Incontro culturale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. JuliEine ganze Sendung nur mit italienischer Musik! Weil es bei jedem “ins Leben treten”, bei jeder Begegnung zuallererst darum geht, wie es sich anfühlt. “Wenn es nicht spüren darf, dann fängt es halt an zu denken” (das kleine Lebewesen). Natürlich, sonst hätte es nicht überlebt. Doch Spüren und Denken müssen zusammenwirken, damit ihr ganzer Reichtum und ihre ganze Kraft zur Entfaltung kommen. Und dieses gleichzeitige Vorhandensein und sich auswirken können von Intellekt und Emotionalität ist ein Wesensmerkmal italienischer (und überhaupt mediterraner) Lebenskultur. Ein Incontro culturale, bei dem sich unsere beiden Hirnhälften (und noch mehr) begegnen und das Gefühlte mit dem Gedachten in Einklang bringen. Das Leben umarmt sich sozusagen selbst.

Als das Kind noch ein Kind war, verbrachte ich mehrere Wochen jedes Sommers in der Bucht von Sistiana. Dort begann meine Reise ins Eigene – etwa bei den bunten Fischen unter Wasser oder in den Vorstellungen des Freiluftkinos. Seitdem verbinde ich emotionale Spontaneität und ein dem Leben zugewandtes Entdecken (und in weiterer Folge auch beschreiben können) der eigenartigsten Abenteuer mit dem, was passiert, wenn man in Italien ist. Und das reimt sich auf erstaunliche Weise darauf, worüber Christopher und ich uns in einigen der letzten Perlentaucher-Sendungen unterhalten haben, wenn es ums Unterwegssein ging und ja: “Was urlauben sie sich?” Die wahrgenommenen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen alpiner, mitteleuropäischer und eben mediterraner Lebenskultur stellen “den sprachlich-gedanklichen Überbau” oder “die distanziert-reflektierte Beschreibung” dessen dar, was wir bei der Begegnung mit den sich dort begegnenden Kulturen so alles empfinden, erleben, und spüren.

Anders ausgedrückt: “Die Pizza schmeckt gut.” Ja, aber was genau meinst du mit “gut”? Kannst du das etwas detaillierter ausführen? Oder – wie fühlt sich das an, was du als ersten Eindruck mit “gut” beschreibst? Anderes Beispiel: “Dieser Song taugt mir voll.” Aha – bitte versteh mich nicht falsch, wenn ich jetzt “Warum?” frage. Ich will damit nicht an deinem Geschmack zweifeln, sondern verstehen, was genau an dem Song dein “gefällt mir” hervorruft. Ist es der Klang der Stimme? Oder ist es diese Verschiebung zwischen dem Schlagzeug und dem Gesangsrhythmus?”

Anmerkung: Für das Zustandekommen dieser Sendung waren einige Musiktipps sowie Hintergrundgeschichten meines Pizzaiolo Illy von der Pizzeria No. 1 überaus hilfreich.

 

Incontro culturale

 

Alex is Corner

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Juli – “Seit einem viertel Jahrhundert … eine der ersten Sendungen auf der Radiofabrik … CornerRadio … ebenfalls seit 25 Jahren mit dabei … unser lieber Kollege Alex Habitzreuther …” So und so ähnlich klingen die sich in letzter Zeit häufenden Würdigungen seines bemerkenswerten Engagements, das ihn seit 1999 nicht nur als Radiomacher, sondern vor allem als gestaltgebende Gestalt im JuZ Corner auszeichnet. Demnächst “geht er”, wie man das gemeinhin zu nennen pflegt, “in Pension” – und in dem Zusammenhang fällt schon auf, dass er der weiteren Entwicklung seines Lebens, seiner Arbeit sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Wirkung ungemein entspannt entgegensieht. Ein guter Grund, ihn zu einem Gespräch über seine Sicht auf das letzte Vierteljahrhundert einzuladen.

Alex is CornerDenn der entschiedene Verfechter umtriebiger Gelassenheit (oder war es gelassene Umtriebigkeit?) unterstützt uns ja auch noch in der Programmkommission und lässt darüber hinaus sowohl “Rund um den Radioschorsch” als auch bei anderen Gelegenheiten, etwa wenn  “Echte Menschen Live” einander begegnen, mit seinen Einsichten aus einem ganzheitlichen, nicht abgespaltenen Leben aufhorchen. Genau so etwas wollen wir einmal in einer Livesendung “einfangen”, weil wir neugierig darauf sind, wie sich zum Beispiel gemeinsam erlebte Musikkultur auf die Gruppendynamik in einem Jugendzentrum auswirkt oder wie überhaupt ein sicherer Ort (ein unverbunkerter Schutzraum) für die Jugendlichen entsteht, die mit sexuellen Orientierungen und Identitäten jenseits des angeblich allgemein Üblichen experimentieren möchten … oder was überhaupt Integration sein könnte in einem Stadtteil mit so vielen verschiedenen kulturellen und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Hintergründen … und … oder …

