Wir spielen die Hitz

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. JuliSalzburgs einzigstes Hitzradio aus dem heuer noch nicht klimatisierten Saunabereich der Radiofabrik. Wir schwitzen für euren Genuss und entblöden uns nicht, auch die Fenster zu schließen, wenn im Gastgarten wieder der Grölpöbel stöhnt. Doch womöglich regnets ja eh. Wie dem auch sei, die Doppeldeutung des Titels ist absichtsvoll gewählt. Nicht jeden Preis, der heiß ist, wollen wir auch gewinnen! Und zumeist ist “die beste Musik aller Zeiten” zugleich der größte Scheißdreck aus industrieller Künstlerhaltung. “Die größten Hits” sind es mit an tödlicher Sicherheit grenzender Wahrlichkeit immer. Die größte Hitz hingegen herrscht hier in diesem Brutschrank der Möglichkeiten, sobald es auch nur einen Tag lang Sommer ist…

Österreich Hitz“Ein Musikprogramm abseits des Mainstream” verkündet arbeitsfroh und hoffnungsreich das Leitbild der Radiofabrik. Ein “Audiovergnügen der Extraklasse” wird da verheißen, prophetisch “Der Protection-Plan für EnthusiastInnen & IndividualistInnen” genannt. Und was kann er? “Schützt vor Einheitsbrei.” Alles klar! Das ist schon mal Musik in unseren Ohren und wirkt vorbeugend gegen Kotzen und Hirnbluten. Des weiteren heißt es da: “Neben der inhaltlichen ist die musikalische Vielfalt ein Markenzeichen des Programms von Salzburgs Community Radio. Radiomacher und Radiomacherinnen sowie die Musikredaktion der Radiofabrik achten hier auf Qualität abseits des Mainstream und quer durch alle Genres.” Ob sich jetzt nicht gleich manch eins unter den Kolleg_innen erschrocken an den schweißnassen Kopf greift? Die Hitparade bringt uns nicht in Wallungen – das macht vielmehr die Hitz, ihr Dudelsäcke! Tabularasa in exzentris trihullioh, wie das Patridiotenbrettl nahebleicht.

Musik aus SalzburgEin möglicher Gedankenanstoß aus unserem Gespräch mit dem ehemaligen Schauspielchef der Salzburger Festspiele: Warum hört Thomas Oberender gern die Radiofabrik?

“Mal ganz egoistisch gesprochen, weils die beste Musik ist. Ich bin sozusagen immer mit Shazam bewaffnet vorm Lautsprecher, weil ich auch gemerkt hab, dass viele Musiktitel nicht in der Playlist im Internet stehen, grade beim moderierten Programm müsste man dann auf die eigentliche Website des jeweiligen “Veranstalters” gehen. Es gibt da eine sehr besondere Form von Musik, die selten Mainstream, aber immer aufregend anders und innovativ ist – und ungewöhnlich. Das ist das eine, also jetzt mal der unmittelbare Grund, weil ich das Musikprogramm toll finde und mir das auch zum Teil neue kulturelle Bereiche erschließt. Da ist ja nicht nur europäische, oder sagen wir, westeuropäische Musik, sondern man hört da in alle möglichen Welten hinein. Und ich mag diese Geste “Musik aus Salzburg”, mitten ins internationale Programm gemischt kommen Bands, die man sonst nie wahrnimmtund die gut sind.”

Potzblitz Hitz

Und was sagt unser geschätzter Günther Paal (Gunkl) da dazu?

“In diesen freien Radios passiert ja auch etwas, das ich sehr schätze, nämlich: Das machen Menschen, weil die das machen wollen. Das ist ein ganz kurzer Weg von der Operation zum Resultat. Wenn jemand, sagen wir mal, Musik präsentieren will, dann will der, dass diese Musik gehört wird. Und dann sagt so jemand: Freunde, da gibts was, das find ich ganz toll. Hörts euch das an, das ist wirklich gut. Man hört sichs an und denkt: “Find i jetzt ned” oder “Bist du deppert!”, irgendwas – aber das IST es. Ein sehr direkter Weg, um etwas zu vermitteln. Und nicht eine Behauptung von einer Gebärde, die vorgibt, etwas heißen zu wollen, mit dem Schielen auf ein Resultat, das wir uns aber alle verheimlichen – damit die Zeit vergeht. Wo ich mir dann denk, Freunde, das rareste Gut, das wir haben, ist Zeit, also tuts jetzt nicht Zeit schinden. Wenns euch um nix geht – gehts weg!

Dem haben wir (abgesehen von unserer Sendung) überhaupt nichts hinzuzufügen.

