Experlimental (Norbert)

Podcast/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. März: Nach einer Idee vom Chriss sollten wir doch einmal „Experimental Hours“ machen und all das zu Gehör bringen, was zu abgefahren und zu aushängig für unsere üblichen assoziativen Themensendungen sein könnte. Hmm – nach kurzer Überlegungspause schien mir das eine überaus passende Anregung zu sein, zumal ja bereits „Radio Baghdad“ von Patti Smith mit 12:17 Minuten Überlänge im Produktionsordner herum kugelte. Und überhaupt ist es mir gerade in dieser Zeit der Traumata und Träume recht angenehm, einmal sehr freihändig und intuitiv mit Texten und Tönen zu – experimentieren…

Was liegt also näher, als diejenigen Musikstücke (im weitesten Sinn) hervor zu kramen, die sich ob ihrer Länge, Sperrigkeit oder experimentellen Natur bislang einer Zuordnung entzogen – und sie mit den verrückten, verspielten und vertrackten Texten eines echten Wortweltbürgers und Sprachverdichters so als Hörwelt aufzuführen.

Also zelebrieren wir diesmal das Experimentelle an sich – doch keine Angst vor atonalem Dauerbeschuss! Neben klassischen Audiocollagen wie „Revolution 9“ von den Beatles oder dem klangkreativen Jazz-Opus „Udrilitten“ von Uzzi Förster (mit 18:09 der längste Titel und zugleich Überleitung zur Jazznacht) gibt es noch genügend tanzbare Elektronic-Beats und knackige Rock-Sounds, um nicht haptisch und synaptisch im Ö1 Studio für zeitgenössisches Musikschaffen zu verschwinden. Eigentlich wollen wir in diesem Experiment mit dem Begriff des Experimentellen herum experimentieren – zwischen Eno, Extrawelt und – Ernst Jandl…

Ja richtig gehörlesen, der Jantel kommt! Immerhin hat Wagenbachs LeseOhr uns mittlerweile „him hanflang war das wort“ in bestens überarbeiteter Qualität zu Gehirn gebracht, ein Werk, von dem früher eher nur Vinyl-Rips fortschreitender Räude zirkulierten. Wir feiern – und senden – also diesmal einen wahren Meister von Sprachen 😉

Wer jetzt allerdings nur die allgemein bekannten (und guten!) Standards wie „schtzngrmm“ oder „ottos mops“ erwartet, wird von uns mit ans Wahrscheinliche grenzender Sicherheit trefflich enttäuscht werden. Der selbsterforschende Zyklus „tagenglas“ etwa oder auch die Rauschexpedition „von schlafkunst“ werden – vom Autor selbst nicht einfach nur gelesen, sondern wahrhaftig dargelebt – zu einem bewusstseinserweiternden Elementarereignis! Und zu allem Überdruck kredenzen wir dann noch „Weltgebräuche“ für Orgel, Posaune und Sprecher, eine Koproduktion mit Martin Haselböck:

zweierlei handzeichen

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich ersteres tue
weiß jeder katholik
wie ich letzteres tue
ich allein

 

Dem habe ich jetzt erst mal wirklich nichts – zumindest Inhaltliches – hinzu zu fügen… Allerdings werden wir in der Sendung schon noch für einige Überraschungen sorgen. Denn ihr wisst ja: Wir sind ein geiles Institut! Und wir freuen uns auf euch…

Postscriptum: Markus Huber aka mareone hat ein geniales Video von unser Adventsingen-Nachtfahrt feat. Klaus Kinski gedreht! Da kommt echt allerhand von unserer Emotionalität und Philosophie rüber. Ihr könnt es am Youtube-Channel der Radiofabrik anschauen und im Artikel am Artarium-Blog mehr über das Konzept und die Entstehung erfahren. Und wir freuen uns alle natürlich auch über euer Feedback 😉

Verlust und Versöhnung -Eine Annäherung- (Chriss)

Die Nachtfahrt am 10.2.2012 von 22:00 bis 01:00 Uhr.

Der erste Schock. Unglaubliches Versinken in die Stille. Atmen. Luft holen. Kälte. Allein. Nur du und das Wissen um den Tod. Und das Wissen, dass er zu jedem irgendwann kommt. Nur du. Allein mit deinen Gedanken und Gefühlen die in jenem Moment, nicht mehr  zu differenzieren sind. Atmen. Sich halten. Sich wärmen. Nur du- und der Tod.

Nach dem ersten Erwachen aus dem Koma des Nichtwahrhabenwollens, ernüchtert man von einem Moment auf den anderen. Man bemerkt, dass man allein ist und die Augen die Welt anders sehen. Rationaler. Zumindest für den Augenblick. Dann kommt der Abschied. Man gedenkt nocheinmal der verstorbenen Person, sieht ihr Leben vor sich, hört die Geschichten und Worte und man bemerkt, dass es nun besser ist. Der Abschied fällt eigentlich immer schwer. Es ist immer hart sich von etwas oder jemanden zu trennen und es ist noch härter den Verlust auch anzunehmen.

