WOMAD (Peter Gabriel Live 1982)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. März – “It was a simple idea; to create a festival out of all the brilliant music and art made all over the world, stuff made outside of the mainstream – music that wasn’t getting on the radio and was even harder to find in record stores …” Dem können (und wollen!) wir abhelfen. Weil der Liveauftritt von WOMAD-Mitbegründer Peter Gabriel aus dem Jahr 1982 jüngst liebevoll überarbeitet als Download-Album veröffentlicht wurde, spielen wir es, in einer Reihe von Peter-Gabriel-Arbeiten, die unsere Sendungen seit Jahren immer wieder inspirieren, begleiten, befruchten … Über die Vielseitigkeit seiner kreativen Arbeit haben wir hierorts auch schon vieles gesagt, also wollen wir uns heute mit seinem Engagement für eine egalitäre Weltkunst und Weltmusik beschäftigen.

Peter Gabriel Live at WOMAD 1982Ich erinnere mich noch gut, was für eine plötzliche Gefühlserweiterung ich beim erstmaligen Hören der “Drums Of Makebuko” erlebte – und seitdem begreife und schätze ich Peter Gabriels Beitrag zu einer Neuentdeckung Afrikas und noch darüber hinaus zu einer wirklich spannenden Neuentdeckung der Welt. Die bis in die Gegenwart wirkende Lebendigkeit rund um Konzept/Idee der Gründenden – das erste WOMAD war kommerziell ruinös – der Gegenentwurf zu den schon von Pasolini vorhergesagten und von Ignacio Ramonet auf den Punkt gebrachten Globalitären Regimen, die auf nichts anderes abzielen als die Einebnung aller Kulturen, die Entlebendigung aller Menschen und die Verdinglichung (also beherrschbar und ausplünderbar und für Geld/Machtgewinn verkäuflich/handelbar machen) allen Lebens, dessen sie auch nur irgendwie habhaft werden. Habhaft werden, dingfest machen, einsperren und für eine imaginierte Größe (“Ich bin eine gute Mutter”, “Make Deutsches Reich great again”, “Weltmarktführer”) enteignen, entselbsten, entlebendigenmissbrauchen!

Der Gegenentwurf besteht darin, das Eigene, das hinter der Angstgrenze nach wie vor bestehende Unverletzte, Unzerstörte, das dem Überleben zugrunde liegende Leben wieder gleichrangig, gleichberechtigt, “auf Augenhöhe” mitbestimmen, mitentscheiden, mitgestalten zu lassen. Den Geschichten, die es uns erzählt, zuzuhören. Seine Lieder zu lernen und gemeinsam zu singen. Die Bilder, die es zeichnet, wieder in uns aufsteigen zu lassen und zusehen, woraus sie entstehen. Und den Tanz des Lebens zu feiernzumalsind wir das alles nicht selbst?

 

WOMAD – World of Music, Arts and Dance

 

Binario Due

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. März – Binario bedeutet im Italienischen Bahnsteig oder Bahngleis und dient uns hier als Metapher für unsere Begegnung mit dem Nichtbinären. Binario Due bedeutet also, dass es nicht mehr nur eingleisig weiter geht, auf einer einzigen eingleisigen Strecke, die genau zwei festgelegte Schienen hat, rechts/links, schwarz/weiß, männlich/weiblich. Nein, da ist noch mindestens ein anderer Bahnsteig, von dem aus Reisen in ganz andere Richtungen möglich sind. Diese anderen Geleise bestehen zwar wiederum aus jeweils zwei Schienen … aber nicht einmal hier endet unsere Metapher: Biologisch bestehen wir ja alle aus zweiDer Umgang mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten regt zur Selbstbestimmung an – in dieser von Rollenklischees und Geschlechterstereotypen verengten Welt …

