Windrad. Mafia. Formular.

corleoneKontrollwahn vernichtet das Förderwesen, neue Modelle sind gefragt. Schuld hat auch die Freie Kulturszene selbst.

In Sizilien stehen Windräder. Die Mafia hat über Strohfirmen europäische Fördermittel zum Ausbau der Windkraft erhalten. Gebaut wurden einige Räder, die meisten wurden niemals errichtet. Aber abgerechnet. Aufgeflogen ist der Schwindel durch Zufall, weil Beamte aus Brüssel nach Sizilien flogen. Nach Besuch eines Windrads, einem Mittagessen, ist man an den weiteren Rädern nur aus der Ferne vorbeigefahren worden. Als die Prüferinnen & Prüfer eines davon besuchen wollten, entpuppten sich diese als Attrappen. Potemkinsche Dörfer. Aus Sperrholz.

Schauplatzwechsel. Wien 2004. Aus Unzufriedenheit über die Qualität der Vergabe fordern einige Player der »Medienkunst« eine Selbstverwaltung der Förderungen. »netznetz« heißt die Initiative, viele machen mit. Die Verwaltung lenkt ein, ein Teil der Mittel werden zur selbstgewählten Verteilung an diese Initiative ausgeschüttet. Nach anfänglicher Euphorie, Experimenten nach Spieltheorie, versinkt die Szene in einem Verteilungskampf, der bis zu wechselseitigen Klagsdrohungen führt. Das Experiment wurde einige Jahre später weitgehend eingestellt.

Was ist aus den Beispielen zu lernen? In beiden Fällen hilft der Hausverstand: Finanzielle Selbstverwaltung funktioniert aus der Weisheit »Beim Geld hört sich der Spaß auf« nicht. Davor wurde in Wien gewarnt, diese Warnungen aber ignoriert. So geht es nicht.

Die »Windräder« hingegen führten zu Steigerungen von »Qualitätssicherung«. Immer mehr Dokumente, immer aufwändigere Anträge und Abrechnungen für alle. In ganz Europa. Auch innerhalb von Österreich. Nur: Die sizilianische Bevölkerung wusste, dass nur ein Windrad existiert. Man hätte sie nur fragen müssen. Jemand hätte »dort« sein müssen.

In der Qualitätssicherung gibt es einen Grundsatz: wer sie will, muss sie auch bezahlen. Haben Sie schon einmal davon gehört, dass jemand dafür mehr Mittel bekommt? Ich nicht. Das heißt, dass ein Theaterstück, dessen Produktion durch zusätzliche Formulare verbessert werden soll, sich verschlechtert, weil weniger Schauspielerinnen bezahlt werden. Dafür mehr Leute, die Formulare ausfüllen. So einfach ist das.

Die Freie Kulturszene Salzburgs will keine Selbstverwaltung, noch keinen Kontrollwahn. Dafür sind Hausaufgaben an Transparenz selbst zu leisten. Wer Bilanzen voreinander und vor der Öffentlichkeit verheimlicht – wie es leider üblich ist – darf sich über Kontrolle im Auftrag der Öffentlichkeit nicht wundern.

Und die Mafia? Wurde in den letzten Jahren durch Einheimische in Sizilien zurückgedrängt. Nicht durch bessere Formulare aus Brüssel, aus Wien, aus dem Land Salzburg.

Alf Altendorf ist Geschäftsführer des Community Radios »Radiofabrik« & kaufmännischer Geschäftsführer des Freien Fernsehens Salzburgs »FS1«. Beide veröffentlichen ihre Bilanzen.
Er ist im Vorstand des »Dachverbands Salzburger Kulturstätten«, im »Fachbeirat Medien des Landeskulturbeirats des Landes Salzburgs« und im Vorstand des nationalen »Verbands Freier Radios Österreich«. Überall kämpft er für effektive Vergabekriterien und Transparenz. Und war in Sizilien auf Urlaub.

Rundfunkgebühren: Von Raubrittern und Parteimedien (Salzburger Fenster 1/4/2012)

Als Raubritter wurden Angehörige des niedergehenden ritterlichen Standes bezeichnet, die sich durch Straßenraub und Plünderungszüge bereicherten.
Modernes Raubrittertum sind Steuern und Abgaben, denen keine erkennbaren Investitionen im selben Bereich gegenüberstehen. Budgetäres Strandgut.

