auch ausgezeichnet zur Gestalt der heurigen Auszeichnung passt.

Herbstzeitlotterie 3Weshalb es bei uns diesmal eher beschwingt als besinnlich zugeht. Wobei, ZeiT. von Wortfront kann ja durchaus als nachdenkenmachend angesehen werden: Gewinnen oder verlierenHerbstzeitlotterie halt. Die Uhrzeit ist ohnehin ein soziales Konstruktnur die Jahreszeiten sind (noch) nicht menschgemacht. Stellen wir die Uhren halt wieder um eine Stunde vor (oder doch zurück), bevor uns alle die Hysterie einholt. Im Zweifel mit dem Gunkl: “Es muss die Möglichkeit bestehen. Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn sie sich etwas leisten kann. Eine Gesellschaft, die sich Querdenker oder lautradikal Nichtdenker nicht leisten kann – also, wenn man das nicht abfedern kann, dann ist das ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Davon abgesehen passiert in diesen Freien Radios auch etwas, was ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen.”

Abfedern – da ist der springende Punkt.

 

Maikäufer und anderes Ungeziefer

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freutag, 12. Mai“Die Sonne, ein radikalsozialistischer Leuchtkörper, eines der wenigen Objekte dieser Welt, deren private Ausbeutung deshalb noch nicht gelungen ist, weil es keine Großhimmelsgrundbesitzer gibt, diese Sonne nimmt sich die Freiheit, allen Menschen gleich zu leuchten und die dürre Haut des Hungernden ebenso zu wärmen wie den fetten Bauch des Satten.” So schreibt Joseph Roth in einer Hausarbeit namens “Der Frühling, die schönste Jahreszeit”, deren Wiederauffindung wir dem Nachlass des umtriebigen Sprachpflegers Axel Corti verdanken. Und deren Grundstimmung wir uns allein schon wegen des Grünens und Blühens ringsumher gern anschließen! Ganz zu schweigen von der temperatürlichen Lieblichkeit, welche uns im sinnlichen Erfahren einer lauen Maiennacht überkommt.

Maikäufer 1Lässt sich dieser Wonnemonat, der uns mit so schönen Wortkreationen wie Maibaum, Maibock, Mailand, pardon, Maiandacht beschenkt, so zur Handelsware machen wie die etwas weniger laue Weihnacht? Zur gesetzlich geschützten Wortmarke wie (zum abschreckenden Beispiel) Thomas Bernhard? Oder wessen Sprache ist ein Grunzbesitz? Peste Grüße hierorts an Herrn Fabjan, der Urheber ächzt, der Urheber rächts! Und an alle Verleger, die uns damit in Verlegenheit bringen, dass sie jemandes Sprachperlen so derart verlegt haben, dass kein Mensch sie je wiederfindet, es sei denn als Konsumwichtel. Ja, Maikäufer gäbe es zuhauf, wenn der revolutionäre Frühling endgültig als Pop-Ikone verklärt zum Merchant-Scheiß umgetupft wird wie einst das Che-Guevara-Bild zum T-Shirt. Die Maikäfer hingegen werden immer weniger, so wie auch die Honigbienen und zu schlechter Letzt noch die Singvögel, in diesem wahnsinnigen Weltkarussell von Allesverkäufern und entfessellten Endverbrauchern. Es lebe die schrankenlose Gierokratie, let’s have a Crispy Himmelfahrt, straight outta Appgrund! “Jeder weiß, was so ein Mai-Käfer für ein Vogel sei.” Gell ja, das Geldsäckulum verleiht Flüüügel

Maikäufer 2Ich wage also das Dicktum. Wer sich derlei Wortakrobatik (und Akribie) gern bis zur Überdosis ungefiltert reinschraubt, mag sich die Sauwaldprosa in der von BR2 verhörspielten Fassung zufügen, da feiern nebst Arno Schmidt noch aberzig andere im Uwe-Dick-Kopf so feuchtfröhliche Urzuständ, doss grod a so rauscht, vastehst? Inhaltlich eingängiger, wenngleich wesensverwandt im Aufbau seiner unerwarteten Wendungen, stopfen auch wir uns ein Sackerl voll mit Krabbelgetier und lassen es ungeheuer auf euch los: Maikäufer, flieg, die Wirtschaft ist ein Krieg, zu haben wär das Heimatland, doch ich bin leider abgebrannt. Maikäufer, flieg! Da mögen sich ganz neue Synapsen verknüpfen im Großmyzel jenseits des Flachbildhirns. Etwa wenn wir Zitate von Karl Markus Gauß in unsere Musikdramaturgie einstreuen oder Schüttelreime von Franz Mittler. Apropos: Kaum war der uns von Gott verlieh’ne Mai da,
schon sah ich Fräulein Wilhelmine, leider.
Sie hängt auf ihre Wäscheleine Mieder
und trällert “Leise flehen meine Lieder”

