DÖF – Das ganze Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. August – Die Welt ist voller Anekdoten, da wollen wir auch wieder mal ane doktern. Oder ein Sackl. Denn die Perle aus dem Jahr 1983, die wir allhier und jetzt zu Geöhr bringen, hat es diesbezüglich wohl faustdick hinter denselben: Das schlicht DÖF betitelte und von Manfred Deix kongenial illustrierte Debutalbum des Wiener Kunstschmähprojekts Tauchen & Prokopetz (das darobhin als “Deutsch-Österreichisches Feingefühl” bekannt ward) steckt voller idealer Ideen. Und interessanter Referenzen, wenn man sowas mag. Der Hase meint zwar, dass ihn derlei Detailrecherche weniger anspricht, ich hingegen werd bei so Reminiszenzen im Umfeld meiner eigenen frühen Soundbasteleien unweigerlich zum Jäger und Sammler.

DÖFZur Vorgeschichte: Entsprechende Würdigungen der Herren Tauchen und Prokopetz – speziell als Dichter und Darsteller von Hörspielwelten gemeinsam mit Wolfgang Ambros – entnehme man zum Beispiel unseren Sendungen über den Augustin oder das Schaffnerlos. Die bei DÖF als Produzentin firmierende Ex-Ideal-Sängerin Annette Humpe setz ich einfach mal als eh bekannt voraus. Sie ist bloß weder verwandt noch verschwägert mit ähnlichlautender finnischer Musikrichtung. Warum aber, abgesehen von Nostalgiekitsch sowie der eher flachen Genrezuschreibung “Neue Deutsche Welle” (was bedeutet, dass uns auf jeder 80er-Party für nicht mehr ganz Taufrische der damalige Hit Codo in die Ohren gezwängt wird) – warum also ist ausgerechnet dieses Album heutigentags noch/wieder gut zu hören? Da gibt es einige Argumente, die einen neugierig machen könnten: Zuallererst das Soundbild, das jenen Quantensprung in der Audioproduktion wiederspiegelt, als erstmals Digitaltechnik in den führenden Topstudios zur Anwendung kam. Da ist es schon bemerkenswert, dass Richard III. (oder eben Oesterreicher Jr.) zum Abmischen und Finalisieren der von ihm in Wien gemachten Aufnahmen die legendären Hansa-Studios in Berlin auserkor, wo bereits David Bowie (mit Blick auf die Mauer) seine Berlin-Trilogie produziert hatte…

Zudem geben sich schon bei der Entstehung von DÖF einige Studiomusiker die Klinke in die Hand, die man getrost als die sehr erste Riege ihrer Zunft bezeichnen kann, etwa Peter Vieweger, Thomas Rabitsch, Peter (Animal) Koller und Robert Pistracher (der hier seltsamerweise mit weichem B aufscheint – und dessen Links deshalb ins Nichts führen), sie haben unter anderem jahrelang bei Hansi Lang, Drahdiwaberl, Harri Stojka und Falco mitgewirkt. Also auch rein handwerklich eine genussverheißende Auswahl. Und last but not least die inhaltliche Mischung aus Kabarett und Popsong, die einem nach wie vor (also alterslos) ein Kopftheater der Extraklasse verursacht. Gut zuhören! Und wir würdigen but not allerleast Laura, unsere frischgebackene Mädchenfachfrau, mit einer fettfröhlichen Signation und warten seither aufs unvergessene Taxi (Video).

PS. Die Laura ist aber schon immer sehr freundlich am Telefon…

 

Querschläger – Schåttseitnkind

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. JuliDie Kultband aus dem Lungau, QUERSCHLÄGER, betreibt die umfangreichste Musikerwebsite Österreichs.” Zumindest laut ihrer Selbstbeschreibung im Suchmaschineneintrag. Wir können ja (Gott und der Tante Jolesch sei Dank!) nicht deren sämtliche vergleichend nachmessen. Nichtsdestoweniger endlich einmal ein umfängliches Archiv mit Hintergründen und Hörbeispielen, das einem alle wesentlichen Informationen verabreicht, so dass man nicht stundenlang deppert das halbe Internet durchforsten muss – und sich dabei an aberzig blitzdröhnen Aufdringeln erschöpfendes Hirnbluten einfangt. Chapeau! Wie in Schattseitnliacht gesagt: “Deut… nein: Lungauerisch! Dieses Land bietet mehr an herauftauchbaren Perlen im Schlamm des Konsumstreams als man glauben möchte.”

