Rund um den Radioschorsch

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Juni – Die Mitgliederversammlung, das Radiofabrik-Sommerfest und die seit 2008 damit einhergehende Verleihung des “Radioschorsch” sind wieder einmal erfolgreich über die Bühne gegangen. Der Radioschorsch ist unsere jährliche Auszeichnung für die besten Produktionen und beeindruckendsten Sendereihen sowie jene Lebensleistungen, die das Anliegen eines Freien Radios für Salzburg in besonderem Maß befördern und voranbringen. Sein Name bezieht sich auf das Codewort “Schorsch”, welches die Pirat*innen des damals noch illegalen Radioprojekts Bongo 500 für ihren selbstgebauten tragbaren Sender benutzten, um sich so insgeheim zum Selbstsenden zu verabreden. Rund um diesen Gründungsmythos ranken sich aber auch allerlei seltsame Legenden

Rund um den RadioschorschHeuer wurden zwei Sendereihen ausgezeichnet, nämlich weil es den drei prämierten Kolleg*innen schon vor der Auszeichnung gelungen ist, ganz ausgezeichnete Sendungen herzustellen, und das zudem über viele Jahre hinweg. *Kunnstpause zwecks dramaturgischer Steigerung der Spannung* Der Radioschorsch 2026 geht an Susanne Höll und Su Imhof für die Sendereihe “FVONK dich FREI! – Der Radiotalk mit Alltagsheld*innen” und ebenso an Guy Mavar für die Sendereihe “Neuentdeckung Afrikas”. Die Programmkommission, die auch als Vergabejury fungiert, hat sich zu den auszuzeichnenden Sendereihen wieder einiges überlegt und sich letztendlich auf eine gemeinsame Überkategorie, nämlich “Unerzähltes” verständigt. Geschichten, die so sonst nirgendwo erzählt werden, aber auch Geschichte, die andernorts so nicht (auf jeden Fall nicht so leicht) zu erfahren ist, das verbindet die beiden Projekte. Doch gibt es da entgegengesetzte Herangehensweisen, wie schon der Brainstorm zeigt:

Auf dem Weg zur Entscheidungsfindung entsponnen sich etwa Formulierungen wie “Die etwas andere SichtweiseNahsicht/Fernsicht”, “Mikro/Makro-Schorsch”, “Außen/Innen-Schorsch” und “Global/Local-Schorsch”. Weil die Neuentdeckung Afrikas vom Großen (einem ganzen Kontinent) ins Kleine (kullturelle Feinheiten und individuelle Geschichten) schwenkt, während FVONK dich FREI! vom Kleinen (den persönlichen Erlebnissen der Alltagsheld*innen) ins Große (ihren Leidenschaften und Visionen und was wir mit ihnen gemeinsam haben) übergeht. Zoom InZoom Out.

Wir haben für jede Sendereihe eine eigene Laudatio/Preisrede ausgearbeitet und hier zum Nachlesen bereitgestellt: Für Neuentdeckung Afrikas von Eva Kubin sowie für FVONK dich FREI! von Norbert K.Hund. Sehr zum Wohl allerseits. Und Fotos von den Veranstaltungen und den Schorschen demnächst hier im Stream

 

“Wer zuhören kann, ist im Vorteil.” (Wolfgang Zechner)

 

Rund um den Peršmanhof

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. JuniVergangene Woche veranstaltete der KZ-Verband/VdA Salzburg im Hörsaal 388 der GesWi-Fakultät (Rudolfskai 42) einen Vortrag der Standard-Journalistin Colette Schmidt über einen skandalösen Polizeieinsatz am Widerstandsgedenkort Peršmanhof der Kärntner Slowenen im Juli 2025, dessen “Aufarbeitung” nach wie vor zu viele Fragen offen lässt. In der Einladung dazu heißt es: “Detailliert schildert sie den Ablauf der Attacke selbst und vor allem die bis heute nicht abgeschlossene Aufarbeitung des Peršmanhof-Skandals.” Wir werden uns diese Veranstaltung anschauen und am kommenden Sonntag davon berichten, speziell im Hinblick darauf, was diese unterdrückerische und feindselige Haltung von staatlichen Stellen in den betroffenen Menschen alles anrichtet …

