Volkstrottel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. September Der Volkstrottel – er bietet sich als Steigerungsform des Trottels geradezu an: Trottel, Volltrottel, Volkstrottel. Das liegt sogar sprachgeschichtlich nahe, zumal die Etymologie den Begriff “Volk” von einer indoeuropäischen Wurzel herleitet, die “Menge, Fülle” sowie “(ein)füllen” bedeutet. Von da her riechen Kirtag und Zeltfest sowie die sprichwörtliche “breite Masse” gleich etwas mehr nach Erbrochenem. Wes das Volk voll ist, des geht der Mund über. Eine umfassende Bestimmung aller hier angeführten Begriffe würde allerdings den Rahmen (der Sendung wie auch des Artikels) sprengen. Weshalb wir uns auf den Trottel an sich beschränken wollen, der ohne eigenes Hinterfragen dem jeweils vorherrschenden Trend seines Umfelds nachtrottelt. Eben dem Volkstrottel.

Idioten und VolkstrottelDoch Vorsicht! Ein Idiot ist kein Trottel. Und so manches Zitat ist auch nicht von Franz Kafka. Ein hierbei besonders herausragender Satz ist dieser: “Viele falsche Zitate entstehen aus Satiren, die nicht als Satiren erkannt werden.” Derlei ist zumeist dort zu beobachten, wo ein starres und vorgefertigtes Weltbild das selbständige Denken verdrängt und somit auch das Empfinden, das Einfühlenkönnen (also das, was wir Phantasie nennen) zerhindert. Nun ist zwar “Volkstrottel” eine beliebte Bezeichnung für vielerlei Nationalpatridioten bis hin zu jenen völkischen Popolisten, deren Vogel Nazi heißt und seit tausend Jahren ins deutsche Erfolgreich scheißt, doch die Art und Weise, wie Feindbilder hergestellt und Unwillkommene ausgemerzt werden, ist auch in ganz gegenteiligen Gesellschaftskreisen zu bemerken: Da wird aus vermeintlicher Rechtgläubigkeit reflexhaft reagiert, ohne Gefühl und Verstand, werden Menschen zur Unperson erklärt, aus der Wahrnehmung verbannt und aus der Geschichte getilgt. Vorprogrammierte Verhaltensweisen sind allerdings ihrem Wesen nach immer vertrottelt, ganz egal, aus welcher Weltsicht sie herrühren. Der Friede unter den Menschen, Gerechtigkeit und “eine bessere Welt” werden nicht dadurch erreicht, dass man alle vernichtet, die von irgendeiner Norm abweichen.

Und nun, liebe Links- wie Rechtgläubige, verehrtes Volk, liebe Trottel: Wer sich im Dickicht unserer Andeutungen und Assoziationen zu verlaufen droht – oder ein für alle Mal wissen will, worum es in dieser Sendung eigentlich geht, derdiedas möge zur weiteren Vor- und Zubereitung diesen subtilen Kommentar von Prof. Dr. Gernot Hassknecht zu sich nehmen. Wir wünschen guten Appetit.

 

Passagen. Werk für Walter Benjamin (zum 80. Todestag)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. September“Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.” Am 26. September 1940 starb Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Grenzort Portbou. Wir gestalten aus diesem Anlass einen akustischen Gedenkort für diesen Philosophen, Kulturkritiker und (unter anderem auch) Baudelaire-Übersetzer, dessen komplexe Denkwelten sich der Einsortierung im akademischen Schachterltum nach wie vor naturgemäß widersetzen. Was ist “Geschichte” jenseits ihrer Schreibung? Walter Benjamin wollte nicht weniger, als die kapitalistische Weltherrschaft gründlich zum Einsturz zu bringen. Im Eingedenken mit ihm betreten wir eine andere Wirklichkeit.

