Die Büchse der Corona

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. MärzAlbert Uderzo ist tot. Das betrübt viele von uns, aber immerhin wurde er über 90 Jahre alt. Sein kongenialer Partner René Goscinny dagegen verabschiedete sich schon mit 51 von der Welt, allerdings mit einer schwer überbietbaren Schlusspointe: Er erlitt mitten in der Untersuchung bei seinem Kardiologen einen Herzinfarkt, als der ihn auf einen Ergometer setzte. Wir bedanken uns bei beiden für die Erfindung des “globalen gallischen Dorfs” und wollen auch fürderhin so unbeugsam sein wie dessen Bewohner, zumal wir bedingt durch die akute Corona-Pandemie nach wie vor von zuhause produzieren. In dem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass der Bösewicht im Asterix-Band Nr. XXXVII (Asterix in Italien) Coronavirus heißt – nur halt nicht in der deutschen Übersetzung.

Hundertwasser und die Silhouette der CoronaDie Begründung des für dieselbe zuständigen Klaus Jöken klingt nach doppelt eingesprungenem Insiderschmäh und beweist, dass für manche auch die verzwirbelte Wendeltreppe den Denkweg zur Assoziation darstellt. Caligarus? Geh bitte! Und was tut sich in der Welt der realen Zaubertränke und Fake Facts? Glauben Amerikaner tatsächlich, dass COVID-19, auch kurz Corona”, durch den Genuss einer mexikanischen Biersorte (!) übertragen wird? Wo ist der Harry Lesch, wenn man ihn mal dringend braucht? Ach ja, hier erklärt unser Held der Zahlen und Fakten einmal verständlich, wie man diverse Corona-Statistiken (Sterberate etc.) interpretieren kann. Oder hier eine Gesamtdarstellung aktueller Forschungsergebnisse zum Thema (wenn auch etwas reißerisch und massenkompatibel aufbereitet). Auf jeden Fall bleiben wir dabei: In Zeiten wie diesen, wo Verschwörungsesoteriker und ihre Gläublinge alle Welt medial mit ihren Schwindligkeiten infizieren, ist der Herr Professor ein Fels in der Brandung des Aufgeregten. Genau wie Peter Filzmeier im Hysterium der heimischen Innenpolitik. Was uns nunmehr zur Situation in Österreich und in uns selbst führt.

In dieser Sendung betrachten wir erstens die Vergewaltigung von Kunst und Kultur zum Zweck des Geldmelkens am Beispiel des Après-Ski in Ischgl. Dazu der “Herr Gesundheitslandesrat von Tirol” im ZiB 2 Interview. Zweitens widmen wir uns der Innensicht auf die unsichtbare Bedrohung, zumal wir ja derzeit alle in emotionalen Turbulenzen hausen. Und drittens zitieren wir (im Kontext individueller Schicksale vor globalen Ursachen) Konstantin Weckers “Stürmische Zeiten, mein Schatz”, dessen Refrainzeile “Leben ist Brücken schlagen – über Ströme, die vergehen” aus dem Gedicht “Schleierkraut” von Gottfried Benn die Hoffnung des Menschseins anrührt.

War da zuletzt nicht auch Hoffnung – in der Büchse der Pandora?

Gesundheit!

 

Kein Zurück

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. März – Irgendwo im Skiparadies Pandora (oder wars in Italien?) haben ein paar Ballermandln die Büchse der Corona umfallen lassen – und schon machen wir Sendungen mit Sicherheitsabstand. Im Einklang mit den geltenden Maßnahmen der Regierung versucht auch die Radiofabrik, jedwede Ansteckung mit dem depperten Coronavirus zu verhüten – und stellt unter anderem den Livebetrieb ein. Was uns nicht die Bohne daran hindert, euch auch weiterhin mit dem etwas anderen Kunnst-Biotop zu beseelen, auch wenn wir jetzt eine Zeit lang unsere Artarien von daheim aus produzieren werden. Oder wie Wilfried Schmickler sich unnachahmlich hineinsteigert: “Es gibt kein Zurück!” Da müssten schon andere kommen, um unser Sendungsbewusstsein auch nur ansatzweise anzuknabbern

