Blackfield

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Januar – Es war einmal ein Musiker. Und der war richtig berühmtin Israel. Leider war er auch an jenem 4. November 1995 zugegen, als ein religiös-fundamentalistischer Rechtsextremer (diesen Begriff kann man sich auf der Zunge zergehen lassen) den damaligen Regierungschef Jitzak Rabin ermordete. Das hat unseren Musiker verstört, wie sich gewiss denken lässt. Trotzdem hat er weiter Musik gemacht – und dieses traumatische Erlebnis auch immer wieder in seiner Kunst verarbeitet. Doch nichts ist seitdem wie es vorher war, nicht nur für den Musiker Aviv Geffen, sondern auch für die gesamte Nahostregion sowie für den Weltfrieden an sich. Einige Jahre nach diesem “Incident” gründeten der Frontmann von Porcupine Tree, Steven Wilson und besagter Aviv Geffen ihre Band Blackfield.

BlackfieldDie Musik von Blackfield eignet sich hervorragend zur Untermalung jeder Winterdepression. Oder einfach nur Schwermut, Sehnsucht und all das, was sich als Melancholie verstehen lässt. Dabei schwingt allerdings stets auch die Perspektive des “trotzdem Weitermachens” mit, die hier bereits angeklungen ist. Keine Aufforderung zu Scheißdrauf und Suizid – wiewohl es etwa im Song Cloudy Now heißt: “We are a fucked-up generation!” Nein, vielmehr jene geniale Melange aus Traurigkeit und Freude, die wir als speziell für die jüdische Kultur charakteristisch ansehen. Diese emotional intensive Gleichzeitigkeit von einander eigentlich widerstrebenden Eindrücken erfährt durch die Zusammenarbeit mit dem ausgewiesenen Soundtüftler Steven Wilson eine ungemein dichte Präsenz, hat der als “Prog-Wunderkind” gepriesene Vielschaffende doch schon eine gehörige Anzahl von Alben aus der Blütezeit des Art- und Progressive Rock wiederaufbereitet, von Jethro Tull über King Crimson und Roxy Music bis Yes (um einige der bekannteren Bands zu nennen). Darüber hinaus tritt Steven Dampf in allen Kanälen bei Blackfield auch noch als zweiter Sänger und Gitarrist in Erscheinung, und zwar keinesfalls nur nebenbei. Seine diesbezügliche Herkunft sei durch das über 2-minütige Gitarrensolo aus Time Flies vom Porcupine-Tree-Album The Incident deutlich gemacht. Legendär.

Zur Herkunft von Aviv Geffen möchten wir das Video zur frühen Solo-Version von Cloudy Now (auf hebräisch) empfehlen. Da haben sich jetzt zwei gefunden, die ihre Welten miteinander verschmelzen, dass es gut tut – und weh! Wir spielen daher das erstaunliche Erstlingswerk ihres gemeinsamen Bandprojekts – und freuen uns traurig.

 

Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. Dezember – ACHTUNG: Dieses lustige Wortfeuerwerk erscheint unpünktlich zum Jahresschluss, es kann daher auch als verspätete Geschichtensammlung unter einen sterbenden Baum gepackt werden. Geschichten nämlich kann Torsten Sträter, der sich selbst als Autor, Vorleser und Poetry-Slammer beschreibt, richtig gut, weshalb wir ihn gern einige derselben aus seiner letzten Sammlung hier erzählen lassen. Gute Unterhaltung ist derzeit ja nicht wirklich flächendeckend. Da ist es durchaus erbaulich, gut verdichtete Geschichten aus der Wahrnehmung des Weltgedümmels anzuhören, die in ihrer Beschaffenheit zugleich vermitteln, dass Dichtung etwas mit dicht und Geschichten etwas mit dem Schichten von mehreren zu tun haben soll. Alles andere wäre das übliche Geblah.

