Unendlichkeitsversuch

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. Oktober – Diese wunderschöne Wortanstiftung soll Anlass dafür sein, wieder mal etwas über unser Sendungskonzept auszusagen, verkörpert sie doch mit sich selbst genau jenen Unendlichkeitsversuch, den wir allmonatlich unternehmen – und der wir auch sind! Lässt man sich diesen Begriff sozusagen auf der Seele zergehen, dann schillert er sogleich in den verschiedensten Farbenund Bedeutungsnuancen. Ähnliches versuchen wir ja auch jedesmal mit unseren vielschichtigen Freitagnachtcollagen auszulösen. Deshalb passen sie auch nicht wirklich in irgendein Genreschachterl. Kommunikationswissensgschaftliche Formatradiozuschreibungskategorien haben in unseren Phantasieweltbildern sowieso überhaupt nichts zu suchen. Pfuigack!

RauchpauseDabei gibt es schon Hintergründe, die hier erhellt werden können: Zum einen der Ausstrahlungstermin in der Nacht von Freitag auf Samstag, wo zumeist eher fortgegangen als daheimgeblieben wird. Und zum anderen die erklärte Absicht, just zu dieser Partynacht der Jungnation definitiv KEIN für irgendein Festl hintergrundtaugliches Hullatrulla zu produzieren. Folglich richten sich unsere Schwebwelten eher an den einzelnen Kopf von inmitten des Jubeltrubels Alleinseienden. Was nicht heißt, dass sie nicht auch gemeinschaftlich zu genießen wären. Wir halten damit eine der Grundideen unseres Freien Radios hoch, dass es nämlich nicht darum geht, immer noch mehr Publikum zu erreichen, indem man auf Durchschnitt und Üblichkeit abzielt, sondern darum, dass vor allem das Eigenartige, das etwas Andere wie das sehr Spezielle seinen prominenten Platz haben muss. So erreichen wir in dieser ersten Wochenendnacht zum Beispiel Menschen, die gerade im Auto unterwegs sind, krank zu Hause liegen, genüsslich in der Badewanne knotzen, sich sonstwie verkrochen haben, die zu alt oder zu jung sind fürs Geschubse ums Bierhäusl, einfach Menschen, und denen sagt das was…

UnendlichkeitsversuchUnd so stiften wir unsichtbare Verbindungen zwischen vielen Molekülen in einem Germteig der Gesellschaft, bilden wir ein Myzel zwischen den zahllosen vereinzelt erscheinenden Schwammerln, die ja doch allesamt das große Ganze des Lebens sind. Darüber hinaus sprechen wir mit unserer äußerst weit gespannten Musikauswahl auch möglichst unterschiedliche Einzelgeschmäcker an, so dass gleichermaßen Wiedererkennen wie Neuentdecken über einen längeren Zeitraum des Zuhörens hinweg stattfinden kann. Des weiteren ermöglichen unsere immer live und spontan zu allen möglichen Themen stattfindenden Zwischengespräche sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. Wie ebenfalls die mit Bedacht eingestreuten Statements und Zitate von Gastautor_innen, die zusätzlich das Gehirn massieren und so unweigerlich zum Denken anstiften. Ganz zu schweigen von unserer Sendungsdramaturgie, die sich stimmungsabhängig in die eine oder andere Richtung entwickelt, je nach dem… Doch das sind auch nur die ohrenfälligsten der vielen Schichten, die wir seit fast sieben Jahren zu immer neuen Nachtfahrten verweben. Ein echter Unendlichkeitsversuch.

 

Mondfallsüchtig – Nachwort

Ein Nachwort zur Nachtfahrt vom Freitag, 10. Juni

Angst vor dem Tod hatte ich eigentlich nie. Angst vor dem Sterben, meine ich, die Straße löst sich, auf unbestimmte Zeit verborgt euer Schöpfen, von Wasser oder betrittst fremde Welt, zum ersten Mal, unbekannt noch, unbefleckt; da hört man das Singen des Schreibens und Pausen wie Perlen aufgefädelt, Korallenkette viel feiner als gedacht, ein Hauch nur / Wimperntäuschung, du schreitest Samt

moonchildkaramellisiertes Schweigen. Vanaprastham. Trommelnde Morgensucht während Radierungen, hier zeigt sich auch wieder meine Liebe : nocturnales Verhalten, vielleicht mehr als Lebensgewohnheit, vielleicht ja Instinkte der Nacht, die sich ergießen, über mich strömen, so glänzend Rabenfedern in erfundenen Gassen. Nicht nur Realität lässt sich biegen, keucht die alternde Entendame, der Kronkorken nickt, als ich mich nähernd : nahtloser Bruch, dass Bäume schweben, Mondhase oh wach über uns! Mein Herz dargeboten auf dem Altar der Sprache, noch schlägt es, vernarbt, zart, wer wiegt mir das Wohl, die Freude, wer die Last, das Fallen? Möglich, dass Schatten hinter mir grinsen, mit wilden Augen; Kopf gehoben und zurück in ein anderes Ich oder wie viele Leben kann ein Mensch füllen? Aufgehört mit dem Denken während des Denkens, so stiehlt sich Zeit, so durch die Finger, bald läuten die Glöckner; angeregt, beschleunigt durch leuchtende Stunden, welch Sturz in den Himmel! Diese stille Sucht, gar mondfallsüchtig, erinnernd an Haikus durch winterliche Flusslande

