Allerleih Raunacht

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 13. Dezember von 22 bis 02 Uhr – Heiliger Bimbam, was für eine Reise! Quer durch den Gemütsgarten des Adventskrampfs vom Nikolausi bis zum Weinachteln – dann noch nach Silbvesper und Neu-Ja und Dreigönnung, da verrutscht selbst das rauheste H – aus der Nacht in die Allerleih. Denn zu dieser unserer (nun schon) 9. Dezembriade haben wir illustre Gäst*innen aus Wort und Bild eingeladen, uns einige ihrer Werke zur Gestaltung der Sendung anzuvertrauen. Wir leihen uns sozusagen allerlei Kunnst für unsere Themencollage aus – so entsteht Allerleih. Wir lesen Textbeiträge von Salzburger Autor*innen und präsentieren ausgewählte “Glimpfungen” von Helmut Xö. Dafür bedanken wir uns ausgesprochen saftig – speziell bei der SAG sowie bei Helmut Xö (Facebookprofil).

Orkanspende zur Rauhnacht“Here comes two of you. Which one will you choose?” Dieses legendäre Zitat aus dem Velvet-Underground-Cover von Bettie Serveert ist in der diesjährigen Signation gut zu hören. Und auch einige Zitate aus unseren bisherigen adventdezemberischen “Perlentaucher-Nachtfahrereien” seien allhier angefügt. So etwa aus dem Artikel zum Weihnachtsfeuer von 2016: “Ob Advent oder Event, Kranz oder Krampf – Kerzen sind nicht zum Scherzen, wiewohl es mannigfach Gründe fürs Anzünden geben mag. Und fürs Aufregen, in Zeiten wie diesen, wo eine derartige Vollverdodlung um sich greift, dass bald auch die Schneeräumung mit dem Laubbläser erfolgt. Halleluja! Was ganz oben sitzt und allen auf den Kopf scheißt, das ist in jedem Fall ein Arschloch, ganz egal welche Weltanschauklung, Religwution oder Idiotlogie es auch immer vertritt. Auf den Kopf scheißen ist niemals gut.” Oder wie Georg Kreisler sagte: “Jede Macht ist falsch.“

Allerleih Coca-Coala“I have my books and my poetry to protect me.” Von wegen “Niemand ist eine Insel”. Simon & Garfunkel bringen die Selbstverteidigung in Zeiten zwischenmenschlichster Betriebsamkeit auf den Punkt: “I am a rock. I am an island.” Dazu die Gedanken der Inselstifter aus dem Café Unstet (2015) mitten im Mittelmaßmeer der organisierten Durchnittlichkeit: “Gewähren wir einander doch Unterschlupf – an den Ufern unserer einstweilenen Zwischenweltinseln – und wenns nur für heut Nacht ist. Begleitet von Boker Tov Iran sowie No No Keshagesh winken wir euch zum Abschied noch einmal nach und wünschen viel Glück beim Selbstsein auf den Wortwogen des Weltblabla! Doch Augenblick mal – was sind das für verwegene Verrückte, die da am Lampedusa-Lagerfeuer noch lang nach der EU-amtlichen Sperrstund Musik machen und Herz und Hirn für die Freiheit der Verfolgten hinhalten?” Entsetzliche Klischees mit Häschen.

Allerleih Punk Ratius“Ein Faustschlag ins Gesicht der Pietät gehört zu den Taten, ohne welche man nicht von der Schürze der Mutter loskommt.” Meditiert einmal gründlich über diesen Satz von Hermann Hesse, enthalten im Album “Hesse Between Music“. “Hofft eigentlich heute noch wer auf sowas wie eine flächendeckende Volkserleuchtung? Oder befinden wir uns inzwischen alle im Zeitalter individualisierter Erkenntnis? In dem uns zwar noch gelegentlich ein Licht aufgeht, wir aber längst nicht mehr bemerken, dass wir alle Teil einer perfickten Weihnachtsdekoration sind? “So muss Weltherrschaft!” Und der Letzte macht das Licht aus. Nichtsdestodessen oder aber auch hinwiedertrotz: Frieden auf Erden und den Menschenähnlichen was Nettes ohne Konsumzwang. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft ja nicht zum heldenhaften Helfen auf, sondern zum sich Hineinversetzen in die Lage des Bedürftigen.” Auf der Suche nach dem Licht (2017)