Österreichs Rundfunkgebühren-System lässt den Bundesländern freie Hand, zusätzlich die sogenannte „Landesabgabe“ einzuheben. Das tut Salzburg kräftig: durch die Erhöhung ab April 2012 werden es heuer 9 Millionen sein. Medienförderung wird damit offiziell keine betrieben. Dafür werden inoffiziell in einem Sumpf aus Wirtschaftsförderung, Zuwendungen aus Parteikassen für Werbung bis Dienstleistungen nicht unbeträchtliche Mittel an einige kommerzielle Betreiber ausgeschüttet. Salzburgs Medien verlieren so an Glaubwürdigkeit.

Demokratie und Zivilgesellschaft braucht eine lebendige und parteiunabhängige Medienlandschaft. Die Geld kostet. Und uns allen wichtig sein sollte

Der Bund investiert aus den Gebühren in Salzburg nicht nur in den ORF, sondern über zwei Fonds auch in kommerzielle und nicht-kommerzielle Medien. Transparent. An Auflagen und Kriterien gebunden. Die für Qualität sorgen sollen.

Entweder schafft es die Landesregierung, einen eigenen Mechanismus zu entwickeln, der unsere Medienlandschaft absichert. Gerne ergänzend zum Bund. Mit besonderen Schwerpunkten und Kriterien. Aber transparent und glaubwürdig. Oder schafft die Landesabgabe vollständig ab.
Denn Raubritter sollten mit Ende des Mittelalters ausgestorben sein.

Hörtipp: Blinde im Blues (Teil 2) – The Sky is Crying Blues Radio

Teil 2 der Sendereihe „Blinde im Blues“ beginnt in in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Vorbei war es mit arm sein und an der Straßenecke ein paar Dollar verdienen. Jetzt beginnt die Zeit, in der die blinden Musiker, die in der Öffentlichkeit bekannt waren, auch ordentlich davon leben konnten und mitunter Superstarstatus erhielten.

Die Sendung Blinde im Blues (Teil 2) gibt es zum Nachhören auf http://cba.fro.at/42953

Veröffentlicht unter Text

Radiopreis der Erwachsenenbildung für Ohrenblicke. Radiokunst von Blinden und Sehenden

Die Radiofabrik gewinnt neuerlich den Radiopreis der Erwachsenenbildung. In der Sparte „Experimentelles/Interaktives“ geht der Preis ex aequo an die Ohrenblicke-Redaktion der Radiofabrik sowie an „Im Sumpf“ von FM4.

Aus einer Rekordzahl von 106 Sendungen von 11 Sendern kürte die Jury Anfang November in sieben Kategorien die diesjährigen Sieger beim Radiopreis der Erwachsenenbildung. Die Auszeichnungen gehen diesmal an Ö1, FM4, Radio Orange sowie an die Radiofabrik Salzburg. Die Radiofabrik wird somit zum vierten Mal in Folge mit diesem wichtigen Radiopreis geehrt. In der prämierten Sendung geht es unter anderem um den angeblich korrekten Sprachgebrauch im Umgang mit Blinden und Sehbehinderten sowie um ein Fotoprojekt von Blinden.

„Das ist ein großartiger Erfolg für die die Ohrenblicke-Redaktion und erstklassige Arbeit der Radiofabrik“, freut sich Alf Altendorf, Geschäftsführer von Salzburgs Community Radio. Er erneuert die Forderung nach einem Gebührensplitting auf Landesebene: „Wir schätzen die Zusammenarbeit mit unserem Partner Land Salzburg, vermissen aber eine finanzielle Beteiligung an unseren Aktivitäten aus der Landesmedienabgabe. Geld, das vorhanden ist, aber nicht in den Medienbereich fließt“. Viel weiter sei der Bund, der im Rahmen des NKRF-Nichtkommerziellen Rundfunkfonds Community Medien immer stärker fördert. Diese Gelder werden aus dem Gebührenanteil des Bundes gespeist. „Eine ähnliche Lösung“, so Altendorf „wünschen wir uns auch für das Bundesland, was Absicherung und Ausbau unserer preisgekrönten Projekte garantieren würde“.

