Die wahren Adventeuer

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 10. Dezember von 22:06 bis 02:00 Uhr – in zwei Teilen hier als Podcast Erster Teil sowie Podcast Zweiter Teil gut zu hören.

Adventszeit oder “Leckdown, heuer wird das Leben teuer.” Genau so wie übrigens schon im letzten Jahr. “Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Aber ja. Als besäßen wir alle eine magische Fernbedienung, mit der sich das allzu Abgründige elegant ausblenden ließe. Wie? Die allermeisten der knapp 8 Milliarden Debilen verhalten sich genau so? Wo ist eigentlich der Regisseur, wenn man ihn einmal wirklich braucht? Jetzt sind wir also wieder einmal in uns hinein gezwungen und ringen in uns mit der Ohnmacht. Was ist überhaupt so ein Abgrund? Und wenn ja, wie viele? Egal. “Die wahren Adventeuer sind im Kopf. Und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.” Same procedure as every year, Miss Sophie …

Die wahren Adventeuer sind im Kopf “Ein Loch ist im Eimer, dear James …” The whole hole is – ein einziger Abgrund. Ein bodenloser dazu. Der Mensch ist eben ein Säugetier, und solange es noch irgendwo Milch gibt, wird er gewiss nicht aufhören. Da kann rundum Pandemie sein was will. Die sprechenden Kaufhauspuppen und Stimmungsautomaten, die sich “unsere Politiker” nennen, werden weiter planlos von einer Zukunft faseln, die schon längst ausverkauft ist. Gute Nacht – nicht nur in Österreich! Grüßgott, abgrundtiefes Loch, womit sollen wir dich stopfen? Das Moor hat seine Schuldigkeit getan und wir sind schon verschluckt. Der Treibsand rülpst und Salzburg gurgelt. Sogar die ewige Festspielpräsidentin geht. An der Stelle, wo das Abendland untergegangen ist, breitet sich eine dicke Fettschicht aus und stinkt. Bedenke, o Nackerbatz, dass du sterblich bist – dagegen lässt sich nicht ankaufen. Selig die Unwissenden, denn sie werden überrascht sein. Es gibt keinen Kaiser, der nicht nackt ist. Es gibt keine neuen Kleider, die das verschleiern könnten. Auch nicht auf Ebay. Und schon gar nicht im dahergelogenen Wunderlampenland für uns alle.

Die wahren Adventeuer sind im KopfDie Kunst, sich im Kopf eine Welt vorzustellen, die anders wäre als die mit Bosheit und Schwachsinn gepflasterte “unserer” herrschenden Realitäter*innen – das ist wahrlich ein Adventabenteuer. Die Welt, wie sie uns jahrein, jahraus alltäglich als alternativlos aufgezwängt wird zum Nutzen der Geldwechsler und Händler, gründlich auf den Kopf zu stellen, eine gänzlich neue Sicht auf die von irgendwo “da oben” herab verfügten Verhältnisse zu eröffnendas bringt Nährwert für die bedrückten Seelen. Nicht “Kunst” als hochglanzbejubelter Hochleistungssport. Nicht fälschlicher- und verschlagenerweise als “Kunst” bezeichnetes Wetthupfen im Geldgnadensack von Staat und Sponsohren. Kunst als Möglichkeitsform. Kunnst mit zwei N. “Kunnst dir a ganz a andere Welt vorstellen?” Und nicht “Eine Vorstellung besuchen – falls du dir das leisten kunnst.” To be or not to be – that is the Quetschen! The Zerquetschen von Menschen zwischen den Mühlsteinen der Geldgewalt. Ja sind wir ein Getreide?

Die wahren Adventeuer sind im KopfManches Korn entbrennt im Zorn. Und das zu Recht. Da möchte man manchmal durchaus die gute Stube der bürgerlichen Weltordnung, die uns die ganze Hoch- und Unkultur bescheret hat, pünktlich zum Fest der Liebe und des Friedens (was für eine Inszenierung) verbrennen. Wie gut, dass ich ein Künstler bin! Sonst könnte ich mich ja gar nicht mehr von und zwischen Wille und Vorstellung unterscheiden. Oder sind wir schon jenseits von Gut und Böse? Heilige Nacht, o Tannenbaum, Fragmentarium im Schleudergang postmoderner Beliebigkeit. Abendland ist abgebrannt – und Geld wird von Banken durch Bilanzverlängerung “geschöpft”. Soviel zur Schöpfungsgeschichte. Doch halt – war da nicht noch was? Da dahinter, da jenseits von jedem und unter allem hinaus? Heißt das nicht immer noch Herbergsuche? Viele scheinen stattdessen auf Herbertsuche zu sein. Es wird also erwogen, ein Beherbertungsverbot zu erlassen. Es wird scho glei dumper …

Die wahren Adventeuer sind im KopfAdventsingen 2021: “Wer klopfet an?” – “Schleich di, du Oaschloch!” Oder anders gesagt: “Wir haben vor lauter hektischem Stillstand keine Zeit für Fragen nach einem vielleicht dahinter liegenden Sinn. Also nimm dein Bett oder was du sonst noch dabei hast – und geh!” Liebes Publikum, so leicht kommt ihr uns nicht davumm. No one gets out alive. “Die wahren Adventeuer sind im Kopf – und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.” Das ist gar nicht so schrecklich. Nirgendwo kann ein sehr schöner Ort sein. Nicht verzagen – überstehn! Auch das Lied geht noch weiter: “Die wahren Adventeuer sind im Kopf, in euren Köpfen, und sind sie nicht in euren Köpfen, dann SUCHET SIE!” Und überhaupt: “Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit, trägt wirklich ein Forellenkleid, und dreht sich stumm, und dreht sich stumm, nach anderen Wirklichkeiten um.” Dank an André Hellerfür diese Inspiration. Die begleitet uns seit Jahren durch jedes Artarium – seit dem ursprünglichen Trailer eins null neun.