Wilfried Schmickler - Kein Zurück“Kein Zurück” heißt demgemäß auch Wilfried Schmicklers aktuelles Programm, aus dem wir ein hoffnungsfroh kulturkritisches “Best Of” zu Gehirn bringen. Der schon seit Ewigkeiten aus TV-Sendungen wie den “Mitternachtsspitzen” bekannte Ex-Ministrant versteht es wie kaum ein anderer, apokalyptische Sprachbilder aus biblischem Bestand in gesellschaftspolitische Gegenwartsprophezeihungen zu verdichten, dass es einem die gewohnte Gleichgültigkeit abräumt. Sprachmächtig und sprachverliebt dicht sind auch seine Tiraden aus Triaden und Alliterationen aus Adjektivkaskaden und er kann singen! Ach, hört euch das doch einfach einmal an, lasst euch in diesen Fluss fallen und treibt eine Zeit lang dahin in der verschlungenen Welt der Bildworte und Wortbilder und Assoziationen und Einfälle und plötzlich zusammengeratenden Sinnstiftungen. Es soll euer Schaden nicht sein und – keine Angst, wir kommen ja alle wieder zurück von diesem Road-Trip nach Nicht-Nowhere. Wir kümmern uns drum, versprochen.

Gerade in entschieden sehr sonderlichen Zeiten wie diesen, in denen uns alle nur möglichen Empfindungen vermehrt anspringen, in denen wir Angst haben, zweifeln, uns nicht auskennen und uns daher ohnmächtig fühlen, können derlei humoreske Betrachtungen des Weltwahnsinns und seiner drohenden Folgen ein geeignetes Therapeutikum fürs Dranbleiben und Durchstehen sein. Fürs sich wieder an sich selbst erinnern. Bei aller Betroffenheit – Lachen (auch über sich selbst) ist gesund.

Aber dennoch nicht verzagen,
überstehn.
Leben heißt Brücken schlagen
über Ströme, die vergehn.

Konstantin Wecker (nach Gottfried Benn)

 

Vorwärtsrückwärts

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. FebruarDie Frage war: Worüber können wir eine Sendung machen in diesem Faschings-, Fastnachts-, Karnevalskontext, wo sich doch ringsum ein Politkasperltheater nach dem anderen abspielt. Denn merket wohl: nach dem Verarschungsdiestag kommt unweigerlich der Arsch am Mittwoch, da kann man die Bretter, die die Welt bedeuten, noch so fest vor den eigenen Kopf halten (oder sie dem weltanschaulichen Gegenunter über denselbigen schlagen) “Ich blick verzweifelt rings – und lechz’ – nur öde Schnösel links und rechts.” Es wird also in deinem Sinn weiter gejandlt, lieber Ernst. Gute Güte, Vorwärtsrückwärts ist eine der allerfeinsten Wortschöpfungen aus jener Zeit des kalten Krieges, in der die jeweilige Richtung nicht schwel zu velwechsern war. – Oder war auch das schon ein Irrtum?

VorwärtsrückwärtsGibt es die Unterscheidung von vorwärts (links) und rückwärts (rechts) überhaupt – oder wollen alle Eliten doch immer nur an die Macht (oben)?Vilfredo Pareto hat das in seiner Elitensoziologie  etwa so beschrieben. Er hat auch Mussolini beraten, wie man “das Volk” mittels eines entmachteten Parlaments verscheißert. Grüße nach Thüringen! Da sitzt einer bis über beide Ohren im Vogelschiss der deutschen Geschichte und spielt mit dem Landtag Bauanoasch. Was fällt uns dazu noch ein? Volksmusik? Ich weiß zwar, wie die berühmten Bratwürste riechen, aber nicht, wie sich thüringische Musikkultur anfühlt. Oder ob und inwieweit es dort überhaupt Künstler*innen gibt, die sich mit derlei Tradition beschäftigen und selbige dann zeitgemäß, unterhaltsam und eben auch kritisch interpretieren (verbearbeiten). Aus Österreich und aus Bayern hätten wir da ein paar Beispiele anzubieten, nämlich die Herren Attwenger, die seit Jahren ihre musikalischen Herkunftswurzeln lustvoll durch sämtliche Stilrichtungen schießen, und den furiosen Weiherer, der mit seiner klugen Mischung aus Liedern und Gschichtln den fast schon zu Tode zerbrauchten Begriff “Heimat” wieder allgemein zugänglich macht. Denn ist es nicht unser aller

