Georg Danzer

Artarium am Sonntag, 11. April um 17:06 Uhr“Wie i so drüber nachdacht hab, dass i jetzt ja bald 60 sein werd, und ob so meine Wunschträume und meine Träume, die ja jeder Mensch im Leben hat, ob des a bissal aufgangen is – und auf a gewisse Art und Weise hab i ma dann dacht, is es ned aufgangen – aber andererseits doch.” Mit diesen weisen Worten kündigte Georg Danzer bei seinem letzten Konzert mit Freunden (am 16. April 2007 in der Wiener Stadthalle) das für ihn geradezu programmatische Lied “Träumer” an, dem er dazu noch eine Betrachtung der verschiedenen Bedeutung des Wortes Träumer im Deutschen und im Englischen sowie eine spezielle Würdigung von John Lennons “Imagine” voranstellte: “You may say that I’m a dreamer …”, halt im Sinne von Menschen, die Utopien haben – wie etwa vom Frieden auf der Welt.

Georg DanzerWir haben uns jedenfalls dazu entschlossen, Georg Danzer nicht durch einen Ausschnitt aus jenem “letzten Konzert” ins Gedächtnis zu rufen, zumal das ja einerseits als Geburtstagsfest mit Freundys (zum 60er) – und andererseits schon als Hommage an einen Todgeweihten konzipiert war. Der hierbei gefeierte Künstler verstarb bekanntermaßen nur gut 2 Monate später. Nein, wir wollen Georg Danzer in der Gestalt aufleben lassen, in der er Anfang der 90er als nach Auslandsreisen weltläufiger Dichter, Musiker und Aktivist die österreichische Geräuschkulisse mit seinen unverwechselbaren Beiträgen zu einem etwas helleren, menschlicheren und ja, utopiefähigeren Gesamtklang erweitert hat. So haben wir einige Musikstücke und Erzählungen aus seiner Solo-Tournee 90/91 ausgewählt, deren Höhepunkte auf dem Album “Echt Danzer!” veröffentlicht sind. Dabei war es uns ein Anliegen, besonders die Vielseitigkeit des unbeugsam engagierten, schonungslos liebenden und stets humorvoll selbst- wie sozialkritischen Dialektdichters zur Geltung zu bringen, der eben auch die Hochsprache bei Bedarf nicht verschmähte. Wir möchten etwas davon in unsere heutige Zeit mitnehmen – als Besinnungsinsel im schwindligen Getreibe einer immer unwirklicher zubereiteten “Realität”, die uns in Wirklichkeit nur verwirrt!

I hoits jetz nimma länga aus
und die Entscheidung foid ned schwer,
da Boch hod Sehnsucht noch am Fluss,
da Fluss hod Sehnsucht noch’m Meer.

Mei Lebn – is mei Lebn.
Mei Lebn – des ghead mir.
Keinem Vater, keinem Lehrer,
keinem Meister, keinem Staat.

Mei Lebn – ghead mir!

Georg Danzer – Mein Lebn (1990 Solo-Version)

 

Rosa Resonanz

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. März – Bei unserer Beschäftigung mit der Überlebenskultur – in diesen Zeiten der pandemiebedingten Einschränkungen, in denen auch viele vertraute Formen unseres gewohnten Austauschs miteinander still gelegt sind – entdecken wir immer wieder Themen und Inhalte, deren Aneignung wir entschieden vielversprechend finden. Wenn es für “jegliches” eine geeignete Zeit gibt, dann ist die gegenwärtige, von vielen oft als mühselig, langweilig und leer empfundene, doch genau die richtige, sich schon jetzt mit kraftvollen Konzepten für die nächste Runde im Weltgedümmel der Wahnsinnigen auszurüsten. Oder sich mit einer geistig-seelischen Schutzimpfung gegen das Virus der Vernutzzweckung zu wappnen. Ein solches Mittel finden wir im Begriff der Resonanz bei Hartmut Rosa.

