Songtexte auf deutsch Projekt

Artarium am Sonntag, 22. September um 17:06 Uhr – Zwei Sänger, zwei Stimmen, zwei Persönlichkeiten. Zwei Poeten aus verschiedenen Szenen und Zeitaltern, deren jeweiliger Background auch ihre Songtexte und ihren jeweiligen Gesangsstil prägen. Dennoch haben sie mehr gemeinsam, als der erste Eindruck vermuten lässt. Was das genau sein könnte, dem wollen wir in dieser Sendung nachspüren, indem wir ein paar Ohrenblicke auf ihre Gesangskunst werfen. Die Rede ist von Peter Hein (Sänger der Fehlfarben) und Dirk von Lowtzow (Sänger von Tocotronic). Und wie sich von uns zu Recht erwarten lässt, haben wir für unsere Untersuchung keine der bandtypischen Hadern wie etwa “Ein Jahr (Es geht voran)” oder “Let there be Rock” ausgewählt, sondern in der Hauptsache eher seltene Songs, Reworks und Collaborations

Songtexte auf deutsch von Peter HeinDas Wiederentdecken der einstmals von diversen Hausbesetzern gleich mitbesetzten Fehlfarben sowie der speziellen Singstimme von Peter Hein verdanken wir Misha Schoeneberg und seinem Bemühen, die Songtexte von Leonard Cohen in singbare deutsche Versionen zu übersetzen, hier: “Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache” Oft macht ein einzelnes Wort den entscheidenden Unterschied: Den Cohen-Song “Democracy” als “Gerechtigkeit” wiederzugeben, spendet inmitten der herrschenden Sprachinflation jedesmal Trost, wenn irgend so ein Papperlapapp demokratisch daherfaselt. Meditieren wir ein Weilchen über das prophetische Lied: “Fehlfarben – Gerechtigkeit” Dirk von Lowtzows Stimme hinwiederum taucht plötzlich im Abspann der sehr lustigen Romanverfilmung von “Tschick” auf, und zwar in einer Beatsteaks-Coverversion von “French Disko” (Original von Stereolab), in der er seine eigene deutschsprachige Textübertragung singt. Let there be Tschick!” Und es ist deutlich hörbar, dass da eine ganz andere Stimmpersönlichkeit zu Werke geht – wiewohl, es gibt auch Übereinstimmliches, möchte man sagen. Was verbindet also den 1971 geborenen Adelsspross mit dem 1957 geborenen Angestellten? Was haben die Hamburger Schule und der frühe deutsche Punk gemeinsam? Kann man das ohne musikwissenschaftliche Studien und einfach nur mit den Sinnen erfassen? Wenn man beispielsweise nichts darüber weiß, was ihrer Zusammenarbeit dazumals beim Fehlfarben-Song “Internationale” (fürs Jubiläums-Album 26½) zugrunde lag?

Aber hören und spüren wir selbst…

 

The Young Gods play Woodstock

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. September – Jetzt ist es dann aber auch wieder einmal gut mit der ganzen 50-Jahre-Woodstock-Revivalerei. Wiewohl sich einige unserer Kolleg_innen erfrischend anders als der sonstige Medienmainstream mit diesem Jubiläum befasst haben, so etwa Erwin Müller in Flower Power Radio (der gleich in mehreren Folgen den Konzertmitschnitt mit allerlei Anekdoten und Hintergrund-Informationen garnierte) oder Karl Krenner in Karls Roaring Sixties (der auch Liveaufnahmen vom Festival präsentierte, die weder im bekannten Film noch auf den ebenso populären Live-Tonträgern zu hören waren), so ist uns doch insgesamt eine ziemliche Überdosis an Woodstock-Sentimentalität um die Ohren geflogen. Also, machen wir Schluss damit: “Woodstock in die Wurschtmaschin!”