birthund all das Vergessen, all den Vergessenen, den Verstummten, den Geächteten : was da wuchert in meinem Kopf, neben Lichtmandalas gestreifte Farbandeutung rosé reifblau, das Knistern der Stille vor dem Schlaf, in der Früh vor dem Schlaf, sieben / siegen über Schlafkunst, Versuch einer Feststellung, zu Asche, zu Wasser, kaum saugt man die Gräser, die gläsernen Strahlen, die Schalen in Spiegelung, wohl metallische Klänge sinken ins Ohr … ihre Worte berühren etwas ganz tief in mir, wie Dunkel, das schon wieder strahlend … ich werde bald ruhen, es wandelt sich viel, halbfeuchter Asphalt unter den Kronen der Stadt, der knöcherne Traumfänger in perpetuierendem Kreisen, von Geisterhauch; so manches in regen Zuständen, ein Umwenden und -wälzen bis sich die Wellen dann glätten unter geblümten Himmeln, in Poesie verbunden

– Christopher Schmall

 

Alles neu, vorläufig (Chriss)

also Regenschritte nächtens, ein zaghafter Fall, eine Barriere imagniert, Nebelmauer zwischen mir, entbeinter Anzug, ist es nicht wie eine stille Sucht, ist es nicht wie Kreisen, ist es Bedingung, ist es Muss, ist es Befehl, ist es dies Wimmern der Knospen bei Morgengrauen?

dämmerndMetallisch, acryl, was für eine Farbe, ich tische dem toten Teddy Datteln auf, ein Schluck weißen Tee, du nimmst bloß Zucker, während der gefaltete Kranich die Schwingen hebt; auch das Betrachten der Entwicklung, des Stils, der Stille zwischen der Werbung, das Bestaunen der Wiederholung, Geschichtsstunde schwänzen, dafür um 10 unter der Klostereiche Bier trinken, wir wurden photographiert von einem amerikanischen Paar, das unseren Anblick wunderschön und entgegen der Sonne, es war wohl auch die Baustelle unten vis à vis unserer Schule in kreischenden Stößen oder eine Schwester hinter den salzburgbraunen Mauern.

Während Kugelschreiberbilder gefunden Erik Satie, wie man Musik entdeckt immer wieder wundersam, während Papierschwärzung erneuter Versuch das Sujet, erweiterter Genuß wird Asche, hierhin, bis hierhin zu denken, so blaubeerversüßt, pianogeweht, scheint trivial, fast obsolet, jetzt um 3 und auch berauscht, und all der Rauch in meinem Kopf…

gedämpftes Licht wäre angenehmer, es verrännen Buchstaben zu umbrenartigen Verästelungen auf Karmesinkaramell; so fällst du also durch die Nacht und hältst Ausschau nach Augenblicken, Beiläufigkeiten, ein Festhalten der Vergänglichkeit, und flüchten vor dem Schwachsinn, in Gedanken, geh bald um Essen, demnächst wieder Stille, füllst du sie?

 

Café Unstet

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. DezemberCafé Unstet 1 (Musikjournalismus) und Café Unstet 2 (Todesfuge, Texte). Vier andächtige Stunden rund um Musik mit Migrationshintergrund und vorweihnachtliche Völkerwanderung – ohne Engel, ohne Esel – und nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Auf Heimatsuche unterwegs durch die Assoziationen der Adventszeit, gemeinsam mit angehenden Absolvent_innen des Radiofabrik-Lehrgangs für Musikjournalismus sowie allerlei Bild-, Text- und Tonbeiträgen von freundlichen Fluchthelfern, Künstlern und Pfarrersköchinnen. Wir fühlen uns ein, ins eigene wie ins fremde Unbehaustsein, und laden zur Einkehr ins Café Unstet, unserer winterlichen Wärmestube für alle, die sich noch nötig haben im globalen Plemplem des Kaufrumpels. Umgeben wir uns doch einmal mit Musik und Gedanken, die alltogether einen weiten Weg hinter sich haben…

alleingemeinsamallein – die erste Stunde greift das Thema des Musikjournalismus-Moduls Musik mit Migrationshintergrund auf und nimmt einzeln nachhaus Flüchtende mit auf die Überfahrt durch die Untiefen der “Stereotypen, Missverständnisse und Worldmusic”. Es mag an der Weltpolitik liegen oder am Besinnlichkeitsterror der ringsum in Glühweingeldflut versinkenden Vorweihnachtsgesellschaft – auf jeden Fall bringt das Thema “Musik aus aller Welt” heuer kaum feuchtfröhliche Reisegefühle mit sich, stattdessen Abgründiges aus dem Unterwegs in Ungewissheit und Angst. Doch wie sollten wir nicht auch noch aus dieser Not eine Jugend machen, indem wir das vielfältige Angebot weltweiter musikalischer Interaktion zum Vehikel erklären? Um nämlich darzustellen, was “einmal um die ganze Welt” in Krisen wie diesen eigentlich bedeutet, nämlich viel mehr Flucht zu Fuß als christliche Seefahrt. Die Ausflugsreisen sind wegen der vielen Ertrinkenden bis auf weiteres eingestellt. Gehen sie nach Hause, nehmen sie brav ihre Drogen – und warten sie auf die Anweisungen der Regierung

