Lyapis Trubetskoy

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. MärzHierzulande weiß man wenig über die Lebenswelt und Kultur jenseits des kyrillischen Vorhangs. Eigentlich nur das, was uns die jeweiligen Welterklärer in den staats- und marktnahen Medien beibringen. Oder das, was sich aufgrund hoher Reichweite in sozialen Netzwerken durchsetzt. Dabei gibt es in den postsowjetischen Ländern, von denen derzeit dauernd die Rede ist, durchaus kritische Kunstschaffende, die uns vermitteln können, wie sich das Leben dort seit 30 Jahren anfühlt. Die Innenwelt wohlgemerkt, die Phantasien und Gefühle jenseits von Staatsmacht und Kommerz. Die belarussische Band Lyapis Trubetskoy zum Beispiel, die 2014 am Maidan in Kiew aufspielte, und der russische Videokünstler Alexey Terehoff, der einige ihrer besten Musikvideos produziert hat.

Lyapis Trubetskoy AgitpopSchon die Schreibweisen Ляпіс Трубяцкі (belarussisch) und Ляпис Трубецкой (russisch) bereiten uns gewisse Suchmaschinenprobleme. Hinter der digitalen Hemmschwelle jedoch tut sich ein bilderflutender Kosmos auf, der uns unmittelbar ins Fühlen und Verstehen jener ach so geheimnisvollen Gesellschaften hinein zieht, die dort hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang ihr ganz eigenes Wesen entwickeln … Immer aus der Sicht jener nicht im herrschaftlichen Mainstream des verordneten Funktionierens leben wollenden “Abweichler und Widerständler” bieten sie tiefe Einblicke in die feuchten Träume der Machthaberer und auch in die Albträume der Ausgepressten. Wie so ein Post-KGB-Kapitalismus funktioniert, haben sie in ihrem legendären “Kapital” gezeigt (das daher auch in Russland verboten wurde). Verschwitzte Allmachtsphantasien aller Arten werden in “Bolt” atemlosmachend vorgeführt. Gewaltsexuelle Räusche und Verlustängste, die uns schon beim “Aufmarsch der Zipfelmänner” inspirierten.

Was uns die Dichter damit sagen wollen, das entzieht sich (eben weil es Poesie ist) der “offiziellen” Interpretation – das können (und sollen) wir selbst entdecken. Was ist die Botschaft von Броненосец und seiner Verschmelzung von Sergej Eisenstein mit politischer Stencil-Art? Ты ни при чём? Sind wir gefühllos gepanzert gegen das Leiden der Welt? Oder Воины Света, das als “Warriors of Light” zur Hymne des ukrainischen Maidanaufstands verklärt wurde, wie ist der Text zu verstehen?

Verstehe, wer will – hier ein paar mögliche Übersetzungen – wer Ohren hat, zu sehen, der spüre! Was für Drogen nehmen diese Leute? Oder, wie Ostap Bender das in “Zwölf Stühle” weiter gedacht hat: “Was kostet das Opium für das Volk?”

Путинарода (Putinaroda)

Und hier noch das (in unserer Signation verwendete) 12 обезьян von Sänger Sergej Michaloks aktueller Band BRUTTO. Wir finden, SO kann sich der Frieden anfühlen

 

Da Stascheißa Koarl

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Februar – Die fast schon legendäre Antwort auf die zu vermeidende Frage “Wer?” aus Josef Haders Soloprogramm “Privat” führt uns in die entlegeneren Gegenden angewandter Dialektologie. Mundartwischensaft sozusagen. Ich verwende hier die wienerische Fassung, wie man sie etwa auf der CD (Live im Audimax Wien) findet. Weit verbreitet ist auch der “Stoascheißer Koarl”, eine allgemeinbajuwarische Variante, die weder Dirk Stermann noch Peter.W. richtigrum aussprechen können, ganz ähnlich wie “Oachkatzlschwoaf”. Daher soll Josef Hader in Teilen Deutschlands auch vom “Steinscheißer Karli” erzählt haben. Wie all dem sei (mit den Feinheiten der phonetischen Schreibweise wollen wir gar nicht erst anfangen), dem Hervorbringer desselben sei jedenfalls herzlich zum 60. Geburtstag gratuliert.

