Große Wellen ?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. JanuarGroße Dinge entstehen ja oft im Kleinen – und ziehen deswegen erst recht weite Kreise. Ein Radiostammtisch, ein Film – und eine Verabschiedung. Das Gleichnis vom Wert der ganz persönlichen Revolution. Wos redt der? Eben. Allein schon der Titel jener Schweizer Kommödie, die wir uns diesmal beim winterlichen Radiotentreff einflößen, bietet genug Anlass zu interpretativen Spekulationen: Les Grandes Ondes (à l’ouest) wurde auf Englisch etwa mit “Longwave” übersetzt, auf Deutsch schon mal mit “Große Wellen”. Was könnte damit also gemeint sein? Das Funksignal eines Senders, die Gedankenübertragung einer Gemeinschaft – oder die Wellen, die ein großes Ereignis sprichwörtlich schlägt? Vielsagend wie sein Titel ist der Film selbst – und nicht ganz leicht zu bekommen.

große wellen innenAnfang der 70er Jahre wird das Reporterteam eines öffentlich-rechtlichen Schweizer Senders nach Portugal abkommandiert, um “patriotische” Reportagen über eidgenössische Entwicklungshilfe zu produzieren. Und zwar, weil so ein Politiker plötzlich zu wissen glaubt, was das Publikum dieses Senders “hören will”. Nämlich mehr Volksmusik – und erwähnt “Patriotisches”. Abgesehen von dieser Karikatur eines Populisten (oder des frühen Formatradiogedankens, den wir uns ja zum Glück auch erspart haben), begegnen uns aber sämtliche Charaktere, die wir aus dem eigenen Radio nur allzugut kennen: eine engagierte Feministin, ein leicht schrulliger Techniker, ein heimlich dementer Starreporter und – last but not least – ein frischg’fangter Praktikant, der dringend zum Übersetzen benötigt wird…

große wellen außenZugleich verabschieden wir uns (schön langsam und in Etappen) von unserer Programmkoordinatorin Eva Schmidhuber, die demnächst im Rahmen ihrer Bildungskarenz nach Bischkek in Kirgistan reist, um dort angehenden Lehrer_innen die deutsche Sprache beizubringen – und wohl noch andere Abenteuer in der entlegenen Bergwelt rund um den Yssyköl zu bestehen. Wie bereits Reinhold Messner bemerkte: “Ich gehe in die Berge, um zu ÜberLeben.” Wir wünschen ihr demnach ein gutes Gelingen ihrer sprach- und kulturvermittelnden Lehrtätigkeit, darüber hinaus alles Glückselige – sowie sonnige Schitouren! Uns wünschen wir ihre wohlbehaltene Rückkehr in alter Frische und mit vielen neuen Ideen, hat sie uns doch stets fein unterstützt und bestens beratenauch nicht nur beim Übersetzen

wie etwa des genialen Sprechstücks Crisi di mercato von Giacomo Sferlazzo

 

Knotzen und rumspielen

> Sendung: Artarium am Sonntag, 8. Januar – Wir gehen das neue Jahr genauso gemütlich an wie zwei irgendwelche Buben, die am letzten Tag der Weihnachtsferien gemeinsam herum knotzen und mit all ihren Neuentdeckungen vor sich hin spielen. Wie ließe sich dieser Tag auch besser verbringen als mit seinem besten Freund, dem man schon längst alles erzählen will, was einem über die Feiertage widerfahren ist? Und so packen wir eins nach dem anderen aus und zeigen einander, was uns in der Zwischenzeit mit uns allein belebt und bewegt hat, ganz in der Art einer klassischen Weihnachtsgeschenkevorführung, nach dem Motto: “Schau amoi, wos i do hob”. Naturgemäß zelebrieren wir dieses Beinondasein in vertrauter Stimmung vor allem mit jenen Fundstückerln, die sich zur hörbaren Zubereitung im Radioraum eignen.

