Sänger von Liedern, die kein anderer kannte. Hörstolperstein für Yedidia Geminder aus Halle (Saale)

Menschenleben wurden zerstört, Menschen wurden ermordet und am Ende gab es nur noch Zahlen. Ist das wirklich alles, was wir von ihnen erinnern wollen?

Yedidia Geminder, geboren am 21. Februar 1891, lebte mit seiner Familie zwischen 1930 und 1938 im Mühlweg 36 in Halle an der Saale. Als er 51 Jahre alt war, wurde er von den Deutschen in einem polnischen Arbeitslager ermordet. Weiterlesen

Hörstolperstein für David, Sophie und Berta Sternreich aus Weißenfels

Die Stolpersteine für die ermordeten Familienangehörigen wurden am 15. Mai 2008 vor dem letzten selbstgewählten Wohnort in der Langendorfer Straße 36 in Weißenfels auf Initiative des Simon Rau-Zentrum e.V.`s verlegt.

Sechs Millionen ermordete Juden und Jüdinnen – Berta war eine von ihnen. Ihr Name ist nicht vergessen – nicht in Weißenfels aber auch in Israel nicht. So erinnert sich ihr Neffe an den bestehenden Briefkontakt zwischen Berta, die mit den aus Polen stammenden Eltern 1938 deportiert worden war  und ihren Brüdern, die nach England fliehen konnten.
Diese Briefe sind bis heute im Familienbesitz und für uns – als am Familienschicksal Interessierte, die eindrucksvollsten Quellen.

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Hörstolperstein Gisela und Johann Jellinek, Salzburg

Gisela und Johann Jellinek

Gisela und Johann Jellinek

Johann JELLINEK, geboren am 12. April 1875 in Schumitz, Mähren (Österreich-Ungarn, hernach Tschechoslowakei, Tschechien), war Jude, Sohn des Salomon JELLINEK und der Anna TAUS (Gastwirtschaft in Schumitz). Johann studierte in Wien Medizin, wurde Facharzt und arbeitete seit März 1907 in Salzburg, seit Juli 1909 im Haus der Donau-Versicherung, Dreifaltigkeitsgasse 1 (oder Platzl 2), 2. Etage, wo sich seine Wohnung und Praxis befanden, wie im Gewerbeverzeichnis der Stadt Salzburg bis 1938 vermerkt ist:

Dr. Johann JELLINEK, Medizinalrat, emeritierter Sekundararzt und ehemaliger Assistent des Allgemeinen Krankenhauses, Facharzt für Haut-, Harn-, Geschlechtskrankheiten und Kosmetik, Röntgendiathermie, Höhensonne sowie Licht- und Tonisatorbehandlung.

Dr. JELLINEK, der 1930 den Titel Medizinalrat vom Bundespräsidenten verliehen bekam, war der einzige jüdische Arzt in der Stadt Salzburg, weshalb ihn speziell Juden gerne aufsuchten, zum Beispiel der im Haus Kapuzinerberg 5 wohnende Schriftsteller Stefan ZWEIG, der im Frühjahr 1924 seiner in Abbazia weilenden Ehefrau Friderike über seine Erkrankung berichtete und dabei seinen Salzburger Arzt besonders lobte:

Ich habe Dir kein Wort geschrieben, allen zu schreiben verboten, dass ich sieben Tage zu Bett war und ziemlich arg daran: eine Bauchgrippe mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen; stellenweise war mir schon sehr mies. Alfred [sein Bruder aus Wien] war für einen Tag hergekommen, war mit den Anordnungen des Arztes (Dr. Jellinek, der sehr tüchtig ist) zufrieden, sodass der ursprüngliche Plan, mich nach Wien zu befördern, aufgegeben wurde. Ich werde aber noch längere Zeit bestimmte Diät halten müssen …

Die Familien ZWEIG und JELLINEK waren fortan befreundet, dokumentiert u.a. durch gemeinsame Essen im Hotel Münchnerhof, Dreifaltigkeitsgasse 3, et cetera.

