Im Fluss

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. JuliEin nachhaltiges Plädoyer fürs Baden in der freien Natur (ist die eh noch da?), fürs Plantschen und Schwimmen und Zeitvergehenlassen in Flüssen, Bächen oder Seen. Gehts euch doch brausenaber bitte im Wasserfall! Nie war es so wertvoll wie heute, sich den Elementen der nicht verwalteten Welt hinzugeben. Ringsumher regieren Künstlichkeit und Zwang, doch der Mensch erinnert sich stets seiner Natürlichkeit, sobald er wieder eintaucht ins Fließende. Hier und Jetzt. In den wohltuenden Fluss irgendwo da draußen, wo kein Business das Sein verschandelt und kein Bademeister sich ins Mein oder Dein einmischt. Wo das lange Eingesperrtsein von einem abfällt wie ein böser Traum und das Leben feuchtfröhliche Urständ feiern kann – sofern sich Sonnenschein ausgeht.

Im FlussWie umfassend bereichernd so eine Erfahrung im naturbelassenen Fluss werden kann, das beschrieb schon Bertolt Brecht im von Konstantin Wecker kongenial vertonten Poem “Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“, das wir unserer heutigen textmusikalischen Hörbildcollage voranstellen, und in deren Mitte wir den vielschichtig interpretierbaren Sommersong “Im Fluss” unseres aus der ach so schönen Stadt Salzburg erfolgreich entsprungenen Kollegen Marwin Tea vorstellen. Und ungeachtet unserer Bekanntschaft, das hier verlinkte Video ist ausgezeichnet gemacht. Es lädt auf mehreren Ebenen dazu ein, sich auch der Metaphernwelt des “Im Fluss Seins” ebenso verspielt wie spaßernst anzuvertrauen. So wie das sich mit der Zeit immer besser anfühlende “den Fluss des Lebens hinunter treiben lassen”.

Denn, seien wir mal ehrlich, genau das macht das Leben von uns Menschen aus.

So verläuft es – von der Quelle bis zur Mündung – nie langsamer und nie schneller. Einfach immer seine Strecke lang, eingebettet in einen erstaunlichen Kreislauf aus Werden und Vergehen, aus Verwandlung und Wiederkehr. Wozu sich also mit dem angestrengten Turmbau zu Immernochhöher, Immernochbesser und Immernochmehr aufhalten, wo doch das Leben des gesamten Planeten ein einziges Immernurfließen ist, das keine noch so aberwitzige Konstruktion je verändern kann? Let it flow …

Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag (Gisbert zu Knyphausen)

 

Babylon Salzburg

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. JuniZwei Musikstücke mögen unseren heutigen Ausritt in den Abgrund umrahmen: “Apocalypse or Revolution” aus dem neuen Album von Ja, Panik – und “Zu Asche, zu Staub” aus der bemerkenswerten TV-Serie “Babylon Berlin”. Dazwischen liegen knapp 100 Jahre Weltgeschehen, in denen sich zahllose Schrecknisse, Verwundungen und Überlebensreflexe zu einer epigenetischen Kakophonie ungeheuren Ausmaßes ineinander türmen. Geborgen und verfolgt zugleich versuchen wir diesen unüberschaubaren Partituren unseres Generationenlebens irgend einen Sinn zu entreißen – und uns wieder zu entdecken in den durcheinander fliegenden Fragmenten von Ursache, Wirkung und Synthese. Und scheint auch Salzburg hier (vergleichbar) banalzum Babylon reichts allemal.