Veröffentlicht unter Text

EINLADUNG zum offenen Redaktions-Starttreffen am Do, 4. März., ab 18.00 Uhr in der Radiofabrik. Jede/r, egal ob blind, sehbehindert oder sehend, ist eingeladen, Teil der Redaktionsgruppe „Ohrenblicke“ zu werden!

Das von der Europäischen Union geförderte Projekt „Ohrenblicke – Radiokunst von Blinden und Sehenden“ möchte die Potentiale von Blinden und Sehenden nutzen.
In diesem integrativen Audioprojekt steht die gemeinsame Gestaltung von Radiosendungen im Vordergrund. In der Radiofabrik in Salzburg, bei Radio Z in Nürnberg und dem Verein Blinde und Kunst e.V. in Köln werden Redaktionsgruppen aufgebaut, die gemeinsam Sendungen & Beiträge gestalten. Die entstandenen Produktionen werden über die Freien Radios in Österreich und Deutschland als auch den projektbegleitenden Weblog verbreitet. Zum Projektabschluss im Herbst 2011 werden die Produktionen auch auf einer Audio-DVD veröffentlicht werden.
Das Projekt „Ohrenblicke“ verfolgt, wie die Freien Radios, einen partizipativen Ansatz, inhaltlich gibt es keine Vorgaben zur Gestaltung der Sendungen. Technische und inhaltliche Betreuung gibt es von Seiten der Radiofabrik. Vorkenntnisse sind für die Mitarbeit am Projekt keine erforderlich, das nötige Know-how wird in begleitenden Workshops vermittelt, die die Mitwirkenden kostenlos besuchen können.
Jede/r, egal ob blind, sehbehindert oder sehend, ist eingeladen, Teil der Redaktionsgruppe „Ohrenblicke“ zu werden!
Über die Produktion von Radiobeiträgen hinaus bietet das Projekt, die Möglichkeit als blinder oder sehbehinderter Mensch zu einem selbstständigen Audioproduzenten zu werden, einen kreativen Umgang mit Technik zu erlernen und künstlerische Ausdrucksformen durch Audioproduktionen zu entdecken.
Im Anschluss sind alle Interessierten im RadioClub, dem monatlichen Stammtisch der Radiofabrik, im ARGEbeisl willkommen!

Die Radiofabrik – Freier Rundfunk Salzburg sendet in Salzburg und Umgebung auf den Frequenzen 107,5 & 97,3 MHz (Cablelink 98,6 MHz) Sie versteht sich als Sender mit der größten Meinungsvielfalt in dieser Stadt. Bevorzugt erhalten Menschen und Gruppen Sendeplätze, die in den traditionellen Medien unterrepräsentiert sind. In Bezug auf die Zahl der ehrenamtlichen RadiomacherInnen und die in den letzten Jahren erhaltenen Auszeichnungen zählt die Radiofabrik zu den erfolgreichsten Freien Radios im deutschsprachigen Raum. Die internationale Ausrichtung der Radiofabrik wird durch die Vielzahl der bereits durchgeführten EU-Projekte deutlich.
Kontakt: office@radiofabrik.at, 0662-842961 (Barbara Winkler / Georg Wimmer)

Veröffentlicht unter Text

Blinde Menschen hören besser!

Scheinbar sichert das Sehvermögen „allein“ den Zugang zur Welt. Flimmern und flackern doch allerorts die matten Scheiben und schnellen Schnitte. Buntheit regiert…

Sprachlich wird Blindheit oft negativ besetzt: „blind läuft man in die Katastrophe“, ist „mit Blindheit geschlagen“, kaum der Rede wert, es handelte sich nur um „blinden Alarm“. Dagegen wird in Redewendungen wie z.B. „blinder Glaube“, „blinde Liebe“, „blindes Vertrauen“ und dem „blinden Vermögen“ einer Kunst oder Fertigkeit wie z.B. dem Musizieren ein Wissensbereich angesprochen, der jenseits der schlichten kognitiven Rationalität liegt. Nur wenige Menschen haben eine Vorstellung davon wie es ist blind zu sein. Immerhin: Das Schließen des Auges, assoziiert das Blindsein eines jeden in jenem Augenblick. Blindheit ist nicht nur Verlust des Lichtes, sondern auch Chance zur Dunkelheit.

