Alex is Corner

Artarium am Sonntag, 19. Juli um 17:06 Uhr“Seit einem viertel Jahrhundert … eine der ersten Sendungen auf der Radiofabrik … CornerRadio … ebenfalls seit 25 Jahren mit dabei … unser lieber Kollege Alex Habitzreuther …” So und so ähnlich klingen die sich in letzter Zeit häufenden Würdigungen seines bemerkenswerten Engagements, das ihn seit 1999 nicht nur als Radiomacher, sondern vor allem als gestaltgebende Gestalt im JuZ Corner auszeichnet. Demnächst “geht er”, wie man das gemeinhin zu nennen pflegt, “in Pension” – und in dem Zusammenhang fällt schon auf, dass er der weiteren Entwicklung seines Lebens, seiner Arbeit sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Wirkung ungemein entspannt entgegensieht. Ein guter Grund, ihn zu einem Gespräch über seine Sicht auf das letzte Vierteljahrhundert einzuladen.

Alex is CornerDenn der entschiedene Verfechter umtriebiger Gelassenheit (oder war es gelassene Umtriebigkeit?) unterstützt uns ja auch noch in der Programmkommission und lässt darüber hinaus sowohl “Rund um den Radioschorsch” als auch bei anderen Gelegenheiten, etwa wenn  “Echte Menschen Live” einander begegnen, mit seinen Einsichten aus einem ganzheitlichen, nicht abgespaltenen Leben aufhorchen. Genau so etwas wollen wir einmal in einer Livesendung “einfangen”, weil wir neugierig darauf sind, wie sich zum Beispiel gemeinsam erlebte Musikkultur auf die Gruppendynamik in einem Jugendzentrum auswirkt oder wie überhaupt ein sicherer Ort (ein unverbunkerter Schutzraum) für die Jugendlichen entsteht, die mit sexuellen Orientierungen und Identitäten jenseits des angeblich allgemein Üblichen experimentieren möchten … oder was überhaupt Integration sein könnte in einem Stadtteil mit so vielen verschiedenen kulturellen und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Hintergründen … und … oder …

Wie sagte schon der alte Zen-Meister? “Man wird sehen.” Und so oder so ähnlich wird sich unser Gespräch auch entwickeln, irgendwie organisch, von einer Wendung des Lebens zur vielleicht überraschenden nächsten. Oder wie sagt der Corner-Radio-Macher? “Weil es ein Medium ist, das präsent ist, wo man spontan sein kann, wo man Menschen zusammen bringt, die sonst nicht zusammenkommen würden …” Und dann war da noch etwas “mit jener speziellen Hirnverdrahtung, die es einem überhaupt erst ermöglicht, die oft sprunghaften Veränderungen junger Menschen wertzuschätzen …”

 

Man wird sehen …

 

PS. Diese beiden Videos zu unserer heutigen Playlist solltet ihr euch zusätzlich zur gespielten Musik auch noch anschauenerzählen sie doch viel mehr als “nur” die Songs über die Situationen, in denen die Künstler*innen jeden Tag leben:

 

The Freelancers – Pse? … über Gefühllosigkeit und korrupte Politik im Kosovo

 

EsRAP & Gasmac Gilmore – Freunde dabei … über ein neues Selbstbewusstsein von Jugendlichen in den Wiener “Ausländervierteln”

 

Rachid Taha – Tekitoi?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Juli – Der leider viel zu früh verstorbene “Crossover-Pionier des Maghreb” und kulturübergreifende Ausnahmemusiker Rachid Taha hat uns ein sowohl künstlerisch als auch menschlich inspirierendes Gesamtwerk hinterlassen. Und einige Aspekte davon wollen wir in dieser Sendung hervorheben, indem wir sein 2004 erschienenes Meisterwerk “Tékitoi?” zumindest anspielen, denn das originale Album würde voll ausgespielt insgesamt 1:12:48 dauern. Viel zu lange – und das eine oder andere möchte ich schon auch sagen, etwa zur sehr belebenden Wirkung seiner Musik … in der sich traditionelle algerische Musiken wie unter anderem der Raï, dem er zeitlebens eng verbunden war) sowie moderne Einflüsse aus Rock, Punk und Electronic auf ganz einzigartige Weise verbinden

