Melting Palms aus Hamburg

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. Mai“Moin!” oder in diesem Fall noch besser “Bitte. Danke. Guten Morgen!” Denn so hat sich die heutige Entdeckung zugetragen. Frühmorgens war ich im Fernsehkabel unterwegs und flehte beinah: Bitte, gibts da nicht irgendwas, das kein Schas ist?” Und siehe, auf OKTO TV sah man die Wiederholung einer TIDE Session aus Hamburg. Da orgelte eine Band mit drei Gitarren (nebst Bass und Schlagzeug), die sich ganz wunderbar nicht nach dem sonstüblichen Kommerzlulu anhörte. Danke, das ist endlich mal was Eigenes zum gedeihlich Wegschweben.” Und so bescherte mir die Begegnung mit dieser bislang noch nicht gekannten Musikkapelle einen von innen heraus guten Morgen. Übrigens, die Band nennt sich Melting Palms – und gehört, so finden wir, noch viel öfter gehört.

Melting Palms LiveZu diesem Behufe bringen wir euch dieses angenehm anders klingende Musikprojekt zum Maiausklang zu Gehör. Da werden eure Ohren aber Augen machen! Seht einfach mal selbst, was ihr beim Zuhören alles spürt. Uns sind bekanntlich die weit ausgespannten Klangweltreisen in jegliche Sphären und Dimensionen stets ein besonderer Genuss. Und genau das lässt sich mit den Melting Palms erleben (wenn man die Grundstruktur des Rock schätzt und zu Sphärenklang nicht ausdrücklich elektronische Maschinenmusik assoziiert). Darüber hinaus ist die Zeitlosigkeit dessen, was da geschaffen wird, bemerkenswert. Denn wiewohl sich in den diversen Schichtungen und Collagen der Band zahlreiche Anklänge und Zitate entdecken lassen, klingen sie nie wie Nachgespieltes aus vergangener Zeit, sondern wie neue Schöpfungen aus gediegenen Materialien. Dadurch stimmen die üblichen Genreschachterln der Musikstilzuschreibung aber auch nur bedingt, beziehen sie sich doch bestenfalls auf das Ausgangsmaterial und nicht auf dessen Verbeabeitung zur hier vorliegenden Gesamtkunst. So fand ich im Titel “Illusion” (den ich für unsere Signation verwendete) einige Elemente der Band x-beliebig aus den frühen 80ern, allerdings ohne den faden Beigeschmack, es handle sich um bloße Pose und Kopie.

Viel wichtiger als jede Analyse (und damit verbunden meist Einteilung in dieses oder jenes) ist doch das direkte Erleben dessen, was da vor sich geht. Die Spielfreude, die Hand- wie Mundwerkskunst, die Hingegebenheit an etwas Größeres, Ganzes. Das Überzeugtsein von der eigenen Aufgabe, vom eigenen Daseinsgrund, noch dazu in Gemeinschaft. Die Stimmigkeit der Schnittmenge. Manches davon mag als Video deutlicher zu Tage treten – und manches mag sich ohne Bild den Ohren offenbaren.

Wir sind ein geiles Institut.

 

Rettet dem Alternativ

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Mai“Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse.” Diesen Satz, den Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” dem weltweisen Fuchs in den Mund legt, habe ich viele Jahre lang mit einem anderen ergänzt: “Sprache ist auch eine Quelle für viele Verständnisse.” Inzwischen hat sich vieles verändert – man bleibt jedoch für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat. Wollen wir uns also diesmal das Verändern einzelner Bedeutungen anschauen – und uns überlegen, wie und warum es dazu kommen mag. Die großen Leute sind nämlich wirklich sehr sonderbar. Alternativ etwa (aus anderem geboren) galt lange Zeit als positiver Begriff für das Entwickeln neuer Lebensmodelle, die nicht zu den bekannten Ergebnissen wie Weltkrieg und Zerstörung führen sollten.