Querschläger LiveDas Album Schåttseitnkind, das wir in dieser Sendung zur Gänze spielen, ist unter diesen Perlen noch einmal etwas ganz besonderes. Und zwar, weil es derzeit nicht lieferbar ist (wir regen dringend seine Neuauflage an!) UND weil es ein rundes, stimmiges Konzeptalbum der Querschläger ist, entstanden aus dem Bühnenprojekt “Die Bettlerhochzeit” (gemeinsam mit der Theatergruppe MOKRIT). Sämtliche Lieder auf diesem Album wurden eigens für das 2004 realisierte Stück entwickelt und erst nachträglich auf CD veröffentlicht. “Ziel der Produktion war es, jenen, die das Stück gesehen haben, einen Anhaltspunkt zur Erinnerung und Wiederentdeckung zu bieten und jenen, die das Stück nicht gesehen haben, einen eigenen Zugang zu ermöglichen.” Letzteres funktioniert beim Zuhören im Kopftheater dergestalt vorzüglich, dass es einem nicht nur alle möglichen Ebenen der Zauberer-Jåggl-Zeit aufklappt, sondern zudem verständlich macht, auf welchem Weg die notorischen Querschläger “der Landesgabi ihr Lieblingsband” geworden sind:

“Da gibt es die historische Ebene des Prozesses von 1688/89, die Ausgrenzung, im wahrsten Sinne des Wortes Verteufelung und Verurteilung einer gesellschaftlichen Randgruppe in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, die aber sofort und unweigerlich eine weitere Ebene öffnet, nämlich die des aktuellen Gegenwartsbezugs. Da gibt es die allgemeine, gesellschaftliche Spannungsfelder wie Machtausübung und Machtmissbrauch, Recht und Gerechtigkeit behandelnde Ebene, die wieder im direkten Zusammenhang mit einer weiteren, nämlich der persönlichen Ebene der Schicksale der einzelnen Charaktere des Stücks steht. Da gibt es die rationale Ebene des täglichen Lebens und Überlebens und die Flucht (davor) in die irrationale Welt von Aberglauben und Hexerei. Die Verknüpfung all dieser Schichten in überleitenden oder unterstützenden Liedern oder Stücken ist eine große Herausforderung, macht aber auch großen Spaß, eben weil es eine so große Palette von Assoziationsmöglichkeiten gibt.” Sänger und Texter Fritz Messner, August 2004 (Hervorhebungen vom Artikelschreiber)

 

Fever Ray

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Juni Karin Dreijer Andersson ist eben anders – und macht seit jeher auch solche Musik. Ganz besonders anders ist das gleichnamige Debutalbum ihres Soloprojekts Fever Ray, das wir mit Ausnahme des Schlusstracks Coconut (hier zu genießen) in dieser Sendung vorstellen. Sozusagen fast ein ganzes Album, aus Gründen, die alle irgendwie etwas mit Zeit zu tun haben. Jenseits von Zeit und Raum hingegen scheint sich die eigenartige Musikwelt von Fever Ray aufzutun, die sich im besten Sinn mit geheimnisvoll, hypnotisierend und mehr noch als vielschichtig beschreiben ließe. “Wenn Terror ins Vertrauen kippt” oder die gepflegte Verstörung. Von da ist es auch zum Meister des Mehrdeutigen nicht mehr weit – zu Peter Gabriel nämlich und den Fourteen Black Paintings.

Fever Ray AlbumFrom the pain come the dream
From the dream come the vision
From the vision come the people
From the people come the power
From this power come the change

Völlig folgerichtig hat Fever Ray einen Gabriel-Klassiker aus den 80ern in einer Art und Weise gecovert, dass einem die liebe Gänsehaut besonders wohltuend über den Rücken rinnt. Nämlich Mercy Street, das auch in unserer Signation verstörensvoll anklingt.