Gisela und Johann Jellinek Stolpersteine

Gisela und Johann Jellinek Stolpersteine/Lasserstraße 23

Dr. JELLINEKS Ehefrau Gisela, geb. am 19. September 1877 in Wien, war die Tochter des Ehepaares Philipp MANDL und Theresa ROSENFELD – beide wurden in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs bestattet. Am 7. April 1907 bekam das Ehepaar JELLINEK in Salzburg einen Sohn: Kurt, der hier das Akademische Gymnasium besuchte und wie sein Vater in Wien Medizin studierte. Dr. Kurt JELLINEK war Spitalsarzt in Wien und ab 1936 praktischer Arzt in Salzburg-Gnigl, Linzer Bundesstraße 36, in einem Arbeiter- und Eisenbahnerviertel. Er heiratete Maria GASCHO aus Bayern, die keine Jüdin, sondern Protestantin war (Augsburger Bekenntnis).

Seit 1917 war die Familie JELLINEK in Salzburg nach altösterreichischem Recht heimatberechtigt. Im Jahr 1932 erwarb Gisela JELLINEK in Salzburg das Haus Lasserstraße 23, unweit der Synagoge.

Hörstolperstein Gisela und Johann Jellinek

Im Gewaltjahr 1938 mussten die beiden jüdischen Ärzte in Salzburg ihre Praxis schließen. Der 32-jährige Dr. Kurt JELLINEK und seine Frau Maria, die noch bis März 1939 im Haus Lasserstraße 23 wohnten, bekamen Visa und Affidavits für die USA, konnten via Genua nach New York reisen (Ankunft am 9. November 1939) und lebten hernach in Middleborough (Middleboro), Massachusetts, wo Kurt und Mary noch bis ins Kriegsjahr 1942 hinein Post aus dem nationalsozialistischen Wien erhielten.

Dr. Johann und Gisela JELLINEK, die im Mai 1938 ihre Wohnung und Praxis in Salzburg, Dreifaltigkeitsgasse 1, für den NS-Reichskriegerbund, Gaukriegerführung Alpenland räumen mussten, wohnten bis zum Frühjahr 1942 in Wien 8, Lange Gasse 61, hernach in Wien 2, Haasgasse 8, in einer »Sammelwohnung«, deren Parteien zur Deportation bestimmt waren. Aus dem Nachlass Dr. JELLINEKs geht hervor, dass das Ehepaar noch im Jahr 1941 Vorbereitungen zur Ausreise mit dem nächsten Fernosttransport traf (»Bahnkarte Berlin – Shanghai RM 28.000 Konto D der IKG 17. März 1941 erlegt«).

Am 28. Juli 1942, als die Deportation bevorstand, schrieb der Vater aus Wien seinen Kindern in Middleboro:

Da wir in den nächsten Wochen von Wien nach einem Ort in Böhmen wahrscheinlich Theresienstadt an der Elbe abtransportiert werden, muß ich Euch …

Am 10. September 1942 ging der »Transport 40 Zug Da 513« mit den Häftlingen Nr. 837 und 838, Dr. Johann und Gisela JELLINEK, nach Theresienstadt. Der Ehemann kam dort 68-jährig am 20. März 1943 zu Tode, die Ehefrau 66-jährig am 9. August 1943.

Ihr Sohn Kurt wurde nach der Befreiung Österreichs über den Tod seiner Eltern von Überlebenden mit viel Feingefühl informiert:

Leider war Dein Vater in dieser Zeit an einer anderen Krankheit erkrankt, die eine Operation nötig gemacht hätte. Nun war aber eine Überführung in das dortige Spital aus dem vorerwähnten Grunde nicht möglich. Dein Vater ist also damals im März 1943, wenn auch eines natürlichen Todes gestorben. Deine Mutter sah Herrn Vogel [Augenzeuge] später einige Male; sie war durch die harten Bedingungen des Winters sehr geschwächt; es hatte damals wenig zu heizen und zu essen gegeben. Ausserdem war der Tod Deines Vaters sicher ein schwerer Schlag für sie. Sie sprach oft von Dir. […] Deine Mutter ist, wie Herr Vogel sagte, sehr schön und sanft hinübergeschlafen. Das war im Mai [August] 1943. Es ist unendlich traurig, dass so liebe Menschen wie es Deine Eltern waren ein ganz anderes Alter erlebten als es ihrem übrigen Leben entsprach. Sie hätten wohl Anrecht auf schöne Tage gehabt.