Rachid Taha - Tékitoi?So kommen im speziellen Fall gewohnte Worte wie verbinden, vermischen oder verschmelzen schnell an die Grenzen ihrer Aussagekraft und wirken beliebig. Ich möchte sie daher für die Art und Weise, wie Rachid Taha mit dem Zusammensein von Musikwelten aus Nordafrika und Europa und weit darüber hinaus umgeht, gar nicht mehr verwenden, sondern einer biosystemischen Metapher nachgehen: “Da geben sich die beiden Gehirnhälften die Hand.” Und ungefähr so stelle ich mir das Zusammenkommen und Zusammensein dieser vielen verschiedenen kulturellen Traditionen vor, wenn ich seine Musik höre, spüre und erlebe: Da geben sich Afrika und Europa die Hand, grinsen sich gegenseitig an, essen miteinander, erzählen sich Geschichten, packen ihre Instrumente aus und fangen an, gemeinsam zu musizieren. Es dauert nicht lange, bis sich daraus ein völlig selbstverständliches Fest entwickelt und sich auch die verschiedensten Tänze in einem einzigen zeitlosen Feiern des Lebendigseins auflösen. Genau so etwas in der Art habe ich schon einmal erlebt

Das war Anfang der 80er Jahre in Marokko, als ich einmal zu einer Berberhochzeit eingeladen wurde, bei der ich dann spätabends (was für mich völlig überraschend war) aufgefordert wurde, mit einigen bärtigen Scheichs zu tanzen … Zu meinem großen Glück hatte ich zuvor “im alten Mark” in Salzburg die Gelegenheit gehabt, einen ganz eigenen spontanen Ausdruckstanz zu entwickeln, den ich alsdann, einem Luftgitarre fudelnden Derwisch nicht unähnlich, zur allgemeinen Freude vollführen konnte. Das ich dabei das genaue Gegenteil von nüchtern war, erwies sich zudem als hilfreich.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, wäre ich neugierig, was ich ohne enthemmende Berauschung damals an verschiedenen feinen Nuancen von Gesichtsausdrücken und Stimmungen noch so alles hätte mitbekommen können. Aber da schau her – ich kann ja mein Heute-Ich in mein Damals-Ich zurückschicken und überhaupt auch im Hier und Jetzt neue Erfahrungen machen, nüchtern betrachtet. Wie zum Beispiel mit dem zauberhaften Stück “Stenna (wait)” von Rachid Taha, das mich jedesmal beim Anhören in einen gesamtkörperlichen Friedens- und Entspannungszustand versetzt.

 

Rock el Casbah

 

VÖLLIG SCHWERELOS

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 31. Mai – Bei unserer Besprechung des Buches “Die guten Kräfte” hat mein Kollege Andreas Woldrich aka MC Randy Andy von der Sendereihe “Battle and Hum” noch ein weiteres Kompendium ähnlichen Aufbaus mit einbezogen, und zwar “VÖLLIG SCHWERELOS” von Wolfgang Zechner, welches wir euch diesmal aus guten Gründen vorstellen wollen. Während das erstgenannte Werk “Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs” erzählt, beleuchtet zweiteres “Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik in 99 Songs”. Und dabei überschneiden sich die Themen und ihre Beispiele naturgemäß an der einen oder anderen Stelle. Ganz besonders dicht wird das in den jeweiligen Beiträgen zu Freddy Quinns “Wir”– da hat Wolfgang Zechner nämlich Entscheidendes bemerkt:

Wolfgang Zechner - Völlig SchwerelosTextautor der Biedermann-Polemik von 1966 ist der jüdische Holocaustüberlebende Fritz Rotter so weit, so bekannt. Dass er aber Zeilen wie “Denn jemand muß da sеin, der nicht nur vernichtet.” oder “Doch manchmal in guten, in stillen Minuten, da tut uns verschiedenes leid.” womöglich gar absichtlich “mitten in die deutsche Nachkriegsverdrängung eingeträufelt” hat, und dass er als Trägermedium dafür ausgerechnet den fraglosen Fixstern des seit dem Wirtschaftswunders geradezu explodierenden Heile-Welt-Sehnsuchts-Schlagergeschäfts nutzt – das ist fürwahr “eine steile These”, die allerdings, sobald sie ins Selbstweiterdenken übergeht, so einiges an weiterführenden Überlegungen zeitigt: Denn ist die damals in den 60ern aufkommende Auseinandersetzung zwischen den Generationen, die auch immer um die Fragen “Was habt ihr im Krieg gemacht? Seid ihr mitschuldig geworden? Warum habt ihr zu all dem geschwiegen?” kreiste, nicht irgendwie längst in der nächsten Lagerbildung nach dem 2. Weltkrieg, nämlich den Militärblöcken des Kalten Kriegs, stecken geblieben? Und ehrlich, die zugegeben unsäglich arrogant und oberlehrerhaft daherkommenden Vorhaltungen des Herrn Quinn lediglich durch die links/rechts-, schwarz/weiß- oder progressiv/konservativ-Brille zu sehen, ist mir doch zu dogmatisch, also zu dumm.