 

Velvet Goldmine

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. Juni – Auf den Spuren des Kultfilms Velvet Goldmine würdigen wir die sexuelle Ambivalenz in der Popkultur – und würgen am heteronormativen Durchschnitt einer bumsdummen Gesellschaft aus Massenblödien, Quasselödien und Kassenschmähdien. Diese Wortschöpfung von Uwe Dick aus den “goldenen” 70er Jahren bringt ja nicht nur die Medienindustrie auf den Punkt, sie verdeutlicht geradezu das gesamte Unwesen unserer Zivilisation. Doch den Nachthasen ist kein roter Faden zu dünn, um aus ihm nicht doch noch ein mutmachendes Hurra aufs Überleben zu destillieren: “Sexuell benutzerdefiniert” im Gegensatz zu den “empfohlenen Einstellungen” eines ohnehin unklaren Anbieters, es könnte so einfach sein, wenn man sich nur ließe. Auf jeden Fall empfehlen wir uns.

velvet oscar wildeOder Oscar Wilde, den verwegenen Vorkämpfer für das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung im viktorianisch verklemmten England. Der ging für sein stures Beharren auf gleichgeschlechtlicher Liebe als einer möglichen Lebensform nicht nur ins Gefängnis, sondern an den Folgen dieser Unmenschlichkeit zudem auch tatsächlich zugrunde. Was allerdings keineswegs verhinderte, dass er seine Mit- und Nachwelt (also uns) mit einer Überfülle an zeitlos klugen Zitaten beschenkte. Viele davon finden sich dann im Script von Velvet Goldmine wieder, als einer von vielen roten Fäden, die diesen Film so wunderbar unblöd und wertvoll machen. Und ihn über die Jahre zu einem Kultfilm, vor allem für jugendliches Publikum, werden ließen, wiewohl er an den Kinokassen gefloppt war. “Oh mein Gott, Hollywood verhungert, sammelt Steckrüben!” So eine statistische Betrachtung von Verkaufserlösen beweist einfach nur, wie unmaßgeblich kommerzielle Überlegungen für den persönlichen Wert eines Kunstwerks sind. Und wie unerheblich die Mehrheitsmeinung im Hinblick auf individuelles Berührtwerden ist. Massengeschmack kann niemals ein Maßstab für die eigene Wahrhaftigkeit sein.

velvet goldmineSo beginnt Velvet Goldmine folgerichtig mit Oscar Wildes Kindheit (als Vorgeschichte), um sich dann jener kurzen Ära des Glam Rock der 70er Jahre hinzugeben, als zum ersten Mal in der Geschichte männliche Musiker als sexuell ambivalent auftraten und öffentlich mit eventueller Bisexualität spielten. Der überaus vielschichtige, teils symbolistisch und surreal in Stimmungsbildern erzählte Film fokussiert schließlich auf die beiden Rockstars Brian Slade alias Maxwell Demon (dessen Rolle David Bowie alias Ziggy Stardust nachempfunden ist) und Curt Wild (dessen Rolle von Iggy Pop sowie Lou Reed inspiriert wurde) und erzählt von deren Begegnung, Verliebtheit – und schlussendlichem Verfall. Als ob das nicht genug wäre, an Opulenz, Dimensionalität und Vertracktheit, gibt es dazu noch die Rahmenhandlung des Erzählers Arthur Stuart, eines Musikjournalisten, dessen investigative Recherchen mittels diverser Rückblenden in die ohnehin schon überbordende Erzählung hinein verwoben wurden. Insgesamt also ein Spielfilm, der nicht durch nüchternes Frontalbewusstsein begriffen, sondern vielmehr vermittels des entgrenzten Gefühlsverstands erlebt werden möchte. Und nicht “interpretiert”.

velvet oscar wilde quoteWas mit Sicherheit auch auf die Homepage von Michael Stipe zutrifft, der Velvet Goldmine als Herzensanliegen produziert hat. Bitte halten sie mich fest! Oder sonstwas. Wie dem auch immer nicht sei, wir zwei gewinnen dieser unendlich schönen Herausforderung aller Sinne naturgemäß einiges an Gefühlen und Bezügen ab. Darob werden wir hiernachts zu schwelgen haben, dem Erzählstrang sowie dem Soundtrack dieses musikalischen Ausnahmefilms folgend. Sontstwo erschienene Rezensionen halten wir allesamt für hochgradig verschnöselt und daher nichtssagend. Statt dass etwa die Ergriffenen schrieben, denen “das etwas gibt”, verzapfen da irgendwelche dafür “Zuständige” ihre öde Maßstabsmeinung, die keinerlei authentisches Erleben wiederspiegelt, sondern den Behelfsblah des allüblichen Gesumses aus dem Eintupf sachzwänglichen Durchschnitts. Was sexuell neugierige Welpentiere interessiern darf und was nicht, das wird von abgestanden normifizierten Pudernudeln festgelegt und in den “neuen” Untenhaltungsmedien reichweitigst verbetoniert. Es hat sich nichts geändert. Was normal ist, entscheiden die Angepassten. Und die spinnen mit Sicherheit!

“Gleich am Tag nach meinem Tod setz ich mich hin und schreib meine Memoiren. Davor bin ich viel zu sehr mit meinem Leben beschäftigt.”

 

Maikäufer und anderes Ungeziefer

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freutag, 12. Mai“Die Sonne, ein radikalsozialistischer Leuchtkörper, eines der wenigen Objekte dieser Welt, deren private Ausbeutung deshalb noch nicht gelungen ist, weil es keine Großhimmelsgrundbesitzer gibt, diese Sonne nimmt sich die Freiheit, allen Menschen gleich zu leuchten und die dürre Haut des Hungernden ebenso zu wärmen wie den fetten Bauch des Satten.” So schreibt Joseph Roth in einer Hausarbeit namens “Der Frühling, die schönste Jahreszeit”, deren Wiederauffindung wir dem Nachlass des umtriebigen Sprachpflegers Axel Corti verdanken. Und deren Grundstimmung wir uns allein schon wegen des Grünens und Blühens ringsumher gern anschließen! Ganz zu schweigen von der temperatürlichen Lieblichkeit, welche uns im sinnlichen Erfahren einer lauen Maiennacht überkommt.