Dr. Kurt JELLINEK, der das geraubte Vermögen seiner Eltern nicht zurückerhielt – auch nicht das im Jahr 1939 »arisierte« Haus Lasserstrasse 231 – starb 1977 in Middleborough, seine Frau Mary 1998 in East Dennis, Massachusetts.

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1 Gisela Jellinek erwarb das Haus 1932 von David Rosenfeld, der hier mit seiner Familie wohnte. Das Ehepaar David und Stefanie Rosenfeld, das zuletzt in Triest lebte, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Im Haus Lasserstraße 23 wohnten weitere Opfer des nationalsozialistischen Terrors, die aber nicht jüdisch waren: Anna Steinwender, 1941 in Hartheim ermordet, und Otto Schneider, 1941 in Buchenwald ermordet. Das Haus Lasserstraße 23 wurde im Jahr 1939 von Maria Scheuba, Ehefrau eines Arztes, »arisiert« und nach der Befreiung Salzburgs nicht restituiert (Grundbuch Salzburg-Schallmoos EZ 262).

Recherche: Gert Kerschbaumer & Lisa Macheiner; Fotos: Wienbibliothek, Nachlass Dr. Jellinek
Gestaltung & Produktion: Eva Schmidhuber

OCBoddity 224 (13.08.2012)

Neben einer musikalischen Rund-um-Schau auf das Line-Up des bevorstehenden FreQuency Festivals (The Beth Edges, Maximo Park, Noel Gallagher usw.) bietet die 224. Auflage von OCBODDITY fast exklusiv Frischgepresstes von Mumford & Sons, Cat Power, Alanis Morisette und John Cale! „Don’t Miss It, Be It!“ says OCB.

 

PLAYLIST
The Beth Edges, Lonely & Confused
Maximo Park, Until The Earth Would Open
The Black Keys, Dead And Gone
Noel Gallagher’s High Flying Birds, Soldier Boys & Jesus Freaks
The Cure, Just Like Heaven
Dandy Warhols, Seti vs. The Wow Signal
Wilco, Born Alone (live)
Alanis Morrisette, Guardian
Cat Power, Cherokee
Ane Brun, Words
John Cale, I Wanna Talk To You
Giant Giant Sand, Forever And A Day
Mumford & Sons, I Will Wait

Zum Nachhören

Playlist Welcome to Americarabia – FNTOME Juli 2012

ARABAMERICANRAP
DOWNLOAD…what an Arab in the West is…

01. Aiwa, Mr. Tibbz & Admiral General Aladeen – The Next Episode

02. NOMADS vs. Philistines – Hala

03. Omar Offendum, The Narcicyst, Freeway, Amir Sulaiman & Ayah – Jan 25

04. Qusai (Saudi Arabia), Rush (Arabian Knightz, Egypt), Balti (Tunisia), Ayzee (Saudi Arabia), Vico (Lebanon), Flipp (Bahrain), Murder Eyez (Syria), Timz (Iraq), & Talal (Palestine); produced by DJ Outlaw (Bahrain) – Arab World Unite

05. Shadia Mansour – Assalamu Alaikum

06. The Narcicyst feat. Shadia Mansour – Hamdulillah

07. The Narcicyst – Vietnam (live in France 2009)

08. The Narcicyst, Excentrik, Ragtop & Omar Offendum – Explain (from: The Arab Summit’s fear Of an Arab Planet – Download HERE)

09. The Narcicyst, Excentrik, Ragtop & Omar Offendum – Camouflage Life (from: The Arab Summit’s fear Of an Arab Planet – Download HERE)

10. The Narcicyst – P.H.A.T.W.A.

11. Sundus Abdul Hadi & Meryem Saci (mixed by The Narcicyst) – All The Weapons (From: Warchestra – Download HERE)

12. The Narcicyst – Fly Over Egypt

13. Omar Offendum – Syria

14. Omar Offendum – The Arab Speaks Of Rivers

15. Nizar Wattad aka Ragtop – 1948

16. Excentrik (feat. The Narcycist) – A Piece…(Peace Dies)

17. Excentrik – Inertia

18. Amir Sulaiman Seeing Is Believing

The Marshes by Sundus Abdul Hadi

The Marshes by Sundus Abdul Hadi

Playlist Wir gehn Kalksburg – FNTOME Mai 2012

Eine Sendung fast ausschließlich mit Musik vom Kollegium Kalksburg
HIER das Gespräch der drei Weisen zum Download.

