Über artarium

Seit Herbst 07 "das etwas andere Kunnst-Biotop" in der Radiofabrik und seit Anfang 09 daselbst "im Schatten der Mozartkugel" als Artarium unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Gästen, Themen und Gestaltungsformen... Hochfrequenter Wortwetz- und Mundwerksmeister zwischen Live-Unmoderation und Poesie-Performance. Psychodelikate Audiocollagenkunst, stimmungsexzessive Hörweltendramaturgie, subversiver Seelenstriptease, unverzichtbares Urgewürz und... In diesem Unsinn zeig ich euch hier einen tieferen! Ab- und hintergründige Neu- und Nettigkeiten aus der wundersamen Welt des Artarium, seinen Gästinnen und Hörerichen. Kunnst mi eigntlich gern ham. So do mi - i di a! Bussal...

Pantheressenz

Artarium am Sonntag, 23. Juni um 17:06 Uhr – Auf der Suche nach dem Bilddenken wurde ich jetzt endlich über ein phänomenales Buch gestolpert: In “Legasthenie als Talentsignal” erklärt Ron Davis den Begriff der Orientierung (im Hinblick auf äußere Gegebenheiten) und wie man als Bilddenker oder (was nahe verwandt ist) als visuell-räumlicher Lerntyp zu einem Gleichgewicht der Wahrnehmung gelangen kann, das in speziellen Situationen wie beim Lesenlernen, aber auch beim Tanz oder Sport von einem selbst aktivierbar ist. Im Grunde geht es bei seinen “Orientierungsübungen” um das Finden eines optimalen Orts für die bei Bilddenkern gern umherwandernde “Kameraposition”, durch die wir die Welt wahrnehmen. Wie kann ich etwas nennen, das da plötzlich über meinem Kopf schwebt? Ich nenne es meine Pantheressenz

PantheressenzIn der heutigen Sendung geht es also ums Gleichgewicht, um die Balance inmitten von einander widerstrebenden, sich andauernd verändernden und auf den ersten Blick paradox wirkenden Gegenpolen. Und es ist erstaunlich, was für eine im wahrsten Sinn ausgleichende Wirkung so eine genau über der eigenen Symmetrieachse schwebende Wahrnehmung auf das bekannte Hin- und Hergeworfensein in den Turbulenzen des vielen Gleichzeitigen entfaltet. Natürlich versuchte ich mir auch davon ein Bild, eine Vorstellung zu machen, und heraus kam ein schwarzes, rundes, nach oben gewölbtes Etwas in der Größe eines Eishockeypucks. Und weil es sich auf mich förderlich auswirkte und ich ihm zunehmend zu vertrauen lernte, verband ich seine Wesensart mit der meiner Leoparden und Panther, als die ich mir die mich immer begleitenden “guten Kräfte” darstelle, die auf mich aufpassen und die mir ihre Lebendigkeit geben oder die meine Lebendigkeit sind, aber wer will das schon so im Detail auseinander fitzeln und sehr wahrscheinlich trifft hier ohnehin wieder einmal beides zu. Über zunächst als widerstreitend erlebten Gegensätzen schwebt ein ordnendes Drittes, dessen einstweiliger Name Pantheressenz wäre …

Auf dem Weg hierher haben wir einiges an Text und Musik gefunden, mit dem sich das soeben Beschriebene atmosphärisch untermalen und sogar veranschaulichen lässt. Ein Musikstück ragt dabei besonders heraus, weil es das in sich verstrickte Gegensatzpaar von Nähe und Distanz textlich wie musikalisch perfekt miteinander verschmilzt und zugleich als darüber schwebendes Drittes einen magischen Satz, nämlich “I wish you well” zum Tragen bringt, der eine sonst nicht auszuhaltende Ausweglosigkeit aufzulösen vermag. Reines Wohlwollen. Das ist Pantheressenz.

Wir besprechen den bislang völlig zu Unrecht unveröffentlichten Track “Wish U Well feat. Trennungsagentur” des Musikprojekts Illy Bidol von Herrn Noir Trawniczek.

Sehr zum Wohl, Bilddenker.