ResonanzDer Professor an der Universität Jena und Leiter des Max-Weber-Kollegs in Erfurt veröffentlichte unter anderem ein Buch mit dem Titel “Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung”, auf das wir uns in dieser Sendung beziehen. Einige der üblichen akademischen Schachterlscheißer (Was ist ein Korinthenkacker und geht es ihm nicht eigentlich um den Machtkampf der Definitionen?) lehnen den Resonanzbegriff nach Hartmut Rosa wegen seiner “umfassenden Herleitung” als “beliebig” und “für einen sozialphilosophischen Grundbegriff zu unpräzise” ab. Pardon, doch da muss ich  jetzt noch einmal auf den Begriff des Korinthenkackers eingehen: “Sobald ihn der Stuhldrang affiziert, eilt er in sein Hirn und scheißt Sessel aus Sperrholz.” Eine irgendwie trockene Angelegenheit – wogegen Hartmut Rosa diesbezüglich oft von einer “Verflüssigung des Verhärteten” spricht. Die chronische Verstopfung ist eben in vielerlei Hinsicht ein Symptom von patriarchalen Hierarchien. Gesundheit!

Als Einstieg in die Materie empfehlen wir seinen erfrischend präzisen und dabei doch flüssigen Vortrag “Sinnsuche und Resonanzbedürfnis” aus der SWR-Reihe Teleakademie. Unter einer weiteren Fülle von Vorträgen und Gesprächen, die auf YouTube unter den Stichwörtern Hartmut+Rosa+Resonanz auftauchen, findet sich auch ein Interview, das Carsten Rose von Radio F.R.E.I. in Erfurt unter dem Titel “Steigerungslogik bringt stumme Weltverhältnisse – Resonanzmomente mit Hartmut Rosa” publiziert hat – und dem er ein Zitat von Hartmut Rosa voranstellt:

             “Die entfremdete Welt ist kalt, leer, bleich und bedeutungslos.”

 

Oans, zwoa, Budern!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. MärzAnsteckendes aus Österreich oder Eine satirische Schutzimpfung gegen die volksdümmliche Zusammenrottung von Grausigkeit, Geilsein und Gier. Halli, Hallo! Wenn ich mir vorstelle, dass der ORF in einigen Jahren nicht mehr nur Peter Alexander, sondern auch Andreas Gabalier als einen Höhepunkt heimischer Kulturentwicklung lobpreisen wird, dann ist mir schon jetzt schlechter als mir gut tut. Und so wie ich leiden viele unter dieser Seuche, die das kommerziell Erfolgreiche ungeachtet jedweden (Nicht)Inhalts nachgerade zum Staatsziel erklärt. Scheißegal, obs unsere Kultur zergrunzt und zersetzt. Hauptsoch, es bringt wos ein. Hauptsoch, fest budert werd, weil Sex sells! Dabei hat Budern nichts mit Puderquastln zu tun, sondern kommt von Butter machen wie anno einst…

Oans, zwoa, Budern!Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat jüngst am Beispiel Ischgl-Cluster den verbrecherischen Einfluss der Seilbahn- und Tourismuslobbyisten auf sämtliche natürlichen und kulturellen Ressourcen Österreichs offengelegt. Ischgl, dessen exzessive Après-Ski-Identität bereits als  “Alpen-Ballermann” firmiert, dient hierbei als besonders augenfälliges Beispiel für das weltweit zerstörerische Wirken einer “Wirtschaftsentwicklung”, die allein auf Wachstum abzielt – und der alle anderen Bedürfnisse und Interessen alternativlos untergeordnet werden. Was dabei heraus kommt? Fragen sie ihren Arzt

Naturgemäß ist auch die menschliche Sexualität eine natürliche Ressource – und die wird genauso rücksichtslos ausgeplündert wie die Berglandschaft, die Gesundheit, das Trinkwasser oder überhaupt die Zukunft. Und so wird das gegenständliche ZDF-Magazin-Royale auch mit dem Ruf des Animateurs “Oans, zwoa, Budern!” eröffnet. Was muss das für eine gefühllose, aufs rein Mechanische reduzierte Sexualität sein, die sich da nach alkoholschwangerem Chorgegröl in der anonymen Masse fett und verschwitzt abmüht, ihr Leistungsziel zu erreichen? In der E-Bühne der 80er Jahre beschrieb man derlei Inszenierungen trefflich: “Ficki-Ficki und dann abkassieren.”