Sehbehinderte Menschen erfahren sowohl in der Berufswahl als auch bei Freizeit- beschäftigungen im Vergleich zu Sehenden starke Einschränkungen. Diese Menschen besitzen jedoch aufgrund ihrer Behinderung meist einen überdurchschnittlich gut ausgeprägten Hörsinn, haben aber selten die Möglichkeit ihre hohen auditiven Fähigkeiten kreativ einzusetzen. Radio ist ein barrierefreies Medium, das von blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen gleichermaßen genutzt werden kann.

Veröffentlicht unter Text

Love – Hate – Synthesis. Are Dialogues possible? (BFR 11/2018)

(von Alf Altendorf für d. Rundbrief d. Deutschen Bundesverband d. Freien Radios )

Der Niedergang des Westens erscheint am Beginn des 21. Jahrhunderts unaufhaltsam. Von unerträglich hohem Niveau ausgehend und notwendig.

Nach Jahrhunderten Dominanz und einhundertfünf­zig Jahren totaler globaler Hegemonie muss sich der Westen wieder dem Wettbewerb mit anderen Kul­turen stellen. Seine als universell postulierten Werte stehen auf dem Prüfstand. Von Außen. Von Innen.

Jenseits von militärischer Überlegenheit wurde dieser Wertekanon lange überschätzt. Leitkulturen waren schon immer primär „Kulturen der Waffenmacht“. Und nur sekundär „Kulturen geistiger Überlegenheit“: Das antike Griechenland degenerierte zum intellektu­ellen Entertainer im römischen Imperium. Das Jahr­tausende alte China versank über zwei Jahrhunderte zum Fußball zwischen westlichen Imperialismus und japanischem Rohstoffbedarf.

Zyniker wie Samuel P. Huntinton reduzieren über­haupt die historisch eigenständige Leistung des Westens auf zwei Sekten. Mit zwei Chefideologen : „Die Aufklärung“ – Voltaire . „Der Kapitalismus“ – Adam Smith . Der Rest – von Religion bis Kunst – sei eher Antizipation und Vereinnahmung fremder Lei­stung. Mit anschließendem Recycling und Verkauf als eigene.

Die Faszination, die westliche Kultur ausübt, beruht nicht nur auf Gewaltmonopol. Beziehungsweise Anspruch darauf. Sondern auf diese Gewalt stützende wirtschaftliche Überlegenheit. Der kapitalistischen Wettbewerb und sein Erfolg mag – im Ideal – freie Konkurrenz ums beste Produkt bedeuten. In Praxis aber auch „Krieg mit anderen Mitteln“ wie Ver­nichtung von Ressourcen und Humankapital oder Diebstahl geistigen Eigentums sein. Profit heiligt die Mittel.

Waren die Raubzüge der Industrie im Industriezeit­alter noch mit Aufwand verbunden – illustriert im Abenteuerroman durch „Stehlen von Blaupausen und Prototypen“, also materialisiertem Wissen, bietet die materielose Wissensgesellschaft einen perfekten Nährboden für perfekte Verbrechen.

Der Theoretiker und Künstler Armin Medosch beschrieb diese kriminelle Energie kürzlich kritisch anhand Web 2.0:
„(…)So called Web 2.0 or social software platforms such as YouTube, Myspace, Facebook, Flickr, are the most prominent examples of a new industry which threatens a new enclosure movement. First, in the attention economy of the mainstream media we hear a lot about those but nothing about this other world of free software which has created the conditions for those venture capital funded network platforms to grow. Secondly, also free and open source software programmers live within a capitalist economy which forces them to earn money. A process of buying up scores of key people form free software projects to work on those proprietary projects can already be observed. And last not least the copyright industry is trying to clamp down on the free exchange of infor­mation and is trying to cripple the hardware architec­ture of computers and the inner working of the net in order to install global copy protection schemes. Finally, the paranoid militant nation state is seeing it as its good right to install surveillance architectures to monitor the global flows of information.“ (Armin Medosch, „45 RPM / Revolutions Per Minute – Radio Art Histories Remixed, Maxi Single Version, 2007 – http://ung.at/cgi-bin/twiki/view/Main/RevolutionsPerMinute ) 

Der Kapitalismus als „Wegelagerer von Ideen“ befand sich für eine kurze Dekade im Siegestaumel. Der Sieg über seinen jüngeren, idealistischen Bruder „Marxismus“ führte in die neoliberale Sackgasse und Selbstüberschätzung. Die Zeche für Ellbogen-Profit Einzelner bezahlt die Gemeinschaft. Mit Klimacrash. Kapitalmarktcrash. Dem Stamm-Kapital der Mensch­heit. 