Bleibts gsund!

 

Septemberteppichfransen

> Sendung: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. Oktober – Es begann alles mit der Wahrnehmung eines etwas ausgefransten Sommers. Dann kamen die Übergänge zwischen Sommer und Herbst ins Spiel, welche immer wieder zwischen spätsommerlich wärmend und frühherbstlich fröstelnmachend wechselten. Recht regelmäßig wenigstens, ein Gruß des Beständigen in all dem Zerfall und Zerzausen rings um uns und mittendrin. Genau da drängt sich die Phantasie eines fliegenden Teppichs ins wunde Gemüt. Frei schwebend über all den grausligen Niedrigkeiten in seentiefem Blau nach innen sinken – und über all die zwingigen Klaustrophobien und Menschenkatastrophen hinweg im nur mehr Eigentlichen herum fliegen, dabei entspannt die flatternden Fransen bestaunen – also die Septemberteppichfransen.

SeptemberteppichfransenVor gut 10 Jahren erschien das Album Nervöse Welt – und dazu hieß es: “In einer Welt aus Papier will ich Flammenwerfer sein.” Ich würde das heutigentags etwa so abwandeln: “Auf einem fliegenden Teppich will ich flatternde Fransen beobachten.” Vielleicht lässt sich dabei der sprichwörtliche rote Faden finden. Womöglich gar der Ariadnefaden, nach dem wir alle fahnden wie die Verirrten. Wenn nicht, dann lässt sich immerhin erkennen, dass man kein Konsumschwammerl sein muss, um beim Betrachten von fraktalen Strukturen (wie eben Teppichfransen im Flugwind) ins Unendliche zu geraten. Es geht nur auf Umwegen ins Unendliche. Das Labyrhinth ist der Regelfall. Rechteckig sein ist Verbrechen an sich selbst: “Die bloße Vorstellung von so etwas wie einem normalen Menschen ist bereits das erste Symptom des Psychopathologischen.” So formuliert das ein Logotherapeut.

SeptemberteppichfransenDa führt nie ein gerader Weg von der Geburt bis zum Tod. Es sind die Verschlungenheiten, die uns auch mitunter zu verschlingen drohen, die das Wesen des Lebenswegs ausmachen. Der Umweg ist das Ziel – wenn überhaupt. Und daraus ergeben sich unendlich vielfältige Möglichkeitsformen. Der Blitz soll all die beim Scheißen treffen, die uns zu funktionsförmigen Jasag- und Mitmachtrotteln ihrer kranken Hochleistungsgesellschaft umwidmen und zurechtklonen wollen. Ruhen wir lieber im Zwischen, bevor wir uns entscheiden und beschneiden lassen. Lass fahren dahin, tausendjähriger Eierschas, und wenn die Welt voll Teufel wär, in der Ruhe liegt die Kraft, speziell mitten im Sturm: Lassen wir es flattern, rascheln und vibrieren. Lassen wir es tönen, tuten und verklingeln. Lassen wir es glitzern und uns satte Farben ins Aug schieben. Lasset uns bunt sein und schräg und schrill! Und Septemberteppichfransen!

SeptemberteppichfransenIch mag ja Französchisch. Und die Sprache ist auch sehr schön. La vie est belle. Fransen. Frans Ferdinand. Fransophonie. Qui vivra verra. Wir werden sehen… Nicht ohne Ironie! Un monde formidable. Doch nicht? Wir fahren also diesmal auf einem fliegenden Teppich durch die Nacht und versenken uns und euch in einige der Gedankenanstöße, die hier ausgedrückt wurden wie die Wimmerl unserer Jugendzeit. Und was uns sonst noch erwartet auf den verschlungenen Wegen des gemeinsamen Da-, Dort- oder überhaupt Seins – das wollen wir freudig erwarten und uns daraus einen Karl machen, den wir uns mindestens auf den Bauch hauen können – wenn wir ihn nicht sowieso unter den Armen verteilen. Wenn euch nicht gefallen hat, was heute hier stattfinden wird, dann reibts es uns doch unter die Nase – oder zeichnets es euch auf, lassts es euch schön einrahmen und hängts es euch z’haus übers Klo

Mahlzeit!

 

Unvollendete Symphonie …

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. JuniFertig ist man nie. Das Unvollendete bleibt noch in der stimmigsten Schnittmenge der Zweisamkeit. Wer da behauptet, fertig zu sein – mit seiner Entwicklung, mit seinen Arbeiten, mit seinem Leben – der ist nichts anderes als genau das: “Du bist voll fertig, Oida.” Fix und fertig im Sinn von erledigt, erschöpft, verbraucht. Das Leben an sich ist immer unterwegs und erschafft sich selbst ständig wiederkehrend in jeweils neuer Gestalt. Das Lebendige, das diesem immer unfertigen Vorgang innewohnt, ist seinem Wesen nach unendlich. Vielleicht vollkommen vollendet. Unsere Aussagen darüber sind hingegen immer vorläufig. Einstweilige Verfügungen zur Herstellung eines fragilen Gleichgewichts mit uns selbst. Unvollendete Kompositionen, ständig im Entstehen.