Torsten Sträter unpünktlichEinwurf: Wir mögen Dieter Nuhr nicht. Er ist uns unsympathisch. Politisch verkörpert er das, was schon in den 70er Jahren zutiefst konservativ war: Aktenzeichen XY, beige Schnürlsamthosen, den Wackeldackel sowie Gelsenkirchner Barock. Und dennoch präsentieren wir hier einen Künstler, der in dessen monatlicher Fernsehshow regelmäßig als Gast vorkommt. Ja, liebe Freunde und *innen, was hat das zu bedeuten? Man könnte es als Fußnote zur nächsten Sau verstehen, die durchs globale Dorf getwittert wird, was auch immer der Grund für die nächsten “15 Minutes of Empörung” von wem auch immer dann sein mögen. Doch zurück zu den gut abgehangen Geschichten, deretwegen wir Torsten Sträter aus vollster Überzeugung eine Bühne anbieten – und euer Ohr leihen wollen. Denn die sind, für sich genommen, von so herausragend dichtem Witz und abgründiger Formulierungslust geprägt, dass man schlechterdings lachen muss, auch zu Zeiten (und an Orten!), die eigentlich eher zum Weinen sind. Zur Verdeutlichung dieses Zustands seien nunmehr zwei Beispiele angeführt: “Adventskrätze” aus seiner WDR-Show “Sträters Männerhaushalt” und “Hotels” aus dem titelgebenden “Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein”. Speziell bei letzterem kommt die Emotion seiner genial verdichteten Kunstfigur zum Tragen, da schnaubt und rüpelt der Ruhrpott – und man begreift, dass es Dort-Mund heißt.

Wie nun allerdings “unpünktlich” mit “zu sein” zusammen hängt? Well…

 

Straight Outta Pongau

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Dezember – Seit nunmehr 12 Jahren ironisiern wir hier im Artarium in der Vorweihnachtszeit allerlei alpenländischen Adventsgebrauch. Und wie es sich für ein anständiges Adventsingen geziemt, kommt dabei auch heuer wieder eine traditionelle Tanzlmusi über uns, dass der Erzengel quietscht. Wir spielen das aktuelle Album “Straight Outta Pongau” der “Glue Crew” (früher als “Two on Glue” bekannt). Mit den beiden Innergebirgs-Mundartisten Wolfgang Posch und Thomas Mulitzer verbindet uns mittlerweile auch schon eine gut 5-jährige Radiogeschichte, wie sich in den Sendungen “Ilija Trojanow – Der überflüssige Mensch” sowie “Tau On Tour” einfach nachhören bezw. in den Artikeln dazu nachlesen lässt. Also: Wir sagen euch an den lieben…

Straight Outta PongauMoment. Da gab es doch einstmals noch so eine Musikkapelle aus dem Salzburger Land, die überraschend Hergebrachts und Selbsterdachts zur neuen Eigen-Art verschmolzen: “Rotz(fast Straight Outta Pinzgau). Deren spezielle Musikverbreitung ging als “Ein Abend mit Freunden” in die Annalen des Artarium-Blogs ein. Anlass für diesen Rückblick ist der auch im Pongau nicht unübliche Frauenname “Annamirl”, der von beiden Bands jeweils dialektisch (in Mundart) verbehandelt wird. Gut zu hören! In der Rotz-Version schreibt  sie sich zwar “Anna Mial”, klingt jedoch ähnlich. Und der sie umgebende Musikstil ist bei der “Glue Crew” mehr von Punk, Ska, Reggae geprägt, bei “Rotz” hingegen von Folk, Pop – und vor allem ROCK – womit sich der Kreis schließt, Amen. Apropos, “Ihr Kinderlein kommet”, ist das nicht von Michael Jackson? Unerhört, wie wir werden

Egal, in welchem Setting oder Stil sie beheimatet ist, es geht hier um Sprachkunst. Auch um die uralte Tradition, sich dabei so auszudrücken, “wie einem der Schnabel gewachsen ist“. Uwe Dick etwa spricht in der Vorrede zu seinem Bio-Drama “Der Öd” von ihn umgebenden “Geräuschen, denen ich auch nicht hochdeutsch beikäme”. Und dass sich die notorisch unübersetzbaren Songtexte eines Bob Dylan am ehesten noch auf Kölsch oder Wienerisch abbilden lassen, das haben Wolfgang Niedecken und Wolfgang Ambros hinlänglich bewiesen. Ich habe unlängst im Fernsehen einen kleinen FPÖ-Politiker verknorzt vor sich hin giften gesehen. Da tat er mir so leid und ich wollte ihm (jetzt vor Weihnachten) etwas schenken. Vielleicht ein Lied, im Dialekt, dachte ich, das diese offenbar hasszerfressene Haltung direkt beantworten könnte…

I daschlog di mit am nossn Fetzn,
doss da fia muagn nix mea vuanehma brauchst,
du Weh, du Wimmal, du Krätzn!