Binario DueZur Klarstellung vorweg: Wir wollen in dieser Sendung einfach ein paar Beispiele aufzeigen, wo sich erste Risse im vermeintlich so festen Definitionsgefüge bilden (und Definition ist ja immer auch Herrschaft, wie uns Begriffe wie “Definitionshoheit” verraten). Und wir wollen auch zu ein paar “anderen” Denk-, Sicht- und Wahrnehmungsweisen einladen, die uns Mut machen können, neue Wege auszuprobieren. Dies alles, weil wir selbst erfahren haben, wie weh es tut, in ein Korsett, eine Zwangsjacke oder ein viel zu enges Schachterl gezwungen zu werden, nur weil jemand anders damals geglaubt hat (oder immer noch glaubt?), das müsste so sein. Wir aber sind in between

Irgendwann in den 70er Jahren tauchten ein paar langhaarige Familienväter in der Welt des Progressive Rock auf, die auf eine angenehm andere Art als sonst üblich von Liebe und Beziehung sangen. Nicht in der hörgewohnten Weise, dass es sich, wenn zwei Menschen zusammen kommen, natürlich nur um einen eindeutigen Mann und eine eindeutige Frau handeln kann, Yeah Baby, was denn auch sonst? Das war die damals aus allen Schalltrichtern auf eine/n eintönende “Normalität”, die jeder nicht heteronormative Mensch als zutiefst verletzende, penetrante Propaganda erlebte.

Die inzwischen nicht mehr ganz so langhaarigen Familiengroßväter der Rockgruppe YES stellten innerseelische Entwicklung und zwischenmenschliche Beziehungen jedoch jenseits der Chiffren und Codes dar, die mit angeblich selbstverständlichem Mannfraupimperanto assoziiert werden. Das war (und ist) dermaßen wohltuend, dass deren Altersdarbietung von “And You And I” Live in Montreaux hier bestaunt gehört. Und die Bilder, die es beim Hören aufsteigen lässt, unserer Phantasie zur Erweiterung ihrer Möglichkeitsformen beim UmGestalten unseres Selbst dienlich sein mögen …

In den 80er Jahren beschrieb Peter Gabriel das “Geheimnis eines wirklich guten Lovesongs”. Es gehe dabei darum, dass nicht explizit ausgedrückt werden dürfe, ob es sich bei der besungenen Liebe um die zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen zwei sonst irgendwie anderen Menschen oder überhaupt zwischen zwei Lebewesen handle. Das müsse unausgedrückt offen und so der Imagination der Zuhörenden überlassen bleiben, damit es ein wirklich wesentliches Lied über die Liebe sein könne. Umfassend inklusivund so wahr: “Love To Be Loved”

Irgendwie kommen wir noch in die GegenwartAuf einer spirituellen Reise zum Geist des Widerstands, der wie “da Wind in die Bam” durch unsere Träume weht, womöglich? Jedes Beharren auf “den eigenen Sinn” und somit auf “die eigenen Sinne” ist ein Akt des Widerstands und der Keim eines Aufbruchs: “Il prossimo treno parte dal binario due.” Der nächste Zug fährt von Gleis zwei. Wir sind viele und unsere Möglichkeiten sind unendlich. Die wahren Abenteuer sind im Kopf weil die wahren Veränderungen zuerst in uns selbst stattfinden. Also dann

 

Gute Reise!

 

Querschläger Gegenwind 35 / 900

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Nunmehr, was wäre Werbung in einem nichtkommerziellen Medium? Und wenn ja, wie könnte das ausschauen oder besser noch, sich anhören? Schließlich sind wir ja im Radio und “Das Beste gibt es nicht zu kaufen.” Bewirkt solch Vorhaben nicht gehörigen Gegenwind? Mitnichten. Denn “auf etwas aufmerksam machen” und “anderen davon erzählen“ – ja, auch “das, womit man gute Erfahrungen gemacht hat, anderen nahebringen wollen” und “es daher weiter empfehlen” – all das bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn “für etwas die Trommel rühren”, also ganz allgemein “dafür zu werben”. Und so wollen wir heute für eine weit jenseits des Durchschnittsblues und der verflachten Texte agierende Musikkapelle werben, die uns schon seit einiger Zeit begleitet.

