Rotweißrot Schwarzweiß

Artarium am Sonntag, 25. Oktober um 17:06 Uhr – Ein farbenfrohes Fest zum dräuenden Tag der Fahne – so rotweißrot hieß unser Nationalfeiertag nämlich vor 1965 – vom Schneeweißchen (Lisa Eckhart) übers Rosenrot (Georg Kreisler) bis ins dunkelgraue Schwarz (Ludwig Hirsch) und zum Salzburger Lokalkolorit. “Die Kunst muss manchmal zuspitzen.” Das wusste ja schon Claus Peymann, als er in Wien einst den Burgtheaterdirektor gab und zusammen mit Thomas Bernhard den legendären Heldenplatz-Exorzismus veranstaltete: “Das ist das Naziland. Das sind alles Nazis. Die warten ja nur auf den neuen Hitler.” Wollt ihr das totale Schwarzweiß? Ja? Nein? Dann halt vielleicht doch lieber blaun, brün – oder bürkis? “Nein, ich liebe euch!” Was steckt da eigentlich in wem – und wenn ja, wieviel? Und überhaupt – warum?

Rotweißrot Almduludl

Rotweißrote Kuh von Kurt Tutschek

Das Schwarzweiß ist allerdings auch ein Merkmal von Satire, wie das Bertolt Brecht so zutreffend beschrieben hat: “Die Wirklichkeit entstellen – und zwar bis zu ihrer Kenntlichkeit.” Also Zuspitzung, Überhöhung, Abstraktion und Karrikaturdas Nachzeichnen wesentlicher Eigenschaften mit dem schwarzweißen Strich der pointierten Betrachtung. So wie wir das heute im Hinblick auf das Rotweißrot des Fahnenfests tun wollen. Achtung: Satire! Schwarzweiß gesehen ist der Salzburger Stier inzwischen eine rotweißrote Kuh geworden, Stierwascher hin, Lederhosen her. Kritik ist keine Majestätsbeleidigung, sondern ein Aufzeigen von Unfertigkeiten und Widersprüchen in der Darbietung des/der Kritisierten. Durch Bedachtnahme darauf könnte jedwedes tatsächliche Ergebnis verbessert werden. Wer jedoch seine Kritiker mundtot macht, lässt dadurch erkennen, dass es ihm/ihr gar nicht um ein möglichst gutes Ergebnis geht, sondern vielmehr darum, auch vollkommen grundlos Macht zu besitzen oder sonst irgendein soziopathisches Verhalten auszuüben – naturgemäß auf Kosten anderer. Eins sollte man dabei aber nicht übersehen: Die Anderen – das sind wir!

Dass wir angefühls allzu täglicher Babyelefantenauftriebe und Türkelbärenauslösen noch nicht vollends schwarz sehen, das verdanken wir unter anderem Künstlern wie Nikolaus Habjan oder der Musicbanda Franui, welche das Werk eines viel zu oft im dümmlichen Gunstbetrieb als “Schwarzmaler” verunglimpften “Liedkomponisten, Menschenkenners und Wortakrobaten” dergestalt zeitlos ins Leben spielen, dass es vor lauter Freude weh tut. Ein Aspekt des Gedenkens ist das Aushebeln der Zeit. Und – wie würde Georg Kreisler heute kritisieren?

“Schlagt sie tot!”

 

Where has all the Power gone?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Oktober“This great evil, where’s it come from? How’d it steal into the world? What seed, what root did it grow from? Who’s doing this? Who’s killing us, robbing us of life and light, mocking us with the sight of what we might’ve known? Does our ruin benefit the earth, does it help the grass to grow, the sun to shine? Is this darkness in you, too? Have you passed through this night?” Das fragt sich ein Soldat mitten im Pazifikkrieg 1942 auf der Salomoneninsel Guadalcanal. Ein Zitat aus dem fürwahr etwas anderen Kriegsfilm “The Thin Red Line”(“Der schmale Grat”) von 1998, das auch als Sample in der Musik der Post-Rock-Band “Explosions in the Sky” auftaucht. Wir spüren zurück in die 90er und fragen uns, was uns um jene einstmals so deutlich erkennbare “Power“ gebracht hat. Wieder so ein Scheißkrieg?