01. Kollegium Kalksburg – Schaas Mit Gwastln

02. Kollegium Kalksburg – Ein Schöner Tag

03. Kollegium Kalksburg – Heit Bin I Augschitt

04. Kollegium Kalksburg – Brominenz

05. Kollegium Kalksburg – Wiener Paareimmassaker

06 Kalksburg – Beim Schützeneder

07. Kollegium Kalksburg – Die 4 Jahreszeiten

08. Kollegium Kalksburg – Mei Letzte Weis

09. Kollegium Kalksburg – Zwischn D´Finga

10. Kollegium Kalksburg – Dschango

11. Kollegium Kalksburg – Oid Und Blad

12. Kollegium Kalksburg – Schee Is Wo Ondas

13. Kollegium Kalksburg – Rolap

14. Tom Waits – What’s He Building

15. Kollegium Kalksburg – Seiringer Sandlastoiz

16. Kollegium Kalksburg – Fleischhokka

Das Kreative Vakuum 2.0

Podcast/Download: Artarium vom Sonntag, 12. August – Die Kunnst der kreativen Resteverwertung: Eigentlich wollten wir euch hier – wie an jedem Sonntag nach der Nachtfahrt – ein ganzes Album vorstellen. Doch irgendwie waren wir viel zu sehr in Produktion mit dem letzten Perlentaucher Projekt „Falsche Götter“ – und Emanueles grandiosem Gastauftritt dortselbst. Oder wir haben zur Zeit einfach kein gemeinsames Album, das wir für wesentlich erachten UND das in eine knappe Sendestunde passt? Denn sowohl „Navigating by the stars“ von Justin Sullivan als auch „Disintegration“ von The Cure sind einfach zu lang. Also … scheiß der Hund drauf!

Warum nicht zurück zu den spontankreativen Wurzeln der ersten Sendungsjahre und zur Inspiration unseres Godfather of Livestream-Zerhackstückung Peter.W. – und einfach mal eine Art „Restlessen“ aus jenen Beiträgen gestalten, die es nicht mehr in die Nachtfahrt-Playlist geschafft haben, die aber immer noch in unseren Gehirnen herum geistern? So sei es denn … eine Sendung ohne Thema, ohne Konzept, ohne Struktur und ohne zuvor festgelegte Dramaturgieeine Überraschungssendung für uns selbst wie auch für euch. Wir nehmen einfach alle Tracks mit ins Studio, die am Freitag aus Zeit- und Platzmangel nicht mehr zu Gehör kommen konnten, Musik und Spoken Word durcheinander, auch unsere eigenen Texte, und entscheiden dann aus dem Stehgreif, was wir eigentlich doch noch ganz gern hören möchten.

Da fällt mir ein, aus dem genialen Spiegel-Artikel vom Matussek hab ich vorgestern ja auch nicht mehr vorgelesen. (Hier sein Videoblog über die Recherche dazu.) Wie dem auch immer werden wird – zum Schluss entsteht aus jeder inneren Leere des Kreativen immer auch eine neue Schöpfung mit Geist und Gestalt. Das ist nämlich das Wesen dieses „Kreativen Vakuums“ – seine innerliche Sogwirkung! Seien wir also gespannt – wir sind schließlich ein Kunnst-Biotop. Auch ein Komposthaufen ist eben ein geiles Institut…

 

„We declare the World as our canvas“

Mittwoch, 15. August 2012: Die Welt ist eine Leinwand. Eine romantische Vorstellung, die in vielen großen Städten zur Realität geworden ist. Vom kleinen Sticker bis hin zum Hauswand füllenden Graffiti. Künstlerisch, politisch, oder einfach lustig. Der Kreativität des Künstlers sind keine Grenzen gesetzt. So weit die Theorie. Auf dem Weg durch Salzburgs Straßen vermissen wir von MARKradio die bunt-romantische Straßenkunst jedoch schmerzlich.