G’söchta

PS. Naturgemäß gibts da auch noch einen Drummer, Bernhard Breidler mit Namen, und darum heißt die Kapelle ja jetzt Glue CREW und nicht mehr TWO On Glue, wie konnte ich das nur übersehen? Nobody is perfect, ned amoi i

 

Gerald Fiebig – New Enamel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. November – Vor einiger Zeit erreichte uns das freundliche Angebot des Augsburger Autors und Klangkünstlers Gerald Fiebig, sein Radiostück “New Enamel – Vom Karl-Marx-Hof zum Utopiaweg” in unserem etwas anderen Kunnst-Biotop auszustrahlen. Es handelt sich dabei um den finalen Teil einer für das Ö1 Kunstradio produzierten Trilogie rund um die Februarkämpfe 1934. Das zentrale Element der Komposition sind die Lebenserinnerungen seiner Großmutter, deren Vater Hermann Wurmbrand im Republikanischen Schutzbund gegen den Austrofaschismus kämpfte. Die damaligen Ereignisse sind inzwischen auch als Österreichischer Bürgerkrieg bekannt. Weshalb jedoch bringen wir diese gespenstische Zeitreise ausgerechnet jetzt im November – und nicht im Februar?

Gerald Fiebig - Karl Marx HofUnd warum hat der ORF, der den ersten Teil dieser Trilogie heute noch feiert, deren Schlussstück nicht gesendet? Das hat wohl mit einem “ersten Eindruck” zu tun, den die radiophone Komposition zunächst beim Zuhören bewirkt: Weil viel erzählt und zitiert wird, kommt einem das Stück wie ein klassisches Feature entgegen. So erlebte ich das beim ersten Mal. Zumindest die erste halbe Stunde lang. Doch dann springt mich die Hörwelt plötzlich lauthals an und wiederholt monoton das Geplärr der Kristallnacht. Von dem Punkt an war klar: Die Dramaturgie des “Hörspiels” ist viel hintergründiger als eingangs vermutet – und: Das müssen wir zum Gedenken an die Novemberpogrome des 10. November 1938 öffentlich machen. Gerade jetzt, wo unser ältester KZ-Überlebender und Zeitzeuge Marko Feingold gestorben ist – und das grölpöbelnde Dumpftum der neurechten Rattenfänger schon wieder grausige Urständ feiert, ist emotional berührende Zeitgeschichte fast schon lebensrettend. Gerald Fiebig verdichtet hier die Erinnerungen seiner Großmutter mit thematisch passenden Geräuschen und literarischen Einschüben zu einem Erlebnisraum mit starker Anziehungskraft. Genau das macht das Gelingen der erwähnten Zeitreise erst aus, die Begegnung mit den Gespenstern, leben sie denn – oder bin ich dort?

Welch ausgefeilte Arbeit hinter dieser Produktion steckt, könnt ihr im Konzept & Manuskript dazu nachlesen – und weiterführend auf seiner Homepage erforschen…

Der Bezug zum Projekt Hörstolpersteine (in unserer Signation) ist bestimmt KEIN Zufall. Genauso wie die Reverenz an den großen Georg Danzer: Der alte Wessely

 

Jedermann Reloaded (Teil eins)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Oktober – Man kommt ihm einfach nicht aus, dem Jedermann. Jahr für Jahr zur Festspielzeit schallt es von der Höh und jedem hier aufgewachsenen Kind ist dieser seltsam schaurige Ruf schon bald genauso vertraut wie das Läuten der Kirchenglocken oder das Böllern der Prangerstutzen. Ein Teil des Klangbilds dieser Stadt. Und ein Teil der kulturellen Identität. Oder des Marketings? Geht es hier um Sein oder Schein? Auch wenn uns die Vermarktstandelung unserer Heimat durch Nutz und Zweck zutiefst abstößt, und auch wenn wir uns der geistigen Eingemeindung in ein prosperierendes Verkaufsimage als “Mozartstadt” entziehen, wenn irgendwer das hier angeschwemmte Kulturerbe so erfrischend aufbereitet wie Philipp Hochmair & Die Elektrohand Gottes – dann macht uns das schon hellhörig.