Da Stascheißa KoarlDas ist uns ein Bedürfnis und so spielen wir einige Ausschnitte aus seinem wegweisenden Programm “Privat”, mit dem vor nunmehr über 25 Jahren das Kabarettgenre einer regelrechten Revolution ausgesetzt wurde. Es ist bestimmt kein Zufall, dass genau dieses Programm das meistgesehenste der heimischen Satireszene wurde. Ich kann mich auch noch erinnern, wie es in jeder gut sortierten Wohngemeinschaft der 90er Jahre anzutreffen war und für viele meiner Bekannten ein inspirierendes Vademecum durch die Irrungen und Wirrungen der damals um sich greifenden Globalisierung darstellte. Erlösendes Lachen inmitten erodierender Weltbilder drang tröstlich vergnügt durch ein österreichisches Seelenvakuum, das sich seiner eigentlichen Bodenständigkeit im Dreck des Menschlichen weitgehend entfremdet hatte. Eine Anstiftung zum Heimischwerden in sich selbst – trotz alledem.

Meiner Meinung nach lebt dieses Programm (das in Wirklichkeit ein “Stück” ist) von den zahllosen Begegnungen und Interaktionen seines Autors mit einem Publikum, das er in den 80ern immer wieder spontan auf der Straße “bespielte”. Die immense Tiefe und Weite von “Privat” (die mir gerade beim Wiederhören auffällt) schöpft aus einem so breiten Spektrum von verschiedenen Gestalten, wie sie einem eben nur “auf der Straße” widerfahren können. Diese alle in den Stimmungen, Handlungen und Personen seines Kopftheaters zu verdichten ist seine wahre Meisterleistung.

Oder wie Uwe Dick über sein Einpersonenstück “Der Öd” sagte: “Es gibt kein Ich und in jedem von uns streiten sich mehrere Stimmen. Ein Psychodrama. Die Summe vieler, die ich täglich aushalten muss.” Wir sehen, die Idee ist nicht neu – doch die Umsetzung ist einzigartig – und “Privat” ist nach wie vor hoch wirksam. Daher empfehlen wir die Einnahme dieses Gewaltheilmittels wiederholt durchzuführen, am besten ohral (also über die Ohren), weil beim bloßen Hören (ohne begleitendes Bild) unsere Vorstellung dazu angeregt wird, sich die phantastischen Szenarien in aller Dichtheit auszumalen.

Und wie erscheint Josef Hader selbst die heutige politische Großwetterlage?

“Einerseits wissen wir genug, um uns zu fragen, was das Ganze soll. Andererseits sind wir zu deppert, um eine Antwort darauf zu finden. Das ist eigentlich eine Gemeinheit.”

Auf dem Weg in die Altersweisheit hier im profil-Artikel. Wie gesagt, wir gratulieren.

 

Heidelbeeren

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. Februar – Eine Sendung für den Frieden. Was das mit Heidelbeeren zu tun hat, wird sich noch zeigen. Homo sapiens soll ja eigentlich “gescheiter Mensch” heißen – doch wenn man sich so umschaut auf der Welt, wären Homo rapiens, Homo destruktivus oder auch Homo Bscheißerle die viel trefflichere Beschreibung. Vor allem, wenn wir das Phänomen Krieg betrachten: “Seit Beginn unserer Zeitrechnung gab es weltweit zusammengerechnet nur etwa 18 Monate Frieden. Frieden? Abwesenheit definitiv kriegerischer Auseinandersetzungen, möchten wir ergänzend hinzufügen. Ausbeutung und Unterdrückung der Schwächeren durch die Stärkeren gab es ja wohl trotzdem. Also, wie verhält sich Krieg zu Nichtkrieg – und was wäre wirklich Frieden – womöglich?” Aus “Krieg und Frieden” von 2014.