the young gods play woodstockDoch wer uns kennt, weiß längst, dass derlei Verwurschtung und Zertrümmerung hierzuohrs stets nur würdigend und künstlerisch anspruchsvoll sein kann, niemals flach verächtlich machend oder gar plump herablassend. Dazu haben wir sodann auch tatsächlich ein passendes Gesamtkunstwerk gefunden, und zwar “The Young Gods play Woodstock”, die nicht mehr ganz so offizielle Aufnahme vom Willisau-Jazzfestival 2005. Das schweizerische Post-Industrial-Kollektiv rund um Franz Treichler führt diese wegweisende multimediale Ver(be)arbeitung des Woodstock-Mythos in Gestalt einer Verschmelzung von Originalfilmsequenzen und Originalsound mit bearbeiteten Samples sowie ihrer eigenen Livemusik auf. Das dabei entstandene Werk ist gleichzeitig eine Verbeugung vor der damaligen Ideenwelt – und eine gelungene Übertragung des damaligen Kreativgeists in die gegenwärtige Zukunft. Und das nicht ohne Ironie! Ein Höhepunkt ist zum Beispiel Erika Stucky als Roger Daltrey (See me, feel me) oder als Joe Cocker (With a little help from my friends). Ein weiterer sind die subtilen Anspielungen auf jene Bands, die nicht oder nur fast am Festival teilnahmen (The Rolling Stones, The Doors)…

Leider gibt es von diesem Projekt kaum noch brauchbare Aufnahmen im Internet. Dieses Video vom Paleo Festival Nyon 2009 kann allerdings einen ersten Eindruck von der Bühnenshow vermitteln. Und das von mir ausgewählte (ich habe mir erlaubt, den gut eineinhalbstündigen Willisau-Bootleg auf etwas über 40 Minuten zu kürzen) “Star Spangled Banner” kommt dem feuchten Traum vieler Gitarristen, einmal mit Jimi Hendrix gemeinsam auf der Bühne zu spielen, noch am nähesten (zumal man den Verblichenen ja nur schwer wieder zum Leben aufblasen kann). In diesem Sinn also “Purple Haze” – in der Young-Gods-Version – zur geneigten Einstimmung.

 

The Wall zum Geburtstag

Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. September (Doppelstunde) – Haben wir jetzt endlich alle Jubiläen beinand? Neben Woodstock und dem 2. Weltkrieg gäbs da noch Roger Waters und The Wall. Das legendäre Pink-Floyd-Konzept-Doppelalbum kam im Herbst 1979 erstmals als Studioversion über uns – und entwickelte sich schon bald zu einer interdisziplinären Darstellungsvielheit, die bis heute immer wieder zu neuen Wegen des Musik- und Geschichtenerlebens inspiriert. So entstand etwa 1982 unter der Regie von Alan Parker ein wahrhaft genresprengender Film (Ausschnitt) zu The Wall, in den Jahren zuvor war die Rockoper noch von Pink Floyd selbst gelegentlich als Livekonzertspektakel aufgeführt worden, und 1990 inszenierte sie Roger Waters anlässlich des Falls der Berliner Mauer noch einmal neu – am Brandenburger Tor

Roger Waters - The Wall Live (Film)Doch damit nicht genug ging der inzwischen in Ehren ergraute und nichtsdestotrotz nimmermüde Pink-Floyd-Miterfinder noch von 2010 bis 2013 mit einer behutsam weiter entwickelten Version von “The Wall Live” auf Welttournee. Der Fokus seines schier unendlichen Work-In-Progress verschob sich dabei mit der Zeit vom bloßen Beobachten allgemeiner Entfremdung hin zu einer furiosen Kritik an den dafür ursächlichen Verhältnissen. Der heute 76-jährige Roger Waters ist zu Recht zornig und weist mit dem Finger des Propheten in die klaffenden Wunden unserer Welt: Krieg als ultimative Erscheinung staatlicher Gewalt gegen den Einzelnen. Bei ihm heißt das zugrunde liegende Prinzip Staatsterrorismus – und speist sich auch aus seinem Nichterinnern an den Verlust seines Vaters Eric Fletcher Waters, welcher 5 Monate nach Rogers Geburt in der völlig verunglückten allierten Landeoperation bei Anzio zu Tode kam. Sein lebenslanges Abmühen an diesem so umfassenden Grundtrauma, und dass er es bis heute in künstlerische Ausdrucksformen zu übersetzen versteht – das macht uns den Mann einfach sympathisch. Man höre etwa “The Fletcher Memorial Home”

