Genug ist nicht genug

Artarium am Sonntag, 14. Juni um 17:06 Uhr – Vielleicht ist alles auch ganz anders. Bei Konstantin Wecker bin ich jedenfalls schon einmal voreingenommen, ich kenne ihn persönlich und er hat Spuren in meinem Leben hinterlassen. Spuren, die für mich wertvoll waren und mich in meiner Jugend dazu ermutigt haben, mich gegen das zu stellen, was mir als angeblich unveränderbar mitten auf meinen Lebensweg betoniert worden war. Er hat mich vor allem mit seiner Sprache dazu mitgenommen, meinen ganz eigenen Ausdruck zu entwickeln, nicht umsonst habe ich ihn immer wieder als “meinen Sprachlehrer” bezeichnet. Das alles hat mit dem 1977 erschienenen Album “Genug ist nicht genug” angefangen, das damals in Künstlerkreisen buchstäblich rauf und runter gespielt wurde – und das wir hier und heute noch einmal auflegen.

Konstantin Wecker - Genug ist nicht genugDas ist die eine Seite. Doch bliebe dieses Bild unverändert so in meiner Erinnerung bestehen, könnte man es durchaus als eine Idealisierung beschreiben, als etwas einseitiges und unverrückbares, das meiner weiteren Entwicklung mit der Zeit genauso behindernd im Weg stehen würde wie der eingangs erwähnte Vergangenheitsbeton. Denn ein mieser Macho, das konnte er auch sein. Ein Alkoholiker, der oft “eine Spur der Verwüstung durchs Leben anderer Menschen zog”. Und einer von den bösen Jungs, hinter deren rebellischen Posen ich mein Zartes und Verletzliches nur allzu gern versteckte. Seit ich aber sein Buch “Der Liebe zuliebe” gelesen habe, in dem er schonungslos über seine jahrzehntelange Alkoholabhängigkeit, seinen zuletzt erfolgreichen Entzug und seine ihm erst dadurch wieder bewusst werdende Verantwortung für alle Licht- und Schattenseiten seines wilden und zärtlichen, verwegenen und sehnsüchtigen, dramatischen und bedürftigen Lebens berichtet, beginne ich zu begreifen, wie sehr diese verschiedensten Facetten in uns allen ein wechselwirkendes Ganzes sind.

Und es erfüllt mich mit Zuneigung, und es erfüllt mich auch mit Abscheu – doch diese Gefühle, wie schmerzvoll und widersprüchlich ich sie auch erleben mag, sind meine Verantwortung, auch meinem eigenen Leben gegenüber. Sich jetzt abermals hinter einer der vielerorts angebotenen Entlastungsposen zu verstecken, wie etwa der des moralischen Rechthabens, bringt mich auf meinem Weg, meine eigenen Licht- und Schattenseiten in mir zu integrieren, auf gar keinen Fall weiter. Denn um für etwas verantwortlich sein zu können, solltest du es dir schon vertraut gemacht haben.

 

“Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.