Christgsindlmarkt

Podcast/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Dezember – Die etwas andere Herbergsuche zwischen Hektik und Stress. Vier eilige Könige entsteigen dem Hamsterrad der Adventszeit und eröffnen Ausblicke ins Innenleben. Vier Stunden Musik/Text-Dramaturgie mit launigen Gesprächen, Geschichtenerzählen und gepflegter Hausmusik. Eine Zwischeninsel zum Luftholen und Untertauchen ins Meer unserer Erinnerungen und Assoziationen. Ein Versuch, dieser emotional verdichteten Jahreszeit voller Adventevents und Familienfeiern doch auch etwas von dem abzugewinnen, wonach wir uns jetzt alle eigentlich am allermeisten sehnen: Zeit! Zeit für uns selbst, Zeit für einander, Zeit zum Innehalten, zum Spüren, zum Wahrnehmen. Bald ist wieder Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres, der alljährliche Totpunkt unseres Lebens – und da sollten wir nicht zuallererst einmal in aller Ruhe  – einkehren?

Eventkalender! Als Kinder sind wir einfach in diese wundersame Weihnachtswelt eingetreten, voller naiver Zuversicht und in unserem Vertrauen immer auch beschützt vom Zauber des Anfangs. Wir haben uns aufgemacht – doch was ist uns davon geblieben? Nur Erinnerungen, um später ungestört darin zu leben?

Männer haben Muskeln,
Männer sind furchtbar stark,
Männer können alles,
Männer kriegen ’nen Herzinfakt,
ohh Männer sind einsame Streiter
müssen durch jede Wand, müssen immer weiter.

Männer habens schwer, nehmens leicht
außen hart und innen ganz weich
werden als Kind schon auf Mann geeicht.
Wann ist ein Mann ein Mann?

(Herbert Grönemeyer – Männer)

Eventsingen! Wer sind wir – in dieser Zeit? Die Jugend kommt über uns mit neuen Eindrücken und inspiriert zum Ausprobieren. Hinaus ins Abenteuer, singen, lieben und auch Krampus jagen! Parallel dazu Schulalltag und Familienleben. Werden wir vielbeschäftigt im Wettlauf ums mehr – oder verlieren wir uns zwischen den Leben?

I am a little tired
So please don’t get me wrong
It’s not that I don’t want to stay
It’s not that I can’t hear
The sound of the bells and the …
But .. we just begun
You are the reason why I came here
Now I got this look upon my face
You say the night is young and so are we
Give me a kiss or tell me
What lies so heavy on your chest

(Ghost of Tom Joad – Snow in the Summertime)

Eventkrampf anzünden! Zum ersten Mal nein sagen und Weihnachten in seiner bisherigen Form verweigern. Mit neuen Freunden in die noch unbekannte Welt der Philosophantasie eintauchen und die Nacht jenseits der Würstelsuppe entdecken. In der Früh dann zu Fuß noch nicht nach Hause! Für mich leben – in der Zwischenzeit?

Und all deine Hoffnung und deine Taten, sie sind nicht dumm –
nein, sie sind wunderschön.

Die Einsamkeit, die du fühlst zwischen vielen Menschen
ist die Unzufriedenheit mit dieser Welt.
Und die Wut über die, die nicht den Unterschied kennen
zwischen friedlich und befriedet.
Und all deine Tränen, sie sind wunderschön.
Und alles hat Sinn, jede Sekunde.
Nichts ist vergeblich, nichts ist verloren!
Wir sind am Leben, spür wie dein Herz schlägt!
Nichts ist vergeblich und nichts ist verloren!

(Früchte des Zorns – Nichts ist vergeblich)

Elementare Ereignisse! Die Nacht nach all dem Stille-Nacht-Feiern gehört dir allein. Alles schläft, einsam wacht – bist du da? Was wird sein am anderen Ende der Nacht, wenn du dir begegnst, gleichsam beschenkt und entblößt? Hast du dann Angst vor dem Schweigen des Lärms, vor dem Gähnen des Abgrunds, vor dir selbst? Hast du Lust, dich zu spüren und in ein neues Jahr zu springen, einen neuen Tanz zu vollführen, ein neues Bild anzufangen, mit einer neuen Idee ins Bett zu gehen, die dich liebkost und die du danach nie mehr vergessen kannst? Was also macht diese Nacht mit dir – was machst du mit ihr? Wer bist du – in deiner eigenen Zeit, wenn du sie dir selbst schenkst?