 

Ein paradoxes Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Juni – Wie es mittlerweile schon seit Jahren Tradition ist, kommt bei uns immer am Sonntag nach der Nachtfahrt ein ganzes Album zu Gehör. Und weil die Perlentauchersendung diesmal “Das angewandte Paradoxon” heißt, schicken wir gleich noch “Ein paradoxes Album” hinterdrein. Was immer das bedeuten mag. Denn was für den einen überhaupt nicht zusammen passt, das ist für die andere eine logische Abfolge von einander bedingenden Unterschiedlichkeiten. Oder umgekehrt, dazwischen und außerhalb. Wie dem auch sei, mit diesem selbst zusammengebrauten Album greifen wir die liebenswerte Gepflogenheit wieder auf, einander sogenannte Mixtapes zukommen zu lassen. Heute würde man individuell zusammengestellte Playlists dazu sagen, die irgendwo in einer Cloud existieren.

Ein paradoxes AlbumFrüher waren das real existierende Musikcassetten, auf denen man nicht nur ganz speziell für einen besonderen Menschen und auch im Hinblick auf eine ausgewählte Gefühlslage verschiedene Songs, Sounds und Spokenwords zu einer Art von Collage zusammenfügte. In weiterer Folge dekorierte man das Cover (die Cassettenhülle) auch mit allerlei entsprechendem Bildwerk und gegebenenfalls sogar mit dem Verzeichnis der enthaltenen Titel. Aufgrund der Gegebenheiten der analogen Aufnahmetechnik waren dafür mehrere Stunden an Arbeit erforderlich, eine Zeitspanne, während der man im Inneren sowohl mit der eigenen Botschaft als auch mit der Person beschäftigt war, die sie empfangen sollte. Davon ausgehend, “dass Liebe ein angewandtes Paradoxon ist” und unter Einbeziehung der Formel “Liebe ist Energie mal Zeit” lässt sich leicht erspüren, was die Qualität der Selbstoffenbarung in der Beziehung zu nicht einfach nur real existierenden, sondern sogar tatsächlich lebendigen Menschen ausmacht. Die immer noch schnellere Verfügbarmachung von allem und jedem ist eine Illusion.

Kommen wir nun zum Inhalt dieses allein schon deswegen paradoxen Albums, weil es eine Tradition aufgreift, mit der man nicht nur vielsagend sein, sondern eben auch viel sagen konnte. Und das wird die heutige Dreiviertelstunde an Musik, Text und Collage sicherlich. Nur halt nicht jedem dasselbe. Das Feuer als Element der Verwandlung, die Sehnsucht nach sich selbst, der Verlust von Geborgenheit, mitten drin Rilkes Panther und die Frage, was überwiegt, Resignation oder Lebenskraft? In every Dreamhome a Heartache und nicht zuletzt die Verletzten, die eigentlich die Ärzte sein sollen

The Geek (shall inherit)

 

Das angewandte Paradoxon

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. JuniDie Liebe ist ein angewandtes Paradoxon. Oder ein guter Witz, in dem zwei eigentlich nicht so recht zusammen passen wollende Ebenen zueinander in Beziehung geraten. Paradoxes ereignet sich unvorhersehbar und gerade das macht seinen Charme aus. Wie wenn auf einmal eine Tür aufgeht, dort wo nie zuvor eine war – oder eben doch? Man weiß es nicht, und das ist gut so. Andernfalls wäre es ja orthodox, und das haben wir nicht so gern. Bilddenker reagieren besonders positiv auf Paradoxien, endlich einmal sind sie nicht mehr unterfordert beim Herstellen von neuen Zusammenhängen. Und wie ein guter Witz bringt einen das zum Lachen, wie die Liebe macht einen das glücklich. Daher soll man diese Sendung nicht “einfach nur anhören”man soll sie erleben.

Das angewandte ParadoxonMan sollte das Paradoxon jedoch nicht mit dem gezielt erreichbaren “erweiterten Bewusstsein” und seinen lustigen Nebenwirkungen velwechsern. Es ist vielmehr eine recht unverfügbare Draufgabe zu solcherlei Erfahrungen, seien sie nun durch Mystik, Trance, Drogen oder was auch immer bewirkt. Die Wahrnehmung des Paradoxen und seiner näheren Verwandten vom Surrealen bis zum Absurden tritt allerdings in psychischen Ausnahmesituationen gehäuft in Erscheinung (aber eben nicht ausschließlich, sonst wärs ja nicht paradox). Ein wahrer Meister in der Anwendung und Darstellung dieser Phänomene ist der als Käptn Peng bekannte Robert Gwisdek, in dessen Video “Der Anfang ist nah” auf vielen Ebenen Phantasie und Wirklichkeit … hahaha, glücklich! Der Umkehrschub ist eingeschaltet und die Welt kann so erlebt werden, wie sie wirklich ist. Ein Füllhorn der Phantasien und Wünsche. Meine Heimatstadt ist ein Friedhof der Ursache