Endgültig heilsam und erlösend wirkt allerdings Böhmermanns ultimativer Après-Ski-Hit “Ischgl Fieber” (Husti Husti Heh), den er als Höhepunkt seiner Einlassungen unter dem Pseudonym “Tommy Tellerlift und die Fangzauner Schneebrunzer” ins entfesselte Volk röhrt. Das ist “die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellen” vom Allerfeinsten, auch wenn ein offenbar besonders gewitzter Tourismusmanager aus Ischgl anderntags meinte: “Satire lebt von Überspitzungen, nicht von Tatsachen.” (ORF) Wir wünschen ihm viel Spaß beim Bleistiftspitzen, aber nicht von Bleistiften. Und Andreas Gabalier sollte sich schon mal sehr warm anziehen, weil nämlich …

Auf Niederschaun!

Ach, übrigens: In der Sendung “Hakuna Mutanta” haben wir, als eine Möglichkeit des Perspektivwechsels, davon gesprochen “was uns das Virus erzählen könnte”. Kurze Zeit später, am 2. März sendete ARTE den Dokumentarfilm “Corona: Sand im Weltgetriebe”, der in seiner Dramaturgie die Erzählperspektive des Virus einnimmt. Chapeau!

 

OK Computer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. März – Das 1997 erschienene Album OK Computer von Radiohead gilt als eines der wegweisendsten Werke der britischen Musikgeschichte (wenn man nicht zwanghaft zwischen E- und U-Musik unterscheiden muss). Diese EU-Grenze haben die 5 Freunde aus Oxford ohnehin längst aufgelöst, vor allem der Grünwald Hansi (Jonny Greenwood), der in seinen Filmmusiken und Soloprojekten schon auch mal E-Musik-Größen wie Krzystof Penderecki, Olivier Messiaen oder Arvo Pärt zu neuen Formen integriert hat. Gemeinsam mit Sänger Thom Yorke und Filmmusikmeister Hans Zimmer entstand kürzlich der Soundtrack zur BBC-Naturdoku Blue Planet II. Absolut sehens- wie hörenswert! Und wie alle zutiefst aus dem Leben geschöpfte Kunst keines Genreschachterls mehr bedürftig.

OK ComputerDenn hier wird tief geschürft und einerseits kunstvoll, andererseits ehrlich das eigene Empfinden in erlebbarer Form dargestellt – und dadurch (ist es Zauberei?) etwas vom Lebensgefühl einer ganzen Generation ausgedrückt. Wie das heute noch wahrgenommen wird, lässt sich in zahllosen kritischen Würdigungen, etwa anlässlich der erweiterten Neuveröffentlichung 2017 mit dem Zusatz OKNOTOK nachlesen. Und ganz gleich, ob da die musikgeschichtliche oder die gesellschaftliche Bedeutung des Stilgrenzen auflösenden Ausnahmewerks im Vordergrund steht, ein Aspekt kommt dabei immer (wenn auch zwischen den Zeilen) zum Ausdruck: Die prophetische und zukunftsvisionäre Dimension. Wollen wir das einmal explizit herleiten: Prophetie als Wort kommt aus dem Altgriechischen und hat, wie in dieser Sprache weithin üblich, ein sehr breites Bedeutungsspektrum. Keineswegs lässt es sich auf die beiden uns geläufigsten Entsprechungen reduzieren, nämlich “für (einen) Gott sprechen” und “die Zukunft vorhersagen”. Wenn wir dazu den Begriff “Vertikale Resonanz” (wie Hartmut Rosa ihn erklärt) einführen, der Religion, Naturerleben und Kunstgenuss umspannt, dann können wir die Prophetie von Radiohead als tiefes Eintauchen ins eigene Empfinden verstehen, das eben dadurch viel zur Entwicklung aller aussagt.

