Takeshi’s Cashew

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. September – Dass es hier in nächster Zeit die eine oder andere musikalische Neuentdeckung zu erleben gibt, das hat sehr viel mit Hans Webersdorfer zu tun. Besser gesagt mit der nach ihm benannten Straße im Süden Salzburgs. Dorthin werde ich nämlich jetzt eine Zeit lang unterwegs sein. Und wenn man sozusagen “auf Reisen” ist, dann nimmt man ganz andere Eindrücke mit von dieser Welt, die da an einem vorüber zieht. Und man “sieht” auf einmal Details, “entdeckt” dahinter verborgene Geschichten und “erzeugt” (oder mediopassiv, es entstehen in einem) neue Verknüpfungen und Zusammenhänge, auf die man sonst nie gekommen wäre … Der kongeniale Soundtrack zu diesem Roadmovie kommt heute von Takeshi’s Cashew und heißt “Enter J’s Chamber”. Fare well, my love!

Takeshi's MahnmalIn der Hans Webersdorfer Straße steht ein eigenartiges Denkmal, das aus lauter Arbeitshandschuhen zu bestehen scheint. Bei näherer Betrachtung stellte sich mir die Frage, wie “die” das so derartig realistisch hingekriegt haben als Bronzeguss und so … Wie es der Zufall (oder die Regie des Lebens) haben will, traf ich kurz darauf einen Freund, der mir erzählte, dass er mit dem Schöpfer dieses Kunstwerks namens Benjamin Zsak gemeinsam die Bildhauer-HTL in Hallein besucht und sogar noch bei der Herstellung der Gussform mitgewirkt hat. Frage findet Antwort! Darüber hinaus erfuhr ich von ihm, dass besagter “Benji” nicht nur Banjo spielt, sondern auch Bass bei einem international erfolgreichen Musikprojekt namens Takeshi’s Cashew. Und deren Musik, die er mir nach unserem ersprießlichen Gespräch noch hinterher schickte, die berührt mich auf so ungewohnt angenehme Weise, dass ich sie schlicht nicht für mich allein behalten mag. Weshalb ich sie euch hier auch weiterempfehle.

Im MICA-Interview “Auskennen im Musikbusiness” erfährt man von Florian Feit (Woodwinds) einiges über den Werdegang der Multiinstrumentalistentruppe sowie deren Self-Learning-Odyssee durch die Wirrungen des Musikmarkts. Mich hat vor allem die Aufzählung der unterschiedlichsten Instrumente, die einige der Mitglieder da einsetzen, fasziniert: Benjamin Zsak und Lukas Zettl spielen etwa Gitarre(en) und dazu noch Synthesizer. Solches “Musik verstehen” aus Gitarrengefühl und zudem aus Keyboard-Soundigkeit heraus, das erzeugt einen ganz eigenen Klangteppich …

 

Welcome to my heart!

 

Austrodrama

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. September – Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen Film “Austroschwarz” erfolgreich in die Kinos gebracht, dessen Themen und Hinterfragungen vor allem mich selbst zu ein paar Nachforschungen im Kolonialwarengeschäft meiner Vorfahr*innen inspirierte. Und so sollte Kunst unserer Ansicht nach funktionieren, dass sie immer auch Anregungen zu wiederum neuen und eigenen Verbearbeitungen anbietet. So stellen wir euch heute das auf Vinyl bereits erschienene Soloalbum “Austrodrama” von Mwita Mataro vor …

AustrodramaEinige der Songs daraus hat er auf seinem YouTube-Kanal (auch als recht schräge, launige Musikvideos) auch schon vorab veröffentlicht. Die komplette digitale Playlist wird sich dann noch bis zum CD-Release im Oktober Zeit lassen … Wir spielen jedoch bereits heute “das ganze Album”, zumal wir finden, dass es gehört gehört (danke, Wolf Haas). Wir, das sind diesmal Der kleine Ich und Ben-Luca Malzer, der mich auf erfrischendste Weise schon beim Digitalisieren der “Schallplatte” (yes, it’s analogue, so wie damals) mit seiner zeitlosen Hardware unterstützt hat. Was uns sogleich in die klanglichen Finessen des vorliegenden Musikwerks einsteigen lässt. Der Produktion hört man die langjährige Erfahrung des Sängers von At Pavillon im Funkpop Indierock whatever jedenfalls genreverschmelzenden Musikbetrieb deutlich an – und auch sämtliche am Zustandekommen von einem so runden und schillernd vielseitigen “Austrodrama” wie diesem Beteiligten tragen zu seinem Gelungensein bei. Allein die Texte, die ich bemerkenswert finde, könnten da für meinen Geschmack noch deutlicher klingen …