Wie sagte schon der alte Zen-Meister? “Man wird sehen.” Und so oder so ähnlich wird sich unser Gespräch auch entwickeln, irgendwie organisch, von einer Wendung des Lebens zur vielleicht überraschenden nächsten. Oder wie sagt der Corner-Radio-Macher? “Weil es ein Medium ist, das präsent ist, wo man spontan sein kann, wo man Menschen zusammen bringt, die sonst nicht zusammenkommen würden …” Und dann war da noch etwas “mit jener speziellen Hirnverdrahtung, die es einem überhaupt erst ermöglicht, die oft sprunghaften Veränderungen junger Menschen wertzuschätzen …”

 

Man wird sehen …

 

PS. Diese beiden Videos zu unserer heutigen Playlist solltet ihr euch zusätzlich zur gespielten Musik auch noch anschauenerzählen sie doch viel mehr als “nur” die Songs über die Situationen, in denen die Künstler*innen jeden Tag leben:

 

The Freelancers – Pse? … über Gefühllosigkeit und korrupte Politik im Kosovo

 

EsRAP & Gasmac Gilmore – Freunde dabei … über ein neues Selbstbewusstsein von Jugendlichen in den Wiener “Ausländervierteln”

 

Rachid Taha – Tekitoi?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Juli – Der leider viel zu früh verstorbene “Crossover-Pionier des Maghreb” und kulturübergreifende Ausnahmemusiker Rachid Taha hat uns ein sowohl künstlerisch als auch menschlich inspirierendes Gesamtwerk hinterlassen. Und einige Aspekte davon wollen wir in dieser Sendung hervorheben, indem wir sein 2004 erschienenes Meisterwerk “Tékitoi?” zumindest anspielen, denn das originale Album würde voll ausgespielt insgesamt 1:12:48 dauern. Viel zu lange – und das eine oder andere möchte ich schon auch sagen, etwa zur sehr belebenden Wirkung seiner Musik … in der sich traditionelle algerische Musiken wie unter anderem der Raï, dem er zeitlebens eng verbunden war) sowie moderne Einflüsse aus Rock, Punk und Electronic auf ganz einzigartige Weise verbinden

Rachid Taha - Tékitoi?So kommen im speziellen Fall gewohnte Worte wie verbinden, vermischen oder verschmelzen schnell an die Grenzen ihrer Aussagekraft und wirken beliebig. Ich möchte sie daher für die Art und Weise, wie Rachid Taha mit dem Zusammensein von Musikwelten aus Nordafrika und Europa und weit darüber hinaus umgeht, gar nicht mehr verwenden, sondern einer biosystemischen Metapher nachgehen: “Da geben sich die beiden Gehirnhälften die Hand.” Und ungefähr so stelle ich mir das Zusammenkommen und Zusammensein dieser vielen verschiedenen kulturellen Traditionen vor, wenn ich seine Musik höre, spüre und erlebe: Da geben sich Afrika und Europa die Hand, grinsen sich gegenseitig an, essen miteinander, erzählen sich Geschichten, packen ihre Instrumente aus und fangen an, gemeinsam zu musizieren. Es dauert nicht lange, bis sich daraus ein völlig selbstverständliches Fest entwickelt und sich auch die verschiedensten Tänze in einem einzigen zeitlosen Feiern des Lebendigseins auflösen. Genau so etwas in der Art habe ich schon einmal erlebt

Das war Anfang der 80er Jahre in Marokko, als ich einmal zu einer Berberhochzeit eingeladen wurde, bei der ich dann spätabends (was für mich völlig überraschend war) aufgefordert wurde, mit einigen bärtigen Scheichs zu tanzen … Zu meinem großen Glück hatte ich zuvor “im alten Mark” in Salzburg die Gelegenheit gehabt, einen ganz eigenen spontanen Ausdruckstanz zu entwickeln, den ich alsdann, einem Luftgitarre fudelnden Derwisch nicht unähnlich, zur allgemeinen Freude vollführen konnte. Das ich dabei das genaue Gegenteil von nüchtern war, erwies sich zudem als hilfreich.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, wäre ich neugierig, was ich ohne enthemmende Berauschung damals an verschiedenen feinen Nuancen von Gesichtsausdrücken und Stimmungen noch so alles hätte mitbekommen können. Aber da schau her – ich kann ja mein Heute-Ich in mein Damals-Ich zurückschicken und überhaupt auch im Hier und Jetzt neue Erfahrungen machen, nüchtern betrachtet. Wie zum Beispiel mit dem zauberhaften Stück “Stenna (wait)” von Rachid Taha, das mich jedesmal beim Anhören in einen gesamtkörperlichen Friedens- und Entspannungszustand versetzt.

 

Rock el Casbah