HeidelbeerenDie meisten Menschenleute würden sich wohl lieber in die Heidelbeeren setzen und mit ihren Zehen spielen, als mitsamt ihrer jeweiligen “kleinen Welt” in einem Krieg verwüstet und zerstört zu werden. Und das betrifft jede Art von Krieg, nicht nur den der einen gegen die anderen, sondern auch den des Menschen gegen das biologische Gleichgewicht der Erde. Krieg ist immer gegen die Natur.

Und Frieden? Was wäre das, wenn nicht die bloße Abwesenheit von dem, was wir als Krieg zu verstehen gelernt – wurden? Müssen wir den Krieg bekämpfen? Müssen wir uns organisieren, um Krieg zu führen – gegen den Krieg? Oder genügte es nicht schon, wenn wir uns alle dem Krieg verweigern und uns stattdessen in eine friedliche Metapher setzen, “in Ruhe gelassen sein” wollen von jederlei fanatischem Geplärr – und mit all dem betrügerischen Vorherrschaftsgeschwurbel nichts zu tun haben? Wollen wir uns das titelgebende Bild von Arik Brauer einmal etwas näher anschauen:

I hea im Woid den Auerhohn und setz mi hinta an Buschn
Da siech i zwa Fanatika voi Zuan ins Dickicht huschn
Und wia sa se donn rafn, die Messan einestechn
Do friss i a boa Heidlbeern und spü mi mit die Zechn

Oho – o, halalali

 

André Heller – Mein Hauskonzert

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Februar“So, ein Lied übers Sterben – Sterben, eines meiner freudigsten Themen.” Der Wiener Allroundkünstler und Zeit seines Lebens Poet und Chansonnier André Heller feiert demnächst seinen 75. Geburtstag. In einem jetzt schon legendären Hauskonzert (es war am 6. Januar auf ORF III zu sehen), von dem es bald hieß, es sei “das eigentliche Neujahrskonzert” gewesen, gelingt ihm die erstaunliche Verschmelzung der Genres und Generationen, die seinen musikalischen Lebensweg geprägt haben. Und zwischendrin erzählt er Geschichten, die alle Grenzen zwischen damals und heute, Diesseits und Jenseits, Realität und Phantasie auflösen – in dem einen rauschhaften Moment gelingenden Lebens, der wie das Leben selbst hier und jetzt stattfindet. So wie in “Papirossi”

André Heller - Mein HauskonzertDas inwendige “Sowohl als auch” von Freude und Traurigkeit, Liebe und Verlust, Wehmut und Seligkeit in der Themenauswahl verdankt er auch der Wiederentdeckung seiner jüdischen Kulturtradition. In Liedern wie “Leon Wolke”, “Onkel Jakob” oder einem genial neu arrangierten “Dem Milners Trern” kommt jene Lebensweisheit ganz unaufgeregt wieder zum Vorschein, die wir heute in Österreich so schmerzlich vermissen. Und weil das schöpferische Grenzgängertum des André Heller auch an den eigenen Übergängen von Leben und Tod rüttelt, und wir gerade unseren lieben Kollegen Roman Reischl verloren haben, spielen wir diesmal einen Zusammenschnitt von besonderen Momenten aus dem besonderen Hauskonzert. Live und unplugged mit Robert Rotifer, Ernst Molden, Der Nino aus Wien, Voodoo Jürgens, Marwan Abado und den Neuen Wiener Concert Schrammeln et cetera pp.

Ebenfalls zu hören André Hellers Anekdote vom “toten Hundertwasser”, in welcher er mehrfach vom Wienerischen ins Hochdeutsch wechselt – und wieder zurück:

I bin in a Taxi eingstiegn – jedes Wort ist wahr, das ich jetzt erzähle – und da Taxler schaut mi on und sogt: „So a Ehre fia mi, doss sie mit mia foan, Herr Hundertwasser.“ I sog goa nix. I sog goa nix und denk ma, wonna wü, doss i da Hundertwasser bin, bin i da Hundertwasser.