Und so klingt auch die eine oder andere Stimmung ihres Albums im folgenden Gedicht nach, welches der etwas anderer Musikredakteur aus unserem etwas anderen Kunnst-Biotop wohl noch unter dem Eindruck desselben verfasst hat:

deine hand weiß
die nackten nächte
am strand am rand
des walds unter sternen
die suchen nach dunkel
im dämmern im glühen
tropfender worte einer
noch zu erdenkenden welt

 

Manfred Mann’s Earth Band – Somewhere in Afrika

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. MaiZum siebenjährigen Jubiläum unserer von der Ö3-Musicbox inspirierten Reihe “Das ganze Album” wiederholen wir erstmals ein wegweisendes musikalisches MACHTWERK. Und zwar das außergewöhnliche Konzeptalbum Somewhere in Afrika von Manfred Mann’s Earth Band, mit dem wir einst unseren Welt- und Zeitreigen quer durchs ungekürzte Hörerlebnis eröffneten. Auch so schreibt sich Geschichte. Naturgemäß ist jede Auswahl von Musikwerken, die man für unbedingt empfehelnswert erachtet, immer sehr persönlich und subjektiv. Sofern man sie noch selbst und nach eigenen Kriterien vornimmt und sie sich nicht von Fremdinteressen wie Hörerreichweite oder Gewinnsteigerung vorgeben lässt. Der Seinszweck des Menschen ist halt NICHT seine wirtschaftliche Verwertbarkeit.

somewhere in afrikaIn dem Zusammenhang ist auch der politische Hintergrund des 1982 entstandenen Albums zu verstehen. In Südafrika herrschte damals ein brutales Apartheid-Regime, gegen welches zunehmend internationaler Druck aufgebaut wurde, was dann schließlich zu dessen Ende sowie zur Wahl von Nelson Mandela zum ersten schwarzen (!) Präsidenten des afrikanischen (!) Landes führte. Die Cover-Rückseite des Albums zeigt die Bantustans” genannten Homelands, wo die eigentliche (vor der Kolonisierung durch Großbritannien im ganzen Land heimische) Bevölkerung bis Anfang der 90er unter unmenschlichen Bedingungen dahinvegetierte. Diese von den weißen Besitzbürgern willkürlich festgelegten Zonen waren eine perfide Mischung aus selbstverwalteten Eingeborenen-Reservaten und eingegrenzten Anhaltelagern für billige Arbeitskräfte. Von dort wurden sie täglich an die Produktionsstätten und in die Siedlungen der weißen Oberschicht transportiert, und dort war ihnen wiederum genau vorgeschrieben, was sie zu tun und unter Strafandrohung zu lassen hatten. Etwa den selben Gehsteig oder das selbe Klo zu benutzen wie ihre Ausbeuter. Die hatten ihnen zwar längst den ganzen Wohlstand geraubt und ihnen das Land durch selbstgemachte Gesetze abgeschwindelt, doch dauerte es noch Jahrzehnte, bis eine Umkehr begann.

somewhere in afrika frontSo versteht sich dieses Opus aus der Traditionsschmiede der Earth Band gleich in mehrfacher Hinsicht als Zeitdokument des Umbruchs. Denn nicht nur die politische Lage in Manfred Manns Heimat Südafrika eskalierte zusehends, auch die Ära der großen Prog-Rock-Epen neigte sich unaufhaltsam ihrem Ende zu. Punk und New Wave zerlegten die Hörgewohnheiten der inzwischen merkbar gealterten Veteranen der Rock- und Pop-Revolution lustvoll und in ihrem Gefolge schossen die Subgenres nur so aus dem Boden – wie die Pilze nach dem Sommerregen. Den einst mit ihren raffiniert ausgetüftelten barock-bombastischen Konzeptorgien stilprägenden Protagonisten der 70er Jahre blieben da nur zwei Möglichkeiten: Entweder irgendeine Art von Anpassung an die sich verändernden Soundwelten, etwa durch Bearbeitung und Integration neuer Einflüsse – oder eben der Weg in die Nostalgienische eines stilistischen Selbstmuseums. Wenn man bedenkt, dass um diese Zeit Peter Gabriel mit den ersten WOMAD Konzerten und Samplern die World Music” als ernsthaftes interkulturelles Genre etablieren half, aber auch in Paris die erste Fête de la Musique stattfand, dann ist Somewhere in Afrika mit Sicherheit ein sehr gelungenes Beispiel für die musikalische Weiterentwicklung seiner im Wortsinn progressiven Schöpfer.