Maikäufer 1Lässt sich dieser Wonnemonat, der uns mit so schönen Wortkreationen wie Maibaum, Maibock, Mailand, pardon, Maiandacht beschenkt, so zur Handelsware machen wie die etwas weniger laue Weihnacht? Zur gesetzlich geschützten Wortmarke wie (zum abschreckenden Beispiel) Thomas Bernhard? Oder wessen Sprache ist ein Grunzbesitz? Peste Grüße hierorts an Herrn Fabjan, der Urheber ächzt, der Urheber rächts! Und an alle Verleger, die uns damit in Verlegenheit bringen, dass sie jemandes Sprachperlen so derart verlegt haben, dass kein Mensch sie je wiederfindet, es sei denn als Konsumwichtel. Ja, Maikäufer gäbe es zuhauf, wenn der revolutionäre Frühling endgültig als Pop-Ikone verklärt zum Merchant-Scheiß umgetupft wird wie einst das Che-Guevara-Bild zum T-Shirt. Die Maikäfer hingegen werden immer weniger, so wie auch die Honigbienen und zu schlechter Letzt noch die Singvögel, in diesem wahnsinnigen Weltkarussell von Allesverkäufern und entfessellten Endverbrauchern. Es lebe die schrankenlose Gierokratie, let’s have a Crispy Himmelfahrt, straight outta Appgrund! “Jeder weiß, was so ein Mai-Käfer für ein Vogel sei.” Gell ja, das Geldsäckulum verleiht Flüüügel

Maikäufer 2Ich wage also das Dicktum. Wer sich derlei Wortakrobatik (und Akribie) gern bis zur Überdosis ungefiltert reinschraubt, mag sich die Sauwaldprosa in der von BR2 verhörspielten Fassung zufügen, da feiern nebst Arno Schmidt noch aberzig andere im Uwe-Dick-Kopf so feuchtfröhliche Urzuständ, doss grod a so rauscht, vastehst? Inhaltlich eingängiger, wenngleich wesensverwandt im Aufbau seiner unerwarteten Wendungen, stopfen auch wir uns ein Sackerl voll mit Krabbelgetier und lassen es ungeheuer auf euch los: Maikäufer, flieg, die Wirtschaft ist ein Krieg, zu haben wär das Heimatland, doch ich bin leider abgebrannt. Maikäufer, flieg! Da mögen sich ganz neue Synapsen verknüpfen im Großmyzel jenseits des Flachbildhirns. Etwa wenn wir Zitate von Karl Markus Gauß in unsere Musikdramaturgie einstreuen oder Schüttelreime von Franz Mittler. Apropos: Kaum war der uns von Gott verlieh’ne Mai da,
schon sah ich Fräulein Wilhelmine, leider.
Sie hängt auf ihre Wäscheleine Mieder
und trällert “Leise flehen meine Lieder”

Maikäufer 3Eine erhebliche Errungenschaft des Frühlings sind die allgegenwärtigen Schaufenstersprüche von diversen Autor_innen, durch die uns das auch demnächst wieder ausbrechende Literaturfest Salzburg im Wortsinn mit prächtigen Blüten versorgt. Aus dem Fundus dieses genialen Einfalls stammen die oben erwähnten Zitate. Der allergenialste Einfall aller Zeiten ist allerdings die Frankfurter Küche von Grete Schütte-Lihotzky, der ich es verdanke, dass ich mich trotz des inzwischen erheblichen Verschleißes an meinem Stütz- und Bewegungsapparat (so heißt das, glaub ich, orthopädisch korrekt) nach wie vor selbst bekochen kann. Chapeau! Und wie es zur Entwicklung dieser Jahrhundertidee kam, zeigt dieses großartige Video von Robert Rotifer – The Frankfurt Kitchen. Wenn wir jetzt schon beim Videoschaun und Rundumverlinken sind, sei hier noch Achab – Un Monde formidable angepriesen, deren ausgezeichnete Arbeiten ich durch die unlängst auf ARTE ausgestrahlte Doku “Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie” entdeckt habe. Weitere Einzelheiten dazu im Artarium “Erster Mai – Vorbei?” Womit wir wieder beim Frühling wären, dessen revolutionärer Kraft wir diesmal huldigen. In diesem – wasauchimmer …

 

Religwution

> Sendung: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Karfreitag, 14. AprilTraum, Trauma, Traubensalat oder Ein Karfreitag im Kapitalismus. Eine real existierende Märchenstunde für Aufgeschreckte und Davonlaufende, denn: “Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts.” Nur als ein solcher kann man tief genug eintauchen in die Nacht der christlichen Mythen, um sein Sein vom Schein zu befreien – oder zumindest einmal laut zu schreien: Religwution! Willkommen in der Nacht des schreienden Hasen, wenn die Glocken schweigen und das Abendland fadenscheinig wird. Und wenn Joseph Beuys und Christoph Schlingensief endlich verschmelzen. Das hieße dann, bezogen auf unseren Sendungstitel sowie dessen Nebenebenen: Wie man dem gekreuzigten Hasen die Götterdämmerung erklärt.