AlternativHeute wird ein politisches System, das Wortgetüme wie zum Beispiel Wachstumsbeschleunigungsgesetz hervorbringt, gern als alternativlos bezeichnet, während extrem rechts von allem und jedem eine “Partei” vorkommt, die sich “Alternative für Deutschland” nennt. Alternativ zur Zerstörung durch den entfesselten Kapitalismus bietet sich somit die Zerstörung durch den entfesselten Nationalismus an. Wie schön! Ein echter Fortschritt – ins ewiggestrige Jahrhundert. Die Querulantenpartie als Ausweg aus dem Untergang – in den Untergang. Und unsereins wird zerquetscht zwischen den Bedeutungen, die einigen einst brauchbaren Begriffen tückisch eingeflößt wurden. Pejorisierung (diese Bedeutungsverschlechterung der Worte im Lauf der Zeit) schön und gut, aber hier scheinen uns allerhand Propagandawichtel mit Brandbeschleunigern zugange zu sein. Wie sonst könnten unschuldige Worte wie alternativ” oder “quer” in kürzester Zeit zu verdächtigen Begriffen degenerieren? Oder “Utopie”, das im Altgriechischen den Nicht-Ort (Ou-Topos) wie den guten Ort (Eu-Topos) beschreibt, also die Vorstellung von etwas (noch) nicht Vorhandenem, wie es gut, richtig und schön beschaffen sein müsste (die Vorstellung von einer “besseren Welt”) – wie kann dieser an sich positive Begriff dermaßen zum Vorwurf der irrealen Phantasterei entgleist sein? Also, WIE?

Sprache als Dialog zwischen Menschen ist unendlich viel mehr als das Erteilen von Anweisungen zum jeweils gewollten Funktionieren. Und ebenso unendlich viel mehr als das Grunzen von Gefühlsrülpsern zur jeweils herrschenden Befindlichkeit. Und noch einmal unendlich viel mehr als das Ausführen von Kommandozeilenbefehlen zur jeweils programmentsprechenden Vorschriftsgerechtigkeit. Der Mensch wird nie eine Maschine sein, Softpower hin und Socialmedia her. Programmierts euch DAS in eure Weltherrschaft – und schon ist sie abgestürzt. HERRLICH. Wir sind für das verantwortlich, was wir uns vertraut gemacht haben.

Vertrauen wir unserer Sprache?

 

The Young Gods XXY

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Mai“Ein Fragezeichen zu hinterlassen war immer unser Ziel – sowohl in musikalischer als auch sprachlicher Hinsicht. Ebenso bezüglich der Attitüde. Ich denke, darum geht es auch im Großen und Ganzen in der Rockmusik: mehr zu hinterfragen als zu akzeptieren und die Augen zu schließen.” Franz Treichler (The Young Gods). Die außergewöhnliche Band aus der Suisse romande veröffentlichte 2005 ein Best-Of-Album ihrer ersten 20 Schaffensjahre: XXY. Und eben dieses spielen wir heute. Genau genommen einen Großteil aus der ersten Hälfte des Doppelalbums, dessen zweiter Teil auch noch diverse Remixe und Raritäten enthielt. Der Standard berichtete darüber im Erscheinungsjahr. The Young Gods“der unverwechselbare, lärmende Sound eines musikalischen Vulkans”.

The Young Gods XXYElementar entfesselt und frontal “in your face” (Franz Treichler), so empfahl sich die schillernd brutale Klangkunst der genialen Zerleger und Rekombinierer auch unseren Gehörgehirnen, woselbst sie sofort zur Ausschüttung von erfreulichen Körperdrogen beitrug. Willkommen in der Postmoderne des Mai 2021! Endlich besteht zumindest Aussicht auf einen gewissen Neubeginn von vertrauten Lebensäußerungen. Das während des langen Ausnahmezustands in uns Fragmentierte muss wieder aufgeräumt, neu bewertet und neu kombiniert werden. Wie nach einer langen psychedelischen Reise oder einer Nacht extremer Exzesse. Guten Morgen, wer ist das da im Spiegel? Egal, ich putz dir trotzdem die Zähne. So geht Versöhnung mit sich selbst. Es wird zwar nie ein Licht am Ende des Dummerls geben, doch inwendig hauen wir auf den Tisch, dass die Lebensgeister ausfahren. Dass es die Genreschachterln zerfetzt! XXY ist DER Soundtrack zum Sprichwort “Alles neu macht der Mai.” Auch die Standard-Redaktion hat das damals begriffen:

“Als eine der ersten Bands wagte das Schweizer Trio The Young Gods Mitte der 80er, der Rockmusik ihr historisches Gepäck zu entreißen: reine Gitarrenklänge wurden gemischt und neu zusammengefügt – der unverwechselbare, lärmende Sound ihres musikalischen Vulkans war geschaffen … Sound, Rhythmus, ihre Symbiose zwischen Organischem und Mechanischem, meist eingepfercht in die Schubladen von Ambient, Techno, Industrial und (Post-) Rock, vieles manchmal klassisch angehaucht, drehen sich seit Anbeginn immer um das Neue.”

Amen!

PS. Ein legendäres Konzert der Young Gods mit Erika Stucky (den Willisau-Bootleg) haben wir zum 50-jährigen Woodstock-Jubiläum bereits in dieser Sendung gefeiert.