Babylon SalzburgSo versinnbildlicht etwa der “Turmbau zu Babel” allerorts die Großmannsucht (womit wir nicht die großartige Mechthild meinen) sondern zwanghaftes Wachstum über die Grenzen der Natur hinaus. “Babylonische Sprachverwirrung” bezeichnet die sich unvermeidlich daraus ergebende Zerstörung der “menschlichen” Kommunikation. Und mit “menschlich” meinen wir hier durchaus “menschenwürdig”. “etwas wie babel” nennt Christopher Schmall folgerichtig sein lyrisch-akustisches Work in Progress, mit dem er das Scheitern zwischenmenschlicher Sprachform erforscht, und das er über die Jahre hinweg ständig weiter entwickelt, derzeit unter Einbeziehung einiger Ausschnitte aus “Fluchtstück” von PeterLicht. Das bildet die zweite Umrahmung (womit wir nicht das Milchprodukt meinen) sondern das Gewirr von inneren und äußeren Stimmen, die uns beeinflussen, Anklage und Verteidigung im inwendigen Strafgericht wie bei “Mea Culpa” von David Byrne und Brian Eno.

Kommen wir jetzt zu einem weiteren Sinnbild: “Die Hure Babylon” illustriert ein zum nicht mehr hinterfragbaren System gewordenes “Sich prostituieren”. Sich verkaufen, die eigene Haut zu Markte tragen, sich dem Meistbietenden andienen, sich für Geld ficken lassen – der Sprichwörtlichkeiten hierzu sind einige, und wir alle wissen, was damit gemeint ist. Globale Zwangswirtschaft und Arbeitsstrichservice sind weitere Wortentwicklungen zu diesem weltweiten Machtklotz, der uns allen aufsitzt und uns innen wie außen die Türen zur Freiheit zuhält. Der Zuhälter in vielerlei Gestalten

Den letzten Rahmen (die finale Zwiebelschicht) einer Verbindung von Ja, Panik mit Babylon Berlin muss nun ein Großmeister des Dandytums herstellen: Bryan Ferry, dessen Roxy-Music-Klassiker “Bitter-Sweet” die einst auf DMD KIU LIDT gecovert haben, und der, nunmehr gepflegt gealtert, in besagter Serie den zeitlosen Song im Stil der 20er Jahre zum Allerbesten gibt. Nur, welche Version passt in die Sendung?

PS. Wir beglückwünschen unsere wackere Kollegin Mirjam Winter (bei der wir beide das Radiomachen gelernt haben) zum Ehrenschorsch der RadiofabrikAlles Gute!

PPS. Das in der Sendung zum Fluchtstück von PeterLicht erwähnte Videoportrait aus unserer Anfangszeit gehört schon auch wieder mal gesehen!

 

In Nino veritas

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Der Nino aus Wien hat sich seit nunmehr über 10 Jahren ein erfrischend heterogenes Publikum erschrieben, ersungen, erspielt. Da mischen sich Freund*innen von locker flockiger Popmusik mit Liebhaberern literarischer Abgründigkeit und Groupinien psychedelischer Sumpfabenteuer. Die wahren Abenteuer sind – unterwegs – und die eleganteste Grabinschrift “auf der Durchreise”. Am Mittwoch, 11. März bespielt der Nino (mit Band) den großen Saal der ARGEkultur und stellt dabei auch sein überaus tanzbar geratenes neues Album vor. Auf selbigen kommt allerdings das inzwischen für viele unverzichtbare “surreale Roadmovie aus dem Kopf” auch nicht zu kurz, etwa in Gestalt der Schlussnummer “Wach” mit der Musicbanda Franui. Das freut uns!