“Es handelt sich bei Benjamin um eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten, denen ich je in der Literatur begegnen durfte. Er verkörpert für mich jenseits seiner traurigen Geschichte, aber um sie wissend, die gelungenste Zusammenführung von Poesie und Wissenschaft. Niemand konnte diese zwei Disziplinen so zusammendenken wie Benjamin. Er hat sich nie aus der Wissenschaft herausgedacht. Er hat keinen Unterschied zwischen Form und Inhalt gemacht. Bei jedem wissenschaftlichen Text aus seiner Feder hat man stets das Gefühl, einen Lyriker zu lesen. Ich kenne niemanden, der zärtlicher zur Sprache gewesen ist als Walter Benjamin. Und das, obwohl er gar keine Gedichte geschrieben hat.” Andreas Spechtl

“Wenn ich über die Vergangenheit schreibe, während ich in der Gegenwart verweile, bin ich dann noch in der Echtzeit? Vielleicht gibt es keine Vergangenheit oder Zukunft, nur die immerwährende Gegenwart, die diese Dreieinheit von Gedächtnis enthält.
Ich blickte hinaus auf die Straße und sah, wie sich das Licht veränderte.” Patti Smith

“In dem historischen Augenblick, da der Kapitalismus – in Form des von ihm hervorgebrachten Faschismus – eine Gefahr apokalyptischen Ausmaßes in die Welt befördert hat, nimmt er nochmals den Beginn der kapitalistischen Epoche ganz genau in den Blick, und zwar in atmosphärischen Details, die dem Marxismus (zu dem sich Benjamin in dieser Phase seines Lebens ausdrücklich bekennt) in seinen orthodoxeren Ausprägungen völlig nebensächlich erschienen wären. Als könnte sich durch das Herausgreifen dieser Details, wenn man sie nur genau genug anschaut, der versteckte Schlüssel zum Verständnis des Kapitalismus finden, die Sollbruchstelle, von der her man ihn im letzten Augenblick – bevor der Faschismus auf ganzer Linie siegt – zum Explodieren bringen kann.” Gerald Fiebig über Walter Benjamins “Passagen-Werk” (Fragment), das auch dem hier titelgebend zu spielenden Hörstück zugrunde liegt.

Es erscheint uns ohnehin der geeignetere Zugang zum übervollen Universum des rastlosen Bilddenkmenschen zu sein, in Gestalt einer inneren Erlebnisreise etwas davon zu erspüren. Wie wenn man den etwas sehr anderen Dokumentarfilm “Who killed Walter Benjamin?” eben nicht verschwörungsesoterisch, sondern ganz und gar “benjaminisch” auffasst: Die Geschichte erzählt sich ihren Anwendern von selbst.

 

Razelli RMX – Jedermann

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. September – Kaum ist das letzte Echo über dem Domplatz verhallt, schieben wir eine weitere Jedermann-Interpretation hintnach, die wir für äußerst hörenswert erachten. Es handelt sich dabei um die neueste Fassung von Philipp Hochmairs Jedermann-Monolog, diesmal dramaturgisch gestrafft und in die Musik von Kurt Razelli eingebettet. Kurt wer? Razelli, weithin bekannt als Mash-Up-Artist, der oft prominente Wortspenden zu vielschichtig schillernden Songs/Videos verbearbeitet. Ein rastlos kreativer Freibeuter, der aus dem allgegenwärtigen Treibgut der Sprache wiederum neue, ureigene Kunstwerke herstellt, überraschend, kratzig, hintersinnig, lärmend und schön. Zum Beispiel sein Peter Handke Song – da kommt einem die Weltliteratur derart unerhört entgegen – dass die Ohren Augen machen!

Razelli RMX JedermannDieses “aneignende Darstellen” enspricht auch der Arbeitsweise von Philipp Hochmair, der sein “Jedermann-Reloaded-Projekt” immer als ein Work-In-Progress und als Erforschen und Ausloten der Möglichkeitsformen eines oft als unbefriedigend erlebten Texts begreift. Dem Post-Rock-Album mit der Elektrohand Gottes haben wir im letzten Herbst zwei Sendungen gewidmet. Diesmal bringen wir das aktuelle Album von Kurt Razelli zu Gehör, das die verdichtete Version des Jedermann-Monologs mehr in filmepischen Klangflächen und dramatischen Sounscapes aufbereitet. Durch diese Umsetzung erreicht das einst museal muffige Stück eine bislang ungekannte Dynamik und Eindringlichkeit. Und die beiden Berserker, die hier gemeinsam gewirkt haben, erstbesteigen einen neuen Höhepunkt ihres bisherigen Schaffens, der sich rundum gelungen anfühlt – und anhört. Vertrauen sie uns, wir spielen immer nur das, was uns taugt. Das ist das Vermächtnis des Freien Radios in einer Medienlandschaft voller Quoten und Idioten: Der unerträglichen Vermarktstandelung von Jedermannsdorf das Kreative in seinem Werden zu entgegnen, weil es Kunst und Lust – und gut ist.

