Perlentaucher unterwegs

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 12. Juni um 22:06 UhrZugegeben, zu diesem Titel hat mich unter anderem auch eine legendäre Radiosendung des ORF, nämlich “Autofahrer unterwegs” (1957 – 1999) angeregt. Der konnte damals, “als das Kind noch ein Kind war”, wirklich niemand entkommen, sofern ein Radio auch nur in der Nähe war. Also auch nicht dem tagtäglich um Punkt 12 Uhr einsetzenden “Mittagsläuten” einer österreichischen Pfarrkirche, womit (im Subtext fällt die Maske) allein schon in dessen fortlaufender Wiederholung die flächendeckende Katholizität des Landes festgeschrieben wurde. Doch heute, wo das ursprünglich evangelische Kind erwachsen genug ist, um auch diese Abzweigung von “Kirche” hinter sich zu lassen, wird es mit teuflischem Vergnügen mitten in der Nacht die Glocken läuten!

Perlentaucher unterwegsEine weitere Anregung, die sich um einiges nachhaltiger auswirkt, indem sie die gesamte Nachtfahrt-Perlentaucher-Sendereihe schon von der Grundidee des Titels her prägt, danken wir einem Kollegen, der in den Nullerjahren einmal das Konzept des Perlentauchens als eine generelle Lebenshaltung für unseren Umgang mit dieser Welt formuliert hat. Daraus sollte damals ein Dokumentar-, vielleicht sogar ein Spielfilm, auf jeden Fall etwas ziemlich Experimentelles entstehen. Leider hat es dazu nicht gereicht oder “es ging nicht besser”, wie auch immer, halt schon schade. Doch diese Grundidee, so habe ich sie zumindest damals verstanden: “Menschen wie uns, die die Welt so wahrnehmen, dass sie fortwährend eine Art Schatzsuche leben und noch im größten Dreck und unter den widerlichsten Umständen die verborgensten Besonderheiten entdecken, denen selbst die unscheinbarsten Ereignisse kostbar und wesentlich geraten, darin zu begleiten, sie kreativ darzustellen und zu feiern.”

Perlentaucher unterwegsZeit für eine Zwischenbilanz: Christopher Schmall und ich haben seit 2010 gemeinsam als “die Perlentaucher” hierohrs so allerlei entwickelt, gestaltet und zu Gespür gebracht. Von unseren allerersten “Adventsingen” über diverse Auseinandersetzungen mit dem letzten Abendnormahl des Heteronormativen sowie etwas (sehr) andere Betrachtungen zu Zeit und Lebenszeit bis in eine gegenwärtige filmische Umsetzung derartiger Lebens-Kunnst-Werke als Schräge-Vögel-Produktion unter dem Titel IN BETWEEN – Ein Doppelportrait. Man kann also sagen, dass sich da einiges aus der oben beschriebenen “Grundidee” wiederfindet. Und auch wieder nicht, denn war da nicht noch was anderes in all den vergangenen Jahren? Das vehemente Scheißdrauf im Hinblick auf das, was mir vorenthalten wurde? Das kämpferisch-aggressive Trotzdem, sobald es darum geht, sich einfach zu nehmen, was einem (auch vermeintlich) zusteht? Das in rotzigen, rebellischen Posen erstarrte Hausbesetzertum, auch wenn es ums bloße Daseindürfen geht? Also da sein, am Leben, bei sich, in der eigenen Heimat, die ja niemandem gehört und die einem auch niemand streitig machen kann? Was wäre das dann überhaupt – Heimat, Leben, Dasein? Und Flucht? Vielfalt? Vertreibung?

Perlentaucher unterwegsDie vor Jahrzehnten von Kindern und Jugendlichen an den Mauern rund um das Herrnauer Kloster- und Kirchenareal angebrachten Wandmalereien zum Beispiel sind solche inspirierenden “Perlen”. Ungeachtet der religiösen Mythen, in deren Kontext sie naturgemäß eingebettet sind, transzendieren sie ihre ursprüngliche Entstehung und laden zum “In sich aufnehmen” der ihnen innewohnenden Bildgewalt ein. Schier unerschöpfliche Schöpfungskraft aus stets wiederkehrender kindlicher Gestaltungslust sprengt die Grenzen unserer hergebrachten, eingewohnten und vorgefertigten Interpretationen. Wenn wir sie lassen. Wenn wir es zulassen können. Wenn du die Bilder, die hier im Artikel wiedergegeben sind, auf dich wirken, wenn du sie mit Respekt (also ohne sie vorab zu verzwecken, zu etwas machen zu wollen, was oder wozu sie deiner Meinung nach sein sollten) ihr Eigenleben entfalten lässtwas siehst du? Wie fühlt sich das an? Wo genau? Du tauchst gerade nach Perlen