Roger Waters - mehr als nur der Schöpfer von The Wall

Nachdem wir uns jetzt jahrelang durch (oft recht räudige) Live-Bootlegs und obskure Audience-Videos (bis hin zur leider nicht mehr auffindbaren Konzert-Reconstruction vom Mai 2012 in San Francisco, bestehend aus ebensolchen) durchgequält haben, ist mittlerweile ein ordentlicher Konzertfilm erschienen, der am 6. September 2014 (dem 71. Geburtstag des Künstlers) erstmals gezeigt wurde. Wir spielen den Sound-Rip des Spektakels heute zu seinem 76. Geburtstag (sowie zum 58. des Hundes) und erinnern an das erstmalige Auftauchen von verstörenden Bildern: “Another Brick in the Wall”

So you thought you might like to go to the show

PS. Hier noch die berührende Geschichte, wie Roger Waters nach über 70 Jahren vom Anzio-Veteranen Harry Shindler Genaueres über den Tod seines Vaters erfuhr.

 

Tocotronic – Schall & Wahn

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. AugustSeit dem Erscheinen des Tocotronic-Albums “Schall & Wahn” anno domino 2010 juckt es mich speziell zur Festspielzeit immer wieder, dieses wahre Meisterwerk in seiner vollen Länge von über 55 Minuten zu spielen. Jetzt ist es endlich soweit, zumal der Herr Hase und ich heuer eine entsprechend vertrackte Nachtfahrt namens “Wallfahrt nach St. Moloch” gestalten, in welcher wir die sonderbare Vorherrschaft der “Hochkultur” aufs Korn nehmen. Und was könnte dazu besser passen als ein paar dieser unverwechselbaren Dirk-von-Lowtzow-Texte, kunstvoll eingebettet in symphonische Noise-Gitarren? Bei Songtiteln wie “Schall & Wahn” oder “Keine Meisterwerke mehr” ziehts mir ja gleich den ganzen salzburgischen Festspielmoloch aus dem Verdrängungskerker.

Tocotronic - Schall & WahnZwar waren Tocotronic (wie eben so vieles) in meinem Bewusstsein schon seit einiger Zeit nicht mehr so frontal vorhanden wie anno damals, doch dann hörte ich plötzlich wieder die wunderbare Abspannmusik zu Fatih Akins Film “Tschick”Dirk von Lowtzow und Beatsteaks mit “French Disko” – und konnte mich der Hypnose dieser Stimme nicht mehr entziehen. So wie “Gift” eben auch verschiedenste Bedeutungen wiederspiegelt: Ein süßer Rausch aus Wortwitz und Poesie erhellt uns die Welt vor der Katerstrophe, dem Untergang, der dann auch nur vielleicht stattfindet. Unsere Kapitulation IST schon der Sieg. Ätsch! Bilddenkmenschen unter sich oder Warum Diskurswerfen keine olympische Disziplin darstelltZurück zu meinem persönlichen Festspieltrauma: “Die Folter endet nie” und “Gesang des Tyrannen” stehen hier prototypisch für jede ungewollt erlittene Unterdrückung. Und auch die Identifikation mit dem Aggressor (das Stockholm-Syndrom) findet hier seine Entsprechung, oder, wie es Arno Gruen ausdrückt, der Augenblick, “in dem das Vertrauen in den Terror kippt”. “Eure Liebe tötet mich” entlarvt nicht nur die Lüge von den guten Eltern (sowie überhaupt jeder “Obrigkeit, die es nur gut mit uns meint”), sondern zeigt auch die Ambivalenz der mit dem Erkennen dieses Betrugs verbundenen Gefühle. “Ein leiser Hauch von Terror”

Womit also beginnen, in dieser Zweckmühle, wo die verordnete Heimatliebe zugleich Widerstand und Geborgeheit auslöst? “Im Zweifel für den Zweifel” wäre ein Anfang. Oder hörts euch einfach die ganze Playlist an – und denkts euch selber was dabei…

 