Das angewandte ParadoxonAn dieser Stelle wollen wir uns bei der unglaublichen Facebookseite “Street Art Utopia +” bedanken, von der wir die Bilder für diesen Artikel empfangen haben. Und zu Entdeckungsreisen in deren weite Bildwelten anregen, aus denen sich kunstvoll gestaltete Paradoxien zu tiefgründigen Themen finden lassen. Und gleich noch eine Würdigung, die im Zusammenhang mit unserer Sendungsgestaltung steht: Heidi Neuburger-Dumancic von GOOD MEDIA SOLUTIONS (die neulich für einen Filmdreh bei uns zu Gast war) illustriert ihr Verhältnis zur Sprache mit einem Zitat aus dem Internet: “Words cast spells. That’s why it’s called SPELLING.” Damit unterbrechen wir diesen Artikel indem wir ihn fortschreiben (wie paradox) und sagen hiermit: “Was die spontan-assoziative Aufführung dieser Radioreise ins angewandte Paradoxon anbelangt, können sie uns vertrauen. Wir sind Bilddenker und somit oft in psychischen Ausnahmezuständen unterwegs, da kann also grundsätzlich nichts schiefgehen. Lehnen sie sich zurück (oder wohin auch sonst), entspannen sie sichund erwarten sie das Unerwartete.”

Das angewandte ParadoxonEs wird geschehen. Sobald die Menschenvernichtungsmaschine, eine Art Fleischwolf, dessen Zweck es ist, die Phantasiekinder, die von oben in ihren Trichter hinein gestopft werden, zu angepasst verviereckten Bravhampeln zu zerquetschen, in die entgegengesetzte Richtung”, also umgekehrt funktioniert, werden all die lebenslang abgetöteten, zur bloßen Funktion degradierten, von Wut auf die enttäuschte Liebe verstopften Gefühle, Phantasien, Spontanismen und Ideen wieder zu Lebewesen zusammengesetzt und entsprießen dem Todestrichter in den unendlichsten Wunderfarben sich ständig verändernder Möglichkeitsformen (und ich deute nur an). Wenn der Umkehrschub also erst einmal aktiviert ist – und ja, da ist ein Hebel außen am Gehäuse, den das missbrauchte Kind selbst umlegen kann – dann gibt es kein Halten mehr, dann geschieht es, dann ereignet es sich … all das, von dem immer schon klar war, dass es so sein sollte wie es nun einmal ist.

Na dann … Wer bist ich?

 

Wilde Lieder

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. Juni“Ein Gespenst geht um in Salzburg…” und die meisten anderen dieser Schmähs sind auch schon gemacht. Haben wir doch seit kurzem einen “kommunistischen Vizebürgermeister”, genau gesagt Kay Michael Dankl von der Liste KPÖ PLUS. Der gelernte Historiker antwortet auf die wiederholte Frage, ob er Marxist sei und ob er Karl Marx gelesen habe, erstaunlich elegant mit eigenen Gedanken über eine “gerechtere Gesellschaft”, in der “Geld nicht mehr derart im Mittelpunkt steht”. Das geht doch in eine interessante Richtung, nämlich verstehen zu wollen, was den Menschen Karl Marx umgetrieben, was ihn beeinflusst und beschäftigt hat. Wir gehen gleich noch einen Schritt weiter und begeben uns in die Zeit seiner Studentenjahre. Und wir hören Die wilden Lieder des jungen Marx.

Die wilden Lieder des jungen MarxEs ist ja nur logisch – wenn ich verstehen möchte, was heute für mich, für uns bedeutsam ist, was hilfreich und sinnvoll anzuwenden wäre – von all den Gedanken und Ideen, die ein gescheiter Mensch niedergeschrieben und uns damit hinterlassen hat – dann sollte ich zunächst einmal wissen, wer da eigentlich spricht. Da schau her, ein junger Student, verliebt, voll romantischer Begeisterung, der erste Lieder und Gedichte schreibt, beginnt sich schon sehr bald an den Machtverhältnissen im Deutschen Bund der 1830er Jahre (der “Vormärz”, der in die Revolution von 1848 führen wird) zu reiben, wird selbstverständlich Teil einer größeren Bewegung, die das Joch der absolutistischen Herrschaft abschütteln will und stattdessen eine selbstgewählte demokratische Regierungsform anstrebt. Die weitreichende Umwälzung des bisher Bestehenden – das nennt sich Revolution. In der Vorstellung des Musikalbums der Grenzgänger bringt es der Deutschlandfunk auf den Punkt: “Revolution als Akt der Liebe”. Hier finden die innere Einstellung und die äußeren Handlungen zusammen.