Maikäufer 3Eine erhebliche Errungenschaft des Frühlings sind die allgegenwärtigen Schaufenstersprüche von diversen Autor_innen, durch die uns das auch demnächst wieder ausbrechende Literaturfest Salzburg im Wortsinn mit prächtigen Blüten versorgt. Aus dem Fundus dieses genialen Einfalls stammen die oben erwähnten Zitate. Der allergenialste Einfall aller Zeiten ist allerdings die Frankfurter Küche von Grete Schütte-Lihotzky, der ich es verdanke, dass ich mich trotz des inzwischen erheblichen Verschleißes an meinem Stütz- und Bewegungsapparat (so heißt das, glaub ich, orthopädisch korrekt) nach wie vor selbst bekochen kann. Chapeau! Und wie es zur Entwicklung dieser Jahrhundertidee kam, zeigt dieses großartige Video von Robert Rotifer – The Frankfurt Kitchen. Wenn wir jetzt schon beim Videoschaun und Rundumverlinken sind, sei hier noch Achab – Un Monde formidable angepriesen, deren ausgezeichnete Arbeiten ich durch die unlängst auf ARTE ausgestrahlte Doku “Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie” entdeckt habe. Weitere Einzelheiten dazu im Artarium “Erster Mai – Vorbei?” Womit wir wieder beim Frühling wären, dessen revolutionärer Kraft wir diesmal huldigen. In diesem – wasauchimmer …

 

Sammelsurdistan

> SENDUNG: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. FebruarWillkommen in dem Land, das es nicht gibt und für das Google bis dato noch keinen Eintrag fand. Worauf wir übrigens stolz sein dürfen. Inspiriert von “Sammelsurium” (als was unsere Sendungen häufig bezeichnet werden) und der einst legendären Radiofabrik-Sendung namens “Willkommen in Absurdistan” sowie naturgemäß auch von Rio Reiser oder Karl May (Ardistan und Dschinnistan) haben wir dieses Kunnstwort zum Sendungstitel gemacht. Derlei Quellenstudium zwischen Artefakten und Artefiction soll uns ja noch öfter begegnen, wie Figura und Dramaturgia zeigen. Mit dem Affenschrei wird es also Umpf Uhr. Und schon befindet ihr euch gegen alle Hörgewohnheiten in diesem etwas anderen Geschmacksbiotop namens Sammelsurdistan. Mahlzeit und Guten Morgen!

Bettie Serveert Zur Erinnerung: Als Perlentaucher wollen wir aus realexistierendem Informationsvielflat jene seltenen Kleinodien ans Licht befördern, die uns deshalb sinnvoll erscheinen, weil sie nahrhaft, förderlich und inspirierend sind, wenn es um ein friedvolles und gerechtes Leben geht, in einer Welt, die eben auch ein nichtnachwachsender Planet ist. Und als kunnst-schöpferische Menschen mit Ambitionen zur Weltrettung (oder zumindest Verbesserung) wollen wir diese von uns gesammelten Kleinodien in neue Gestalten überführen und in unübliche Zusammenhänge stellen, so dass wir mit euch gemeinsam die Hoffnung hegen und das Plänzchen Perspektive begießen können. Die heiligen Collagen von Sammelsurdistan, nur durch Verwendung zu verehren, ein fröhliches Vernügen inmitten von Dreck und Tristesse. Schpritzmajim und Amen.

SammelsurdistanZudem auch eine etwas andere Spurensicherung quer durch alle Ursachen: “Wollt ihr die globale Seppublik des Humpfhiasltums? Oder darfs a bissal mehr sein?” Wenn Dummheit grenzenlos wird und Ignoranz international, dann ist es höchste Zeit, Inseln des Echten zu stiften, vom Guten, Wahren und Schönen ganz zu schweigen! Oder kreativ zu sein mit dem Eigenen im angeblich Fremden, so wie unsere unendlich produktiven Kollegen von der drittbesten Sendung der Radiofabrik (nach Artarium und Nachtfahrt) “Battle & Hum”, die in ihrer 52. Ausgabe (ab Minute 10 gut zu hören) eine Mundartübertragung des Velvet Underground Klassikers “Venus in Furs” zum Allerbesten gaben, was sich nur vorstellen lässt. Und die zudem einen Sendungsblog haben, der Phantasie und Wortwitz zu literarischer Qualität malmt. Almdudler akbar!