I swallow the sound and it swallows me whole
Till there’s nothing left inside my soul
As empty as that beating drum
But the sound has just begun

As I move my feet towards your body
I can hear this beat it fills my head up
And gets louder and louder
It fills my head up and gets louder and louder

There’s a drumming noise inside my head
That starts when you’re around
I swear that you could hear it
It makes such an almighty sound

(Florence + the Machine – The Drumming Song)

 

Strange Straight Special (Norbert)

Podcast/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. November – „Hilfe, ich bin normal!“ – Keine Angst, das kommt nur auf den Standpunkt an. Wenn wir den Exkursen unseres Experten Prof. Weiherer folgen, dann stellen wir schnell fest, dass alle Beteiligten (zwischen Songwriting und Stratosphärensprung) jeweils ihren Schlag abhaben, je nach dem Blickwinkel der Betrachtung. „Wie bitte? Was redt er?“ Eine Sendung über die Relativität des „Normalen“ (einer Vorstellung, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt) und ein Plädoyer für die individuelle „Verrücktheit“, welche letztendlich unser aller „State of Mind“ darstellt. Und zwar atmosphärisch und assoziativ, denn die menschliche Wahrheit findet sich (wenn überhaupt) zwischen den Zeilen! Was unsere drei Reisenden verbindet, das ist ihr täglicher Umgang mit dem Außergewöhnlichen, dem Nichtdurchschnittlichen und mit der Überraschung an sich…

Christopher Schmall leistet seinen Zivildienst beim Verein Menschenrechte und hat es dort mit dem Recht von Menschen zu tun, sich in einer für uns fremden Muttersprache über die Hintergründe ihres Asylansuchens oder dessen behördliche Ablehnung auszutauschen. Eigentlich ganz normal, möchte man meinen. Oder etwa nicht?

„Das Ringen um Worte für Gefühlszustände, die bislang noch nicht ausdrückbar schienen, das ist Spracharbeit. Den Zuhörer daran teilnehmen zu lassen, wie Emotionen aufplatzen oder versickern, ihn anzustiften, heraus zu fordern, mit einzubeziehen, diese Unsagbarkeit des Betroffenmachenden auch selbst um den einen oder anderen Begriff zu vermindern – das ist lebendige Dichtung. Alles andere ist leider nur Literatur. Ist Herrschaftssprache. Und ein Geschäftsmodell. Ist alles zwangsfreiwillige Selbsteinordnung in die bestehenden Sprachverhältnisse. Amtssprache, Fachsprache, Schulsprache, Staatssprache… Das alles hat mit den Lebenswirklichkeiten von uns aufgrund unseres Andersseins Ausgegrenzten nicht das Geringste zu tun. Das ist Ablenkung und Behübschung, also Unterhaltung im Staatsdienst. Darum heißt es wohl auch Staatspreis. Und der „freie Markt“ als die gegenwärtige herrschende Staatsreligion bildet da keine Ausnahme – im Gegenteil!“

Norbert K.Hund regt sich schon seit Jahrhunderten auf über die sexualnormative Strukturgewalt in unserer Gesellschaft. Gute Gesetze hin oder her, der heimliche Heterrorismus behindert seit je her die Entwicklung der eigenen Identität. Kein einziger junger Mensch mit anderssexuellen Interessen ist wirklich gleichberechtigt, diese ungestört zu erleben.

„Wenn du nur ein bisschen abweichst von der dich umgebenden Vorstellung von Nützlich und Normal – dann haben sie dich! Dann fallen sie über dich her, deine Nachbarskinder und Spielgefährten, deine Schul- „Freunde“ und „Kameraden“ ? Warum heißen die eigentlich so, wenn sie dich auslachen und bedrohen, dich unterdrücken und zur Anpassung zwingen? Sollten die nicht besser „Schulfeinde“ heißen und „Spielgefährliche“ und „Nachbarskiller“? Und woran solltest du dich denn anpassen? Wovor sollst du Angst haben? Davor, anders zu sein als die Allgemeinheit? Ihre blöde, hirn- und gefühllos hineingefressene Vorbildscheiße? Ihren Hass auf alle, die einen Gewissensgrund haben, sie selbst sein zu wollen, ja zu müssen, um eine eigene Identität zu entwickeln? Die sich noch nicht in eine vorgekaute Existenz als „Erwachsene“ hinein verstopft haben? Die sich nicht ins Hirn ficken lassen wollen – nicht ins Herz scheißen, nicht ins Gefühl trampeln, nicht ins Denken umweltverschmutzen, verweltwirtschaften und zärtlichkeitszerstören…“