 

Zum Beispiel “Es begann alles mit Feuer”

 

Hast du’s kommen geseh’n, kommen geseh’n, kommen geseh’n?
Hör’s auf dir schönzureden, schönzureden, schönzureden
Du weißt, nichts wird, wie’s früher einmal war
Schau mich an, wenn ich mit dir red‘, schau mich an
Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr
Sondern bunte Farbflecken, oder viel mehr
Bäume führen einen endlosen Tanz um uns rum

Es begann allеs mit Feuer, dann kam Strom
Es begann allеs mit Feuer

Es dampft aus dem Kopf, aus dem Kopf, aus dem Kopf
Du schaust zum Himmel auf, Himmel auf, Himmel auf
Beobachtest die Wolken, du schaust ihnen nach
Kann sein, dass sie von mir sind? Kann das sein?

Hören wir auf, in Metaphern zu reden
Hören wir auf, in Zahlen zu leben
Du weißt, es begann alles mit Feuer, dann kam Strom
Es begann alles mit Feuer

 

Mwita Mataro – Austroschwarz in progress

 

A Mediterranean Odyssey

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. September – Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken mit der Perlentaucher-Nachtfahrt zum Thema “Synästhetische Symphonie” zur Selbsterfahrung synästhetischer Phänomene einlädt, die in streng abgrenzenden Definitionen (entweder bist du im Schachterl drin oder eben draußen) nicht vorkommen: Das Entstehen von neuen Gefühlszuständen durch von äußeren Eindrücken ausgelöste Innenwahrnehmungen zum Beispiel.

A Mediterranean OdysseyOder auch die Möglichkeit, durch entsprechende Übungen neue und bisher nicht vorhanden gewesene Verknüpfungen von Nervenbahnen im eigenen Gehirn herzustellen. Ich erinnere mich da an einen in dieser Hinsicht ganz besonders begabten Musiklehrer, den ich in den 70er Jahren in der 5. Klasse Gymnasium erleben durfte. Professor Kaspar spielte uns die unterschiedlichsten klassischen und modernen und … Musikstücke vor – und stellte uns dabei jedes Mal die Aufgabe, die Augen zu schließen und darauf zu achten, was für innere Eindrücke (Bilder, Farben, Formen, Gerüche, Szenarien, Stimmungen, Geschichten …) wir in uns wahrnehmen würden. Und anschließend lud er uns dazu ein, die jeweiligen Wahrnehmungen mit ihm und der ganzen Klasse zu teilen. Sogar die wortkargsten Mitschüler*innen, die ich als irgendwie “emotional spröde” empfand, erzählten auf ein Mal von ihren inneren Erlebnissen. Bei mir selbst fand ich heraus, dass sich zunächst nur einzelne Eindrücke einstellten, die nach mehreren Versuchen zu ganzen Filmszenen wurden.

“A Mediterranean Odyssey”, wie überhaupt die Musik von Loreena McKennit ist für solche Experimente und Expeditionen (ins eigene Gehirn und dadurch auch darüber hinaus) ganz vortrefflich geeignet, weil sie so vieles ineinander verwebt, was unsere gewohnten und (von wem auch immer) normierten Vorstellungen von uns selbst und “von unserem Platz in der Welt” auflösen, fließend machen und neu (und vor allem selbstbestimmt) entdecken und dadurch bestimmen hilft. Hier begegnen sich uralte Weisheiten der keltischen Ursassen mit orientalischen Formen und Traditionen …

 

… und auch mit uns, wenn wir offen sind …

 