“Vorwärtsrückwärts oder Das unheimlich totale Leben” ist übrigens der Titel eines Romans von Franz Mechsner aus dem Jahr 1981, den es nur noch antiquarisch zu kaufen gibt. Er enthält eine Szene, in der ein junger Mann bei einer Demonstration in Wien auf ein Denkmal klettert. Als ich das Buch las, fand ich mich genau darin wieder.

 

Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. Dezember – ACHTUNG: Dieses lustige Wortfeuerwerk erscheint unpünktlich zum Jahresschluss, es kann daher auch als verspätete Geschichtensammlung unter einen sterbenden Baum gepackt werden. Geschichten nämlich kann Torsten Sträter, der sich selbst als Autor, Vorleser und Poetry-Slammer beschreibt, richtig gut, weshalb wir ihn gern einige derselben aus seiner letzten Sammlung hier erzählen lassen. Gute Unterhaltung ist derzeit ja nicht wirklich flächendeckend. Da ist es durchaus erbaulich, gut verdichtete Geschichten aus der Wahrnehmung des Weltgedümmels anzuhören, die in ihrer Beschaffenheit zugleich vermitteln, dass Dichtung etwas mit dicht und Geschichten etwas mit dem Schichten von mehreren zu tun haben soll. Alles andere wäre das übliche Geblah.

Torsten Sträter unpünktlichEinwurf: Wir mögen Dieter Nuhr nicht. Er ist uns unsympathisch. Politisch verkörpert er das, was schon in den 70er Jahren zutiefst konservativ war: Aktenzeichen XY, beige Schnürlsamthosen, den Wackeldackel sowie Gelsenkirchner Barock. Und dennoch präsentieren wir hier einen Künstler, der in dessen monatlicher Fernsehshow regelmäßig als Gast vorkommt. Ja, liebe Freunde und *innen, was hat das zu bedeuten? Man könnte es als Fußnote zur nächsten Sau verstehen, die durchs globale Dorf getwittert wird, was auch immer der Grund für die nächsten “15 Minutes of Empörung” von wem auch immer dann sein mögen. Doch zurück zu den gut abgehangen Geschichten, deretwegen wir Torsten Sträter aus vollster Überzeugung eine Bühne anbieten – und euer Ohr leihen wollen. Denn die sind, für sich genommen, von so herausragend dichtem Witz und abgründiger Formulierungslust geprägt, dass man schlechterdings lachen muss, auch zu Zeiten (und an Orten!), die eigentlich eher zum Weinen sind. Zur Verdeutlichung dieses Zustands seien nunmehr zwei Beispiele angeführt: “Adventskrätze” aus seiner WDR-Show “Sträters Männerhaushalt” und “Hotels” aus dem titelgebenden “Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein”. Speziell bei letzterem kommt die Emotion seiner genial verdichteten Kunstfigur zum Tragen, da schnaubt und rüpelt der Ruhrpott – und man begreift, dass es Dort-Mund heißt.

Wie nun allerdings “unpünktlich” mit “zu sein” zusammen hängt? Well…

 

Brimborium in excelsis

Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. DezemberSo ein schöner Sendetermin! Der 4. Adventsonntag, und Weihnachten steht vor der Tür! Lauert geradezu auf den Höhepunkt seiner Stattfindung, wobei es uns doch längst allerorten umgibt in seiner Unentrinnbarkeit. Weder den Festspielen noch der Touristenflut kann man so kaum ausweichen wie diesem christlich-kommerziell überhöhten Jahresschlussbimbam. Der legendäre Radioaktivist Peter.W. stellte einst eine Spezialausgabe des Artarium unter das Motto: “Diese Sendung widme ich allen Weihnachtsverweigerern.” Was will uns der Dichter damit sagen? Finden wir es heraus! “Der Begriff Brimborium wird allgemein für Nebenumstände, Überflüssiges, unnützen Aufwand, Getue verwendet.” Das sagt Wikipedia dazu. Aber wir wären nicht wir, wenn wir da nicht auch noch