Jedermann ReloadedDieses Jedermann-Projekt wird als ein Work-In-Progress fortwährend weiter entwickelt, nachdem es 2013 im Rahmen der YDP-Inszenierung von Bastian Kraft seinen Anfang nahm. Die inzwischen entstandene Rock-Performance ist seit Jahren erfolgreich auf Tournee und auch als CD-Album verfügbar. Am 24. und 25. Oktober (jeweils um 19:30 Uhr) wird jetzt eine weitere Stufe atemberaubender Verbearbeitung erklommen, nämlich “Jedermann Reloaded Symphonic” zusammen mit der Philharmonie Salzburg. In deren Presseaussendung heißt es: “Die Philharmonie Salzburg wird mit Jedermann musikalisch in Dialog treten. Wir werden die bestehenden Elektrosounds der Band klanglich verstärken und verändern, Zitate aus der klassischen Musikwelt mitbringen, frei improvisieren und auch als Orchester szenisch in Aktion treten.” Wenngleich das Konzert im großen Festspielhaus stattfindet, wird dabei ein recht gemischtes, zum Teil auch junges Publikum erwartet. Oder wie Dirigentin Elisabeth Fuchs es vor der gemeinsamen Arbeit formuliert hat: “Wenn die Energie passt, funktioniert Crossover, und das mag ich.” Man darf also durchaus gespannt sein, nicht nur als Freund*in des klassischen Schauspiels, der symphonischen Musik oder des Post-Industrial an sich – sondern über alle Genregrenzen hinweg – und überhaupt: Viel Vergnügen!

Wir spielen in dieser Sendung den ersten Teil des Studioalbums (vom Prolog bis zur Tischgesellschaft). Den zweiten Teil (von der Tischgesellschaft bis zum Ende) gibt es dann in unserer nächsten Sendung.

 

Songtexte auf deutsch Projekt

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. September – Zwei Sänger, zwei Stimmen, zwei Persönlichkeiten. Zwei Poeten aus verschiedenen Szenen und Zeitaltern, deren jeweiliger Background auch ihre Songtexte und ihren jeweiligen Gesangsstil prägen. Dennoch haben sie mehr gemeinsam, als der erste Eindruck vermuten lässt. Was das genau sein könnte, dem wollen wir in dieser Sendung nachspüren, indem wir ein paar Ohrenblicke auf ihre Gesangskunst werfen. Die Rede ist von Peter Hein (Sänger der Fehlfarben) und Dirk von Lowtzow (Sänger von Tocotronic). Und wie sich von uns zu Recht erwarten lässt, haben wir für unsere Untersuchung keine der bandtypischen Hadern wie etwa “Ein Jahr (Es geht voran)” oder “Let there be Rock” ausgewählt, sondern in der Hauptsache eher seltene Songs, Reworks und Collaborations

Songtexte auf deutsch von Peter HeinDas Wiederentdecken der einstmals von diversen Hausbesetzern gleich mitbesetzten Fehlfarben sowie der speziellen Singstimme von Peter Hein verdanken wir Misha Schoeneberg und seinem Bemühen, die Songtexte von Leonard Cohen in singbare deutsche Versionen zu übersetzen, hier: “Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache” Oft macht ein einzelnes Wort den entscheidenden Unterschied: Den Cohen-Song “Democracy” als “Gerechtigkeit” wiederzugeben, spendet inmitten der herrschenden Sprachinflation jedesmal Trost, wenn irgend so ein Papperlapapp “Demokratie” daherfaselt. Meditieren wir ein Weilchen über das prophetische Lied: “Fehlfarben – Gerechtigkeit” Dirk von Lowtzows Stimme hinwiederum taucht plötzlich im Abspann der sehr lustigen Romanverfilmung von “Tschick” auf, und zwar in einer Beatsteaks-Coverversion von “French Disko” (Original von Stereolab), in der er seine eigene deutschsprachige Textübertragung singt. Let there be Tschick!” Und es ist deutlich hörbar, dass da eine ganz andere Stimmpersönlichkeit zu Werke geht – wiewohl, es gibt auch Übereinstimmliches, möchte man sagen. Was verbindet also den 1971 geborenen Adelsspross mit dem 1957 geborenen Angestellten? Was haben die Hamburger Schule und der frühe deutsche Punk gemeinsam? Kann man das ohne musikwissenschaftliche Studien und einfach nur mit den Sinnen erfassen? Wenn man beispielsweise nichts darüber weiß, was ihrer Zusammenarbeit dazumals beim Fehlfarben-Song “Internationale” (fürs Jubiläums-Album 26½) zugrunde lag?