Ganz abgesehen davon, dass der schöne Begriff Knotzen in unseren Breiten dem breiteren Publikum nur in einer viel schmäleren Bedeutung geläufig sein dürfte, als sich etwa im Wienerischen aus ihm herausholen ließe. So wollen wir durchaus auch dem Volkstum mal wieder auf seine Gedankensprünge helfen – und im Zuge des uns selbst verliehenen Bildungsauftrags einige zusätzliche Assoziationen anbieten. Knotzen ist eben ein wunderbares Wort für alle nur möglichen Gelegenheiten, Jahreszeiten.und sonstigen Zustände. Zur Einstimmung im Einzelnen: Schleim knotzt oft hartnäckig in den Atemwegen, wie sich auch Suchtstoffe im Leben von Menschen festsetzen können. Man kann sich in die Heidelbeeren knotzen, wenn einem das Fanatentum ringsumher zuviel wird. Oder auf eine Bank in der Höllensauna, wenn einen der Teufel nicht mehr hinaus lässt. Reinhold Messner zum Beispiel knotzt vorzugsweise in den Bergen herum, Hasen inzwischen sogar auch in der Stadt – und die Sonne sowieso am Himmel. Weshalb sich allerdings die fidelen Landräuber stets genau dort festfressen, wo die schönsten Schätze im Boden knotzen, dazu hören wir am besten Buffy Sainte-Marie – und/oder machen uns selbst einen Reim drauf

 

Die gute Nachricht

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Dezember – Kommet her zu uns alle, die ihr mühselig belabert seid von immer ähnlicheren Nachrichtenformaten, wir werden euch kräftig erquicken! Denn fürwahr, es gibt sie noch – die gute Nachricht – inmitten von Quotenjagd und Quasselmedien, versteckt zwischen schlagzeiliger Erregung und seichtfasslicher Entertainerei. Zum Beispiel holt ORF Journalist Armin Wolf in einem Interview der Video- und Diskussionsplattform dbate auf die Frage nach der “postfaktischen Gesellschaft” zunächst zu einem klugen Exkurs über Neil Postmans Buch “Wir amüsieren uns zu Tode” aus, bevor er zur aktuellen Politik (Donald Trump) Stellung bezieht – und daraus dann das phantastische Szenario eines Wahlkampfs von Dieter Bohlen gegen Angela Merkel entwirft. Eine echte Perle! Und hier das Video.

Wir freuen uns darüber hinaus über das 20-jährige Jubiläum der zutiefst unabhängigen Nachrichtensendung Democracy Now!, welche tagtäglich gut recherchierte Information aus der amerikanischen Zivilgesellschaft verbreitet und über den Widerstand gegen die scheinbar Allmächtigen berichtet. Why Independent Media? Die ohne jedwede staatliche oder kommerzielle Finanzierung arbeitende Sendung wird derzeit von weltweit über 1.400 Radio- und TV-Stationen ausgestrahlt. Die gute Nachricht für alle Salzbürger_innen: Auch “wir” bieten dieses Qualitätsprodukt jetzt regelmäßig an. Und zwar mindestens einmal wöchentlich auf der Radiofabrik sowie täglich aktuell auf FS1, dem Freien Fernsehen zum selber machen, das inzwischen österreichweit im Kabelnetz von A1 verfügbar ist, siehe A1 TV Plus Senderplatz 436.

Immer auf der Suche nach dem Brauchbaren, Gehaltvollen und Zeitlosen in all dem Treibgut der Informatinsüberflut, entdecken die Artariumhasen und Nachtfahrt-Perlentaucher manch kostbares Kleinod, das geradezu nach seiner Sinnzusammenhangstiftung durch unsere interpretative Verwendung schreit. So wie etwa das wundersame Video der Sami-Gruppe Adjágas, dessen Fund wir der schönen Okto-Sendung Poplastikka verdanken. Dieser Joik-Gesang erinnert stark an die Klangwelt nordamerikanischer Ursassen (Native Americans), womit wir auch schon bei der besten guten Nachricht dieser Sammelsendung angelangt sind: Wesley Clark Jr. (Sohn des früheren Nato-Generals) bittet öffentlich um Vergebung für die vielen Verbrechen der weißen Eroberer: Hier im Democracy Now Video.