Kommt Jesus zum Psychiater und sagt: “Herr Doktor, ich halt das alles nicht mehr aus. Die einen laufen mir nach, die anderen wollen mich umbringen. Und ich hab immer das Gefühl, ich muss alle retten. Ich bin total verzweifelt. Sagen sie mir, was ich tun soll!” Darauf der Psychiater: “Nu – bin ich Gott?”

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen sie die Packungsbeilage …

 

Der Tod

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. August“Grüß Gott, ich bin der Tod.” Dergestalt stellt sich der Sensenmann in einem feinen Kunstlied der EAV vor, und das naturgemäß mit einigem Salzburg- und Jedermannbezug. Dass diesem (fast) alljährlichen Mysterienspiel wegen seiner zentralen Thematisierung des Tods (in einem erzkatholischen Umfeld) schon einmal Mut und Fortschrittlichkeit attestiert wurden, das war uns bisher unbekannt. Wenn man allerdings bedenkt, wie sehr Tod und Sterben in unserer Gesellschaft ausgeblendet, verdrängt und wegritualisiert werden, dann scheint da durchaus etwas dran zu sein. Karl Kraus störte sich wohl eher an der allzu flotten Entschuldung des eiskalten Profiteurs Jedermann kurz nach dem Millionentod des ersten Weltkriegs mit all dem “katholischen Bumsti”

Andreas Vitásek - Der TodDer Tod und das mit ihm einher gehende Memento mori sind ein wesentliches Thema bei diesen Salzburger Festspielen, die für manche die Welt bedeuten – für manche auch nur die Bretter, die sie so gern vor dem Kopf haben, nur damit sie nicht weiter denken müssen als bis zum Rand ihrer wohlgefüllten Suppenschüssel. Dort endet ihre Welt und dort endet auch ihr Theater. Alles hat ein Ende – auch die Reichen und Schönen. Und sssippe sssappe! Womit wir bei Andreas Vitásek und bei seiner Personifikation des Todes angekommen wären. Eine Unterhaltung mit der eigenen Vorstellung vom Tod ganz in der Tradition “sich darüber lustig zu machen”, nicht ohne auch den Todernst aufblitzen zu lassen… Offenbar ist dem Tod in unserer Kultur am besten indirekt beizukommen, allegorisch, ironisch, surreal. Bei einem Gespräch über die Verdrängung des Sterbensthemas meinte der Hase, dass dadurch den einzelnen Menschen “das Werkzeug fehle”, um mit ihrem eigenen Ende klarzukommen. Ich wunderte mich zunächst über die Wortwahl, begriff jedoch dann ihre Bedeutung: Das Werkzeug, das man benötigt, um die eigene Endlichkeit überhaupt zu “bearbeiten” sowie das eigene Sterben, den eigenen Tod irgendwie friedlich, versöhnt und in Würde zu vollziehen – was könnte das sein?

Die grenzgeniale Orgel-Improvisation über den Bach-Choral “Komm o Tod, du Schlafes Bruder”, die mir immer als Orgel-Orgasmus (le petit mort) und logischer Höhepunkt der Filmhandlung erschien, sie heißt bei ihrem Komponisten Norbert J. Schneider “Der letzte Wille des Elias Alder” und trägt dessen baldigen Tod bereits machtvoll in sich. Dazu empfehlen wir nachdrücklich das zugrundeliegende Buch Schlafes Bruder von Robert Schneider. Und, über die Grenzen der Grausamkeit hinaus selbst Fragen zu stellen …

 

Heather Nova – Pearl

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. August – Liebe Musikfreunde (und *innen naturgemäß ebenfalls), es ist uns ein zutiefstes Bedürfnis, dem unlängst erschienenen Album Pearl von Heather Nova über die gewöhnliche Wahrnehmung hinaus zu Gehör zu verhelfen. Es ist nämlich an einem besonderen Punkt in ihrem Leben entstanden, an dem ihre langjährige künstlerische Erfahrung und ihre ursprüngliche Einstellung (zum Leben, zum Gefühl, zur Musik) kostbar kraftvoll zu neuer Gestalt verschmelzen. Mehr dazu auf ihrer Homepage unter Bio > Show More – “Eine Perle ist idealerweise das, was sich nach all den Jahren in einer Auster bildet.” So beschreibt Heather Nova nicht nur den äußeren Anknüpfungspunkt (zu ihrem Album Oyster von 1994), sondern auch das innere Geheimnis der Entwicklung eines Kleinods aus etwas Lebendigem.