Brimborium…eine Spezialausgabe mit einem diese Geschichte weiterspinnenden Themenschwerpunkt auf die Welt brächten. Zwar nicht so etwas wie den inzwischen zum Kult geratenen Loriot-Kurzfilm “Weihnachten bei Hoppenstedts” – dafür jedoch eine hinterfragende Beleuchtung jener Umstände, die das Brimborium zur Hauptsache erheben – und die das Wesentliche allzu schwer erkennbar machen. Präziser: “Ich widme diese Sendung dem blinden Fleck.” Damit ist alles gesagt – der Rest ist Kunst, und die geschieht bekanntlich in euren Köpfen, genauer gesagt zwischen den Ohren.

In einer Gesellschaft, die nach wie vor zutiefst gespalten ist zwischen Gut und Böse, und die trotz aller ernsten Probleme noch immer verzweifelt versucht, erwünschtes Verhalten durch Gebote und Verbote herbei zu zwingen, kann es kein Handeln aus Überzeugung geben. Der Erfolg ihrer “Erziehung” zum Guten (vom Schönen und Wahren ganz zu schweigen) besteht bestenfalls in einer lebenslang eingenommenen Pose – gegenüber dem, was als strafdrohende Macht erlebt wird. Um eine solche Anpassung an das jeweils Vorgegebene leisten zu können, ist es für ihre Mitglieder notwendig, die eigene Ambivalenz zu leugnen und den negativen, unerwünschten Teil ihrer Persönlichkeit abzuspalten. So erzeugt jede herrschende Ideologie genau das, was die Einstürzenden Neubauten einstmal als “Halber Mensch” beschrieben.

Ja, und jetzt? Gaudete!

 

Radio Empfängnis

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. DezemberSeit Jahren (und wenn ich das sage, dann meine ich das auch so) begrüßt der Herr Hase unsere Zuhör*erinnern “an den Empfängnisapparaturen ihres Vertrauens”. Dieses Sprachspiel, das zunächst die Begriffe “Empfang” und “Empfängnis” vertauscht, wurde uns erstmals durch Jochen Malmsheimer in seinem privatradiokritischen “Kochen mit Jochen” dargereicht. Von den Empfängnisgeräten zu den entsprechenden Apparaturen war es dann nur noch ein kleiner (und durchaus logischer) Schritt. Nunmehr feiert sich heutigen Datums eine weitere Empfängnis, die ohne detailliertere Kenntnis katholischer Kirchengeschicht gar nicht so leicht herzuleiten ist: Mariä Empfängnis oder offiziell Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Jössasmarandjosef

Radio EmpfängnisDabei geht es nämlich nicht um die Zeugung von Jesus durch den heiligen Geist (oder das bayrische Weißwurstzipferl), sondern um eine Spitzfindigkeit im theologischen System. Ein letztlich von Papst Pius IX. 1854 verkündetes Dogma, dessen Entstehung gut 750 Jahre an Diskussionen alter Männer mit lustigen Hüten erforderte. Nur gut, dass die damals noch kein Radio hatten, Sender und Empfänger und so. Dieses Programmschema ist jedoch auch seit Jahrhunderten genauso eingefleischt wie deren Kommunion: Mund auf, Hostie rein, Kopf ab zum Gebet – und Amen und aus. Der Sender sagt, was zu tun ist – und die Empfangenden gehorchen. Jesus befiel – wir folgen dir! Wer nicht gehorcht, fliegt raus und wird umgebracht. Mahlzeit! Womit wir beim Höhepunkt menschlichen Fortschritts angelangt wären – der grenzenlosen Freiheit des heiligen Marktes und seiner lieben Frau, der Wirtschaft. Jetzt singen wir alle das Hohelied auf ihr ewiges Wachstum: “Gebeinebreit bist du unter dem Weihrauch und gebeinebreit ist die Frucht deines Treibens, Umsatz.” – Was war das nicht für eine Zeter- und Zerrerei, ob und wie lang die Geschäfte am 8. Dezember geöffnet sein dürfen, um den Gewinn der Eventkrampfstandler noch ins Unengliche zu überhöhen! Wenns dem Wirtshaus gut geht, gehts dem Wirten gut. Alle anderen sind eh blöd genug, sich vom jeweiligen Oberstkellner empfängern zu lassen – und tragen sogar noch ihre Haut zum Markte. Kling, Glöckchen, klingelingeling – kauf, zahl und geh sterben, depperte Menschheit.