The Power and the GloryDer Verdacht liegt nahe. Eine These besagt, dass durch die Anschläge des 11. September 2001 sowie vor allem durch die kriegerische und geheimdienstliche Reaktion der USA ein internationales Klima des Misstrauens und der Anspannung entstanden ist, das sich bis heute in unseren Köpfen auswirkt: “Pass auf was du sagst. Pass auf, wem du es sagst. Und pass gut auf, wie du es sagst.” Durch solch vorauseilende Selbstzensur erodiert das, was wir noch in den 90ern als “Power” (als Lebenslust, Unbefangenheit und spontane Selbstäußerung in der Kunst) antreffen. Wenn wir heute irgedwas auf die Bühne bringen, das nicht rundum der Erwartung des “Korrekten” entspricht, erleben wir eine seltsam distanzierte Atmosphäre, die sich wie eine Wand aus Ablehnung anfühlt. Und zwar nicht erst seit Corona. Seit dieser zusätzlichen Einschränkung reden wir einfach mehr mit uns selbst und mit den Wänden, die die Welt bedeuten.

Lauschen wir also einigen Musikschaffenden, die mit ihren Werken den Sound des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Die dabei jene Energie des unverkrampften Aufbegehrens erlebbar machten, die wir als “ganz spezielle Power” heute so schmerzlich vermissen. Bis hin zur Wahrnehmung des neuen Milleniums: “Those who tell the Truth shall die, those who tell the Truth shall live forever”

 

Konstantins Kindheitstraum

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. OktoberKonstantin Wecker hat sich da wohl wirklich einen Kindheitstraum erfüllt: Gemeinsam mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie einen üppigen Überblick seiner eigenen Werke darzutun. In der Konzertreihe “Weltenbrand” sowie auf dem gleichnamigen Live-Doppelalbum orgelt es einem Weckers Welt jetzt also orchestral um die Sinne – und es ist kaum zu fassen, dass der lebensfrohe Sänger, Dichter und Komponist, dem wir da beiwohnen, schon über 70 Jahre alt ist. Immerhin dauert das Programm fast zweieinhalb Stunden und man muss sehr genau hinhören um zu bemerken, dass dazwischen auch einmal ein Päuschen eingelegt wird. Auf jeden Fall stellt dieser Rundflug durch 40 vielseitige Schaffensjahre eine gelungene Auslese im bislang ungekannten Musikgewand dar.

Konstantins KindheitstraumUnd der Kindheitstraum? Oftmals hat “der Wecker” inzwischen davon erzählt, wie der kleine Konstantin daheim zu den Opernplatten seines Vaters singen lernte. Sich als Kind in die Rolle hinein zu phantasieren, auf der Bühne, mit Orchester, das lässt sich einfach nachempfinden – sofern man sich selbst als Kind noch nicht vollends abgeschafft hat. Und heute – im Herbst seines Lebens – singt der große Konstantin seine Lieder live mit Orchester, auf der Bühne – und sogar vor Publikum. Das vergönn‘ ich ihm von Herzen! Mir ist er im Verlauf meines Lebens mehrmals wesentlich geworden – und das hängt wohl mit der unglaublichen Vielfalt seiner Ausdrucksformen zusammen, die eine/n in den verschiedensten Gestimmtheiten innerlich widerspiegeln können. Zuerst war er mir Mentor der Auflehnung (Das sag ich euch…) sowie Lehrer der Zärtlichkeit (Was tat man den Mädchen), danach Wanderführer des politischen Widerstands (Willy) und Verkörperung von Prallheit und Genuss (Genug ist nicht genug). Viel später erst entdeckte ich die Welt seiner Gedichte und Jetzt eine Insel finden wurde mir zum dauernden Weggefährten. Seitdem erachte ich Weckers lyrisches Werk für sträflich unterschätzt. Aber was willst in der kleinkarierten Szenerie, die auf alle und jeden ein Genreschachterl scheißt? Gute Untenhaltung mit Preiszetterl und Diplom…

Dahingegen spielen wir einen Ausschnitt aus Weckers Weltenbrand mit Orchester und überlassen euch dem Leben, das sich bekanntermaßen weder diplomieren noch bepreiszetterln lässt. Das Leben will lebendig sein…

“Die Herren pokern. Ihre Welt schneit unsere Herzen langsam ein. Jetzt kann nur noch die Phantasie die Sterbenden vom Eis befreien.”