Wie schon so oft haben die Kolleg_innen vom Deutschlandfunk diesen Umstand in einem hervorragenden Artikel beleuchtet (und es ist Balsam für die Ohren, wenn der Musikkritiker tatsächlich Hörmann heißt). Wir erlauben uns, daraus zu zitieren:

“Die Digitalisierung steckt Mitte der 1990er Jahre noch in ihren Kinderschuhen. Das Internet macht die ersten Schritte: Noch gibt es keine Smartphones, keine Sozialen Medien. Und doch werden wir langsam zu von Maschinen gesteuerten Menschen.

Fitter, happier / More productive / Comfortable / Not drinking too much…

Die menschgewordenen Maschinen bestimmen immer mehr unser Leben. Und der Computer beginnt, uns zu dominieren. Radiohead komponieren dazu einen Kultur-Skeptizismus. OK Computer: Du versprichst Gutes, wir befürchten Böses. Datentransfer und Transitverkehr – alles ist in Bewegung, die Welt rauscht an uns vorbei. Die Vernetzung der Maschinen, die Vereinzelung des Menschen.

Calm, fitter, healthier and more productive / A pig in a cage on antibiotics

Ein Schwein im Käfig, vollgepumpt mit Antibiotika. Die Welt ist grausam. Natürlich.   Und dein Leben ist klaustrophobisch. Oh ja, auch das.”

 

Nachträglich

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Februar – “Nachträglich” gratuliert man zum Geburtstag, “im Nachhinein” gibt man mitunter ein noch fehlendes Dokument ab, “im Nachgang” werden auch noch die komplexesten Ereignisse analysiert – und “nachtragend sein” hat eine entschieden negative Bedeutung. Genau deshalb werden wir euch diesmal einiges von dem “nachtragen”, was in letzter Zeit quasi liegen geblieben ist. Die Zumutung besteht nicht nur darin, dass der letzte Sonntag dieses Monats auf den 28. Februar fällt, sondern dass wir inzwischen seit einem Jahr im Ausnahmezustand vegetieren. Und dabei von so schlechten Schauspielern “regiert” werden, dass dagegen sogar die Familie Putz hoch kompetent wirkt. Aber – schön der Reihe nach …

Nachträglich CreepRadiohead schrieben in den 90ern einen Song, der weltweit zu einer Art Hymne für alle Außenseiter wurde, wie speziell die Unplugged-Version von KoЯn deutlich macht.

Die Letzten sind längst die Ersten, die Verletzten sind längst die Ärzte – und auch die Außenseiter sind längst die Insider

In einem gewaltfreien Dialog auf Augenhöhe, in einer Demokratie also, ist das Zusammenwirken von Verletzten und Ärzten zum Zweck der Gesundheit längst verwirklicht. Oder?

Tom Liwa hat sich eines weiteren Songs aus den 90ern angenommen (mit dem wir damals geradezu totgedudelt wurden) und zelebrierte mit seinem REMCOVER die hohe Sprachkunst der Textübertragung. Endlich verstehen wir etwas von dem, was da einst überall halt irgendwie schön klang, bis es ob seiner Inflation nur mehr zuviel war. Die blöde Propaganda vom unendlichen Wachstum elegant entzaubert. Chapeau!

Leonard Cohen war immer schon ein lyrischer Kritiker der herrschenden Verhältnisse (Verhältnisse der Herrschenden). Seine “Songs of Love and Hate” spannten auch immer schon einen Bogen von der Unterwerfung (in persönlichen Beziehungen) zur Unterdrückung (im politischen Geschehen). Misha Schoeneberg hat “Democracy” mit “Gerechtigkeit” übersetzt, und das ist nicht nur vollinhaltlich im Sinne des Autors, sondern auch absolut zutreffend. Worin leben wir eigentlich?

Michael Köhlmeier hat ebenfalls Songs aus dem Englischen übersetzt – und trägt selbige mit musikalischer Begeisterung vor. Allerdings diesfalls (wie einst mit Reinhold Bilgeri zusammen) in bester Vorarlberger Mundart. Nachträglich zu unserer Sendung “Das finstere Tal” hören wir eine Liveaufnahme seiner Nachdichtung von Lou Reeds“Walk on the Wild Side” (vom Krebshilfe-Benefizkonzert 2012 in Dornbirn).