 Alte Artikel sind hier oder hier zu lesen, die Musik ist bei uns wieder gut zu hören

 

Ostereieralbum (Hidden Tracks)

> Sendung: Osterartarium vom Sonntag, 16. April – “Die Eier verstecken, wozu soll das gut sein? Und wie soll das überhaupt gehen?” Des Hasen Wunderhirn weiß auch diesfalls eine Fährte zu legen: Wir basteln uns ein Ostereieralbum aus verschiedenen Fundstücken, allgemein “Hidden Tracks” genannt, die einem beim Durchhören des originalen Tonträgers zumeist überfallsartig ins Ohrwerk geraten. Die Eier sind also von vornherein verborgen, nunmehr gilt es, sie widmungsgemäß wieder zu finden. *Kicher* Doch abgesehen von so eingängigen Osterassoziationen wie Anmalen und Ausblasen steckt hinter der Idee jedweden Versteckspiels ein tieferer Sinn, nämlich unsere Sinne für oft nur scheinbar Verborgenes zu schärfen. Die Kunstwelt steckt sowieso immer voll von derlei Andeutung und Verspieltheit. Im Namen des Hasen!

Arcimboldo zum Ostereieralbum“Every day we walk amongst things that are hidden – concealed from our immediate sensory perception. Things that nestle just along our peripheral edge like a distant buoy floating on the horizon. As human beings, we walk through our days bombarded by stimuli of all natures; our eyes, ears, noses, and mouths do all they can to give us an idea of just what is surrounding us, but a good deal gets lost in translation. So much of this missed detail is not our fault, rather an unavoidable consequence of having more to do than sit in silent absorbance of our environment. And thus, things become hidden. Sometimes putting a spotlight on these minute parts can add depth to our appreciation of the whole. Assuming the role of proverbial spotlight, we decided to comb through the hidden tracks from some Albums…”

Die inhaltliche Einführung dieses Artikels ist schon mal nicht verkehrt, wiewohl uns die Auswahl der Referenzwerke in diesem Artikel hier attraktiver erscheint. So fest steht jedenfalls viel, ähm, soviel steht jedenfalls fest, mein ich latürnich, dass wir (fast) keinen einzigen der da vorgebeteten Titel in unserem Ostereieralbum nachhupfen werden. Außer naturgemäß “Her Majesty” von den Beatles, das als einer der ersten Hidden Tracks der Pop-History gilt (schöner klugscheißen mit Wikipedia). Darüber hinaus ließen sich noch jede Menge eigener Ideen weiter entwickeln, wie etwa das Verstecken eines Gedichts in einem Gedichtband. Viel Spaß beim Eiersuchen und so…

 

DAS LYRISCHE WIR – TENEBRA

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. MärzVor genau 79 Jahren “döppelte der gottelbock mit hünig sprenkem stimmstummel pirsch!” nämlich “von Sa-Atz zu Sa-Atz” und “den weibern ward so pfingstig ums heil zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte” Soweit Ernst Jandl in dem genialen Gedicht wien : heldenplatz, worin er seine an jenem 12. März 1938 als 12-jähriger selbst gesammelten Eindrücke verarbeitet. Es war jener Tag, an welchem der später als Gröfaz bekannte schnauzbärtig deutschdeutsche Hupf- und Brüllkasper aus Braunau pathetisch die Einverleibung seiner “Heimat” vermeldete, während es dabei “im männechensee balzerig würmelte”. Soviel erst einmal zum historischen Bezug dieser Sendung, in der das hervorragende Album TENEBRA aus der Wort- und Klangwerkstatt der so vielseitigen ONchAIR Bros. vorgestellt wird.