Welche Rechte das heute weltweite kapitalistische System dem Individuum zugesteht, steht mehr in Frage als das Prinzip „Marktwirtschaft“. Die Aufklärung stellt die individuelle Vernunft in den Mittelpunkt, ist also „anti-kollektivistisch“, und „antiautoritär“. Auch wenn reines Vernunftdenken als „Moderne“ inzwi­schen überholt sein mag, Zivilgesellschaft in Form „individueller Widerstand gegen das System“ ist ohne sie kaum denkbar und Wesensmerkmal moderner westlicher Gesellschaft. 

Kaum verwunderlich, dass Kulturen – wie beispiels­weise die asiatische mit Betonung des Kollektivs – Zivilgesellschaft nicht nur als westliche Importware ablehnen, sondern vielmehr auf Inkompatibilität mit eigenen Werten verweisen.

Gibt es überhaupt universelle Werte? Ohne kulturell-historische Determinierung? Ohne Vereinnahmung von Playern im globalen Kampf? Gern wird auf Men­schenrechts-Konventionen und ähnliches gedeutet, nur lässt sich darauf einwenden, dass diese zu Zeiten hegemonialer Hochblüte des Westens – zumindest der amerikanischen nach dem Zweiten Weltkrieg – formuliert und etabliert wurden. Spötter behaupten sogar, dass in einer zunehmend multipolaren Welt völkerverbindender Kitt wie UNO, Menschenrechte und ähnliches – müssten sie neu beschlossen oder erst gegründet werden – wenig Realisierungschance hätte. 

Bertolt Brecht, Meister markiger Sprüche in agitpro­per Überhöhung, bringt das Spannungsverhältnis zwi­schen Ökonomie und Freiheit auf den Punkt: „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“.

Angewandt auf Civilmedia, Kommunikation und Technologie heißt es Digital Divide – mediale Emanzipation ohne Einbeziehung sozialer Fakto­ren, ein intellektuelles Spielzeug westlicher Eliten. Gefangen im Strudel aus „Aufklärung“ und Califor­nian Ideology das Hobby naiver Weltverbesserer und Gutmenschen, die erst recht nach Feierabend ihrem privaten Hedonismus frönen. Von Dialogen reden und gut gemeinte Monologe bewirken. Und in der Umar­mung einen rassistischen Witz mit umgekehrten Vor­zeichen einlösen: „Ich liebe Neger. Jeder sollte sich einen halten“.

Von Geschmacklosigkeit analoger Bauart sind auch die Community-Medien Mitteleuropas verseucht. So wenig mitteleuropäische Bildungssysteme Durchläs­sigkeit für MigrantInnen im Aufstieg erzeugen, so rar sind MigrantInnen – trotz Diversitäts-Geschwurbel – in den Organisationen vertreten. In Positionen mit Einfluss und Beschäftigungsverhältnissen. Dafür als Manövriermasse im geschönten Selbstbild gerne gese­hen. Dialoge sehen anders aus.

Vielleicht muss einfach akzeptiert werden, dass wir uns auf supra-kultureller, globaler Ebene wirklich wenig zu sagen haben. Dialoge schlicht unmöglich und sinnlos sind. Vielleicht sind punktuelle Diskus­sionen mit Ergebnis in einzelnen Sachfragen möglich: „Klimakollaps ja oder nein?“ Geht vielleicht. Der Rest ist Rauschen und unverständlicher Monolog.

Worüber wir reden können und müssen, sind Fragen der inneren Organisation von Civilmedia . Also auf „communaler“ Ebene. Wie egalitär ein Nebeneinan­der erzeugen? Wie emazipativ einen Culture-Clash aushalten? Wie Hierarchien – wo sie notwendig erscheinen – so zu bauen und leben, um allen gleich­wertig Chancen zu bieten? Hier hat Dialog Sinn. Und geht vielleicht.

