Erinnerung an Elke Mader

Artarium am Sonntag, 19. September um 17:06 Uhr – Nicht nur Martin Blumenau und Caspar Einem sind unlängst verstorben (was ohnehin schon Löcher in unserem Geistesleben hinterlässt) – nun ist auch Elke Mader von uns gegangen, die unsere Radioarbeiten immer wieder konkret inspiriert und gefördert hat. Sie war nicht nur Professorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, sondern darüber hinaus eine mit Hingabe neugierige, forschende, an Entwicklung interessierte und so den Wissenschaftsvermittlungsbetrieb stark belebende Frau – überhaupt die erste Frau, die sich in ihrem Fachbereich in Wien habilitiert hat. Ha! Nachzulesen im Nachruf des Instituts. Vor allem aber war Elke Mader mir als meine Cousine verbunden – und so soll die persönliche Erinnerung an sie hier aufleben.

Erinnerung an Elke MaderNicht nur Musik, die sie in ihren Vorlesungen verwendete, wie das legendäre No No Keshagesh von Buffy Sainte-Marie, sondern auch Musik, die sie mir in früheren Zeiten zugänglich machte, Frank Zappas Sofa No 2 und auch Peter Gabriels Walk Through The Fire soll dabei erklingen – oder überhaupt Musik, auf die wir uns geeinigt hätten, wie People Have The Power von Patti Smith. Nein – Kreatives Erzählen von all dem, was beim Verlust eines lieben Menschen als Wellen der Erinnerung ins Bewusstsein drängt – naturgemäß dramaturgisch strukturiert in 3 Themenbereichen – das wollen wir hier in aller Unfertigkeit darleben. Wie Leben an sich, auch über den Tod hinaus, ewig unfertig bleibt. Die einstweilige Verfügung unserer Zwischenbilanz. Eine Momentaufnahme der Entwicklung vom vom zum zum – und wieder zurück:

1) Die legendäre Porzellangasse. Ich hatte das große Vergnügen, in den seligen 70er Jahren öfter in jener Wohngemeinschaft zu Gast zu sein, in der Elke Mader und Richard Gippelhauser damals lebten und in der Geistesgrößen wie Christoph Ransmayr oder Konrad Paul Liessmann umgingen. Von wo man zu Vernissagen aufbrach, bei denen sich noch die Tische bogen und also Hunger wie Durst gestillt werden konnten. Wo man noch Feste feierte, die man heute so gar nicht mehr

2) Teilnehmendes Beobachten. Eine vorurteilsfreie Grundhaltung, die Elke nicht nur in ihren Feldforschungen einnahm, sondern die ihr gesamtes Leben prägte. Mir in jedweder Lebenslage sowie uns in unserer Freundschaft und Arbeit gegenüber hat sie stets diese eigentlich ambivalent anmutende und dabei so überaus angenehme Haltung eingenommen. So sollte generell jede zwischenmenschliche Begegnung sein: Dass man zur Begrüßung freigesprochen wird von der Schuld des Rollenspielens.

3) Freundin und Förderin. Betrachten wir die Beziehung von uns zwei Radiohasen zueinander wie auch zu unseren Sendungen und Projekten als eine eigene Kultur (wie “das etwas andere Kunnst-Biotop” ja auch gemeint ist) – dann war Elke in ihrem ersten Begegnen wie in ihrem weiteren Mitleben mit unserer eigenartigen Seinsform ganz und gar Kulturforscherin und hat sofort verstanden, was uns das Artarium und die Nachtfahrt bedeuten. Und immer, wenn diese für uns “höchsten Werte” gefährdet waren und es in ihrer Macht stand, hat sie uns freimütig geholfen. Dafür danken wir!

Zur Erinnerung: The Chequered Flag (Dead or Alive)

 

Konsumwichtel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. August“Konsumwichtel!” Treffliche Bezeichnung für viel zu viele Menschenleute, “die ich täglich aushalten muss”. Es kam durch das Biodrama “Der Öd” von Uwe Dick über uns – und stammt wohl nicht aus dem ureigenen Erfindensfundus des Wortwetzmeisters, sondern vielmehr aus jenem Maul, auf das schon Martin Luther dem “Volk” schaute. “Konsumwichtel!” Ein zur Entstehungszeit jenes Einpersonenstücks in den 70er Jahren verbreitetes Schimpfwort für sämtliche Follower of Fashion” und “Führer befiehl” und “I glaub ois zsomm wos i brauch.” Wir erinnern uns an Pier Paolo Pasolini, der auch damals schon in seinen Freibeuterschriften voraussagte, wie der weltweite Konsumismus jede eigenständige Kultur durch seine ökonomische Gleichschaltung zerstört.