Was folgern wir nun daraus? – Es kommt darauf an, was du daraus machst!

Leonard Cohen – Democracy

 

Das Lied von Buch und Serie

> Sendung: Artarium am Sonntag, 25. SeptemberHinter dem weltweiten Hype rund um die Serie Game Of Thrones steckt das intelligente Werk eines Schriftstellers. George R. R. Martin entwickelt in seiner Romanreihe “Das Lied von Eis und Feuer” eine hochkomplexe Welt, die das Genre Fantasy aus dem Verwertungskrampf der Geschwindprodukte wieder auf seine eigentlichen Ursprünge zurück bezieht – auf eine ebenso schwelgerisch ausufernde wie nachfühlbar menschliche Phantasie. Nicht umsonst singt selbst Denis Scheck, unser aller “Streiter für das Gute, Wahre und Schöne”, in der ARD-Büchersendung Druckfrisch das Hohelied auf die literarische Qualität dieses einzigartigen Opus perpetuum. Und nicht umsonst wird dessen Autor ob seines überbordenen Detailreichtums als “Tolkien der Gegenwart” bezeichnet.

thron-der-serieDoch erstmal genug der globalen Informationen, ist doch das halbe Internet voll von Klugscheißenden, die einander ihre Theorien über den möglichen weiteren Verlauf dieses Endlos-Epos um die Ohren bröseln. Wenden wir uns lieber den Aspekten unseres eigenen Erlebens zu, wie der nachhaltig süchtigmachenden Serie, der dazugehörigen Filmmusik von Ramin Djawadi, der Beziehung zwischen Romanvorlage und TV-Adaption – oder der allgemeinen Frage, weshalb auch denkende Menschen oft lieber in Phantasiewelten leben als im Realitäterbüro ihres Arbeitsallerleis. Man muss durchaus kein flachgetrottelter Nachzuckzombie sein, um hier dem Charme einer niveauvollen Fantasy anheimzufallen. Und es liegt wohl an der eminent durchdachten Geschichte, die sich der Herr Martin über die Jahre erarbeitet hat, dass sogar in der kritischen Kulturwissenschaft das Mainstream-Erfolgs-Produkt des Pay-TV-Anbieters HBO als “eine Serie von beachtlicher künstlerischer Qualität, jedenfalls für u.s.-amerikanische Privatfernseh-Verhältnisse” gilt. Zur Erörterung solcher und ähnlicher Umstände haben wir zwei ausgewiesene Expertinnen eingeladen, die sowohl mit der Materie vertraut als auch in der Welt der Phantasie heimisch sind…

 

Vanaprastham

>Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Juli – Wir tauchen mit dem Filmsoundtrack Vanaprastham – The Last Dance in ungewohnte Hörlandschaften ein und erkunden Kulturkreise der etwas anderen Art. Der Tabla-Virtuose Zakir Hussain steckt hinter jener magischen Musik des Malayalam-Films, welcher Liebesgeschichte und traditionelles Kathakali-Theater meisterlich vermischt, vielmehr noch, von einander abhängig macht. Traumhafte Bilder, oft nur flüchtig und unscheinbar weichen gerne der intensiven Musik; sie ist das Fundament, ist der Boden aus welchem erst die farbenfrohen Blüten sprießen können.