Der Nino aus Wien zum WeltfrauentagIst uns doch der Dichter und Liedermacher zuallererst mit seiner herausragenden Ballade “Es geht immer ums Vollenden” aufgefallen, deren Text ein wahres Meisterstück lyrischer Reimkunst ist – und deren finale Feststellung “…und den Superbowl” einen gekonnt in ein ganzes Universum an Deutungsmöglichkeit entlässt. Daher soll diese Sendung auch den dichterischen Schwerpunkt im Schaffen des urwiener Nachtschattenfreunds anleuchten und sonderliche Denklandschaften jenseits von Hupfidupfi und Blumpf offenlegen. Der äußerliche Eventstream der Gleichklone ist eben nicht seine Themenwelt, vielmehr die unendliche Vielfalt individueller Innenschau, die er ebenso erdverbunden wie schwerelos schwebend ausdrückt. Zudem ist die besondere Verbindung von Sprachkunst und Musik hervor zu heben, die den sehr speziellen Charme seiner Darbietung ausmacht, und die Vergleiche mit PeterLicht oder Hubert Weinheimer (Das trojanische Pferd) nahelegt. Einer “vorauseilenden Denkmalerrichtung” wie etwa “Bob Dylan vom Praterstern” (Falter) wollen wir uns jedoch nicht anschließen, weil uns derlei Formulierung allzu inflationär erscheint im verbreiteten Heischen um Aufmerksamkeit (und Auflage). Die Substanz der Dichtung des Nino aus Wien geht aber durchaus auch in diese Richtung. Doch beschränken wir uns lieber auf die deutsche Sprache, genau genommen das Wienerische, das ja, wie manche sagen, da dazu gehört, oder, wie andere meinen, deren Höhepunkt ist.

Da fügt es sich fein, dass am Freitag, 13. März ein weiterer Dichter und Denker aus Wien, nämlich der von uns hoch geschätzte Gunkl in der ARGEkultur zu Gast sein wird. Was die beiden eventuell miteinander verbindet, das hat der liebe Apotheker und Nebenwirkungssoziologe Hund hier wie folgt zusammengestellt: “Wieso der Gunkl nicht gern auf Festln geht” sowie “Warum der Nino lieber zuhause bleibt”

Viel Vergnügen!

 

Guten Morgen ihr Vögel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. Juni – Dem Erwachen der Vögel zu lauschen, in jener so speziellen “blauen Stunde” des Übergangs zwischen Nacht und Tag, das wollten wir schon längst einmal fürs Radio aufbereiten. Diese Klänge der Natur, mit denen wir alle (meist unbewusst) von klein auf vertraut sind – und die somit auch den Ursprung unserer Musikalität bilden, bewusst zu Gehör zu bringen und dem elemetaren Erinnern wieder neu zugänglich zu machen. So wie dies schon in unserer Sendung über Kurt Schwitters’ Ursonate (Excellent Birds) angeklungen ist. Und wo stehen wir heute? Wir hören ernste Nachrichten vom Aussterben vieler Tierarten, wie sie etwa der Ornithologe Peter Berthold formuliert – und leben dabei selbst in gefährlichen Verhältnissen, wie uns etwa Harald Lesch zu erklären weiß.

Im Reich der VögelWas aber macht das mit einem, wenn man sich eigenfüßig auf den Weg begibt, so eine Morgenstund in der Gemeinschaft der Vögel zu verbringen – und derlei in Gestalt einer Tonaufnahme festzuhalten? Letzteres Vorhaben verändert die Hörwahrnehmung jedenfalls ganz beträchtlich: Man glaubt ja nicht, wie LAUT die gewohnte Hörumgebung gerade in der vermeintlich “stillen” Nacht sein kann. Verkehrslärm von fern, röhrende Klimaanlagen oder irgendwelche Deppen, die ihre Umpfmusik durchs geöffnete Fenster in die Landschaft blasen. Die Unternehmung schärft also schon auf dieser Ebene ordentlich die Sinne. Hat man dann doch endlich einen Platz gefunden, wo möglichst wenig Störgeräusche zu hören UND zudem auch noch hinreichend viele verschiedene Vogelarten zugange sind, kommt die optische Dimension dieser Stunde zum Tragen. Langsam verändert sich dabei die Sicht von düsterem Graublau hin zu kräftigeren Farbtönen, ein Effekt wie auf LSD oder bei einer Sonnenfinsternis. Das Dreh- und Angelwort ist LANGSAM und der sich dadurch einstellende Zustand ist der einer umfassenden Entschleunigung. Ganz abgesehen sowieso von den Vögeln, die einem unfassbar nahe sind – so wie man mit dem Ort des Geschehens verschmilzt.