Konsumwichtel - Der UntergangWas wären dann die Salzenburger Fetzenspiele? Ein Kulturfestival für die Profiteure der weltweiten Kulturzerstörung? Darf man das überhaupt Kultur” nennen, was da vor sich geht? Der Tod geht um – und allen schmeckts. Also allen, die es sich im Diesseits des reichen Mannes leisten und richten können. Jenseits davon bleibt nur eins zu beachten: “Nix mitnehma!” Eine bajuwarische Coverversion von Dylans “Gotta Serve Somebody” – 30 Jahre vor dem Nobelpreis, wie prophetisch!

Nicht, dass es hierzulande keine kritischen Stimmen zur bedenklichen Entfremdung des Menschen von sich selbst gegeben hätte. Auch in den seligen 70ern, ziemlich zur selben Zeit, als Pasolinis Freibeuterschriften entstanden – und als in Wien die Arena besetzt wurde (Kennt das noch wer? Lernen’s Geschichte!) sang Wolfgang Ambros in “A Mensch möcht i bleibn” diese nach wie vor wegweisenden Worte:

A Mensch mecht i bleim,
und net zur Nummer mecht i werdn.
Und Menschen mecht i seng,
wei i bin sehr dagegn,
dass ma unsere Heisa nur mehr für Roboter baun,
die deppat nur in Fernseher schaun!

Und heute? Sehen wir Licht am Ende des Tunnels? Ich glaube nicht. Wer mit Zitaten um sich wirft, der sollte halt schon etwas vom Zusammenhang verstehen, in dem sie entstanden sind, und wissen, wer sie früher gebraucht hat – und in welcher Situation. Sonst entlarvt er sich schnell als ein blöder Plappergei vorgekauten Wortbreis. Oder eben als Konsumwichtel. Kunnst mir darum erklären, was DMD KIU LIDT bedeutet? “Die Manifestation des Konsumismus in unserem Land ist die Trottelherrschaft.”

Amen.

 

Anrufer … Martin Blumenau …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. August“Der Tod muss abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muss aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.” Mit diesem Satz von Bazon Brock hätte ein nächtlicher Anrufer bei FM4-Bonustrack gute Chancen gehabt, dem dort obwaltenden Martin Blumenau ein weiterführendes Gespräch zu entlocken. Doch unter dieser Nummer wird der nun niemand mehr mit seinem legendären “Anrufer” begrüßen. Die Anrede wäre jeder bemühten Gender-Neutralität um kreative Lichtjahre voraus. “Wer sich Regeln unterwirft, kann trotzdem Anarchie walten lassen. Es müssen halt die eigenen sein.” Nur eine Weisheit aus jener umfänglichen Enzyklopädie der Popkultur, die Martin Blumenau wie kaum ein anderer verkörpert hatund die uns jetzt fehlt

Anrufer?Anlässlich unserer Wiederausgrabung und Ohrbarmachung eines längst verschollen geglaubten Albums (und er schätzte ja die etwas spezielleren Raritäten) schrieb er einen Artikel mit dem Titel “Zufällige Erinnerung an die allerbeste österreichische Band von „früher“, die keiner kennt: X-Beliebig”, der sein musikhistorisches Spezialwissen und seinen detailverliebten Hang zur Perfektion in vollster Blüte dokumentiert. Darin verlinkt eine “Menge Fotos”, die inzwischen hier zu betrachten sind. Und der von ihm taktvoll als “mein alter Print-Kollege” bezeichnete Georg Wimmer (er war damals unser Radiofabrik-Programmleiter) kannte ihn tatsächlich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Arbeiter-Zeitung. Kennt die eigentlich noch wer? Egal, lernens halt Geschichte! Jedenfalls war Martin Blumenau in der Spätphase (80er-Jahre) des einstigen “Zentralorgans der Österreichischen Sozialdemokratie” für jugendliche Musikkultur(en) zuständig – und erwarb sich bald einige Berühmtheit ob seiner eloquent zugespitzten Kritiken. Wie er sich dadurch auf die nachwachsende Generation von Musikschaffenden und Beitragstäter*innen ausgewirkt hat, davon erzählt Robert Rotifer in seinen emotionalen Erinnerungen an “Die Revox-Queen”