Allerleih Schal und Rauch“Er wüsste wie er geht, der letzte Beweis. Von oben fliegt die Erde einen elliptischen Kreis.” Diese Passage aus dem liebreichen Lied “Sie mögen sich” (ausgefuchste Animation!) von Shaban & Käptn Peng beschließt nun diese erste Etappe der musikliterarischen Gefühlsweltreise. Die zweite gibts als buntes Allerleih. “Alles schläft, einsam wacht – bist du da? Was wird sein am anderen Ende der Nacht, wenn du dir begegnest, gleichsam beschenkt und entblößt? Hast du Angst vor dem Schweigen des Lärms, vor dem Gähnen des Abgrunds, vor dir selbst? Hast du Lust, dich zu spüren und in ein neues Jahr zu springen, einen neuen Tanz zu vollführen, ein neues Bild anzufangen, mit einer neuen Idee ins Bett zu gehen, die dich liebkost – und die du danach nie mehr vergessen kannst? Was also macht diese Nacht mit dir, was machst du mit ihr? Wer bist du – in deiner eigenen Zeit, wenn du sie dir selbst schenkst?”

Christgsindlmarkt (2012)

Und jetzt? Allerleih Rausch!

 

Radio Empfängnis

Artarium am Sonntag, 8. Dezember um 17:06 UhrSeit Jahren (und wenn ich das sage, dann meine ich das auch so) begrüßt der Herr Hase unsere Zuhör*erinnern “an den Empfängnisapparaturen ihres Vertrauens”. Dieses Sprachspiel, das zunächst die Begriffe “Empfang” und “Empfängnis” vertauscht, wurde uns erstmals durch Jochen Malmsheimer in seinem privatradiokritischen “Kochen mit Jochen” dargereicht. Von den Empfängnisgeräten zu den entsprechenden Apparaturen war es dann nur noch ein kleiner (und durchaus logischer) Schritt. Nunmehr feiert sich heutigen Datums eine weitere Empfängnis, die ohne detailliertere Kenntnis katholischer Kirchengeschicht gar nicht so leicht herzuleiten ist: Mariä Empfängnis oder offiziell Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Jössasmarandjosef

Radio EmpfängnisDabei geht es nämlich nicht um die Zeugung von Jesus durch den heiligen Geist (oder das bayrische Weißwurstzipferl), sondern um eine Spitzfindigkeit im theologischen System. Ein letztlich von Papst Pius IX. 1854 verkündetes Dogma, dessen Entstehung gut 750 Jahre an Diskussionen alter Männer mit lustigen Hüten erforderte. Nur gut, dass die damals noch kein Radio hatten, Sender und Empfänger und so. Dieses Programmschema ist jedoch auch seit Jahrhunderten genauso eingefleischt wie deren Kommunion: Mund auf, Hostie rein, Kopf ab zum Gebet – und Amen und aus. Der Sender sagt, was zu tun ist – und die Empfangenden gehorchen. Jesus befiel – wir folgen dir! Wer nicht gehorcht, fliegt raus und wird umgebracht. Mahlzeit! Womit wir beim Höhepunkt menschlichen Fortschritts angelangt wären – der grenzenlosen Freiheit des heiligen Marktes und seiner lieben Frau, der Wirtschaft. Jetzt singen wir alle das Hohelied auf ihr ewiges Wachstum: “Gebeinebreit bist du unter dem Weihrauch und gebeinebreit ist die Frucht deines Treibens, Umsatz.” – Was war das nicht für eine Zeter- und Zerrerei, ob und wie lang die Geschäfte am 8. Dezember geöffnet sein dürfen, um den Gewinn der Eventkrampfstandler noch ins Unengliche zu überhöhen! Wenns dem Wirtshaus gut geht, gehts dem Wirten gut. Alle anderen sind eh blöd genug, sich vom jeweiligen Oberstkellner empfängern zu lassen – und tragen sogar noch ihre Haut zum Markte. Kling, Glöckchen, klingelingeling – kauf, zahl und geh sterben, depperte Menschheit.