Querschläger - Gegenwind 35_900Die Rede ist von der Lungauer Band Querschläger und weder sie noch ein Vertrieb, eine Agentur oder ein Veranstalter haben uns für dieses Unterfangen auf irgendeine Weise bezahlt, begütert oder begünstigt. Darauf käme es nämlich an bei der “kommerziellen Werbung”, der wir uns aus guten Gründen enthalten – auf die jeweilige “Gegenleistung”. Und da finden wir uns auf einer Linie mit den sympathischen Nichtangepassten wieder, die ihr feines Jubiläumskonzert aus dem Salzburger Landestheater (vom 10. Oktober 2025) nicht nur in beachtlicher Tonqualität aufgenommen haben, sondern sämtlichen Verwertungsinteressen zum Trotz als Gratis-Download verfügbar machen. Naturgemäß bewerben sie auf diesem Konzert auch ihr aktuelles Album “Gegenwind”, das tun wir hiermit genauso – völlig gegenleistungslos, versteht sich. Ihr Kommentar zur Geldübermacht, die sich gegen jede Selbstbesinnung/Selbstbestimmung richtet, ist hier nachzulesen und geht so:

 

“glabst den schmårrn und trotzdem kimmst vom regn in de traufn
weil da teife weil da teife scheißt en greaßan haufn”

 

Wie das alles zusammenhängt mit dem uns seit Jahrhunderten gefickt eingeschädelten Schmårrn, der Kirche, den Nazis und den Brüdern Grimm, das wollen wir in unserer nächsten Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem Titel “Eigensinnig” noch eingehender untersuchen. Die Querschläger jedenfalls, so viel steht fest, sind im allerbesten Sinn “eigensinnig” – das lässt sich nicht nur in den Texten von Fritz Messner nachlesen, das lässt sich auch in der 35jährigen Bandgeschichte mit über 900 Konzerten und 17 Tonträgern (Bootlegs nicht mitgerechnet) nachvollziehen. Daher also 35 / 900

 

Für die heutige Sendung in der Reihe “Das ganze Album” werden wir einige Stücke aus diesem Programm – sowohl neueste Gegenwind-Lieder als auch alte Hådern – auswählen, so dass ihr Lust aufs gesamte Jubiläumsmenü bekommt … Mahlzeit!

 

Das Herz ist ein Muskel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Februar“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ichvor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheitnoch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspieleneine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehaltenund den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirkenWas spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt erüber das Leben?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”

 

Arik Brauer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Februar – Damals, Anfang der 70er Jahre, waren die Bedingungen halt günstig, das Zeitfenster stand gerade weit offen für die radikal kritischen und selbstkritischen Lieder von Arik Brauer, dessen erstes Album in Gestalt eines phantastisch realistischen Triptychons 1971 zur Welt kam. Heute, mehr als 50 Jahre danach, sind die Verhältnisse aber doch ganz andere, oder etwa nicht? Halt, Moment! Wenn wir uns anhören, wovon der Maler, Sänger und geniale Geschichtenerzähler berichtet … was er ansprichtworauf er sich einlässt … dann wird schnell klar, dass es hier um Themen geht, die nach wie vor brandaktuell sind. Damals war es gewiss revolutionär, sie in noch nie zuvor gekannter Form so darzustellen. Und heute öffnen wir ein neues Zeitfenster: Auf Wiederhören

Arik Brauer - Das legendäre LP-Cover Triptychon von 1971Arik Brauer, der 1929 geborene “Judenbua aus Ottakring”, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus mit einer Riesenportion “Masel”, zuletzt versteckt in einem der zahlreichen Wiener Schrebergärten. 1971 tritt er in seinen Texten als Vorreiter der Versöhnung mit dem Opfer- sowie mit dem Tätersein auf, indem er diese beiden Seiten in ein und demselben Leben, auch in seiner eigenen Person, vorhanden sein lässtund dies schonungslos aufzeigt: In dem Lied “Surmi Sui” erzählt er vom eigenen Gequält- und Erniedrigtwerden durch einen sadistischen Nazilehrer, in “Rostiger, die Feuerwehr kommt” von seiner eigenen unrühmlichen Rolle beim Quälen und Erniedrigen eines rothaarigen, kurzsichtigen Klassenaußenseiters. 2018 verdichtet er seine Lebenserfahrungen noch einmal – in einer Festrede zum 80jährigen Gedenken an den “Anschluss Österreichs”. Unbedingt lesenswert!