Wenden wir uns aber jetzt vom Elend ab … widmen wir uns ganz und gar dem Glanz: Eine meiner Leib- und Magenbands (meine slowenische Familiengeschichte spielt hierbei gewiss eine Rolle), die aus der NSK (Neue Slowenische Kunst) entsprungene Formation Laibach, wird in VÖLLIG SCHWERELOS unter der Überschrift “Die totale Anwesenheit von Pop im Werk Gottes” – nein, nicht erwähnt oder beschrieben, nicht einmal gewürdigt, sondern regelrecht besungen. Gegenstand der Betrachtung ist nämlich das in jeder Hinsicht hervorragende Opus-Cover “Leben heißt Leben”:

 

“Eine slowenische Band hatte den englisch klingenden Pop-Song einer österreichischen Band genommen, den Nonsens-Text wortwörtlich ins Deutsche übertragen, um ihn sodann mit starkem Akzent zu singen. Die mehrfache Brechung brach den Bann. Der gordische Knoten wurde durchschlagen. Das gute, alte deutsche Pop-missverständnis wurde aufgelöst, das Ende der Geschichte erreicht.

Schön wär’s. Leider ging die Geschichte weiter. Eine Handvoll Punk-Musiker aus der ehemaligen DDR bekam Wind von „Leben heißt Leben“. Nach dem Mauerfall befreiten sie das Laibach-Konzept von allem, was daran intelligent und interessant war, und ersetzten die orchestrale Instrumentierung durch kreuzbrave Metal-Riffs. Mit rollendem R, Malen-nach-Zahlen-Texten und einem brachial-drögen Sound machten sie sich daran, die Rock-Welt zu erobern. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich später in der gebotenen Ausführlichkeit erzählen werde.” aus VÖLLIG SCHWERELOS (S. 252)

 

Apropos Steile Thesen – am 17. Juni gibts die auch live in der SFU Wien

 

Zwischen den Zeilen …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. Mai – “ein ei ist eben kein ei, sondern ein vorbereit auf das mensch und auf das henne. und wie verschieden sie dann sind … es merkt das mensch vom menschen es, vom henne das henne.” zwischen ernst jandl

Wie aber kommt das Mensch zum Buchund merkt auch da das Mensch vom Menschen es? Das Buchhändly (entgendert nach Phettberg) oder eben der/die/them Buchhändler*in ist wohl jene menschliche Darreichungsform, die zwischen einem Bedürfnis nach “sich neue Welten erlesen” und den unendlich vielen Beschreibungen solcher Weltmöglichkeiten zu vermitteln vermag. Wenn es denn gelingt. Gehen wir einmal der Frage nach, was zum Gelingen dieser speziellen Begegnung beiträgt

Zwischen den ZeilenIm Februar besuchten wir eine Veranstaltung im Salzburger Literaturhaus, die unter dem Titel “Bücher, Bücher, Bücher” einem Buchhändler ein Abschiedsfest bereitete, das unter Mitwirkung von Ilija Trojanow die Essenz dieses Vermittelns zwischen der Welt des Geschriebenen und den nach geistiger Nahrung hungernden und dürstenden Menschen sogar körperlich erfahrbar machte. Es gibt nämlich nicht nur Literaturgattungen, sondern auch Käsesorten. Und vor ein paar Jahren haben wir in der Sendung “Buchhändler unseres Vertrauens” schon einmal eine erste Annäherung an das Wesentliche beim Weitervermitteln von Geschichten unternommen, das ja eigentlich die Grundlage des Handelns mit Büchern ist, und das der heuer in Pension gegangene Klaus Seufer-Wasserthal durchaus beispielhaft ausgeübt, dargelebtja, geradezu verkörpert hat. Doch es gibt, es gibt, es gibt nicht nur einen geraden Weg, sondern dahinter auch diese besondere Resonanz