VanaprasthamEin Kuss hinter grüner Seide, hier fühlt man die Trommeln, zärtliche Explosion, er spitzt die Finger, kaum zu erkennende Gesten zum Takt der nahenden Liebe, welch Verfließen, welch Ekstase! Sie wendet sich ab, sie neigt das Gefieder, Meeresrausch, Zikaden im Schatten, Zikaden Zikaden, fällt nieder im Fluss der Gott, der tanzende Gott; die Dholak gebrochen, im Wasser die Flamme steigt nieder steigt auf steigt nieder und schweigt, bis er ihr Herz … die Musik und die Geschichte / die Musik ist die Geschichte. Jede Bewegung kontrolliert, bedeutsam, das Heben der Brauen, das Blinzeln, jeder Finger eine Figur, jeder Schritt eine Welt, und das Vibrieren während seine Augen in mich, die Flammen, die weißen Gewänder, er glänzt, er leuchtet : ungesehen ein Fenster ins Dunkel, eine Hand, goldene Bahnen, und Kreisen. Der grüngesichtige Gott spricht in fremder Zunge, säuselt dir zu, wiegt seinen Kopf voll Perlmutt und Jade, seine Schritte schellen, singen / der Mond in uneinigen Wassern und alles zugleich. Mal mir das dritte Auge, dein Lachen auf unsteten Seiten, du zögerst, Blumenschopf, karminrotes Sehnen, bald dieses Schreiten auf Wolken, auf Spiegeln – der vielsichtige Gott.

Metamorphose, Wandlung der Glocken, Sitarschlange, und wirf alles von dir, entferne die Schichten, löse die Farben, ein letzter Tanz, ein letzter Ton : Arjuna gleitet gen Himmel.

 

Dylaneske Wortbilder

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. Mai – Es fällt unangenehm auf, wie sehr Sprache im öffentlichen Raum zum einreduzierten Funktionsquatsch verkommt. Diesen mit zunummernder Heftigkeit vorgebrachten Befehlen und Kommandos der aufs Beherrschen geilen Kontrollokratie muss aus Herzensrührung entgegen gesungen und gedichtet werden, dass der Silbenwald nur so rauscht. Denn der Mensch ist eben keine Maschine, sondern ein gefühlsfähiges Wesen, das sich vermittels Empathie geradezu spielerisch leicht in andere hineinversetzen kann. Eigentlich. Wenn heutzutage allerdings sprachliche Kommunikation immer weniger mit schöpferischem Selbstausdruck zu tun hat, sondern sich nur noch auf depperte Hauptsätze der Auftragserfüllung beschränkt, dann grinst uns bald das Loch an…

hard rainDas diesen Umstand wie auch die weiteren Bezugspunkte unserer Sendung kongenial illustrierende Bild ist Teil des künstlerischen Projekts “Random Poster Series” von Dan Woychick und wurde uns für diesem Zweck freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Der Großmeister des Metaphernscheißens, der sich jedweder endgültigen Interpretation dauerhaft entziehende Bob Dylan nämlich, inspirierte schon so viele Kreativköpfe zur sprachlichen Vielschichtigkeit, dass wir sogar aus einem einzigen seiner Songs einst eine ganze Sendung gestaltet haben: “There must be some way out of here…” Wir gratulieren aber nicht nur ihm anlässlich seines 75. Geburtstags zu einem solchen Vermächtnis, sondern nehmen sein wortbildnerisches Werk auch gleich zum Anlass für unsere heutige Sprachqualitätsoffensive. Entwerfen wir also eine zeichenhafte Welt aus eigener Poesie sowie Übertragungen seiner Songs in neue Zeiten und andere Kulturen. Entdecken wir unverhoffte Anwendungen der dichterischen Sprache in dem oft nüchtern langweilig belehrenden Genre der Geschichtsdokumentation. Zum Beispiel im Film “Hitler & Stalin – Portrait einer Feindschaft” von Ulrich Kasten und Hans-Dieter Schütt. Oder, wie man es aus der deutschen Übersetzung des köstlich kölschen “Unfassbar vill Rään” von Wolfgang Niedecken heraus spüren könnte:

Da war das Kind mit dem Pony, das tot in der Gosse lag.
Ein pechschwarzer Hund lief einem schneeweißen Kerl nach.
Eine Fee wollte mir einen Regenbogen geben.
Ein Eifersuchtskranker nahm sich das Leben.
Ich gehe zu denen zurück, die nichts in den Händen halten,
wo die einzige Farbe schwarz, außer Nullen keine Zahlen,
wo zum Atmen die Luft fehlt, das Wasser vergiftet ist,
wo Zuhause bloß ein anderes Wort ist für Gefängnis.