Wir empfehlen dringend, sich diesem Ereignis LIVE (gern auch ohne Aufnahmegerät) hinzugeben. Euer Bewusstsein wird euch für seine Veränderung danken! Und wir empfehlen ebensosehr die Musik von Leo Tischendorf, die in all ihrer expressiven Innerlichkeit ganz vortrefflich zu unserem Thema passt: Guten Morgen, ihr Vögel…

 

Dieses seltsame Krimigenre

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Oktober – Eine Annäherung ans Unendliche durch Weglassen von Vielem und Hervorheben von Einigem. Beispielsweise. Schon das Krimigenre (sei es im Film oder in der Literatur) lässt sich in all seinen Subgenres und Verzweigungen kaum akademisch erfassen, geschweige denn präzise abgrenzen. Muss Blut fließen? Geht es um Mord? Whodunit? Und warum ist jedwede Darstellung von “Crime” beim Publikum offenbar so beliebt? Die Psychologin unseres Vertrauens empfiehlt diesfalls, den Autor von “Schuld”, Ferdinand von Schirach, zu befragen. Und sie verweist dabei auch auf die Ambivalenz des Menschen, die sich speziell in der Spannung zwischen Leben und Tod widerspiegelt. Womit sich das Wesen der Dramaturgie im gesamten Krimigenre erklären lässt. Wir haben eine heiße Spur

Neues im Krimigenre

Quellenangabe: obs/ZDF/Thomas Jahn

…und eine ziemlich interessante These: Im sonst eher nicht so für künstlerische Höchstleistungen berüchtigten Fernsehprogramm (zumindest in dessen öffentlich-rechtlicher Gestalt) tauchen seit einiger Zeit ansprechende, vor allem aber nicht-amerikanische Produktionen auf, wie etwa die neue ZDF-Serie “Professor T.”, welche wir bereits in der letzten Perlentaucher-Nachtfahrt warm empfohlen haben. Des weiteren überrascht uns die Fernseh-Kriminalfilm-Reihe “Tatort” (die es seit 1970 gibt) auch immer öfter mit kunstvollen Eskapaden, was ehedem (ich erinnere mich dunkel) gar nicht in ihrer Art lag. Womöglich lockt ja das kommerziell erfolgreiche Krimigenre künstlerisch ambitionierte Filmemacher und Autor_innen geradezu an, wenn diese sich kreativ austoben – und dabei auch noch Geld verdienen wollen. Zuletzt hat der bekannte Regisseur Dani Levy zum Beispiel den Tatort “Die Musik stirbt zuletzt” im One-Shot-Verfahren gedreht, also ohne Schnitt und in einer einzigen Kamerafahrt. Mit ähnlichen Methoden hat der Großmeister des Suspense, Alfred Hitchcock, in “Cocktail für eine Leiche” (Originaltitel “Rope”) schon 1948 herum experimentiert…

Womit wir beim Literaturhaus und dem dort vom 8. bis 10. November stattfindenden 10. Krimifest angelangt wären. Selbiges wird passenderweise von einer Ausstellung namens “Hitchcock. Vom Buch zum Film“ umrahmt, an deren Gestaltung auch der Studiogast unseres Vertrauens, Emanuel Gauß, mitgewirkt hat. Dazu servieren wir, dem kriminellen Anlass entsprechend, Musik von Element Of Crime – aber nicht nur!