Zwischen den ZeilenMachen wir uns auf die Suche nach dem, was gelingende Begegnungen zwischen Menschen und Büchern ausmacht – und nach dem, wodurch Buchhändler*innen dazu beitragen können. Wobei sie, die diesen Beruf ausüben, hier stellvertretend für all jene stehen, die uns darüber hinaus mit (oft sehr wesentlichen) Büchern bekannt gemacht haben und die so auch Beziehungen gestiftet und uns zur Entwicklung angestiftet haben. Es geht dabei um ein gewisses Erfahrungsfeld jenseits kommerzieller Interessen, das für ein persönliches, individuelles Zusammenfinden von womöglich noch nicht fertig formulierten Fragestellungen mit den für die weitere Antwortschaffung notwendigen Ideen, Inhalten und Informationen wichtig ist. Ein Kairos des glückhaften Moments. Die dopaminausschüttende Selbstwiedererkennung beim Lesen. “… und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das ist in keinem Subventionsansuchen zu rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen …”

 

Ein Kunnstbiotop

 

The Joshua Tree Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Mai – Es war im Jahr 1987 und ich hatte einen der begehrtesten Studentenjobs ergattert, den man damals in Wien kriegen konnte: 2 Monate als Chauffeur und “Mädchen für vieles” bei den Dreharbeiten von Jean-Jaques Annauds Film “The Bear”. Noch dazu im Ausland, wie das früher hieß, wenn es sich um die italienischen Dolomiten handelte. Die “Auslandszulage”, die dabei fällig wurde, bedeutete richtig viel Geld! Davon würde ich, wieder in Wien, ein Jahr lang bequem leben können. Schnitt. Auf dem Weg nach Südtirol begegnete mir in einem Tankstellenshop (ich musste ja zu der Zeit “nicht aufs Geld schauen”, wie man so sagt) eine käuflich zu erwerbende Musikkassette mit dem soeben erst erschienenen Album “The Joshua Tree” von U2. Gesehen. Gekauft. Spontan

The Joshua Tree (Cover Foto)Nochmal Schnitt. Das Album wird seit seinem Erscheinen sowohl von der Kritik wie auch vom Publikum als herausragende Produktion und als für die gesamten 80er Jahre (sound)stilprägend gewürdigt. Und wir haben es bislang in unserer Sendung noch nie in gebührender Weise zu Gehör gebracht. Bis jetzt. Vielleicht trifft es sich ja ganz gut mit dem Umstand, dass U2 es mit Brian Eno und Daniel Lanois gemeinsam vor genau 40 Jahren auf sehr spezielle Weise produziert haben. Auf jeden Fall hat es mich, der ich damals fast schon obsessiv mit der Herstellung von ungewöhnlichen Gefühlssounds auf Sythesizern zu Gange war, gründlich angeregt sowie zu neuen Herangehensweisen inspiriert. So verdanke ich etwa den nach tagelangem Geschussel zuletzt doch noch erfolgreichen Versuchen, diverse klangliche Atmosphären aus “Mothers Of The Disappeared” auf dem Casio CZ-5000 nachzubauen, eine lebenslange Aversion gegen digitale Klangerzeugung.

Jetzt noch ein Schrittin die Gegenwart: Nachdem ich nun in letzter Zeit ein paar jüngere Kolleg*innen (und ihre Arbeiten) kennen gelernt habe, die sich auch heute mit ganz ähnlichem befassen wie ich damals, nämlich mit dem Erschaffen vielschichtiger Soundstrukturen unter Verwendung von klassischen analogen Synthesizern zum Beispiel, möchte ich einige der höchst außergewöhnlich aufbereiteten Stücke aus dem Album “The Joshua Tree” hier auch als “inspiratives Anhörungsmaterial über die Generationen hinweg” weiterempfehlen, allen voran das wunderschöne “Exit”

 

Sehr zum Wohl

 

Die guten Kräfte – Eine Rezension

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. April – Es ist ein Buch entsprungen … Und wir haben uns (mit Vergnügen, das sei vorab gesagt) darauf eingelassen. Es heißt Die guten Kräfte” und entstammt den Schreibfedern von Walter Gröbchen und Thomas Mießgang. Bei diesen beiden Namen klingelt nicht nur irgendwas in meiner Erinnerung, da höre ich plötzlich irgendwo aus dem Hirnarchiv auftauchend längst vergessen geglaubte Musicbox-Beiträge aus den 80ern und 90ern wieder, die vor Formulierlust und Sinnstimmigkeit geradezu übergehen – und die mir schon immer Lust aufs Selbstdenken und Selbstsprechen gemacht haben. Wo der Sinn stimmt und die Stimme sinnlich Resonanz zum Eigensinn erzeugt erklären uns die guten Kräfte die Welt: Liebe Kinder, ihr könnt ganz beruhigt sein. Ich bin wieder da