tenebra“Mit dem Album starten wir in den Zyklus Das lyrische Wir: Gedichte aus verschiedenen Epochen, inhaltlich einem übergeordneten Thema entsprechend, interpretiert in Stimme und klassischer Musik”. So liest sich die Selbstbeschreibung des ambitionierten Projekts der beiden Styrnol-Brüder aus Lahr im/am Schwarzwald auf ihrer gut durchstrukturierten Homepage. Und es ist nur eines von vielen, neben Filmen wie “Der geflohene Boxer” oder “Winter in Lviv” (Ukraine) gibt es noch allerlei Glossen, Hörspiele und Radioserien wie zum Beispiel die legendären “Momente des Sports”, deretwegen unser länderübergreifendes Zusammenwirken ursprünglich begann. Deutschland ist eben nicht Österreich (oder umgekehrt), doch das kreative Myzel der wechselseitigen Inspiration unterwuchert naturgemäß jede gesetzte Grenze (zwischen Genres, Generationen oder Weltgegenden), so dass auch auf friedlichem Weg ein sprichwörtliches Best of Both Worlds entstehen möge! Vorläufiger Höhepunkt dieser Kunnst-Fertigkeit ist nun TENEBRA, wo nicht nur Texte von Matthias Claudius, Friedrich Nietzsche, Paul Celan und Marie Luise Kaschnitz zu ebenso zeitlosen wie zeitgemäßen Melodramen ver-be-arbeitet wurden, sondern auch “letzter wille” aus dem Gedichtband seelen.splitter von Christopher Schmall:

wir haben uns zu tode verwaltet
und alles brav protokolliert
sind uns am ende selbst im weg gestanden
und erklärten uns zum feind

Geschrieben für und gelesen in “Sarajevo, nicht nur 1914” (ab Min. 22:15 gut zu hören)

Und hier die Liste aller im Album TENEBRA dargestellten Texte (mit Entstehungsjahr):

01 Hiroshima – Marie Luise Kaschnitz 1957
02 Letzter Wille – Christopher Schmall 2014
03 Vereinsamt – Friedrich Nietsche 1887
04 Todesfuge – Paul Celan 1944-45
05 Kriegslied – Matthias Claudius 1778
06 Arabeske zu einer Handzeichnung von Michelangelo – J.P. Jacobsen 1873
07 Der Gefangene – Rainer Maria Rilke 1906
08 Das Lied der Verzweiflung – Pablo Neruda 1924
09 Im Klang der Nacht – Albert Vöhringer 2011
10 Traurigkeit – Hermann Hesse 1944

 

Bettie Serveert – Venus in Furs

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Februar“Bettie Serveert plays Venus in Furs and other Velvet Underground Songs” heißt der tatsächliche und auch unsäglich lange Titel des ganzen Albums, welches wir vorzustellen die durchaus erhebliche Freude haben. Denn auf unserer Suche nach besonderen, gelungenen oder sonstwie aus dem Standardsumpf kommerziösen Nachklapperns herausragenden Coverversionen haben wir ja schon jede Menge Scheißdreck nicht angehört (oder halt nur fast). Dabei fällt auch auf, dass die sonst so hyperaktiv hechelnde Zuplärre der üblichen Industrie-Promotoren sich genau dort lauthals ausschweigt, wo unserwelchen außerohrentliche Variationen der interpretativen Genussküche entgegenschwelgen. Soll heißen, dass kaum irgendwo verhandelt wird, was nicht auf die Seichtbahn des Schachterlns passt.