Rund um den PeršmanhofMaja Haderlap schreibt in ihrem Roman “Engel des Vergessens” über das Fortwirken einer nie so richtig bewältigten Vergangenheit sowie die daraus entstehenden Folgeschäden: “Vaters Hilferufe verwandeln sich,  seit ich studiere,  in gesellschaftliche, ja, auch in politische. Ich beginne in öffentlichen Zusammenhängen zu denken. Bin mir sicher, dass es die Haltung zur Vergangenheit in diesem Land mit sich bringt, dass unsere Familiengeschichten so befremdlich erscheinen und sich in solcher Verlassenheit und Isolation vollziehen. Sie stehen in nahezu keiner Verbindung zur Gegenwart. Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann. Ich sehe mich zwischen einem dunklen, vergessenen Kellerabteil des Hauses Österreich und seinen hellen, reich ausgestatteten Räumlichkeiten hin- und herpendeln. Niemand in den hellen Räumen scheint zu ahnen oder vermag es sich vorzustellen, dass es in diesem Gebäude Menschen gibt, die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden.” (Engel des Vergessens, S. 185/86)

Wie fühlt er sich eigentlich an, der Slowene in mir? Schauen wir einmal, was sich da so alles herausfinden lässt für einen gedeihlicheren Umgang mit uns selbst und mit der Welt … Wenn wir da noch etwas Laibach’sche Ironie drüber streuen, etwas gesellschaftskritische Viecherei darunter mischen und uns ein paar Gedanken über transgenerationale Traumaweitergabe machen … wohin wird uns das führen, wenn wir persönliche und soziale Vergangenheitsbewältigung als etwas begreifen lernen, das auch jenseits von aufgezwungenem Runterschluckenmüssen stattfinden kann?

 

Live And Let Live

 

Genug ist nicht genug

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Juni – Vielleicht ist alles auch ganz anders. Bei Konstantin Wecker bin ich jedenfalls schon einmal voreingenommen, ich kenne ihn persönlich und er hat Spuren in meinem Leben hinterlassen. Spuren, die für mich wertvoll waren und mich in meiner Jugend dazu ermutigt haben, mich gegen das zu stellen, was mir als angeblich unveränderbar mitten auf meinen Lebensweg betoniert worden war. Er hat mich vor allem mit seiner Sprache dazu mitgenommen, meinen ganz eigenen Ausdruck zu entwickeln, nicht umsonst habe ich ihn immer wieder als “meinen Sprachlehrer” bezeichnet. Das alles hat mit dem 1977 erschienenen Album “Genug ist nicht genug” angefangen, das damals in Künstlerkreisen buchstäblich rauf und runter gespielt wurde – und das wir hier und heute noch einmal auflegen.

Konstantin Wecker - Genug ist nicht genugDas ist die eine Seite. Doch bliebe dieses Bild unverändert so in meiner Erinnerung bestehen, könnte man es durchaus als eine Idealisierung beschreiben, als etwas einseitiges und unverrückbares, das meiner weiteren Entwicklung mit der Zeit genauso behindernd im Weg stehen würde wie der eingangs erwähnte Vergangenheitsbeton. Denn ein mieser Macho, das konnte er auch sein. Ein Alkoholiker, der oft “eine Spur der Verwüstung durchs Leben anderer Menschen zog”. Und einer von den bösen Jungs, hinter deren rebellischen Posen ich mein Zartes und Verletzliches nur allzu gern versteckte. Seit ich aber sein Buch “Der Liebe zuliebe” gelesen habe, in dem er schonungslos über seine jahrzehntelange Alkoholabhängigkeit, seinen zuletzt erfolgreichen Entzug und seine ihm erst dadurch wieder bewusst werdende Verantwortung für alle Licht- und Schattenseiten seines wilden und zärtlichen, verwegenen und sehnsüchtigen, dramatischen und bedürftigen Lebens berichtet, beginne ich zu begreifen, wie sehr diese verschiedensten Facetten in uns allen ein wechselwirkendes Ganzes sind.

Und es erfüllt mich mit Zuneigung, und es erfüllt mich auch mit Abscheu – doch diese Gefühle, wie schmerzvoll und widersprüchlich ich sie auch erleben mag, sind meine Verantwortung, auch meinem eigenen Leben gegenüber. Sich jetzt abermals hinter einer der vielerorts angebotenen Entlastungsposen zu verstecken, wie etwa der des moralischen Rechthabens, bringt mich auf meinem Weg, meine eigenen Licht- und Schattenseiten in mir zu integrieren, auf gar keinen Fall weiter. Denn um für etwas verantwortlich sein zu können, solltest du es dir schon vertraut gemacht haben.

 

“Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.

 

PS. Der inzwischen auch ausgezeichnete Film IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” ist bis Freitag, 20. 6. mehrmals täglich im Wochenprogramm von FS1 zu sehen, immer im Doppelpack mit dem wunderbaren “Schräge Vögel Studiotalk”, moderiert von Djordje Čenić (Studio West).