Um sich ein Bild machen zu können, das dicht und deutlich genug ist, um die eigene Phantasie zur Entfaltung kommen zu lassen, ist es notwendig, sowohl die äußeren Umstände als auch die inneren Beweggründe des Menschen zu begreifen, den wir da betrachten. Nachdem über die jenen Karl Marx umbrandende Weltgeschichte in unzähligen Quellen viel zu hören und zu lesen ist, freuen wir uns desto mehr über die ausführliche Darstellung seiner Lieder und vertonten Gedichte und die Homepage der Grenzgänger. Oder auch über diese schöne Ausgabe vom “Weltgericht” (1837).

Immer schön kritisch bleiben Pustekuchen

 

Dream Home Heartache

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. MaiIn Every Dream Home A Heartache – der Song von Roxy Music aus dem Jahr 1973 ist eine jener besonderen Perlen, die noch Jahrzehnte nach dem erstmaligen Erscheinen ihre erstaunliche Wirkung entfalten. Es gibt eine unüberbietbare Liveversion auf dem Album Viva!, dem wir schon einmal eine ganze Sendung gewidmet haben. Heute wollen wir das Stück selbst und seinen Einfluss auf unser Empfinden noch etwas genauer unter die Lupe nehmen. Und so betrachten wir die Geschichte, die uns Bryan Ferry darin verkörpert, deren Text in zwei widersprüchlich erscheinenden, doch auch zutiefst miteinander verbundenen Begrifflichkeiten kulminiert: Dreamhome und Heartache. Was bedeutet das eigentlich – und ist in unser aller Leben wirklich das Süße stets mit dem Bitteren vermischt?

Dream Home Heartache

Exhibition by Magdalena Dukiewicz. Stand4 Gallery, Brooklyn, NY

Im Begleittext zur Ausstellung von Magdalena Dukiewicz heißt es: “Home, a simple four-letter word loaded with diverse meanings … reminds us that home is both where the heart is and where heartache can be.” Und in einer Darstellung namens Stay Home Gallery: “The yellow light coming from inside of the house … is both welcoming and hostile – the place is a shelter that can become a prison.”

Damit ist die Ambivalenz der Gefühle mit all dem, was Home, Dahoam, Heimat, Heim in uns auslösen kann, erst einmal ausgebreitet. Vertiefter noch: “Ich fühle mich nicht so recht zuhause in mir. Ich irre wie fremd in mir umher. Ich habe mir alles so hergerichtet, dass ich mich bei mir geborgen fühle – und dennoch fehlt mir andauernd etwas. Ich spreche mit einer aufblasbaren Sexpuppe – und sie anwortet mir nicht. Ich mache doch alles, um die vollkommene Glückseligkeit zu erreichen – und doch stürze ich immer wieder ab.” Verdichtet ließe sich das dann in etwa so zusammenfassen: “Aus der Mitte entspringt ein Loch.”

Es verwundert also nicht allzusehr, dass etwa Rozz Williams, der tragische Held und Gründer von Christian Death, den Roxy-Music-Song 1995 noch einmal auf seine ganz eigene zutiefst abgründige Art und Weise zum Leben erweckte. Oder dass Andreas Spechtl, den der geheimnisvolle Drogentod von Walter Benjamin 1940 in Portbou lange Zeit in Atemlosigkeit hielt, auf DMD KIU LIDT ausgerechnet jenes Bitter-Sweet von Roxy Music coverte, das Bryan Ferry auch für den Babylon Berlin Soundtrack neu einspielte. Gemeinsam ist all diesen Menschen das Neuerschaffen von etwas …

Oder wie es Bryan Ferry im Interview mit Another Man ausdrückt: “Here’s a guy in the song who has everything and nothing. That’s a very tragic resonance throughout time, people who think they’re trying to get the world and they have nothing. – I always wrote as a character. In some songs it rings more true to me, then there are others that are obviously me assuming a role. As an artist, you have to do that otherwise your horizons would be so limited. You have to expand your consciousness to become someone else, to become another ‘me’.”