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Artwork by Smir Fink

Auf der Suche nach der Praxis zur angesprochenen Theorie haben wir uns mit Straßenkunst im Allgemeinen, der Salzburger Street Art und Graffiti Szene und den Künstlern dahinter beschäftigt. Erwartet haben wir Erfahrungsberichte aus dem Leben einer halb illegalen, halb künstlerisch-romantischen Subkultur in der Salzburger Hochkultur. Was wir bekommen habt erfahrt ihr am Mittwoch, den 15. August 2012 ab 20.00 Uhr auf den Frequenzen der Radiofabrik.

Eine Sendung die nicht nur zeigt was Street Art ist, sondern was ihr daraus machen könntet.

 

Links.: Streetartutopia
           German Street Art
            Street Art View
            Internationales Street Art Festival (Wilhelmshaven)
            Smir Fink auf Flickr 

 

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Artwork by Wes and Smir Fink

 

P.S.: Wir sind stolz berichten zu können, dass Proton, das freie Radio in Vorarlberg, zwei MARKradio Sendungen übernommen hat! Hell Yeay 😀

Falsche Götter… (Norbert)

Podcast/Download: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. August 

„Ich mach mein Ding“ singt Udo Lindenberg und macht auf der gleichnamigen Tour höchst absichtsvoll Station in Calw in Württemberg, der Geburtsstadt des von ihm verehrten Hermann Hesse. „Ich mach mein Ding“ nennt Matthias Matussek seine aktuelle Spiegel-Titelgeschichte zum 50. Todestag des unangepassten Autors und verfasst darin echte, elektrisierende Literatur, höchst emotional, und zwar mit Schmackes! „Ich mach mein Ding“ übertiteln auch wir unausgesprochen unsere Radioarbeit aus dem Salzburger Kultur-KZ (und das könnte hier beispielsweise „Konsumismuszentrum“ heißen) – und so meinen wir das auch immer noch…

Ein guter Grund für uns, einmal mehr das Entlarven der uns umherrschenden Machtverhältnisse zu zelebrieren. Denn was wäre denn „Kunst“ anderes als Kreativität und gestaltende Phantasie, die es uns ermöglicht, Vorstellungswelten zu erschaffen jenseits von Sachzwängen und Realitäten. Traumbilder und Visionen sind emotionale Wirklichkeiten, die mit der betonbornierten Biederbürgerlichkeit und Geschäftigmacherei der Sachzwänger und Realitäter nichts zu tun haben, die den Eroberigkeiten von Geldgewalt und Weltbesitz ihren Übersinn entgegen trotzen, dass es nur so staubt und scheppert im videologischen Gebälk der Gierarchie. Ein elegantes Eigensein, das dem scheinheiligen Sakrazement des Kapitalskollegiums die Urnatur des Lebendigen dergestalt ins Gesicht menetekelt, dass es den alles Öffentliche verpiratisierenden Inventmentpäpsten vor lauter Scheck über sich selbst die Mammonstranz ihrer eiligen Konsumnion aus den knöchernen Klauen schlägt. Lauter leichgewordene Schiachbrechten, ein Salzburger Totentanz mörderisch sterblicher Restspielgerippe, einzig bekleidet mit den munter pestglöckelnden Narrenkappen ihrer jeweiligen Gönner. Götzengötter. Geldverbrenner. Jeeeeedeeermaaaaaann!

Und sofort zitiert der ob seiner Stimme und Erzählkunst von mir sonst durchaus geschätzte Michael Köhlmeier im profil-Gespräch den Geheimrat Goethe: „Man merkt die Absicht und man ist verstimmt“. Hesse, meint er, verführe den Leser zu seiner eigenen Weltsicht, stelle nicht einfach nur das „was ist“ dar. Das sei nicht Wesen und Aufgabe von Literatur, weshalb auch viele Hesse-Leser lediglich an Ideologie und Esoterik interessiert seien, nicht aber an Dichtkunst. Literatur in seinem Sinne, also ein „Sehen der Welt mit ersten oder letzten Augen“ müsse sich auf das reine Beschreiben des Seienden beschränken und dürfe nicht durch subjektive Vorauswahl die Welt interpretieren. Hallo? Ist der jetzt auch schon Staatsbeamter, der Köhlmeier? Was der dann wohl zu Thomas Bernhard absülzen würde? Ich will es gar nicht wissen! Im totalitären Konsumismus ist ohnehin fast nur noch garantiert ideologiesteriles Behübschungsgelaber (nach vorgäriger geschäftsgermanistischer „Qualitäts“kontrolle) erwünscht und marktfähig. Würg!