Wir foan los, i schau – in seinem Rückspiegel die Entwicklung seines Gesichtes an – ea foad, und plötzlich merk i – da braut sich ein Gedanke zusammen in dem Taxifahrer – und i waaß ned, denk ma, boid wiada irgendwos sogn, vielleicht kummda auf wos drauf oda wos – und dann macht er was ganz Gefährliches: während ea so foad dreht er sich so um zu mir – und sogt: „Es is mia jetz so unongenehm – sie sand jo scho tot.“

Und i bin weidagfoan und ea woa sicha, do hintn sitzt da dode Hundatwossa und die Gschicht hod si.

In diesem Sinn …

 

Geschichten und Geschichte

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. JanuarEs gibt Geschichten, die uns Menschen erzählen, die etwas selbst erlebt haben. Und es gibt “die Geschichte”, die in Büchern steht, weil sie eine ominöse “Schreibung” irgendwann festgehalten hat. Die von Menschen selbst erzählten Geschichten wirken wie eine Schutzimpfunggegen die Ansteckung mit irgendwie willkürlich oder einseitig “uminterpretierter Geschichte”. Die Entwicklung des österreichischen Geschichtsverständnisses im Hinblick auf die NS-Vergangenheit – vom Opfermythos über die Waldheim-Affäre bis hin zur Anerkennung der Mittäterschaft – beweist ihre Abhängigkeit von den jeweils vorherrschenden “gesellschaftlichen Strömungen”. Die erzählten Geschichten von Zeitzeug*innen stellen Ankerpunkte dar, um “die Geschichte” daran festzumachen.

Arik Brauer GeschichtenUnd so begegnen uns heute drei Menschen, die, wiewohl jüdischer Herkunft, auf unterschiedlichste Weise dem Vernichtungswahn der NS-Verbrecher entrinnen konnten. Ihre Geschichte(n) übermitteln wir ebenso unterschiedlich ins Hier und Jetzt. In eine Gegenwart, die vor allem Anwesenheit bedeutet. In die Begegenwart sozusagen. Etwa Arik Brauer, dessen Kindheit (und Überleben) in Wien die wunderbare Helene Maimann in einem intimen Filmportrait nachzeichnet. Endlich, nach über 50 Jahren, erfahren wir die Geschichte, die hinter dem Lied vom Spiritus steckt. Damals, vor 50 Jahren, zu Beginn der sagenhaften 70er, einer Zeit der Aufbrüche und Umwälzungen, entdeckte ich noch ein anderes Lied des phantastischen Realisten, das meine Welt gründlich verändern sollte: Sein Köpferl im Sand. In dieser von mir erlebten Geschichte kommt der zweite Überlebende zum Vorschein, nämlich Bruno Kreisky, dessen Geschichte von einer rundum befreienden Atmosphäre alle hier erzählten Geschichten verbindet. “Österreich modernisieren” ist ja derart paradox, es könnte ein jüdischer Witz sein.

“Wie Österreich ausgschaut hat, bevor der drankam, das könnts ihr Jüngeren euch gar nicht vorstellen.” Das sagt der Dritte im Bund, André Heller, über jene Aufbruchszeit. Und erst kürzlich beschrieb er den Aberwitz seines Daseins – im Rahmen von “Mein Hauskonzert”“Wenn der Mussolini nicht 1938 meinen Vater aus dem Gefängnis gerettet hätte, dann würd ich heut nicht dastehen und singen können.” Wie wesentlich wird sein Dasein für die nachfolgenden Generationen und weit über den jüdischen Kulturkreis hinaus sein? Hören wir dazu die Neufassung von Dem Milners Trern.

Weiterführend empfehlen wir die Zeitschrift “Alpendistel” sowie die dazugehörige Sendereihe, wo man sich über die Entwicklung von Erinnerungskultur, auch über den Tod der Zeitzeug*innen hinaus, nützliche Gedanken macht. Zum Beispiel ein Feature mit Robert Kleindienst über seinen aktuellen Roman “Zeit der Häutung”.

