The Beatles – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. AugustDas ganze Album nämlichen Namens, in seiner gesamten Länge sowie als angenehm warmer Stereomix (eine relativ frühe CD-Version), gibt es diesmal bei uns zu erleben. Nicht umsonst gilt “Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band” von den Beatles auch nach mehr als 50 Jahren als ein Meilenstein der Musikgeschichte. Warum dem so ist, erhellt beispielsweise diese Dokumentation “Sgt. Pepper’s Musical Revolution” von und mit Howard Goodall. Sie ist nicht so leicht zu beschaffen (als DVD) und verschwindet auch immer wieder gern aus dem Internet, sobald irgendein Hureber ächzt, nehm ich halt mal an. Wiedemauchimmersei, die Beatles haben da 1967 in den Abbey Road Studios gemeinsam mit ihrem Produktionsteam völlig neue Dimensionen erreicht.

Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club BandEigentlich begann alles damit, dass die vier Herren aus Liverpool kurz zuvor beschlossen hatten, nie mehr live aufzutreten, weil sie sich wegen des (als “Beatlemania” bekannten) lautstarken Gekreisches ihrer Fans selbst nicht mehr hören konnten, was naturgemäß nicht so ideal ist für jedweden Musiker beim Konzert. Somit erübrigte sich schon einmal die Notwendigkeit, die Aufnahmen für ihr nächstes Album derartig zu gestalten, dass diese danach auch live aufzuführen gewesen wären. Die damals verfügbare Technik setzte jeder Livedarbietung von Pop/Rockmusik so dermaßen enge Grenzen, wie wir sie uns heute nur noch schwer vorstellen können. Doch schwuppdiwupp, wurde aus der Einschränkung eine Gelegenheit (gemacht) und das legendäre Soundbasteln für dieses klangkomplexe Konzeptalbum konnte beginnen. Man muss sich einmal vergegenwärtigen, dass sogar im renommiertesten Aufnahmestudio jener Zeit bloß 4-Spur-Tonbandmaschinen zur Verfügung standen und auch die Ausstattung mit Effektgeräten aus heutiger Sicht “vorsintflutlich” war. Umso beeindruckender ist demnach das Endergebnis der zeitintensiven Sessions sowie der anschließenden planvollen Montagearbeit: Eine wundersame Collage aus vielfach ineinander geschichteten textlichen wie musikalischen Eingebungen

Das Album wird zudem vielfach als “Soundtrack zum Summer of Love” bezeichnet, was auch durch das erstmalige Verwenden von originär indischen Klängen in der “westlichen Popmusik” (seitens George Harrison und Ravi Shankar) zu erklären ist. Zur Einstimmung hier das Stück “Within You Without You”.

 

Vom Ende des Zuhörens

> Sendung: Artarium am Sonntag, 29. Juli – Wenn das Ende des Zuhörens gekommen sein wird, erübrigt sich auch die Radiomacherei. 20 Jahre sind genug. Oder war da noch was? Justin Sullivan, unter anderem Sänger von New Model Army, schreibt in einem Nachruf auf den Radiopionier John Peel, wie dieser ihm einst “die Idee des Underground nahebrachte, wo seltsame Menschen erstaunliche Aufnahmen aus rein künstlerischer Motivation herstellten”. John Peel vertrat Zeit seines Lebens Ansichten, “die dem Zeitgeist fundamental entgegen strebten”, so etwa, “dass Musik einfach nur Musik ist, und dass jedweder Celebrity-Kult dafür vollkommen bedeutungslos ist, wie übrigens auch für alles andere”. Der Mann hat die Entwicklung der Medien- und Musikkultur immerhin schon seit den Sixties aktiv mitgestaltet…