Als Kind aus einer Nazifamilie, dem weite Teile der eigenen Herkunftsgeschichte durch Verschweigen, Verheimlichen und Uminterpretieren vorenthalten wurden, weiß ich, wie schmerzvoll notwendig dieses Ringen mit den inneren Engeln und Dämonen sein kann. Und was für erschaffende wie auch zerstörende Kräfte in der eigenen Phantasie beheimatet sind, auch wie unser jeweiliger Umgang mit ihnen die uns umgebende Realität beeinflusst, verändert, umgestaltet. Und so kann ich glaubhaft und nachvollziehbar bezeugen, welch welteröffnende Auswirkungen die Gefühle und Gedanken in den “ersten” Liedern von Arik Brauer gehabt haben und nach wie vor haben. Als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, das war 1972, wurden mir diese Lieder, allen voran “Sein Köpferl im Sand”, von älteren Jugendlichen, die ich bewunderte, zum lauthalsen Mitsingen beigebracht. Endlich etwas echtes

 

Zur Abrundung des “echte Menschen live Erlebens” möchten wir euch noch ganz herzlich zur Premiere unseres Films IN BETWEEN (mit anschließendem Gespräch) am Montag, 16. 2. um 19 Uhr im Das Kino einladen. Hier schon mal der Trailer

 

Helene Maimann über ihren Film mit Arik Brauer

 

Das Leben geht weiter

Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Januar – Aus gegebenem Anlass wiederholen wir diesmal unsere Sendung vom 27. April 2025 mit dem Titel “Unzerstörbar”. Mit ihr wurden wir vor einiger Zeit für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert und die Verleihung desselben findet jetzt am Donnerstag, 22. Januar im ORF-RadioKulturhaus statt. Im DrehPunktKultur erschien unlängst ein Bericht darüber, was uns “hinter den Kulissen” bei der Gestaltung dieser Sendung noch beschäftigte. Denn wiewohl sie sich mit dem Gedenken an die Salzburger Bücherverbrennung von 1938 auseinandersetzt, beleuchtet sie das Leben jener “Nachgeborenen”, die den Nationalsozialismus gerade nicht mehr selbst erlebt haben, jedoch von seinen Folgen betroffen sind.

Das Leben geht weiterWir erinnern uns noch gut an die Begegnung der Generationen, die wir gemeinsam mit Marko Feingold am jüdischen Friedhof und in der Salzburger Synagoge inszeniert und als ein bleibendes Dokument für das Archiv der Freien Radios aufbereitet haben. Jetzt, wo die letzten Überlebenden allmählich aussterben”, ist es an der Zeit, die Aufgabe des Bewahrens und des Erzählens dieser Geschichte(n) an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Denn was die Kinder und die Enkel und bald auch die Ur …und so weiter… enkel in ihrem jeweiligen Leben antreffen, das ist eingefärbt und geprägt von dem, was ihre Vorfahren erzählt, verschwiegen oder umgedeutet haben. Das Ringen ums eigene Überleben inmitten von all den Leerstellen in den Familiengeschichten qualifiziert uns zu “Zeitzeugen der nächsten Generation”. Und damit ist auch die Möglichkeit verbunden, unsere “Leerstellenforschung” als Geschichte(n) weiter zu erzählen.

Ob und wie wir diese Chance für uns nutzen, ob und wie wir unser Leben für die Mitwelt fruchtbar machen, ob und wie wir dabei Schmerz und Lust erleben (und uns erlauben, auch zu zeigen, was wir fühlen), das bleibt der freien Entscheidung jeder und jedes einzelnen überlassen. Und, um der verbreiteten Angst vor Leerstellen, leeren Räumen oder der Leere an sich entgegenzuwirken, die Theaterpädagogin Peetra Jendrzejek prägte den Begriff des “kreativen Vakuums”, der bedeutet, dass jede noch offene Frage eine Sogwirkung zu ihrer eigenen Beantwortung entfaltet.