(von Alf Altendorf, Radiofabrik Salzburg )

„Freie Medien in Salzburg: die Radiofabrik – Impressionen eines Zuwanderers“ (Kulturrisse 10/2008)

(Erschienen in Kulturrisse 10/2008)

Erster Unterschied: Am Wochenende nur zwei Tageszeitungen. Zum Klauen. Klar, für Mediaprintprodukte wie Kurier und Krone gebe ich – seit langem schon –  keinen Cent aus. Drängelt sich in Wien an nackten Verkehrschildstangen ein Füllhorn an Blätter um zahlende oder „sparende“ LeserInnen, sind es in Salzburg-Stadt nur zwei. Schlechtes Gewissen für Diebstahl? Nicht angebracht. Wenn auch ungewollt steigere ich Auflage und Reichweite. Steigere die Preise für Anzeigenkunden. Und bin angeblich knallhart einkalkuliert. Im faktisch heiss umkämpften österreichischen Zeitungsmarkt. Die Abwesenheit des Platzhirsch „Salzburger Nachrichten“ in der praktischen Folientasche lässt vermuten, dass die SN ein weniger anzeigenabhängiges Geschäftsmodell hat. Vermutlich.

Zweiter Unterschied: der Briefkasten quillt über. Ich habe noch nie ungefragt so viel Post erhalten. Noch nie. Als ich zuletzt eine Woche lang den Kasten nicht ausräumte, gab´s Zurechtweisung vom mürrischen Zusteller der Post. Ich möge doch „endlich Platz machen“. Wofür? Ein gutes Dutzend Bezirks- und Grätzelblätter, Infomag´s von Stadt, Land – und was weiss ich noch von wem – füllen den Altpapiercontainer. Und sind – Surprise, Surprise! – manchmal journalistisch ambitioniert. Ich kann mich nicht erinnern, in einem Wiener Bezirksblatt jemals einen Innenpolitikteil gefunden zu haben. Mit recherchierten Artikeln. Mit Niveau. Selten. In Salzburg geht das.

Vermutung: der Arbeitsmarkt für Journalisten ist in Salzburg eng. Sehr eng. Gute Leute schreiben für Medien, deren Verbreitung hart an der Landesgrenze endet.

Sie merken, ich bin kürzlich von Wien nach Salzburg migriert. Und wundere mich. Wundere mich zum Beispiel über ratlose Suggestivfloskeln Salzburger JournalistInnen, die auf „Was einem denn HIERHER verschlagen habe?“, Erklärungen wie „Liebe“, „Erbschaft“ oder „Lebenskrise“ erwarten. Vermutlich. Und nach der falschen Antwort  – „Job“ – einem selber Herz und Magen über „Kinder“, „Pergola“ und „Karriereknick“ ausschütten. Ich habe selten einen Ort erlebt, wo sich Menschen – für Aufenthalt an demselben – so ausdauernd entschuldigen.

Um mich endgültig um Kopf und Kragen zu schreiben: Salzburg bietet eine hübsche Kulisse. So man im richtigen Stadtteil wohnt. Bietet grossartige Gebirgslandschaften in Umgebung. So man motorisiert ist. Der öffentliche Verkehr ist – nennen wir es – ausbaufähig. Hat eine vitale Kulturszene. So sie „festspielkompatibel“ am Establishment dockt. So lauten die Klischees. Meine Klischees. Die Wahrheit liegt nach einigen Monaten Erfahrung vorort – wie so häufig – irgendwo in der Mitte.

Tiefenpsychologischen Aufschluss bot kürzlich ein Statement einer Lokalpolitikerin. Im privaten Gespräch. „Freie Medien seien zu fördern, um vorallem Jugend zu halten“. Die Angst, als „good place to come from“ die Kreativindustrie „somewhere fucking else“ zu befeuern, scheint angekommen zu sein. Wirklich?

Zehn Jahre Radiofabrik On-Air – als bisher einziges freies Medium des Landes – zeichnen ein ambivalentes Bild.

Einerseits ist das Radio unbestritten. Mit 260 MacherInnen, fast alle relevanten Institutionen der Stadt und Umgebung an Bord, hat das Projekt grosse Akzeptanz. Und Relevanz. Die weit über eine Rolle hinausgeht, die vergleichsweise Orange 94.0 in Wien – mit mehr als zehnmal so grosser Population – spielt. Spielen kann durch grössere Konkurrenz und Angebot.