hungerder hunger im herz – in der Zwischenzeit stellen wir einige Projekte vor, die sich auf nachfühlbare Weise mit den Themen Alleinsein, Hunger, Krieg – aber auch Zärtlichkeit und Trost beschäftigen. So zum Beispiel die Street-Art-Figur BAMBSY, der uns auch die Illustrationen für diesen Artikel freundlich zur Verfügung gestellt hat. Sie gehören allesamt zum Zyklus “Broken Angelz”, zu sehen via Facebook-Page des Künstlers. Er freut sich sicher über eure Besuche und Likes! Außerdem kann man ihm mit dem Kauf des schon legendären Hero-Bag beim Helfen helfen – sein Schöpfer lebt derzeit in  Mostar (Bosnien-Herzegowina) und unterstützt dort das Waisenhaus. Und er ist auch Teil des jährlichen Street-Art-Festivals (Video), einer höchst ansehnlichen Obdeulung. Wie lassen sich nun Bürgerkriegsflüchtlinge und elternlose Straßenkids musikalisch “illustrieren”? Bap-Sänger Wolfgang Niedecken wäre mal ein Anfang, engagiert er sich doch seit Jahren für die Betreuung ehemaliger Kindersoldaten. Oder Teresa “Ghost” Reiters Balkanplatte von 2012 – echt Alternative aus dem Kosovo? Wir nähern uns der Gegend – und spielen Reuf Sipović mit einem Ausschnitt aus Survival/Sevdah (Vieo).

kriegder krieg im bauch – naturgemäß nähert sich diese Stunde dem inneren Befinden angesichts des möglichen eigenen Untergangs. Und wir arbeiten mit Texten und Übersetzungen – aus dem Arabischen, aus dem Hebräischen, aus dem Persischen. Denn sei es die gedankliche Zerrissenheit eines Migranten aus dem Maghreb angesichts seiner unmöglichen Arbeitssuche, seien es Perspektivlosigkeit und Depression eines jungen israelischen Friedensaktivisten angesichts des in seinem Land herrschenden Kriegszustands, sei es die permanent lauernde Lebensgefahr jenes iranischen Sängers, der für ein kritisches Lied eine Todesfatwa erhielt, angesichts all der religiösen Fanatiker, die seitdem weltweit hinter ihm her sind – diese doch sehr unterschiedlichen Schicksale bewirken einander verwandte Empfindungen und erinnern uns auch an ein bekannt dunkles Kapitel aus der eigenen Heimatgeschichte. Wir möchten dazu eine geniale Neu-Interpretation des KZ-Überlebensklassikers “Todesfuge” von Paul Celan empfehlen, und zwar die Version aus Das lyrische Wir” von Maik und Pirmin Styrnol, den zwei ONchAIR Bros.

trostzweisammen dann – so geht unsere post-orientalische Herbergsuche quer durch alle Weltgegenden wieder zu Ende. Gewähren wir einander Unterschlupf an den Ufern unserer einstweilenen Zwischenweltinseln – und wenns nur für heut Nacht ist. Begleitet von Boker Tov Iran sowie No No Keshagesh winken wir euch zum Abschied noch einmal nach und wünschen viel Glück beim Selbstsein auf den Wortwogen des Weltblabla! Doch Augenblick mal – was sind das für verwegene Verrückte, die da am Lampedusa-Lagerfeuer noch lang nach der EU-amtlichen Sperrstund Musik machen und Herz und Hirn für die Freiheit der Verfolgten hinhalten? Der Cantautore Giacomo Sferlazzo (hier im Portrait von BQ-Media) mit Wolfgang Maria Gran, dem rasenden Reporter des versammelten Menschheitsblues, und sie reißen gemeinsam eine Session an, dass es nur so scheppert. Mit dieser Phantasie – und dem Ausblick auf Das Ganze Album – Artarium am Sonntag – verbleiben wir auch heuer herzlichst:

EUER GEILES INSTITUT

 

Reisen (Norbert)

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. August – Aus dem Saunastudio der Radiofabrik erklingen sprachmusikalische Assoziationen quer durch jene Erfahrungen und Fahrten, die man nicht im Reise von A nach B Büro buchen kann. Auf der Fährte des Lebens Gefährten trotz aller Gefahr. Selbstbegegnung und Sinnsuche jenseits von Uhrzeit und Zielen. Sich dem Fluss des Lebens überlassen ohne Garantie auf Wiederkehr, Sicherheit oder Schweinsbraten. Sumpfblütenblühen im Kaiserschmarrn Österreich und universell Zutiefstmenschliches aus aller Welt. Kommen. Gehen. Burning down the house. Stop making sense. We’re on the road to nowhere. Mit Textbeiträgen von uns selbst, Slavoj Žižek, Ernst Jandl, Bastian Sick, Georg Trakl, Konstantin Wecker, Schwellendreh und – mal schaun, was kommt

MarionettenEs soll durchaus Menschen geben, die nach Dingskirchen oder Bummsburg reisen, um sich dort irgendwas Bestimmtes anzuschaun. Um irgendeine Erwartung erfüllt zu kriegen. Und wehe, wenn die nicht erwartungsgemäß zubereitet worden ist – dann verklagen sie den Verunstalter ihrer Tagträume bis zum Sankt Nimmerleinstag – sie haben schließlich dafür bezahlt. Da stellt sich schon die Frage, woher solche Glückseligkeitsversprechen eigentlich kommen. Vom eigenen Selbst? Oder doch eher vom gefickt eingeschädelten Marketing der Lebensheilversicherungsindustrie? Sind wir am Ende alle Marionetten, die an den Fäden einer obskuren Macht zappeln? Aus diesem Sackgassengedanken der Weltbetrachtung kann ich jetzt auch nur noch flüchten. Es ist wahrlich zum Davonschwindeln, mit oder ohne Arzt und Apotheker. Doch halt – zum wirklich Schwindlichen kommen wir erst! Also zitier ich mir erstmal eins, auf gegenseitig Weltverwandlung hoffend: „Lass mich diesen Fehler einmal in meinem Leben richtig machen. Ich will mich ausleben. Komm mal ruhig ein bißchen näher, dann kann ich deinen Atem spüren. Wir müssen hier raus!“