 

Passagen. Werk für Walter Benjamin (zum 80. Todestag)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. September“Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten. Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.” Am 26. September 1940 starb Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Grenzort Portbou. Wir gestalten aus diesem Anlass einen akustischen Gedenkort für diesen Philosophen, Kulturkritiker und (unter anderem auch) Baudelaire-Übersetzer, dessen komplexe Denkwelten sich der Einsortierung im akademischen Schachterltum nach wie vor naturgemäß widersetzen. Was ist “Geschichte” jenseits ihrer Schreibung? Walter Benjamin wollte nicht weniger, als die kapitalistische Weltherrschaft gründlich zum Einsturz zu bringen. Im Eingedenken mit ihm betreten wir eine andere Wirklichkeit.

“Es handelt sich bei Benjamin um eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten, denen ich je in der Literatur begegnen durfte. Er verkörpert für mich jenseits seiner traurigen Geschichte, aber um sie wissend, die gelungenste Zusammenführung von Poesie und Wissenschaft. Niemand konnte diese zwei Disziplinen so zusammendenken wie Benjamin. Er hat sich nie aus der Wissenschaft herausgedacht. Er hat keinen Unterschied zwischen Form und Inhalt gemacht. Bei jedem wissenschaftlichen Text aus seiner Feder hat man stets das Gefühl, einen Lyriker zu lesen. Ich kenne niemanden, der zärtlicher zur Sprache gewesen ist als Walter Benjamin. Und das, obwohl er gar keine Gedichte geschrieben hat.” Andreas Spechtl

“Wenn ich über die Vergangenheit schreibe, während ich in der Gegenwart verweile, bin ich dann noch in der Echtzeit? Vielleicht gibt es keine Vergangenheit oder Zukunft, nur die immerwährende Gegenwart, die diese Dreieinheit von Gedächtnis enthält.
Ich blickte hinaus auf die Straße und sah, wie sich das Licht veränderte.” Patti Smith

“In dem historischen Augenblick, da der Kapitalismus – in Form des von ihm hervorgebrachten Faschismus – eine Gefahr apokalyptischen Ausmaßes in die Welt befördert hat, nimmt er nochmals den Beginn der kapitalistischen Epoche ganz genau in den Blick, und zwar in atmosphärischen Details, die dem Marxismus (zu dem sich Benjamin in dieser Phase seines Lebens ausdrücklich bekennt) in seinen orthodoxeren Ausprägungen völlig nebensächlich erschienen wären. Als könnte sich durch das Herausgreifen dieser Details, wenn man sie nur genau genug anschaut, der versteckte Schlüssel zum Verständnis des Kapitalismus finden, die Sollbruchstelle, von der her man ihn im letzten Augenblick – bevor der Faschismus auf ganzer Linie siegt – zum Explodieren bringen kann.” Gerald Fiebig über Walter Benjamins “Passagen-Werk” (Fragment), das auch dem hier titelgebend zu spielenden Hörstück zugrunde liegt.

Es erscheint uns ohnehin der geeignetere Zugang zum übervollen Universum des rastlosen Bilddenkmenschen zu sein, in Gestalt einer inneren Erlebnisreise etwas davon zu erspüren. Wie wenn man den etwas sehr anderen Dokumentarfilm “Who killed Walter Benjamin?” eben nicht verschwörungsesoterisch, sondern ganz und gar “benjaminisch” auffasst: Die Geschichte erzählt sich ihren Anwendern von selbst.