Wenn wir versuchen, einen so vielschichtigen und oft polarisierenden Menschen wie Martin Blumenau zu verstehen, indem wir ihm nachspüren, mit ihm mitdenken, ihm auch innerlich widersprechen, dann drängt sich uns unvermeidlich das Thema Fußball auf. Auf keinem anderen Spielfeld (!) konnte er seine Leidenschaft und sein spontanrhetorisches Talent besser ausleben, als wenn er mit anderen Ergriffenen über die zahllosen Ableitungen des ihn faszinierenden Phänomens philosophierte. Hören wir Ausschnitte seiner Gespräche zum Fußball aus dem BELLEVUE in Linz

und befruchten wir uns.

Anrufer?

ANMERKUNG: Die am Anfang des Artikels verlinkte “Sendung” ist eine Rekonstruktion, bestehend aus vorbereiteten Musikstücken und Audiocollagen sowie der überarbeiteten Notaufzeichnung der Livemoderation. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass ausgerechnet während ihrer Stattfindung der Sendeserver der Radiofabrik seinen letzten Seufzer tat – und verschied. Eigentlich sehr (zum Thema) passend. Wie war das nochmal mit der Koinzidenz

PS. Hier findet sich übrigens auch die erwähnte legendäre Aufzeichnung von „Salon Helga – Von hinten“

 

Ein fester Festspielflash

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. August – Seit inzwischen 101 Jahren sind “die Festspiele” ein fester Bestandteil des Salzburger Selbstbilds. “Die ganze Stadt ist Bühne”, soll einer ihrer altvorderen Gründer einmal gesagt haben. Fest, fester, am festspielsten. Nun, wenn alles ein einziges Theater ist (und noch dazu auf höchstem Niveau), welches Stück wird da gegeben? Jahr für Jahr für Jahr wird vom “Sterben des reichen Mannes” erzählt – wo ist das “Leben der armen Leute” in eurer Selbst-Inszenierung? Die werden seit der Erfindung des großen Welttheaters in der kleinen Provinzhauptstadt mit Lebensmitteln aus Wien beschwichtigt – und dürfen heutzutage als mehr oder weniger freundliche Volksdarsteller auf Umwegen rentabel sein. “Die Festspiele sind für uns ein Reibebaum, und wir sind die Sau, die sich an ihnen reibt.”

Ein fester FestspielflashDenn einerseits wird hier wirklich erhellendes Theater auf die Wege gebracht, werden weltbewegende Themen in ergreifender Gestalt bis ins Tiefste und Innerste verhandelt und echter Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur neue Räume eröffnet. Andererseits bleiben die bleierne Blödheit des Weiter-So und Immer-Noch-Mehr und auch die unhinterfragbare Herrschaft von Geldmacht und Grundbesitz als die treibenden Kräfte hinter dem sommerlichen Spektakel. Jedermann? Ich bitt’ sie – Jedermann, der es sich leisten kann! Der sich für gutes Geld gern gruselt in Hofmannsthals kuschlig morbidem Katholizistentum. “Eine Triumphpforte österreichischer Kunst” – Die Umwidmung des Untergangs der Donaumonarchie in ein europäisches Erfolgsprojekt für eine exklusive Elite? Genau deshalb haben wir unsere Begegnung mit Thomas Oberender vor 10 Jahren mit “Das Salzburg Syndrom” betitelt. Denn – wer zahlt, schafft an. Oder doch nicht?