Wir aber senden selbst. Und wir kritisieren beides: Den katholischen Hirnbimbam genauso wie den entfesselten Marktwirrwarr. Was immer einem “von oben” gefickt eingeschädelt angeschafft wird, kann allein schon deshalb nicht gut sein. Oder wie es Georg Kreisler ausdrückt: “Jede Art von Macht ist falsch.”

 

Das große Geschäft

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. November“Fuchs, du hast die Gans gestohlen…” Nein, eh nicht ganz. Aber um ungefähr ein Viertel gekürzt hast du die Förderung für den Dachverband Salzburger Kulturstätten. Ohne finanzielle Not – und ohne inhaltliche Begründung. Ob das für diese Stadt ein gutes Geschäft ist – oder ob da nur jemand sein großes Geschäft gemacht hat? Lasst uns doch einmal über den Scheißdreck reden. Und lasst uns das mit den Worten des wunderbaren Axel Corti tun: “Die Macht möge endlich die Courage haben, aus ihrer verknorpelten Haut zu schlüpfen. Die Kompetenzen, die sie sich angemästet hat, stehen ihr nicht zu. Sie hat nicht zu befinden über Kunst oder über Nicht-Kunst, über brave und schlimme Künstler, über freche – und hoffentlich volksnahe Kunst.” So sagte er es bereits 1989.

Das große GeschäftEntsetzlicherweise ist derlei nach wie vor hochaktuell – und passt – genau wie die Faust aufs Auge: “Über Meinungsumfragen, diese Rosenkränze der Mächtigen, die sie geradezu süchtig nachplappern, über Meinungsumfragen lässt sich Kunst und ihre Auswirkung nicht ausmachen. Die Kunst hat sich diesen hurtigen Ritualen zu versagen. Der Künstler, der sich wirklich riskiert, verweigert sich.” Man muss kein Schelm sein, um sich bei der Vorgehensweise der Stadtmächtigen explizit Böses zu denken. Denn der Dachverband als Interessenvertretung und Serviceeinrichtung für zahlreiche Initiativen und Künstlergruppen in Stadt und Land Salzburg leistet etwas sehr Substanzielles, ohne das die Kunstschaffenden der “freien Szene” in eine oft überfordernde Vereinzelung zurückfallen müssten, speziell bei Budgetverhandlungen, Öffentlichkeitsarbeit oder auch Koordination (Vernetzung) untereinander. Es geht also um nichts anderes als die Ermächtigung von freien Kulturarbeiter*innen zu selbstbewussten Projektpartnern im Sinne der gedeihlichen Entwicklung einer vielfältigen, interessanten und somit lebenswerten Gesellschaft. Und nicht um devotes Bittstellertum in den Vorzimmern der “Macht”.

Axel Corti: “Der Humus eines Landes braucht seine Regenwürmer. Mag der Mächtige allemal ein Traktorist sein, ein vollautomatischer Motorpflug, der Regenwurm ist allemal der Künstler.”