 

Der Tod

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. August“Grüß Gott, ich bin der Tod.” Dergestalt stellt sich der Sensenmann in einem feinen Kunstlied der EAV vor, und das naturgemäß mit einigem Salzburg- und Jedermannbezug. Dass diesem (fast) alljährlichen Mysterienspiel wegen seiner zentralen Thematisierung des Tods (in einem erzkatholischen Umfeld) schon einmal Mut und Fortschrittlichkeit attestiert wurden, das war uns bisher unbekannt. Wenn man allerdings bedenkt, wie sehr Tod und Sterben in unserer Gesellschaft ausgeblendet, verdrängt und wegritualisiert werden, dann scheint da durchaus etwas dran zu sein. Karl Kraus störte sich wohl eher an der allzu flotten Entschuldung des eiskalten Profiteurs Jedermann kurz nach dem Millionentod des ersten Weltkriegs mit all dem “katholischen Bumsti”

Andreas Vitásek - Der TodDer Tod und das mit ihm einher gehende Memento mori sind ein wesentliches Thema bei diesen Salzburger Festspielen, die für manche die Welt bedeuten – für manche auch nur die Bretter, die sie so gern vor dem Kopf haben, nur damit sie nicht weiter denken müssen als bis zum Rand ihrer wohlgefüllten Suppenschüssel. Dort endet ihre Welt und dort endet auch ihr Theater. Alles hat ein Ende – auch die Reichen und Schönen. Und sssippe sssappe! Womit wir bei Andreas Vitásek und bei seiner Personifikation des Todes angekommen wären. Eine Unterhaltung mit der eigenen Vorstellung vom Tod ganz in der Tradition “sich darüber lustig zu machen”, nicht ohne auch den Todernst aufblitzen zu lassen… Offenbar ist dem Tod in unserer Kultur am besten indirekt beizukommen, allegorisch, ironisch, surreal. Bei einem Gespräch über die Verdrängung des Sterbensthemas meinte der Hase, dass dadurch den einzelnen Menschen “das Werkzeug fehle”, um mit ihrem eigenen Ende klarzukommen. Ich wunderte mich zunächst über die Wortwahl, begriff jedoch dann ihre Bedeutung: Das Werkzeug, das man benötigt, um die eigene Endlichkeit überhaupt zu “bearbeiten” sowie das eigene Sterben, den eigenen Tod irgendwie friedlich, versöhnt und in Würde zu vollziehen – was könnte das sein?

Die grenzgeniale Orgel-Improvisation über den Bach-Choral “Komm o Tod, du Schlafes Bruder”, die mir immer als Orgel-Orgasmus (le petit mort) und logischer Höhepunkt der Filmhandlung erschien, sie heißt bei ihrem Komponisten Norbert J. Schneider “Der letzte Wille des Elias Alder” und trägt dessen baldigen Tod bereits machtvoll in sich. Dazu empfehlen wir nachdrücklich das zugrundeliegende Buch Schlafes Bruder von Robert Schneider. Und, über die Grenzen der Grausamkeit hinaus selbst Fragen zu stellen …

 

Salzburger Domkapital

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. August – Vom Memento mori zur Kapitalismuskritik. Barock’N’Roll in einer Stadt, die oft nur als Bühnenbild fürs Geschäftemachen gesehen wird. Für viele sind daher die Bretter vor ihrem Kopf die, die die Welt bedeuten. Aber das ist nicht die unsere. Inwieweit sind die derzeitigen Salzburger unser aller Festspiele? Damit auch wirklich alle, die etwa den Jedermann kritisieren, verstehen, worum es dabei geht, haben wir die 10-Minuten-Fassung von Michael Sommer aus seiner genialen Reihe “Weltliteratur to go” vorbereitet. (In der CBA-Version unserer Sendung sind an der Stelle Philipp Hochmair, Die Elektrohand Gottes sowie Kurt Razelli zu hören). Beim “Sterben des reichen Mannes” geht es um Macht und Geld. Wobei – für uns alle geht es letztendlich um Leben und Tod

Salzburger DomkapitalDoch was hat eine von Macht- und Geldinteressen gestaltete Welt mit menschlichen Bedürfnissen zu tun? Und mit “Bedürfnissen” meine ich jetzt nicht die vom bauernschlauen Marketing künstlich erzeugten und uns in fortwährender Wiederholung als unsere eigenen eingepflanzten. Ich meine die tatsächlichen, immer schon für unser gedeihliches Leben (und Sterben) unerlässlichen – wie etwa nach Frieden, Gerechtigkeit und Vertrauen zueinander. In was für angeblich alternativlose Gesetzmäßigkeiten einer brutalen Marktwirtschaft werden wir stattdessen alle hineingezwungen? “Ist der Mensch ein Homo Oeconomicus?“ fragt man sich hier auch im Hinblick auf den Salzburger Jedermann, dieses Kapital des Domkapitels. Die deutsche Philosophin Ariadne von Schirach bringt das Wesen des Menschen im ständigen Wechselspiel mit den Gegebenheiten auch in ihren klugen Büchern auf den springenden Punkt. Zuletzt erschien “Die psychotische Welt” und davor “Du sollst nicht funktionieren”. Ihre Vortragskunst ist außergewöhnlich, Atemrhythmus, Sprache wie Stimmelodie. Ihre gesamte Haltung versinnbildlicht, wie ein verletzbares Menschentier auf leisen Sohlen laut denkt. Chapeau! Doch Moment, war da nicht was mit dem Nachnamen?