Heather Nova - PearlEinst haben wir euch ihre Musik zur Entspannung vom feuchten Fußball kredenzt. Auch das Album Redbird, das von ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohns Sebastian geprägt war, kam bei uns schon vor. Und in der Nachtfahrt zum Thema female. feel male. veranschaulichte ihre Performance (mit Berit Fridahl an der Gitarre) das Zusammenspiel weiblicher und männlicher Energien, weit jenseits von Zuschreibungen oder Rollenklischees. Sie begleitet uns also seit geraumer Zeit und hat uns dabei immer wieder angerührt, erstaunt, überrascht – sei es nun unplugged mit Cello, als Lyrikerin (The Sorrowjoy), beim Interview im Gibson Room Amsterdam, als Sendungsthema bei den Kolleg*innen vom Deutschlandfunk oder als verträumt verliebtes Gutelaunekind (London Rain) für die planlosen Nebeltage der Sehnsucht. Es ist diese ausgehaltene Spannung in vielerlei Gestalt, die uns an ihrem Schaffen nach wie vor fasziniert, diese Gratwanderung zwischen den Gegensätzen festhalten und freilassen, Freude und Verzweiflung, Rastlosigkeit und bei sich sein, dieses bedingungslose Auskosten eines weit ausgespannten Gefühlsspektrums. Einfach unverfälscht leben – und das alles mitnehmen: “A pearl is hopefully what forms inside an Oyster after all the years, the accumulation of experience, the saltwater, the sand…”

Sister all the ways I adore you
Why can’t you see yourself?
Why can’t you see yourself?
Sister shine a light on your grace and beauty
Why can’t you see yourself?
Why can’t you?
You were just a child holding tight
In those ocean swells
Why can’t you see yourself?

You think everybody else has got it made
But can’t you see we’re all in pieces

Cause when you’re broken then you’re open
When you’re open then you’re living
When you’re living you are light
And it’s alright, and it’s alright, and it’s alright

See Yourself

 

Woman at War

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Juli – Der isländische Film Woman at War oder zu deutsch Gegen den Strom erweist sich als ein wirksames Antidepressivum angesichts unserer Ohnmacht gegenüber den weltzerstörenden Riesenfirmen und ihren brav handlangernden Regierungen. Und es ist sicher kein Zufall, dass dieser magisch-kreative Beitrag zur Rettung der Seele (die ja immer auch die ganze Welt bedeutet) ausgerechnet aus Island herrührt, wo es weltweit die meisten Autor*innen (im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung) gibt, wo auch für vorchristliche Naturwesen reale Schutzgebiete eingerichtet sind – und wo sogar der stets korrekt beschlipste Denis Scheck zum Künstlerinterview verzückt in eine warme Quelle steigt. Bei uns geht es heute um dieses sehr spezielle Schöpferischeund einen genialen Film.

Woman at WarVor nicht allzulanger Zeit haben wir etwa das Filmmusikschaffen von Hildur Guðnadóttir gewürdigt. Der Titel der damaligen Sendung passt übrigens ausgezeichnet zum Inhalt von “Woman at War” denn er hieß “Museum für Naive Technik”. Im heute (mit heftigem Nachdruck) zu empfehlenden Film hat allerdings Davíð Þór Jónsson für die Musik gesorgt, welche zudem auf höchst eigenwillige Weise ins Geschehen eingewoben ist. Sie wird hier nämlich von einem Trio isländischer Männer (mit Tuba, Schlagwerk, Klavier/Harmonika) sowie von einem Trio ukrainischer Frauen (in ihrer traditionellen Tracht singend) vorgetragen, und zwar immer wieder sichtbar und sogar auf die Handlung der Geschichte einwirkend. Ein dramaturgischer Kunstgriff, der zwar dem antiken Theater entstammt, jedoch auch im zeitgenössischen Film funktioniert, ja, sich darin geradezu anregend, belebend und intensitätssteigernd auswirkt. Zum genaueren Verständnis dieser Interaktionen von Story und Sound haben wir einige Schlüsselszenen quasi “ohne Bild” herauspräpariert, um sie so zu Gehörgefühl zu bringen. Außerdem gibts als Beispiel isländischen Humors Hundur í óskilum sowie isländisch inspirierte Musik aus Salzburg: Chili Tomasson and the Cinema Electric.