 

Und wir, die wir leben, sind schöpferische Wesen, die (auch unbewusst) antworten.

 

Ein halbes Doppelalbum

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Januar – Und wieder einmal öffnen wir eine Zeitkapsel, diesmal in Gestalt einer Langspielplatte (so hießen Musikalben damals im vordigitalen Zeitalter). Wir präsentieren euch “Ein halbes Doppelalbum” von Werner Pirchner, ein im allerbesten Sinn bewusstseinserweiterndes und weit über zahllose Genres hinausreichendes Meisterwerk, das völlig zu Recht seit seinem Erscheinen im Jahr 1973 unter Kennern Kultstatus hat. Das löbliche Wiener Label monkey.music hat 2015 eine auf 750 Stück limitierte Vinyl-Neuauflage herausgebracht, von der, wie man hört, aktuell noch ein paar Dutzend erhältlich sind. Für unsere heutige Sendung vorgeschlagen hat das akustische Ausnahmeerlebnis Kollege Rupert Madreiter, den ein wohl “etwas anderer” Deutschlehrer einst in Pirchners geniale Anderswelt einlud.

 

Werner Pirchner - Ein halbes Doppelalbum“Pirchners vielschichtige Musik verbindet auf ungewohnte Weise Elemente aus Jazz, Unterhaltungs- und sogenannter Ernster Musik. Vom elektronisch verarbeiteten Jodler zum schräg harmonisierten Schubert, von einer Hommage für John Cage zur Persiflage der jugendlichen Indienwallfahrer und Drogenkonsumenten, von der parodierten Werbesprache zu noch heute gültigen sozialkritischen Texten spannt sich ein weiter Bogen. Oft wechseln seine Arbeiten zwischen unmittelbarer Vitalität und einer Art Metamusik, die sich analytisch mit vielbenutzten Musikmodellen auseinandersetzt. Als Autodidakt hatte Pirchner angefangen; eigenwillig und in kein Stilklischee einzuordnen blieb er bis zu seinem Tod.”  Wikipedia

 

“Aufgenommen zwischen 1966 & 1972 im Stadtsaal Ibk, mit zwei Revox Tonband-Maschinen. Zur gleichen Zeit startet die Karriere von Frank Zappa in Amerika. Werner Pirchner hat hier in unserem Land ähnlich kongeniales geschaffen. Wir hören hier “Pirchnereske Musik”. Werner Pirchner und sein Ensemble bewegen sich zwischen Avant-Garde und Comedy. Ein unglaublich kreatives Werk, das zu seiner Zeit seines Gleichen suchte. Die Zeit war einfach noch nicht reif für Werner Pirchner. Das gab uns den Anlass “Ein halbes Doppelalbum” im Original Cover und remastered wieder zu veröffentlichen. 1973 brachte Werner Pirchner das Album erstmals als LP heraus. In Plattensammlerkreisen hat dieses, schon damals limitierte Werk, Kultstatus und ist längst vergriffen. Limited Edition: 750 Stück, nummeriert, im Original Faltcover. Mit Sicherheit ein Reissue-Sammlerstück! Und als Download überhaupt erstmals verfügbar.”  monkey

 

“Den ersten Text habe ich geschrieben, da habe ich einmal Grippe gehabt, oder was, da bin ich im Bett gelegen und habe einen Film gesehn mit dem O.W. Fischer »Erzherzog Johanns letzte Liebe« oder so. Da haben sie das Lied gesungen »Wo das Büchserl knallt«, und bei mir is es gleich weitergegangen »Wo das Bomberl fallt«. Dann habe ich den Text fertig geschrieben und wollte, dass das jemand singt, jemand vom Rundfunk. Und der hat sich dann nicht getraut und hat gesagt, ich solls selber singen und dann hab ichs selber gesungen.” Werner Pirchner zu “Ein halbes Doppelalbum”

 