Zu dessen “Angebräuntheit” hat ihr Cousin Ferdinand von Schirach, der weithin geläufige Strafverteidiger und Schriftsteller (und Festspielredner), einmal Vorläufig Endgültiges ausgesagt. Und damit wollen auch wir es bewenden lassen …

 

Gloria in excentris verbis

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. August – Liebe Festspielgemeinde! Selbstredend erweisen auch wir den Hundertjährigen unsere herzhafte Würdigung. Wobei, beim irgendwie ewigen Jedermann wäre “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” durchaus eine erfreuliche Weiterentwicklung – des Themas wie auch der Geschichte. (Da gibts ein geiles Buch UND einen geilen Film übrigens). Sic transit gloria mundi oder Was ist wesentlich – in dieser Welt? Doch wie sehr wir auch herumwedeln mit dem “griechisch-lateinischen Flüchtlingsgepäck aus dem andachtskapitalistischen Meinungs-KZ” (so Uwe Dick zur katholischen Erziehung), die Salzburger Festspiele bleiben (auch und erst recht in ihrer Jubiläumsausgabe) ein abgezäunter Privatbesitz – und für Glanz und Gloria der Geldmachtwerte reserviert.

Gloria in excentris verbisApropos ewig – beim gestrigen Jedermann schob sich mir wieder einmal die ganze Ambivalenz des Salzburger Welttheaterbetriebes ins Bewusstsein, so dass ich sprach: “Ich bin zutiefst zerteilt.” Denn die dramaturgische Leistung, die dabei gezeigt wurde, war atemberaubend und holte aus dem klobigen Text Nuancen heraus, die ich in ihm nie vermutet hätte. Chapeau! Die Schöpferkraft aller Mitwirkenden (vom Hauptdarsteller bis zum Helferlein, und das gilt für die gesamten Festspiele) ringt einem immer wieder Respekt und Bewunderung ab. Dahingegen ist Hofmannsthals österreichbesoffenes Geschwurbel vom “theresianischen Menschen” sowie von “Geist und Sittlichkeit” ein übles Plädoyer für die Bewahrung der etablierten Herrschaft von Besitz, Kirche und Staat im neuen Gewand von Deutsch-Restösterreich nach dem Ersten Weltkrieg. Inwieweit dieses geistige Erbe in die Bundesverfassung von 1920 hineingewirkt hat – und inwieweit es als unausgesprochenes Leitmotiv dieses von ihm mitbegründeten Hochkulturspektakels wahrnehmbar bleibt – das überlassen wir eurem Geruchssinn.

Inzwischen (!) wenden wir uns einer verbürgt fortschrittlicheren Veranstaltung aus dem Hause Salzburg zu: “Zwischen Mund und Arten” – eine Lesung mit Musik oder eine Musik mit Lesung oder überhaupt eine Collage aus “lyrischen Schlagabtäuschen und unterschwelligen Zusammenhängen”, dramaturgisch durchbrochen von Dialektgepunk aus dem Pongau – die unlängst im Rahmen des löblichen Festivals Zwischenräume gezeigt wurde. Und naturgemäß werden wir auch eure Kreativität kitzeln sowie eure Lachmuskeln wiederbelebenmit fürwahr großen Monologen der Kleinkunst

Gloria Victoria – widewitt bumbum!