Unvollendete AssoziationenEin wunderbares Beispiel für dieses dauerhaft Einstweilige in seinem Leben und Werk ist der Komponist Anton Bruckner. Der hat nicht nur eine unvollendete 9. Symphonie hinterlassen, nein, er bearbeitete seine Schöpfungen sogar nach ihrer Veröffentlichung beständig weiter, so dass man heute oft gar nicht mehr sagen kann, “welche” Fassung man da gerade serviert bekommt. Was für ein grandioser Lebenswitz! Das würdigen wir mit einer ebenso unvollendeten Geschichte, die nie aufgeschrieben wurde und die sich daher immer wieder vollkommen neu erzählen kann, nämlich mit “Bruckners Buchtel”. Naturgemäß wollen wir danach auch einen Ausschnitt aus dem rekonstruierten Finale der 9. Symphonie anhören. Überhaupt war Anton Bruckner viel lustiger, als uns das die “offizielle Geschichtsschreibung” weismachen will, die ihn allgemein als einen verklemmt katholischen Bierernst voll staatsamtlicher Gottesschau darstellt. Aber das ist eben auch nur eine Möglichkeit.

Unvollendete OrientierungNicht weniger unvollendet ist das Lebenswerk von Hans Hölzl aka Falco, den Christian Ide Hintze einst als Lehrer fürs Songtexten zur Wiener Schule für Dichtung holte. Letzterer lebte einen derart “weit gefassten Poesiebegriff”, dass ihm noch die versammelten Gesichtsausdrücke von Pierluigi Collina ein Gedichtzyklus waren. Jedenfalls hat er Falcos Texte als das verstanden, was sie zutiefst sind: Sehr ernst zu nehmende Dichtkunst in vollendet unvollendeter Konstruktion. Und – wie jede gute Kunst – zeitlos. Daher ebenfalls prophetisch, wie wir am Beispiel “Europa” erfahren können. Was da beschrieben wird, die unvollendete Integration, sehen wir heute um vieles deutlicher als 1995. Wie Falco es damals beschrieben hat, das erscheint uns heute hellsichtig, vorausblickend, visionär. Vergleichen wir das mit der 2014 erschienenen “Eurovision” von Laibach, so entstehen Assoziationen und Zusammenhänge, die für Personen ohne eigenes Denken nicht geeignet sind.

Unvollendeter RomanWenn wir schon mit Dichtung und Wahrheit umgehen, dann soll hier auch der unvollendete Roman von Wolfgang Herrndorf gewiss nicht unempfohlen sein: “Bilder deiner großen Liebe” heißt das posthum veröffentliche Fragmentarium des legendären Autors von “Tschick”, dem wir an dieser Stelle Dirk von Lowtzow einen passenden Song nachrufen lassen. Und weil wir uns ganz absichtlich “Musikliterarische Gefühlsweltreise” nennen, wird diese Sendung in viel mehr Musik gebettet sein, als das die angeführten Empfehlungen vermuten lassen. Wobei, da wäre noch PeterLicht zu erwähnen, der auf seinem jüngsten Album “Beton und Ibuprofen” wieder ein sehr spezielles Stück “Spoken Word over Music” mit dem Titel “Lost Lost Lost World” dargereicht hat. Zu Riesen und Nebenwirkungen fragen sie ihre Maria – oder werfen sie sich ihr durch die Wand. Jetzt müsste man sich nur noch einen “weit gefassten Symphoniebegriff” zulegen – und schon geht es um jedweden “Zusammenklang”.

Sind wir nicht alle irgendwie unvollendete Menschen?

 

Alt und Jung und Jung und Alt

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Mai“Aber ihr seid beides!” Dieses Apocalypse-Now-Zitat veranschaulicht unser aller Zwischenheit trefflich. Von Beginn an vergehen wir. Und bis zuletzt leben wir. Da ist immer beides zugleich. Alt und Jung sind untrennbar miteinander verbunden. Auch wenn das im Jugendclub wie auch im Altersheim zunächst anders ausschaut. Apropos, geht es alten Menschen besser, wenn sie plötzlich Senioren heißen? Oder Senior*innen? Best-Ager gar? Na also. Bitte. Danke. Pubertäter aller Länder, begreifet euch! Und Insass*innen aller Altersendlager, werdet euch bewusst: Jung ist der, der Junges tut. “Ihr seid am Leben. Das ist alles, was zählt. Ihr seid am Leben!” Darauf lässt sich dann, egal ob alt oder jung, nur noch eins erwidern: “Das ist die Wahrheit.”

Alt und Jung und Jung und Alt AusblickNaturgemäß blicken Menschen unterschiedlichen Lebensalters jeweils anders in die Welt. Sie haben ja auch verschiene Interessen und Schwerpunkte. Kein Jugendlicher wird jemals abgeklärt und reich an Lebenserfahrung die Entwicklung des Weltgeschehens im Rückblick kritisch würdigen. Kein noch so agiler Herangereifter wird jemals mit Entwürfen für seine Zukunft schwanger gehen und dabei auch noch berauscht die Nacht durchtanzen. Drecksbiologie! Da kann man möchten was man will. Was man aber kann, ist in einen Dialog treten, über die genannten Grenzen hinaus. Was man auch kann, ist miteinander in Resonanz geraten, da lösen sich ja viele dieser Genregrenzen, Geschlechtergrenzen, Generationengrenzen auf, ohne dass man sie künstlich unterdrücken, wegverdrängen oder zuschütten muss. Das ist ein Anflug von Demokratie – gegenläufige Interessen unter einen Hut zu bringen.