Jakob Weinhäupl ist ein begnadeter Musiker und nicht nur auf der Gitarre ein feiner Gefühlsmensch. Außerdem strahlt er ein dergestalt integratives Selbstverständnis aus, dass einem ganz schwindlig ums Herz wird. Nicht umsonst betreut er als Zivildiener schwerstbehinderte Kinder in der Anna-Bertha-Königsegg Schule.

Die Frau, nach der diese spezielle Schule benannt ist, setzte sich übrigens in der Zeit des Nationalsozialismus als Leiterin eines kirchlichen Behindertenheims im Land Salzburg außergewöhnlich mutig und sehr direkt gegen die „Euthanasie“ genannte Ermordung ihrer Schützlinge ein und krachte schon seit 1940 heftig mit den Bonzen des Regimes zusammen. Anna Bertha Königsegg wurde mehrfach verhaftet, verurteilt und zuletzt unter Hausarrest gestellt, ihr Lebenswerk im Widerstand ist heute weitgehend vergessen. Gegen dieses Verblassen der Geschichte von Gewalt gegen wehrlose Menschen wollen daher auch unsere Hörstolpersteine als Gegenmittel wirken. Also aufgepasst!

„Das kindlich kreative Eigensein wird weltweit umgebracht. Genauso wie der Regenwald abgeholzt und die Ölreserven ausgeplündert werden. Genauso wie die Armen verhungert werden – und wie man uns das Artensterben, die Bankzinsen oder jedweden Reaktorunfall als eine Art unvorhersehbares Naturereignis verkaufen will. Deine Existenz als Mensch endet in dem Augenblick, in dem du beginnst, ihnen ihre Behauptung von Normalität und gottgegebener Ordnung zu glauben. Ihre einzige Ordnung besteht darin, dass du für ihren jeweiligen Vorteil nützlich bist. Und indem du anfängst, dich selbst nach ihren Werten zu bemessen, haben sie dich schon auf ihren Strich geschickt, musst du für sie anschaffen und dein Leben lang Leib und Seele für sie zu Markte tragen, ob du willst oder nicht. Deine spottenden und dich verächtlich machenden Klassenkollegen sind nichts anderes als ganz billige Kleinkriminelle in der großen Zuhälterei der Geldkirchenstaatsmafia. Wenn sie dich also wieder mal erniedrigen – dann glaub ihnen nicht!“

Alle Zitate wurden von Norbert K.Hund unterstellt. Passwort für den vollständigen Sendungsdownload auf Anfrage. Es wird gequatscht, gelacht, gelesen werden. Musik sowohl live & unplugged als auch von Konserve. Drei Interviewbeiträge zum Thema gibts vom Weiherer (unser Portrait) Den Rest vom Chaos/Kosmos müssts euch selbst sortieren: Radio für Selbstdenker! Wir sind ein geiles Institut 😀 -> Collage/Text/Artikel vom Chriss

 

the soul is a bird (chriss)

Podcast/Download: Die Nachtfahrt vom Freitag, 14. September macht sich in einer 4-stündigen Reise auf ins Herz der Finsternis, durch die Urwälder der menschlichen Seele, hinab in die tiefen Wasser des Geistes und hinein in die Ruinen der eigenen Furcht, dem eigenen Schatten… Ein Unterfangen inspiriert von Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ und initiiert von Laurie Andersons Spokenword „The soul is a bird“. Mein Artikel wird ein Gedicht. Ein literarische Annäherung zum Thema. Eine poetische Auseinandersetzung mit mir selbst, euch, der Sendung und…