 

Rapistsophie

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. DezemberRap ist Jule: Gregor Gysi interpretiert K.I.Z-Texte (Video). Zum Jahresschluss sprengen wir noch einmal alle Definitionen – und ergehen uns mit starken Frauen im Hip-Hop-Journalismus. Das deutsche Szene-Magazin “Rap Ist” onaniert nämlich nicht nur mit den Parisern des Insiderschmähs, sondern überschreitet auch absichtsvoll die Sprachgrenzen des Eingeweihten. Vor allem die weiblichen Mitglieder (sic!) konfrontieren einerseits die Deutschrapper mit Fragen nach “sexueller Gewalt gegen Frauen” in ihren Texten (ein ganz ausgezeichnetes Video!) und inszenieren andrerseits den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei als politischen Interpreten durchaus derben K.I.Z-Liedguts. Für uns eine Übersetzungsleistung, die längst überfällig war!

rapistjule1Ist es nicht ein Kennzeichen der etablierten Hoch- und Geldkultur, dass sie nur von Eingeweihten, die den vorherrschenden Code auch verstehen, konsumiert werden kann? Wo verläuft in der Hip-Hop-Szene die Grenze zwischen Selbstironie und Anpassung ans Geschäft mit der sehr elitärenrapistjule2 “Ich kann etwas, was du nicht kannst”- Kunst? Und, tut es bei solch Überlegung nicht unendlich gut, zu wissen, dass da jemand ist, der/die immerhin eine Möglichkeit zum Erkennenkönnen eröffnet – auch für Außenstehende, auf dass sich die Welt wieder reime? Zum Glück haben wir hier in Salzburg ebenfalls rapkundiges Fachpersonal am Start, und so können wir euch einige Ausschnitte aus den legendären Rap-Ist-Interviews zu Gehirn bringen, naturgemäß remixed und in den Kontext der jeweiligen Musik gesetzt. Damit nicht genug, wollen wir über diese herzliche Empfehlung hinaus noch auf einige vernachlässigte Aspekte des Rap-Genres, des Hip-Hop und Rock Crossovers und des unverständlich Fremdssprachigen verweisen, was uns gröbere Freude bereitet:

NoizeMCIn Deutschland sowie auch in Österreich ist leicht blöd daherreden und sich dann im selbstgelassenen Darmwind des bildungsbürgerlichen Skandälchens interviewgebend zu sonnen. Hierzulande wird einfach niemand bloß wegen seiner/ihrer Texte verfolgt! Anders in Russland oder im Iran – also wo finde ich die Gespräche mit Shahin Najafi (der ja in Deutschland lebt) oder die Übersetzungen von Noize MC (der wegen seiner Aussagen bedroht wird)? Die üblichen Verdächtigen sind noch längst nicht “die Szene”, auch wenn sie Crack Ignaz dissen und “klaut Rap” so buchstabieren. Folgerichtig erweitern wir unsere Sendung um eine Koproduktion von Noize MC und Lyapis Trubetskoy “Bolt” – doch MÜSST ihr euch den Track als Video von Alexey Terehoff anschauen – erst dann werdet ihr auch unsere Visionen haben.