Religwution 1 Beginnen wir den Scherbentanz des guten Gewissens gleich passend und stimmungsvoll mit einer recht katholischen Fastenpredigt, wie sie in dem legendären Pophörspiel “Augustin” von Ambros, Tauchen, Prokopetz (1980) dargebracht wird. Die kirchliche Zweckwidmung des Volks zum fronpflichtigen Untertan des Gottesgnadentums prägt eben unsere geistigen Reflexe seit jeher: “Ei, Ihr Mägen! Ihr Ludermägen! Ihr Faschingmägen! Ihr zarten und heiklichen Mägen! Ihr Brätelgoschen! Ihr Kapaunergoschn! Ihr Pastetengoschn! Ihr Wildbretgoschn! Muss man solche Mahlzeiten halten, dass Kaiser Vitellius selbst könnt Vorlieb nehmen, von dem doch glaubwürdig ausgesprengt wird, dass er ganze Gerichte von Vogelhirn, ganze Schüsseln von indianischen Spatzenzungen und ganze Trachten von asiatischem Fischrogen hab aufsezten lassen, und, nachdem er genug die Wampe wie einen Wanderranzen angefüllt, hab er mit dem Finger dem Magen die Wiedergab anbefohlen und so eine Staffette nach Speyer geschickt, damit er nochmals fressen mög? Ein solch feister Mensch ist halt eine recht batzerte Butternudel!” (Abraham a Sancta Clara)

Religwution 2 Was für einen Zustand erzeugt nun der quasi-ewige Unterdruck nach innen? Oder soll ich besser sagen, der inwendige Duck nach unten? Führt die Entwicklungsreise des braven Allgemeingläublings vom angepassten Duckmäuserl über den rebellischen Individualzornpinkel sogleich direkt und unweigerlich zum hasskaspernden Wutbürger? Gibt es denn keine anderen Turnübungen? “Was habt ihr nur verbrochen? Was für eine absolut lebensfremde und feindliche Welt in die Zeit gezeugt, geboren, ausgeworfen, hervor gewürgt, hingespieben, aus eurem Hirn geschissen, uns auf die Seele gequetscht, in unser Empfinden gefickt wie eine triumphale Errungenschaft, uns angedreht als Erleuchtung, als Antwort, als Lebenskonzept? Ihr hirnreduzierten Glaubenskrümmlinge und fortschrittsverliebten Immerallesbesserwisser! Ihr dummgewaschenen und heillos überforderten Mitmacher und Stammwähler! Ihr Weltzergrunzungshilfstruppen in einem voll globalisierten Zweckzwangs-KZ zur nutzbaren Ausbeutung von einfach Allemundjedem! Ihr ewigen Quatschorgeln…” (Norbert K.Hund, 2007)

Religwution XDoch hoffnungslos ist anderswo und jedweder Zauberei wohnt eben auch ein Zauber inne. Deshalb lasst euch lieber von uns verführen zum Zuhören und Mitschwelgen. Und zum Umträumen der Albtraumata. Amen. Was hier nicht gesagt werden kann, und was uns in der Sendung ebenfalls nicht einfällt, das meinen wir nichtsdestotrotz ganz genau so, wie wir es sprachlos ausdrücken! “Ich habe einen Traum: Wer bei uns etwas produzieren will, muss anständige Löhne zahlen. Das beschließen alle Regierungen. Und wenn einer kommt mit „freier Markt“, dann sagen die dem, dass der Markt halt schon unter gewissen Bedingungen stattfindet und dass nicht nur der Markt Bedingungen herstellt, sondern dass das auch andere machen. Und es ist nicht die Welt im Markt – sondern es ist immer noch der Markt in der Welt. Und die Bedingungen in der Welt sind so, dass die Leute von ihrer Arbeit leben können wollen. Ein Traum halt… In Wahrheit schaut das so aus: Wenn der freie Markt sich aufs Hösentürl greift, bückt sich die Politik, schmeißt das Rockerl in die Höh und sagt auch noch artig danke, dass sie sich vorher noch kurz einschmieren darf, damits nicht so quietscht, wenns g’wetzt wird.” (Transkribiert nach Günther Paal oder eben auch Gunkl)

 

Straight Outta Finsterworld

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. Januar – Als “schön grausam und grausam schön” wurde Finsterworld von Frauke Finsterwalder schon beschrieben, für uns ist es der abgründigste und aushängigste deutsche Spielfilm seit längerem, schräg, seltsam, sonderlich und zudem höchst bewusstseinsverdrehend. Das Drehbuch zu diesem Kindheitswortspiel verfasste die Regisseurin zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, und der heißt auch tatsächlich so. Willkommen bei den Artarium-Filmempfehlungen zur finsteren Nacht! Man merkt eben sofort, wenn profunde Literaten und Theaterleute das Handwerk des Geschichtenerzählens ausüben, und nicht etwa funktionalisierte Bezahlschnipsler aus einer der Verwurstfabriken ewigdesselben umettikettierten Gammelfeilschs.