Und Angelo Branduardi, dem wir unlängst ein “ganzes Album” gewidmet haben, soll auch noch mit seinen neueren “Übertragungen” zu hören sein, haben wir ihn doch geradeals jemanden erkannt, der Musik und Text aus vergangenster Zeit ins Hier und Heute, in unsere lebendige Gegenwart schreibt, spielt und singt. Wie zum Beispiel die fast 1000 Jahre alten Kompositionen der multitalentierten Klosterfrau Hildegard von Bingen.

Nachträglich ein Vorgeschmack sozusagen …

 

Hakuna Mutanta

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Februar – Die Idee zu dem titelgebenden Wortspiel verdanken wir einer Szene aus dem Disney-Epos “König der Löwen”, die ewig Junggebliebenen werden sich erinnern, “Hakuna Matata” ist Swahili und heißt soviel wie “Es gibt keine Probleme.” Hier zur Entspannung die polnische Variante. Nun mag “Hakuna Matata” für den Hausgebrauch eine ebenso nützliche Philosophie sein wie “Probiers mal mit Gemütlichkeit”, nichtsdestotrotz leben wir in verseuchten Zeiten und draußen vor der Tür mutieren die Viren, dass einem schwindlig wird. Zeit, dem Leben auch unter veränderten Bedingungen wieder eigeninitiativ entgegen zu treten. Etwa mit John Steinbeck, Bruce Springsteen und Tom Morello. “The Ghost of Tom Joad” stellt einmal mehr die Frage: Was will uns der Dichter damit sagen?

Hakuna MutantaUnd überhaupt, was will uns die derzeitige Situation sagen, die wir zwar nicht direkt verändern, aber durchaus wahrnehmen, verstehen und zum Anlass für unsere eigene Geschichte nehmen können? Was mutiert da alles vor sich hin, wenn wir “das Virus” als das begreifen, was es in seinem Wesen zutiefst ist: Information, die bei kleinster Veränderung bereits völlig neue Eigenschaften ausbildet? Die sich, wie im Fall des Influencer (Grippe) Virus jedes Jahr “in einem völlig anderen Gewand” zeigt? Mutieren nicht auch ganze Gesellschaften sowie ihre Staatsformen und Wirtschaftssysteme auf ähnliche Weise? Bisweilen kommt es mal zu einer Revolution gegen Gewalt und Unterdrückung – an der zugrunde liegenden Information wird etwas verändert und schwuppdiwupp – das gewalttätige Machtkonstrukt hat einen neuen Namen, aber es besteht weiter, erzählt viel von Freiheit und unterdrückt andersoder Andere.

Seit Jahrhunderten wird immer wieder aufs neue an einem Impfstoff gegen diese Art von Machtmutation gearbeitet, er heißt Demokratie, und er muss genauso ständig weiter entwickelt werden, wie das Machtvirus, schwuppdiwupp, vor sich hin mutiert. Der Vortrag “Demokratie erneuern” von Prof. Rainer Mausfeld bietet einen Einblick in diese Vorgänge. Sein erster Abschnitt trägt den Titel: “Das gesellschaftliche Gift unersättlicher Machtgier und das zivilisatorische Gegengift Demokratie.” Schön! Und wie wir unter diesen Vorzeichen leben könnenund wollen, das entwickelt Prof. Hartmut Rosa in seiner “Soziologie der Weltbeziehung” rund um den essentiellen Begriff “Resonanz”. Zum Schluss unserer heutigen Mutation noch die entsprechende Literatur/Filmempfehlung: Früchte des Zorns. Macht macht mobil

PS. Das Virus und das Immunsystem. Von Karl Lauterbach auch für “interessierte Nichtspezialisten” empfohlen. Na ja, ein bisserl Fachenglisch sollte man da schon …

PPS. In der Sendung haben wir, als eine Möglichkeit des Perspektivwechsels, davon gesprochen “was uns das Virus erzählen könnte”. Kurz darauf, am 2. März sendete ARTE den Dokumentarfilm “Corona: Sand im Weltgetriebe” von Alain de Halleux, der in seiner Dramaturgie just die Erzählperspektive des Virus einnimmt. Chapeau!