 

Wer die Qual hat

> Sendung: Artarium vom Wahlsonntag, 29. September – Es ist halt schon so, dass sich die “Wirklichkeit da draußen” auch auf unsere inneren Wirklichkeiten auswirkt. “Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Wenn Friedrich Nietzsche damals schon von Fernsehen und Social Media gewusst hätte, dann würde er über einen “Abgrund, der einem ins Gesicht springt” nachgedacht haben. Und wäre ihm Edward Bernays‘ Propaganda bekannt gewesen (von Joseph Goebbels bis zu den Werbespots unserer Tage), dann hätte er wohl gemeinsam mit uns “gefickt eingeschädelt” gesagt. Die Qual der Wahl ist nämlich, dass wir keine haben. Denn ganz egal, für welches Produkt wir uns (angeblich so frei) entscheiden, es stammt (so wie alle anderen auch) aus dem gleichen Geschäft, dem Supermarkt.

Wer die Qual hatEine geniale Wortschöpfung, dadurch finden dann alle, die dort einkaufen, den Markt super. Und dass sich die meisten von uns Begriffe wie Demokratie oder Meinungsfreiheit nur mehr in Verbindung mit einem marktwirtschaftlichen System (eigentlich Kapitalismus) vorstellen können, auch das ist Ergebnis einer smarten PR-Aktion von Edward Bernays – im Auftrag von US-amerikanischen Wirtschaftsverbänden. Dass der Nazipropagandist Goebbels seine Methoden zur Beeinflussung der Deutschen ausgerechnet von einem Juden abgekupfert hat, ist eine spezielle Fußnote der Geschichte. Edward Bernays war nämlich Nachfahre eines berühmten Rabbiners und zudem in zweifacher Hinsicht Neffe von Sigmund Freud, dessen Bücher der hatscherte Brüllaff Goebbels wiederum verbrennen ließ. Was lernen wir daraus? Dass Politik generell nichts mit Wahrheit zu tun haben muss, um erfolgreich (pfuigack) zu sein. Oder schauen wir uns einmal in der politischen Gegenwart um: Microtargeting, Cambridge Analytica, Social Engineering, unsere Welt ist voll von inhaltsleeren Politdarstellern, die sich mit miesen Tricks an die Macht schwindeln. Auch unsere kleine Welt Österreich. Wer über die richtigen Methoden (schlag nach bei Bernays) und genügend Geld verfügt, kann die Massen zum gewünschten (Wahl)ergebnis manipulieren. “Manufacturing Consent” oder “Du hast keine Wahl, also nutze sie!” Wer die Qual hat, hat die Qual.

“Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh” Das ist der Titel der Lebens- und Überlebenserinnerungen von Marko Feingold, der am 19. September von uns gegangen ist. Wir haben ihn bei einigen Sendungen und Projekten kennen gelernt und wollen sein Vermächtnis (vor allem seinen legendären Humor) in einem kurzen Nachruf würdigen. Etwas Wesentliches jenseits des aufgeregten Politbimbams

 

Gender Marie*chen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. JuliGendarmerie versus Gender-Marie oder Bauhaus und Missfits – wie passen die überhaupt zusammen? Zugegeben, die Auswahl dieser aparten Kombination verdankt sich meiner persönlichen Erinnerung an die 80er Jahre – und vor allem daran, wie sich Zukunft und Möglichkeit dazumals anfühlten. Jedwede Art von Aufbruch, Emanzipation aus der hergebrachten Rollen- und Genrezuschreibung, Selbstbestimmung von Klangfarbe, Identität, Verhalten – es erschien demnächst erreichbar, alles nur eine Frage der Zeit (und des Bemühens um authentischen Ausdruck, mit Nachdruck). Heute sind viele von uns desillusioniert, gerade im Hinblick auf die substanzielle Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Toleranz und Gerechtigkeit. Wir fragen uns, ob das wirklich schon alles gewesen ist…