slavoj zizekZunächst unsere Filmempfehlung: The Pervert’s Guide to Ideology von Sophie Fiennes. Wer sich, mit oder ohne sonstige Drogen (siehe Artwork) Slavoj Žižek, den letzten freifliegenden Philosophen der Popkultur, in die Pfeife stopfen will, wird und ist hiermit wunschgemäß bedient! Auf seinem Parforceritt durch die Geschichte populärer Filmwerke entlarvt er einige der uns innewohnenden Scheinwelten als das, was sie letztendlich sind – und immer schon waren – Ideologien. Von Leni Riefenstahls “Triumph des Willens” (1936) über den Salzburgschwachsinn The Sond of Music” (1965) oder Michelangelo Antonionis Zabriskie Point” (1970, kongeniale Filmmusik von Pink Floyd) bis zu neueren Kinoerfolgen wie James Camerons “Titanic” (1997) sowie Christopher Nolans “The Dark Knight” (2008) zerpflückt er 25 Spielfilme – und einen Werbespot. Ganz besonders gelungen und hier zum Vorglühen angeführt: John Carpenters “They Live” (1988). Und jetzt setz die Sonnenbrille auf!

Publikum„Das Tragische an unserem Dilemma ist, dass wir, indem wir uns innerhalb der Ideologie befinden, gerade an dem Punkt, wenn wir ihr in unseren Träumen zu entkommen glauben, erst recht mitten drin sind.“ Soweit Slavoj Žižeks kulturkritischer Befund. Und eine ziemliche Nuss zum länger dran Lutschen. Na gut – gibts dann aber überhaupt noch Hoffnung auf unserer Lebensreise? Oder sind auch wir Widerstandsbewegung zum fröhlich-bewusstlosen Zynismus des Weltverbrauchtums verdammt? Wie könnte sie aussehen – Hoffnung jenseits des Glaubens an Heilsversprechen und jenseits ihrer zwangsläufigen Enttäuschung? Puh – mal hören, ob da nicht in der projektierten Musikauswahl was zu finden wäre: “Unruhige Zeiten, mein Schatz. Gut, dass fast immer unsere Liebe in wilder Bewegung war, mal ein Palast, oft nur ein schäbiges Zimmer, schmerzvoll lebendig, doch immer wunderbar. Einfach nicht verzagen, überstehn…”

“Leben heißt Brücken schlagen über Ströme, die vergehn.”

 

Sommernachtstraum

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Juni – Wir eröffnen uns einen H. C. Artmann Platz. Feierlich. Live. Im Radio. Aber sowas von! In diesen Zeiten burgenländlichen Blauweinjuhudelns ist es uns ein besonderes Anliegen, den einzig wahren H. C. (Hans Carl nämlich) hervorzukehren. Dem wird ja heute auch tatsächlich ein amtlicher Platz (der Vorplatz vom Salzburger Literaturhaus) gewidmet, mitsamt den üblichen Ansprachen vom Bürgerschaden abwärts. Das alles auch noch im Rahmen des Aktionstags einer solidarischen Stadt, an sich eine lobenswerte Veranstaltung, die mir aber schon vorab einen unguten Beigeschmack bereitet, zumal dieselbe ach so solidarische Salzstadt ziemlich zeitgleich ein umstrittenes Sektorales Bettelverbot eingeführt hat ? Die Roten purzeln wohl neuerdings überall wie die Dominos aus ihren – ähm – Positionen. Erklären wir uns halt die roten Sitzsteine zum Zeichen der Hoffnung:

1 hansDer poetische act ist dichtung um der reinen dichtung willen. Er ist reine dichtung und frei von aller ambition nach anerkennung, lob oder kritik.

Der poetische act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den bazillus der prostitution. Seine lautere vollbringung ist schlechthin edel.

Der vollzogene poetische act, in unserer erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen reichtümer, die wir tatsächlich unentreißbar mit uns tragen können.

aus proklamation des poetischen actes 1953

Wollen wir also in diesen drei Stunden zum Themenkreis Sommer, Nacht, Traum den Sprachakrobaten höchstselbst zu Wort kommen lassen – ja, wir haben wieder in der Grauzone der Egalität die Archive geplündert – und zudem auch ein paar kongeniale Interpreten und inspiriert Wortene hören, wie zum Beispiel Helmut Qualtinger, Fritz Kohles oder Ronnie Urini & die letzten Poeten. Halleluja, das wird ein Fest, wenn die Jahrhunderte Schlange stehen – und der Artmann-Café-Barherr den Rosé ausschenkt. Wir wünschen uns nach all der offiziellen Daheit dieses Tages eine samtene Nacht!