 

Pandemie. Nein, Poesie!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 31. Januar Ein lyrischer Kosmos besteht aus einem Urknall von Ideen sowie seinen zahllosen Möglichkeiten der Gestaltwerdung. Ein lyrischer Kosmos bildet sich durch wiederkehrende Wiederholungen von immer wieder neuen Variationen seiner endgültigen Form, die aber nie endgültig sein wird, zumal bereits wieder eine neue Variation in ihre Verwirklichung drängt. Fortwährend sich veränderndes Schaffen an ein und derselben Ursprungsidee (die zumeist nicht einmal klar erkannt und benannt werden kann), das ist Schöpfung als Dauerzustand. Und jedes einstweilige Endergebnis, das von uns betrachtet und beschrieben wird, ist Poesie. Ist ein Lied, ein Bild, ein Gedicht, ein Musikstück – oder die durchdachte Kombination von Verschiedenem zu der einen gemeinsam lebendigen Darbietung.

Pandemie. Nein, Poesie!Vor langer Zeit suchte mich einmal ein junger Mensch auf, um seine Sprachlosigkeit zu überwinden, die ihn immer dann befiel, wenn seine Freundin ihn fragte: “Was denkst du gerade?” Ich riet ihm, in diesen Augenblicken alles zu vergessen, was er sein wolle oder von dem er glaubte, es sein zu sollen oder zu müssen – und statt dessen einfach das zu sagen, was ihm als erstes in den Sinn käme. “Aber wie find ich das?”, war die berechtigte Nachfrage darauf. “Stell dir vor, du kannst mit deiner Hand durch deinen Mund ganz weit in deinen Bauch hinunter greifen. Dort packst du dann das Gefühl, das du gerade hast, holst es wieder durch den Mund heraus – und beschreibst es ihr.” Die beiden hatten daraufhin, wie ich erfuhr, überaus intensive romantische Erlebnisse. Und so gesehen ist jeder Mensch ein Dichter (eine Dichterin!). H. C. Artmann hatte umfassend recht: “Der poetische Act”. Die Güte und Gediegenheit des Gefühlten, Gedachten, Gedichteten erwächst aus der zunehmend bewussten Wiederholung. Und dann gibt es auch noch Sprachbegabung, Sprachverliebtheit und die sich bis zur Bessenheit steigerbare Ausdruckslust – in den unendlichen Weiten der Poesie.

An der Selektionsrampe des Warenhaus International stehen schon die Schergen der Marktwirtschaft und sortieren unsere Äußerungen nach deren Verwertbarkeit. Während sie sich durch unser Intimstes wühlen, erkennen wir einander und das Leben, das wir sind. Der, den mein Freund kannte begleitet uns dabei. Und mit ihm viele, deren Dichtung Wahrheit ist und nicht zum Kommerz verzweckt sein soll

 

Das goldene Tal

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. Januar – “Das goldene Tal” ist eine jener Sagen aus Salzburg, die Michael Köhlmeier nebst zahllosen anderen Märchen und Mythen frei erzählt auf CD herausgebracht hat. Und es ist die perfekte Metapher für eine Gesellschaft, die dem Reichwerden verfällt, sich nach außen abschottet – und schließlich untergeht. Willkommen im 21. Jahrhundert! Auf unserer heutigen Reise besuchen wir einige recht bodenständige Liederdichter und Geschichtenerzähler in ihrer “Heimat”, die ihre Kunst und somit ihre Seele niemals an den meistbietenden Tourismusverein verkaufen würden. Denen es mehr um die Erhaltung unzerstörter Landschaft und Menschlichkeit als um den größtmöglichen Profit auf Kosten der nachfolgenden Generation geht. Denen ein lebendiges Herz mehr bedeutet als eine