Bettie Serveert ArtworkSo auch im Fall der längst arrivierten und dabei überaus schaffensfrohen Indie-Band Bettie Serveert aus den Niederlanden. Anbei Aufnahmen aus ihrem Video Had2Byou – produziert von Tinca Veerman und Hannelore De Decker. Zum gegenständlichen Cover-Album mit den 1997 live im Paradiso aufgenommenen zehn Velvet-Underground-Songs findet sich kaum ein etwas Substanzielles aussagender Artikel. – Halt, doch, dieser hier auf INK19 sagt sogar etwas höchst Interessantes zum Thema Coverversionen im allgemeinen aus: “…at least I know what it is about these Dutch and Belgian bands I like.Despite a willingness to stick to traditional guitar/bass/drum forms, the bands seem to have a unique melodic character that sets them apart from British and American counterparts, using these tried-and-true formulas as a basis for experimentation, rather than simply parroting what’s cruising up the charts.”Parroting bringts aber sowas von auf den Punkt! Ich übersetze es daher mit “nachpapageien” und es versinnbildlicht mir augenblicks, was ich speziell auch im österreichischen “G’schäft” oft so unsäglich vermisse. Just neulich fiel mir da wieder einmal entsetzlich entgegen, was für schlechte Schauspielchargen die hiesigen Provinzpoptrotteln doch sind. Dann schon lieber was Wesentliches: Bettie Serveert – gut zu hören.

 

Sebastian Hackel Tageszeitenkurier

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Januar – Es begann damit, dass der Chriss unlängst bei einer Freundin ein Lied von Sebastian Hackel entdeckte, das tatsächlich mit den Worten “Und ich hab Hasen gesehn” anfängt. Es war “Warum sie lacht”, von dem zwei schöne Videoversionen unterwegs sind, nämlich eine offizielle mit Band sowie ein herbstfarbener Acoustic-Clip (bitte auswählen oder einfach nur genießen). Nachdem wir den melancholisch lebensbejahenden Song schon im letzten Artarium gespielt haben, waren wir uns sehr schnell einig, das ganze Album Tageszeitenkurier unserem (mehr oder weniger) breiten Publikum nahebringen zu wollen. Handelt es sich doch bei Sebastian Hackel um einen Künstler “der sich das Erwachsenwerden verboten hat” und “der am liebsten dann seine Lieder schreibt, wenn es dunkel ist.” – Mögen wir!

TageszeitenkurierZudem sind die Miniaturen, die der Songwriter hier erstmals mit seiner Band arrangiert, von solch still leuchtender Qualität, dass sich auch der Flowerpornoes-Altbarde Tom Liwa davon beeindruckt zeigt. Und unter anderem über ihn sagt: “In einem Genre der waidwunden Selbstdarsteller schafft er es, tief emotional und zugleich frei von Selbstmitleid zu dichten – zu wundervoll einfachen Melodien und Gitarrenbegleitungen.” Darüber hinaus haben die Stücke allesamt etwas zutiefst Paradoxes (einen gewissen Witz) an sich, weil sie zunächst nicht zusammen zu passen scheinende Elemente miteinander in Verbindung bringen. Man spürt augenblicklich die unendliche Kraft ruhiger Betrachtung, einfacher Worte – oder des Barfußgehens. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann gewaltiger sein als alle Militärmacht des Monsters Mensch. Ein Witz? Oder ein Zauberspruch. Wir sind es gewohnt, das Vorgegebene zu glauben. Das Wagnis schöpferischer Phantasie ist durchaus nichts Unvernünftiges. Oder wie es der Tageszeitenkurier selbst ausdrückt: “Das kindliche Wesen ist gefährdet – und zu sehr Zukunft, als dass es in vager Erinnerung verloren gehen darf.” – Mögen wir sehr!

 

Das etwas andere R.E.M. Biotop

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Dezember R.E.M. waren eine wichtige Band, soviel steht allgemein fest. Doch warum eigentlich? Weil sie international erfolgreich waren und dabei eine Unmenge an Tonträgern verkauft haben? Geh bitte, wir sind ja nicht vom Förderverein der Entertainment-Industrie! Vielleicht, weil sie dem zuvor eher randständigenen Genre des Alternative-Rock zu weitreichender Popularität verhalfen – und dadurch auch das Erstarken der Independent-Musikproduktion mit anschoben? Das geht unseres Erachtens schon mehr in die richtige Richtung, denn wie heißt es in Justin Sullivans Nachruf auf John Peel (BBC), den Hervorzauberer sogar noch des Entlegensten an klanglicher Inspiration: “Music is music and the cult of celebrity is something totally irrelevant to it (or to anything else).” – Unterschreiben wir sofort!