 

Es gibt, es gibt, es gibt

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. September – Es gibt einen geraden Weg, PeterLicht in der ARGEkultur (am Samstag, 30. September) – und überhaupst eine ganze Menge an Interaktion von Dichtkunst und Musik in der kommenden Woche, wovon hier ein Reden (und naturgemäß Hören) sein soll. Ein Kunnst- und Subkultur-Magazin, wie das Artarium seit seinen Anfängen vom Gründer Peter.W. immer so gern bezeichnet ward, darf, kann – ja, muss sogar gelegentlich über bevorstehende Umtriebe der heimischen wie überregional bedeutsamen Kunstschöpferei berichten. Und sich einen kritischen Seitenhieb erlauben auf die Lieb- und Inspirationslosigkeit, mit welcher derlei Veranstaltungen oft “beworben” werden, seitdem “das Internet” zunehmend von Kommerzkasperln durchseucht ist. Geld stinkt eben doch.

Es gibt das Sausen der WeltJe mehr wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen, je mehr es um die gewinnbringende Vermarktung der Veranstalterei geht, umso fader, phantasieloser und schlichtweg austauschbarer werden sogleich diesbezügliche Ankündigungen gefühllos automatisiert hingeklopft. Es gibt kaum noch originär eigenes Gedankengut, nur mehr Copy und Basta. Dem gegenüber sei hier nun aus vollstem Engagement für den Sinngehalt der entsprechenden Veranstaltungen eingetreten! So entstammt unser vielsagendes Artikelfoto (von Alexi Pelekanos) dem Kulturblog Mottingers-Meinung.at und zeigt die Arbeiten an PeterLichts “Das Sausen der Welt” im Wiener Schauspielhaus. Und statt der seit Jahren üblichen PeterLicht-Standardvideos (gähn!) könnt ihr euch hier schon mal einen Eindruck von der öffentlichen Zeitauflösung des Lieds “Gerader Weg” machen. Und wenn ihr dem LeseKonzert von PeterLicht am Samstag in der ARGE beiwohnen (was wir durchaus empfehlen) und mit ihm “Die Emotionale” singen wollt, dann vermittelt diese WDR-Sendungsbeschreibung einen zutreffenden Eindruck von manchem, was euch da erwarten könnte. Es gibt nämlich Performance in Progress

Es gibt TauDarüber hinaus gibt es in den nächsten Tagen noch ein paar weitere Termine der gediegenen Art und zur gepflegten Begegnung mit Wort & Klang. So sind bereits am Montag, 25. September von 22 bis 00 Uhr die Jungautoren Thomas Mulitzer und Christopher Schmall in der Radiosendung mit der etwas spezielleren Musikauswahl, dem gehobenen Late Night Talk namens TALK2MUCH, live lesend gut zu hören. Ersterer (nebstbei von Detailsinn dargestellt) präsentiert am Freitag, 29. September um 19:30 Uhr im Salzburger Literaturhaus seinen Debutroman “Tau” (eine Replik auf Thomas Bernhards “Frost”, erschienen bei Kremayr & Scheriau), nicht ohne im Anschluss als TWO ON GLUE (zusammen mit Wolfgang Posch) zu konzertieren. Selbigen beiden verdanken wir übrigens auch eine recht schöne Doppelsendung über Ilija Trojanow. Zweiterer (der Artariumhase), inzwischen Obmann der Salzburger Autorengruppe SAG, tritt wiederum bei deren Anthologie-Vorstellung am Dienstag, 26. September ab 20 Uhr in der Panoramabar der Stadtbibliothek als beitragender Dichtkünstler auf. Viel Spaß mit den vielen Links! Wir wollen unser Publikum ja auch mal überfordern.

 

Ursonate (Excellent Birds)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. JuniKurt Schwitters‘ Ursonate ist beileibe kein Nonsens. Und das Orff-Institut für Elementare Musik- und Tanzpädagogik (Ernst Jandl hätte es nicht besser betitelen können) ist auch kein Ort für schwere Nöte. Dortselbst fand nämlich am Dienstag, 13. Juni eine Aufführung (von Ausschnitten) derselben statt, über welche wir hierselbst berichten. Alles MERZ, oder selbst? Eben. Denn dem genial schrägen Vogel war seinerzeit selbst Dada viel zu definiert, und so schuf er sich mit dem Kunstbegriff MERZ einen “absolut individuellen Hut, der nur auf einen einzigen Kopf passte” – nämlich seinen eigenen. Der Urdadaist und Wegbereiter beinah jeder späteren “konkreten” oder “Lautpoesie” von Ernst Jandl bis Christian Ide Hintze war also ein Individualanarchist, der sich nie einfügte. Sehr sympathisch!