Gender Marie*chen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. JuliGendarmerie versus Gender-Marie oder Bauhaus und Missfits – wie passen die überhaupt zusammen? Zugegeben, die Auswahl dieser aparten Kombination verdankt sich meiner persönlichen Erinnerung an die 80er Jahre – und vor allem daran, wie sich Zukunft und Möglichkeit dazumals anfühlten. Jedwede Art von Aufbruch, Emanzipation aus der hergebrachten Rollen- und Genrezuschreibung, Selbstbestimmung von Klangfarbe, Identität, Verhalten – es erschien demnächst erreichbar, alles nur eine Frage der Zeit (und des Bemühens um authentischen Ausdruck, mit Nachdruck). Heute sind viele von uns desillusioniert, gerade im Hinblick auf die substanzielle Veränderung der Gesellschaft hin zu mehr Toleranz und Gerechtigkeit. Wir fragen uns, ob das wirklich schon alles gewesen ist…

Gender MariechenZum Beispiel finden sich inzwischen auch die Töchter prominent im Text der Bundeshymne – der Unterschied in der Bezahlung von gleichwertiger Arbeit ist allerdings nach wie vor oft erheblich (zwischen Männern und Frauen). Gehts denn noch? Und anstatt Gleichheit der Geschlechter endlich zu etablieren, werden jetzt auch noch andere Gruppen in der Gesellschaft fröhlich gegeneinander aufgehetzt – und ausgespielt. Juhu! Wo leben wir eigentlich – in Geldmachtwirtschaftshausen? Es ist echt zum Speiben. Da greifen wir dann (durchaus zum Trost, jedoch auch zum Wiedererinnern an jene richtige Richtung, die längst eingeschlagen war) gern auf die Heterofeministinnen Gerburg Jahnke und Stefanie Überall zurück, die ja schon in den 80ern das Genre “Frauenkabarett” von sich wiesen: “Wieso? Es gibt doch auch kein Männerkabarett.” Oder auf die Avantgardisten des Dark Wave, die es auch vehement ablehnten, dem Genre “Gothic” einverleibt zu werden, wiewohl viele Schachterlscheißer sie genau als “Begründer desselben” bezeichnen. Wenn man einmal genauer betrachtet, was Gitarrist Daniel Ash alles unternahm, um seine Gitarre eben nicht wie eine Gitarre klingen zu lassen, dann möchte man fragen: “Was für ein Gender hat dein Sound?

Ein Wiederhören mit den Provokantinnen und den Nebelverhüllten, die jeweils auf ihre eigene Art und Weise Spuren in unserem Sendungsleben hinterlassen haben, gänzlich neu (re)kombiniert – naturgemäß für den guten Zweck.

 

Musik aus Salzburg in Aserbaidschan

> Sendung: Artarium am Sonntag, 21. Juli – Der Salzburger Minnesänger und Multiinstrumentalist Thomas Schallaböck war unlängst zu Gast in Aserbaidschan. Als ausgewiesener Spezialist für die Musik des Mittelalters stellte er dort nicht nur – etwa an der Universität – authentisches Liedgut auf historischen Instrumenten vor, sondern spielte auch in Baku zusammen mit dem Ensemble “Əsrlərin sədası” ein vielbeachtetes Konzert, das die elementare Verwandtschaft östlicher und westlicher Musiktradition aufzeigte. Dieses Konzert, das später sogar im aserbaidschanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, wollen wir euch heute ganz und gar zu gedeihlichem Gehör bringen. Da unsere Aufnahme einen recht weiten Weg hinter sich hat, haben wir sie für die Radiofabrik unseres Vertrauens noch ein klein wenig “aufpoliert”