r-e-m-michael-stipeSo ist es wohl in der Hauptsache die zum Mitgestalten einladende Haltung, wie sie besonders vom nimmermüden Multikünstler und Hansdampf in allen möglichen Grassroots-Aktivismen, R.E.M. Sänger Michael Stipe, verkörpert ward, die den feinen Unterschied ausmacht zwischen bloßem Erfolg und wirklicher Bedeutung für die Gefühlswelt originärer Menschen. Wir sind ihm über die Jahre nicht nur als Frontman einer in diesem Sinne wichtigen Band begegnet, sondern eben auch als Filmproduzent des Glam-Rock-Spektakels Velvet Goldmine (Trailer), als Leonard-Cohen-Interpret (First we take Manhattan), als Gesangspartner von Patti Smith (E-Bow the Letter, LIVE) oder von Dashboard Confessional (Hands Down, LIVE), um hier nur ein paar Beispiele zu nennen. Und passend zum Adventsonntag basteln wir uns eine sehr persönliche Best-Of-Auswahl von R.E.M. Songs (in chronologischer Abfolge) aus diesen Studio-Alben: Document, Green, Out of Time, Automatic for the People, Around the Sun, Accelerate sowie Collapse into Now. Den Schlusssegen hierzu spricht Bruder Justin von New Model Army (und der stammt ebenfalls aus dem eingangs erwähnten Nachruf auf John Peel):

“There would always be something that you’d never heard before, a sound, a song, a riff or a beat that would set off all kinds of creative ideas. And … RADIO is and always will be a more powerful medium than television because it allows the imagination of the listener to flourish.”

 

Heather Nova – Redbird

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. November – Als Gegenpol zur schwelenden Herbstschwermut entführen wir uns heute in die lichtdurchfluteten Bermudas. Das Album Redbird von Heather Nova vereint in sich so viele Gefühlsnuancen und Stilrichtungen wie das bisherige Lebenswerk der Dichterin, Malerin, Komponistin und Sängerin sonst auch. Dabei ist es stimmig, rund und ausgewogen, wohl das am meisten “wie aus einem Guss” wirkende Studioalbum der Künstlerin. Das hat auch sehr viel mit der Geburt ihres Sohnes Sebastian während der Entstehung der Songs und Arrangements zu tun. “Ich war das Verwundbarste und zugleich das Stärkste, das ich je gewesen bin.” So beschreibt sie selbst ihren Seinszustand beim Songschreiben, wie es die nachfolgende Interviewpassage (auf Englisch halt) wiedergibt:

redbird“It was probably the most difficult album I have ever made because for the first time I had something else besides music (my baby) taking up my time and attention. So instead of having endless days with nothing to do but write, I had 2–3 hours on a good day. And that meant focusing in and working very intensely in a way I hadn’t done before. It was a challenge, but at the same time I was incredibly inspired to write for this album. I had just had a life-altering experience! I felt like my heart had been blown wide open and I was the most vulnerable and yet the strongest I had ever been…”

Insbesondere der dritte Track “Motherland” (den wir in unseren Sendungen ja schon des öfteren verwendet haben) offenbart eine gefühlsambivalente Grundhaltung, die etwas vom Gesündesten darstellt, das in der Popmusik je über die Beziehung von Müttern zu ihren Kleinkindern ausgesagt wurde: Das Heilsame und Kraftvolle dabei ist das erstaunliche Gleichgewicht von zwei gleichzeitig spürbaren Impulsen – sowohl zum Beschützen als auch zum Freilassen. Und wie in diesem Lied verbinden sich Freude UND Schmerz auf dem Album Redbird (und auch im gesamten Schaffen der schönen Frau mit der schönen Stimme) zu einer ganzheitlichen Gefühlswelt, die dem Frieden in der Seele merkbar auf die Sprünge hilft. Dieses Album ist gute Medizin, sagte der Hund, bevor er schließlich noch die Refrainzeilen aus “Motherland” hinzufügte:

The waves roll in, I help you swim
You take my hand
And through the years and through the fears
I’ll be your rock, the motherland