Die Grenzen zwischen Kunst und Existenz. Und wenn ja – wohin wir gehen …

 

Meine Pfingstfestspiele

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Mai – In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es wörtlich: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.” Na dann nehmen wir doch gleich unser Menschenrecht “uns an den Künsten zu erfreuen” in Anspruch und veranstalten wir hier unsere eigenen Pfingstfestspiele. Das freie Radio bietet die Möglichkeit, Menschen mit Musik in Verbindung zu bringen und so dem tieferen Sinn jedweder Festspiele gerecht zu werden, nämlich “Raum für Kunst zu sein, die man so noch nicht kennt”. Genau dem widmet sich diese Sendereihe auch seit ihren Anfängen. Eine gute Gelegenheit zu einer kleinen aber feinen Musikfeierstunde, die Bekanntes in neuer Interpretation genauso vorstellt wie Entlegenes, das eben erst entdeckt wird. Pfingstfestspiele halt.

Meine PfingstfestspieleEine Programmidee auf dem kurzen Weg vom Konzept zum Ergebnis umsetzen zu können, auch das ein Menschenrecht für den sich selbst verwirklichenden Künstler. Es muss nicht immer Hochkultur sein mit all den langen Vorlaufzeiten und den zahllosen Mitwirkenden. Von den gewaltigen Geldmitteln überhaupt ganz zu schweigen. Es darf ein mit wenig Aufwand erzeugtes Biotop sein “….. und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling – oder sonst irgendjemand, einfach Menschen, und die genießen das, denen sagt das was.” Kaum ereignet sich diese schwer fassbare Berührung, entstehen Gefühle, verknüpfen sich Synapsen zu neuen Verbindungen, tun sich bislang ungedachte Möglichkeiten auf. Ein bezauberndes Beispiel für so eine bio(u)topische Produktion ist der Song “Wann strahlst du?” von Erobique und Jacques Palminger, kongenial vorgetragen von der deutschen Schauspielerin Yvon Jansen im Hildegard-Knef-Stil. Über die Entstehung dieser Art von Musik kann man in diesem wie auch in jenem Artikel nachlesen …

Ich liebe die Träumer, die Aufbruchsgeister
Die überall Samen erkennen
Die Fehlschläge nicht zu ernst nehmen
Und immer das Gute benennen
Nicht die, die die Zukunft auswendig kennen
Begeisterung als Naivität anschau’n
Und dir ihre altbekannten Ängste
Als Ratschläge verpackt um die Ohren hauen

Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?
Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?

Ich liebe die, die jeden Einfall ausprobieren
Der Erfahrung ein Schnippchen schlagen
Zwischen Misserfolgen heil hindurchschlängeln
Und deren Augen leuchten, wenn sie fragen
Nicht die, die denken, es lohnt sich doch nicht
Die alles schon immer gewusst haben
Die sagen: „Wozu? Es macht doch keinen Unterschied.“
Und ihre Neugier mit Erfahrungen begraben

Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?
Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?

Ich liebe die, die staunen können
Über die Blume auf dem Schrott
Die lieber im Jetzt als im Morgen leben
Und die einfach austreten aus dem Trott

Nicht die, die im Vielleicht und im Irgendwann
Alle Energie vergraben
Und sich mit grauem Trübsinn
Ganz einbalsamiert haben

Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?
Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen
Wann strahlst du?
Wann strahlst du?
Wann strahlst du?

Pfingstfestspiele oder Die Ausgießung des Esprit

 

IDLES – TANGK

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Mai – Das heutige ganze Album zerlegt unsere Hörgewohnheiten. Und eine viel zu lang hingenommene “Gefühlsrealität”, die uns gefickt eingeschädelt war, warum auch immer. Zerberstend fallen Wut und Verzweiflung über uns her, bis aus den Trümmern der vergehenden Ordnung ein Kind der Liebe hervor wächst. Das Album heißt TANGK und sollte besser nicht in irgendein Genre gezwängt werden, denn es verwendet wohl deren mehrere, steigt aber kraftvoll über solche Kategorien hinaus. Zudem geht es bei TANGK nicht ums Musikbusiness, sondern um Selbsterfahrung, um einen Weg des Gesundwerdens. Daher muss TANGK von den IDLES auch selbst erfahren werden, wozu wir euch jetzt ohne weitere Umschweife einladen. Der Hase hat dazu schon mal genau hingehört:

Idles -TangkDas erste Mal GRACE zu lauschen (was durch Zufall bzw. den Youtube-Vorschläge-Algorithmus passierte) war ein magiegeladener Moment. Ich spürte, wie die Wirklichkeit durchlässig wurde, sich schließlich auflöste, um mich nahezu gleichzeitig in eine neue, veränderte Wirklichkeit zu beamen. Oder war es vielmehr ich, der sich verwandelte? Geht dies Hand in Hand? Nichts war wirklich anders und doch war ich nicht mehr derselbe wie noch knapp vier Minuten zuvor. “No god, no king // I said, love is the thing”, ein Zauberspruch, ein Mantra, eine absolute Wahrheit, wie mir aus der Seele gesungen, in sternheller Nacht, wellenumbrandet, den Sturm in den Venen, zartmütig, bedacht. graceful. delicate. wild.

Ich verfolge das Schaffen von IDLES schon ein paar Jahre. Songs wie Colossus oder Divide & Conquer fand und finde ich großartig, nicht zuletzt wegen ihrer Härte, Widerborstigkeit und Joe Talbots Sprechschreigesang, aber die Werke auf ihrem heuer erschienenen, fünften Studioalbum TANGK haben auf mich fast schon eine hypnotische Wirkung, selbst nach mehrmaligem Hören, nein, dadurch sogar potenziert. Schon beim Opener IDEA 01 wird die Komplexität der Musik deutlich, die durch Loops, Schichtungen, Verzerrung, rhythmische Eigensinnigkeit, atmosphärische Sounds, Poesie und gut fünfzehn Jahre gemeinsamer Kreativarbeit entsteht. Vielleicht etwas weniger aggressiv und die Gehörgänge fickend als auf vergangenen Alben, aber genauso tanzbar, vor Lebenskraft pulsierend, räudig wo es sein muss, gefühlvoll, verletzlich, ohne pathetisch zu werden. Es ist ein Album der Liebe, der Dankbarkeit, der Kraft. Ein Album über “die Facetten von Liebe, die nicht so konventionell aber sehr wichtig sind: Empathie, Geduld, Ehrlichkeit, Gemeinschaft, harte Arbeit und Heilung, Vergebung.”, wie es Sänger und Texter Joe Talbot in diesem NME-Interview beschreibt. Stärke aus Zerbrechlichkeit. Freude aus Schmerz. Liebe trotz allem.

IDLES ist ein sehr rundes, stimmiges, komplexes und aufrichtiges Werk gelungen, das nicht nur durch Musik und Text beeindruckt, sondern auch durch die Produktion (unter anderem hat Radiohead-Produzent Nigel Godrich mitgewirkt), durch das Artwork und die Musikvideos. Außerdem ist es mehr als sinnvoll in solch psychotischen Zeiten Liebeslieder zu dichten, ich würde sogar sagen, es ist gesund.

all is love and love is all

 

Hinter den Spiegel

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. Mai – Der Spiegel scheint eine letzte Grenze zu sein. Und er kann viel bedeuten: Wie wir uns selbst sehen. Wie andere uns wahrnehmen. Wie wir gelernt haben, uns selbst zu begreifen. Aber der Spiegel ist tückisch, zeigt er uns doch alles spiegelverkehrt. Und nicht nur das, unser Gehirn glaubt, aus den einzelnen Eindrücken des Spiegelbilds eine allgemeingültige Aussage über unsere Wesensart hochrechnen zu müssen. Und bald stecken wir fest – in einem Selbstbild, das nur noch wenig mit dem zu tun hat, wer wir eigentlich sind. Dieses Phänomen lässt sich bei einem Besuch im Spiegelkabinett recht einleuchtend nachvollziehen. Oder beim Versuch, der Zahnärztin ohne hinzuzeigen zu erklären, wo es weh tut. Doch, wie gesagt, Spiegelungen betreffen nicht nur unser äußeres Abbild.

Hinter den SpiegelWir widmen uns in dieser Sendung verschiedensten Versuchen, die wahrnehmbare Wirklichkeit so zu verändern, dass ein Betreten von Räumen jenseits der gewohnten Vorstellungswelt möglich wird. So formuliert der Künstler Alexander Schreilechner: “Spiegelbilder von dreidimensionalen Objekten ….. lassen Objekte und Zeichnungen magisch, lebendig und in einem völlig neuen Licht erscheinen.”