Alt und Jung und Jung und Alt GezeitenDem Anfang wie dem Ende wohnt ein Leben inne. Und wie sehr erst dem Dazwischen! Kein Funktionieren, keine Staatsbürgerschaft, kein verregeltes Verrinnen von Lebenszeit. Staat dessen Denken und Fühlen und Fragen und Ergründenwollen. Neugier und Forschergeist und unstillbare Sehnsucht nach lebendiger Antwort. Nach Wahrnehmung. Als Mensch, nicht als Molekül. Das Grundbedürfnis, den elementaren Prozess des eigenen in die Welt Wachsens “zu einem guten Ende” zu bringen. Das in jedem einzelnen Vorgang des Lebens tobende Verlangen, von etwas, von jemand, überhaupt angesprochen zu werden. Und die Reaktion zu erfahren, die der Fragestellung entspricht. Wenn das nicht geschieht, stirbt etwas ab im Lebendigen. Noch bevor es hinreichend alt geworden ist, um wiederum Junges zu inspirieren. Noch bevor es jung genug ist, um überhaupt alt zu werden. Die herrschenden Weltverhältnisse der Macht zerstören nicht nur das bereits vorhandene Leben – sie vernichten es schon vor seiner eigentlichen Entstehung. Das Menschsein wird wortwörtlich “im Keim erstickt”. Wem das nicht mehr weh tut, der/die ist zu einem Teil der Banalität des Bösen” geworden.

Alt und Jung und Jung und Alt MusikBöses zerteilt und zertrennt das Große und Ganze nämlich so weit, bis die Lebensfrage nach Antwort genau gar nichts mehr vorfindet, sich daran zu verstehen. Das ist, was Hannah Arendt insgesamt mit dem Begriff meint: Die Weigerung, selbst Verantwortung zu tragen, zerbröselt jedes Verstehenwollen ins schiere Nichts, ist also seinem Wesen nach Vernichtung. Ist also selbst nichts anderes als Nichts. Auf Nichts lässt sich auch nichts antworten, es sei denn man ist ein Hupfhans und Hampelzwerg im Scheinweltgedümmel der Imageindustrie. Nichts als Etwas zu verkaufen, noch dazu für echte Arbeit, echten Schweiß und echte Lebenszeit, das hat wiederum durchaus was Diabolisches. Ist das die große Weltverschwörung zum Untergang und zum Zerfall des Lebendigen? In Abwandlung von Jan Josef Liefers könnte man sagen: “Verzweifeln sie nicht. Aber zweifeln sie bitte weiter!”

Oder auch: “Werden sie ruhig alt. Aber bleiben sie jung dabei!”

 

Frühlingsfest der Endlichkeit

>>> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. April – Er ist wieder da! Der kleine Tod, mit dem Andreas Vitàsek schon immer ein hochgradig ambivalentes Zwiegespräch pflegt. So abgründig liebevoll und schaurig vertraut wie vermutlich eh meistens im sonderlichen Sein des Homo Säugetier. Die vereinfachte Darstellung des Todes als bloßer Gegenpol zum Leben (was schon auch zutrifft) erhellt eben nur einen Aspekt des vielfältig Möglichen zwischen Frühlingsfest und Abschiedsleid. Vom “dünnen Firnis der Kultur, der uns von der Barbarei trennt” sprach der legendäre Jurist Fritz Bauer. Wie fest wäre hingegen der Firnis einer Kultur, die sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein widerstrebender Gegensätze speist? Einer Kultur des Sowohl-als-Auch, der wir diesmal im Strom der Gezeiten eine Insel stiften werden.

Frühlingsfest der EndlichkeitVor genau 10 Jahren haben wir mit “Frühlings Erwachen” der Zwiefalt von Leben und Tod eine Sendung gewidmet. Deshalb haben uns auch diese Szenenfotos der Schauburg in München trefflich inspiriert. Aber diesmal interessieren wir uns mehr für das, was entstehen kann, wenn die gegeneinander wirkenden Pole Lebenslust und Todessehnsucht eine Zeit lang und im selben Raum vorhanden sein und sich auswirken dürfen – ohne dass Entscheidungen getroffen werden müssen. Somit sollen Musik, Texte und Themen vorkommen, die entweder Frühling, Sonnenlicht, Liebe oder Angst, Trübsal, Untergang darstellen. Natürlich dazwischen auch solche, die bereits im Sowohl-als-Auch daheim sind – und von dort aus Fragen aufwerfen: Was ist Gegenwart (einmal abgesehen von Vergangenheit und Zukunft) anderes als Anwesenheit? Müsste sie dann nicht bei manchen Philosophen und Sprachwissenschaftern Abwesenheit heißen? Von wegen Geistesgegenwart

Frühlingsfest der Endlichkeit“Den Leibern, die hier umgehen, ist jeder Geist Gespenst.” So Uwe Dick in der Vorrede seiner szenischen Lesung “Der Öd”. Ja fürwahr, es scheint uns das “Hordiotentum” einer “perfekt blöd gemachten Rasse” dergestalt zu umbrodeln, dass Homo gewiss nicht sapiens heißen kann, bestenfalls Brotteig, Knetmatsch oder Massenblubb. Da ist es wieder, dieses Zwischen dem Glauben an die Menschheit und dem Verzweifeln an den Verhältnissen. Die Unsicht der Gestaltigen im Umgang mit der Welt wird eines Endes unser Untergang sein. Kein schönes Erwachsen! Kein Frühlingsfest der gemischten Gefühle für Anfängys und Fortgelaufene. “Und jedem Anfang wohnt ein Ende inne”, um es mit den Worten des Dichters weiter zu denken. “Mein Herz schlägt mich innerlich tot.” Und zwar schon seit vor meiner Geburt. “Liebe An- und Verwesende …”, das ist das Ende der Legende vom “ewigen” Wachstum im Hier und Jetzt. Schon ein Trost!