Wir aber senden selbst. Und wir kritisieren beides: Den katholischen Hirnbimbam genauso wie den entfesselten Marktwirrwarr. Was immer einem “von oben” gefickt eingeschädelt angeschafft wird, kann allein schon deshalb nicht gut sein. Oder wie es Georg Kreisler ausdrückt: “Jede Art von Macht ist falsch.”

 

Solo für einen Hund

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. NovemberInnehalten? Was für ein dem “Zeitgeist” absolut entgegengesetzter Begriff, leben wir doch einer Zuvielisation, die alles immer noch schneller und immer noch viel schneller zu machen versucht. Darum also fallen so viele Schwindlige durch die Gegend, weil sich auch die Hamsterräder immer schneller drehen und ihre Insassen dadurch unweigerlich hinaus geschleudert werden, benommen, erbrechend, verstört. Trotz alledem funktionieren sie weiter, als nützliche Idioten der Weltindustrie, kaufen, zahlen, der Nächste bitte. Danke! Ach, innehalten, bevor der nächste Schlag kommt, Advent, Event, mein Burnout brennt. Die stillste Zeit im Jahr? Das Weihnachtsgeschäft floriert. Die Nächtigungszahlen steigen. Es werden alle Rekorde gebrochen. Wollt ihr die totale Marktwirtschaft?”

Solo für einen Hund“Ein feste Brust ist unser, Hoppala, da rinnt was aus!” Zeit für ein Solo, zumalst der Herr Hase an diesem speziellen Sonntag anderweitig mit Dichten und Trachten beschäftigt sein wird. Zeit für etwas Würdigung und Gedeihsamkeit und ein heiter besinnliches Vorfreuen auf unsere nächste Adventnachtfahrt, mit der wir unsere inzwischen 9-jährige Zusammenarbeit zelebrieren. Der logisch-organischen Entwicklung unserer Interessensschnittmenge folgend laden wir einige Salzburger Autor*innen zur textlichen Mitgestaltung der Sonderausgabe am Freitag, 13. Dezember ein. Im gewohnten Überschwang feingeistiger Frequenzerei verdichten wir deren Beiträge mit Musik, Collagen und Conference zu einem bislang unerhörten Lebekuchen, der bis ins nächste Jahr wohlschmeckt – oder sonst! Freies Radio aus der Feinbäckerei Hasenhund gehört gespielt. Gehört genossen. Gehört sich selbst. Geh, horch dir einmal zu – was immer sich erzählt. Es könnte Geschichte sein. Geschichten, wie die vom guten Gunkl und dem armherzigen Sammelritter. Neugierig? Sehr schön

Zuletzt ein ausführliches Solo für all die Ideale und Illusionen, die für mich mit dem Begriff “Punk” in seiner weitesten Bedeutung verbunden sind. Nicht das Musikgenre, nicht die Handelsware, nicht die von außen holperig zugeschriebene Lebenshaltung einer erforschbaren Subkultur sowie ihre (in der Rückschau) “Wiederauferstehung als Folklorezombie” (Martin Blumenau) – nein, ich meine da vielmehr seine Aussage zum Zustand unserer Gesellschaft – und deren fortwährende Nichtbeachtung. So wie es NO MEANS NO einst auf ihr T-Shirt druckten: YOU KILL ME. Noch Fragen?

 

Das große Geschäft

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. November“Fuchs, du hast die Gans gestohlen…” Nein, eh nicht ganz. Aber um ungefähr ein Viertel gekürzt hast du die Förderung für den Dachverband Salzburger Kulturstätten. Ohne finanzielle Not – und ohne inhaltliche Begründung. Ob das für diese Stadt ein gutes Geschäft ist – oder ob da nur jemand sein großes Geschäft gemacht hat? Lasst uns doch einmal über den Scheißdreck reden. Und lasst uns das mit den Worten des wunderbaren Axel Corti tun: “Die Macht möge endlich die Courage haben, aus ihrer verknorpelten Haut zu schlüpfen. Die Kompetenzen, die sie sich angemästet hat, stehen ihr nicht zu. Sie hat nicht zu befinden über Kunst oder über Nicht-Kunst, über brave und schlimme Künstler, über freche – und hoffentlich volksnahe Kunst.” So sagte er es bereits 1989.

