Bis man für mich spricht

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 13. November um 22:06 Uhr – Diesmal wird Misha Schoeneberg, Autor des soeben erschienenen Romans “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht” (Mein Vater, Auschwitz und der 7. Oktober) gemeinsam mit dem Schauspieler und Sänger Michael Gerlinger bei uns in der Radiofabrik-Sendereihe Nachtfahrt der Perlentaucher zu Gast sein, einige Passagen aus dem Buch vorlesen und über Entstehung und Hintergründe mit uns sprechen. Zudem ist auch eine Radio On TV Ausstrahlung dieser Sendung auf FS1 vorgesehen. Sie trägt den Titel: “Bis man für mich spricht”. In dem Buch geht es um die Lebensgeschichte(n) seines Vaters, der das KZ Auschwitz überlebt hat, seiner Mutter, die in der Nazizeit beim Bund Deutscher Mädel aktiv war … sowie …

Bis man für mich spricht… von ihm selbst, der durch das Schweigen seiner Eltern über “jene Zeit” und durch ihre tiefe Traumatisiertheit geprägt wurde. Und nicht zuletzt darum, wie sich der Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 und auch die zunehmenden antisemitischen Umtriebe in Deutschland auf ihn selbst und auf seine Arbeit an dieser (Familien)Geschichte bis heute weiterhin auswirken.

Mir ist das im Entstehen begriffene Manuskript just zu jener Zeit “in die Hände gefallen”, als ich mich selbst gerade mit Leerstellen und Sprachlosigkeiten beschäftigte, die mir durch meine einerseits heimatvertriebene und andererseits naziverstrickte Familie verursacht worden waren. Von dem, was die mir alles verschwiegen haben, einmal ganz zu schweigen. Zum Glück konnte ich mit Mishas Lebenswerk, Schweigen in Sprache zu verwandeln, damals in einen Dialog treten. Dadurch durfte ich selbst erfahren, von welch traumatherapeutischer Bedeutung seine Arbeit eigentlich ist.

Am 14. 11. um 19:30 findet sodann eine gemeinsame Lesung mit Liedern und anschließendem Publikumsgespräch in der Pizzeria No. 1 in der Alpenstraße 112 statt. Dort werden wir das Buch, den Autor und seine Geschichte(n) noch einmal vorstellen sowie dabei auch euch Gelegenheit zur persönlichen Resonanz bieten. Es ist uns zudem ein persönliches Anliegen, dieses Werk möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, die sich mit den darin zur Sprache kommenden Themen beschäftigen und die vor allem auch an einer sinnvollen Weiterentwicklung dessen interessiert sind, was hier auf eine Art und Weise zur Sprache kommt, wie wir das so bisher noch nicht gekannt haben. Für mich steht dieses Buch, was das lebenslange Ringen um die eigene Sprache unter den Bedingungen eines traumatisierten Familienumfelds betrifft, auf einer Stufe mit Maja Haderlaps “Engel des Vergessens”. Und auch für diejenigen von uns, die wir solche und ähnliche lebensinfragestellende Erschütterungen unserer Eltern und Großeltern überlebt haben, kann es durchaus perspektivstiftend sein, und zwar in dem Sinn, dass wir (obwohl es sich doch immer wieder so anfühlt) nicht allein sind, solange wir noch schweigend sagen: “Bis man für mich spricht” …

Bis man für mich sprichtNun unsere Bitte an euch: Laden wir gemeinsam zu den genannten Veranstaltungen ein! Lest und besprecht dieses Buch, empfehlt und verbreitet es weiter, helft uns dabei, “es unter die Leute zu bringen” … damit immer wieder aufs neue ein Dialog mit jenem Leben gelingt, das hinter dem Schweigen, hinter den Vorhängen und Fassaden, hinter all dem angeblich Normalen wirksam ist … in uns allen … Welchen Weg unser gemeinsames Interesse an den spezielleren Kriegsfamiliengeschichten, aus Opfer- wie aus Täterperspektive, bis zur aktuellen Begegnung zurückgelegt hat, das lässt sich am besten anhand einiger Artarium-Sendungen der letzten 3 Jahre nachspüren: “Der Krieg in mir” (transgenerationale Traumaweitergabe), “Unzerstörbar” und “Das Leben geht weiter” (erste Lesungen aus Mishas Manuskript) sowie “Engel des Erinnerns” (Rezension zum Erscheinen)  “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht” …

 

Zum ersten Mal war Misha Schoeneberg im Herbst 2014 bei uns zu Gast, und zwar anlässlich des Erscheinens von POEM – Leonard Cohen in deutscher Sprache, ein Musikalbum, das seine von Cohen selbst autorisierten Textübertragungen in von verschiedensten Interpret*innen dargebotenem Gesang versammelt. So beruht “Bis man für mich spricht” auf einer Zeile aus seiner Fassung von “If It Be Your Will”