Die guten KräfteSo findet etwa Walter Gröbchen in seiner Betrachtung von Wilfrieds frühem Austropop-Beitrag “Ziwui Ziwui” solch tröstende Worte:

“Ein Song wie Ziwui Ziwui atmet pure Lebenslust, Zeitlosigkeit, Unschuld. Und radikale Menschlichkeit. Ziwui ziwui // ziwui ziwui // ziwui ziwui ziwuia // zibal zabal Zechnkas // es wiad scho hoiba druia – Zeilen wie diese schafft, bei Gott!, keine künstliche Intelligenz. Das ist so genial jenseitig, dass es einem die Fußnägel aufrollt. Ein Landler? Ein Juchzer? Ein Jodler? Ein dadaistisches Manifest? Egal. Kinder verstehen augenblicklich, wovon die Rede ist. Menschmaschinen verzweifeln daran.”

Koinzidenz! Da begegnen wir einander am Puls der Zeit: In unserer letzten Sendung über Wolfgang Borcherts “Formulierlust und Wortschöpfkunst” gerieten wir (ab 29:30) auch in eine Betrachterei darüber, was Künstliche Intelligenz zur Sprachzerstörung beiträgt, indem sie aus ohnehin schon einseitig funktionsreduzierter Sprache “lernt” und gaben diesem Essenzierungsprozess den Namen “Verblöddichtung”. Bitte. Danke. Guten Morgen! Es ist immer wieder so unendlich befreiend und ermutigend, anderen Menschen zu begegnen, die Sprache zur lustvollen Weltaufbereitung verwenden!

Genau das, nämlich gut recherchierte Hintergründe mit lebendigen Anekdoten und persönlicher – nein, nicht Meinung, vielmehr Haltung in einer Form zu verbinden, die immer wieder Lust aufs Lesen macht – und die erkennen lässt, dass es den Autoren beim Formulieren genauso gegangen sein muss: Sprache als gepflegte Kunstform. Sich selbst lustvoll auszudrücken und das Eigene wiederum anderen resonant zu vermitteln – dafür Inseln zu stiften ist uns nicht nur zutiefstes Bedürfnis, sondern zudem der schönste selbstgewählte Bildungsauftrag. Wir sind ein geiles Institut.

 

Handkuss

 

Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

< Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man willLeben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man willund Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führenund darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.

 

Arik Brauer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Februar – Damals, Anfang der 70er Jahre, waren die Bedingungen halt günstig, das Zeitfenster stand gerade weit offen für die radikal kritischen und selbstkritischen Lieder von Arik Brauer, dessen erstes Album in Gestalt eines phantastisch realistischen Triptychons 1971 zur Welt kam. Heute, mehr als 50 Jahre danach, sind die Verhältnisse aber doch ganz andere, oder etwa nicht? Halt, Moment! Wenn wir uns anhören, wovon der Maler, Sänger und geniale Geschichtenerzähler berichtet … was er ansprichtworauf er sich einlässt … dann wird schnell klar, dass es hier um Themen geht, die nach wie vor brandaktuell sind. Damals war es gewiss revolutionär, sie in noch nie zuvor gekannter Form so darzustellen. Und heute öffnen wir ein neues Zeitfenster: Auf Wiederhören

Arik Brauer - Das legendäre LP-Cover Triptychon von 1971Arik Brauer, der 1929 geborene “Judenbua aus Ottakring”, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus mit einer Riesenportion “Masel”, zuletzt versteckt in einem der zahlreichen Wiener Schrebergärten. 1971 tritt er in seinen Texten als Vorreiter der Versöhnung mit dem Opfer- sowie mit dem Tätersein auf, indem er diese beiden Seiten in ein und demselben Leben, auch in seiner eigenen Person, vorhanden sein lässtund dies schonungslos aufzeigt: In dem Lied “Surmi Sui” erzählt er vom eigenen Gequält- und Erniedrigtwerden durch einen sadistischen Nazilehrer, in “Rostiger, die Feuerwehr kommt” von seiner eigenen unrühmlichen Rolle beim Quälen und Erniedrigen eines rothaarigen, kurzsichtigen Klassenaußenseiters. 2018 verdichtet er seine Lebenserfahrungen noch einmal – in einer Festrede zum 80jährigen Gedenken an den “Anschluss Österreichs”. Unbedingt lesenswert!