All dem ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen – außer der herzlichen Einladung, sich dieses außergewöhlich inspirierende Kopftheater aufmerksam anzuhören und dadurch Werner Pirchners sehr wesentliches Vermächtnis mit uns zusammen ins Hier und Jetzt zu befördern. Denn seine Statements sind von zeitloser Gültigkeit. Die Möglichkeit dazu besteht sowohl am 11. 1. um 17 Uhr auf allen Frequenzen der Radiofabrik und im Livestream, als auch danach noch auf unserem Kanal in der Mediathek der Freien Radios (und zwar ohne Ablaufdatum). Sehr zum Wohl 

 

Wir sind ein geiles Institut

 

Preissnbeisser

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Dezember – Zum Tag der unschuldigen Kinder vollführen wir wieder einen Zeitsprung. Und zwar in jene Zeit, in der wir wie von selbst anfingen, hinter der “heilen Welt”, die man uns vorführte (und in die man uns verführte?), jene “anderen Welten” zu erahnen, die das Wesentliche berühren und nicht bloß ein schöner Schein sein wollen. Und wir wollen einen Freund und Weggefährten würdigen, der uns über die Jahre hinweg mit seinem Sprachwitz und seiner rhetorischen Kampfkunst immer wieder zur Selbstbehauptung ungeachtet auch widerlichster Umstände inspirierte. Er hat nicht nur (zu unser aller Vergnügen) die Wortschöpfung “Preissnbeisser” geprägt, sondern auch weise Einsichten wie: “Mutter kann durch nichts zersetzt werden” formuliert. Da kommt Freude auf

PreissnbeisserCaspar August Welpentier – kein anderes Symbolbild könnte unsere heutige Themenassoziation besser versinnbildlichen zumal am Tag der unschuldigen … Auweh! Und wir werden sowohl die Entstehung des Wortes “Preissnbeisser” als auch den Besuch beim Salzburger Adventsingen anschauen, bei dem uns die Unschuld in den wohligen Worten Karl Heinrich Waggerls im wahrsten Sinn (block)flöten ging, rückblickend betrachtet … Zu solchen Zeitreisen ist ein gewisses Maß an Mut erforderlich, auch vertrauenswürdige Begleiter können in diesen finsteren Nächten (und auf der Suche nach dem Licht) unverzichtbar sein. Also unternehme ich dieses Abenteuer heute gemeinsam mit einem guten Freund, der viele brauchbare Berufungen in sich vereint: So ist er etwa ausgewiesener Hüter des Buchwissens, olfaktorischer Ingenieur, Räuchermeister, Rauhnachtsforscher und vor allem erfahrener Welt(en)reisender, mit dem ich schon öfter unterwegs war.

Liebes unsichtbares Publikum, auch dieses Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, wundersamerweise jedoch so, dass es “das neue” bereits in sich trägt, dass also das eine aus dem anderen hervor, eins in das andere übergeht, geschmeidig oder auch mit krassen Brüchen, wahrscheinlich eh wieder sowohl als auch, egal – weil Zeit ja ohnehin nicht vergeht, sondern schlicht und ergreifend IST. Auf jeden Fall will ich euch dafür danken, dass ihr uns auf unseren Expeditionen begleitet habt und ich wünsche mir, dass unsere Reisen euch auch auf euren Wegen hilfreich begleiten.

 

Was und wie Realität ist liegt im Auge des Betrachters.

 

Everybody Scream

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Dezember – Die Vorstellung dieses Albums entsprang zunächst einem internen Auffassungsunterschied: Unentrinnbar deutlich sind Wut und Verzweiflung und damit einhergehend zornige Aggression und brutale Gewalt in der Stimme von Florence Welch wahrzunehmen, was die einen erschreckt, verängstigt und verstört – andere hingegen anzieht, neugierig macht und fasziniert. Nur eine Wendung weiter, gleich hinter den sich allzu leicht anbietenden Urteilen über Gut und Böse wohnt erfreulicherweise die Weisheit des Werdens und ermöglicht uns eine umfassendere Perspektive auf das Menschsein in seinen Zusammenhängen. Weil uns die Opulenz von “Everybody Scream” hier wenig Zeit gewährt, erzählen wir uns die Geschichte(n) dahinter in der Perlentaucher Nachtfahrt “Lost and Found”.