Vom Ende des ZuhörensWas soll das allerdings heute, wo die einheimische Piratenszene vor gut 20 Jahren ein legal lizenziertes, kommerzfreies Gemeinwesenradio erstritten hat? Was machen wir hier in postmodernen Zeiten, in denen “das dialogische Prinzip” ja kaum noch von Mensch zu Mensch seine Gültigkeit hat? Wo stattdessen der von Pier Paolo Pasolini prophetisch vorhergesehene Konsumismus um sich greift und alles Individuelle zur massenblöden Mitmacherei niedertrumpelt? Wo es nicht mehr darum geht, dass man bekommt, was man braucht, sondern einem nur noch irgendein Event angedreht wird, der den Eindruck vermittelt, man sei irgendwie “Part of the Game”. Verdummt in alle Ewigkeit! Heilsverbrechen, wohin man schaut. Die Menschheit besteht aber nicht nur aus dem, was sich normieren und social engineeren lässt, sie ist so vielfältig wie das Leben selbst. Der Massengeschmack des Mehrheitsmainstream schädigt nicht bloß den Umgang der Menschen miteinander, er korrumpiert zudem das Selbstwertgefühl jedes Einzelnem, indem er uns alle kommerziell zweckwidmet und in die Nutzbarkeit der Gewinnstreber quetscht. Auweh! Viele Jäger waren schon immer des Hasen Tod. Umso wichtiger sind daher heute Überlebens-Soziotope wie etwa das “Freie Radio”.

Oder der erwähnte “Underground”, wo Menschen einfach etwas machen, weil sie es gut finden, und nicht, weil damit massenkompatibel Gewinn erzielt werden kann. Das Freie Underground Radio, wie wir es verstehen, ist eine Schutzzone zur Erhaltung der Artenvielfalt von Kunst und Kultur. Ein kommerziell nutzfrei gestelltes Gebiet, in dem sich der zwischenmenschliche Ausdruck wieder ungehindert entfalten kann. Feiern wir daher den Fortbestand des Zuhörens mit diesem Zitat von John Peel: “…dass das Radio ein viel mächtigeres Medium als das Fernsehen ist (und auch immer sein wird), weil es die Phantasie des Publikums erblühen (im Sinn von gedeihen) lässt.”

 

Eric Burdon – Winds of Change

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Juli – In unserer monatlichen Sendereihe “Das ganze Album” greifen wir diesmal besonders tief ins Archiv der Zeitgeschichte und präsentieren ein wegweisendes Werk aus dem Jahr 1967, als sich erstmals der Widerstand gegen den Vietnamkrieg formierte, die Flower-Power-Generation den Weltfrieden anstrebte – und Experimente mit psychoaktiven Substanzen in Kunst und Kultur populär wurden: “Winds of Change” von Eric Burdon und seiner damals oft auch “The New Animals” genannten Band. (Hier die Beschreibung eines Fans). Nachdem wir uns mit der angesprochenen Epoche schon mehrmals befasst haben, vom israelischen Peacenik Abie Nathan bis zum Jahrhundertfilm Apocalypse Now, wollen wir nun speziell den Einfluss von LSD auf die Musikwelt jener Zeit würdigen.

Eric Burdon - Winds Of ChangeWie wir unlängst bei Bruce Eder auf Allmusic erfuhren, hat der Englandflüchtling Eric Burdon einige Monate vor den Recording-Sessions zu “Winds of Change” seinen ersten Acid-Trip versucht, was uns den Songtitel “Yes, I am experienced” auch jenseits von Jimi Hendrix begreiflich macht… Des weiteren wiederspiegelt sich diese Eric-Burdon-Experience” sowohl in der Gesamtgestaltung des Albums (dem zeittypischen Psychedelic-Sound), als auch in einzelnen recht experimentellen Spoken-Word oder besser Word-over-Music-Tracks wie etwa “Poem by the Sea” und “The Black Plague”. Herausragend ist zudem sein Rolling Stones Cover von “Paint it Black” mit sitarähnlichen Violinklängen und improvisierten Textpassagen. Das ganze Album ist folgerichtig auch dem großen Inspirator des west-östlichen Musikdiwans, dem inzwischen völlig zu Unrecht verstorbenen Ex-Beatle George Harrison gewidmet. Wie dem auch immer sei – das gegenständliche Werk klingt und spricht für sich selbstes gehört nicht nur (wieder) gehört, sondern es soll in seiner gesamten Anmutung mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen erlebt werden. Weshalb wir es in voller Klänge (und originaler Länge) zu Gehör bringen. Hoffentlich auch zu Gespür! Gehen wir also gemeinsam auf eine (eben nicht nur Zeit-) Reise!