Frühlingsfest der EndlichkeitLeben und Endlichkeit sind die zwei Seiten derselben Medaille, untrennbar ineinander verknüpft. Warum nicht beides annehmen – und feiern, wie der Frühling fällt. Dazu bedarf es keines Auflaufs in der Außenwelt. Dazu bedarf es keiner Zusammenrottung und keines öffentlichen Almauftriebs. Der eigenen Endlichkeit endlich einmal so richtig zu obliegen, sie sich bewusst werden zu lassen, ihr Raum im Leben zu gewähren, ihr zu huldigen, weil sie die längst vorhandene zweite Hälfte des eigenen Selbst ist, das würde uns viel deppertes Festbatzen an unserem Traum vom perfekten Glückskeks ersparen! Das letzte Wort soll nun eine Französin (Roxanne aus Apocalypse Now) haben: Er wütete und er weinte, mein verlorener Soldat. Und ich sagte zu ihm: In dir wohnen zwei Seelen, weißt du das? Eine, die tötet – und eine, die liebt. Und er sagte zu mir: Ich weiß nicht, ob ich ein Tier bin oder Gott.Aber ihr seid beides …“

Frühling? – Gutes Wetter für Luftangriffe.

 

Licht Kind Schatten

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. März – Auf unserer heutigen Expedition ins Zwischenreich aus Licht und Schatten vertrauen wir uns dem einzigen “Führer” an, der in dieser Schwurbelwelt aus Entweder und Oder noch zuverlässige Perspektive verheißt, nämlich dem Kind. Die besondere Auffassungsgabe oder eben emotionale Perzeption von Neugeborenen wurde in zahlreichen Studien untersucht und von humanistischen Psychologen wie zum Beispiel Arno Gruen als Grundlage in ihre Arbeiten integriert. Das Kind blickt sozusagen durch, wo die verwachsenen Darsteller_innen sich im Gewirr von Gut und Böse verstricken und dann vor lauter erwünscht geglaubter Programmabspulung kaum noch in der Lage sind, dem Leben ohne Vorbehalt zu antworten. Kein Wunder also, dass “die Welt” so ausschaut …

Licht Kind SchattenDer große österreichische Sänger und Menschenfreund Georg Danzer hat die Situation so beschrieben:

es gibt so fü leiwaunde kinder
und mit jedn tag werns mehr
und es stöhd sich die peinliche frage
wo kumman de dumman erwachsenen hea

Hier die neue Version der Blau AG

Und das ist beileibe kein Zeitgeistrülpser aus den ach so freizügigen 70ern, das ist ein ebenso zeitloser wie ernst zu nehmender Befund, der uns (als Einzelne und auch als Gesellschaft) ein Wegweiser durch den Irrgarten der Zivilisation sein sollte. Und dann hör ich die aktuelle Wirtschaftsministerin sagen: “Die Gymnasien produzieren oft am Markt vorbei.” Bitte? Welcher Markt? Was ist das für ein Weltbild? Oder sind “die Gymnasien” doch nichts anderes als Produktionsstätten für das Humankapital “der Wirtschaft”, das gefälligst wunschgemäß zu funktionieren hat? Schwachsinn!

Kind Licht Schatten“Das versteht doch jedes Kind…” Oder wie es ein gewisser Jesus ausgedrückt haben soll: “Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht an der Welt teilhaben, in der Liebe, Frieden und Gerechtigkeit herrschen.” (Frei übersetzt nach Matthäus, Kap. 18) Die heutige Generation der Kinder und Jugendlichen drückt das ganz ähnlich aus: “Hörts endlich auf, den Planeten zu ruinieren, und machts es einfach richtig, sonst haben wir nämlich alle keine Zukunft mehr.” Woraus folgt, dass Menschen, die so weitermachen wie bisher, zu Mördern ihrer eigenen Kinder werden. “Jetzt reichts aber. Das geht zu weit. Kreuzigt ihn!” Wir befinden uns zwischen der Phantasie und dem bodenlosen Abgrund. Zeit, der spielerischen Kraft des inneren Kindes zu obliegen, die es auch in Heranwachsenden und sogar noch in vollständig Ausgewachsenen zuwege bringt, sich die vorgefundene Welt im Einklang mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen vorzustellen. The Expert is the Freestyler!

Schatten Kind LichtBleibt allerdings immer noch die peinliche Frage, wo die dummen Erwachsenen her kommen. Oder besser gefragt, was denn eigentlich so dumm macht. “Massenblödien, Quasselödien, Kassenschmähdien!” Eh klar, die Umweltbedingungen. Oder der Calvinismus. Der Markt. Das Unterbewusstsein? Da wirds interessant, gelangen wir da doch zum Verdrängten, in den Schatten (wie C. G. Jung das bezeichnete). Unsere Gedankengänge gehen doch immer von den selben Anfangspunkten (oder Befestigungen, Verankerungen) aus – und führen auch wieder zu ihnen zurück. Wenn wir eigenständig denken und nicht “denken lassen”. In dem Fall sind die Denkpunkte nah an der Oberfläche befestigt, in fremdbestimmten und vorgefertigten Bereichen wie Mode, Meinung, Zeitgeist oder Parteizugehörigkeit. Ein tiefgründiges Denken erfordert hingegen tiefer im eigenen Selbst begründete Ausgangspunkte. Und das auch hinter der Grenze zum Unbewussten, an der Scham und Schuldgefühl lauern.