Das goldene Tal wird von einem Schattenkönig beherrschtgoldene Uhr oder sonst ein Tinnef mit Lakritz. Und so treffen wir nicht ganz zufällig auf Fritz Messner, der mit seiner Band Querschläger auch diverse Tauerntäler bespielt, sowie auf Toni Knittel, einen Bluatschink aus dem Lechtal, dessen Mundart das heilige Land mit dem Ländle in Verbindung bringt. Und dort waltet wiederum der eingangs erwähnte Meistersinger der erzählten Rede. Ha! Gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rundreise also. Mit Abschweifungen, wie es sich gehört: Etwa anlässlich der Frage, was “der Bluatschink” denn eigentlich ist. Die Etymologie dieses dämonischen Wassergeists führt zur klangvollsten Volksgruppe, mit der ich mich je identifiziert habe, nämlich zu den “kärntnerischen Alpenslaven”. Chapeau! Und auch zum “Blutschinkischen Grobianismus” aus der Phantasiewelt Zamonien von Walter Moers, weshalb wir den Herrscher über das goldene Tal hier vorzugsweise durch eine entsprechende Plastik von Carsten Sommer illustrieren. So überaus elegant kann (und sollte man auch!) aus der Abschweifung zurück finden.

Zurück in das goldene Tal, dessen Bewohner ihre Söhne schlachten (ihre Zukunft zerstören), um über die Maßen reich zu werden, den Taleingang (die Außengrenze) mit einer unüberwindlichen Mauer versperren, damit ihnen niemand ihren Reichtum wegnehmen kann, und die am Ende genau den Teufel anbeten, der sie zu diesem herzlosen Tun verführt hat. Doch wer oder was ist dieser Satan? In die Gegenwart übertragen hockt da ein Mammonmoloch auf dem Thron, die Summe aller Absichten und Entscheidungen, das Lebendige hintan zu stellen und den Wunsch nach mehr und immer noch mehr Reichtum (und Macht und Bedeutung und Ruhm) vorzuziehen.

Doch nach wie vor gibt es Propheten, die den handelnden Personen ins Gewissen reden: “Es sitzt ein Mann im Kanzleramt, der hat ein Herz aus Stein.” Kehrt um! Sonst fahren wir noch allesamt zur Hölle, herzlos und schuldig am Tod der Zukunft.

Etwas dagegen tun? Bitte, hier: Courage – Mut zur Menschlichkeit

 

New Model Army

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Januar

“Sie können sich mit fast jedem meiner Generation darüber unterhalten, der unter diesen Punkumständen aufgewachsen ist, sie alle werden ihnen bestätigen, dass es diese spezielle Haltung gab: Was immer die Welt von dir will, lass mich in Ruhe damit. Wir hatten ungefähr 14 verschiedene Leute in der Band, die uns über die Zeit begleitet haben. Und was sie alle verbunden hat, war diese Punkattitüde. Welche Songs die Zuschauer hören wollen, was die Musikindustrie über uns denkt… lass mich in Ruhe damit! Wir sind New Model Army. Ja, wir sind manchmal scheiße, ja, wir machen Fehler, die wir bedauern, aber wir machen das auf unsere Art und Weise.” Justin Sullivan im Deutschlandfunk – kurz nachdem 2016 ihr 14. Studioalbum “Winter” erschienen war. Inzwischen gibt es mit “From Here” weiteres Nichtangepasstes

New Model Army…sowie den gleichnamigen Dokumentarfilm zum 40. Geburtstag von New Model Army. Den würdigen wir hier mit Musik aus 4 Jahrzehnten. Und zwar mit einer eigenen Auswahl, die nicht Verkaufszahlen oder Publikumsgunst, also die heute allgemein “Erfolg” genannten “Werte” im Blick hat, sondern den auch von Justin Sullivan oft beschworenen “Spirit”, die Grundstimmung aus Leidenschaft, Scheißdrauf und Trotzdem, das innere Berührtsein von dort, wo das Leben an sich herkommt (und das ist nicht dort, wo die etablierten Andenkenstandler ihren Weihrauch, ihre Rituale und ihre Heiligenbilderln anpreisen). Vielmehr dort, wo Zärtlichkeit und Zorn Frieden finden, weil Gefühl unverstellt ausgedrückt wird.