Weshalb ich Woman at War eingangs als Antidepressivum qualifiziert habe und den Film darüber hinaus als einen wahren Quell an Hoffnung und Perspektive erachte, das liegt vor allem an seiner politischen Aussage. So heißt es etwa im Manifest der Bergfrau: “Ich fordere alle, die das lesen, auf, sich zu wehren. Setzt euren Verstand und Erfindungsreichtum ein, um diesem Konzern Schaden zuzufügen! Denn das ist die einzige Sprache, die diese globalen Konzerne überhaupt verstehen. Mit dieser Methode arbeiten sie selbst weltweit: Sie richten Schaden an – an der Natur und an der Gesellschaft.”

 

The Blues Brothers – Das Original

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. JuliKinder, wie die Zeit vergeht! Und gerade deshalb ist es so notwendig, einzelne Ereignisse “von damals” hervor zu holen und sie für ein Weiterwirken in der Weltgeschichte aufzubereiten. Denn die wesentlichen Wendepunkte der Menschheitsentwicklung sind verstehbarerweise selten in der “Geschichtsschreibung der Sieger” verzeichnet. Deren gepriesene Feiertage beruhen ja zumeist auf Niedermetzeln und/oder Verhungernlassen, auf Unterdrücken, Beherrschen, Ausplündern, auf gebrochenen Versprechen sowie Legalisierung des Unrechtskurz (haha!) auf Lug und Trug und Drohungen. Und während heute über das Umbenennen von Mohrengassen und das Großschreiben des Wortes Schwarz räsoniert wird, gehen die Blues Brothers einen anderen Weg:

The Blues BrothersDer Kultfilm aus dem Jahr 1980 stellt eine damals längst überfällige Würdigung von afroamerikanischen Musiktraditionen und deren Einfluss auf die unzähligen Stilrichtungen des internationalen Musikschaffens dar, als Geschichte des gemeinsamen Widerstands gegen die Dummheit, Gefühllosigkeit und rassistische Intoleranz einer auf Gehorsam und Gleichförmigkeit programmierten Gesellschaft. Und zugleich setzen die Blues Brothersals Bandprojekt wie auch als Film – just am Schnittpunkt der wechselseitigen schwarzweißen Einflussnahme, nämlich dem Rhythm and Blues, vielen Vertreter*innen originär “schwarzer” Musikgenres ein zärtlich bewunderndes Denkmal. So treten im Rahmen einer turbulenten Filmhandlung etwa Ray Charles, John Lee Hooker, Aretha Franklin oder der große Cab Calloway jeweils mit eigenen Kompositionen prominent in Erscheinung. Die Blues Brothers Band selbst hat lange Zeit Probleme, ihre angestammte schwarzweiße Fusionmusik live vor Publikum zu zelebrieren, und muss daher notgedrungen auf schräge Coverversionen ausweichen, wie zum Beispiel “Rawhide” in Bob’s Country Bunker (“Wir haben hier BEIDE Arten von Musik, Country UND Western!”). 40 Jahre danach ist Donald Trump Präsident…

Kein Wunder bei so viel “Negermusik”, dass nicht nur Nazis vom Himmel fallen und ins verdiente Loch krachen sowie reinweiße Countryboys in hohem Bogen durchs Bootshaus in den See “fahren”. Nein, auch Polizeiautos werden naturgemäß lustvoll ineinander getürmt, umgestürzt – und filmreif verschrottet.

Wir wollen euch darauf Appetit machen!

Du magst den Wagen nicht?