Aber hören und spüren wir selbst…

 

The Wall zum Geburtstag

Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. September (Doppelstunde) – Haben wir jetzt endlich alle Jubiläen beinand? Neben Woodstock und dem 2. Weltkrieg gäbs da noch Roger Waters und The Wall. Das legendäre Pink-Floyd-Konzept-Doppelalbum kam im Herbst 1979 erstmals als Studioversion über uns – und entwickelte sich schon bald zu einer interdisziplinären Darstellungsvielheit, die bis heute immer wieder zu neuen Wegen des Musik- und Geschichtenerlebens inspiriert. So entstand etwa 1982 unter der Regie von Alan Parker ein wahrhaft genresprengender Film (Ausschnitt) zu The Wall, in den Jahren zuvor war die Rockoper noch von Pink Floyd selbst gelegentlich als Livekonzertspektakel aufgeführt worden, und 1990 inszenierte sie Roger Waters anlässlich des Falls der Berliner Mauer noch einmal neu – am Brandenburger Tor

Roger Waters - The Wall Live (Film)Doch damit nicht genug ging der inzwischen in Ehren ergraute und nichtsdestotrotz nimmermüde Pink-Floyd-Miterfinder noch von 2010 bis 2013 mit einer behutsam weiter entwickelten Version von “The Wall Live” auf Welttournee. Der Fokus seines schier unendlichen Work-In-Progress verschob sich dabei mit der Zeit vom bloßen Beobachten allgemeiner Entfremdung hin zu einer furiosen Kritik an den dafür ursächlichen Verhältnissen. Der heute 76-jährige Roger Waters ist zu Recht zornig und weist mit dem Finger des Propheten in die klaffenden Wunden unserer Welt: Krieg als ultimative Erscheinung staatlicher Gewalt gegen den Einzelnen. Bei ihm heißt das zugrunde liegende Prinzip Staatsterrorismus – und speist sich auch aus seinem Nichterinnern an den Verlust seines Vaters Eric Fletcher Waters, welcher 5 Monate nach Rogers Geburt in der völlig verunglückten allierten Landeoperation bei Anzio zu Tode kam. Sein lebenslanges Abmühen an diesem so umfassenden Grundtrauma, und dass er es bis heute in künstlerische Ausdrucksformen zu übersetzen versteht – das macht uns den Mann einfach sympathisch. Man höre etwa “The Fletcher Memorial Home”

Roger Waters - mehr als nur der Schöpfer von The Wall

Nachdem wir uns jetzt jahrelang durch (oft recht räudige) Live-Bootlegs und obskure Audience-Videos (bis hin zur leider nicht mehr auffindbaren Konzert-Reconstruction vom Mai 2012 in San Francisco, bestehend aus ebensolchen) durchgequält haben, ist mittlerweile ein ordentlicher Konzertfilm erschienen, der am 6. September 2014 (dem 71. Geburtstag des Künstlers) erstmals gezeigt wurde. Wir spielen den Sound-Rip des Spektakels heute zu seinem 76. Geburtstag (sowie zum 58. des Hundes) und erinnern an das erstmalige Auftauchen von verstörenden Bildern: “Another Brick in the Wall”

So you thought you might like to go to the show

PS. Hier noch die berührende Geschichte, wie Roger Waters nach über 70 Jahren vom Anzio-Veteranen Harry Shindler Genaueres über den Tod seines Vaters erfuhr.

 

Die Menschheit schafft sich ab (Vortrag von Harald Lesch)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. August – Nachdem wir nun bereits das gleichnamige Buch von Harald Lesch vorgestellt haben, bringen wir diesmal noch einen ganzen Vortrag von ihm zu Gehör, den er 2017 in der Stadthalle Heidelberg gehalten hat, und der dort vom SWR für deren “Teleakademie” aufgezeichnet ward. Für die Genehmigung zur Verwendung im Radio bedanken wir uns also jetzt bei der Teleakademie-Redaktion, beim Autor und Vortragenden sowie beim Veranstalter dieses sehr speziellen Auftritts, dem Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg. Und weil es für uns ehrenamtliche Freizeitradioten kein Nebenbeispaziergang ist, sich all die für eine Sendung erforderlichen Rechte zu verschaffen, bleibt die Frage, warum wir einen Vortrag “hörbar machen” wollen, der eh schon im Internet umgeht.