„Ich fühle etwas. Ganz tief unten, in mir. Ich kann es nicht wirklich einordnen. Ein unbekanntes, mir völlig fremdes Gefühl. Wie ein Lichtstrahl der aufblüht und in sich, um sich und mit allem eine sich drehende und pulsierende Kette aus Licht und mehr Licht bildet. Es dreht sich in mir. Es steigt auf. Durch meinen Magen, hinauf in meine Lungen, in mein Herz. Ich bebe- ganz in weiß gekleidet, hinter mir eine mit Scheiße beschmierte Stadt, ein mit Scheiße beschmiertes Leben und ich- starr, benommen. Die Wolken werden sich schwarz färben, Regen wird fallen, doch die Scheiße – klebrig, mit der Zeit hart geworden wie Stein – wird bleiben. Ich nicht. Ich werde fort gehen. Ein Land suchen, das nicht so derbe stinkt. Ich werde mich aufmachen, etwas, jemanden suchen! Und finden! Ich werde groß sein! Ich werde Gott sein! Ich werde Alles sein! Und Nichts! Gleichzeitig! Ich steige hinab vom Hügel der Kinderleichen, die diese Stadt ausgeworfen hat und mache mich auf. Wohin weiß ich noch nicht. Aber weg! Weg von dieser Stadt, diesem Leben, diesen Schmerzen, dieser Verzweiflung. Ich werde dem Flusslauf folgen oder den Stimmen der Wälder. Den Sternen am dunklen Morgen oder dem Licht…

Da bin ich also… Allein auf der Straße ins Nichts auf der ich mein Leben lang schon war, die mich vorran trägt und meinen müden Geist. Meine Gedanken sind Nebelschwaden und Rattennester, mein Atem ein verfaultes Stück Holz, meine Beine und Arme nur Auswüchse eines Geschwürs das sich Körper nennt. Meine Lippen vermögen es nicht einen anständigen Satz zu formen und meine Augen sind erlöschende Flammen. Ich sehe nichts. Ich schmecke nichts. Ich fühle nichts. Nur meinen Herzschlag – immer weiter trommelnd. Ich höre Stimmen in den Baumwipfeln die mir flüstern: „Jeder trägt ein Totes mit sich.“ Ich verstehe. Aber ich will nicht verstehen, ich will be-greifen! Ich möchte jedes Wort, jede Silbe mit meinen verdorrenden Händen fühlen, zerlegen, neu zusammensetzten, einen neuen Sinn stiften, eine neue Sprache finden… ICH will NEU sein! Das ist wohl der Grund wieso ich mich auf diese Reise begeben habe… Aber der Grund verändert sich, verwandelt sich, schwebt vor meinen Augen als Licht – so nahe und doch so weit entfernt. Ich versuche es zu berühren, doch greife ich ins Nichts. Ich taumle, falle zu Boden, stehe wieder auf, gehe weiter. Ich sehe Tempel – alt, überwuchert – gepfählte Fratzen die mich auslachen, einen Mann gekleidet in schwarze Seide. Er reicht mir die Hand. Er reicht mir seine Stimme. Er reicht mir sein Herz. Er reicht mir seine Seele. Ich nehme an und erkenne…

Ich liege nackt auf dem nassen Boden. Über mir flimmert goldenes Licht. Blätter fallen auf meine Haut- ein Atemhauch vergangener Träume. Ich spüre die Stille um mich herum und nehme sie an. Ich umarme die langsame Ruhe, das Schreien der Vögel, das Surren der Insekten, die Fühler der Ameisen. Ich bleibe liegen. Warte auf etwas, ohne zu wissen auf was. Ich weiß nur es wird kommen… Ich fühle die Schwärze die aufkeimt- ein Schatten des Waldes. Traumfänger. Wolfkind. Bärensohn. Rabenzauber. Trommeln. Trommeln. Trommeln. Schritte. Flügelschlagen der Nacht, der Bäume. Ein Vogel- eingesperrt in einen Käfig aus Knochen. Ich atme die Kälte. Einen dunklen Mund. Ein Kuss auf meiner Stirn. Ein Feuer brennt. Seltsame kosmische Trauer. Ich spüre mein Herz. Ich höre meine Stimme. Ich sehe mich selbst- vor mir stehend. Nur schemenhaft. Ein Schatten. Ich stehe auf. Ich sehe mir in die Augen. Hohle Löcher. Ich greife hinein. Ich küsse mich auf den Mund. Ich taste nach Leben, nach einem Grund. Finde nur Rauch. Ich stehe am Abgrund. Unter mir das tosende Meer. Wolken und Donner. Da sehe ich in der Ferne ein Gesicht, einen Lichtstrahl. Ich rufe einen Namen. Ich falle hinab. Sinke auf den Grund meiner Seele. Dort wo nichts ist und alles…“