Also, mitten hinein! Aber wie? Keine Ahnung – doch wir sind die Perlentaucher …

 

Buntes und Feines

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Februar – “Ein Kessel Buntes” hieß eine legendäre Fernsehshow der DDR, in die man alles an Kraut und Ruabn hineinstopfte, von dem man irgendwie annahm, dass es “den Leuten” gefallen würde. Und weil wir, auch im Hinblick auf Mummenschanz und Maskierung oder die inzwischen ganzjährig stattfindende Faschingszeit, ein “Sackerl Gemischtes” unters Volk bringen möchten, haben wir uns an den Titel angelehnt. Rummsdibumsti – doch nicht ganz so stabil wie gedacht, die erwünschte Untenhaltung. Vielmehr ein Kessel Schmutzwäsch, den wir da vor euch ausschütten, aber fein garniert – und mit Musik. Denn wir sind kein Formatradio – wir haben Format! Wir werden euch unterhalten und nicht unten haltenversprochen! Der Unterschied ist mindestens ein Elefant

Buntes und FeinesSo ein Babyelefant hats ja wirklich nicht leicht. Schließlich wächst er und wird immer größer, bis er in die Pubertät kommt und anfängt, sich aufzuführen. Über so etwas hat sich in der Porzellanabteilung vom Kaufhaus Österreich wieder niemand Gedanken gemacht. Über was denken die da überhaupt nach, bevor sie es uns mit Gültigkeit ins Gehirn scheißen? Wir haben wohl eine etwas sehr andere Vorstellung davon, was “denken” eigentlich ist. Von klein auf habe ich Menschen verabscheut, die “berechnend” sind und andere Menschen “manipulieren”, damit die ihnen gehorchen, ohne es aber je zu bemerken. Was für eine widerliche Trickserei – und zugleich die Methode, mit der wir alle derzeit rundum beschwindelt und schwindlig gemacht werden. Entweder wir spielen dabei mit – oder wir sind schon aussortiert. Die freie demokratische Wahl zwischen Pest und Cholera. Missverstehen sie mich richtig – die pseudoalternativen Scheinheilsversprechen der aktuell herumrandalierenden Verschwörungsdiabetiker sind auch keine Lösung des Problems. Der Fisch hört nicht dadurch auf zu stinken, dass man ihm einen anderen Kopf aufschraubt. Das Problem ist, DASS ER STINKT.

Buntes und BlödesNichtsdestoweniger werden wir auch in dieser Sendung wieder die Perlen des Überlebenshumors vor die letzten Nichtsäue werfen, die es da draußen noch gibt (und hier drin sowieso). Humor ist ja bekanntlich, wenn man TROTZDEM lacht. Und wir setzen jedes noch so heimliche Kichern und Schmunzeln auf die einzige Karte, die es inmitten der alles zu verschlingen drohenden Strömung ins verplemperte Nichts immer noch gibt: Schpritzmajim, aufs Leben! Danke für die lustigen Elefantenfotos, Judah Lewis! Und danke für dein Lebenswerk voll Phantasie und Schaffenslust, Arik Brauer! Danke für deine Musik und vor allem deine Texte, Tom Liwa! Und überhaupt Peter Klien! Danke für deine Sendung “Gute Nacht Österreich”. Sie werden lachen – jetzt wirds ernst mit dem Quotenonkel vom ORF. Da hat endlich einmal einer den Mut, Satire (gewiss auch von Jan Böhmermann inspiriert) als Entstellung der Wirklichkeit bis zu ihrer Kenntlichkeit aufzubereiten, in einem schmackhaften Potpourri aus Fiktion und (ja gibts denn sowas) Realität (oh mein Gott!), und schon kommt einem ORFloch just das aus, was seit Jahrzehnten Programm zum Pogrom macht: der Quotenschas.

Buntes - und fertig!Jetzt aber genug der Sozialkritik und zurück zum Sendungstitel (der immer auch einiges über den Inhalt verrät). Also – es gibt da die Kunst des Schüttelreims, deren höchste Form ein “echter Vierfacher” ist – wie etwa dieser:

Ein Leibesriese
ging auf Liebesreise.
Er sprach: Reib es, Liese!
Und sie rieb es leise.

Vor vielen Jahren wandte ich mit einem Freund gemeinsam die darin erkennbare Technik auf alles und jedes an, das mir vor Augen (und Ohren) kam, egal ob das Ergebnis dann einen Sinn ergab oder nicht. Eines Tages begegneten wir einer Flasche (mit Waschmittel), auf der “Buntes und Feines” geschrieben stand. Sogleich schüttelten wir (den Text, nicht die Flasche):

Buntes und Feines
Funtes und Beines
Beintes und Funes
Feintes und Bunes

Dadurch wird eines deutlich: Es kommt auf die richtige Mischung an!

Auch in dieser Sendung.

Le Chaim!

 

1001 Nachtfahrt

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. Dezember (in 3 Teilen): Erster Teil (Einstimmung), Zweiter Teil (“Deutsche Krieger”), Dritter Teil (Schluss).

Kriegsweihnacht, Coronaweihnacht, Weltuntergangsweihnacht – oder wie es einst Roger Waters auf den springenden Punkt brachte: “Each small Candle lights a Corner of the Dark.” Norbert K.Hund & Christopher Schmall feiern 10 Jahre gemeinsames Sendungsmachen in Gestalt einer Collage aus Text, Musik und Assoziationen. Wie etwa jener zu 1001 (in Worten tausendundeiner) Nacht. Geschichten, die angesichts der täglichen Todesdrohung immer wieder aufs Neue weiter gesponnen werden – bis ins unendlich Schöpferische. “Mein Reich ist nicht von dieser Welt.” Denn nichts von all dem, aus dem unsere gewohnten Ordnungen bestehen, wird unser Weiterleben sichern. Das kann nur das bislang Unverwirklichteetwas aus unserer Phantasie.