Harald Lesch - VortragZum ersten erinnern wir da gern (und immer wieder einmal) an die Betrachtungen von John Peel über die Vorzüge des Radios gegenüber dem Fernsehen: “Radio is and always will be a more powerful medium than television because it allows the imagination of the listener to flourish.” So drückt es jedenfalls Justin Sullivan in einem Nachruf aus. Und so verstehen wir das auch: Gerade bei längeren Sprechstücken von hoher gedanklicher Dichte kann es förderlich sein, sie auch einmal ohne Mimik und Gestik des Vortragenden zu sich zu nehmen. Dabei werden Empathie und Phantasie angeregt, emotionale Nuancen können deutlicher erkannt werden, und das Gehirn beschüttet sich mit allerlei netten Chemikalien, die uns allgemein mit Wohlsein belohnen. Das Hören ohne zugleich zu sehen konzentriert die Wahrnehmung – und verstärkt dadurch die Aufmerksamkeit.

Nun ist Harald Lesch auch kein weithin Unbekannter, vielmehr ist er in zahlreichen Fernsehformaten beinah täglich zugange (alpha-Centauri, Terra X, Lesch’s Kosmos, Frag den Lesch). Die meisten, die ihn von daher kennen, haben eine gute Meinung von ihm: Er sei glaubwürdig, höchst kompetent und vor allem humorvoll. Jemand, der seine Gefühle zeigt (und sie nicht abspaltet), so einen Lehrer hätten sich viele in ihrer Schulzeit oder an der Uni gewünscht, einen, der auch “eher trockene Fächer” mit Saft und Kraft vermitteln kann – und der die “oft eng gefassten Spezialgebiete” in einem übergeordneten Zusammenhang darstellt.

Und so freuen wir uns auf eine echte Sternstunde von Harald Leschs Vortragskunst, in der wissenschaftliche Fakten rund um Naturzerstörung und Klimakrise auf die berechtigte Empörung über die “Durchökonomisierung aller Lebensbereiche” oder den “grenzdebilen Zustand gehorteten Vermögens” treffen. Dieses im besten Sinn poetisch wie prophetisch verdichtete Hörtheater wird abgerundet durch ein dazu passendes Lied von Paul Simon und Art Garfukel:

A Poem on the Underground Wall

 

Die Menschheit schafft sich ab (Buchvorstellung)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. AugustDer Herr Professor von der Universitätssternwarte in München hat ein vielbeachtetes Sachbuch geschrieben, dessen harter Titel uns sogleich sympathisch war: “Die Menschheit schafft sich ab – Die Erde im Griff des Anthropozän – Zum Stand der Dinge”. Das Besondere daran ist, dass hier ein anerkannter Wissenschafter den Weltbildern der Wunschdenker “an den Karren fährt”, wie es der geschätzte Gunkl ausdrückt, der im übrigen sogar gelegentlich gemeinsam mit ihm auftritt. Wir verwenden in dieser Sendung das Buch, das uns der Komplett-Media-Verlag zur Verfügung gestellt hat, und Ausschnitte einer Lesung des Autors (mit Publikumsgespräch) in der Buchhandlung Hugendubel. Am nächsten Sonntag gibts dann Harald Leschs gleichnamigen Vortrag auf die Ohren.

Harald Lesch - Die Menschheit schafft sich abDer Themenkreis “Überleben der Menschheit” ist ja tatsächlich seit vielen Jahren ein Dauerbrenner. Doch zum Glück spitzt sich die Frage, ob und wie wir als Spezies Mensch die weltweit zunehmende Zerstörung unseres Planeten überstehen können, in letzter Zeit ebenso zunehmend zu. Themen wie Erderwärmung, industrialisierte Landwirtschaft, Artensterben, Plastikmüll, Überbevölkerung und Ressourcenknappheit drängen trotz vehementer Abwiegelungen vermehrt in unser Bewusstsein. Die Allianzen derer, die “eine gedeihliche Zukunft für alle” etablieren wollen, werden ebenfalls immer bunter und vielfältiger. Da ist eine Krisis in Sicht, die diesen Namen endlich verdient. Wie aber kann eine darauf folgende Katharsis beschaffen sein?