 

Traumfenster

 

Erlesene Kreationen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. Oktober – Kreationen, das kann vielerlei bedeuten. Und vielleicht nicht immer das, woran wir zuallererst denken. So ähnlich wie bei Kompositionen, da denken die meisten wohl zunächst an Musik. Dabei können Kreationen wie Kompositionen vielerlei mehr sein: Kulinarische zum Beispiel, vom einzelnen Gang bis hin zum gesamten Menü. Oder aus verschiedenen anderen Kunstrichtungen herrührende Beiträge: Raumgestaltung und Bühnenbild, Inszenesetzung von Tanz, Film, Theater. Im Leben folgt alles einer Choreographie. Ein Bild komponieren, oder einen Text … womit wir beim zweiten Begriff angelangt wären, “erlesen”, nicht erst einmal als Beschreibung dessen verwendet, was jemand sich durch das Lesen anverwandelt … in sich aufnimmt und sich zu eigen macht …

Erlesene Kreationen 1Kaffeepause. Ein guter Kaffee ist doch ebenfalls eine auserlesene Kreation. Allein schon die Auswahl der Kaffeebohnen, ihre jeweilige Röstung, das fein abgestimmte Mischungsverhältnis und zuletzt eine so achtsame Zubereitung, die gar an japanische Teezeremonien denken lässt … Mmmm, einfach ein Gedicht! Sagt man doch so, wenns mehr als nur schmeckt, oder? Und dem werden wir heute nachspüren: Wie eigentlich aus besonderen Zutaten, also “erlesenen Rohstoffen”, ein aus dem allgemein Üblichen herausragendes Gesamtkunstwerk und eine all unsere Sinne beglückende und herausfordernde Eindrucksvielfalt entstehen kann. “Es muss Ambivalenzen geben.”, sprach der Weise (und wir wissen es nicht, ob er wusste, wie weise das war), denn genau darum geht es ab einer gewissen Erfahrung dessen, wie sich Liebe anfühlt: Gleichzeitig verschieden, aber im Zusammenklang. Glückselig und tieftraurig zugleich und mit beidem einverstanden: Es ist, wie es ist.

Erlesene Kreationen 2Unlängst ist eine 5. Staffel der auch von uns mehrfach zitierten Serie “Babylon Berlin” aufgetaucht und … Oh, mein whatever … da gehts jetzt einigermaßen verschroben zu! Und weil da einer meiner absoluten Lieblingsregisseure mitgestaltet, wollte ich unbedingt wissen, wie sich die ursprünglichen Kreationen des Autors der zugrundeliegenden Romanreihe beim unverfilmten Lesen in meinem Kopfkino zeigen würden. Und siehe oder besser erlebe (mit allen Sinnen) da – es begegneten mir nicht wenige geradezu verstörende Diskrepanzen. Nachdem ich das Gleiche bereits mit Tom Tykwers (jetzt ist es heraußen) Verfilmung von Patrick Süskinds Roman “Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders” gemacht hatte und dabei überwältigende Detailgenauigkeit in all der Üppigkeit der Bilderfluten festgestellt habe, können wir ja einmal über aus unserer Sicht gelungene oder missratene filmische Umsetzungen von literarisch erschaffenen Welten reden … Sprache kann mehr, als man glaubt.

Erlesene Kreationen 3Naturgemäß reden wir dabei nicht nur miteinander, sondern eben auch mit euch. Und wir lesen die Texte, die wir dafür auswählen, nicht nur einander, sondern eben auch euch vor. Woraus schlussendlich und in logischer Konsequenz folgt, dass wir die mitgebrachte Musik nicht nur spontan und je nach dem jeweiligen Gesprächsverlauf einsetzen werden, sondern sie auch im Hinblick darauf, was wir von euch an Unsichtbarem und “was nicht dingfest zu machen ist” wahrnehmen, zur erweiternden Abrundung unserer gemeinsamen, hoffentlich tiefergehenden Themenenverdichtung verwenden. Hier stößt Sprache, wie wir sie bisher kennen, zunächst einmal an gewisse Grenzen. Doch wir wären nicht wir, wenn wir nicht alles daran setzten, immer wieder aufs neue zu versuchen, über die bisher erfahrenen Grenzen hinaus unseren Gegenübern in so etwas, das man als umfassende Resonanz bezeichnen kann, zu begegnen – und mit ihnen – also auch mit dir, mit euch – zusammen in stimmiger Schwingung zu sein.

 

Frequenz ist schließlich keine Einbahnstraße … auch nicht im Radio …