Das Abenteuer, in uns selbst neue Welten zu erschaffen, enthebt uns nicht nur aus der frustrierenden Mühsal, einzig und allein in der immer bevölkerteren Außenwelt um unseren Platz zum Leben zu kämpfen. Viel mehr noch befähigt es uns endlich auch dazu, die unendlichen Räume unseres inneren Seins nach unseren Bedürfnissen zu gestalten und die dabei hinderlichen Täuschungen (Fehleinschätzungen und Lügen), die von außen in uns hinein gespiegelt wurden, umfassend unschädlich zu machen.

Hinter den SpiegelDas klingt doch zu schön, um wahr zu sein. Ist es aber, auch wenn alle auf uns einprasselnden Unkenrufe, Fernsehwerbungen und schlechten Gewissensbisse immer und immer wieder das genaue Gegenteil behaupten. Man kann sich im Labyrinth der Spiegelwelt so sehr verirren, dass man durchaus nicht wieder “nachhause” findet. Doch hinterfragen wir an diesem Punkt einmal das uns innewohnende Welt- und auch Selbstbild. Auf welches Abenteuer sollen wir uns auf keinen Fall einlassen? Auf uns selbst und die unendlichen Möglichkeiten unserer Entwicklung? Oder auf das andere, das (ich sage das hier einmal frei heraus) keines ist. Oder was soll an einem sklavischen Dasein als Befehlsempfänger vererbter Verhaltensweisen mit einem minimalen Spielraum für Veränderung überhaupt abenteuerlich sein? So etwas riecht nach Langeweile und zunehmender Depression, nach gähnender Leere genau dort, wo eine Frage nach dem Sinn gestellt werden könnte. Geh bitte! Und noch eins: Wer spricht denn da in deinen, meinen, unseren Gedanken? Wer soll das sein, der/die uns Angst macht vor uns selbst? Es ist das Wesen des Abenteuers, ein Wagnis einzugehen, sich auf das Schreckliche wie auf das Schöne einzulassen, ohne den Ausgang vorher zu kennen.

Hinter den SpiegelMancherlei Methoden, Techniken und Kunst-Kniffe können uns dabei helfen, die Einschränkungen des alltagsüblichen Bewusstseins zu überwinden und sozusagen hinter den Spiegel vorzudringen. Nicht immer ist es ratsam, diese allein und ohne gute Begleitung anzuwenden. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, haben wir auf dieser Reise einen Weggefährten aus der Welt der inneren Entdeckungen mit an Bord, der es uns ermöglichen wird, zwischen den Zerrbildern und Projektionen eine dritte Perspektive zu etablieren. Die Methode der triangulären Peilung wird hier im Gespräch und in der Sendungsgestaltung zur eigenen Positionsbestimmung im oft undurchdringlichen Dickicht innerseelischer Störsignale angewandt. Über diese Metapher hinaus freuen wir uns ganz allgemein auf “einen frischen Wind” sowie auf jedwede Einlassung, die unser neuer Mitnachtfahrer Matteo aus dem unendlichen Unverfügbaren mitbringen wird. Das Abenteuer dieser Sendung kann beginnen

Wir sind ein geiles Institut

 

Der Tapir zum Sonntag

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. AprilDer Schriftsteller Peter Hodina veröffentlicht seit Jahren auf seinem Facebook-Profil einen “Tapir zum Sonntag” – und das unbeirrbar an jedem einzelnen. Doch was bei oberflächlicher Betrachtung eine liebenswerte Marotte zu sein scheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als geradezu programmatisch. Denn Peter Hodina zelebriert die Wesensart seines selbst gewählten Wappentiers und verschmilzt derart mit dessen Persönlichkeit, dass er in seinen Texten auch die entlegeneren Früchte erschnüffelt und sich einen eigenen Weg durchs Dickicht des Denkens bahnt. Daher fragen wir uns, wie diese offenbar so befruchtende Beziehung zwischen dem Dichter und seinem Tapir entstanden ist – und welche Rolle das doch sehr besondere Tier in seinem Leben sonst noch spielt.

Der Tapir zum SonntagPünktlich zum World Tapir Day (am Samstag) und zum Erscheinen von Peter Hodinas “Beitrag zur Lage” kommt er endlich erstmals zu uns in die Sendung und liest höchstselbst und livehaftig aus eigenen Werken.