 

Bachmann Loops

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Juni“Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!”, schrieb Ingeborg Bachmann 1961 in ihrer Erzählung Undine geht”. Was sie wohl heute von dem nach ihr benannten Preis halten würde? Jene Dichterin, die 1967 aus Protest gegen die Übersetzung der Gedichte von Anna Achmatowa durch den ehemaligen NS-Funktionär Hans Baumann ihren bisherigen Stammverlag verließ, weil sie verstand, dass eine Frau, die gegen den Totalitarismus Stalins anschrieb, nicht von einem Mann bearbeitet werden durfte, der den Totalitarismus Hitlers mit befördert hatte. Jene Ingeborg Bachmann, die 1973 zugrunde ging, auch an ihrer jahrelangen Verzweiflung über jederlei kritiklosen Gehorsam, nunmehr dem alles zersetzenden ökonomischen Diktat gegenüber. Das Virus Macht hat viele Gesichter.

Bachmann LoopsWie entstanden nun eigentlich 1976 jene Tage der deutschsprachigen Literatur, als deren Höhepunkt sich das “Wettlesen” um den Ingeborg-Bachmann-Preis etablierte? Schon wieder begegnet uns Humbert Fink, der weithin als “Konservativer vom Dienst” dargestellt wird – und der im legendären Club 2 mit Nina Hagen 1979 als gelangweilter Verächter der weiblichen Sexualität auffällig wurde. Und der ebenso notorische Marcel Reich-Ranicki (die Löffler?), der ja auch nicht gerade als Verfechter einer spezifisch weiblichen Sicht- und Schreibweise gilt – viel eher als Prototyp des Machtbildes vom “alten weißen Mann”. Hier tut sich auf einmal eine schwindelerregende Diskrepanz zwischen Behauptung und Tatsächlichkeit auf, die aufs erbrechenmachendste die hierzulande gebräuchliche Rundumverwurstung von toten Künstler*innen aufzeigt. Wurscht, wer Mozart wirklich war, zur Imagepflege und als Handelsware ist er super! Überhaupt, ein Literaturevent als “sportiver” Wettkampfdas gibt uns zu denken!

Einen angenehm anderen Umgang mit dem Vermächtnis von Verstorbenen pflegt der Berliner Produzent Tim van Jul, der schon vor 8 Jahren mit seinem Projekt “Seid was ihr wollt – Kinskys Villon” im Artarium zu Wortklang kam. Nun hat er unlängst einen Gedichtvortrag von Ingeborg Bachmann kongenial in elektronische Musik gebettet, noch dazu zuhause als Ein-Mann-Unternehmen, wie es in den Zeiten der Corona angesagt ist. Und wie es zur diesjährigen digitalen Darreichung der “Tage der deutschsprachigen Literatur” passt wie kein anderer Faust aufs Auge. Daher spielen wir sein aktuelles Album “Bachmann Loops” am Tag der Preisverleihung.

Die Woge trug ein Treibholz hoch und sinkt.
Das Fieber riss dich an sich, lässt dich fallen.
Der Glaube hat nur einen Berg versetzt.
Lass stehn, was steht, geh Gedanke!

Ingeborg Bachmann – Geh, Gedanke

 

Die trojanische Gunst

Artarium am Sonntag, 14. Juni um 17:00 Uhr“Der nächste, der Kunst sagt, kriegt eine aufs Maul.” Dieser wunderbare Satz stammt nicht von Ulrike Lunacek, sondern von Hubert Weinheimer, seines Zeichens Dichter und Spiritus Rector der Wiener Chanson-Punk-Kapelle “Das trojanische Pferd”, die uns schon seit Jahren immer wieder lustvoll inspirativ begleitet. Genau genommen aus dem sich in Sehnsucht verzehrenden Lied “Fahrstuhlmusik” vom allerersten Album. So weit, so bisher. Doch jetzt hat der gefühlsselige Kreativvulkan eine ganz und gar neue (die vierte) Textmusikeruption zur Welt gebracht: “Gunst”, unlängst bei grob, gröber, monkey erschienen, klingt irgendwie anders – und doch wohlvertraut. Über die Entstehung des Gunstwerks berichtet Hubert im mica-Interview allerhand Aufschlussreiches.