2 carlliebe ratte, komm zu mir,
gerne spiele ich mit dir,
bind dir engleinsflügel um,
trag dich ins panoptikum,
worein oft die kinder gehn,
und wann die dich fliegen sehn,
rufen alle, alle aus:
so ne große fledermaus!

aus allerleirausch neue schöne kinderreime

Ein bis heute unvergessliches Erlebnis ist mir jene nichtendenwollende Lesung von H.C. Artmann in einem recht schummrigen Gasthof zu St. Pölten, die unser genial vielseitiger Berufsschullehrer für Kunst-, Kultur- und Literaturgeschichte Hugo Schöffer als einen integrierten Bestandteil der Ausbildung zum Buch-, Kunst- und Musikalienhändler  veranstaltete. Ja, so hieß der Lehrberuf damals nicht nur – das war er in dem Fall auch wirklich! Und Anekdoten zu alkoholischen Artmann-Auftritten gibt es mittlerweile wohl genau so viele, wie entsprechende Getränke dortselbst dargeboten und konsumiert wurden. Die FM4-Sendung Chez Hermes etwa brachte den halbamtlichen Mitschnitt einer heillos versoffenen Poesie-Performance im schönen Kärnten zu Gehör. Von den zwischenmenschlichen Aspekten des Grünen Veltliners weiß auch ich zu berichten…

3 artmannich bin die liebe mumie
und aus ägypten kumm i eh,
o kindlein treibt es nicht zu arg,
sonst steig ich aus dem sarkopharg,
hol euch ins pyramidenland,
eilf meter unterm wüstensand,
da habe ich mein trautes heim,
es ist mir süß wie honigseim,
dort, unter heißen winden,
wird keiner euch mehr finden.
o lauschet nur, mit trip und trap
husch ich die treppen auf und ab,
und hört ihrs einmal pochen,
so ists mein daumenknochen
an eurer zimmertür – o kindlein, seht euch für!

Dieses Gedicht hörte ich dabei zum ersten Mal. Es findet sich wie viele andere in der Sammlung ein lilienweißer brief aus lincolnshire. gedichte aus 21 jahren (1969). Womit wir diesen sprachgespielen Exkurs von und zu unserer freitagnächtlichen Perlentaucherei eigentlich gleich abrunden könnten. Und – was lernen wir daraus? Es gibt einen geraden Weg singt PeterLicht. (Ge)dichte Kunnst kann, auch nach Jahrzehnten des Realitätsterrors, die Wirklichkeit der Freiliebenden beschützen. Dass sie oft nicht bei uns ankommt – das ist das Versagen der Politik und nicht der Poesie.

 

Musenschmusen (Norbert)

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. April – Ein frei umher assoziierender Textmusikreigen quer durch das Spannungsfeld von Schönheit und Schrecken aus dem Salzburger Musentempel der Hoch- und Huchkultur. Ist Volkskultur populär? Oder Popkultur Industrie? Letzteres mit Sicherheit! Hilft uns die Flucht aus der Frustration, die traurige Realität zu bewältigen? Wir retten uns jedenfalls vor aller Ohren in etwas andere Phantasien … Ich wollte ohnehin schon längst wieder einmal einen literarischen (was ist das überhaupt?) Artikel verfassen, der weniger darüber aussagt, was wir hier machen, sondern mehr davon anzufühlen gibt, wie es hinter den Kulissen, unter den Oberflächen und zwischen den Zweifeln so zugeht. Nur soviel sei verraten: Jeder Text, jedes Lied, jedes Bild ist ein Teil von etwas, das noch entstehen wird…

SalzburgIch träumte vom großen Glück, neu anzufangen. Eine neue Stadt, eine neue Umgebung, eine vollkommen neue Gesellschaft. Jauchzend begriff ich, dass hier keines der einst über mich verfügten Vorurteile mehr Gültigkeit besaß – ich war mit einem Mal ein freier Mensch – und ich hatte alle Zeit der Welt. Ich konnte nach Lust und Laune abbiegen, einkehren, verweilen, mir unbekannte Gassen und Plätze vertraut machen – und mit Fremden, die noch nie etwas von mir gehört hatten, Freundschaft schließen. Ich war durch eine glückliche Wendung meines Lebenswegs aus dem Gefängnis der Gerüchte heraus geraten – und begann auf der Stelle wieder mit meinem eigentlichen Menschsein – als ein vom auswendigen Unrecht der Eingefleischten niemals Beschmutzter.

Wie lebensnotwendig ist solch ein mitternächtlicher Musenkuss, insbesonders, wenn ringsum der Terror des Trotteltums tobt. Wenn zwischen der Blödheit und Böswilligkeit der einen tagtäglich Befallenden nicht mehr zu unterscheiden ist. Wenn man nur noch die Macht ihrer Missgunst fühlt, die einem die Mauern des eigenen Luftholens fortwährend enger und enger rückt, dieses Zerquetschenwollen jedlebender Bewegung. Mordlüsterne Kasperltheater verinnerten Wohlanstands taumeln funktionierend durchs Bühnenbild – und erschlagen das eigentliche Befinden erfolgsam mit vorgegaukelten Phrasen. Die vernichtende Nachrede dieser sich Gesellschaft nennenden Automaten brandstiftet noch in den untersten Winkeln des Restbewusstseins den Angsthass (auf sich selbst) und schiebt ihn dann den Anderen unter.