The Unternationale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. August — Meine Großmutter war schon eine eigenartige Frau. Sie wohnte seit den 50er Jahren bei ihrer Tochter, meiner Tante, die zeitlebens eine überzeugte Nationalsozialistin war. Und dennoch (oder gerade deswegen) versorgte sie mich während meiner gesamten Jugendzeit mit Literatur vornehmlich jüdischer Autoren. So zum Beispiel Friedrich Torberg, Ephraim Kishon  oder Joseph Roth. Ihr verdanke ich einen gewissen Einblick in die unterschiedlichen Entwicklungen jüdischen Denkens und jüdischer Kultur. Was mich dazu befähigt, “The Unternationale” von Daniel Kahn, Psoy Korolenko und Oy Division als eine besonders inspirierende Arbeit zu begreifen. Oder, wie meine Großmutter gemeint hätte, lassen wir jüdische Musiker ihre Identitäten doch einmal selbst hinterfragen.

The UnternationaleUnd im Falle ihrer Verbearbeitung von “Sympathy For The Devil” mit dem jiddischen Titel “Rakhmones Afn Tayvl” wirds auch sprachlich interessant. Wer kann hierzulande schon hebräisch lesen, wer versteht den jiddisch gesungenen Part mit den vielen versteckten (oder sinds doch offensichtliche) Anspielungen? Hier einmal die “Romanization” des hebräisch/kyrillischen Originals. Und wenn man sich ein bisserl mit der Google-KI spielt (für sowas können Sprachmodelle ganz sinnvoll sein), dann kann man, wenn man möchte, schon etwas weiter in die Welt des Witzes und der Selbstironie eindringen. Oder seh das nur ich so, weil ich einseitig vorentlastet bin, will heißen, dass ich schon mit 12, 13 Jahren über wirklich Witziges lachen konnte? Mir tut heut noch der Bauch weh … aber sehr angenehm 🙂 Meine Großmutter und ich waren geheime Partisanen in unserer Familie, einem fundamentalistisch totalitären Herrschaftssystem, in dem Gewalt und Unterdrückung durch hinterrücks schleichende Gewissenskorruption ausgeübt wurde. Aber ich war (schon wieder) nicht allein. Hoch die Unternationale!

Der sehr sehenswerten Film “Lauf Junge lauf” erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen, der die Nazizeit in Polen überlebt, indem er seine ursprüngliche Identität verleugnet – ja, beinah vollständig auflöst und dann die Identität eines polnischen katholischen Jungen annimmt. Am Ende des Films hilft ihm Moshe, väterlicher Freund aus dem jüdischen Widerstand, sein fast schon komplett abgespaltenes Selbst wieder anzunehmen, seinen Platz in der Welt – unter behutsamer Achtung seines freien Willens – selbstbestimmt zu finden und einzunehmen:

 

„Ich habe keine Angst vor dir!“

„Ach, wirklich?“

„Die haben auf mich geschossen. Mich mit Hunden gejagt. Ein Haus über mir angezündet. Aber ich lebe noch immer. Ich lass mich nicht wieder einsperren! Und wenn, dann lauf ich wieder weg. Lass mich also in Ruhe.“

„Ich kann nicht. Wir brauchen solche wie dich.“

„Wer ist Wir?“

„Wir Juden. Dein Volk. Die Kinder Israels.“

„Ich will aber kein Jude sein. Dann hätte ich meinen Arm noch.“

„Jurek, vielleicht glaubst du mir nicht, aber ich verstehe dich. Bis jetzt bist du deinen eigenen Weg gegangen. Mit deinen eigenen Entscheidungen. Das ist gut. Ich bewundere dich dafür. Wirklich. Aber wir wollen dir jetzt einen Weg zeigen, von dem wir denken, dass er der richtige ist. Für dich. Für uns. Und für unser gequältes Volk. Ob du diesen Weg dann auch gehen willst, das darfst du allein entscheiden.“

 

Rachid Taha – Tekitoi?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Juli – Der leider viel zu früh verstorbene “Crossover-Pionier des Maghreb” und kulturübergreifende Ausnahmemusiker Rachid Taha hat uns ein sowohl künstlerisch als auch menschlich inspirierendes Gesamtwerk hinterlassen. Und einige Aspekte davon wollen wir in dieser Sendung hervorheben, indem wir sein 2004 erschienenes Meisterwerk “Tékitoi?” zumindest anspielen, denn das originale Album würde voll ausgespielt insgesamt 1:12:48 dauern. Viel zu lange – und das eine oder andere möchte ich schon auch sagen, etwa zur sehr belebenden Wirkung seiner Musik … in der sich traditionelle algerische Musiken wie unter anderem der Raï, dem er zeitlebens eng verbunden war) sowie moderne Einflüsse aus Rock, Punk und Electronic auf ganz einzigartige Weise verbinden …