UrsonateNoch sympathischer finden wir die Urheberrechtsgroteske rund um den Berliner Subkulturforscher Wolfgang Müller, der 1997 auf der norwegischen Insel Hjertøya eine ehemalige Strandhütte Schwitters‘ untersuchte und dabei die Stare (genau, die Amseldrosselfinkund- Vögel) Motive aus der Ursonate singen hörte. Er nahm sie auf und veröffentlichte ihren Gesang – zwar als “Naturgeräusch” – nichtsdestotrotz brach der üblich-läppische Copy-Riot über ihn herein, samt Erbenstiftung und Verleger. Heiliger Thomas Burnout, bitt für uns arme Künstler!” Und so war auch die überaus anregende Vorstellung der Ursonate im Gunild-Keetman-Saal von solcher Vogelperspektive inspiriert, was in den Kostümen (auf dem Foto vom Schlussapplaus) kenntlich wird. Überhaupt haben die Studierenden hier eine sehr vielschichtige Interpretation der Urpartitur entwickelt, die Bewegung, Stimme und soziale Emotionsdramaturgie mit Elementen aus der Naturbeobachtung dergestalt verflicht, dass einem da regelrecht die Sinne aufgehen. Eine Aufgabe von Kunst besteht wohl darin, uns empfindungsfähiger zu machen für all das, was wir im beschleunigten Alltagsvollzug fast gar nicht mehr wahrzunehmen imstande sind…

Vor allem eben uns selbst (ein herzliches Prost auf den Kiepenheuer Bühnenverlag!)

In diesem Sinnlichen:

böwörötääzää Uu pöggiff

fümmsböwötääzää Uu pöggiff

fümms bö wö tää zää Uu, pöggiff,

kwiiee. kwiiee. kwiiee. kwiiee. kwiiee.

kwiieee!!!

 

Horses

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. AprilZu Gast im Kunnst-Biotop sind diesmal zwei Menschen, die uns unlängst ein Stück Theater dergestalt um die Sinne geworfen haben, dass es immer noch in uns nachbebt. Und so etwas finden wir sehr angenehm! Katharina Shakina und Kilian Bierwirth, derzeit Schauspiel-Studierende am Thomas Bernhard Institut der Universität Mozarteum, verschmelzen in Horses, inspiriert von Patti Smith nachgerade mit selbiger sowie mit deren Freund und Projektpartner Robert Mapplethorpe und erzeugen so auch einen unglaublich intensiven Eindruck jener Zeit (die späten 60er und frühen 70er Jahre), in der die zwei Multikünstler zusammenlebten. Wobei “zusammenleben” nur eine höchst unzureichende Beschreibung für das ist, was ihrem wechselseitigen Musentum alltäglich (und allnächtlich!) alles entsprang…

Horses der Anfang“Zwei junge Menschen treffen sich in New York. Sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und wollen in der Stadt ihrer Träume ein eigenes Leben beginnen.

Sie verbindet sofort eine Seelenverwandtschaft, die alles Denkbare übersteigt. Ihre Liebe und ihr Vertrauen lassen sie zu den Menschen und Künstlern werden, die sie immer sein wollten.”