UhrzeitAber du kannst doch nicht so auf die „normalen Menschen“ losgehen! Immerhin ist das die Mehrheit in dieser demokratischen Gesellschaft. Schimpfen auf die Verhältnisse hat auch noch nie was gebracht. Das führt nur wiederum zu noch mehr Verbitterung… Wie bitter? Das sind mir vielleicht so Alles-wird-gut-im-nächsten-Leben-Sätze aus der Dunkelkammer des tausendjährigen Beschwichtentums! Du sollst Vater und Mutter ehren – auch wenn sie dir nach dem Leben trachten. Denn alle Obrigkeit ist von Gott – geschissen. Patridioten aller Vaterländer, hupft euch taubstumm und verblödet zu euren Heimatklängen! Es ist bestimmt keine Industrie, die euch den Abfahrtslauf der Volksmusik listig ins Bewurstsein träufelt. Nein, es sind sicher eure eigenen Gefühle und Bedürfnisse, die so unkontrolliert aus euch hervorbrechen wie Frischgekotztes hinterm Feuerwehrzelt.

Eine Menschheit, die sich mit dem Unrecht gemein macht, muss beschimpft werden. Und zwar heftig. Das ist die einzige Möglichkeit, seine Feinde zu lieben – indem man ihnen die Wahrheit eben nicht vorenthält. Schon seit vor meiner Geburt halte ich ihr sämtliche andere Wangen und Arschbacken friedfertig ins Gesicht – und was tut sie? Mich unter Androhung des Ausschlusses aus der Volksgesundheit zum Nahtod erschrecken und mich sodann mit vorgehaltener Macht zu sexuellen Verrenkungen abkommandieren, die ich allein schon aus Gründen des guten Geschmacks niemandem zumuten möchte. Nein, solang die Einwohnergemeinheit dieser Stadt, dieses Landes und dieses Planeten nicht damit aufhört, auch nur einen Einzelnen aus Gewinnsucht und Gier von Kindheit an in ihr zutiefst fragwürdiges Betriebssystem einzugliedern – solange gibt es keinen Frieden auf Erden – und das muss dann auch gesagt werden.

Programm„Lasst ab von eurer Ungerechtigkeit. Verschenkt euren Reichtum an die Armen. Und urteilt nicht über eure Mitmenschen nach deren Ansehen, Ruf oder Stand.“ So etwa klang der Originaljesus, bevor man ihm eine Gewaltkirche übergestülpt und ihn zu deren Heilanstaltsleiter gemacht hat. Und so kann auch der Klang unseres Gemeinwesens sein: Befreiend und ermutigend gegenüber den Armen, Ausgelieferten und Bedrohten – und beinhart gegenüber den Mächtigen, die ihre Macht erst durch deren Angst und Not – und somit völlig zu Unrecht – besitzen. Solcher Einsicht ist allgemein jedes Kind fähig. Damit es aber gar nicht erst dazu kommt, wird ihm schon von klein auf mit der Muttermilch jenes Gewissen eingeflößt, das ihm fortan ungefragt mitteilt, wer es sein darf, wo es hingehört – und was es lieber erst gar nicht denkt.

Und so entstehen sie, die anpassungsfrohen Gerndabeiseier dieser sich immerdar selbst fortklonenden Gesellschaftsmehrheit. Sie sind das statistische Mittelmaß der Demografen und Thermoskannen – in der uns beärschenden Seistadsform der labermentalischen Deppokratiedemokratur. Ihr verzwungener Seinszwick ist die reine Mitmacht auf Seiten des Siegerns, kotze es was es wolle – und das macht sie auch so gefährlich, denn Mehrheitdennje wird von der Meinungsverorschung im Sinne der Gemacht. Und als ob das nicht schon schlimm genug Ware, haben, sein, sie sich ihrer, immer auch nur, Oberhaupt Sache Gewinnst. Die Frühlingsfetzenspiele der Volksdümmlichen im Musekantenstaat. Muse denn, Muse denn, zum Schädeldach hinaus, und du – mein Schatzssssss… Die neun Musen des Olymp. Die Humanisten. Der Hurenchor der Hochkultur.

Wer hats erfunden? Egal, solang du dafür bezahlst!

 

Winterschlaftraum

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. Januar – Während die Winterstürme uns umbrausen, tauchen wir tief in die Träume der Tiere ein, die sich längst in ihren behaglichen Schlafhöhlen verkrochen haben, um dort das Kommen des nächsten Frühlings zu erwarten. Siebenschläfer, Haselmaus und Bär, sie alle schlafen oder ruhen bei verminderter Körpertemperatur und eingeschränktem Stoffwechsel monatelang vor sich hin – doch was denken, erleben, fühlen – was träumen sie dabei? Auch wenn wir Menschentiere derlei Winterpausen nicht ohne weiteres zustandebringen, so ist es doch interessant, sich in die Innenwelten der schlummernden Kollegenschaft hinein zu versetzen – unter Zuhilfenahme von allerlei phantastischen Assoziationen. Ein weiterer Versuch zwischen den Zuständen aus Sprachen, Klängen, Gefühlen und…

Der letzte ÖtscherbärIch erinnere mich da noch an eine denkwürdige Begegnung mit einer Bärin nebst ihren zwei einjährigen Jungen im Herbst 1999 in der Nähe von Gusswerk.  Damals lebten rund ums Ötschergebiet noch mindestens zwölf Braunbären und die Prognose für den dauerhaften Bestand dieser kleinen Population war auch nicht ungünstig. Doch inzwischen haben etliche gesellschaftlich anerkannte Verbrecher die Ötscherbären ein zweites Mal vollständig ausgerottet. Der unter der immer brüchiger werdenden Fassadenfarbe der wohlanständigen Zivilisiertheit hervorgrinsende Ungeist vom Endsieg des Menschen über die Natur hat hier zwischen Naturdenkmälern und Wallfahrtswegen wieder seine ursprünglichste Gestalt angenommen – und zwar so, dass es noch einem jeden anständigen Perchtenlauf die Grausbirn ausm Gsicht haut. Pfui Herrgott, du scheinfrommes Scheißland voll heimtückischer Niedertrachtler!