Thomas Schallaböck spielte jüngst auch in AserbaidschanIn Aserbaidschan wird eine uralte und sehr spezielle Musiktradition namens Mugham gepflegt. Was ist das genau? Hier gibt es für Spezialist*innen eine kleine Vertiefung. “Erstaunlicherweise haben diese uralte aserbaidschanische Musik und die mittelalterliche Musik Europas gemeinsame Wurzeln in der persischen und arabischen Musik.” So erklärt Thomas Schallaböck auch die besondere Wirkung seines “Incontro Culturale” (Kulturbegegnung), worüber sowohl DrehPunktKultur als auch der ORF berichtet haben. Und so versteht er auch sein künstlerisches Engagement an den Ufern des kaspischen Meeres: “Es ist eine Begegnung von Ost und West, eine Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen, ein kleiner Baustein für eine Welt der Toleranz und des gegenseitigen Respekts.” Inmitten einer Weltpolitik, die sich im medialen Mainstream zunehmend auf Krisen, Krieg und Kriminalität fokussiert, ein sympathischer gegenkultureller Beitrag zur zwischenmenschlichen Berührung. Was wir in unserer Arbeit als Inselstiften und Perlentauchen inmitten des Unkultursumpfs der beschleunigten Kommerzdiktatur beschreiben, läuft auf etwas Ähnliches hinaus: Kleine Freizonen für die Wertschätzung des Lebens zu errichten. In ihnen kann die Phantasie wuchern, die Liebe zum Schönen erblühen – und die Getriebenheit des Immermehrmüssens zur Ruhe kommen. Über alle Zeiten und Kulturen hinweg…

Wer gern mehr über das Lebenswerk dieses besonderen Kunstschaffenden erfahren möchte, der/dem sei Dulamans Vröudenton – oder sein derzeitiges Projekt Harmonia Variabilis ans Herz gelegt. Ernsthaft.

 

Steve Westfield Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Juli – Obzwar keine Musik aus Salzburg, so doch immerhin Musik, die einen gewissen Salzburgbezug vorzuweisen hat. Nicht nur, dass Günther Binder (The Seesaw, Jekyl & Hyde Park Band) eine Zeit lang bei Steve Westfield das Schlagwerk rührt, auch das heimische Musikurgestein Stootsie (der heute den schönen Shop Riverside Guitars betreibt) spielt sich in den 90ern bei legendären Konzertsessions mit Steve Westfield and The Slow Band in den Rausch der Sinne. Und sogar in der historischen Werkschau wird die Stadt an der Salzach explizit erwähnt: “Austria becomes a haven for the band, normally playing 3-5 hour gigs, with much improvisation. One gig in Salzburg ends at 5:00 am with only Steve W and Steve M lying on the floor still singing, to 3 or 4 people wandering around.” Well said.

steve westfield underwhelmedFür diese Sendung haben wir einige typische Songs aus zwei Alben jener Zeit ausgewählt, aus “Reject me…First” (1995) und aus “Underwhelmed” (1997). Letzteres gibt sowohl in seinem Albumcover als auch durch seinen Titel (eine der allergelungensten Wortschöpfungen überhaupt) die Stimmungswelt der hier versammelten Lieder und Texte vortrefflich wieder. Das ist Kunst für Außenseiter und Deprimierte und zugleich auch ein tiefes Verlangen nach Gerechtigkeit für all jene, die sich nicht mit dem dauergrinsenden Funktionieren einer immer fragwürdigeren Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft anfreunden können oder wollen. Ein gutes Drittel der Bevölkerung, wie man hört, das doch nicht einfach nur hinten runter oder unten raus fallen darf, indem alles so weiter geht wie bisher. Oder? Der Ohrenarsch von Schasplappersdorf und die glitschigen Produktmanager der Digitaldiktatur. Dazu ein Grölpöbel von Volkszornstammlern unter der Kronenheizung. Wunderts noch irgendwen, nach einem Vierteljahrhundert Kommerzfernsehen und Geiz-ist-geil-Marketing, wenn verordnetem Leistungsdruck nicht Entsprechende als bald “überflüssige Menschen” ihrer Abschaffung entgegen dämmern? Der Untergang. Eine Erregung. Von Thomas Burnout. Zurück zur Musik:

“Westfield betreibt ein ziemlich heimtückisches Songwriting, das sich zuerst im Sinne eines Vic Chesnutt langsam melancholisch vor dem Zuhörer ausbreitet, um diesem dann wie ein verspätet zündendenes Tischfeuerwerk unverhofft heftig krachend um die Ohren zu fliegen.” Thomas Kerpen im Ox-Fanzine.