Rachid Taha - Tékitoi?So kommen im speziellen Fall gewohnte Worte wie verbinden, vermischen oder verschmelzen schnell an die Grenzen ihrer Aussagekraft und wirken beliebig. Ich möchte sie daher für die Art und Weise, wie Rachid Taha mit dem Zusammensein von Musikwelten aus Nordafrika und Europa und weit darüber hinaus umgeht, gar nicht mehr verwenden, sondern einer biosystemischen Metapher nachgehen: “Da geben sich die beiden Gehirnhälften die Hand.” Und ungefähr so stelle ich mir das Zusammenkommen und Zusammensein dieser vielen verschiedenen kulturellen Traditionen vor, wenn ich seine Musik höre, spüre und erlebe: Da geben sich Afrika und Europa die Hand, grinsen sich gegenseitig an, essen miteinander, erzählen sich Geschichten, packen ihre Instrumente aus und fangen an, gemeinsam zu musizieren. Es dauert nicht lange, bis sich daraus ein völlig selbstverständliches Fest entwickelt und sich auch die verschiedensten Tänze in einem einzigen zeitlosen Feiern des Lebendigseins auflösen. Genau so etwas in der Art habe ich schon einmal erlebt …

Das war Anfang der 80er Jahre in Marokko, als ich einmal zu einer Berberhochzeit eingeladen wurde, bei der ich dann spätabends (was für mich völlig überraschend war) aufgefordert wurde, mit einigen bärtigen Scheichs zu tanzen … Zu meinem großen Glück hatte ich zuvor “im alten Mark” in Salzburg die Gelegenheit gehabt, einen ganz eigenen spontanen Ausdruckstanz zu entwickeln, den ich alsdann, einem Luftgitarre fudelnden Derwisch nicht unähnlich, zur allgemeinen Freude vollführen konnte. Das ich dabei das genaue Gegenteil von nüchtern war, erwies sich zudem als hilfreich.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, wäre ich neugierig, was ich ohne enthemmende Berauschung damals an verschiedenen feinen Nuancen von Gesichtsausdrücken und Stimmungen noch so alles hätte mitbekommen können. Aber da schau her – ich kann ja mein Heute-Ich in mein Damals-Ich zurückschicken und überhaupt auch im Hier und Jetzt neue Erfahrungen machen, nüchtern betrachtet. Wie zum Beispiel mit dem zauberhaften Stück “Stenna (wait)” von Rachid Taha, das mich jedesmal beim Anhören in einen gesamtkörperlichen Friedens- und Entspannungszustand versetzt.

 

Rock el Casbah

 

Genug ist nicht genug

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Juni – Vielleicht ist alles auch ganz anders. Bei Konstantin Wecker bin ich jedenfalls schon einmal voreingenommen, ich kenne ihn persönlich und er hat Spuren in meinem Leben hinterlassen. Spuren, die für mich wertvoll waren und mich in meiner Jugend dazu ermutigt haben, mich gegen das zu stellen, was mir als angeblich unveränderbar mitten auf meinen Lebensweg betoniert worden war. Er hat mich vor allem mit seiner Sprache dazu mitgenommen, meinen ganz eigenen Ausdruck zu entwickeln, nicht umsonst habe ich ihn immer wieder als “meinen Sprachlehrer” bezeichnet. Das alles hat mit dem 1977 erschienenen Album “Genug ist nicht genug” angefangen, das damals in Künstlerkreisen buchstäblich rauf und runter gespielt wurde – und das wir hier und heute noch einmal auflegen.