Soweit der Begleittext des facettenreichen, vielschichtigen und immer wieder voll abgedrehten Bühnenstücks Horses, das sich im Gespräch mit Regisseur Tom Müller kaum überraschend als Adaption von Patti Smiths autobiographischem “Just Kids” herausstellt. Unser Lieblingssatz und zugleich der hypnotische Lockruf ans Theater ist jedenfalls: Gemeinsam kämpfen sie gegen die brutale Realität da draußen und bauen sich ihre eigene.” Das kommt uns irgendwie unheimlich bekannt vor. So wie viele der einander jagenden und ineinander überfließenden Szenen für uns ganz großes Kino sind: Aufbruch und Abgrund und ambivalentestes Wiedererkennen. Die Mehrdeutigkeit des eigenen Seins zwischen Selbstheit und Kunstfigur. Und das noch im Schleudergang aus Text, Bild, Film, Tanz, GesangDas volle Drama!

Horses der AbgrundDabei darf man nicht etwa annehmen, es handle sich hier um billiges Bedienen allzu bekannter Prominentenposen oder hektisches Haschen nach erwartbaren Effekten. Das Gegenlicht ist der Fall: Da wirbeln Hell und Dunkel über die Bühne, ringen Über-Ich und Underground um die Seelen dieser “Kids”, feiern Yin und Yang ein existenzialistisches Rasiermesserreiten, dass einem ganz bizarr zumute wird vor lauter offenen Fragen. Pop? Gott? Sexualität? Wir können zwar immerhin nach eineinhalb Stunden wieder nachhause gehen – doch was wartet dort anderes auf uns als die eigene Zerbrechlichkeit angesichts menschenfressender Ideologien?

Baby calm down, better calm down,
On the night, in the eye of the forest
There’s a mare black and shining with yellow hair,
I put my fingers through her silken hair and found a stair,
I didn’t waste time, I just walked right up and saw that
Up there, there is a sea
Up there, there is a sea
Up there, there is a sea
The sea’s the possibility
There is no land but the land (Up there is just a sea of possibilities)
There is no sea but the sea (Up there is a wall of possibilities)
There is no keeper of the key (Up there there are several walls of possibilities)
Except for one who seizes possibilities, one who seizes possibilities. (Up there)
I seize the first possibility, is the sea around me
I was standing there with my legs spread like a sailor
I felt his hand on my knee (On the screen)
And I looked at Johnny and handed him a branch of cold flame (In the heart of man)

Textauszug: Patti Smith – Land (von ihrem Debutalbum Horses 1975)

PS. Zur Entwicklung des Albums Horses aus Pattis frühen Poetry-Performances (nebst Roberts Mitwirken daran) gibts weiterführende Informationen in diesem Artikel.

Die weiteren in der Sendung besprochenen Termine im Theater im Kunstquartier:

Hotel Savoy – Belly of Hell (nach Joseph Roth) in der Regie von Tom Müller, am Donnerstag, 27. 4. um 20 Uhr (Premiere) sowie Dienstag, 2. 5. und Mittwoch, 3. 5. jeweils auch um 20 Uhr.

Horses (in gekürzter Fassung): Montag, 24. 5. sowie Mittwoch, 26. 5. um 20 Uhr.

 

Adriatisches Intermezzo

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. AugustVerträumt zelebrieren wir die altösterreichische Völkerfreundschaft im nordöstlichsten Winkel des adriatischen Meeres. Duino, Sistiana, Miramare, Trieste, Muggia, Izola, Portorož, Piran – und wie die einzelnen Küstenorte daselbst noch alle heißen mögen. Gefühlt ewig und drei Tage waren sie unser” Zugang zur unendlichen Weite der Welt. Bis der dann von den regierigen Schnapsnasen des Großreichtums beim vorvorletzten Machtpoker auf Volkskosten verplempert wurde. Oder so. Wiewohl – trotz all dieses Politikblödsinns aus Beherrschsaft und Unterthanendumm wird uns die ewige Sehnsucht nach dem Salzwasser der See atmosphärisch eingeschrieben bleiben. Und so suchen wir uns immer auch selbst – in einem allsommerlich wiederkehrenden “Incontro culturale”