Als Kind aus einer Nazifamilie, dem weite Teile der eigenen Herkunftsgeschichte durch Verschweigen, Verheimlichen und Uminterpretieren vorenthalten wurden, weiß ich, wie schmerzvoll notwendig dieses Ringen mit den inneren Engeln und Dämonen sein kann. Und was für erschaffende wie auch zerstörende Kräfte in der eigenen Phantasie beheimatet sind, auch wie unser jeweiliger Umgang mit ihnen die uns umgebende Realität beeinflusst, verändert, umgestaltet. Und so kann ich glaubhaft und nachvollziehbar bezeugen, welch welteröffnende Auswirkungen die Gefühle und Gedanken in den “ersten” Liedern von Arik Brauer gehabt haben und nach wie vor haben. Als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, das war 1972, wurden mir diese Lieder, allen voran “Sein Köpferl im Sand”, von älteren Jugendlichen, die ich bewunderte, zum lauthalsen Mitsingen beigebracht. Endlich etwas echtes

 

Zur Abrundung des “echte Menschen live Erlebens” möchten wir euch noch ganz herzlich zur Premiere unseres Films IN BETWEEN (mit anschließendem Gespräch) am Montag, 16. 2. um 19 Uhr im Das Kino einladen. Hier schon mal der Trailer

 

Helene Maimann über ihren Film mit Arik Brauer

 

Ein halbes Doppelalbum

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Januar – Und wieder einmal öffnen wir eine Zeitkapsel, diesmal in Gestalt einer Langspielplatte (so hießen Musikalben damals im vordigitalen Zeitalter). Wir präsentieren euch “Ein halbes Doppelalbum” von Werner Pirchner, ein im allerbesten Sinn bewusstseinserweiterndes und weit über zahllose Genres hinausreichendes Meisterwerk, das völlig zu Recht seit seinem Erscheinen im Jahr 1973 unter Kennern Kultstatus hat. Das löbliche Wiener Label monkey.music hat 2015 eine auf 750 Stück limitierte Vinyl-Neuauflage herausgebracht, von der, wie man hört, aktuell noch ein paar Dutzend erhältlich sind. Für unsere heutige Sendung vorgeschlagen hat das akustische Ausnahmeerlebnis Kollege Rupert Madreiter, den ein wohl “etwas anderer” Deutschlehrer einst in Pirchners geniale Anderswelt einlud.

 

Werner Pirchner - Ein halbes Doppelalbum“Pirchners vielschichtige Musik verbindet auf ungewohnte Weise Elemente aus Jazz, Unterhaltungs- und sogenannter Ernster Musik. Vom elektronisch verarbeiteten Jodler zum schräg harmonisierten Schubert, von einer Hommage für John Cage zur Persiflage der jugendlichen Indienwallfahrer und Drogenkonsumenten, von der parodierten Werbesprache zu noch heute gültigen sozialkritischen Texten spannt sich ein weiter Bogen. Oft wechseln seine Arbeiten zwischen unmittelbarer Vitalität und einer Art Metamusik, die sich analytisch mit vielbenutzten Musikmodellen auseinandersetzt. Als Autodidakt hatte Pirchner angefangen; eigenwillig und in kein Stilklischee einzuordnen blieb er bis zu seinem Tod.”  Wikipedia

 

“Aufgenommen zwischen 1966 & 1972 im Stadtsaal Ibk, mit zwei Revox Tonband-Maschinen. Zur gleichen Zeit startet die Karriere von Frank Zappa in Amerika. Werner Pirchner hat hier in unserem Land ähnlich kongeniales geschaffen. Wir hören hier “Pirchnereske Musik”. Werner Pirchner und sein Ensemble bewegen sich zwischen Avant-Garde und Comedy. Ein unglaublich kreatives Werk, das zu seiner Zeit seines Gleichen suchte. Die Zeit war einfach noch nicht reif für Werner Pirchner. Das gab uns den Anlass “Ein halbes Doppelalbum” im Original Cover und remastered wieder zu veröffentlichen. 1973 brachte Werner Pirchner das Album erstmals als LP heraus. In Plattensammlerkreisen hat dieses, schon damals limitierte Werk, Kultstatus und ist längst vergriffen. Limited Edition: 750 Stück, nummeriert, im Original Faltcover. Mit Sicherheit ein Reissue-Sammlerstück! Und als Download überhaupt erstmals verfügbar.”  monkey