Das große GeschäftEntsetzlicherweise ist derlei nach wie vor hochaktuell – und passt – genau wie die Faust aufs Auge: “Über Meinungsumfragen, diese Rosenkränze der Mächtigen, die sie geradezu süchtig nachplappern, über Meinungsumfragen lässt sich Kunst und ihre Auswirkung nicht ausmachen. Die Kunst hat sich diesen hurtigen Ritualen zu versagen. Der Künstler, der sich wirklich riskiert, verweigert sich.” Man muss kein Schelm sein, um sich bei der Vorgehensweise der Stadtmächtigen explizit Böses zu denken. Denn der Dachverband als Interessenvertretung und Serviceeinrichtung für zahlreiche Initiativen und Künstlergruppen in Stadt und Land Salzburg leistet etwas sehr Substanzielles, ohne das die Kunstschaffenden der “freien Szene” in eine oft überfordernde Vereinzelung zurückfallen müssten, speziell bei Budgetverhandlungen, Öffentlichkeitsarbeit oder auch Koordination (Vernetzung) untereinander. Es geht also um nichts anderes als die Ermächtigung von freien Kulturarbeiter*innen zu selbstbewussten Projektpartnern im Sinne der gedeihlichen Entwicklung einer vielfältigen, interessanten und somit lebenswerten Gesellschaft. Und nicht um devotes Bittstellertum in den Vorzimmern der “Macht”.

Axel Corti: “Der Humus eines Landes braucht seine Regenwürmer. Mag der Mächtige allemal ein Traktorist sein, ein vollautomatischer Motorpflug, der Regenwurm ist allemal der Künstler.”

 

Gerald Fiebig – New Enamel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. November – Vor einiger Zeit erreichte uns das freundliche Angebot des Augsburger Autors und Klangkünstlers Gerald Fiebig, sein Radiostück “New Enamel – Vom Karl-Marx-Hof zum Utopiaweg” in unserem etwas anderen Kunnst-Biotop auszustrahlen. Es handelt sich dabei um den finalen Teil einer für das Ö1 Kunstradio produzierten Trilogie rund um die Februarkämpfe 1934. Das zentrale Element der Komposition sind die Lebenserinnerungen seiner Großmutter, deren Vater Hermann Wurmbrand im Republikanischen Schutzbund gegen den Austrofaschismus kämpfte. Die damaligen Ereignisse sind inzwischen auch als Österreichischer Bürgerkrieg bekannt. Weshalb jedoch bringen wir diese gespenstische Zeitreise ausgerechnet jetzt im November – und nicht im Februar?

Gerald Fiebig - Karl Marx HofUnd warum hat der ORF, der den ersten Teil dieser Trilogie heute noch feiert, deren Schlussstück nicht gesendet? Das hat wohl mit einem “ersten Eindruck” zu tun, den die radiophone Komposition zunächst beim Zuhören bewirkt: Weil viel erzählt und zitiert wird, kommt einem das Stück wie ein klassisches Feature entgegen. So erlebte ich das beim ersten Mal. Zumindest die erste halbe Stunde lang. Doch dann springt mich die Hörwelt plötzlich lauthals an und wiederholt monoton das Geplärr der Kristallnacht. Von dem Punkt an war klar: Die Dramaturgie des “Hörspiels” ist viel hintergründiger als eingangs vermutet – und: Das müssen wir zum Gedenken an die Novemberpogrome des 10. November 1938 öffentlich machen. Gerade jetzt, wo unser ältester KZ-Überlebender und Zeitzeuge Marko Feingold gestorben ist – und das grölpöbelnde Dumpftum der neurechten Rattenfänger schon wieder grausige Urständ feiert, ist emotional berührende Zeitgeschichte fast schon lebensrettend. Gerald Fiebig verdichtet hier die Erinnerungen seiner Großmutter mit thematisch passenden Geräuschen und literarischen Einschüben zu einem Erlebnisraum mit starker Anziehungskraft. Genau das macht das Gelingen der erwähnten Zeitreise erst aus, die Begegnung mit den Gespenstern, leben sie denn – oder bin ich dort?