 

oder, um es mit PeterLicht zu sagen: “Alles was du siehst gehört dir”

 

VÖLLIG SCHWERELOS

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 31. Mai – Bei unserer Besprechung des Buches “Die guten Kräfte” hat mein Kollege Andreas Woldrich aka MC Randy Andy von der Sendereihe “Battle and Hum” noch ein weiteres Kompendium ähnlichen Aufbaus mit einbezogen, und zwar “VÖLLIG SCHWERELOS” von Wolfgang Zechner, welches wir euch diesmal aus guten Gründen vorstellen wollen. Während das erstgenannte Werk “Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs” erzählt, beleuchtet zweiteres “Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik in 99 Songs”. Und dabei überschneiden sich die Themen und ihre Beispiele naturgemäß an der einen oder anderen Stelle. Ganz besonders dicht wird das in den jeweiligen Beiträgen zu Freddy Quinns “Wir”– da hat Wolfgang Zechner nämlich Entscheidendes bemerkt:

Wolfgang Zechner - Völlig SchwerelosTextautor der Biedermann-Polemik von 1966 ist der jüdische Holocaustüberlebende Fritz Rotter so weit, so bekannt. Dass er aber Zeilen wie “Denn jemand muß da sеin, der nicht nur vernichtet.” oder “Doch manchmal in guten, in stillen Minuten, da tut uns verschiedenes leid.” womöglich gar absichtlich “mitten in die deutsche Nachkriegsverdrängung eingeträufelt” hat, und dass er als Trägermedium dafür ausgerechnet den fraglosen Fixstern des seit dem Wirtschaftswunders geradezu explodierenden Heile-Welt-Sehnsuchts-Schlagergeschäfts nutzt – das ist fürwahr “eine steile These”, die allerdings, sobald sie ins Selbstweiterdenken übergeht, so einiges an weiterführenden Überlegungen zeitigt: Denn ist die damals in den 60ern aufkommende Auseinandersetzung zwischen den Generationen, die auch immer um die Fragen “Was habt ihr im Krieg gemacht? Seid ihr mitschuldig geworden? Warum habt ihr zu all dem geschwiegen?” kreiste, nicht irgendwie längst in der nächsten Lagerbildung nach dem 2. Weltkrieg, nämlich den Militärblöcken des Kalten Kriegs, stecken geblieben? Und ehrlich, die zugegeben unsäglich arrogant und oberlehrerhaft daherkommenden Vorhaltungen des Herrn Quinn lediglich durch die links/rechts-, schwarz/weiß- oder progressiv/konservativ-Brille zu sehen, ist mir doch zu dogmatisch, also zu dumm.

Wenden wir uns aber jetzt vom Elend ab … widmen wir uns ganz und gar dem Glanz: Eine meiner Leib- und Magenbands (meine slowenische Familiengeschichte spielt hierbei gewiss eine Rolle), die aus der NSK (Neue Slowenische Kunst) entsprungene Formation Laibach, wird in VÖLLIG SCHWERELOS unter der Überschrift “Die totale Anwesenheit von Pop im Werk Gottes” – nein, nicht erwähnt oder beschrieben, nicht einmal gewürdigt, sondern regelrecht besungen. Gegenstand der Betrachtung ist nämlich das in jeder Hinsicht hervorragende Opus-Cover “Leben heißt Leben”:

 

“Eine slowenische Band hatte den englisch klingenden Pop-Song einer österreichischen Band genommen, den Nonsens-Text wortwörtlich ins Deutsche übertragen, um ihn sodann mit starkem Akzent zu singen. Die mehrfache Brechung brach den Bann. Der gordische Knoten wurde durchschlagen. Das gute, alte deutsche Pop-missverständnis wurde aufgelöst, das Ende der Geschichte erreicht.