 

Lieber Augustin

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Januar“Wie sie sehen, bin ich sehr beschäftigt. Ich habe eine Epidemie draußen wüten.”, erklärt sich Gevatter Hein dem Volkssänger Augustin bei ihrer Begegnung in der “Roten-Dachl-Schenke”. Doch ungeachtet der unheimlichen Szenerie bringt dieser den Tod (der als Person auftritt) dazu, mit ihm Brüderschaft zu trinken. Und überlebt daraufhin sogar seinen Sturz in eine offene Pestgrube. Nun meinen manche, diese alte Überlieferung aus Wien habe einen durchaus aktuellen Bezug zur gegenwärtigen Corona-Pandemie und sollte gerade jetzt wieder aufgegriffen werden. Chapeau! Wir wiederholen daher das sozialsatirische Hörspiel “Augustin” von Ambros, Tauchen, Prokopetz aus dem Jahr 1980, das wir schon einmal unter dem Titel Weine Frohnachten spielten.

AugustinDer Dreh- und Angelpunkt dieser (so unnachahmlich dargebotenen) Volkssage ist die bereits erwähnte Begegnung von Augustin mit dem Tod: Sich verbrüdern, dem anderen ins Gesicht schauen und erkennen, wer er ist, das alles sind Symbole des Dialogs auf Augenhöhe. Man kann das auch als “vorbehaltloses Annehmen der eigenen Endlichkeit” verstehen – in einer Gesellschaft, die zum Thema Tod und Sterben ein hoch ambivalentes Verhältnis pflegt: Einerseits verdrängen und abschieben ins Krankenhaus und ins Hospizandererseits aber überhöhen und zelebrieren mit Totengedenken und Friedhofskult. Die sprichwörtlich “fröhliche Morbidität” des speziell wienerischen Umgangs mit der Vergänglichkeit (und ihre Verbearbeitung durch Ambros/Prokopetz während der 70er Jahre) hat inzwischen ihren festen Platz in der Literaturkritik wie auch in der Wissenschaft gefunden. Heute jedoch fragen sich manche, ob solch “halblustig verblödelte” Darstellung von Lebensrausch und Seuchentod überhaupt noch gesendet werden DÜRFE – angesichts des Ernsts der Lage ringsin und um uns

Tatsächlich jährt sich der Beginn der Pandemie gerade zum zweiten Mal (am 23. Januar 2020 wurde die erste COVID-Infektion außerhalb Asiens nachgewiesen). Gerade deshalb tut es gut, mit einer gewissen ironischen Distanz auf jedwedes Infektionsgeschehen zu blicken – und dabei hemmungslos, heimlich, verschrullt (oder wie auch immer) zu lachen. Gerade die Karrikatur einer Situation (und sei diese noch so unangenehm) kann uns dabei helfen, ihr gelassener gegenüber zu treten. Und so tun wir, was der ORF (aus unerfindlichen Gründen) nicht tut: Die CD einlegen, auf “Play” drücken – und geht dahin! Fürchtet euch nicht und bedenket:

“Des Leben überleb ma ned.”

 

Stiller Has

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Januar“Das absolute Niemandsland ist nicht in Aarau und nicht in Wallisellen. Es liegt zwischen Vorarlberg und Wien. Erst dort merkt man, was wir an der Schweiz haben.” Endo Anaconda, schillernder Dichter des bärndeutschen Dialekts und als “Stiller Has” legendärer Alchemist zwischen Mundart und Blues. Zwischen Abgrund und Widerspruch blitzt entfesselte Lebenslust hervor, wie wir das sonst nur von alten Meistern wie Artmann, Kreisler, Qualtinger kennen. Da verwundert es nicht, dass der einst als Andreas Flückiger in der Schweiz geborene Wortmetzger und Sprachjongleur auch österreichische Wurzeln hat, was man noch immer deutlich hören kann: Statement zum bedingungslosen Grundeinkommen. Im “Herz der Trostlosigkeit” lauert ein sehr lauter Stiller Has, der nicht schweigen mag:

Endo Anaconda (Stiller Has)“Die Werbung ist für mich ein Gradmesser für die Verkommenheit und Verlogenheit der Geschäftswelt. Sie versucht uns ein Leben im Einzimmerknast schmackhaft zu machen, mit Autos, Gadgets und Schnellfrass.”