Welch ausgefeilte Arbeit hinter dieser Produktion steckt, könnt ihr im Konzept & Manuskript dazu nachlesen – und weiterführend auf seiner Homepage erforschen…

Der Bezug zum Projekt Hörstolpersteine (in unserer Signation) ist bestimmt KEIN Zufall. Genauso wie die Reverenz an den großen Georg Danzer: Der alte Wessely

 

Grenzenlos Guter Geschmack

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. November – Liebe Gemeinde, der Denk-, Fest- und Trauertage sind allerlei, speziell zur aktuellen Jahreszeit. Und dann auch noch die Zeitumstellung, ein Turbolader für jegliche Herbstdepression. Man spürt das nahende Ende aller blühenden Landschaftenund man ist verstimmt. Zwischen Hurrafeier- und Volkstrauertag wird des “Falls” der Berliner Mauer gedacht, die Reformation ist an sich selbst gescheitert – und Allerheiligen kann man auch als griechischen Vornamen übersetzen. “Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.” In den letzten hellen und warmen Spätsommertagen sehnen wir uns nach etwas Wohlschmeckendem, das wir auf unserer langen Reise durch die Winternacht als Verpflegung mitnehmen können.

Grenzenlos Guter Geschmack - MusikAuf persönlicher Ebene habe der Mensch eine einzige Aufgabe, so sagte ein Freund einmal, nämlich sich in allen Dingen einen ganz und gar eigenen Geschmack zu bilden. Das sei so einfach, meinte er, wie etwa beim Essen oder beim Sex, und ließe sich in folgenden Worten ausdrücken: “Mmm, das mag ich!” sowie “Wääh, das mag ich nicht!” Alles, was einen Menschen davon abbringe, so sagte er weiter, diese Geschmacksbildung ungestört auszuüben, sei ein Angriff auf die Entwicklung einer individuellen Kultur und somit ein Verbrechen. Man müsse sich nur fragen, wer jeweils den größten Nutzen daraus ziehe und schon könne man die Verbrecher identifizieren. Derlei apodiktische Anschauungen in bester Bernhard’scher Denktradition waren das Fundament unserer Freundschaft. Und sie haben sich über Jahrzehnte bewährt und bewahrheitet. Schauen wir uns doch um im Matsch der Masse, da torkeln lauter von immer noch mehr Ablenkung zerplemperte Hordiot*innen voll gestört vor sich hin.

Grenzenlos Guter Geschmack - BuchcoverDie Ausbildung eines eigenen Geschmacks würde sich auch in den Musikvorlieben eines Menschen wiederspiegeln. Oder darin, was er gern isst. Und vor allem darin, WIE er seine Sexualität ausübt. Nur, dass von Letzterem nur die Wenigsten etwas mitbekommen (was vielleicht gar nicht so verkehrt ist). Schau dir einmal drei Pornos an. Und dann vergegenwärtige dir, wie “der Sexualakt” von der Mehrheit der Durchschnittchen “vollstreckt” wird. Wenn du die beiden Bilder, die dabei entstehen, übereinander legst, scheinen sie zunächst höchst unterschiedlich zu sein. Doch hinter diesem ersten Eindruck verbindet sie etwas Erschreckendes: Die im Kopf entstehende Vorstellung davon, was wie zu tun sei. Was normal, was richtig und allgemein üblich sei – und wie man daher (sogar im Intimsten) zu leben habe. Nächste Ebene: nur ein kleiner Schritt zu Evangelisation, Produktwerbung und Wahlkampfdideldei. So entstanden im Zusammenspiel mit besagtem Freund noch weitere Kopfszenarien, wie etwa der Ausruf: “Schleichts eich aus meiner Unterwäsch!” zu jeder Belästigung durch lauthalses Marketing und dergleichen Geplärr. Es ist völlig zu Recht strafbar, sich gegen den erklärten Willen eines Mitmenschen in dessen Intimbereich zu drängen. Es ist wunderlicherweise vollkommen legal, ihm als Staat, Partei oder Glaubensdings listig und hinterrücks Heilsversprechen ins Gehirn zu scheißen. Und zwar grenzenlos