Mathias EnardEin weiteres Kleinod werden wir diesmal als Mittsendungseinlage vorstellen, ein Interview aus dem schier unerschöpflichen Fundus von Druckfrisch (ARD Das Erste) dem wir immer wieder inhaltliche wie musikalische Anregungen verdanken. “Sie betreiben hier in Barcelona auch ein libanesisches Restaurant…” Und schon gewinnt ein Gespräch Geruch, Geschmack, Gestalt. Da unterhält sich nämlich der Frontman der deutschen Literaturkritik, Denis Scheck, mit dem französischen Autor Mathias Enard über dessen Roman Kompass – im besten Sinne zur Lektüre appetitanregend. Wir senden dies mit Erlaubnis der Produzenten im Radio – für die Hör_innen unserer Aufzeichnung verweisen wir auf die ungemein übersichtlich gestaltete Mediathek von Druckfrisch sowie den entsprechenden Beitrag allhier. Wie schon gesagt, Mahlzeit

und Guten Morgen!

 

Straight Outta Finsterworld

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. Januar – Als “schön grausam und grausam schön” wurde Finsterworld von Frauke Finsterwalder schon beschrieben, für uns ist es der abgründigste und aushängigste deutsche Spielfilm seit längerem, schräg, seltsam, sonderlich, also höchst bewusstseinsverdrehend. Das Drehbuch zu diesem Kindheitswortspiel verfasste die Regisseurin zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, und der heißt auch tatsächlich so. Willkommen bei den Artarium-Filmempfehlungen zur finsteren Nacht! Man merkt eben sofort, wenn profunde Literaten und Theaterleute das Handwerk des Geschichtenerzählens ausüben, und nicht funktionalisierte Bezahlschnipsler aus einer der Verwurstfabriken ewigdesselben umettikettierten Gammelfeilschs.

FinsterworldEgal ob Hollywood oder privat-kommerzielles Fernsehen, sobald es über einen gewissen Grad hinaus nur noch ums Geld geht, merken wir sofort die Absicht, und sind – völlig zu Recht – verstimmt. Es ist die Verflachung der Dramaturgie ins rein Funktionale zum Zweck der Behumpfung irgensodeiner statistisch erfassbaren und für irgendjemandes Quotenagenda relevanten All- und Gemeinheit, die uns beim fallweisen Erdulden so eines Machtwerks gequält aufjaulen lässt: “Für wie deppert haltets ihr uns eigentlich?” Als ginge es weltweit nur mehr noch ums Bezupfen der dreieinhalb rudimentären Gefühlsreflexe, damit möglichst zahllose Konsumkasperln irgendwelche Konsumgurkerln kaufenkaufen, um sich irgendwie verbunden zu vermeinen. Ach so, genau darum geht es ja doch, in der uns täglich als einzige Wirklichkeit servierten Realität der Realitäter und innen. Genau deshalb wollen wir hier auch eine alternative Knotzwelt zu diesem Scheißdreck etablieren.

ProphetenpassionDenn der Mond wird sich lila färben und es werden vielerorts aufstehen die Propheten einer anderen Welt, welche längst in uns ist und nur ihrer Verwirklichung dort draußen harret, wo jetzt die falschen Götter der Gier und ihre Scheinepriester, die Geldgunstgewerblein, an der Vernichtung der Vielfalt jeglichen Lebens arbeiten, sie sind brav und anständig und arbeiten ordentlich, ja, ja, in der Funktionstrottelfabrik und bei der Nutzmenschenzucht, sehr respektabel, fürwahr!“Hört ihr sie predigen und singen – ganz wie sie früher, mit der Pfeife, Ratten fingen?”Fette Jahre von Lokomotive KreuzbergEine Prophetenpassion, wie sie leibt und speibt. Man möchte depressiv werden inmitten all dieser Moloche und anstatt Straight Outta Finsterworld lieber kopfüber mitten hinein stürzen, dass es einen endlich zerreißt. Da braucht es schon immer wieder eine gehörige Distanz zu den Grausligkeiten und Gemeinheiten des Weltgedümmels, um nicht vollends darin unterzugehen…

Sound and SilenceSeien wir daher also nicht bloße Perlentaucher, die alles mögliche aus dem Schleimsumpf der Kultur hervor befördern – seien wir doch auch wahrhafte Inselstifter, die ihre Knotzzonen gescheit gebrauchen, etwa um auf all ihren Reisen stets bei sich selbst zwischenzulanden – und diese Form der Selbsterdung anderen zu deren Selbstwerdung wiederum weiter zu reichen:

“If again the seas are silent in any still alive, it’ll be those who gave their island to survive.” Peter Gabriel – Here comes the Flood Oder noch viel Prophetischeres rund um so hochakute Themen wie Heimat, Flucht, Flut: Ernst Jandl – Etude in F, unlängst überraschend in einem Tatort (Regie Markus Imboden) wieder aufgetaucht: “Land in dieser Zeit” – ARD-Mediathek noch bis 8. 2., was uns genau deshalb so gut gefällt, weil da eben “profunde Literaten und Theaterleute das Handwerk des Geschichtenerzählens ausüben”.

Nunmehr jedoch genug gepredigt – hier schließt sich nämlich der Greis:

falfischbauch