Ich treffe überall Menschen, die Radiofabrik machen, gemacht haben, oder machen wollen. Jüngere, Ältere. Und ihre eigene Story mit der „Fabrik“ zum besten geben können. Zweifellos ist zumindest die Salzburger Jugend-, Kultur- und Jugendkulturszene in einer Penetranz und mit Bezug zu diesem kleinen Radio durchsetzt, dass ich nur staunen kann. Erstaunlich, selbst in der Spitzenpolitik des Landes ehemalige Funktionäre der Radiofabrik zu finden.

Bewährt hat sich die langjährige enge Kooperation mit der ARGEkultur – vormals „Arge Nonntal“, dem grössten Salzburger Kulturzentrums. Bei aller Rivalität – zwischen „Friendly Fire“ und „Unfriendly Takeover“ – steht besonders über den Neubau der ARGE eine exzellente Infrastruktur zur Verfügung, die heute der Radiofabrik ein professionelles Erscheinungsbild als professioneller Betrieb ermöglicht. Die nicht nur einmal Gästen ein positiv-erstauntes „Wow, das hab ich mir bei euch anders vorgestellt..“ entlockt. Ein Modell, dass sich auch in Linz im Verhältnis zwischen Stadtwerkstatt und Radio Fro bewährt hat.

Erfolgreich beibehalten wurde die basisdemokratische Mitbestimmung der Communities am Betrieb: Die Radiofabrik gehört ihren MacherInnen. Es ist möglich, Vorstände zum Rücktritt zu zwingen. Leitung – bei fehlendem Rückhalt und betrieblichen Versagen – hinauszuwerfen. Alles geschehen 2007: der ehemalige Vorstand wurde ersetzt, die Geschäftsführung gekündigt.

Wohlmeinende Freunde haben mich vor diesem „Chaos“ gewarnt. „Nicht nur Salzburg, dann auch noch DAS?“.

Aus meinem Verständnis sollte kein „Freies Medium“ auf Prinzipien von „Checks and Balances“ verzichten. Heisst es doch – als Abgrenzung zu Community Medien: „Freie Medien sind selbstbestimmt und selbstorganisiert“. Was von Sinn her auch die Einflussmöglichkeit von Programm-MacherInnen auf betriebliche Strukturen vorschreibt. Wenn beispielsweise – und von mir schon mehrfach öffentlich kritisiert – OKTO.tv und Orange 94.0 dieses Prinzip nachwievor verletzten, in dem Vorstände keiner Kontrolle der Basis unterliegen, lässt sich das auch  als Ausdruck von Schwäche und Misstrauen den eigenen Communities gegenüber verstehen.

Frustrierend ist nach einer Dekade die budgetäre Situation der Radiofabrik. Zwar ist es gelungen, über ausdauernde, langjährige Aquise einen der grössten und erfahrensten EU-Projektbetriebe des Landes aufzubauen. Und sich dadurch Autarkie von nationalen und lokalen Fördergebern zu erwirtschaften. Nur um bedauerlicherweise festzustellen: SO allein lässt sich ein Radio nicht nachthaltig aufrechterhalten.

Während die Stadt-Salzburg sich inzwischen merkbar engagiert – die Radiofabrik hat eine „mittelfristige Fördervereinbarung“ mit mehrjährigen Laufzeiten, sind Zuschüsse vom Land kaum vorhanden. Unverständlich, hebt doch das Land eine Landesmedienabgabe – Aufschlag auf die ORF-Gebühren Ermessen einer Landesregierung – in Millionenhöhe ein. Und gibt die Mittel ungewidmet aus.

Die Radiofabrik versucht zum Zeitpunkt einen politischen Prozess einzuleiten, der diesen Umstand behebt. Erfolge sind erst nach den kommenden Landtagswahlen im März 2009 zu erwarten.

Oskar Kokoschka verlangte in den 1950ern als Leistung für Gründung der Sommerakademie: ein Haus und ein adäquates Gehalt. Dem ist nichts hinzuzufügen….

Alf Altendorf ist seit März 2008 Geschäftsführer der Radiofabrik Salzburg

„Sex & Maschinen – Dating“ (ORF Matrix, 06/2007)

Geschichten über Sexualverhalten mit Technologieeinsatz (von Alf Altendorf)

(Erschienen ORF Matrix 06/2006)

„Das Licht is völlige Scheisse!“. Ich sitze neben Henriette und starre auf den Schirm. Pornoclips aus dem Netz. Eine anregende, gewollt verfängliche Situation als Vorspiel. Denken Sie vielleicht. Dem ist nicht so. Jetzt. 