 

lt53 – Klima

Klimakrise (WH mit Umgestalung einer Sendung aus 2019)

Dazu gibt es in wieder Grundlageninformationen, Hintergründe, Statements, Vorträge und einen Bericht von, mit und über die Bewegung „Fridays for Future“. Dazu habe ich die Freitags-Demonstation und das „KLassenzimmer“ am Mozartplatz begleitet und bringe akustische Impressionen (Reden, Interviews, Transparent-Inhalte, ..) und Eindrücke in der Sendung.

Sehr interessante Aspekte zum Thema Klimaschutz und Mobilität lieferte dort der Experte und Klimapolitik-Kritiker Winfried Wolf, der sich mit der Macht der Mobilitätsindustrie und der Notwendigkeit einer auch kritischen Betrachtung von Mobilität und Elektroautos auseinandersetzt.

 

 

Ein Vortrag der Klimaexpertin Helga Kromp-Kolb, den sie im Rahmen der Vortragsreihe „Grundlagen des Klimawandels und der Klimapolitik“ gehalten hat, wird ebenfalls in der Sendung behandelt.

 

Nachzuhören unter: https://cba.fro.at/499425

Über eine Rückmeldung zur Sendung / zu den anderen Sendungen wie Kommentare, Anregungen, Kritik, Wünsche freue ich mich sehr. Sie können dies gleich hier eintragen.

Alt und Jung und Jung und Alt

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Mai“Aber ihr seid beides!” Dieses Apocalypse-Now-Zitat veranschaulicht unser aller Zwischenheit trefflich. Von Beginn an vergehen wir. Und bis zuletzt leben wir. Da ist immer beides zugleich. Alt und Jung sind untrennbar miteinander verbunden. Auch wenn das im Jugendclub wie auch im Altersheim zunächst anders ausschaut. Apropos, geht es alten Menschen besser, wenn sie plötzlich Senioren heißen? Oder Senior*innen? Best-Ager gar? Na also. Bitte. Danke. Pubertäter aller Länder, begreifet euch! Und Insass*innen aller Altersendlager, werdet euch bewusst: Jung ist der, der Junges tut. “Ihr seid am Leben. Das ist alles, was zählt. Ihr seid am Leben!” Darauf lässt sich dann, egal ob alt oder jung, nur noch eins erwidern: “Das ist die Wahrheit.”

Alt und Jung und Jung und Alt AusblickNaturgemäß blicken Menschen unterschiedlichen Lebensalters jeweils anders in die Welt. Sie haben ja auch verschiene Interessen und Schwerpunkte. Kein Jugendlicher wird jemals abgeklärt und reich an Lebenserfahrung die Entwicklung des Weltgeschehens im Rückblick kritisch würdigen. Kein noch so agiler Herangereifter wird jemals mit Entwürfen für seine Zukunft schwanger gehen und dabei auch noch berauscht die Nacht durchtanzen. Drecksbiologie! Da kann man möchten was man will. Was man aber kann, ist in einen Dialog treten, über die genannten Grenzen hinaus. Was man auch kann, ist miteinander in Resonanz geraten, da lösen sich ja viele dieser Genregrenzen, Geschlechtergrenzen, Generationengrenzen auf, ohne dass man sie künstlich unterdrücken, wegverdrängen oder zuschütten muss. Das ist ein Anflug von Demokratie – gegenläufige Interessen unter einen Hut zu bringen.

Alt und Jung und Jung und Alt GezeitenDem Anfang wie dem Ende wohnt ein Leben inne. Und wie sehr erst dem Dazwischen! Kein Funktionieren, keine Staatsbürgerschaft, kein verregeltes Verrinnen von Lebenszeit. Staat dessen Denken und Fühlen und Fragen und Ergründenwollen. Neugier und Forschergeist und unstillbare Sehnsucht nach lebendiger Antwort. Nach Wahrnehmung. Als Mensch, nicht als Molekül. Das Grundbedürfnis, den elementaren Prozess des eigenen in die Welt Wachsens “zu einem guten Ende” zu bringen. Das in jedem einzelnen Vorgang des Lebens tobende Verlangen, von etwas, von jemand, überhaupt angesprochen zu werden. Und die Reaktion zu erfahren, die der Fragestellung entspricht. Wenn das nicht geschieht, stirbt etwas ab im Lebendigen. Noch bevor es hinreichend alt geworden ist, um wiederum Junges zu inspirieren. Noch bevor es jung genug ist, um überhaupt alt zu werden. Die herrschenden Weltverhältnisse der Macht zerstören nicht nur das bereits vorhandene Leben – sie vernichten es schon vor seiner eigentlichen Entstehung. Das Menschsein wird wortwörtlich “im Keim erstickt”. Wem das nicht mehr weh tut, der/die ist zu einem Teil der Banalität des Bösen” geworden.