Hier stehen wir nun genau an der feinen Grenze zwischen Wissen und Handeln, die dieses Buch auszeichnet, und die darin auch nicht ratgeberdumm überschritten wird. Der geheimnisvolle Übergang zwischen seinem Inhalt und dessen Auswirkung in der Lebenswelt der Leser*innen bleibt respektvoll gewahrt. Der liminale Zustand muss auch beschützt werden, sonst gelingt die Transformation der Reisenden in etwas Neues nämlich nicht. Genau darum geht es aber derzeit für die gesamte Menschheit: Eine radikale Verwandlung der gesellschaftlichen Strukturen, weg von der Herrschaft der Wenigen und ihrer Profitmaximierung auf Kosten der Allgemeinheit, und hin zu einem “gedeihlichen Gemeinwesen”, das die Reichtümer der Erde gerecht aufteilt, und das so auch die Zukunft des Lebens auf diesem Planeten sicherstellen kann.

Nicht umsonst trägt ein Kapitel die Überschrift “Empört euch!”, just dieselbe wie eine Vermächtnisschrift von Stéphane Hessel oder ein mit dieser zusammenhängendes Lied von Konstantin Wecker. In diesem Sinne

 

Musik aus Salzburg in Aserbaidschan

> Sendung: Artarium am Sonntag, 21. Juli – Der Salzburger Minnesänger und Multiinstrumentalist Thomas Schallaböck war unlängst zu Gast in Aserbaidschan. Als ausgewiesener Spezialist für die Musik des Mittelalters stellte er dort nicht nur – etwa an der Universität – authentisches Liedgut auf historischen Instrumenten vor, sondern spielte auch in Baku zusammen mit dem Ensemble “Əsrlərin sədası” ein vielbeachtetes Konzert, das die elementare Verwandtschaft östlicher und westlicher Musiktradition aufzeigte. Dieses Konzert, das später sogar im aserbaidschanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, wollen wir euch heute ganz und gar zu gedeihlichem Gehör bringen. Da unsere Aufnahme einen recht weiten Weg hinter sich hat, haben wir sie für die Radiofabrik unseres Vertrauens noch ein klein wenig “aufpoliert”

Thomas Schallaböck spielte jüngst auch in AserbaidschanIn Aserbaidschan wird eine uralte und sehr spezielle Musiktradition namens Mugham gepflegt. Was ist das genau? Hier gibt es für Spezialist*innen eine kleine Vertiefung. “Erstaunlicherweise haben diese uralte aserbaidschanische Musik und die mittelalterliche Musik Europas gemeinsame Wurzeln in der persischen und arabischen Musik.” So erklärt Thomas Schallaböck auch die besondere Wirkung seines “Incontro Culturale” (Kulturbegegnung), worüber sowohl DrehPunktKultur als auch der ORF berichtet haben. Und so versteht er auch sein künstlerisches Engagement an den Ufern des kaspischen Meeres: “Es ist eine Begegnung von Ost und West, eine Begegnung verschiedener Religionen und Kulturen, ein kleiner Baustein für eine Welt der Toleranz und des gegenseitigen Respekts.” Inmitten einer Weltpolitik, die sich im medialen Mainstream zunehmend auf Krisen, Krieg und Kriminalität fokussiert, ein sympathischer gegenkultureller Beitrag zur zwischenmenschlichen Berührung. Was wir in unserer Arbeit als Inselstiften und Perlentauchen inmitten des Unkultursumpfs der beschleunigten Kommerzdiktatur beschreiben, läuft auf etwas Ähnliches hinaus: Kleine Freizonen für die Wertschätzung des Lebens zu errichten. In ihnen kann die Phantasie wuchern, die Liebe zum Schönen erblühen – und die Getriebenheit des Immermehrmüssens zur Ruhe kommen. Über alle Zeiten und Kulturen hinweg…

Wer gern mehr über das Lebenswerk dieses besonderen Kunstschaffenden erfahren möchte, der/dem sei Dulamans Vröudenton – oder sein derzeitiges Projekt Harmonia Variabilis ans Herz gelegt. Ernsthaft.