Are you experienced?

Yes, I am experienced.

Na, dann…

 

Gepflegter Kulturpessimismus

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. Juni – Eine gepflegte Beschreibung des Begriffs Kulturpessimismus findet sich in den prophetischen Freibeuterschriften von Pier Paolo Pasolini, welche kurz nach seiner Ermordung 1975 erschienen sind. Im Untertitel “Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft” wird die Zielrichtung seiner Polemik deutlich, speziell die kulturvernichtende Kraft des “Konsumismus”, zu dem sich alle herrschenden Mächte vereinigen, wird hier beleuchtet. Und wenn wir uns heute, über 40 Jahre danach, vergegenwärtigen, wie sich die globalen Gegebenheiten der Zivilisationskultur sowie die kleinräumigen Gewohnheiten unserer Gesellschaft seitdem entwickelt haben, dann drängt sich schon die Frage auf, ob wir unseren Untergang überhaut noch abwenden können.

KulturpessimismusDies eben nicht mehr zu glauben, insbesonders was die Erhaltung einer lebenswerten Gesellschaft betrifft, auch dem Erreichen von Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit skeptisch gegenüberzu stehen – darin äußert sich der klassische Kulturpessimismus. Aber, sind wir diesbezüglich schon über den viel zitierten “Tipping Point”, unseren “Point of no Return” hinaus? (Ein geniales Video übrigens von unser aller Physikpropheten Harald Lesch, quasi zur Begriffsbestimmung im Kontext des Klimawandels). Auch bei Pasolini spielt die menschgemachte Naturzerstörung eine wesentliche Rolle. Man könnte sagen, er hat das alles damals vorausgesehen, aber aus heutiger Sicht scheint diese Entwicklung unumkehrbar zu sein. Und dabei soll man nicht depressiv werden? Alles geht den Bach runter, Dystopien beherrschen die Popkultur (oder sind es die zwanghaft fröhlichen Autotunes mit ihren “Davon geht die Welt nicht unter” Botschaften?). Jede Auflehnung gegen das Unmenschliche erodiert unaufhaltsam zur Anpassung der Selbstoptimierer, zur Eucalypse Now!

Nichtsdestotrotz oder getreu dem Motto “Du hast keine Chance, also nutze sie” wollen wir das hierum Gesagte in einen musikhistorischen Zusammenhang stellen. Denn sowohl vor als auch nach Pasolinis Freibeuterschriften sind textmusikalische Untergangsszenarien entstanden, denen jedoch immer auch die Perspektive einer möglichen Veränderung innewohnte. Seit dem 11. September 2001 (so eine neue These) ist allerdings Schluss mit lustig. Hören wir dazu “Chew” (1991) von Jello Biafra & NoMeansNo, “The Black Plague” (1967) von Eric Burdon & The Animals sowie “The Decline” (1999) von NOFX, letzteres mit sehr vielsagendem EP-Cover.

Zu Risiken und Nebenwirkungen lernen sie einfach mal selbst Geschichte…

 

Owie lacht (Bilgeri & Köhlmeier)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Juni (wegen Überlänge schon um 17 Uhr) Dies ist ein beinhartes Nostalgieprogramm. Allerdings richtet sich die Musik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen Jederman, der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbst. Owie lacht da ein jegliches, das die frühen Austropop-Hymnen der 70er Jahre noch selbst aus dem Radio gedudelt bekam. Etwa “Sein Köpferl im Sand” von Arik Brauer, dessen Vorspann ich hier eingangs verbrach. Oder die “inoffizielle Landeshymne” der beiden, vor über 40 Jahren auch mal im Duett als “Ray & Mick” auftretenden Hervorbringer des Albums “Owie lacht”, der unumstritten allererste alemannische Mundart-Ohrwurm “Oho Vorarlberg” von Michael Köhlmeier und Reinhold Bilgeri. Und wie verschieden sie dann sind…