Interview im Walliser Boten vom 28. September 2021

Sprachlich bemerkenswert ist außerdem dieser Versuch einer Erklärung (des Phänomens Stiller Has, verfasst von Martin Steiner), in dem es vor fast 20 Jahren heißt: “Wer vom Stillen Has lautstark und wortgewaltig über die Bühne gezogen wird, müsste sich eigentlich von ihm abwenden. Doch der Hase verkauft in der Schweiz mehr Alben als diejenigen, die ans große Geld wollen.” Und weiter: “Schon im Bandnamen lassen sie wissen, dass der Stille Has so manches Osterei an Weihnachten versteckt. Stille Ostern, frohe Nacht.”

Stiller Has (Endo Anaconda) Das gefällt uns – ebenso wie der Umstand, dass viele Lieder und Texte im kommerziellen Internet kaum aufzufinden sind – was ja für deren Qualitäten jenseits blöden Gelddruckenwollens spricht. Auf der Homepage der Band lassen sich einige Schwyzer Gstanzln dem Versuch des Verstehens über alle Dialektgrenzen hinaus unterziehen. Wir grüßen unsere allemannischen Sendungspartner von Radio Proton mit einem köstlichen “Znüni näh”, was überall in Vorarlberg verstanden werden sollte. Für alle anderen sei es hier übersetzt: “Die vormittägliche Jause zu sich nehmen.” Mahlzeit! Ihrer Natur gemäß soll diese Sendung nun “ein ganzes Album” vorstellen, wofür wir das rein berndeutsche “Geisterbahn” vorgesehen haben. Allerdings gibt es eben auch das weitgehend verschollene “Stelzen”, worin sich “auf österreichisch” dargebotene Lieder wie “St. Veit”, “Schweinderl” und “O Herr” befinden. Na, wir werden sehen

Ihr könnt auch schon mal … sehen … hören … spüren

 

Umtausch und Widerspruch

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. Januar – Dies ist nicht der abertausendste Ratgeber für den gelingenden Umtausch von zutiefst unpassenden Geschenken. Auch nicht die x-millionste Widerrufsbelehrung für irgendeinen Kaufvertrag mit dem versprochenen Konsumglück. Geiz ist Heil – das wissen wir seit Karl Markt. Dies ist eine umfassende Reklamation, wie das etwa “Wir sind Helden” schon vor Jahren formuliert haben: “Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück”. Und zugleich unser Widerspruch gegen die herrschenden Geschäftsbedingungen im Namen der poetischen Revolution. Was uns hier angedreht wurde, das funktioniert nicht nur nicht – das widerspricht sich sogar selbst und ist das genaue Gegenteil von dem, als was es uns schmackhaft gemacht worden ist. Also dann: Umtausch!

Widerspruch in sich selbstZum Beispiel “die” oder “eine” Weihnachtsgeschichte – das war heuer wirklich unbefriedigend. Da hab ich erst nach den Feiertagen eine passendere Version entdeckt, die “Ärb’gsuche” von Elisabeth Schrattenholzer. Gegen die möcht ich die alte gern eintauschen. Oder die Republik Österreich, die drückt und zwickt ja auch an allen Ecken und Enden. Ich möcht stattdessen lieber etwas, dessen Verfassung keine ideologische Notgeburt aus der Zertrümmerung der Habsburgermonarchie ist, sondern ein wirklich demokratisches Gemeinwesen. Was – so etwas gibts auf der ganzen Welt nicht? Schöne Bescherung! Dann wirds höchste Zeit, dass wir so etwas endlich herstellen. Derzeit existieren wir in einer Scheindemokratie. In einer Geldscheindemokratie, in der ausschließlich der materielle Gewinn der jeweiligen Begünstigten zählt. Wie entlarvend Sprache doch ist: Es zählt einzig das Zählbare. Was würde der Weise vom Berg dazu sagen? Sepp Forcher zur Lage der Nation.