FinsterworldEgal ob Hollywood oder privat-kommerzielles Fernsehen, sobald es über einen gewissen Grad hinaus nur noch ums Geld geht, merken wir sofort die Absicht, und sind – völlig zu Recht – verstimmt. Es ist die Verflachung der Dramaturgie ins rein Funktionale zum Zweck der Behumpfung irgendeiner statistisch erfassbaren und für irgendjemandes Quotenagenda relevanten All- und sowieso Gemeinheit, die uns beim fallweisen Erdulden so eines Machtwerks gequält aufjaulen lässt: “Für wie deppert haltets ihr uns eigentlich?” Als ginge es weltweit nur noch ums Bezupfen der dreieinhalb rudimentären Gefühlsreflexe, damit möglichst zahllose Konsumkasperln irgendwelche Konsumgurkerln kaufenkaufen, um sich halt irgendwie verbunden zu vermeinen. Ach so, genau darum geht es ja doch, in der uns tagtäglich als einzige Wirklichkeit servierten Realität der Realitäter und innen. Genau deshalb wollen wir auch eine alternative Knotzwelt zu diesem Scheißdreck etablieren.

ProphetenpassionDenn der Mond wird sich lila färben und es werden vielerorts aufstehen die Propheten einer anderen Welt, welche längst in uns ist und nur ihrer Verwirklichung dort draußen harret, wo jetzt noch die falschen Götter der Gier und ihre Scheinepriester, die Geldgunstgewerblein, an der Vernichtung der Vielfalt jeglichen Lebens arbeiten, sie sind brav und anständig und arbeiten ordentlich, ja, ja, in der Funktionstrottelfabrik und bei der Nutzmenschenzucht, sehr respektabel, fürwahr! – “Hört ihr sie predigen und singen – ganz wie sie früher, mit der Pfeife, Ratten fingen?” Lokomotive Kreuzberg – Fette Jahre Die Prophetenpassion, wie sie leibt und speibt. Man möchte depressiv werden inmitten all dieser Moloche und anstatt Straight Outta Finsterworld lieber kopfüber mitten hinein stürzen, dass es einen endlich zerreißt. Man braucht doch immer wieder eine gehörige Distanz zu den Grausligkeiten und Gemeinheiten des Weltgedümmels, um nicht darin unterzugehen.

Sound and SilenceSeien wir daher also nicht bloße Perlentaucher, die alles mögliche aus dem Schleimsumpf der Kultur hervor befördern – seien wir doch auch wahrhafte Inselstifter, die ihre Knotzzonen gescheit gebrauchen, etwa um auf all ihren Reisen stets bei sich selbst zwischenzulanden – und diese Form der Selbsterdung anderen zu deren Selbstwerdung wiederum weiter zu reichen: “If again the seas are silent in any still alive, it’ll be those who gave their island to survive.” Peter Gabriel – Here comes the Flood Oder noch viel Prophetischeres rund um so hochakute Themen wie Heimat, Flucht und Flut: Ernst Jandl – Etude in F, die unlängst überraschend in einem Tatort (Regie Markus Imboden) wieder aufgetaucht ist: “Land in dieser Zeit” – ARD-Mediathek noch bis 8. 2., was uns eben deshalb gefällt, weil da “profunde Literaten und Theaterleute das Handwerk des Geschichtenerzählens ausüben”. Doch jetzt genug gepredigt – hier schließt sich der Greis:

falfischbauch

 

Spätlese

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. OktoberSpätlese mit Winzer heißt ein Gedicht von Anna Breitenbach, welches speziell für die heurigen (sic) Literaturtage in Weinstadt (sicsic) entstanden ist. In der unseren Untertiteln ziemlich artverwandten TV-Sendung “Kunscht” berichtete seine unstillbare Umtriebigkeit Denis Scheck über diverse Dichterlesungen, für welche zuvor die Autor_innen beim Lesen und Keltern des Weins mitgewirkt und so ihre Eindrücke in wohlvergorenes Wortwerk verwandelt haben. Auf diesem poetischen Terroir kommt es zu allerlei Assoziationen mit Fachbegriffen wie etwa Trockenstress, Süßfäule oder Geschein. Und ich dachte, dass es bei Wein, Wort und Gesang um Stoned Poets (Dichte Dichter) geht im Sinne des trunkenen H. C. Artmann, dem man nach seinem Vortrag vom Podium helfen musste.

herbsthasenWas also können wir Herbsthasen als Spätlese aufbereiten? Vor allem, ohne allzu wortwörtlich ins Weinfass zu fallen. Es ist spät und wir lesen? Vielleicht Handverlesenes aus dem Fetzenspiel mit dem Mozartstaat? Die Essenz des Rosinenweins aus Georg Trakls Drogentopf? Eigenes oder Fremdes, Angeeignetes oder Befremdliches, Übersetztes oder Vorletztes oder längst Zerfetztes? Über Oderhaupt ins Restdeutsch des Ostens dichteren Grobschnitt?