GunstBeim Ersthören hat mich irgendwas an diesem gewandelten Klangbild schon auch irritiert. Und erst nach einiger Zeit wurde es mir klar: Das Cello fehlt! Fürwahr, der kongeniale Kompositeur und Live-Cellist, der in der “Fahrstuhlmusik” besungen wurde: “Und Hans Wagner und ich, wir schlagen zurück …”, der ist auf diesem Album nicht mit an Bord. Schade – denn sein exzentrisches Cellospiel prägte den Sound des Pferds maßgeblich. Dafür kommt “Gunst” allerdings mit zahlreichen neuen klanglichen Facetten daher, die sich vielleicht erst im Zuge mehrmaligen Hörens erschließen, dann jedoch dadurch überzeugen, dass sie das akustische Bühnenbild für Hubert Weinheimers Gesänge derartig plastisch, eindringlich und vieldimensional gestalten, wie es der Dichtheit und Virtuosität seiner Liedtexte entspricht. Denn seien wir uns einmal ehrlich, deren Qualität ist das Beständige und Vertraute, auch in diesem Album. Mehr oder weniger verklausuliert, wie lernten wir es schon beim Meister der vielschichtigen Aufbereitung (Peter Gabriel): “… erst die richtige Mischung aus Enthüllen und Verbergen macht Kunst lebendig …” Oder so ähnlich. Ein kleiner Vorgeschmack auf Gunst und Kultur?

Alles was ich nicht kenn das gibt es nicht
Du fragst mich na wie schmeckt das Kriegsgericht
Und langsam glaub ich schon du liebst mich nicht
Weil sich das letzten Endes widerspricht

Alles was ich nicht kenn das gibt es nicht
Alles was ich nicht mag ist widerlich
Alles was mir gehört das kriegst du nicht
Wenn du die Augen zumachst siehst du mich

Wir werden sehen…

 

Loreena McKennitt – Lost Souls

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 31. Mai – Anlässlich der zu befeiernden Ausgießung (sowie ihrer Stattfindung in Gestalt von Regen) und überhaupt deshalb, weil eh alles immer schneller, immer lauter und immer noch penetranter daherdröhnt ringsum, also jedenfalls aus Gründen, entführen wir euch heute in ein Zwischenreich aus kräftiger Stille und sanfter Energie, nämlich Loreena McKennitts bislang letztes Studioalbum Lost Souls. Auf dem titelgebenden Stück (zugleich die Schlussnummer) taucht sie aus ihrer lebenslangen Reise durch diverse versunkene Mythologien und Musiktraditionen endgültig im Hier und Jetzt der globalen Gefährdung auf. Im Text zur gewohnt atmosphärischen Musik bezieht sie sich auf Ronald Wrights Buch “Eine KURZE Geschichte des Fortschritts” – und stellt fest: “I’m coming home to you.”

Loreena McKennitt - Lost SoulsSpeziell eine Passage (aus dem Buch) hat es McKennitt angetan: “Wright sagt, dass unsere Spezies die moralische Richtung verloren hat, immer mit dem Blick auf den ‚Fortschritt‘, und dass wir so etwas wie verlorene Seelen geworden sind.” (Aus der feinen Rezension auf nordbuzz.de zitiert.) Wie des weiteren zu erfahren war, möchte die inzwischen über 60-Jährige ihr musikalisches Wirken künftighin zurück stellen, um sich vermehrt ihrer Familie und dem Kampf um die Rettung des Planeten vor der menschgemachten Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu widmen. Respekt! Inne zu halten und sich auf das Wesentliche zu besinnen ist die einzig gute Grundlage für wirklich tragfähige Zukunftsperspektiven. Und nicht kurzatmig und kurzsichtig immer nur noch schneller der Kurzlebigkeit fragwürdiger Reförmchen zu obliegen. Beim hörenden (wer Ohren hat) Einsinken in die Klangwelt von Lost Souls werden unweigerlich Augenblicke der Verbundenheit mit dem ursprünglich Lebendigsein an sich hervor gerufen, wie man sie zum Beispiel im Blinzeln von Sonnenlicht durch sanft windbewegte Blätter, im stillen Seufzen angesichts des Sternenhimmels oder im atemberaubend klaren Geschmack frischen Quellwassers erfahren kann. Wer in letzter Zeit nicht mehr so oft hinaus konnte wie früher, wird das zu schätzen wissen.

Wir haben vor einigen Jahren bereits ihre legendäre Livesession “Nights from the Alhambra” vorgestellt, in der maurische und orientalische Einflüsse mit keltischen Traditionen verschmelzen. Auf ihrem neuen Album taucht dazu noch das Thema der israelischen Nationalhymne haTikwa (die Hoffnung) auf und feiert als “Sun, Moon and Stars” friedliche Urständ mit zahlreichen musikalischen Nachbar*innen

Also dann, Shalom!