Schön wär’s. Leider ging die Geschichte weiter. Eine Handvoll Punk-Musiker aus der ehemaligen DDR bekam Wind von „Leben heißt Leben“. Nach dem Mauerfall befreiten sie das Laibach-Konzept von allem, was daran intelligent und interessant war, und ersetzten die orchestrale Instrumentierung durch kreuzbrave Metal-Riffs. Mit rollendem R, Malen-nach-Zahlen-Texten und einem brachial-drögen Sound machten sie sich daran, die Rock-Welt zu erobern. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich später in der gebotenen Ausführlichkeit erzählen werde.” aus VÖLLIG SCHWERELOS (S. 252)

 

Apropos Steile Thesen – am 17. Juni gibts die auch live in der SFU Wien

 

The Rainbow Division

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 24. Mai – In unserer letzten Nachtfahrt der Perlentaucher “Vom Fallen zum Fliegen” haben wir gefragt, wer die Geschichte des dreifarbigen Regenbogens an einem Türmchen nahe der Basteigasse kennt. Und im Artikel dazu auch gleich die Antwort gegeben: Die doch für manche überraschende Auflösung haben wir dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag entnommen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um (in die Jahre gekommene) Graffiti-Kunst von farbverspielten Salzburger Anti-Grauschleier-Kids, sondern um das Symbol der 42. Infanteriedivision der U.S. Army, der Rainbow Division, welche sich 1945, im Zuge der Befreiung Salzburgs von der NS-Herrschaft, auch hier in der Stadt einquartierte – und ihr Revier mit dem Zeichen des Regenbogens markierte.

The Rainbow DivisionEine schöne und sympathische Hinterlassenschaft, die an eine wirkliche BEFREIUNG erinnert: von Gesinnungsterror, Verfolgung und Unterdrückung, Krieg, Not, Elend, Hunger, Vertreibungund dem millionenfachen Morden an Unschuldigen, aus niedrigsten Beweggründen wie etwa Habgier, Mordlust, Rachsucht, Rassismus

Es ist schon bemerkenswert, dass kaum jemand die Geschichte des Regenbogens an diesem speziellen Ort kennt – oder das Zeichen der Rainbow Division in dieser bunten Wandmalerei erkennt (die aufgrund des starken Verkehrs am Rudolfskai leider schon stark verwittert ist, das gleiche gilt für die daneben angebrachte Erklärtafel, die ob ihrer Verdrecktheit kaum noch lesbar ist). Nächste Frage: Warum hat diese 42. U.S. Infanteriedivision überhaupt den Regenbogen als Symbol? Interessant

The RainbowWir nehmen all dies zum Anlass, in unserer Sendung noch mehr über das Symbol des Regenbogens in verschiedenen historischen, gesellschafspolitischen und mythologischen Zusammenhängen herauszufinden, und auch darüber nachzusinnen, was mit diesem ebenso flüchtigen wie faszinierenden Naturphänomen passiert, wenn man es “einfängt” und es sich dann irgendwie “auf die Fahne schreibt”. Es gibt da ja einige konkrete Beispiele, von der biblischen Geschichte über die Bauernkriege und die Friedensbewegung bis zum Symbol der LGBT-Bewegung (der aktuelle Begriff ist wohl LGBTQIA+ doch da fehlt mir persönlich das * aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder überholt, überholt es sich fortwährend selbst, womit wir bei der Flüchtigkeit des Phänomens an sich kurz innehalten könnten …) Vom Schnelldurchlauf in die Superzeitlupe: Was gibt es eigentlich noch für kulturelle, spirituelle, mythologische Bedeutungsebenen jenseits der uns “aufs erste assoziieren” geläufigen – oder der uns von unserem kulturellen Hintergrund vorgeprägten? “The Rainbow Serpent” aus vielen Schöpfungsmythen der Aborigines (der indigenen Völker Australiens) könnte uns auf eine Reise jenseits unserer Vorstellungen mitnehmen. Neugierig?

 

Bloody Rainbow

 

Zwischen den Zeilen …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. Mai – “ein ei ist eben kein ei, sondern ein vorbereit auf das mensch und auf das henne. und wie verschieden sie dann sind … es merkt das mensch vom menschen es, vom henne das henne.” zwischen ernst jandl

Wie aber kommt das Mensch zum Buchund merkt auch da das Mensch vom Menschen es? Das Buchhändly (entgendert nach Phettberg) oder eben der/die/them Buchhändler*in ist wohl jene menschliche Darreichungsform, die zwischen einem Bedürfnis nach “sich neue Welten erlesen” und den unendlich vielen Beschreibungen solcher Weltmöglichkeiten zu vermitteln vermag. Wenn es denn gelingt. Gehen wir einmal der Frage nach, was zum Gelingen dieser speziellen Begegnung beiträgt