Und von dort kannst du nur alleine zurückkehren. Jede Reise ist eine Reise zu dir selbst. Jede Schicht simplen menschlichen Daseins fällt weiter und weiter ab, bis du zu deinem eigenen Schatten kommst und mit ihm verschmilzt. Dann entsteht eine neue Sprache, eine neue Wahrnehmung. Dann be-greifst du dich und die Welt um dich herum. Wir sind nichts weiter als leere Hüllen, aus Kot geformt, die sich verkleiden um überhaupt existieren zu können. Und begreifst du das, erfährst du dich selbst –  in dir selbst, dann kann dein eigener Geist, dein eigener Gott, dein eigenes Herz wieder atmen. Und zwar frei von allen Giften und Waffen dieser Welt. Wir müssen uns lediglich fragen: „Wer sind wir. In Uns? Eigentlich?“

Und diese Frage kann nur jeder für sich selbst beantworten. Ganz allein. Man muss sich trauen ins Herz der Finsternis zu gehen, den Fluss aufwärts, dorthin wo der eigene Schatten, der eigene Abgrund lebt und ihm gegenüber treten und – be-greifen!

 

Falsche Götter… (Norbert)

Podcast/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. August 

„Ich mach mein Ding“ singt Udo Lindenberg und macht auf der gleichnamigen Tour höchst absichtsvoll Station in Calw in Württemberg, der Geburtsstadt des von ihm verehrten Hermann Hesse. „Ich mach mein Ding“ nennt Matthias Matussek seine aktuelle Spiegel-Titelgeschichte zum 50. Todestag des unangepassten Autors und verfasst darin echte, elektrisierende Literatur, höchst emotional, und zwar mit Schmackes! „Ich mach mein Ding“ übertiteln auch wir unausgesprochen unsere Radioarbeit aus dem Salzburger Kultur-KZ (und das könnte hier beispielsweise „Konsumismuszentrum“ heißen) – und so meinen wir das auch immer noch…

Ein guter Grund für uns, einmal mehr das Entlarven der uns umherrschenden Machtverhältnisse zu zelebrieren. Denn was wäre denn „Kunst“ anderes als Kreativität und gestaltende Phantasie, die es uns ermöglicht, Vorstellungswelten zu erschaffen jenseits von Sachzwängen und Realitäten. Traumbilder und Visionen sind emotionale Wirklichkeiten, die mit der betonbornierten Biederbürgerlichkeit und Geschäftigmacherei der Sachzwänger und Realitäter nichts zu tun haben, die den Eroberigkeiten von Geldgewalt und Weltbesitz ihren Übersinn entgegen trotzen, dass es nur so staubt und scheppert im videologischen Gebälk der Gierarchie. Ein elegantes Eigensein, das dem scheinheiligen Sakrazement des Kapitalskollegiums die Urnatur des Lebendigen dergestalt ins Gesicht menetekelt, dass es den alles Öffentliche verpiratisierenden Inventmentpäpsten vor lauter Scheck über sich selbst die Mammonstranz ihrer eiligen Konsumnion aus den knöchernen Klauen schlägt. Lauter leichgewordene Schiachbrechten, ein Salzburger Totentanz mörderisch sterblicher Restspielgerippe, einzig bekleidet mit den munter pestglöckelnden Narrenkappen ihrer jeweiligen Gönner. Götzengötter. Geldverbrenner. Jeeeeedeeermaaaaaann!

Und sofort zitiert der ob seiner Stimme und Erzählkunst von mir sonst durchaus geschätzte Michael Köhlmeier im profil-Gespräch den Geheimrat Goethe: „Man merkt die Absicht und man ist verstimmt“. Hesse, meint er, verführe den Leser zu seiner eigenen Weltsicht, stelle nicht einfach nur das „was ist“ dar. Das sei nicht Wesen und Aufgabe von Literatur, weshalb auch viele Hesse-Leser lediglich an Ideologie und Esoterik interessiert seien, nicht aber an Dichtkunst. Literatur in seinem Sinne, also ein „Sehen der Welt mit ersten oder letzten Augen“ müsse sich auf das reine Beschreiben des Seienden beschränken und dürfe nicht durch subjektive Vorauswahl die Welt interpretieren. Hallo? Ist der jetzt auch schon Staatsbeamter, der Köhlmeier? Was der dann wohl zu Thomas Bernhard absülzen würde? Ich will es gar nicht wissen! Im totalitären Konsumismus ist ohnehin fast nur noch garantiert ideologiesteriles Behübschungsgelaber (nach vorgäriger geschäftsgermanistischer „Qualitäts“kontrolle) erwünscht und marktfähig. Würg!