Konstantin Wecker - Genug ist nicht genugDas ist die eine Seite. Doch bliebe dieses Bild unverändert so in meiner Erinnerung bestehen, könnte man es durchaus als eine Idealisierung beschreiben, als etwas einseitiges und unverrückbares, das meiner weiteren Entwicklung mit der Zeit genauso behindernd im Weg stehen würde wie der eingangs erwähnte Vergangenheitsbeton. Denn ein mieser Macho, das konnte er auch sein. Ein Alkoholiker, der oft “eine Spur der Verwüstung durchs Leben anderer Menschen zog”. Und einer von den bösen Jungs, hinter deren rebellischen Posen ich mein Zartes und Verletzliches nur allzu gern versteckte. Seit ich aber sein Buch “Der Liebe zuliebe” gelesen habe, in dem er schonungslos über seine jahrzehntelange Alkoholabhängigkeit, seinen zuletzt erfolgreichen Entzug und seine ihm erst dadurch wieder bewusst werdende Verantwortung für alle Licht- und Schattenseiten seines wilden und zärtlichen, verwegenen und sehnsüchtigen, dramatischen und bedürftigen Lebens berichtet, beginne ich zu begreifen, wie sehr diese verschiedensten Facetten in uns allen ein wechselwirkendes Ganzes sind.

Und es erfüllt mich mit Zuneigung, und es erfüllt mich auch mit Abscheu – doch diese Gefühle, wie schmerzvoll und widersprüchlich ich sie auch erleben mag, sind meine Verantwortung, auch meinem eigenen Leben gegenüber. Sich jetzt abermals hinter einer der vielerorts angebotenen Entlastungsposen zu verstecken, wie etwa der des moralischen Rechthabens, bringt mich auf meinem Weg, meine eigenen Licht- und Schattenseiten in mir zu integrieren, auf gar keinen Fall weiter. Denn um für etwas verantwortlich sein zu können, solltest du es dir schon vertraut gemacht haben.

 

“Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.

 

PS. Der inzwischen auch ausgezeichnete Film “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” ist bis Freitag, 20. 6. mehrmals täglich im Wochenprogramm von FS1 zu sehen, immer im Doppelpack mit dem wunderbaren “Schräge Vögel Studiotalk”, moderiert von Djordje Čenić (Studio West).

 

The Joshua Tree Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Mai – Es war im Jahr 1987 und ich hatte einen der begehrtesten Studentenjobs ergattert, den man damals in Wien kriegen konnte: 2 Monate als Chauffeur und “Mädchen für vieles” bei den Dreharbeiten von Jean-Jaques Annauds Film “The Bear”. Noch dazu im Ausland, wie das früher hieß, wenn es sich um die italienischen Dolomiten handelte. Die “Auslandszulage”, die dabei fällig wurde, bedeutete richtig viel Geld! Davon würde ich, wieder in Wien, ein Jahr lang bequem leben können. Schnitt. Auf dem Weg nach Südtirol begegnete mir in einem Tankstellenshop (ich musste ja zu der Zeit “nicht aufs Geld schauen”, wie man so sagt) eine käuflich zu erwerbende Musikkassette mit dem soeben erst erschienenen Album “The Joshua Tree” von U2. Gesehen. Gekauft. Spontan …

The Joshua Tree (Cover Foto)Nochmal Schnitt. Das Album wird seit seinem Erscheinen sowohl von der Kritik wie auch vom Publikum als herausragende Produktion und als für die gesamten 80er Jahre (sound)stilprägend gewürdigt. Und wir haben es bislang in unserer Sendung noch nie in gebührender Weise zu Gehör gebracht. Bis jetzt. Vielleicht trifft es sich ja ganz gut mit dem Umstand, dass U2 es mit Brian Eno und Daniel Lanois gemeinsam vor genau 40 Jahren auf sehr spezielle Weise produziert haben. Auf jeden Fall hat es mich, der ich damals fast schon obsessiv mit der Herstellung von ungewöhnlichen Gefühlssounds auf Sythesizern zu Gange war, gründlich angeregt sowie zu neuen Herangehensweisen inspiriert. So verdanke ich etwa den nach tagelangem Geschussel zuletzt doch noch erfolgreichen Versuchen, diverse klangliche Atmosphären aus “Mothers Of The Disappeared” auf dem Casio CZ-5000 nachzubauen, eine lebenslange Aversion gegen digitale Klangerzeugung.