Wir kontrastieren seine Texte mit Liedern von Stiller Hasund wir vertrauen dem Spürsinn unseres unsichtbaren Publikums, hierbei die eine oder andere Resonanz zu erfahren. Denn so fest steht viel (oder wie das heißt) – “unbeirrbar” ist der Schlüsselbegriff, wenn man das Gemeinsame in der Lebens- und Arbeitsweise der Herren Hodina und Anaconda zu beschreiben sucht. Und wenn man das mit den charakteristischen Merkmalen des Tapirverhaltens in Verbindung bringen möchte … In eigenen Worten: Wenn da jemand seinen ureigenen Weg geht, auf eine Art und Weise denkt, fühlt, sein Leben gestaltet, die seinem inneren Wesen entspricht und sich dabei von nichts und niemand beirren lässt (also nicht ablenken, drausbringen oder gar verbehindern) – dann ermutigt mich das zu meinem eigenen Lebensentwurf. Stolz darauf, von ureigener Art zu sein

Solch erfreuliche Eigenart zieht sich wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk von Peter Hodina. Zum Beispiel Steine und Bausteine 1: “Aphorismen, Traumprotokolle, Lesefrüchte, gleichnishafte Erzählprosa, manchmal ein Gedicht. Griffe ins Volle, ins Leere, ins Dazwischen. Je nachdem. Es kommt auch auf den Lesenden an.” Oder in Spalier der Farne. Notate: “Wenn ich nur die andere Welt denke, sucht sich bereits etwas einen Weg. Es sind Versuche. / Selbst bist du Teil eines insgesamt Prozessierenden. Ein Regentropfen, ein Hagelkorn, Funke.” Rezension Richard Wall

Und wir machen mehr als nur

 

Das Sternenkind

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. April“Du soist nie aufhean zum lernen, oabeit mit da Phantasie”, so singen André Heller und Wolfgang Ambros in ihrer Bob-Dylan-Adaption “Für immer jung”. Und das drückt eigentlich eh schon alles aus, was zum Thema “Märchen für Erwachsene” gesagt sein sollte. Wir hören in der heutigen Ausgabe des ganzen Albums ein solches Kunstmärchen von Oscar Wilde, nämlich “Das Sternenkind” in einer Aufnahme der überaus umtriebigen Schauspielerin Maja Chrenko. Das ist starker Tobak und kann zu erheblichen Nebenwirkungen führen, wenn man das inwendige Abenteuer mit den äußeren Realitäten falsch vermischt -oder gar verwechselt. Doch keine Angst – lassen wir uns einfach einmal darauf ein – wer Mitgefühl für den armen Hasen zeigt, wird alle Schätze in sich entdecken

Das Sternenkind - Ein Fall für die PhantasieEin Bild, das wohl zunächst das genaue Gegenteil von blühenden Landschaften darstellt (aber eine wunderbare Punk-Location sein könnte), das vor sich hin verfallende Hotel Phantasie in Eisenach, habe ich aus diesem Lost-Places-Blog von Coola Irrgang hervorgestöbert. Aber sind wir nicht alle irgendwie “auferstanden aus Ruinen” – und seitdem auf der Suche nach dem wirklichen Frieden? Nach einem Neubeginn ohne Verleugnung? Nach der sprichwörtlichen friedlichen Koexistenz? Was müsste in uns stattfinden, damit wir außen nicht mehr lebensfeindlich herumzerstören? Solcherlei Fragen drängen sich auf, wenn wir uns überlegen, welchen Wert unsere Phantasien für die Gestaltung unserer Welt besitzen. Wenn wir überhaupt einmal zulassen, dass Märchen und andere ausgedachte Geschichten nicht bloß Unterhaltungsschmarrn fürs Beruhigen, Beschwichtigen und Behupfdudeln lästiger Nichterwachsener sind.

Das Sternenkind von Oscar Wilde erzählt von einer inneren Entwicklung (die gewiss nicht ohne Schmerzen vor sich geht) und nimmt uns mit auf die Lebensreise eines Menschen, der wir alle immer auch selbst sind. Ein Schlüssel zur Verwandlung des Protagonisten ist dabei wohl das Mitgefühl (es wird oft gesagt, dass gute Literatur uns zum Mitgefühl befähigt, weil durch sie das Einfühlen in andere angeregt wird). Offen bleibt, in welche Dickichte und Verknotungen inneren Erlebens wir dabei individuell geraten. Doch eins steht für uns fest – es wird ein weiterer Schritt auf dem Weg sein.

Wir sind ein geiles Institut.