owie lachtNachdem wir bereits in der Sendung “Die Köhlmeier Rede” auf Herkunft und Frühwerk des Schriftstellers verwiesen haben, um seine heutige Position in der medialen Erregung zu beleuchten (mit “March Movie”, dem legendären ORF-Hörspiel von 1983), reisen wir diesmal noch um ein weiteres Jahrzehnt zurück – in die Zeit seiner text-musikalischen Anfänge und fürwahr humoresken Mundart-Experimente. Als Beispiel für die interpretative Ergiebigkeit seiner damaligen Ergüsse sei hier der Zwischenspieljodler aus dem erwähnten Vorarlberglied angeführt (und genau so steht der Text im CD-Booklet):

Holleraggi, Dolleraggi, Ahiazolleraggi…
Roll roll roll Rolladen, Zwirnsfaden, Leberbraten usw…

Das sollte uns doch zu denken geben! Ganze Doktorarbeiten der Germanistik ließen sich daraus schnitzen, ja sogar Lehrstühle auf Lebenszeit – also, wenn man sich da mal Walther von der Vogelweide anhört?

Doch Scherz beiseite, hier noch ein paar Fußnoten fürs geneigte Sammelalbum unseres Publikums: Der auf Owie lacht enthaltene Song “Sus wär i sealbr dra” erinnert in seiner ganzen Aufmachung stark an “Ballad of a Thin Man” von Bob Dylan, wovon inzwischen auch eine schräge Coverversion von Laibach existiert. Michael Köhlmeiers sehr spezielles Verhältnis zu Urheberschaft und Inspiration verdichtet sich schön im Titel seines Albums “12 Lieder nach Motiven von Hank Williams” aus dem Jahr 2008. Und seine Vorliebe fürs Vervorarlbergisieren von internationalen Popmotiven ist ihm nach wie vor ungebrochene Leidenschaft, wofür diese Version von Lou Reeds “Walk on the Wild Side” als Beweis genügt.

Das Problem ist, mit der Arbeit fertig zu werden…

 

Ein Album zum Muttertag

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. MaiDer Muttertag ist allgemein eine höchst ambivalente Angelegenheit. Ebenso wie das Verhältnis zwischen Müttern und ihren Kindern von der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Erfahrungen geprägt wird. Am Anfang war die Geburt, und allein dieser Beginn unseres eigenen Lebens kann schon lebensgefährlich sein. Von da an findet jegliche Entwicklung zwischen krassen Gegensatzpaaren wie Festhalten und Loslassen, Resonanz und Abgrund, Selbstbehauptung und Verbundenheit statt (um hier nur einige davon anzudeuten). Die Seelenbühne unseres Entstehens ist meist Heimat und Schlachtfeld zugleich. Inwieweit der herkömmliche Muttertag zur rituellen Bearbeitung dieser Ambivalenz taugt, darf bezweifelt werden. Margit Schreiner empfiehlt eher seine Abschaffung.

Kuh zum MuttertagEs ist wohl auch kein Zufall, dass der Film Muttertag (Die härtere Komödie) von Harald Sicheritz inzwischen zur Kultdarstellung desselben geworden ist. Sobald Widersprüchliches im Spiel ist, sind (speziell in Österreich) die Humorist_innen dafür zuständig. Also, was spielen wir in dieser Sendung – und warum die Kuh? Naturgemäß wollen auch wir die Mehrschneidigkeit des gegebenen Anlasses abbilden und greifen daher tief in den Fundus der emotionalen Assoziationen. Zum einen mit einem Klavierkonzert von Philip Glass, dem Tirol Concerto in 3 Movements, welches die Tirol-Werbung im Jahr 2000 in Auftrag gab – und später in einem Naturfilm-Soundtrack verbraten hat. (Da ist sie, die glückliche Kuh!) Das knapp halbstündige Instrumentalwerk für Klavier und Streichorchester ist eine meiner Lieblingsmusiken beim Schreiben, weil es sich gleichzeitig nicht aufdrängt und doch Energie von innen heraus freisetzt. Und zum anderen mit einer Lesung von Elias Hirschl aus seinem Roman “Hundert schwarze Nähmaschinen”, in dem er eigene Erlebnisse als Zivildiener in einem Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen wiedergibt, diesfalls aus Kapitel 5 (Frau Brandner).