Am Rande des Grabes

Ein Mitternachtsmond                               im toten Raum                                        voller Erinnerung                                      und                                                             dein Gesicht in meinen Träumen

Ein Sternenlied                                              in der starrenden Nacht                               der Einsamkeit                                               und                                                           dein Lachen in meinem Geist  

Ein  stillgefallener Wunsch                           in hoffnungsloser Dunkelheit.

Doch am Rande des Grabes unser Wissen: Es wird weiter gehen.

-In Gedenken an Maria Barth (1928 – 2010)-

Die Navajo-Indianer sagen: „Du musst die Geschichte der Toten erzählen; erst dann kannst du sie wirklich gehen lassen…“ Die Annahme des Verlustes den man gemacht hat und die der eigenen Sterblichkeit ist essentiell! Das Verarbeiten der Trauer, das Ausdrücken seiner Gefühle, sei es durch Erzählen, Gedichte, Lieder, Bilder oder durch sonst etwas, die eigene Geschichte leben; mehr kann man nicht tun…

„Let go of the spirit of the departed and continue your life’s celebration“                    -Allan Ginsberg

Podcast/Download der ganzen Live-Sendung.

Verlust und Versöhnung (Norbert)

Podcast/Download: Perlentaucher-Nachtfahrt vom Freitag, 10. Februar. Eine sehr persönliche Sendung zum Sterben meiner Mutter. Gemischte Gefühle im Schleudergang. Plötzliche Leere, die ich so nie erwartet hätte. Unglaubliche Kräfte in eigentlich unangenehmen Situationen. Eine innere Ruhe, die fast schon beunruhigend wirkt. Elementare Bedürftigkeit nach allem Lebendigen. Existenzielle Verbundenheit jenseits jeglicher Vernunft. Das Wunder der Familien-Organismus-Synapsen. Und ein paar ganz großartige Gefährten. Wegbegleiter und Welpentiere…

 

Abschied

Es ist doch vieles ungesagt geblieben.

Und vieles wird auch unbeantwortet bleiben. Du bist jetzt nicht mehr hier auf dieser Welt, doch du hast Spuren hinterlassen. Und diese Spuren leben weiter – in meiner Erinnerung, in meiner Persönlichkeit, in meinem Wandeln, Werden und Wirken. Diese Spuren sind mein Erbe. Sie sind deine Geschichte in meiner Geschichte. Und der Sinn jeder Geschichte erschließt sich erst in ihrem Erzählen – am besten einer nächsten, neuen Generation von Menschenkindern, die auch hier und heute die Gegenwart der Zukunft sind.

„Um die Geister der Verstorbenen zu befrieden, musst du ihre Geschichten erzählen…“

So sehen es nicht nur die alten Weisen der Navajo Indianer, sondern so lautet das weltweite und uralte Verständnis vom Umgang der Lebenden mit den Toten. Und so will auch ich es halten: Geschichte ist das, was erlebt wurde, ist Lebensgeschichte, die zu lebendiger Geschichte verwandelt wird, indem wir sie erzählen, ehren wir auch das Andenken derer, die sie uns hinterlassen haben. Wir, die wir hier zurück bleiben – was hätten wir sonst wirklich im Innersten bleibend erhalten?

 

Und darum sind sie heute mit mir hier um ein starkes Band aus Leben zu knüpfen:

Chriss, meine Sonne

Gabes

Sophie

Leffi Tischenminsky

Viki

Fex

und der Flow…

Denn das Leben erzählt sich durch uns immer weiter – über die Grenzen, über die Liebe, über den Tod hinaus – auch wenn unsere noch ungesagten Worte verwehen – wir halten stand, wir bleiben immer gestärkt und bedürftig zugleich.

(Text vom Begräbnis am Dienstag, 31. Januar 2012, Salzburger Kommunalfriedhof)

 

Herbst

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen ist mir als hör‘ ich Kunde wehen,
daß alles Sterben und Vergehen nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.

(Nikolaus Lenau, Inschrift am Grab meiner Großeltern)

 

Diesmal zur Einstimmung also zwei Texte, die in der Sendung live zum Vortrag kommen. Gastbeiträge gibts von Jochen Malmsheimer und Sonic Youth (Interview/Spoken Word) sowie H. P. Baxxter (der von Scooter!) mit Erzählungen von Thomas Bernhard. Die dazu ausgewählte Musik wird ebenfalls dem Anlass entsprechend sein:

Aushängig. Emotional. Intensiv. Ohrenbetäubend. Und unterschwellig. Wir tauchen nach Perlen, wo andere nur Dreck entdecken. Und wir werden dabei fündig. Das ist unser ganzes Geheimnis. Lasst uns etwas von der Liebe erzählen, vom Übergang des Sterbens, vom Wunder der Verwandlung…