Also haben wir uns einen jungen und unverdorben subjektiven Mitstreiter des kreativen Eigensinns an Bord geholt, um diese Götzendämmerung mit uns gemeinsam zu begehen. Emanuele ist ein dermaßen vielseitig begabter und künstlerisch gestaltungsversessener Mensch, dass ihm die wenigen und zudem vordefinierten und beschränkten Ausdrucksmöglichkeiten in der provinziellen „Kunstmetropole“ schon jetzt zu eng, zu einseitig und zu langweilig erscheinen. Also dann: Er wird auf dieser Themenreise drei dramaturgisch durchkonzipierte Text/Musikblöcke beisteuern, mit eigenem und adaptiertem Material zu den drei Stunden/Stationen: „Hohe Ideale, Gefallene Engel, Falsche Götter“. Besonders gespannt darf man auf die unzensierte Version seiner Bearbeitung des „Jesus Christus Erlöser“ Vortrags sein, in welcher Kinskis Gefühle während der Performance von 1971 mit dem Text verschmelzen. Darüber hinaus beackert Emanuele weitere tiefe Themen rund um den eigenen Lebensentwurf. Wie hätte Hesse gesagt: „Wir sind Menschen. Und für den Menschen gibt es nur einen natürlichen Standpunkt, nur einen natürlichen Maßstab. Es ist der des Eigensinnigen.“ (1917)

Doch der Kunstmarkt hat seit damals die Reihen wieder fester geschlossen. Auch der Verleger Jochen Jung tönte im Artarium „Es gibt Literatur – und es gibt Selbsthilfegruppe.“ Ach, ja wirklich? Und wer bestimmt den Unterschied? Wer steht an der Rampe und selektiert das Werte vom Unwerten? Wer qualifiziert denn da die Aussagen, die Gedanken und Texte nach ihrer Arbeitsfähigkeit oder Restlebenszeit? Der Herr Doktor Geldgemengele? Auschwitz reloaded! Womit wir auch schon wieder mitten im Salzburger Gunstbetrieb angelangt wären. Ja, natürlich, sagt der Festspielhausverstand, Kunst ist, was Geld bringt. Die Diktatur des Wohlfeilen. Die Prozession der sich Prostituierenden. Haben wir den Begriff des Feudalismus jetzt eigentlich vergessen oder verdrängt? In der Kunstgeschichte der Hochkulturen ist doch fast ausschließlich das erhalten geblieben, was der Imagepflege von brutalen Herrschern und ihren Weltmachtideologien diente. Michelangelo Superstar ist das Ergebnis einer fortwährenden Castingshow – von Machiavelli Multimedici…

Deshalb ist auch Francois Villon echter Rock’n’Roll, echter Existenzialistenpunk, weil er nie Auftragsgünstler war! Aber die derzeitige Ideologie der industriellen Vernutzzweckung macht aus jeder Selbstäußerung eine Handelsware, wenn sie nicht bei drei auf dem Baum ist. Darüber ließe sich noch ebenso endlos wie trefflich schimpfen. Doch wo bleibt das Perspektivische? Was macht ein „gutes Bild“ aus? Der Jahrhundertfotograf Robert Capa soll gesagt haben: „It’s not the technique. It is the attitude.“ Die skandalöse Verführung in der Kunst ist eben nicht eine erkennbare Weltanschauung des Kunstschaffenden, sondern eine um den Preis der Gefühlsabspaltung behauptete Neutralität gegenüber der dargestellten Welt. Sie bedeutet die Leugnung der eigenen Emotionen und Bedürfnisse und somit die Aufgabe der Autonomie des Menschen. Klar, denn der muss sich ja als Künstler dem Diktat des marktwerten Erfolgs unterwerfen. Und jetzt aber Schnauze, Köhlmeier! Wir verführen euch allerdings – in aller Offenheit – hier zu diesem: „Mach dein Ding!“ Denn wir sind ein geiles Institut 😀