Jetzt noch ein Schritt … in die Gegenwart: Nachdem ich nun in letzter Zeit ein paar jüngere Kolleg*innen (und ihre Arbeiten) kennen gelernt habe, die sich auch heute mit ganz ähnlichem befassen wie ich damals, nämlich mit dem Erschaffen vielschichtiger Soundstrukturen unter Verwendung von klassischen analogen Synthesizern zum Beispiel, möchte ich einige der höchst außergewöhnlich aufbereiteten Stücke aus dem Album “The Joshua Tree” hier auch als “inspiratives Anhörungsmaterial über die Generationen hinweg” weiterempfehlen, allen voran das wunderschöne “Exit”

 

Sehr zum Wohl

 

Breaking Glass (Film Soundtrack)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. April – Seit einiger Zeit tauchen sie wieder öfter auf, die 70er und 80er Jahre, speziell im Hinblick auf die radikalen Einflüsse von Punk, New Wave und D.I.Y. (“Do it yourself”) auf die Musikkultur jener Zeit und darüber hinaus auf weite Teile des Musik- und Kunstschaffens bis heute. Zeit für einen Zeitsprung oder Die Zeitkapsel ist hiermit eröffnet: Wir schreiben das Jahr 1980. In Großbritannien zerfällt die Gesellschaft in gewaltsamen Unruhen. Margaret Thatcher hetzt berittene Polizei gegen demonstrierende Arbeiter*innen. “Anarchy in the UK”. Die Hymne der Sex Pistols aus dem Jahr 1976 hat die Eskalation längst vorweg genommen. Punk mischt das kulturelle Selbstverständnis einer ganzen Generation auf. Und da erscheint der Film “Breaking Glass” mit Hazel O’Connor.

Breaking GlassProduziert von jenem Dodi Fayed, der 18 Jahre später zusammen mit Lady Diana bei einem Autounfall … Im Jahr 1980 jedoch, genau an der Grenze zwischen gewohnten Rock-Strukturen und unerhörten Punk- und New-Wave-Sounds, im Umbruch der althergebrachten Verwertungsindustrien und noch bevor alternativ selbstbestimmte Lebens-, Öffentlichkeits- und Marktformen für Bands erfunden und ausprobiert werden konnten, da dazwischen – im Inbetween –erzählt sich uns die etwas andere Geschichte der No-Future-Generation in ihrem lebensbejahenden Kampf mit den verlogenen Verhältnissen, in denen sie sich auf ihrer Suche nach Liebe (was denn sonst, seit Anbeginn der Menschheit, seit jeder Geburt seither) zunächst fassungslos wiederfindet. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Protagonistin in ihren Versuchen, “die Welt da draußen mit ihrer Botschaft zu erreichen”, ganz ähnliche Erfahrungen macht wie Pink aus dem etwa zur selben Zeit und ebenfalls in England entstandenen Pink-Floyd-Opus “The Wall” – nämlich von der Menschenvernichtungsmaschine der Musikindustrie bis zum Zerbruch ausgebeutet und ausgewrungen zu werden.

Und auch die Rettungs- und Erlösungsphantasien aus der Nazibildwelt kommen bei beiden Hauptfiguren vor – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Wobei man hier schon fragen kann, inwieweit die jeweiligen Erlöserposen – “Die anderen als Lichtgestalt vor den Naziumtrieben retten” (Breaking Glass) oder “Zur Rettung der Gesellschaft selbst zum Diktator werden wollen” (The Wall) nicht zwei Seiten desselben Scheiterns auf der Suche nach Liebe sind, wie Arno Gruen das in dem Kapitel über linke und rechte Rebellen aus “Der Verlust des Mitgefühls” nahelegt.

“Then comes „Will You?“, the jewel. Tender, almost fragile, then broken open by saxophone. For me, it was the first time I realized Hazel could devastate as well as rage.”, schreibt Howard Salmon in einer Betrachtung des Soundtracks wie auch des Films und seiner Begleitumstände. Lesenswert! Und auch für mich als ein Perlentaucher in vielerlei Hinsicht ist dieser Song eine herausragende Kostbarkeit. Zeigt er doch die Feinfrequenz und Behutsamkeit auf, die uns allen in dem Moment der Resonanz eigen ist, wenn wir der Liebe (wieder oder zum ersten Mal) begegnen.