 

Woman at War

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Juli – Der isländische Film Woman at War oder zu deutsch Gegen den Strom erweist sich als ein wirksames Antidepressivum angesichts unserer Ohnmacht gegenüber den weltzerstörenden Riesenfirmen und ihren brav handlangernden Regierungen. Und es ist sicher kein Zufall, dass dieser magisch-kreative Beitrag zur Rettung der Seele (die ja immer auch die ganze Welt bedeutet) ausgerechnet aus Island herrührt, wo es weltweit die meisten Autor*innen (im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung) gibt, wo auch für vorchristliche Naturwesen reale Schutzgebiete eingerichtet sind – und wo sogar der stets korrekt beschlipste Denis Scheck zum Künstlerinterview verzückt in eine warme Quelle steigt. Bei uns geht es heute um dieses sehr spezielle Schöpferischeund einen genialen Film.

Woman at WarVor nicht allzulanger Zeit haben wir etwa das Filmmusikschaffen von Hildur Guðnadóttir gewürdigt. Der Titel der damaligen Sendung passt übrigens ausgezeichnet zum Inhalt von “Woman at War” denn er hieß “Museum für Naive Technik”. Im heute (mit heftigem Nachdruck) zu empfehlenden Film hat allerdings Davíð Þór Jónsson für die Musik gesorgt, welche zudem auf höchst eigenwillige Weise ins Geschehen eingewoben ist. Sie wird hier nämlich von einem Trio isländischer Männer (mit Tuba, Schlagwerk, Klavier/Harmonika) sowie von einem Trio ukrainischer Frauen (in ihrer traditionellen Tracht singend) vorgetragen, und zwar immer wieder sichtbar und sogar auf die Handlung der Geschichte einwirkend. Ein dramaturgischer Kunstgriff, der zwar dem antiken Theater entstammt, jedoch auch im zeitgenössischen Film funktioniert, ja, sich darin geradezu anregend, belebend und intensitätssteigernd auswirkt. Zum genaueren Verständnis dieser Interaktionen von Story und Sound haben wir einige Schlüsselszenen quasi “ohne Bild” herauspräpariert, um sie so zu Gehörgefühl zu bringen. Außerdem gibts als Beispiel isländischen Humors Hundur í óskilum sowie isländisch inspirierte Musik aus Salzburg: Chili Tomasson and the Cinema Electric.

Weshalb ich Woman at War eingangs als Antidepressivum qualifiziert habe und den Film darüber hinaus als einen wahren Quell an Hoffnung und Perspektive erachte, das liegt vor allem an seiner politischen Aussage. So heißt es etwa im Manifest der Bergfrau: “Ich fordere alle, die das lesen, auf, sich zu wehren. Setzt euren Verstand und Erfindungsreichtum ein, um diesem Konzern Schaden zuzufügen! Denn das ist die einzige Sprache, die diese globalen Konzerne überhaupt verstehen. Mit dieser Methode arbeiten sie selbst weltweit: Sie richten Schaden an – an der Natur und an der Gesellschaft.”

 

The Blues Brothers – Das Original

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. JuliKinder, wie die Zeit vergeht! Und gerade deshalb ist es so notwendig, einzelne Ereignisse “von damals” hervor zu holen und sie für ein Weiterwirken in der Weltgeschichte aufzubereiten. Denn die wesentlichen Wendepunkte der Menschheitsentwicklung sind verstehbarerweise selten in der “Geschichtsschreibung der Sieger” verzeichnet. Deren gepriesene Feiertage beruhen ja zumeist auf Niedermetzeln und/oder Verhungernlassen, auf Unterdrücken, Beherrschen, Ausplündern, auf gebrochenen Versprechen sowie Legalisierung des Unrechtskurz (haha!) auf Lug und Trug und Drohungen. Und während heute über das Umbenennen von Mohrengassen und das Großschreiben des Wortes Schwarz räsoniert wird, gehen die Blues Brothers einen anderen Weg:

The Blues BrothersDer Kultfilm aus dem Jahr 1980 stellt eine damals längst überfällige Würdigung von afroamerikanischen Musiktraditionen und deren Einfluss auf die unzähligen Stilrichtungen des internationalen Musikschaffens dar, als Geschichte des gemeinsamen Widerstands gegen die Dummheit, Gefühllosigkeit und rassistische Intoleranz einer auf Gehorsam und Gleichförmigkeit programmierten Gesellschaft. Und zugleich setzen die Blues Brothersals Bandprojekt wie auch als Film – just am Schnittpunkt der wechselseitigen schwarzweißen Einflussnahme, nämlich dem Rhythm and Blues, vielen Vertreter*innen originär “schwarzer” Musikgenres ein zärtlich bewunderndes Denkmal. So treten im Rahmen einer turbulenten Filmhandlung etwa Ray Charles, John Lee Hooker, Aretha Franklin oder der große Cab Calloway jeweils mit eigenen Kompositionen prominent in Erscheinung. Die Blues Brothers Band selbst hat lange Zeit Probleme, ihre angestammte schwarzweiße Fusionmusik live vor Publikum zu zelebrieren, und muss daher notgedrungen auf schräge Coverversionen ausweichen, wie zum Beispiel “Rawhide” in Bob’s Country Bunker (“Wir haben hier BEIDE Arten von Musik, Country UND Western!”). 40 Jahre danach ist Donald Trump Präsident…

Kein Wunder bei so viel “Negermusik”, dass nicht nur Nazis vom Himmel fallen und ins verdiente Loch krachen sowie reinweiße Countryboys in hohem Bogen durchs Bootshaus in den See “fahren”. Nein, auch Polizeiautos werden naturgemäß lustvoll ineinander getürmt, umgestürzt – und filmreif verschrottet.

Wir wollen euch darauf Appetit machen!

Du magst den Wagen nicht?

 

The Process Of Belief

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. JuliSeit fast 40 Jahren existiert da irgendwo in St. Kalifornien eine stilprägende Punkband namens Bad Religion. Zuallererst springen zwei Merkmale ins Ohr: Zum einen das fast schon sture Beibehalten des von ihnen mitbegründeten Sounds (der oft als Skatepunk oder Melodic Hardcore einsortiert wird) nebst den für sie typischen mehrstimmigen harmonischen Gesängen. Zum anderen die für die Punkszene eher untypisch komplexen und geistig herausfordernden Songtexte, die man am besten auch selbst lesen sollte, damit sie nicht in der Wucht ihrer Darbietung verschwimmen. Eine umfängliche Sammlung dieser Texte ist etwa hierorts – im Internet eures Vertrauens anzutreffen. Speziell zum heutigen Album The Process Of Belief

Bad Religion BeliefFür letzteres haben wir uns entschieden, weil es ungefähr in der Mitte des nun doch schon recht langen Bandschaffens erschienen ist und so den Sound/Stil kurz nach der Jahrtausendwende zu Gehör bringt. Und weil meine Lieblingsnummer auf The Process Of Belief enthalten ist, nämlich Sorrow (hier die etwas andere Live-Version), ein Lied, das mir erstmals in Mariazell widerfuhr. Bad Religion eben. Die etwas andere Geschichte. In Würdigung der Beständigkeit von Bad Religion wollen wir vor unserer Albumpräsentation noch vergleichen, wie sie sich in den 90ern anhörten – und wie sie sich (fast) heute anhören. God Song versus The Approach – zeitlich dazwischen das heute zu zelebrierende Krachwerk aus Abgrund und Harmonie. Es soll einfach wieder einmal gscheit scheppern und plärren, wenn wir schon alle seit Monaten nur noch im Kopf (und virtuell, pfui Deifi!) tanzen können. Und wenn Zeiten wie diese vermehrt nach Gedankenfutter verlangen, dann sind wir beim Herrn Professor bestens bedient. Greg Graffin singt und schreibt nicht nur für seine Band – er ist zudem Doktor der Zoologie, Universitätslektor und Buchautor, der in seinem Gesamtwerk Naturwissenschaft, Politik und Philosophie zusammen führt. Allein schon der Wikipedia-Eintrag zu den Werten der Band lässt den dahinter knotzenden philosophischen Kosmos erahnen. Der Begriff “Belief” hat hier viel mit Kritik an organisierter Religion (und das ganz besonders in den U.S.A.) zu tun. Der Herr Professor, inzwischen ergraut, gibt selbst Auskunft über einige Hintergründe.

Die erste wirkliche Autobiographie seit 40 Jahren Bad Religion wird am 18. August 2020 bei Hachette Books erscheinen – und wird auch als Hörbuch erhältlich sein.

Sehr zum Wohl!