Grenzenlos Guter Geschmack - TextTrübe Tage, klare Gedanken, ein grausiger Geschmack. An einen Grenzen. Vom vom zum zum. In zwischenen Zeiten. Grenzenlos wollen wir werden, indem wir uns zwischen alle Stühle setzen, die noch im Niemandsland befindlich sind. Vom Eisernen Vorhang zur Berliner Mauer. Im Todesstreifen schmeckt der Wein besonders gut. Bedenke, Mensch, dass du erblich bist (und alles sonst gewerblich ist). Wichtig ist stets der richtige Reiseproviant. Oder wie uns Jan Böhmermann lehrt – sogar für die SPD besteht noch Hoffnung. Also schultern wir unsere Jausensackerl für die kalte Jahreszeit – und begeben wir uns in den großen Hasensaal der Radiofabrik zu Salzburg, um die süßen Früchte des letzten Sommers mit euch zu teilen. Und es wird uns allen warm werden ums Herz und wir werden alle um das Lebensfeuer tanzen, ungeachtet des internationalen Volkstrotteltums

Apropos, wenn es stimmt, dass Kohl Blähungen verursacht, dann ist auch die AfD nichts weiter als ein Vogelschas in der unendlichen deutschdeutschen Geschichte.

 

Als der eiserne Vorhang fiel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Oktober“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, sprach einst Walter Ulbricht. Kurz darauf mauerte und zäunte sich die DDR erst so richtig ein. Von 1961 bis 1989 erhob sich die Berliner Mauer als (fast) unüberwindbare Barriere zwischen Ost und West, dazu noch ein ebenso (fast) undurchdringlicher Zaun entlang der gesamten innerdeutschen Zonengrenze als Teil des eisernen Vorhangs zwischen kommunistischen und kapitalistischen Ländern. Am 9. November 1989 (also vor 30 Jahren) wurde die Berliner Mauer wieder geöffnet, und mit ihr “fiel“ nach und nach auch der restliche “eiserne Vorhang”. Aber auch vor diesem “Fall” versuchten Menschen aus verschiedenen Gründen, die Systemgrenze durchlässig zu machen. Und das waren in den meisten Fällen keine Berühmtheiten…

Als der eiserne Vorhang fielZum 30. Jubiläum dieses Vorgangs überschlagen sich die Amtsmedien wieder mal mit Gedenksendungen, dass einem dabei schwindlig wird. Mich verdrießt aber bei dem ganzen Tohuwadoku, wie Jahr für Jahr die immergleichen Prominent*innen ihre längst bekannten Erinnerungen in alle verfügbaren Kameras sülzen, wohingegen die “einfachen Leute” dabei so gut wie nie vorkommen. Als ein braves freies Medium, in dem vorzugsweise auch jene zu Wort gelangen, “die in den sonstigen Medien unterrepräsentiert sind”, bringen wir diesmal eine der vielen “kleinen” Geschichten zu Gehör, aus denen die “große” Geschichte ja ursprünglich besteht, bevor sie von den “Siegern” für ihre Zwecke interpretiert werden kann. Und diese “erzählte Wirklichkeit”, umrahmt von künstlerischen Darstellungen ihrer Zeit, soll einen geistigen Freiraum bewirken, in dem sich vortrefflich vorstellen lässt, wie es auch noch ganz anders sein könnte. Beziehungsweise, was Grenzen bedeuten. So wollen wir auch auf die etwas andere Gedenkveranstaltung “mauern MAUERN” der SAG am 4. 11. im Salzburger Literaturhaus hinweisen, bei der Mauerfall sowie eiserner Vorhang der Befragung durch dichterische Phantasie unterzogen werden.

Eine große Inspiration war und ist uns der Song “Sommer 89” von Kettcar. Danke!

Zur Einstimmung gäbs hier noch zwei Zeitzeugenberichte: “Flucht in die Zukunft” aus der Perspektive burgenländischer Fluchthelfer- und Unterstützer*innen sowie “Tausend Augen auf dem Kassettenabspielgerät” aus Erinnerungen der Rockband Silly im Hinblick auf Songtexte und Zensur in der DDR.