Ein Häschen von alledem, damits ausgewogen und nährwert bleibt. Und zudem noch, was uns ein-, ab- und zufällt, damits nicht fad wird, so ganz ohne Weltrum und Kugel. Es ist ja immer ein Zwischenraum jenseits der Definitionen, den es genau deshalb zu bewohnen gilt. Nüchtern betrachtet kann auch der Rausch verhandelt werden, ohne ihn zu verteufeln – oder ihm zu verfallen. – Im Hinblick darauf Georg Trakls Briefzitat:

“Dass es Winter und kalt wird, spüre ich an der abendlichen Weinheizung. Vorgestern habe ich 10 (sage! Zehn) Viertel Roten getrunken. Um vier Uhr morgens habe ich auf meinem Balkon ein Mond und Frostbad genommen und am Morgen endlich ein herrliches Gedicht geschrieben, das vor Kälte schebbert.”

mozart-spaetleseSpätlese kann in unserem Fall aber auch Nachlese, Protestsongperlen– oder gar Torkelbärenauslese bedeuten. Der uns nicht ganz ungeläufige Herr Blumenau ergeht sich nämlich im Nachfeld der diesjährigen Kür von Sarah Leschs “Testament” in eigenwilligen Argumenten, warum er diesem Lied genau null Punkte zugestand und warum es ihn auch nicht wundert, dass es inzwischen von rechtsrechten Gruppen für deren Weltsicht vereinnahmt wird. Das läge, so der tägliche Blumenau in seinem Artikel, von vornherein an Text und Haltung des Songs. Darob mag man sich ein Bild machen.

Während wir uns wiederum einen ureigenen (und etwas anderen) Contest schneidern, in dem es um genau nichts geht, außer um unsere gemeinsame Lust an der Freud. Küren wir halt das aushängigste Kürzesthörspiel des heurigen (hic) Weinherbsts! Mit einem vollen Radio ist laut stinken.Dazu Georg Trakls Wienverkostung:

“In Wien aber “strahlt” die Sonne am “heiteren” Himmel und die “weiche Melancholie” des Wienerwaldes ist auch nicht “ohne”. Beim Heurigen freut sich das “goldene” Herz und wenn dort die “schmachtenden Weisen” erklingen, so denke o Mensch daran, dass es bei den “wackeren Älplern” schneit und grimmig kalt ist. O! wie weh ist die Welt, wie wahnig das Weh, wie weltlich der Wahn.”

 

Mondfallsüchtig – Nachwort

Ein Nachwort zur Nachtfahrt vom Freitag, 10. Juni

Angst vor dem Tod hatte ich eigentlich nie. Angst vor dem Sterben, meine ich, die Straße löst sich, auf unbestimmte Zeit verborgt euer Schöpfen, von Wasser oder betrittst fremde Welt, zum ersten Mal, unbekannt noch, unbefleckt; da hört man das Singen des Schreibens und Pausen wie Perlen aufgefädelt, Korallenkette viel feiner als gedacht, ein Hauch nur / Wimperntäuschung, du schreitest Samt

moonchildkaramellisiertes Schweigen. Vanaprastham. Trommelnde Morgensucht während Radierungen, hier zeigt sich auch wieder meine Liebe : nocturnales Verhalten, vielleicht mehr als Lebensgewohnheit, vielleicht ja Instinkte der Nacht, die sich ergießen, über mich strömen, so glänzend Rabenfedern in erfundenen Gassen. Nicht nur Realität lässt sich biegen, keucht die alternde Entendame, der Kronkorken nickt, als ich mich nähernd : nahtloser Bruch, dass Bäume schweben, Mondhase oh wach über uns! Mein Herz dargeboten auf dem Altar der Sprache, noch schlägt es, vernarbt, zart, wer wiegt mir das Wohl, die Freude, wer die Last, das Fallen? Möglich, dass Schatten hinter mir grinsen, mit wilden Augen; Kopf gehoben und zurück in ein anderes Ich oder wie viele Leben kann ein Mensch füllen? Aufgehört mit dem Denken während des Denkens, so stiehlt sich Zeit, so durch die Finger, bald läuten die Glöckner; angeregt, beschleunigt durch leuchtende Stunden, welch Sturz in den Himmel! Diese stille Sucht, gar mondfallsüchtig, erinnernd an Haikus durch winterliche Flusslande

birthund all das Vergessen, all den Vergessenen, den Verstummten, den Geächteten : was da wuchert in meinem Kopf, neben Lichtmandalas gestreifte Farbandeutung rosé reifblau, das Knistern der Stille vor dem Schlaf, in der Früh vor dem Schlaf, sieben / siegen über Schlafkunst, Versuch einer Feststellung, zu Asche, zu Wasser, kaum saugt man die Gräser, die gläsernen Strahlen, die Schalen in Spiegelung, wohl metallische Klänge sinken ins Ohr … ihre Worte berühren etwas ganz tief in mir, wie Dunkel, das schon wieder strahlend … ich werde bald ruhen, es wandelt sich viel, halbfeuchter Asphalt unter den Kronen der Stadt, der knöcherne Traumfänger in perpetuierendem Kreisen, von Geisterhauch; so manches in regen Zuständen, ein Umwenden und -wälzen bis sich die Wellen dann glätten unter geblümten Himmeln, in Poesie verbunden

– Christopher Schmall

 