everybody screamchristopher schmall:

Everybody Scream

tanzfiebrig
bühnenekstatisch entgrenzt
geplatzter eileiter
dosenvoll blut in dir
spürst du nicht im rausch der musik
bist frei und mächtig
brauchst nichts zu verbergen
der tod küsst dich
seine brombeerlippen
beflecken dein kleid
er schmeckt nach leben

unter deiner zunge
ätzt wut aus schmerz
fleisch für stückchen fleisch entfernt
zellhaufen unbenannt
im garten vergräbst einen schrei
siehst zu wie er wächst
zu einem roten baum
er strahlt mit schartigen ästen
zerklüfteten blättern die jaulen im wind
zehn tage später wieder im rampenlicht
selbstprophetisches märchen
du folgst dem hexenlied meilenweit
den schreienden frauen hinter dem vorhang
sturm und donner und schlamm
wo kommst du an? kommst du denn an?
vielleicht in einem haus am waldrand
und suchst dort trost in der wortlosen sprache
der blumen und tiere und siehst zu wie das weltenrad
sich dreht und wie dein körper die jahreszeiten
mimt und fühlst nach und nach etwas an dir ziehen
einen sog ins chaos oder bloß einen hauch
der dich lockt mit fremdvertauten düften?
egal denn du rennst schon los
bist getrieben getragen von chören
jammergeheul gekreische flüstergesängen
anrufungen alter gewissheiten
sie lallen und torkeln
und verpuffen als rauch
gebete sind zaubersprüche
und liebe ist nicht was du glaubst
ist nicht wie in mythen und märchen
nicht wie in filmen und büchern
nicht wie dir beigebracht wurde und
nicht wie du dir selbst weismachen wolltest
du hältst inne umzüngelt von stimmen
willst schrumpfen verschwinden
in der menge dich auflösen
im rauschen verwehen
und bist doch himmelweit
unzähmbar gewaltig
voll der hingabe bringst du dar
opfer für opfer am altar der kunst
trinkst leer den kelch aus deinen knochen geschnitzt
trinkst leer den kelch mit deinen tränen gefüllt
trinkst leer den kelch und brichst deinen leib
verteilst ihn unter uns hungrigen seelen
rufst uns den tod ins gedächtnis
in bunten blüten ist er gewandet
samtig schmiegt er sich an uns
umfasst uns liebkost uns
schweigt mit uns
schreit mit uns
blickt uns aus
den augen
du singst
und alle
schreien
dir zu alle
schreien deinen
namen alle schreien
mit dir gemeinsam singschreien
deine lieder gemeinsam du nimmst anlauf
und springst ins händemeer lässt dich treiben
vielleicht trägt es dich durch die stadt
die hauptstraße runter über den platz vorm gericht
an deinem haus deinen träumen vorstellungen
selbstlügen und verzerrten spiegelbildern vorbei
weiter am fluss entlang und durch
die vergessenen viertel schließlich
hinaus auf die schlachtfelder
und du fragst: „Did I get it right?
Do I win the price? Do you regret
bringing me back to life?“
das meer kreischt
und versiegt
nun liegst du im gras
hörst nichts als das säuseln der halme
die sterne schwingen der mond zwinkert dir zu
„A shimmering landscape, widen my eyes
Can I keep all this beauty forever inside?
du weißt wir alle verlieren den verstand
fliegen hoch übers kuckucksnest
dein lachen schallt durch die nacht
du krümmst dich und trommelst auf erde
und entflammst einen rhythmus
lachst in dem rhythmus deine laute
melodisch fängst an zu singen und
spürst das keimen der nächsten idee
dem kreativen fluss widerstehen kannst du nicht
dir selbst entkommen kannst du nicht
am ende am anfang bleibt nichts
als ein tanz auf messers schneide
oder haben wir vergessen wie
man auf der ganzen klinge tanzt?
du streifst deine schichten ab
steckst dir zweige und blumen ins haar
webst einen mantel aus nebel mit knöpfen
aus silbernem licht und wanderst den hügel hinauf
es dämmert allmählich
du wartest noch
wegbereitverwegen
verwandelnd verzaubernd verheilend