Zwischen den ZeilenIm Februar besuchten wir eine Veranstaltung im Salzburger Literaturhaus, die unter dem Titel “Bücher, Bücher, Bücher” einem Buchhändler ein Abschiedsfest bereitete, das unter Mitwirkung von Ilija Trojanow die Essenz dieses Vermittelns zwischen der Welt des Geschriebenen und den nach geistiger Nahrung hungernden und dürstenden Menschen sogar körperlich erfahrbar machte. Es gibt nämlich nicht nur Literaturgattungen, sondern auch Käsesorten. Und vor ein paar Jahren haben wir in der Sendung “Buchhändler unseres Vertrauens” schon einmal eine erste Annäherung an das Wesentliche beim Weitervermitteln von Geschichten unternommen, das ja eigentlich die Grundlage des Handelns mit Büchern ist, und das der heuer in Pension gegangene Klaus Seufer-Wasserthal durchaus beispielhaft ausgeübt, dargelebtja, geradezu verkörpert hat. Doch es gibt, es gibt, es gibt nicht nur einen geraden Weg, sondern dahinter auch diese besondere Resonanz

Zwischen den ZeilenMachen wir uns auf die Suche nach dem, was gelingende Begegnungen zwischen Menschen und Büchern ausmacht – und nach dem, wodurch Buchhändler*innen dazu beitragen können. Wobei sie, die diesen Beruf ausüben, hier stellvertretend für all jene stehen, die uns darüber hinaus mit (oft sehr wesentlichen) Büchern bekannt gemacht haben und die so auch Beziehungen gestiftet und uns zur Entwicklung angestiftet haben. Es geht dabei um ein gewisses Erfahrungsfeld jenseits kommerzieller Interessen, das für ein persönliches, individuelles Zusammenfinden von womöglich noch nicht fertig formulierten Fragestellungen mit den für die weitere Antwortschaffung notwendigen Ideen, Inhalten und Informationen wichtig ist. Ein Kairos des glückhaften Moments. Die dopaminausschüttende Selbstwiedererkennung beim Lesen. “… und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das ist in keinem Subventionsansuchen zu rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen …”

 

Ein Kunnstbiotop

 

Geboren am 4. Mai

In Tuning Up gibt es diesmal Musik von – und natürlich auch für – am 4. Mai Geborene:
Tauchen Sie ein in die Birthday Party und feiern Sie mit Marianna Martines, Dick Dale, Ron Carter, Guy Warren oder Ivan Wyschnegradsky.

Nachzuhören unter: https://cba.media/776217

The Joshua Tree Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Mai – Es war im Jahr 1987 und ich hatte einen der begehrtesten Studentenjobs ergattert, den man damals in Wien kriegen konnte: 2 Monate als Chauffeur und “Mädchen für vieles” bei den Dreharbeiten von Jean-Jaques Annauds Film “The Bear”. Noch dazu im Ausland, wie das früher hieß, wenn es sich um die italienischen Dolomiten handelte. Die “Auslandszulage”, die dabei fällig wurde, bedeutete richtig viel Geld! Davon würde ich, wieder in Wien, ein Jahr lang bequem leben können. Schnitt. Auf dem Weg nach Südtirol begegnete mir in einem Tankstellenshop (ich musste ja zu der Zeit “nicht aufs Geld schauen”, wie man so sagt) eine käuflich zu erwerbende Musikkassette mit dem soeben erst erschienenen Album “The Joshua Tree” von U2. Gesehen. Gekauft. Spontan

The Joshua Tree (Cover Foto)Nochmal Schnitt. Das Album wird seit seinem Erscheinen sowohl von der Kritik wie auch vom Publikum als herausragende Produktion und als für die gesamten 80er Jahre (sound)stilprägend gewürdigt. Und wir haben es bislang in unserer Sendung noch nie in gebührender Weise zu Gehör gebracht. Bis jetzt. Vielleicht trifft es sich ja ganz gut mit dem Umstand, dass U2 es mit Brian Eno und Daniel Lanois gemeinsam vor genau 40 Jahren auf sehr spezielle Weise produziert haben. Auf jeden Fall hat es mich, der ich damals fast schon obsessiv mit der Herstellung von ungewöhnlichen Gefühlssounds auf Sythesizern zu Gange war, gründlich angeregt sowie zu neuen Herangehensweisen inspiriert. So verdanke ich etwa den nach tagelangem Geschussel zuletzt doch noch erfolgreichen Versuchen, diverse klangliche Atmosphären aus “Mothers Of The Disappeared” auf dem Casio CZ-5000 nachzubauen, eine lebenslange Aversion gegen digitale Klangerzeugung.