1001 Nachtfahrt KriseEtwas, das nicht nach Macht über andere Menschen strebt. Macht in Form von Herrschaft über die Welt. Herrschaft IST Gewalt und deshalb ist Gewaltherrschaft sowieso schon ein Pleonasmus. Wir phantasieren Regie statt Regierung und wollen auch Gewinn anders als allgemein üblich begreifen. Ein Kind ist uns geboren – und das sind wir selbst! Gibt es überhaupt ein Christentum – oder ist “jesusinspiriert” der viel treffendere Ausdruck? Wir sind hochschwanger auf Herbergsuche und werden mit dem Gewaltsprech der Gastronomen ins ewige Abseits vertrieben. Kann man ohne Beseitigung des weltweit herrschenden Unrechts Gewalt aus der Sprache heraus reformieren – und was für einen Sinn hätte das eigentlich? Das klingelnde Plemplem des missionarischen Marketings – wer hats erfunden? Edward Bernays oder Paulus oder doch viel früher die hohepriesterliche PR-Abteilung von König Großprotz dem Grausligen? Es ist alles so dermaßen OASCH ringsumher auf dem Globus, dass man oberhaupt nicht so viel fressen kann wie man scheißen möchte. Lokuspokus, Bäh!

1001 Nachtfahrt KriegerDa kommt uns nichts gelegener als die legendäre Trilogie “Deutsche Krieger” von Andreas Ammer und FM Einheit, die wir ab ca. 23:20 Uhr vollständig zu Gehör bringen, quasi als Collage innerhalb der Collage. Die 1001 Originalaufnahmen und Geräusche, die hier nebst eigenen Musikstücken zu einem ungeheuer vielschichtigen Hörerlebnistheater verdichtet, verknüpft und verwoben sind (das übrigens auch livehaftig aufgeführt wird), erzeugen in ihrer Gesamtkomposition eine beachtliche zeit- und mediengeschichtliche Erfahrung, deren eigentliche Aussagen (wie zumeist in der Tonkunst) zwischen den Zeilen und hinter den Klängen stecken, von wo aus sie sich zusammen mit dem tatsächlich Wahrgenommenen in den Köpfen des Publikums zu sich selbst als etwas Lebendigem zusammenfinden. Wer sich für die Gründe und Hintergründe dieser Produktion interessiert, möge sich hier im Hotel Discipline näher einlesen (ein ganz hervorragender Artikel). Darüber hinaus passt das experimentelle Gewaltwerk auch ausgezeichnet in den Kontext unserer eigenen Collagen-Arbeiten.

1001 Nachtfahrt KreativWomit können wir dann im dritten Akt unserer Advents-Andacht den erwünschten heiter-besinnlichen Ausklang erzeugen? Vielleicht mit einer dritten Steigerungsstufe der Dichtheit, der Collage aus Texten, Musik und weiteren Collagen, die alle zusammen zur Feierstunde gemeinsamer Kreativität werden. Das zwischen den Zeilen, neben den Klängen, unter den Collagen und vor allem hinter den Kulissen immer schon Daseiende, Lebendige, Schöpferische, das allüberraschende kreative Vakuum, das alles noch zu Gestaltende in uns herbeilockt und dem Erschaffen die Fanfare läutet, dass einem ganz anders wird und schwindlig und warm ums Herz. Das eine Fünkchen Hoffnung, aus dem jederzeit ein Traumtanz der Leidenschaft entstehen kann, der noch das allerverfaulteste Gehtnimmermehr in einem einzigen Augenblick lebender Gegenwart verwandelnd verzehrt. Ach, Sprach! Ach, Hasen! Sie sind frisch, sie sind zappelig – und …

sie mögen sich.

 

Zuvielversum

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. JuliWieviel Versum ist ein Zuvielversum? Und wo würde man das lernen? An der Zuvielversität? Vielleicht im Dichterwettbüro von “Zuviel Versum Hysterie” aus Klagenfurt? Zwischen dem alles enthaltenden Einen und seiner Aufsplitterung in unendlich Zuvieles muss doch auch noch genügend Platz bleiben für ein menschliches Maß in deren Auffassung. Und so spielen wir als zwischenraumfahrende Sternschnupperer mit den einander scheinbar entgegen gesetzten Weltsichtweisen herum – bis sie sich in Wohlleben auflösen. Das geheime Leben der Lebewesen möchte man sagen. Wieviele Perlen wurden nicht schon vor die Säue geworfen – und es hat wieder keine Sau interessiert. Von Hasen haben wir derlei Sprichwörtliches allerdings noch nie gehörtJuuhuu!

Zuvielversum - Die PiratenEin Fall für zwei unerschrockene Kulturfreibeuter. Nutzen wir die Kunst der Stunde! Und plündern wir das gesamte Zuvielversum der Text-, Musik- und Bildbeiträge, so dass es wiederum denen gehört, die es lieben und bestaunen, und nicht denen, die es zum Nutzzweck ihrer Geldwelt verwursten. Pfuiii Deifi!!