Käptn Peng: “Das O ist durchsichtig” (Artarium-Interview)

 

Abseits Andacht

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. NovemberHerzlich willkommen beim Adventfest der Außenseiter. Nicht beim Modelabel “Rebellische Pose” – vielmehr bei den wirklichen Grenz- und Einzelgängern der Gruppendynamik, denen schon das Vorgebetetkriegen des jeweiligen Insiderschmähs die allerheftigsten allergischen Reaktionen verursacht. Egal, ob Gott gesag haben soll, die Germanisten Bescheid wissen, der Markt verlangt oder die Presse verbeurteilt – jegliche “Szene” ist tödlich, sobald sie ihre Abweichler inquisitorisch ausgrenzt. Wir feiern die Nichtanpassung und scheißen auf gesellschaftliche Übereinkunst (diese ungeheuerliche Verblödung, die jede kreative Entwicklung durch gemeines Rechthaben abwürgt und erstickt). Eine Stellungnahme in eigener Sprache – zwischen Selbstsinn und Herdentrieb.

Herde HeinOligarch
leck mich am Arsch
Separatist
hat sich verpisst
Migrant
ist völlig abgebrannt
Autochton
muss auch irgendwo wohnen

Stärker als der Regen ist die Flut
Stärker als die Angst ist nur der Mut

Patriarch
der gar nix mehr darf
Aktivist
der nur Gemüse frisst
Friedensgarant
fährt das Land an die Wand
Homophon
klingt dem Papst sein Sohn

Schon ein komischer Heini, dieser Peter Hein (Fehlfarben). Was das jetzt alles mit dem Augustin, dem ersten Advent, der Mehrheitsmeinung oder Deutschboden zu tun hat, das müsst ihr in dieser Sendung selbst herausfinden. Wir sagen nur soviel: Platz da!

 

Abie Nathan – The Voice of Peace

> Artarium vom Sonntag, 30. August – Das Double-Feature hier zum Nachhören:

Erster Teil: From somewhere in the Mediterranean (Playing the Peace-Ship today)

Zweiter Teil: Abie Nathan – The Voice of Peace (Feature-Collage – Ein Vermächtnis)

Ein Mann und sein Lebenswerk, heute fast nur noch Eingeweihten oder Zeitzeugen bekannt, erfahren hier eine längst überfällige Würdigung. Denn der israelische Radiopirat und Friedensaktivist Abie Nathan betrieb zwischen 1973 und 1993 von seinem Sendeschiff aus die coolste Musikstation im östlichen Mittelmeer. The Voice of Peace hatte zu Spitzenzeiten über 30 Millionen Hörer_innen und wurde so schnell zum Soundtrack einer ganzen Generation. Ganz nebenbei pflanzte ihr umtriebiger Gründer auch seine Friedensvisionen in deren Ohren – und Herzen. Dies alles wäre wohl auch uns weithin unentdeckt geblieben, wenn nicht Eric Friedler 2014 den Grimme-Publikumspreis der Marler Gruppe erhalten hätte, für seinen genialen Dokumentarfilm The Voice of Peace – Der Traum des Abie Nathan:

The Voice of PeaceDadurch fand das für den NDR produzierte eineinhalbstündige Portrait seinen Weg in die üblich verdächtigen Fernsehkanäle und gelangte so letzten Endes auch zu uns. „Ich hätte Abie gern persönlich kennengelernt und wäre am liebsten auch beim Radiosender mit dabei gewesen.“ erklärt Eric Friedler in dem sehenswerten Interview zur Entstehung seines Films mehr als nur einmal. Dem haben wir nichts hinzuzufügen – das unterschreiben wir sofort – mit unserem Herzblut! Also verwandeln wir uns in der ersten Stunde unserer Hommage an den versenkten Sender einer nicht totzukriegenden Botschaft zeitlos in zwei Voice-of-Peace-DJs und senden aus dem Dampfraum der Radiofabrik als wärs im Hochsommer vor Tel Aviv. Dabei wollen wir aber nicht mit der Musik von damals dem Geist jener verflossenen Zeit nachweinen, sondern uns mit Phantasie in die Situation versetzen, wir seien ungeachtet jedweder Realität wirklich auf dem Friedensschiff und spielten die Musik, die uns dazu einfällt. So entsteht eine Verbindung aus historischen Jingles und Songs mit ganz neuen thematischen Assoziationen rund um die eisernen Vorhänge in unserer Vorstellung. Und eine Atmosphäre von Zeitlosigkeit, die es uns ermöglicht, das Wesentliche an Abie Nathans Peace-Messages zu erspüren – von gestern – für heute – und morgen