Jetzt noch ein Schrittin die Gegenwart: Nachdem ich nun in letzter Zeit ein paar jüngere Kolleg*innen (und ihre Arbeiten) kennen gelernt habe, die sich auch heute mit ganz ähnlichem befassen wie ich damals, nämlich mit dem Erschaffen vielschichtiger Soundstrukturen unter Verwendung von klassischen analogen Synthesizern zum Beispiel, möchte ich einige der höchst außergewöhnlich aufbereiteten Stücke aus dem Album “The Joshua Tree” hier auch als “inspiratives Anhörungsmaterial über die Generationen hinweg” weiterempfehlen, allen voran das wunderschöne “Exit”

 

Sehr zum Wohl

 

Vom Fallen zum Fliegen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. Mai – Es gibt zwei Formen menschlicher Bewegung (oder besser Bewegtheit?), bei denen wir “den Boden unter den Füßen verlieren” oder aber “das Gewohnte hinter uns lassen, weil wir bemerken, dass uns Flügel wachsen”. Beiden gemeinsam ist “die etwas (eigentlich sogar sehr) andere Fortbewegung” – nämlich durch die Luft. Der Unterschied zwischen Fliegen und Fallen besteht lediglich in der bewussten Steuerbarkeit. Während das Fallen (hier kommt auch “fallen gelassen werden” ins Spiel) ein passiver Vorgang ist (es passiert uns), wird das Fliegen als eine aktive Handlung begriffen, bei der wir uns entscheiden können, wie und womit wir uns über die Hindernisse erheben und die Distanz zwischen uns und unserem Ziel überwinden. Doch was ist mit dem Landen?

Vom Fallen zum Fliegen„Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein heißt: nicht ertrinken. Das Gefühl des Schiffbruchs, da es die Wahrheit des Lebens ist, bedeutet schon die Rettung. Und darum glaube ich einzig an die Gedanken Scheiternder.“

José Ortega y Gasset

Mit dem Gefühl, zu fallen (und zwar ins Bodenlose) kenn ich mich aus. Es ist stets verbunden mit dem Gefühl, nicht gehalten und auch nicht aufgefangen zu werden. Dadurch fühlt es sich wie (von jemandem) fallengelassen werden an. In weiterer Folge wie (von jemandem) weggeworfen und in einen Abgrund ohne Aussicht auf Wiederkehr hineingestürzt worden zu sein. Merkt ihr, wie hier das passive Erleiden nach seiner aktiven Verursachung fragt: Wer hat mir das angetan?” Als das Kind ein Kind war, hat es das alles genau so erlebt und empfunden. Doch was ist heute?

Vom Fallen zum FliegenEinschub zwecks Steigerung der Spannung: Wer weiß, was das für ein schöner Regenbogen … und weshalb und seit wann der hier an dem Türmchen neben der Ausfahrt der Garage vom Barmherzigen-Brüder-Spital angebracht ist? Die überraschende Antwort findet sich in dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag. Und auch in diesem Link

Zwischen dem Fallen und dem Fliegen kommt das Landen. Das Zwischenlanden zunächst. Lange Zeit hat das ehemalige Kind immer dann, wenn es sich im Gefühl des Fallens wiederfand, versucht, aus dieser Bewegung des Abstürzens direkt in eine Bewegung des Fliegens überzugehen. Was soll ich sagen – es war ungeheuer anstrengend, hat letzten Endes nicht funktioniert, und die dabei eingesetzten Mittel haben sich mit der Zeit als ungesund erwiesen. Inzwischen hat es gelernt, bei sich selbst innezuhalten, also dort zu landen, wo das Leben und das Überleben sind.

Vom Fallen zum FliegenUnd von da aus und immer wieder von da aus kann es beginnen, die schier unendlichen Möglichkeiten, die in seiner Lebenskraft, in seiner Lebensweisheit und in seiner alles umfangen wollenden Lebendigkeit schon immer vorhanden waren und vorhanden sind und ja, vorhanden sein werdenvon Grund auf neu und unverbeultauszuprobieren und mit ihnen herum zu spielen, bis es sie gezielt anwenden kann.

Die Unendlichkeit des Lebens in dir selbst. Das ist die Ressource, ohne deren Erschließung kein kompliziertes frühkindliches Trauma “neu verhandelt” werden kann. Und seien wir ehrlich, wir, die wir aus Zivilisationistan kommen, haben das alle. Das Fliegen(können) aber, wie ich es verstehe, das sich aus immer wieder von neuem Gelandetsein ergibt, das hat nichts mit chemisch induziertem Überfliegertum zu tun. Es kann vielmehr sein, dass einem dadurch Flügel wachsen, dass das Herz als zahllose rote Fühler durch die Rippen kommt, um einen Menschen zu berühren.

 

In diesem Sinne