Alt und Jung und Jung und Alt MusikBöses zerteilt und zertrennt das Große und Ganze nämlich so weit, bis die Lebensfrage nach Antwort genau gar nichts mehr vorfindet, sich daran zu verstehen. Das ist, was Hannah Arendt insgesamt mit dem Begriff meint: Die Weigerung, selbst Verantwortung zu tragen, zerbröselt jedes Verstehenwollen ins schiere Nichts, ist also seinem Wesen nach Vernichtung. Ist also selbst nichts anderes als Nichts. Auf Nichts lässt sich auch nichts antworten, es sei denn man ist ein Hupfhans und Hampelzwerg im Scheinweltgedümmel der Imageindustrie. Nichts als Etwas zu verkaufen, noch dazu für echte Arbeit, echten Schweiß und echte Lebenszeit, das hat wiederum durchaus was Diabolisches. Ist das die große Weltverschwörung zum Untergang und zum Zerfall des Lebendigen? In Abwandlung von Jan Josef Liefers könnte man sagen: “Verzweifeln sie nicht. Aber zweifeln sie bitte weiter!”

Oder auch: “Werden sie ruhig alt. Aber bleiben sie jung dabei!”

 

Das ist doch nicht normal

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. Mai – Das Gesunde Volksempfinden ist wieder da! Die Entscheidung darüber, was normal (und daher erlaubt) ist, wurde an den Volksgerichtshof der Sozialen Medien ausgelagert. Fürderhin urteilt Richterin Shitstorm darüber, was geht – und was ganz sicher nicht. Solches dem schnöden Pöbel dann auch noch als demokratisch zu verkaufen, das riecht nach Stephen Bannon und den Neuen Rechten. Deren Strategie heißt: “Flood them with Shit!” Und die breite Masse besorgt sichs selbst. So schnö konnst goa ned schaun. Da wird gejubelt und vernichtet wie bei den Gladiatoren. Das ist doch nicht normal! Was jetzt? Sprechen sie Sprache? Können sie Kontext? Gibt es nicht sowas wie Übertreibung als Stilmittel? Scherz? Satire gar? Ironie und tiefere Bedeutung?

Das ist doch nicht normalDerzeit haben es sogar Menschen mit Kommunikationshintergrund nicht leicht, ihre Aussagen ins Ziel des Verstandenseins zu bringen, bevor irgendeine Meinungsflut sie nach völlig Woandershin umlenkt. Noch viel schwerer haben es aber jene Menschen, die aufgrund einer schon vorhandenen Überflutetheit durch innerseelische Vorgänge gar keine Möglichkeit zu so etwas wie regelkonformer Ausdrucksweise mehr haben. Sie sind auf unser aller Verständnis der jeweiligen Situation wie deren Begleitumstände angewiesen. Und bekommen sie das auch – etwa wenn sie vor Gericht stehen? Da treffen sie nur allzu oft auf Richter oder Richterin Gnadenlos und werden flugs in den Maßnahmenvollzug abgeschoben. Potentiell lebenslänglich. Like, Dislike, erledigt, R. Ächzstaat. Du sollst normal sein. Abweichler an die Wand! Wir wenden uns daher lieber der “experimentellen Psychose” zu, wie sie im Rausch, in der Kunst, überhaupt im Exzess (und sei der auch noch so leise) anzutreffen ist.

Der bekannte deutsche Raptilienforscher Danger Dan (Antilopen Gang) hat, ganz in der Tradition des großen Satirikers Georg Kreisler, einen Beitrag zur Kunstfreiheit gestaltet, den wir euch ungeachtet der zu erwartenden Online-Meinungsrülpser nicht vorenthalten möchten. Und ich wär nicht wirklich Norbert K.Hund, wenn ich nicht Lust hätte auf ein Publikum, das die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist, als Einladung versteht, dies auch zu tun

Satire ist, die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit zu entstellen. Das linke Hosenbein ist weiter, hat ein weiser Schneider gesagt (oder wer auch immer). Im Namen des Wahnsinns, sie sind verhaftet! Sie haben zu laut und zu weit gedacht. Verzieren wir die Apokalypse mit einer dezenten Provokation. Pro-vocare, das heißt hervor rufen”. Das ist doch ein geeigneter roter Faden für dieses querassoziative Sammelsurdium zum neoliberalen Status Quo. Dankwart ist Tankwart. Exzentrisch betrachtet.