Mondfallsüchtig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. Juni – Wie kann man denn vom Werden und Entstehen phantastischer Welten berichten, jenem heimlichen Vorgang, der sich dem absichtsvollen Blick entzieht – und der seinem Wesen nach jeder Beschreibung spottet? – “Das, was wir unter Kultur verstehen, lässt sich in keiner Weise systematisch dingfest machen.” Eben. Und genau das, was sich keiner Definition, Einteilung oder Zweckwidmung zuordnen lässt, nichtsdestotrotz sinnlich erfahrbar zu machen, das ist der ebenso dilettantische wie geniale Versuch, den wir seit Machensgedenken immer wieder aufs neue unternehmen. Denn was nicht explizit auszudrücken ist, davon muss man eben implizit erzählen. Durch Andeuten etwa und durch Umkreisen. Durch Assoziieren und durch Unterbewusstsein. Durch aus…

junifall

“Das, was wir unter Kultur verstehen würden, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar wäre mit einem Biotop. Das vergleichbar wäre mit einem kleinen Tümpel, einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das, und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen, das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen. Das wäre Lebenskultur.” (sprach Norbert K.Hund 1994 “Im Schatten der Mozartkugel”, einem Ö1 Spotlight von Christian und Silvana Schiller) Woher kommen uns eigentlich Worte wie Junifall, Mondobst oder Mondfallsüchtig? Das müssen sie unbedingt in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen – im Original geht da nämlich viel verloren. Lassen wir uns also auch den einen oder anderen Bären aufbinden!

mondobstDer Pepsodent von Ju-Es-Ah
ist ein cooler Loser seiner Macht.
Glänzend, doch schon rostzerfressen
fliegt er durch den Wilden Westen.
Ach, wo ist noch Platz für mich
oder ein Dach für dich?
Hörst du es flüstern im Land?
Old Shatterhand und Nietzsche tot,
im Kaufhof klaut sich Gott sein Brot.
Siehst du die Schrift an der Wand?

Der Turm stürzt ein.
Der Turm stürzt ein.
Halleluja, der Turm stürzt ein.

(Songtext von Rio Reiser) Ton Steine Scherben – Der Turm stürzt ein (Video)

Das Unsagbare ist also durchaus zu sagen (wenn man es mit zwei N schreibt wie “Kunnst dir vorstellen?”). Dass die Außenwelt in ihrer Gestaltung da oft so ganz und gar nicht mithalten kann, das liegt nicht an unserer fehlenden Vorstellungskraft, sondern an der furchtbaren Viereckigkeit ihrer Betreiber. Entschlüpfen wir deren Nutztumszucht – in unseren feuchtfröhlich farbenfrohen Phantasien. Und Amen!

 

Alles neu, vorläufig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 13. Mai – Kinder, was sind das für Zeiten! Alles scheint im Wandel zu sein, doch macht der Mai wirklich alles neu? Oder handelt es sich nur um den üblichen Handel, der eben gefälligst frei zu sein hat? Ein neuer Anstrich macht noch lang keine SPÖ. Und ein neurolinguistisch tefloniertes Fieberzapferl noch lang kein schöneres Wetter für unsere Heimat. Freimat, Reimat, Seimat? Gedeihmat! Guten Morgen, wir sind die Festspielpräsidentin und alles wird schön. Aber Schurz beiseite, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man jetzt nicht unbedingt auch noch eine Sendung machen. Aber muss man schweigen – oder soll man als Verdichter und Gestalter nicht doch versuchen, dem Unsagbaren einen Ausdruck zu verleihen? Wir hätten da schon eine entsprechende Bedürfnislage

allesMan kann ein Leben lang gegen die Hohlphrasen der Schwarzpädagogik im eigenen Kopf ankämpfen – und dann doch mit Entsetzen feststellen, dass die zubetonierte Wirklichkeit des umgebenden Weltgeschehens noch die schlimmsten Horrorvisionen in den (eigenen?) Schatten stellt. Denn das Unterbewusstsein der in Fernsehbildern und Nachrichten so genannten Realität ist voll von all den Gespenstern aus der eigenen Kindheit, die man längst auf dem Abfallhaufen der Ur- und Frühgeschichte entsorgt zu haben glaubt. Und wenn man sich dann einmal so umspürt in der “Welt” genannten Unterdrückung des Lebendigen, da kanns einem schon ordentlich schrugel werden, wie im Schlumperwald. Sollte es zumindest, sofern man sich noch irgendwie anfühlt. Da bekommt gleich auch unserer mundartiger Ausdruck “Heast, gspiast di nu?” seine eigentliche Bedeutung zurück! Das Leben, ein Traum!

neuWas gibt es Neues? Immerhin eignet sich die eigenartige Herangehensweise dieser Sendung ganz vorzüglich dafür, die Wechselbeziehung von Dichtung und Realität oder Phantasie und Wahrheit darzustellen. Wobei zwischen Wahn und Wirklichkeit zwar ein Gegensatz bestehen mag, nur das Gegenteil voneinander sind sie deswegen noch lange nicht! Vielmehr wohl eher zwei Facetten ein und desselben Phänomens: einer unendlich vielschichtigen Wahrnehmung dessen, was ist, war, sein wird, sein könnte, etc. Also die Gesamtheit aller Geschehnisse in den inneren und äußeren Welten unseres Daseins. Doch genug philosophiert jetzt. Her mit den Beiträgen, die wir auch diesmal wieder drei Stunden lang aus der Situation heraus zu einem noch unbekannten Gebilde verschmelzen wollen. Noch besser, mit den Elementen, in denen wir dergestalt umrühren werden, dass aus ihrer spontanen Verbindung wiederum etwas ganz Neues entsteht, wobei dieses Neue naturgemäß auch viel Altes enthält. Oder wie es der als Dichter unterschätzte Der Nino aus Wien meisterlich bernhardesk in einem Lied formuliert hat “Es geht immer ums Vollenden”

vorläufig

Aber hinter dir und vor dir,
doch am meisten noch daneben,
steht der Himmel, stehen die Wolken,
steht die Stadt nur deinetwegen.
Still, versäume nicht zu sagen,
was dir wirklich viel bedeutet
es gibt Menschen, es gibt Freunde,
aber meistens sind es Leute.
Manche sprechen oft von Schönheit,
viel zu oft um wahr zu sein.
Schöne Bücher, oder Tücher,
oder auch ein schöner Reim.
Du willst wissen, suchst die Wahrheit, in dem Buch das einst hier lag,
zwischen Nettigkeit und Schönheit steckt oft mehr als nur ein Tag.