Nur von dort aus können wir maßnehmen (erkennen und feststellen) inwieweit Weltpolitik, Wirtschafts-, Gesellschaftsordnung, whatever … oder wir selbst … vom eigentlichen Leben abweichen. Es ist die Perspektive des Neugeborenen. Alles andere ist Breaking Glass.

 

Glaub nicht alles, was du denkst …

 

Und überhaupt: Die Texte des Albums mit ihrer in biblisch-apokalyptischen Bildern verpackten radikalen Zivilisationskritik sind gut 45 Jahre nach ihrem Erscheinen allemal eine neuerliche Betrachtung und Interpretation (aus heutiger Perspektive) wert. Hier die komplette Tracklist mit sämtlichen Lyrics. Allein schon die Titel der Songs lassen Freunde und *innen der gepflegter Metapher interessiert aufhorchen: “Writing On The Wall” (Menetekel), “Monsters In Disguise” (Angepasstendiktatur) oder “Big Brother” (Kontrolle, Überwachung, Zensur). Ein zeitloses Aufbegehren.

In dieser Hinsicht hat Breaking Glass ein noch darüber hinaus weisendes und aus heutiger Sicht geradezu prophetisches Stück zu bieten, nämlich “Eighth Day”, ein an die biblische Vorlage angelehnter alternativer Schöpfungsmythos, in welchem der Mensch am vorletzten Tag “zu seinem Ebenbild” Maschinen erschafft, die am achten Tag durchdrehen und das biologische Leben auf dem Planeten zerstören. Soweit, so gruselig. Passt allerdings, wiewohl vor 45 Jahren ausgesagt, erstaunlich präzise in die derzeitige Diskussion rund um die Gefahren künstlicher Intelligenz:

 

In our image, let’s make robots for our slaves
Imagine all the time that we can save
Computers, machines, the silicon dream
Seventh he retired from the scene

And he said, “Behold what I have done
I’ve made a better world for everyone
Nobody laugh, nobody cry
World without end, forever and ever”
Amen, amen, amen

On the eighth day machine just got upset
A problem man had never seen as yet
No time for flight, a blinding light
And nothing but a void, forever night

He said, “Behold what man has done
There’s not a world for anyone
Nobody laughed, nobody cried
World’s at an end, everyone has died”
Forever amen, amen, amen

 

Na dann, Gute Nacht

 

WOMAD (Peter Gabriel Live 1982)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. März – “It was a simple idea; to create a festival out of all the brilliant music and art made all over the world, stuff made outside of the mainstream – music that wasn’t getting on the radio and was even harder to find in record stores …” Dem können (und wollen!) wir abhelfen. Weil der Liveauftritt von WOMAD-Mitbegründer Peter Gabriel aus dem Jahr 1982 jüngst liebevoll überarbeitet als Download-Album veröffentlicht wurde, spielen wir es, in einer Reihe von Peter-Gabriel-Arbeiten, die unsere Sendungen seit Jahren immer wieder inspirieren, begleiten, befruchten … Über die Vielseitigkeit seiner kreativen Arbeit haben wir hierorts auch schon vieles gesagt, also wollen wir uns heute mit seinem Engagement für eine egalitäre Weltkunst und Weltmusik beschäftigen.

Peter Gabriel Live at WOMAD 1982Ich erinnere mich noch gut, was für eine plötzliche Gefühlserweiterung ich beim erstmaligen Hören der “Drums Of Makebuko” erlebte – und seitdem begreife und schätze ich Peter Gabriels Beitrag zu einer Neuentdeckung Afrikas und noch darüber hinaus zu einer wirklich spannenden Neuentdeckung der Welt. Die bis in die Gegenwart wirkende Lebendigkeit rund um Konzept/Idee der Gründenden – das erste WOMAD war kommerziell ruinös – der Gegenentwurf zu den schon von Pasolini vorhergesagten und von Ignacio Ramonet auf den Punkt gebrachten Globalitären Regimen, die auf nichts anderes abzielen als die Einebnung aller Kulturen, die Entlebendigung aller Menschen und die Verdinglichung (also beherrschbar und ausplünderbar und für Geld/Machtgewinn verkäuflich/handelbar machen) allen Lebens, dessen sie auch nur irgendwie habhaft werden. Habhaft werden, dingfest machen, einsperren und für eine imaginierte Größe (“Ich bin eine gute Mutter”, “Make Deutsches Reich great again”, “Weltmarktführer”) enteignen, entselbsten, entlebendigen – missbrauchen!