 

Jedermann Reloaded (Teil zwei)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. Oktober – Wie wir in der letzten Sendung versprochen haben, gibts diesmal den zweiten Teil von Jedermann Reloaded gut zu hören. Philipp Hochmair & Die Elektrohand Gottes haben das altehrwürdige Stück des Hugo von Hofmannsthal in eine sehr zeitgemäße Fassung gebracht und neben zahlreichen furiosen Liveauftritten nun auch als Studioalbum aufgenommen. Dessen Länge von eineinviertel Stunden hat uns zur Zweiteilung dieses “ganzen Albums” bewogen, und so beginnen wir diesmal mit derselben Tischgesellschaft, mit der die vorherige Sendung (hier nachzuhören) endete. Und wir begleiten das Sterben des reichen Mannes vom ersten Gewahrwerden des nahenden Todes bis zu seinem unvermeidlichen Ende. Irgendwer ruft: “Jedermann, deine Tage sind gezählt…”

Philipp Hochmair Jedermann Reloaded 2Philipp Hochmair verkörpert bei dieser Reloaded-Version sämtliche Rollen selbst und interpretiert den (fast) unredigierten Originaltext in kongenialer Zusammenarbeit mit den entfesselten Klangkünstlern der Elektrohand Gottes als einen derart dichten Monolog, dem wir sogleich das Prädikat “Kopfkino” zuerkennen. Denn noch nie war der Jedermann deutlicher und zugleich freier aufzufassen als in der Gestalt dieses fulminösen Hörtheaters. Da gab es bislang nur eine (sehr freie) Nachdichtung, die das von vielen als gar zu christlich-konservativ erlebte Mysterienspiel radikal entstaubte und aus seinem historischen Kontext in die Gegenwart der Globalfinanz schmiss, nämlich “Ein Jedermann” von Felix Mitterer. Den ursprünglichen Text jedoch beizubehalten und ihn dabei so darzustellen, dass er auch vom katholischen Diktat abweichende Interpretationen zulässt, das gelingt diesem Jedermann-Reloaded-Projekt auf ganz beeindruckende Weise. Oder? Jedenfalls in unseren Ohren ist das der Fall, und es ist auch bestimmt sinnvoll, sich in weiterer Folge eigene Gedanken dazu zu erlauben…

Elektrohand Gottes_Elisabeth Fuchs_Philipp Hochmair © Stephan BrücklerDie nächste Erscheinungsform des postpsychedelischen Spektakels wird jetzt am 24. und 25. Oktober (jeweils um 19:30 Uhr im großen Festspielhaus) ans Licht kommen: Jedermann Reloaded Symphonic zusammen mit der Philharmonie Salzburg und der Chefdirigentin Elisabeth Fuchs. Für den Termin am 24. Oktober (Zusatzvorstellung) sind derzeit noch Eintrittskarten erhältlich. Die Fotos zu unseren Artikeln (sofern nicht anders vermerkt) stammen aus der Galerie der Projekthomepage und wurden uns von Heike Blenk zur Verfügung gestellt. Der Jedermann (ein fester Festspielflash) wird uns auch im nächsten Jahr heimsuchen, da feiert das Establishment seine hundertste Wiederkehr am Domplatz. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann verabschieden wir die Frau Präsidentin geräuschvoll in den Ruhestand. Wer anderen auf die Hose klopft – aber seht es euch selbst an.

 

Jedermann Reloaded (Teil eins)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Oktober – Man kommt ihm einfach nicht aus, dem Jedermann. Jahr für Jahr zur Festspielzeit schallt es von der Höh und jedem hier aufgewachsenen Kind ist dieser seltsam schaurige Ruf schon bald genauso vertraut wie das Läuten der Kirchenglocken oder das Böllern der Prangerstutzen. Ein Teil des Klangbilds dieser Stadt. Und ein Teil der kulturellen Identität. Oder des Marketings? Geht es hier um Sein oder Schein? Auch wenn uns die Vermarktstandelung unserer Heimat durch Nutz und Zweck zutiefst abstößt, und auch wenn wir uns der geistigen Eingemeindung in ein prosperierendes Verkaufsimage als “Mozartstadt” entziehen, wenn irgendwer das hier angeschwemmte Kulturerbe so erfrischend aufbereitet wie Philipp Hochmair & Die Elektrohand Gottes – dann macht uns das schon hellhörig.