Abie Nathan 1961In der zweiten Stunde stellen wir den Menschen hinter seinem Projekt vor – und wundern uns, weshalb dieser radikale Visionär einer friedlicheren Welt heute fast schon mit Vehemenz verdrängt und vergessen wird. Es ist mit Sicherheit der überragende Verdienst von Eric Friedlers Dokumentation, dass sie den Politpoeten, den Provokations- und Aktionskünstler Abie Nathan solchem Vergessen entreißt und darüber hinaus dessen Lebenswerk einem erweiterten Kreis von potenziellen Mitstreiter_innen nachvollziehbar macht. Auch wir im Freien Radio können uns zum Beispiel fragen, was uns dieser verspielte Bruder eines glückhaften Zeitfensters so hinterlassen hat. Kann es genügen, um die eigene Existenz zu kämpfen, damit es einen halt gibt? Was ist unsere Botschaft? Wovon sind wir besessen, wofür sind wir bereit, im Wortsinn alles zu riskieren? Worin besteht die große Spaltung unserer Gesellschaft? Ist unsere Wirtschaft nicht längst Krieg? Krieg zwischen Arm und Reich? Die einen gehen daran zugrunde, die anderen gewinnen alles? Und dann? Wenn wir nicht über das scheinbar Unhinterfragbare hinaus zu denken wagen, dann wird uns das tatsächlich Unvermeidliche einholen. Alternativlos! Fragen zu stellen ist also schon mal ein guter Anfang. Und auch, etwas zu hören, das nicht in unseren Geschichtsbüchern steht.

Abie Nathan starb am 27. August 2008. We give voice to forgotten memory. Shalom!

Eine ausführliche Artikelserie von Hans Knot beleuchtet noch weitere Hintergründe…

 

The Pervert’s Guide to Slavoj Žižek

> Sendung: Artarium vom Sonntsg, 23. August Ein Film über Filme für die Menschen, die dem herrschenden Konsumismus kritisch gegenüber stehen – und die den dahinter steckenden Ideologien umfassend auf die Spur kommen wollen. Das Portrait eines Philosophen, dessen provokant zugespitzte Thesen oft in der schieren Masse seiner Veröffentlichungen untergehen. Und dessen unterhaltsame Ideologiekritik gern hinter Jaques Lacans einigermaßen vertrackter Psychoanalyse verschwindet. Wir wollen euch jedoch diesen Film gerade deshalb empfehlen, weil er es auf höchst kunstvolle Weise bewerkstelligtt, etliche der Höhepunkte aus dem atemlosen Schaffen des Slavoj Žižek verständlich zu machen. Zunächst ein Auszug aus unserem Artikel zur Reisen-Nachtfahrt vom Freitag, 14. August als eine erste Inhaltsandeutung:

perverts guideBeim gegenständlichen Filmtipp der Artarium-Redaktion handelt es sich um: The Pervert’s Guide to Ideology von Sophie Fiennes. Wer sich, mit oder ohne sonstige Drogen (siehe Artwork) Slavoj Žižek, einen der letzten freifliegenden Philosophen der Popkultur, in die Pfeife stopfen will, wird und ist hiermit wunschgemäß bedient! Auf seinem Parforceritt durch die Geschichte populärer Filmwerke entlarvt er einige der uns innewohnenden Scheinwelten als das, was sie letztendlich sind – und immer schon waren – Ideologien! Von Leni Riefenstahls “Triumph des Willens” (1936) über den Salzburgschwachsinn The Sond of Music” (1965) oder Michelangelo Antonionis Zabriskie Point” (1970 & geniale Filmmusik von Pink Floyd) bis zu neueren Kinoerfolgen wie James Camerons “Titanic” (1997) sowie Christopher Nolans “The Dark Knight” (2008) zerpflückt er 25 Spielfilme – und einige Werbespots. Besonders gelungen und hier zum Appetitmachen verlinkt: John Carpenters “They Live” (1988). Und jetzt setz die Sonnenbrille auf! Aber auch die Hinterfragung der christlichen Heilslehre anhand von Martin Scorseses „The Last Temptation of Christ“ ist ein paar eigene Überlegungen wert. Hierbei möge die folgende deutsche Übertragung helfen:

„Ich denke aber, man kann die Haltung des Christentums noch viel radikaler verstehen. Genau das vermittelt uns die Kreuzigungsszene in Scorseses Film: Was da am Kreuz stirbt, ist die Sicherheit (der Existenz) eines „großen Anderen“. Hier ist die christliche Botschaft also radikal gottlos, sprich atheistisch. Sie bedeutet, der Tod Christi ist kein Freikauf oder Handel, in dem Sinn, dass er durch sein Leiden für unsere Sünden bezahlt. (Wem bezahlen? Wofür genau? Und so fort…) Sie bedeutet schlichtweg die Auflösung des Gottes, der uns den Sinn unseres Lebens sicherstellt. Das bedeutet auch der bekannte Ausspruch: „Eli, eli, lama sabachthani – Vater, warum hast du mich verlassen?“

analyze slavojIm Augenblick vor seinem Tod erfassen wir, was man in der (Lacan’schen) Psychoanalyse „subjective destitution“ oder „Entmachtung des Ich“ nennt – das vollkommene Heraustreten aus der Herrschaft der symbolischen Autorität, aus dem gesamten Bereich des „großen Anderen“. Naturgemäß kann niemand wissen, was „Gott“ von einem will – weil es keinen Gott gibt. Das ist jetzt der Jesus Christus, der unter anderem sagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Wer nicht seinen Vater, seine Mutter,.. hasst, der kann nicht mein Jünger sein.“ Freilich heißt das nicht, man soll seine Eltern jetzt aktiv hassen oder töten. Ich denke, dass „Famile“ hier alle hierarchischen sozialen Beziehungen repräsentiert. Die Botschaft von Jesus Christus lautet also: „Ich sterbe, aber mein Tod selbst ist die gute Nachricht. Er bedeutet, dass ihr jetzt allein seid – und euch frei entscheiden könnt. Bleibt in diesem heiligen Geist, der eben die Gemeinschaft der Glaubenden ist.“

Es ist falsch, zu meinen, die „Wiederkunft Christi“ würde in der Form stattfinden, dass der irgendwie als menschliche Gestalt in Erscheinung tritt. Christus ist längst anwesend, sobald Glaubende eine emanzipative Gemeinschaft bilden. Deshalb behaupte ich auch, dass der einzige Weg, wirklich Atheist zu sein, derjenige durch das Christentum hindurch ist. Das Christentum nämlich ist viel atheistischer als der übliche Atheismus, der zwar dafür eintreten mag, dass Gott nicht existiert, dessen ungeachtet aber immer ein gewisses Vertrauen in ein „großes Anderes“ beibehält. Dieser oder dieses „große Andere“ kann entweder natürliche Notwendigkeit heißen oder Evolution oder was auch immer. Als Menschen bleiben wir nichtsdestoweniger reduziert auf unsere Stellung innerhalb einer „zusammenstimmenden Aufforderung zur Entwicklung“ oder so etwas ähnlichem. Wirklich schwierig zu akzeptieren ist jedoch – noch einmal – dass es überhaupt nichts „großes Anderes“ gibt, und somit keinerlei Bezugspunkt, der uns Sinn und Bedeutung garantiert.“

Nicht einmal Slavoj Žižek 😉