Es gilt die Unmutsverschuldung. Und unser Unmut ist nicht unerheblich. Ganz im Gegentum. Wir sind zernervt und zornig angesichts dieses Staatszappeltheaters, das in tolaler Überforderung mit sich selbst eine Notverordnung nach der anderen hervor rülpst. Das hätten wir gern ganz gründlich und am besten noch vorgestern umgetauscht. Aber nicht gegen ein anderes autoritäres Regime, das einem längst stinkenden Fisch einen neuen (ewiggestrigen) Kopf aufsetzt (der noch übler stinkt): Verschwörungsepileptiker sind keine Medizin gegen den neoliberalen Ständestaat.

Meine Stimme gegen die der ganzen Talkshownation
Meine Fäuste für ein müdes Halleluja und Bohnen
Meine Zähne gegen eure zahme Revolution
Visionen gegen die totale Television

Es war im Ausverkauf im Angebot die Sonderaktion
Tausche blödes altes Leben gegen neue Version
Ich hatt es kaum zu Hause ausprobiert da wusste ich schon
an dem Produkt ist was kaputt – das ist die Reklamation

Guten Tag – ich will mein Leben zurück

 

Jenseits von Mütend …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. DezemberSchon bald können wir das zweijährige Pandemiejubiläum begehen – und nach wie vor ist kein Ende in Sicht. Immerhin tauchen gelegentlich sprachkreative Lösungen für die Beschreibung der Zustände in und um uns auf. Impfpflichtzwist zum Beispiel ist eine anspruchsvolle Trainingseinheit für unseren inzwischen weithin unterforderten Artikulationsapparat. Aber auch “mütend”ist eine geniale Wortschöpfung, die das Gemütsgemenge von immer mehr Menschen als Mischung aus “müde” und “wütend” auffasst. Und viele empfinden dieses Zugleich von eigentlich entgegengesetzten Emotionen als genau die Verfassung, in der sie sich seit Anbeginn der Pandemie befinden. Doch ist dies in sich selbst widerstrebende “Mütendsein” nicht schon viel länger in uns wirksam?

Jenseits von MütendDie einander jeweils verstärkenden Impulse von heftiger Empörung und ebenso heftiger Ohnmacht zwingen die Betroffenen in eine andauernd aufgeregte Resignation. Aber sind es wirklich “nur” die Viren, die uns da verwirren? Oder ist es nicht viel mehr der hahnebüchene Umgang mit der Pandemie, der die “für uns Verantwortlichen” als schwindlige Irrlichter entzaubert und der uns so wütend macht? Und ist es nicht der Umstand, dass da irgendwelche Schönwetterpropheten und Wahlprognosten “über uns Macht haben” (und uns kein Ausweg einfällt, wie wir die endlich alle entmachten könnten), der uns so überaus ermüdet? Wo sie sich doch gerade in diesem Umgang mit Corona laufend als ebenso überfordert wie unterqualifiziert erweisen. Und statt von Anfang an Fachleute mit dem Pandemiemanagement zu beauftragen (und somit zuzugeben, dass sie nicht alles wissen können), stellen sich “unsere Politiker*innen” dar, als hätten sie alles im Griff – doch draußen vor der Tür herrscht Gevatter Hein.

Wir werfen einen Blick in die Möglichkeiten jenseits von Polit-Textbausteinen oder Parallelweltphrasen – etwa auf die Frau, die den Begriff “mütend” weithin bekannt gemacht hat. Die Intensivmedizinerin Dr. Carola Holzner entgegnet Impfskeptikern und erklärt verständlich, was mRNA eigentlich ist (körpereigene Information) und wie die tagtäglich in jeder unserer Zellen funktioniert. Warum erleben wir derartiges nicht schon seit einem Jahr in allen Medien? Ja, warum? Weil es am Sprach fehlt im kommerziellen Infotainmentzirkus, mit dem wir alle schon länger infiziert sind?