GeschichtenerzähltigerDavon wird zu erzählen sein in unserem Hörmahnmal des untergehenden Lebens. „Giving Voice to Forgotten Memory“ – das ist ein dermaßen programmatischer Satz, dass man ihn überhaupt einmal auf die eigene Geschichte und ihre Geschichten anwenden sollte. Oder was möchte uns die Erinnerung an die sieben Siebenschläfer mitteilen? Hier, heute, inmitten des 21. Jahrhundertschwachsinns? Was denken die sich eigentlich, diese Viecher? Was erleben, was fühlen, was phantasieren die? Was träumen sie – während des Winterschlafs? Das kann man nicht sagen, sagst du. Das kann man doch weder messen noch beweisen. 😛 Genauso wie die gesamte Kunst, oder? Die bringt doch auch kein zählbares Ergebnis, außer wenn man sie verkauft. Ha! Oder die Gefühle der Kinder, die Geschichten der Alten, die Hoffnungen der Ausgelieferten, die Phantasien der Jugendlichen, die Tagträume der Beschäftigten, die Vorstellungen der Verschrobenen, unser aller Zukunftssehnsüchte? – Weißt was, auf dein Rationalsozialismus wird gschissen, du Wissensgschaftler! Wichs dein Weltbild auf Wikipedia und lass uns am Leben! Denn längst dräut die tödliche Dreiheit über allem: Beherrschen, bequatschen, besitzern.

SoundaushängigerPuh, abgründige Prophetien sind das dann schon – aus der Höhle der zweisam nachtwach winterruhig soundaushängigen Erzählbären vom Klangwolkenberg! 😀 Aber im Winter werd ich einfach schon seit langem depressiv. Wahrscheinlich würd ich deswegen wohl auch nur allzugern die lichtlose Jahreszeit verschlafen. Wie die Tiere! Wiewohl dies dem menschlichen Organismus nun einmal nicht möglich ist, so bleibt doch die faszinierende Frage, was da in so einem Zwischenzustand mit einem geschehn könnte. Und abermals volksmündlich, was da in einem abgehert, was es einem da so schiebert – und was für Vögel es einem dabei dann raushauert. You understand? So befleissigen wir uns diesmal zum Zweck unsrer Untensuchung nebst Sprachspielerein der hirnfreibeutelndem Wesensart auch einer recht stimmungsadäquaten Musikaliensammlung – und hoffen, dass beidesfalls die erwünschten luzidschlummerähnlichen Alphawellenphänomene bewirkt werden.

> Hinweis: Diese Sendung dient ebenfalls als Einstimmung auf die geniale Klangreise „A Book In My Hand“ von SoundDiary – gut zu hören als ganzes Album im Artarium 😉

 

Poem – Leonard Cohen auf Deutsch

> Sendung anhören: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 26. September Wiederholung am Freitag, 10. Oktober von 22:00 bis 01:00 Uhr in der Radiofabrik!

Livegast im Studio ist diesmal Misha G. Schoeneberg, der uns das brandneue Album Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache vorstellen – und von seiner jahrelangen Beschäftigung mit den Songs und Texten aus Cohens lyrischem Kosmos erzählen wird. Denn immerhin übersetzt und überträgt er schon seit Anfang der 90er fortwährend einzelne Titel aus dessen Gesamtwerk – und zwar in inhaltlich wie auch musikalisch stimmige, also vor allem gut singbare deutsche Versionen. Nun ist also endlich eine einstweilige Endfassung dieses weitreichenden Projekts erschienen, und zwar in Form einer Hommage zum 80. Geburtstag des wirkmächtigen Songpoeten, dem wir jetzt noch einige Facetten mehr abgewinnen als ihm ohnehin schon nachgesagt werden…

Misha G. SchoenebergAuch über Misha G. Schoeneberg lässt sich so einiges erfahren und nachlesen: Hippie in Goa, mit Ton-Steine-Scherben auf Tour, Lebensgefährte von Rio Reiser, Songtexter und Buchautor, Sprachlehrer, Südostasienwissenschafter, Textcoach und Mentor, zuletzt Künstlerischer Leiter beim gegenständlichen Poem-Album. Und trotzdem ist der Mann hinter der vielschichtigen Biographie noch weit mehr als sich über ihn sagen ließe. Wollen mal sehen, ob wir nicht noch das eine oder andere Unbekannte im Wesen des Wortwetzmeisters entdecken. Schließlich ist unsere Idee zu einer gemeinsamen Radiosendung auch schon über fünf Jahre alt – gut Ding will eben Weile – und was lange währt, wird endlich 🙂

Passenderweise veranstaltet das Salzburger Literaturhaus am Abend vorher, also am Donnerstag, 25. 9. um 19:30, eine Bild-Ton-Text-Hommage zum 80. Geburtstag von Leonard Cohen unter dem Titel „I’m your man“mit Thomas Kraft und Robert Schindel, an der auch wir teilnehmen, um unsere kunnst-biotopische Dialogie dahingehend zur Aufwärmung zu bringen, dass wir sie schon vorab assoziativ-atmosphärisch anreichern. Für allerlei Literatur und Tonträger sowie freudvollen Ausschank ist jedenfalls gesorgt!