“I expected something pathological, but I did not expect the depth, the violence, and the almost intolerable beauty of the disease. They improvised around the music, went from liquid lyricism, to rasping lechery to the shrill skittishness of a frightened child, to a heroin nightmare.” Kommentar auf “cdbaby”

 

And then there were three…

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Juni – “Da waren es nur noch drei” wäre wohl etwa der deutsche Titel des 1978 erschienenen Studioalbums von Genesis, durchaus selbstironisch “…And Then There Were Three…” geheißen. Nachdem wir nun schon dem üppigen Gesamtwerk von Peter Gabriel eine ganze vierstündige Nachtsendung gewidmet haben, soll hier auch noch eine frühe Arbeit von Genesis gut zu hören sein, und zwar das erste Album, das nach dem Aussteigen von Sänger Peter Gabriel (1975) und Gitarrist Steve Hackett (1977) entstand, als die Band also tatsächlich zu einem Trio geschrumpft war, in dem zunehmend Phil Collins den Ton angab (nicht zuletzt weil er ja jetzt anstelle von Gabriel sang). Ein Album, auf dem ihr etablierter Art-Rock und ihr künftiger Mainstream-Rock noch miteinander können.

GENESIS - And then there were threeEs ist unbestreitbar, dass mit dem Fortschreiten ihrer Weltkarriere und dem immer stärker werdenden Einfluss von Phil Collins (von dem noch eigens ein reden sein soll) die versponnenen Surrealitäten und dramaturgischen Arrangements der Peter-Gabriel-Ära zunehmend verschwanden. An ihre Stelle traten griffige radio- wie stadiontaugliche Popismen, die ein Mitschwelgen breiterer Massen möglich machten. “…And Then There Were Three…” versammelt noch beide Seiten der Musikmedaille – auf einem Album: Das opulent symphonische “Burning Rope” erinnert vom Aufbau her stark an Stücke aus “The Lamb lies down on Broadway”, das flott gespielte “Scenes from a Night’s Dream” gibt inhaltlich die phantastischen Abenteuer von Little Nemo wieder und im abschließenden “Follow You, Follow Me” taucht bereits der später so omnipräsente “Charts-Collins” auf, von dem Peter Huth sinngemäß schreibt: “In den späten 80ern und frühen 90ern konnte man fast keinen Fahrstuhl betreten, in dem Phil Collins nicht längst drin war.” Da sollte man jetzt allerdings schon wissen, was Fahrstuhlmusik als Synonym für penetrant-kommerzielles Hintergrundbedudel bedeuten kann. Oder, wie es das trojanische Pferd ausdrückt: “Der nächste, der Kunst sagt, kriegt eine aufs Maul.”

Da schau her – die F-Musik (Funktionale Musik) gibt es wirklich. Fahrstuhlmusik, für viele im wahrsten Sinn Musik zum Weghören.

 

Kasperl oder Genie…

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. MaiZur Ehrenrettung des eigentlichen und ursprünglichen Kasperl verweisen wir auf eine diesbezügliche Stellungnahme der Friedburger Puppenbühne, wonach Ausdrücke wie Bundeskasperl, HC Kasperl oder überhaupt Politkasperltheater eine beleidigende Herabwürdigung dieses von allen ehrlichen Kindsköpfen gefeierten anarchischen Abenteurers bedeuten. Bevor sich jetzt auch noch der Zwerg Bumsti und die Maus beschweren, distanzieren wir uns naturgemäß gern von vorn herein, von unsund sowieso. Wenden wir uns halt wieder den wirklich wichtigen Themen jenseits der Tagespolitik im Schleudergang zu, etwa der Frage, ob Peter Filzmaier nicht eigentlich im ZiB-Studio des ORF wohnt oder warum der Medienminister immer in derart blitztürkisen Socken herumsteigt…