Es ist fürwahr nicht einfach, inmitten von unmittelbarem Betroffensein und ironischer Distanz (auch zu sich selbst) die Balance zwischen Faszination und Verzweiflung zu wahren, handelt es sich dabei doch um einen Ritt auf des Rasiermessers Schneide. Oder eben um einen Tanz zwischen Nähe und Distanz, wie er ja jegliche Beziehung in all ihrer Ambivalenz charakterisiert. Elias Hirschl schafft diesen Spagat sogar sehr sympathisch, wie unser Mitschnitt von den Kritischen Literaturtagen 2017 beweist.

Eine ähnlich gelungene Verbearbeitung von psychiatrischen Zivi-Erlebnissen bietet auch noch Rainald Grebe – Gilead (Gottseidank, ich bin entmündigt, Fotzefotzefotze)

Alles Liebe zum Muttertag oder Ich scheiße goldene Atomeier!

 

Collide – These Eyes Before

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. April – Das höchst eigenartige Duo Collide aus Kalifornien hat das gegenständliche Album mit Reworks/Coverversionen von einigen unbestreitbaren Größen der Rockgeschichte herausgebracht. Darauf finden sich absolute Klassiker wie Space Oddity von David Bowie, Comfortably Numb von Pink Floyd, I Feel You von Depeche Mode oder Creep von Radiohead. Einige Jahre zuvor haben Collide auch schon White Rabbit von Jefferson Airplane verbearbeitet, eine Interpretation, die wir neben der von Patti Smith immer wieder gern in unseren Perlentaucher-Nachtfahrt-Sendungen einsetzen. Überhaupt finden wir das Konzept der Zweipersonenband sehr ansprechend, geht es dabei doch neben persönlicher Einswerdung auch um die Verschmelzung musikalischer Strömungen und Stile.

Collide“We just wanted to make the kind of music that we wanted to hear.” Dieser Selbstaussage von ihrer im übrigen erfreulich aufgeräumten und übersichtlich strukturierten Homepage können wir naturgemäß nur vollinhaltlich verfallen. Genauso wie der offenbaren Schwierigkeit aller Diplomgenrezuschreiber, ihr musikalisches Schaffen in das eine oder andere Schachterl zu pressen. Von Trip-Hop und Synth-Rock ist etwa die Schreibe, von Electronic, Techno, Industrial oder Gothic oder DarkwaveMuuuuhaha, da derstessen sie sich reihum, die versammelten Gscheitscheißer des kategorischen Definitionismus. Generell ist ja nichts gegen die Beschreibung dessen, was jemand macht, einzuwenden: Leise Lieder zur akustischen Gitarre oder bombastsymphonische Rockmusik mit Flugshow und Feuerwerk – das kann schon einen Unterschied erklären! Auch inhaltlich ließe sich einiges aussagen: Gesellschaftskritische Nachdenkballaden über den Globalisierungsgenozid oder Postmoderner Zitatentsunami zur gefälligen Bewusstseinszerweiterung. Welches Tüterl hättens denn gern? Aber dass es bei all dieser Genrefizierung gar nicht um Selbstwahrnehmung und Sprachphantasie geht, sondern um das gschwinde Gschäft mit der gefälligen Begriffigkeit, das verursacht schon einen gründlichen Kulturkrampf und Zivilisationsbrechreiz. Jedenfalls uns…

“If you’re on the fence on whether or not to pick up a copy for yourself, check out the reviews and decide for yourself.” So heißt es schönerweise bei Collide daheim. Wir können noch eine weitere Art der unmittelbaren Erfahrung anbieten: Gut zuhören!

 

Wir fordern Frühling!

Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. MärzJetzt! Sofort! Augenblicklich!  Kalendarisch hätte der Frühling eigentlich schon angefangen, auch der Osterhase steht bereits erwartungsfroh vor der Tür – doch wir frieren immer noch an Leib und Seele, dass es nur so scheppert. Höchste Zeit also, einen lyrischen Kosmos gegen Kaltfront und Nachtfrust anzurühren! Einen inwendig warmen Polarluftschutz, aus dem heraus sich die Landschaft um uns wie durch Zauber verwandelt. Ein Wunder der Dichtung gegen die Tristesse der Vernunft. Ein Schlüsselblumenerlebnis gegen das sibirische Eisbärenballett. Lasset uns Frühling machen! Oder, wie ich es dem jüngst mit dem Günther-Anders-Preis für kritisches Denken ausgezeichneten Autor Dietmar Dath in den Mund schöbe: “Lasset uns davon berichten, wie es sein sollte!

Ursprung FrühlingEinmal in der Woche strahlt der Radiosender Ö1 eine Art Collage namens “Du holde Kunst” aus, in der eine Stunde lang Gedichte und instrumentale Musik zu hören sind. Diese Sendung wurde erstmals im Oktober 1945 vom ORF-Vorläufer “Rot-Weiß-Rot” produziert – und läuft seitdem ununterbrochen im öffentlich-rechtlichen Programm. Ihr ursprüngliches Ziel war, “dem vom Krieg und den unmittelbaren Nachkriegswirren zerrütteten Publikum die schönsten und edelsten Schöpfungen von Literatur und Musik nahe zu bringen” und “den Schmutz des Krieges aus den Herzen zu vertreiben.” Zudem sollte ihre “Lyrische Ästhetik eine Art Flucht aus dem harten Alltag vermitteln, aber auch die Sehnsucht nach einer lichteren und schöneren Welt zum Ausdruck bringen.” Ein Anliegen von bleibender Brisanz und – angesichts der Weltlage – auch von erschreckender Aktualität. Die dienstälteste ORF-Sendung erreicht nach wie vor (abgesehen von den Nachrichten) das meiste Zuhören und wurde sogar schon als Forschungsprojekt zur Lyrikvermittlung im Radio gewürdigt. So begegnen sich nun unsere Interessen, das Vermitteln von poetischer Schönheit als Gegenpol zum Weltwetter ist fürwahr auch in unserem Konzept ein roter Faden.

Allerdings erweitern wir, bei der Musikauswahl wie bei den Darstellungsformen, den engen bildungsbürgerlichen Kanon in ein experimentelleres Ambiente aus Pop, Jazz, Spokenword und Spontaneität. So feiert sich der totale Frühling, 73 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs – und 20 Jahre nach dem Fall des Rundfunkmonopols

 

Musas von Natalia Lafourcade

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. MärzDie mexikanische Sängerin macht sich gemeinsam mit dem Duo Los Macorinos auf die Suche nach ihren Inspirationen aus der weiten Welt lateinamerikanischer Klänge, nach ihren Musen sozusagen. So hat sie denn auch ihre zwei jüngsten Alben betitelt, nämlich Musas, deren erstes wir heute voller Freude zu Gehör bringen. Natalia Lafourcade war in den letzten Jahren als innovative Interpretin des Latin-Pop überaus erfolgreich, als solche auch bei der aktuellen Oscarverleihung zu Gast (was wohl nicht jedermanns Mainstream ist). In ihrem “Back to the Roots”-Projekt Musas jedoch spürt sie ernsthaft und feinsinnig all den Einflüssen nach, die sie im Lauf ihres Lebens und ihrer Karriere geprägt haben. Und in der Vermittlung dieser Musikwelt offenbart sie sich als eine echte Künstlerin.