Also haben wir uns einen jungen und unverdorben subjektiven Mitstreiter des kreativen Eigensinns an Bord geholt, um diese Götzendämmerung mit uns gemeinsam zu begehen. Emanuele ist ein dermaßen vielseitig begabter und künstlerisch gestaltungsversessener Mensch, dass ihm die wenigen und zudem vordefinierten und beschränkten Ausdrucksmöglichkeiten in der provinziellen „Kunstmetropole“ schon jetzt zu eng, zu einseitig und zu langweilig erscheinen. Also dann: Er wird auf dieser Themenreise drei dramaturgisch durchkonzipierte Text/Musikblöcke beisteuern, mit eigenem und adaptiertem Material zu den drei Stunden/Stationen: „Hohe Ideale, Gefallene Engel, Falsche Götter“. Besonders gespannt darf man auf die unzensierte Version seiner Bearbeitung des „Jesus Christus Erlöser“ Vortrags sein, in welcher Kinskis Gefühle während der Performance von 1971 mit dem Text verschmelzen. Darüber hinaus beackert Emanuele weitere tiefe Themen rund um den eigenen Lebensentwurf. Wie hätte Hesse gesagt: „Wir sind Menschen. Und für den Menschen gibt es nur einen natürlichen Standpunkt, nur einen natürlichen Maßstab. Es ist der des Eigensinnigen.“ (1917)

Doch der Kunstmarkt hat seit damals die Reihen wieder fester geschlossen. Auch der Verleger Jochen Jung tönte im Artarium „Es gibt Literatur – und es gibt Selbsthilfegruppe.“ Ach, ja wirklich? Und wer bestimmt den Unterschied? Wer steht an der Rampe und selektiert das Werte vom Unwerten? Wer qualifiziert denn da die Aussagen, die Gedanken und Texte nach ihrer Arbeitsfähigkeit oder Restlebenszeit? Der Herr Doktor Geldgemengele? Auschwitz reloaded! Womit wir auch schon wieder mitten im Salzburger Gunstbetrieb angelangt wären. Ja, natürlich, sagt der Festspielhausverstand, Kunst ist, was Geld bringt. Die Diktatur des Wohlfeilen. Die Prozession der sich Prostituierenden. Haben wir den Begriff des Feudalismus jetzt eigentlich vergessen oder verdrängt? In der Kunstgeschichte der Hochkulturen ist doch fast ausschließlich das erhalten geblieben, was der Imagepflege von brutalen Herrschern und ihren Weltmachtideologien diente. Michelangelo Superstar ist das Ergebnis einer fortwährenden Castingshow – von Machiavelli Multimedici…

Deshalb ist auch Francois Villon echter Rock’n’Roll, echter Existenzialistenpunk, weil er nie Auftragsgünstler war! Aber die derzeitige Ideologie der industriellen Vernutzzweckung macht aus jeder Selbstäußerung eine Handelsware, wenn sie nicht bei drei auf dem Baum ist. Darüber ließe sich noch ebenso endlos wie trefflich schimpfen. Doch wo bleibt das Perspektivische? Was macht ein „gutes Bild“ aus? Der Jahrhundertfotograf Robert Capa soll gesagt haben: „It’s not the technique. It is the attitude.“ Die skandalöse Verführung in der Kunst ist eben nicht eine erkennbare Weltanschauung des Kunstschaffenden, sondern eine um den Preis der Gefühlsabspaltung behauptete Neutralität gegenüber der dargestellten Welt. Sie bedeutet die Leugnung der eigenen Emotionen und Bedürfnisse und somit die Aufgabe der Autonomie des Menschen. Klar, denn der muss sich ja als Künstler dem Diktat des marktwerten Erfolgs unterwerfen. Und jetzt aber Schnauze, Köhlmeier! Wir verführen euch allerdings – in aller Offenheit – hier zu diesem: „Mach dein Ding!“ Denn wir sind ein geiles Institut 😀