AdriaSchon seltsam, wenn man sich selbst sogar im eigenen fremd ist. Doppeldeutig wie die Begriffe, die man sich davon macht, strange eben oder strano. So wunderlich, wie es einem beim Selbstversetzen in ein anderes Terroir zumute wird, sind auch unsere Souvenirs aus diversen Begegnungen mit dem eigenartigen italo-slowenischen Mischmenschenschlag “da unten”. Etwa die merkwürdige Partizanen-Marseillaise unter Mitwirkung von Radio Študent aus Ljubljana sowie der Gruppe Laibach (NSK). Ganz zu schweigen vom letzten lebenden philosophischen Hyperaktivisten Slavoj Žižek sowie der Schwierigkeit, mit ihm ein stimmiges Interview zu gestalten (SRF Kultur). Auf jeden Fall verstehen wir jetzt den Unterschied zwischen einem Kaffee ohne Schlag und einem Kaffee ohne Milch. Oder doch nicht? Entschuidigns, aber wir sind das Radio ohne Hitparade. Das Radio ohne Tiefgang ist ein paar Straßen weiter, es besteht ja durchaus ein Unterschied zwischen Pirat und privat. Und als ob das alles nicht schon schrecklich genug wäre, kulminiert unser Widersinn in diesem surrealen Video: Zero Assoluto – Questa estate strana

Everybody’s talking and no one says a word
Everybody’s making love and no one really cares
There’s Nazis in the bathroom just below the stairs

Nobody told me there’d be days like these
Nobody told me there’d be days like these
Strange days indeed – strange days indeed

John Lennon

 

Artarium Spezial: Max Prosa Live

> Sendung: Artarium Spezial vom Donnerstag, 2. JuniDie Lyrikexplosion des Jahres 2012 – der Berliner Singer-Songwriter Max Prosa – kommt über Salzburg und folgerichtig muss die aktuelle Tour auch “Hallo Euphorie” heißen! Vor seinem Livekonzert in der Rockhouse-Bar (Local Support “Nachtfalter”) Beginn 20 Uhr wird er bei uns im Studio zu Gast sein und sein interaktives Kreativkonzept erläutern: “Freut euch auf neue Songs und Texte, neue Sounds und Geschichten, für die Max seine Zuhörer auf dieser Tour so nah wie nie zuvor an sich heran und am schöpferischen Prozess teilhaben lassen will. Immer wieder wird er Lieder und Liedskizzen präsentieren, die erst im Laufe der Tour entstehen und vielleicht nur ein einziges Mal live vorgestellt werden. Jedes Konzert wird anders. Jeder Abend einzigartig.” – Wir sind gespannt…

max prosaDiese Selbstbeschreibung scheint uns genau zu jener rastlosen Reise durch viele Erscheinungsformen zu passen, die der Poet und Sänger seit seinem schönen Debutalbum “Die Phantasie wird siegen” in immer wieder neuen Wendungen vollzieht. Zur Zeit ist er eben auf der Suche nach der für ihn stimmigen Gestalt des noch im Entstehen begriffenen Albums. Gibts dafür eigentlich schon einen Titel? Oder ist auch der Teil dieses geheimnisvoll gemeinsamen Schaffensprozesses? Und vor allem – wie könnte es klingen? Was für eine Art von Sound wird es entfalten? Kann es die Lyrik von Max Prosa in bisher unbekannte musikalische Dimensionen versetzen – und sein Leben zu neuen gebrochenen Reimen auf sich selbst führen?

Manchmal bleibt nur die Enklave
der eig’nen Phantasie,
denn dorthin kommen sie nie.

Tragt nur euer Leben in die totgesagte Welt,
wir haben uns lang genug verstellt,
warm sind die Paläste, doch wir bleiben lieber hier,
tanzen draußen vor der Tür.

Max Prosa – Totgesagte Welt (Video)