Poem Album CoverWas nun das Album selbst betrifft, auf dem 17 verschiedene Bands und Einzelinterpret_innen die von Misha übertragenen/übersetzten Cohen-Songs über die Grenzen von Genres und Generationen hinweg darbieten, so werden wir dieses in unserer Spezialnachtfahrt gründlich würdigen: Die Menschen dahinter, die schier unendliche Mühe, schließlich all die Texte und ihre Themen. Liebe und Tod. Das Mitgefühl. Durchleiden und Darstellen. Dichten und Trachten. Sinn und Ziel. Das Vermächtnis. Die Übersetzung. Das nicht fertig werden mit der Arbeit. Die Frage nach der Spiritualität. Was bleibt, jenseits von Anfang und Ende, wenn es nur „das Unterwegssein“ gibt? Brauchen wir womöglich ein „größeres System“? Oder verweist uns das milde Lächeln des Sängers auf jenes Unfassbare, dass wir in all seiner Unsagbarkeit aber dennoch, immer wieder, dann halt wenigstens zu singen oder zu spielen versuchen? Das uns stets Unerreichbare, das wir, wenn überhaupt, nur ewig unvollendet, unvollkommen, um es irgendwie auszudrücken, so gut es geht, darleben können…

„Liebes Leben, abgemacht? Darfst mir nicht verfliegen. Hab noch so viel Mitternacht sprachlos vor mir liegen.“ Konstantin Wecker

 

Auf der Flucht (Norbert)

  > Sendung anhören: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. September – Flucht und Vertreibung einmal etwas anders betrachtet als aus dem Blickwinkel aktueller Berichterstattung oder engagierter Migrationsstatistik. Wir alle kennen die Bilder der vor Lampedusa ertrunkenen oder gerade noch so mit dem bloßen Leben davongekommenen halbverhungerten Habenichtse aus den Abendnachrichten. Oder die fast schon endlos wiederholte Darstellung von Displaced Persons, KZ-Überlebende wie Heimatvertriebene, etwa aus den Geschichtsdokus von Hugo Portisch bis Guido Knopp. Ganz zu schweigen vom mittlerweile zu einer medialen Ikone des 20. Jahrhunderts gewordenen Foto, das ein weinend flüchtendes, durch Napalm verbranntes Mädchen im Vietnamkrieg zeigt. Was wir da jeweils zu sehen bekommen, das prägt unsere Erinnerung ans Weltgeschehen.

Erinnern Verstehen 1Wie aber verhält es sich mit unseren eigenen Geschichten? Jenen, die wir selbst bebildern, darstellen, erzählen können? Bei denen die Kommentare von uns selbst gesprochen – und die Zusammenhänge von uns selbst hergestellt werden? Die weichen oft stark von allgemeiner Geschichte ab – und auch davon, woran wir uns so zu erinnern glauben. Können wir etwas dazu beitragen, dass solche persönlichen Lebens- und Familiengeschichten nicht nur in der Erinnerung bewahrt bleiben, sondern darüber hinaus als ebenbürtige Elemente kollektiver Geschichte in Erscheinung treten? Dies ist die Fragestellung der dreistündigen Sendung rund um das Thema Flucht und ihre jeweiligen Anlässe und Auswirkungen – aber auch einem damit verbundenen dauernden Unterwegssein. Und zugleich unser Beitrag zum EU-Projekt „Memory under Construction: Giving Voice to Forgotten Memory“, einer 2-jährigen Grundtvig-Lernpartnerschaft unter Mitwirkung der Radiofabrik zu Salzburg. Wir finden das Konzept des emotional-assoziativen Zugangs zur Atmosphäre des Flüchtens besonders geeignet, derartige Fluchtgeschichten möglichst unverstellt zu erleben.

Erinnern Verstehen 2Daher wenden wir unseren Blick zunächst von heftigen Bildern und damit verbundenen Schicksalen ab. Stattdessen spüren wir ins Innere und Ungewisse des fremdbestimmten Nomadentums unserer Gesellschaft und suchen nach den Ursachen für das unfreiwillige Unstetsein inmitten von Heimat und Überfluss. Lassen wir dazu Autoren vom respektablen Literaturprojekt Denk ich an Heimat der Straßenzeitung Apropos zu Wort kommen, oder Hans Rauscher (nein, nicht der Journalist) vom bestechenden Musiksampler Über den Wolken, unter der Brücke der Wiener Augustin-Redaktion. Erzählen wir selbst die Geschichte(n) von entwurzelten Angehörigen, von äußerem Druck und innerer Unruhe, von der heimlichen Brutalität des „normalen“ Alltags, von Anpassung, Auflehnung und angemaßter Autorität. Vom Hunger nach Gerechtigkeit, vom Verzweifeln an den Verhältnissen, vom Bedrohtwerden der eigenen Existenz, vom Auswandern in die innere Emigration. Von dir und von mir und von uns. Und von der Hoffnung, die bis zuletzt nicht sterben will! Denn das macht uns zu Menschengeschwistern, dass wir miteinander teilen, was wir erleben, einander mitteilen…

„…bald sah er aus wie viele, die zur Wanderschaft gezwungen sind, weil sie kein Heim haben oder keines wollen. Weil sie keine Ruhe finden, oder weil sie sich ein Ziel gesetzt haben, das mehr ist und ferner als irgendein Ort auf dieser Erde, auf der sie nur unstete Wanderer sind – wie wir alle.“  (Joseph Roth – Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde)

> Zu diesem Thema gibts auch einen Artikel vom Chriss 😉

> sowie zum Nachhören die einstündige Zusammenschau