Einander mitteilen (und so mit einander teilen), was wir erleben, was in uns vorgeht und was uns wichtig erscheint. Nicht, was von irgendeinem Gott, vom Markt, von der Statistik vorgegeben, gewollt oder gesollt wird. Mit unseren eigenen Worten. Dialog. Auf du und du. Das muss nicht hochglänzend sein. Kein schöner Schein. Nur echt. Michaela Schara zum Beispiel: “Mütend – ein Rant, ein Uff, ein großes Vielleicht”

Oder wir selbst. Ein Weihnachtsmärchen

Weihnachtshase

 

 

 

 

 

 

 

 

“Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und belabert seid!” Aber was sind wir? Ausgebrannte Mitmacher*innen? Zuversichtliche Erschöpfte? Achtsame Empörte? Denker*innen? Ambivalent, mehrdeutig, stimmungsbeeinflussbar. Schauen wir einmal in den Spiegel: Der Pandemomat. Und schauen wir auch einmal genauer hin: Die ausführliche Langzeitstudie Lebensgefühl Corona.

 

Unter der Oberfläche

Artarium am Sonntag, 12. Dezember um 17:00 Uhr – Nach all dem Zeitlosen in der Musik spielen wir diesmal ein weitgehend verschollenes Album, dem man die Zeit seiner Entstehung durchaus anhört, nämlich Unter der Oberfläche von Hans Koval aus dem Jahr 1986. Mir widerfuhr sein als LP auf schwarzem Vinyl gepresstes Werk Mitte der 90er durch einen Flohmarkt in der legendären Käfergrabenmühle (deren Hausvater Bernhard Samitz vulgo Bez wir bereits eine Sendung widmeten und der danach auch einen schönen Roman von Brita Steinwendtner inspirierte). Dass wir dieses Zeitdokument gerade jetzt wieder ausgraben und zu Gehör bringen, hängt mit den Umständen seiner Entstehung zusammen – und mit dem, was es in unsere Gegenwart hinein berichtet, wenn wir es aus seinem Kontext heraus verstehen

Unter der OberflächeSeit Mitte der 70er war das Duo Koval & Klingenbrunner in der Tradition kritischer Liedermacher unterwegs und begleitete so die Generation der Hoffnungsvollen und Verändernwollenden durch eine sich abzeichnende Endzeit des grenzenlosen Wachstums. Zwentendorf, Hainburg und die Katastrophe von Tschernobyl schienen “letzte Warnungen” zu sein, die ein globales Umdenken und Umsteuern erfordern würden, um dem Untergang zu entgehen. Doch hat sich seit damals wirklich Entscheidendes geändert? Haben also Naturzerstörung, Ressourcenraubbau, die Ausbeutung von Mensch und Tier, Meinungsmanipulation durch Massenmedien, kurz, die Zerbraucherung unser aller Leben durch die jeweiligen Beherrscher, die von Geldes Gnaden Kaiser von Hinterfotz und St. Nimmerlein plötzlich aufgehört? Oder wenigstens nachgelassen? Ganz im Gegentum! Jetzt auch in türkis und mit Klimawandel. Immer noch schneller, noch mehr, noch rücksichtsloser. Und mitten im neualten Weltgedümmel taucht Hans Koval mit Band wieder auf – prophetisch.

Mit verschiedenen musikalischen Stilmitteln wie (damals) radiotauglichen Balladen, Anleihen aus Folk- und Volksmusik, geerdet fettigem Blues-Rock oder satirischen Couplets gelingt ihm eine sympathische Synthese aus persönlicher Hinterfragung und Kritik an den Verhältnissen. Eine Sicht auf die erschreckenden Entwicklungen mit genau dem Sowohl-als-auch, das wir in der heutigen “gespaltenen Gesellschaft” so schmerzlich vermissen. Und genau das wäre auch eine der Botschaften aus der damaligen “Zeit des Umbruchs”, die wir uns im Heute zu Herzen nehmen könnten.

“Wissen sie, warum es diese sozialen Medien gibt? Die Menschen halten es nicht aus, still zu sein, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.” Ferdinand von Schirach (Glauben)