 

Everybody Scream

 

Lebens Geschichten

> Sonntag: Artarium vom Sonntag, 30 November Geschichten, die das Leben erzählt, spiegeln sich in den Menschen, die sie erlebt haben – nein, eigentlich auch immer noch erleben. Und wenn sie das tun, also von ihrem Erleben erzählen, dann verlebendigen sie ihre Erfahrungen für uns andere und der sprichwörtliche Funke” kann regelrecht überspringen. Seit einiger Zeit geht die Sendereihe Gesprächsfunken – Facetten vieler Leben diesem Phänomen nach und verwirklicht die Darstellung von persönlich erzählten Lebensgeschichten auf eine, wie wir finden, bemerkenswert berührende Art und Weise. Davon haben wir bereits einmal in der Sendung “Echte Menschen, Live!” berichtet. Und ich selbst habe mich, daraufhin neugierig geworden, mit meinen Geschichten vom Leben in eine Gesprächsfunkensendung eingeladen.

Lebens GeschichtenDabei ist eine Folge mit dem Titel “Live and let live: Vergeben lernen – mit den inneren Kindern an der Hand” entstanden – und ich konnte in diesem Selbstversuch feststellen, dass Birgit Brandners Konzept tatsächlich funktioniert. Und zwar nicht nur mit Frauen, sondern auch mit Männern und, wie das bei mir der Fall ist, mit einem Mann, der Gewalt von weiblicher Seite erlebt hat. Nun, wodurch hat sich dieser Eindruck bei mir in Richtung eines Beobachtungsergebnisses verfestigt? Ganz einfach – beim Nachhören der fertigen Sendung ist mir aufgefallen, dass ich mich in der Gesprächssituation (von mir während der Aufnahmen noch unbemerkt) “geöffnet” und mich “der neugierigen Fragestellerin anvertraut” haben muss. Das machte ich am Klang meiner Stimme fest, den ich inzwischen schon in verschiedenen Settings zu beurteilen gelernt habe. Ich hörte dabei auf einmal viel mehr Klangfarben als sonst, eine feiner abgestimmte Sprachmelodie, und was vielleicht am bedeutendsten ist, ich spürte Begeisterung, Leidenschaft und Lebendigkeit in meiner Erzählweise, und dies im Vergleich mit anderen, durchaus gelungenen Auftritten, noch intensiver. Das alles macht mir Lust auf mehr … und ich will verstehen, wie das funktioniert

Peter Levine, dessen Somatic Experiencing ich bereits des öfteren als wesentlich für meine Traumatherapie angesprochen habe, beschreibt in seinem grundlegenden Buch “Sprache ohne Worte” ein interessantes Phänomen: Sobald sich uns ein Mensch in einer Weise aufmerksam zuwendet, dass ein sicherer Ort des Vertrauens entsteht, löst dies in uns eine umfassende Selbstregulation des gesamten Nervensystems sowie der an diesem Prozess beteiligten Biochemie aus und wir können von jetzt auf gleich wieder gänzlich “gesund und selbstentsprechend” denken und reden.

Das ist definitiv eine interessante Spur, die wir näher beleuchten wollen. Es würde nebenbei auch erklären, warum “industrielle 3-Minuten-Medizin” so frustrierend und oft auch wirkungslos ist – und warum jedwede Zuwendung im Heilungsbereich, die mit urteilsfreier Aufmerksamkeit und “sich Zeit nehmen” einhergeht, rein schon im Entstehen dieses “intuitiven Vertrauensfeldes” als irgendwie gesundend erlebt wird. Machen wir die Probe aufs Exempel oder Wiederholen wir unser Experiment: Also, diesmal neu im Artarium: Selbstversuch die Dritte mit Birgit Brandner Live On Air.

 

Wir sind ein geiles Institut