“Dieser Begriff von Kunst, der von monolithischen Bands wie Pink Floyd oder Yes ausging, die versuchten, mit ihren Monsterproduktionen und technischen Gitarrensolos zu prahlen, war das Hassobjekt. Punk stand dafür, diese Aufgeblasenheit zu vergessen und sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren und das war der Spirit. Die Leute fingen an, in Pubs Gedichte vorzulesen oder gaben Trommelkonzerte mit Löffeln, alles war erlaubt. Auf einmal waren all die Regeln passé, wie man Musik zu machen hatte. In den frühen 80ern gab es plötzlich viele neue Formen, von der experimentellen Elektronik bis hin zu schrägstem Rock. Zwar hatten wir dieses musikalische Erbe der 60er und 70er, aber wir machten etwas Eigenes daraus. Unser erster Bassist Stuart Morrow war ein echt guter Musiker, im Gegensatz zu mir. Und da er wesentlich besser spielen konnte als ich, übernahm er die Leadgitarre und zwar auf dem Bass. Es gab keine Regeln, also warum nicht? Es ist schade, das viele Menschen heute, 30 Jahre später, von Punk denken, das es laut Gitarre spielen und herumgrölen bedeutet hat.”

Dem ist nichts hinzuzufügen – außer halt diese Sendung …

 

Kein Jahresrückblick

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Dezember – Wenn wir auf das demnächst vergehende Jahr zurückblicken, dann sehen wir da so einiges, das wir lieber nicht gesehen (oder überhaupt erlebt) hätten. Und inmitten des ganzen Schlamms einer zunehmend aus den Fugen geratenen Welt entdecken wir durchaus noch das eine oder andere kostbare Kleinod, das uns wieder aufbaut und uns das Herz wärmt. Also doch ein Jahresrückblick? Derer gibts ja derzeit aufdringlich viele, zumeist klingelnder Quotenbimbam und semantischer Quatsch, aber auch ein paar sehr gelungene, wie etwa der von Jan Böhmermann oder jener von Werner Doyé und Andreas Wiemers. Da wollen wir jetzt aber nicht hintanstehen und auch den einen oder anderen Scheißhaufen prämieren. Oder das eine oder andere Wunderding

Kein Jahresrückblick

ein passendes Foto von Bernhard Jenny

Einige der vergessenen sowie von der medialen Wichtigwelt oft kaum beachteten Aspekte dieses speziellen Jahres 2020 wiederum ins gemeinsame Bewusstsein befördern, das unternimmt unser etwas anderer Jahresrückblick, der eben keiner (daher der Titel) im herkömmlichen Sinn ist. Vor allem ein solcher Aspekt ist in der überbordenden Pandemie-Panik geradezu “untergegangen” – die eigentliche Bedeutung von Kunst und Kultur für das Wohlergehen der Menschheit. Andauernd wird  fast nur noch von Arbeitsplätzen, Einkommen und wirtschaftlicher Relevanz gesprochen, von “Kunstmarkt” und “Kulturindustrie” – allein die Wortwahl beweist, wie verblendet (oder verbrecherisch?) die offiziell Hampelnden generell sind. Sogar die Kunstschaffenden selbst scheinen ob ihrer Existenzbedrohung schon zu vergessen, was ihre Arbeit für das Menschsein leistet. In der Auseinandersetzung mit Musik, Literatur, Theater, Film, bildender Kunst jeglicher Art, mit Brauchtum wie mit Hochkultur, entwickelt ein Mensch seine Identität, lernt sich von anderen zu unterscheiden und erwirbt somit die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen. Und pflegt und trainiert dadurch auch sein Leben lang diese Eigenschaften, die ihn (und sie!) erst dazu befähigen, ein für alle gedeihliches Gemeinwesen zu gestalten. Genau diese Lebenskunst brauchen wir doch in diesen Zeiten am notwendigsten!

Wer derart wesentliche Grundlagen – des Einzelnen wie der Gesellschaft – einem obskuren ökonomischen Imperativ unterwirft, ist in keiner Weise geeignet, für das Gemeinwohl Verantwortung zu tragen und sollte sofort aus jedem Regierungsamt entfernt werden. Wer durch politisches Handeln Kunst und Kultur zum optionalen Freizeitspaß herabwürdigt, begeht auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Demaskieren der Gesinnung!

PS. Alles Gute zum 40. Bandgeburtstag, New Model Army!