Im Museum siehst du das Bild, in dem mehreres vereint ist,
in dem jeder Strich gemeint ist und nichts einzelnes allein ist.
Und es fließt alles zusammen und erzeugt ein Feuerwerk,
aus der Arbeit der Gedanken und der Farbe, die sie färbt.

 

Fröhlichtraurige Wortspielmusik

> Sendung: Perlentaucher-Nachtfahrt am Freitag, 8. April – Wir haben uns diesmal ein derart vielschichtiges Themenkonglomerat vorgenommen, dass diesem bestenfalls querassoziativ zwischen den Zeilen (und ihren Bedeutungsebenen) beizukommen ist. Wenn überhaupt. Also ACHTUNG, das Beiwohnen dieser Sendung kann Schwindel erregen! Unser selbstgezupfter Strudel enthält süße Paradoxinen und knusprige Hasennüsse zur besseren Verdauung aller Übel dieser Welt. Was auch immer euch gerade anficht – wir stellen einen Ausweg aus dem Trilemma des Daseins zur Verfügung. Die etwas andere Zusammenschau der Gleichzeitigkeit von hier und dort, damals und dann. Kommet zu Hauf und folget den weisen Hasen, denn wie sagte schon Jiddu Krishnamurti? Wer etwas beobachtet, ohne es zu bewerten, ist wirklich weise.

diakoniezweiDieses Zitat gebrauchte unlängst ein Gast in einer deutschen Talkrunde, um die gewaltfreie Kommunikation zu veranschaulichen. Die Worte auf dem Foto hingegen werden einem gewissen Jesus zugeschrieben, der sich dadurch mit allen Bedürftigen identifizierte. Dass es immer noch (gar nicht so wenige) Menschen gibt, die sich in die Notlagen anderer einfühlen können, und die bereit sind, spontan zu helfen, das macht mich fröhlich. Zugleich macht es mich traurig, wenn bei manchen (zumeist mächtigen) Oberhupfkasperln der Gedanke von der Brüder- und Schwesterlichkeit gar nicht erst aufkommt, und sie statt dessen im Namen irgendeiner Religwution oder Ideolügie einem Teil der Menschheit die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse verunmöglichen. Das ist nämlich nichts anderes als eine perfide Selektion zur Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen.

x-beliebigIst euch übrigens schon aufgefallen, wie sehr unsere gegenwärtige Gesellschaftsordnung auf Selektion und Vernichtung aufgebaut ist? Wir erregen uns darüber, wie die Nazis früher nach ethnischen, kulturellen und sozialen Kriterien Millionen von Menschen aussortierten und ausrotteten, nur damit der “Volkskörper” ihrem heillos blödsinnigen Gesundheitsideal entsprechen würde. Und heute? Ist es eben ein “Wirtschaftskörper”, aus dem all das entfernt werden muss, was die Leistung und das Funktionieren vielleicht beeinträchtigt. Deshalb wird bei den Bedürftigen gespart, während Großkonzernen Subventionen und Steuergeschenke in unvorstellbarer Höhe nachgeworfen werden. Noch schlimmer, die meisten von uns haben von klein auf gelernt, die auf dem Arbeitsmarkt erwünschten von den unerwünschten Gefühlsäußerungen und Verhaltensweisen zu trennen (also selbst zu selektieren) und letztere in vorauseilendem Gehorsam zu unterdrücken (also im Verlauf ihres Lebens selbst zu vernichten), aus lauter Angst vor der Armut. Die Volksgesundheit wurde also erfolgreich privatisiert. Arbeit macht frei!

diakoniedrei“I spring eich außi ausm Tretradl! Wia? Indem i fost nix brauch, wofia i ruachln miaßt. Und wei mi koa Besitz ned bsitzt – hob i Zeit. Zeit zum lebn, Zeit zum denga. Do is nämlich koa Untaschied zwischn Lebn und Denga.”  Uwe Dick

Auch dieses Zitat eines wahren Querdenkers könnte als Motto unserer Sendung gelten. Wir lieben Sprache, lieben Musik, und überhaupt Collagen, die ihren Sinn zugleich enthüllen und verbergen. So wie schon unser Titeltrilemma: Ist es ein Wortspiel mit Musik oder ein Wort zur Spielmusik? Ist es ein Spiel mit Wortmusik? Man weiß es nicht. Und dennoch füllen wir das Zwischensein der möglichen Formen mit Klängen und Gesängen – und formen so Möglichkeiten zwischen Sein und Unsein, dass auch euch Zeit und Raum und Spannung genug bleibt, um das Ungeschaffene zu erleben, zu ergründen, zu…