Gender MariechenZum Beispiel finden sich inzwischen auch die Töchter prominent im Text der Bundeshymne – der Unterschied in der Bezahlung von gleichwertiger Arbeit ist allerdings nach wie vor oft erheblich (zwischen Männern und Frauen). Gehts denn noch? Und anstatt Gleichheit der Geschlechter endlich zu etablieren, werden jetzt auch noch andere Gruppen in der Gesellschaft fröhlich gegeneinander aufgehetzt – und ausgespielt. Juhu! Wo leben wir eigentlich – in Geldmachtwirtschaftshausen? Es ist echt zum Speiben. Da greifen wir dann (durchaus zum Trost, jedoch auch zum Wiedererinnern an jene richtige Richtung, die längst eingeschlagen war) gern auf die Heterofeministinnen Gerburg Jahnke und Stefanie Überall zurück, die ja schon in den 80ern das Genre “Frauenkabarett” von sich wiesen: “Wieso? Es gibt doch auch kein Männerkabarett.” Oder auf die Avantgardisten des Dark Wave, die es auch vehement ablehnten, dem Genre “Gothic” einverleibt zu werden, wiewohl viele Schachterlscheißer sie genau als “Begründer desselben” bezeichnen. Wenn man einmal genauer betrachtet, was Gitarrist Daniel Ash alles unternahm, um seine Gitarre eben nicht wie eine Gitarre klingen zu lassen, dann möchte man fragen: “Was für ein Gender hat dein Sound?

Ein Wiederhören mit den Provokantinnen und den Nebelverhüllten, die jeweils auf ihre eigene Art und Weise Spuren in unserem Sendungsleben hinterlassen haben, gänzlich neu (re)kombiniert – naturgemäß für den guten Zweck.

 

Mikroaggression

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Juni“Beim Reden kommen die Leut zamm.” So auch Slavoj Žižek und Jordan Peterson, als deren Gemeinsamkeit die Kritik am Konzept der “Political Correctness” gilt, just am Karfreitag, und dann auch noch zum Thema “Happiness: Capitalism vs. Marxism”. Eine stets hektisch nach Aktualität hechelnde Medienwelt hat diesen professionell vermarkteten Event schon im Vorfeld zu einem “Philosophenduell” hochgejodelt – und bespricht ihn im nachhinein auch wie einen Boxkampf oder Ähnliches. “Wer hat gewonnen?” Derlei geht uns naturgemäß am Arsch vorbei. Doch das Wort Mikroaggression (und wie Jordan Peterson dessen aktuellen Gebrauch wahrnimmt) ist im Kulturoskop der Artarium-Redaktion hängen geblieben, und so wollen wir es gern näher betrachten…

Mikroaggression ist ein sozialpsychogischer Begriff aus den 70er Jahren, der speziell an Universitäten des englischen Sprachraums derzeit ein fragwürdiges Revival durchmacht. Apropos Macht, ich verstand damals darunter ein Erscheinungsbild struktureller Gewalt und finde es daher heute mehr als zweifelhaft, die Verantwortung dafür wiederum dem Verhalten einzelner Individuen zuzuschieben. Sowas ist doch reaktionär. Oder christlich konservativ. Weltfinanzquadratfundamentalistisch. Genau andersrum würde ein linker Schuh draus, liebe Genoss*innen. Oder? Wenn ich das “Konzept Mikroaggression” im Kontext von “politischer Korrektheit” einmal logisch durchdenke, dann dürfte ich keinen schwarzen Taxifahrer mehr fragen, wo er her kommt (weil er sich dadurch abgewertet fühlen könnte) – und so würde ich weder Interessantes über zum Beispiel Somalia erfahren, geschweige denn Nähe und menschliche Verbundenheit herstellen können. Aber die fortschreitende Entfremdung der humanoiden Plemplems von einander (und somit vom Leben an sich) ist ja eh kein besonderes Problem unserer Gesellschaft. Viel mehr, ob und wie man nicht Neger sagt. Da hat Žižek wohl recht, wenn er hier das visionäre Versagen der gesamten Linken konstatiert. Und Peterson ist vielleicht nicht “der Stichwortgeber” der neuen Rechten, als der er gern verkauft (oder vereinnahmt?) wird. Zwischen dem Bericht über das “Showduell” (im “Zeit”-Feuilleton) und der inhaltlichen Analyse des Gesprächs (von Benjamin Studebaker) liegen jedenfalls Welten an Wirklichkeit.

Reden wir drüber.

Slavoj Žižek hat wie immer seinen ganz eigenen Zugang and so on and so on…

So wie übrigens auch Jordan Peterson, hier im norwegischen Fernsehen