Jedermann ReloadedDieses Jedermann-Projekt wird als ein Work-In-Progress fortwährend weiter entwickelt, nachdem es 2013 im Rahmen der YDP-Inszenierung von Bastian Kraft seinen Anfang nahm. Die inzwischen entstandene Rock-Performance ist seit Jahren erfolgreich auf Tournee und auch als CD-Album verfügbar. Am 24. und 25. Oktober (jeweils um 19:30 Uhr) wird jetzt eine weitere Stufe atemberaubender Verbearbeitung erklommen, nämlich “Jedermann Reloaded Symphonic” zusammen mit der Philharmonie Salzburg. In deren Presseaussendung heißt es: “Die Philharmonie Salzburg wird mit Jedermann musikalisch in Dialog treten. Wir werden die bestehenden Elektrosounds der Band klanglich verstärken und verändern, Zitate aus der klassischen Musikwelt mitbringen, frei improvisieren und auch als Orchester szenisch in Aktion treten.” Wenngleich das Konzert im großen Festspielhaus stattfindet, wird dabei ein recht gemischtes, zum Teil auch junges Publikum erwartet. Oder wie Dirigentin Elisabeth Fuchs es vor der gemeinsamen Arbeit formuliert hat: “Wenn die Energie passt, funktioniert Crossover, und das mag ich.” Man darf also durchaus gespannt sein, nicht nur als Freund*in des klassischen Schauspiels, der symphonischen Musik oder des Post-Industrial an sich – sondern über alle Genregrenzen hinweg – und überhaupt: Viel Vergnügen!

Wir spielen in dieser Sendung den ersten Teil des Studioalbums (vom Prolog bis zur Tischgesellschaft). Den zweiten Teil (von der Tischgesellschaft bis zum Ende) gibt es dann in unserer nächsten Sendung.

 

Wer die Qual hat

> Sendung: Artarium vom Wahlsonntag, 29. September – Es ist halt schon so, dass sich die “Wirklichkeit da draußen” auch auf unsere inneren Wirklichkeiten auswirkt. “Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Wenn Friedrich Nietzsche damals schon von Fernsehen und Social Media gewusst hätte, dann würde er über einen “Abgrund, der einem ins Gesicht springt” nachgedacht haben. Und wäre ihm Edward Bernays‘ Propaganda bekannt gewesen (von Joseph Goebbels bis zu den Werbespots unserer Tage), dann hätte er wohl gemeinsam mit uns “gefickt eingeschädelt” gesagt. Die Qual der Wahl ist nämlich, dass wir keine haben. Denn ganz egal, für welches Produkt wir uns (angeblich so frei) entscheiden, es stammt (so wie alle anderen auch) aus dem gleichen Geschäft, dem Supermarkt.

Wer die Qual hatEine geniale Wortschöpfung, dadurch finden dann alle, die dort einkaufen, den Markt super. Und dass sich die meisten von uns Begriffe wie Demokratie oder Meinungsfreiheit nur mehr in Verbindung mit einem marktwirtschaftlichen System (eigentlich Kapitalismus) vorstellen können, auch das ist Ergebnis einer smarten PR-Aktion von Edward Bernays – im Auftrag von US-amerikanischen Wirtschaftsverbänden. Dass der Nazipropagandist Goebbels seine Methoden zur Beeinflussung der Deutschen ausgerechnet von einem Juden abgekupfert hat, ist eine spezielle Fußnote der Geschichte. Edward Bernays war nämlich Nachfahre eines berühmten Rabbiners und zudem in zweifacher Hinsicht Neffe von Sigmund Freud, dessen Bücher der hatscherte Brüllaff Goebbels wiederum verbrennen ließ. Was lernen wir daraus? Dass Politik generell nichts mit Wahrheit zu tun haben muss, um erfolgreich (pfuigack) zu sein. Oder schauen wir uns einmal in der politischen Gegenwart um: Microtargeting, Cambridge Analytica, Social Engineering, unsere Welt ist voll von inhaltsleeren Politdarstellern, die sich mit miesen Tricks an die Macht schwindeln. Auch unsere kleine Welt Österreich. Wer über die richtigen Methoden (schlag nach bei Bernays) und genügend Geld verfügt, kann die Massen zum gewünschten (Wahl)ergebnis manipulieren. “Manufacturing Consent” oder “Du hast keine Wahl, also nutze sie!” Wer die Qual hat, hat die Qual.

“Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh” Das ist der Titel der Lebens- und Überlebenserinnerungen von Marko Feingold, der am 19. September von uns gegangen ist. Wir haben ihn bei einigen Sendungen und Projekten kennen gelernt und wollen sein Vermächtnis (vor allem seinen legendären Humor) in einem kurzen Nachruf würdigen. Etwas Wesentliches jenseits des aufgeregten Politbimbams