Der Gegenentwurf besteht darin, das Eigene, das hinter der Angstgrenze nach wie vor bestehende Unverletzte, Unzerstörte, das dem Überleben zugrunde liegende Leben wieder gleichrangig, gleichberechtigt, “auf Augenhöhe” mitbestimmen, mitentscheiden, mitgestalten zu lassen. Den Geschichten, die es uns erzählt, zuzuhören. Seine Lieder zu lernen und gemeinsam zu singen. Die Bilder, die es zeichnet, wieder in uns aufsteigen zu lassen und zusehen, woraus sie entstehen. Und den Tanz des Lebens zu feiern … zumal … sind wir das alles nicht selbst?

 

WOMAD – World of Music, Arts and Dance

 

Querschläger Gegenwind 35 / 900

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Nunmehr, was wäre Werbung in einem nichtkommerziellen Medium? Und wenn ja, wie könnte das ausschauen oder besser noch, sich anhören? Schließlich sind wir ja im Radio und “Das Beste gibt es nicht zu kaufen.” Bewirkt solch Vorhaben nicht gehörigen Gegenwind? Mitnichten. Denn “auf etwas aufmerksam machen” und “anderen davon erzählen“ – ja, auch “das, womit man gute Erfahrungen gemacht hat, anderen nahebringen wollen” und “es daher weiter empfehlen” – all das bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn “für etwas die Trommel rühren”, also ganz allgemein “dafür zu werben”. Und so wollen wir heute für eine weit jenseits des Durchschnittsblues und der verflachten Texte agierende Musikkapelle werben, die uns schon seit einiger Zeit begleitet.

Querschläger - Gegenwind 35_900Die Rede ist von der Lungauer Band Querschläger und weder sie noch ein Vertrieb, eine Agentur oder ein Veranstalter haben uns für dieses Unterfangen auf irgendeine Weise bezahlt, begütert oder begünstigt. Darauf käme es nämlich an bei der “kommerziellen Werbung”, der wir uns aus guten Gründen enthalten – auf die jeweilige “Gegenleistung”. Und da finden wir uns auf einer Linie mit den sympathischen Nichtangepassten wieder, die ihr feines Jubiläumskonzert aus dem Salzburger Landestheater (vom 10. Oktober 2025) nicht nur in beachtlicher Tonqualität aufgenommen haben, sondern sämtlichen Verwertungsinteressen zum Trotz als Gratis-Download verfügbar machen. Naturgemäß bewerben sie auf diesem Konzert auch ihr aktuelles Album “Gegenwind”, das tun wir hiermit genauso – völlig gegenleistungslos, versteht sich. Ihr Kommentar zur Geldübermacht, die sich gegen jede Selbstbesinnung/Selbstbestimmung richtet, ist hier nachzulesen und geht so:

 

“glabst den schmårrn und trotzdem kimmst vom regn in de traufn
weil da teife weil da teife scheißt en greaßan haufn”

 

Wie das alles zusammenhängt mit dem uns seit Jahrhunderten gefickt eingeschädelten Schmårrn, der Kirche, den Nazis und den Brüdern Grimm, das wollen wir in unserer nächsten Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem Titel “Eigensinnig” noch eingehender untersuchen. Die Querschläger jedenfalls, so viel steht fest, sind im allerbesten Sinn “eigensinnig” – das lässt sich nicht nur in den Texten von Fritz Messner nachlesen, das lässt sich auch in der 35jährigen Bandgeschichte mit über 900 Konzerten und 17 Tonträgern (Bootlegs nicht mitgerechnet) nachvollziehen. Daher also 35 / 900 …

 

Für die heutige Sendung in der Reihe “Das ganze Album” werden wir einige Stücke aus diesem Programm – sowohl neueste Gegenwind-Lieder als auch alte Hådern – auswählen, so dass ihr Lust aufs gesamte Jubiläumsmenü bekommt … Mahlzeit!