Als ich sie zu mir nach Hause – zur  „selbstgebastelten Artischocken-Spezialität“ – einlud, gab es – klar – Hintergedanken. Zuerst die Spezialität. Der Rotwein erledigt den Rest. Den Fall der Hemmungen. Dachte ich.

Henriette war trinkfest. Was ich nicht bin. Und als sie den Reserve-Wodka auch noch köpfen wollte, wusste ich, dass Handeln angesagt ist. Solange es noch geht. Ich sturzbetrunken bin. Sie geht.

Natürlich war es eine perfide Idee. „Hab ein paar Filme auf der Maschine“, meinte ich. Bittorrent, danke. Zu direkt wollte ich ihr nicht mit Geschlechtsverkehr ins Haus fallen. Deswegen eine Zwischenlösung zur Anbahnung. Solange es noch geht.

Henriette ist nicht nur trinkfest, sondern auch Cineastin. „Die beste Pornographie ist Oshimas »Im Reich der Sinne«. Oder »Secretary«. Oder »Das grosse Fressen«“, meint sie jetzt. Das meine ich zwar auch, aber wichtiger, dass sie Arsch an Arsch neben mir hockt. „Lars von Trier hat »Pussy Power« gegründet. Pornos für Frauen.“ Ich wusste nicht. Nicht dass Von Trier sowieso alles zuzutrauen ist, und Dänemark ein blühendes Land mit blühender Sexindustrie zu sein scheint – ich wusste trotzdem nicht. „Überhaupt sind die meisten Pornos für Männer. Das ändert sich“. Sie nimmt mir die Maus aus der Hand.

Henriette ist nicht nur Cineastin, sondern auch Pornographin. Frauenbewegt. „Frauen wollen vorallem eines: Handlung. Erzählte Handlung“, führt sie weiter aus. Handlung, genau, „Handlung“ war eigentlich mein Stichwort gewesen. Ich rücke näher. „Keine Frau will Dreck am Set. Schau dir DAS an, der Lacken hat sicher schon lange kein Mittel gesehen“. Mir fällt ein, dass ich das Klo geputzt habe. Das Waschbecken nicht. Scheiss Kocherei. Vergessen. Sie war gerade Händewaschen. „Ausserdem ist das Licht völlig hinüber. Das hätte  »Willkommen Österreich« besser hingekriegt“. Ich schaue genauer. Versuche. Scheiss Wodka. Sie hat recht. Mir fällt ein, dass sie im Bad das Licht nicht aufgedreht hat. Vielleicht hat sie die Schmutzränder in der Badewanne übersehen. Nicht sehen können. „Als ich in Kopenhagen war, hatte ich eine Affäre. Mit einem Dänen“.

Ich verkneife mir die Frage, ob es Lars von Trier war. Einerseits gut, da mir das Sprechen zunehmend schwerer fällt, andererseits schlecht, denn Henriette ist nicht nur Pornographin sondern auch Filmemacherin. Ich stelle mir vor, mit Henriette dauernd nach Dänemark fahren zu müssen, weil sie für Trier Frauenpornos drehen will. „Der Däne hat dauernd Pornos gekuckt“. Ich stelle mir vor, mit Henriette und dem verrückten Lars von Trier wodkasaufend Filme zu kucken, bis mir schlecht wird. Und er mit ihr ins Bett geht.

„Männer lernen aus Männerpornos zum Beispiel, dass Frauen gerne »hart von hinten« genommen werden. Das ist Schwachsinn.“ Ich nehme ihr die Maus weg und stoppe den Download des Rocco Siffredi-Clip. Siffredi ist berühmt dafür. Genau dafür. „Und überhaupt. Diese Dialoge. Unpackbar“. Dafür auch. Genau dafür. Und ich für Dialoge, ja keine Dialoge, nicht heute, der Wodka, sie wissen schon.

Ein paar Wochen später bin ich ins Kino gegangen. Ohne Henriette. Zu „Idioten“. Von Lars von Trier. Ich habe noch immer keine Ahnung, was „fortgeschrittene Pornographie“ ausmacht. Gender neutral. Aber wenn Sie mich fragen, oder Henriette mich fragen würde: Ungefähr so. Warum? Stellen Sie sich vor, sie liegen mit Lars von Trier…