 

“Den ersten Text habe ich geschrieben, da habe ich einmal Grippe gehabt, oder was, da bin ich im Bett gelegen und habe einen Film gesehn mit dem O.W. Fischer »Erzherzog Johanns letzte Liebe« oder so. Da haben sie das Lied gesungen »Wo das Büchserl knallt«, und bei mir is es gleich weitergegangen »Wo das Bomberl fallt«. Dann habe ich den Text fertig geschrieben und wollte, dass das jemand singt, jemand vom Rundfunk. Und der hat sich dann nicht getraut und hat gesagt, ich solls selber singen und dann hab ichs selber gesungen.” Werner Pirchner zu “Ein halbes Doppelalbum”

 

All dem ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen – außer der herzlichen Einladung, sich dieses außergewöhlich inspirierende Kopftheater aufmerksam anzuhören und dadurch Werner Pirchners sehr wesentliches Vermächtnis mit uns zusammen ins Hier und Jetzt zu befördern. Denn seine Statements sind von zeitloser Gültigkeit. Die Möglichkeit dazu besteht sowohl am 11. 1. um 17 Uhr auf allen Frequenzen der Radiofabrik und im Livestream, als auch danach noch auf unserem Kanal in der Mediathek der Freien Radios (und zwar ohne Ablaufdatum). Sehr zum Wohl 

 

Wir sind ein geiles Institut

 

Preissnbeisser

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Dezember – Zum Tag der unschuldigen Kinder vollführen wir wieder einen Zeitsprung. Und zwar in jene Zeit, in der wir wie von selbst anfingen, hinter der “heilen Welt”, die man uns vorführte (und in die man uns verführte?), jene “anderen Welten” zu erahnen, die das Wesentliche berühren und nicht bloß ein schöner Schein sein wollen. Und wir wollen einen Freund und Weggefährten würdigen, der uns über die Jahre hinweg mit seinem Sprachwitz und seiner rhetorischen Kampfkunst immer wieder zur Selbstbehauptung ungeachtet auch widerlichster Umstände inspirierte. Er hat nicht nur (zu unser aller Vergnügen) die Wortschöpfung “Preissnbeisser” geprägt, sondern auch weise Einsichten wie: “Mutter kann durch nichts zersetzt werden” formuliert. Da kommt Freude auf

PreissnbeisserCaspar August Welpentier – kein anderes Symbolbild könnte unsere heutige Themenassoziation besser versinnbildlichen zumal am Tag der unschuldigen … Auweh! Und wir werden sowohl die Entstehung des Wortes “Preissnbeisser” als auch den Besuch beim Salzburger Adventsingen anschauen, bei dem uns die Unschuld in den wohligen Worten Karl Heinrich Waggerls im wahrsten Sinn (block)flöten ging, rückblickend betrachtet … Zu solchen Zeitreisen ist ein gewisses Maß an Mut erforderlich, auch vertrauenswürdige Begleiter können in diesen finsteren Nächten (und auf der Suche nach dem Licht) unverzichtbar sein. Also unternehme ich dieses Abenteuer heute gemeinsam mit einem guten Freund, der viele brauchbare Berufungen in sich vereint: So ist er etwa ausgewiesener Hüter des Buchwissens, olfaktorischer Ingenieur, Räuchermeister, Rauhnachtsforscher und vor allem erfahrener Welt(en)reisender, mit dem ich schon öfter unterwegs war.

Liebes unsichtbares Publikum, auch dieses Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, wundersamerweise jedoch so, dass es “das neue” bereits in sich trägt, dass also das eine aus dem anderen hervor, eins in das andere übergeht, geschmeidig oder auch mit krassen Brüchen, wahrscheinlich eh wieder sowohl als auch, egal – weil Zeit ja ohnehin nicht vergeht, sondern schlicht und ergreifend IST. Auf jeden Fall will ich euch dafür danken, dass ihr uns auf unseren Expeditionen begleitet habt und ich wünsche mir, dass unsere Reisen euch auch auf euren Wegen hilfreich begleiten.

 

Was und wie Realität ist liegt im Auge des Betrachters.