Musas von Natalia Lafourcade„war wohl wieder ein gestrandeter abend, betrunken beraucht, antheringabend in freundes wohnung und ich meine rolle als nachtwächter selbsterfreulich einnehmend, nämlich ein sitzen vor der weltenscheibe mit zunehmender gedankenschwere und weiterer berauschung innerwärts – was die nacht erträglich macht. vor mir des internets abgrundsweite, zuflucht in bekanntem, oftgehörtem, abermals aberwitzigem, dann die suche nach bestimmtem, unbestimmt in der anzahl, unbestimmt auch die ungestümen einfälle im kopf des rauschenden…

und da erschien sie mir : in magenta und trübem blau, mit geschlossenen augen, geflochtenem haar und sang von einsamkeit und dem meer, von bolero und errötendem licht. unendliche sanftmut. stürmende lebenslust. es war echte musik, die schweben blieb im raum, mit dem rauch tanzte, sich mir ins spüren legte, an meine haut schmiegte – versickerte in jeder pompösen pore.

als ich vertraute war zeit ein wort ohne sinn
als wir verschmolzen färbte der himmel sich neu
als ich verstand begann erst mein fragen

in jeder zauberzüngigen zelle –
dort lebt sie nun, diese glühende welt, diese fremde so vertraute landschaft, lebt und wächst, verwebt und wandelt sich, mich.“

 

Wilfried, Gut Lack!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. FebruarIn unserer beleibten Reihe “Irgend so was wie ein Nachruf” würdigen wir diesmal Wilfried Scheutz, der vor nicht allzulanger Zeit “von uns gegangen” ist (wie man zu sagen pflegt). Mit seiner unverwechselbaren Reibeisenstimme durchpflügte er seit den frühen 70ern eine Vielzahl von musikalischen Genres. Dabei oblag er nie der bloßen Nachahmerei, sondern interpretierte jedes noch so geläufige Thema in seiner ganz eigenen, oft auch eigenwilligen, Art und Weise. Das Reinheitsgebot des Hergebrachten blieb dem Urviech zeitlebens erfrischend fremd, und so ist es kein Wunder, dass Wilfried, in den mehr als 45 Jahren seiner aktiven Laufbahn, aus allem nur Erdenklichen wie etwa A Capella, Rock, Volksmusik, Dichtung und Pop fortwährend Neues erschuf.

Gut Lack WilfriedAngenehmerweise immer mit dem selbstironischen Augenzwinkern des sich selbst Spürens in einer Welt, die unvollkommen bleiben wird, aber zum Gestalten einlädt. Dies möge sich selbst erklären, zum Beispiel durch die Frühwerke “Ziwui Ziwui” oder “Orange”… Naturgemäß war für uns zwei die Hymne “Lauf Hase Lauf” ganz besonders bedeutsam, stellt sie doch die gewohnte Weltsicht auf den Kopf, indem sie den verfolgten Hasen zum Helden der Geschichte erhebt. Hier noch die Altersversion davon, dargeboten gemeinsam mit seinem Sohn Hanibal Scheutz (der im Hauptberuf Bassist bei 5/8erl in Ehr’n ist). Die Kunst der gepflegten Parodie (wofür Selbstironie ja die Voraussetzung ist) führte Wilfried schließlich mit dem A-Capella-Projekt 4Xang zu bislang unerhörten Höhen (und Bässen). Hierzu das rare Live-Video ihrer Version von Queens zeitlosem Mitgröhlhit “We Will Rock You”. Diese vier Wildererbuam brachten so ziemlich alles zu Gehirn und Hör, was nicht rechtzeitig (so ca. bis 3) vor ihnen auf den Baum floh. Und das war wahrlich nicht viel. Unter anderem verdanken wir den Herren eine grandiose Interpretation von Georg Kreislers Telefonbuchpolka, von welcher ich erstmals alle Namen mit V herunter transkribierte…

Zu guter Letzt erschien bei Monkey das Album “Gut Lack”, das wir hier und jetzt vorstellen und sehr empfehlen. Mit diesem im Wissen um den nahen Tod gezeugten Opus Ultimum begibt sich der Österreicher Wilfried in die Wesensnachbarschaft von Leonard Cohen und David Bowie. Die Würde des Menschen umfasst durchaus auch sein Leidenund Sterben.

Was wird?