“Der Wald kommt zurück. – Es wäre nur schön, wenn wir dann noch da sind …”

Zuvielversum - Die richtige RichtungDer Weltraum ist ein Biotop und keine Fleischfabrik. Ja wer hätte das gedacht? Unser Weltenraum ist ein kreativer Freiraum und keine Naturzerstörung vom Fließband. Unser Kulturraum ist Platz (also auch Zeit) zum Denken, Fühlen – und zum Aussortieren der viel zuvielen Eindrücke, die werbewirksam von überallher auf uns einklingeln, einplärren und einkrakehlen wie eine Kakophonie für Millionen. Nichts wirklich Neues unter unserer Sonne seit Propangasminister Goebbels: “Wir machen Sendungen für die Millionenmassen.” Und an dieser Volksempfängnis aus Massenblödien, Quasselödien und Kassenschmähdien hängen nach wie vor die braven Bürger, der kleine Mann und seine kleine Frau, die Durchschnitte. Nicht mit uns, Oida!

“Die Artikel zur Sendung sind Assoziationsmaterial zum selbst weiter denken …”

Zuvielversum - Derdiedas ChaosmosDie Digitalisierung schreitet voran. Der freiwilligen Selbstverblödung entkommt eh kaum noch irgendwer. Zeit ist Geld – und wir sind alle eine lustige Hochleistungsgesellschaft. Thronald Dump ist Bräsigdent der Verunreinigten Statuten – und die Festspiele spielen fest. Vollholler Reidulliöh und auf ins Verderben!

“Wir schwelgen stets in ausgewählten Kostbarkeiten aus dem – Zuvielversum …”

Hurz!

 

Wucht und Fluffigkeit

> Zur Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Juni – Veronika (oder wer auch immer), die Ambivalenz ist da. Das zeigt allein schon die österreichische Zeitgeschichte: Wir sind schuld. UND: Wir können nix dafür. Beides trifft zu. Immer auch gleichzeitig. Moskauer Deklaration hin, Mauthausen-Gedenkstätte her. Da ist es von der “Unerträglichen Leichtigkeit des Seins” nicht weit zur “Unerklärlichen Fluffigkeit des Steins”. Das gepflegte Aushalten der Ambivalenz erscheint uns als angewandtes Paradoxon. Für seine Abhandlung von “Krieg und Frieden” brauchte Leo Tolstoi mehr als 1.500 Seiten, für “Wut und Zärtlichkeit” brauchte Konstantin Wecker immerhin ein ganzes Album, ebenso wie Das Trojanische Pferd für “Wut und Disziplin”. Bei uns gibts “Wucht und Fluffigkeit” in gerade mal drei Stunden

Welpentier FluffigkeitIn der poetischen Wortschöpfung stehen uns Mittel zur Verfügung, unser realitätsträge gewordenes Gehirngedärm wieder an die Kost der Ambivalenz zu gewöhnen: das gleichzeitige Vorhandensein von Licht und Schatten – jeweils in ein und derselben Angelegenheit. Ohne Sprachbilder wie etwa “zärtliche Explosion” oder “sanftgewaltiger Flügelschlag des Schmetterlings” können wir innere Vorgänge wie “wenn Terror in Geborgenheit kippt(beschrieben von Arno Gruen) oder psychologische Begriffe wie “Stockholm-Syndrom” nicht gut genug verstehen, um daraus Lebenssinnstiftendes zu gewinnen. Deshalb bemühen wir auch ein zweites Mal den “Bockerer” als Beispiel für lebensfreundlich gestaltete Geschichte. Und zwar nicht als Film von Franz Antel sondern als Theaterstück von Ulrich Becher und Peter Preses, aus dem sich ganz vorzüglich szenisch lesen lässt.

Wuchtige FluffigkeitInmitten von Unmenschlichkeit und Zerstörungswahn trotzt da einer in seiner kleinen Welt ungebrochen als mitfühlender Mensch der Diktatur der Angepassten. Vielleicht, weil er nicht aus hergebrachter Moral und idealisiertem “Gewissen” handelt, sondern schlicht stur und liebevoll sein ureigenstes Selbstsein gegen den Strom der Zeit aufrecht erhält. Diese Gleichzeitigkeit von äußerem Ungeist und innerem Widerstand ist eine Meisterleistung der beiden Autoren (die das Stück 1945 in der Emigration fertig schrieben) – und eben eine gelungene Darstellung der eingangs erwähnten Ambivalenz. Genauso wie das Video zu “Psycho Celtic” von Technical Hitch, welches die Themen Natur und Technik in ihrer Mehrdeutigkeit zueinander kontrastiert. Darüber hinaus soll unsere Musikauswahl diesmal sowohl Wucht als auch Fluffigkeit transportieren (was nicht immer in ein und demselben Stück gelingt). Geneigtes Publikum, bitte oszillieren sie

Zerbrechliche FluffigkeitDenn allein schon diese beiden Begriffe bedürfen einiger geistiger Gymnastik: Was wäre Wucht – zwischen Wurst und Wumms – Knackwucht? Oder locker flockig gedacht, bin ich fluffig depressiv? Wrdlflfft! Eben. Der Pferd, der hat vier Beiner. Auch im Juni. Bald ist Sommersonnwend – und Feier! Von da an wirds eh wieder finster, ein Zustand, der uns weltpolitisch leider nur allzu vertraut erscheint. Da müsste man mal so richtig mit WuchtHa! Eine mögliche Synthese aus Wucht und Fluffigkeit wäre doch Wuchtel, ein luftiges Backwerk, das auch als Synonym für unernste Gschichtln firmiert. Heiße Luft mit Germ sozusagen, und den gabs ja eine Zeit lang nur spärlich zu kaufen. Haben den vielleicht die Germ-Ahnen für irgend so ein selbsterfundenes Ritualfest gebraucht? Man kann aus allem und jedem was aufblasen – doch nur die Fluffigkeit hat Wucht.