Kasperl Genie HabakukZum Thema Augenkrebs ließen sich noch zwei weitere Verunstaltungen der letzten Zeit anführen, deren weltumspannende Bedeutsamkeit uns sprachos zurücklässt: Der Eurowischerl Songcontest, den man auch unter “da freut sich mein Tinnitus” ablegen könnte – und die Verfilmung der vorerst finalen Game-Of-Thrones-Staffel durch die u.s.-amerikanischen Pay-TV-Quotenstresser von HBO. Anmerkung des Perlentauchers: Es geht längst nicht mehr darum, eine entsprechende Form für einen (eventuell) vorhandenen Inhalt zu erschaffen, sondern nur noch darum, alle technischen Möglichkeiten immer noch mehr auszureizen, um mit der Darstellung zu beeindrucken – und abzukassieren. Irgendeinen Inhalt kann man ja – in passende Häppchen zerteilt – nachträglich hinein quetschen. Quietsch Quatsch sozusagen. Und je mehr Geld dabei im Spiel ist (um dessen Vermehrung sich alles dreht), desto abgehobener wird die Form vom Inhalt, wird der Schein vom Sein. Zuletzt bleibt nur Control ohne Message übrig. Gell, Frau Hartinger-Klein, “Wer entwürdigt die Arbeit durch Zwickzweck und Zwang?” Genau! Eine Wirtschaft, deren Tumorwachstum nicht vorkommen darf im Flachbildhirn der ideologisch Bsoffenen vom internationalen Heilsfonds des Geldmachtgelds. Oder wie das ein alternder Udo Jürgens auch beschrieb: Der ganz normale Wahnsinn”

Nein, da wollen wir uns wirklich lieber den Wichtigkeiten widmen, die wir in unserem lyrischen Kosmos selbst erschaffen – und deren Form aus ihrem Inhalt erwächst. Wir haben ja was zu verschenken…

 

Eine Stunde mit Fredl Fesl

> Sendung: Artarium zum Muttertag am 12. MaiWer hats erfunden? Ursprünglich wollten wir (dem Anlass entsprechend) Auszüge der bei Trikont erschienenen Gesamtausgabe Ton von Karl Valentin/Liesl Karlstadt vorspielen. Doch ungeachtet solch ewiger Lieblingswortschöpfungen wie Semmelnknödeln, Wrdlbrmpfd oder “Herr Rembremadeng” waren die darauf findlichen Aufnahmen schon sehr im Seinerzeitkontext verhaftet. Weshalb wir eine Generation weiter sprangen und den ebenso urbayrischen Liederdichter und Geschichtenerfinder Fredl Fesl für unsere Albumpräsentation auswählten. Der steht nämlich auf vieler Leihweise in der Tradition des großen Absurdisten Valentin – und inspiriert auch heute noch aktive Volksbarden wie etwa den aushängigen Christoph Weiherer.

Fredl FeslUnd ganz im Gegentum zu einem akuten Volksquatschbeschunkler (dessen Namen ich hier allein schon aus gesundheitlichen Gründen nicht erwähnen will) ist der Fredl Fesl mit einem Großen Karl-Valentin-Preis ausgezeichnet worden (nicht bloß mit einem lulligen Faschingsblech). Vielmehr überreichte der legitime Valentin-Nachfolger Gerhard Polt (Nikolausi) ihm den renommierten Preis in Form von einem “Trumm”, das sich bei näherer Betrachtung als rostiges Türschloss herausstellte. Worin jetzt also der angesprochene Unterschied zwischen ernster Komik und einfach nur deppertem Kommerz besteht, das möge ein jegliches bittesehr diesem schönen Bericht entnehmen. Ach ja, die unschuldigen 70er, als die “Sowosamaneger” noch keine rassistischen Assoziationen erregten – und der erwähnte Volkshupfdudler auch noch nicht geboren war. Damals, auf dem Höhepunkt der deutschen Folk-Bewegung, wurde “die Volksmusik” ihrem Verhaftetsein in Nazitum und Spießermief entrissen, Freddy (Quinn, nicht Queen) dagegen war schlicht Schlager und mithin industrielles Massenzeugs fürs geölte Einfaltsreich. So ist das eine also etwas völlig andreas als das andere. Bleibt noch zu erwähnen, wie kunstreich und humorvoll der Fredl Fesl die alpenländische Tradition des Jodelns aus dem Bierdunst der Zeltfetten befreit hat:

In seinem Vortrag “Ein ländliches Problem” (den wir in der Signation zitieren) jodelt er sich am Schluss derart schwindlichmachend weg, dass es unsereinem (oder auch zwei) schier die Synapsen sprengt. Die Krönung in seinem Mundart-Overflow ist und bleibt allerdings “Huitidliti, Huitidliti”, wahrlich ein Prachtwerk der Sprachkunst, das eben auch Karl Valentin zu aller Ehre gereicht…