Er bescherte den Festspielen ihre bislang erfolgreichste Theatersaison und brachte Jan Lauwers & Needcompany nach Salzburg (unvergessen Sad Face | Happy Face 2008 auf der Pernerinsel). Und er öffnete die Stadt als Spielraum für immersive Kunst, die teilweise sogar allgemein zugänglich war, wie zum Beispiel A Game Of You von Ontroerend Goed. Auch Philipp Hochmairs Jedermann Reloaded entwickelte sich aus dem Young Directors Project, das einst von Thomas Oberender betreut wurde. Vielleicht ein Sämann, dessen Saaten den Satten zum Steinbrech geraten? Und:

“Ein genialer Spagatkünstler“, der sich zwischen dem Aggressor (mit dem Geldkoffer) und den Abgründen des eigenen Selbst vor allem mit der Wirkmacht des Theaters (und der möglichen Katharsis) identifiziert. Das ist ein besserer Gründungsmythos als die ständige Selbstlobpreisung einer längst unfruchtbar gewordenen “besseren” Gesellschaft. Das etwas andere Kunnst-Biotop verleiht jenen eine Stimme, die sonst nichts zu sagen haben: “Die Festspiele sind für uns ein Heiliger Bimbam, bei dessen Gedröhn uns unweigerlich Hören und Sehen – und Reden vergehen.”

Es ist uns ein fester Festspielflash …

PS. Mehr dazu gibts bei den Perlentauchern

 

Dark Side of the River

> Sendung: Artarium am Sonntag, 25. Juli – Nachdem wir in unserer letzten Sendung der sommerlich-sonnigen Seite von Flüssen und Seen gehuldigt haben, darf ich dieses Mal die abgründig finsteren und allgemein unheimlichen Aspekte fließender Zustände ausloten. Down to the River! Zunächst sollte diese Tauchfahrt “Im Gedankenfluss” heißen, doch die Pink-Floyd-Assoziation war einfach viel zu poetisch. Und Nina Hagens “Am dunklen Fluss” ist eine grandiose Übersetzung von Leonard Cohens “By The Rivers Dark”. Wodurch wir bei Tod und Wiederkehr, Sinnsucht und Erkennen sowie Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit angekommen wären – bei etwas, das ich als “messianisches Paradoxon” bezeichnen möchte. Es taucht oft dann auf, wenn das Leben in Gefahr gerät. Fragen sie ihr Immunsystem.

Dark Side of the River“Die Philosophie Adornos kündet von einem Glück, das in Wirklichkeit unerreichbar ist, ohne dass sie jemals das Verlangen nach diesem Glück preisgäbe.” Der Philosoph und Münchner Stadtrat Dr. Florian Roth zitiert diesen sehr stimmigen Satz unbekannter Herkunft – und macht sich überhaupt allerhand gescheite Gedanken zum “richtigen Leben im falschen”, das es laut Adorno eben nicht gibt. Paradox? Sicher – und dazu hilfreich, in Zeiten wie diesen: “Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.” Das ist Trost, der einem kein künstliches Heileweltgedudel als kostenpflichtige Voraussetzung fürs vorgefertigte “Glücklichsein” aufschwatzen will. Das ist zum Verstehen geronnene Lebens- und Denkerfahrung, mit der sich auch die finstersten Täler der Todesangst und die stillsten Stunden der Selbstverzweiflung durchdringen lassen. Das ist der geistig-seelische Rettungsring wider das Absaufen.

Eine absolut zeitlose und nach wie vor gültige Offenbarung dieser Denkungsart war das 1950 im hessischen Rundfunk aufgezeichnete Gespräch von Theodor Adorno, Max Horkheimer und Eugen Kogon. Eine wahre Sternstunde der Radiokultur, die sogar heute noch von einigen Unbeugsamen beim ORF (in jenem kleinen gallischen Dorf, das uns als Ö1 bekannt ist) zur Wiederholung gebracht wird. Bemerkenswert dabei ist die Aktualität mancher Aussagen – etwa darüber, was wir heute als diesen verinnerlichten “Zwang zur Selbstoptimierung” verstehen. Nachgerade verstörend.

Zum Schluss führt uns der River of Life als Stream of Consciousness in den See des untiefen Verstehens. Das Thema Tod und Sterben durchströmt die Denkwelt wie das Werk eines weiteren wortreichen Entdeckers: Hermann Hesse beschreibt in “Klein und Wagner” das Ertrinken des Helden als Erlösung aus dem Lebenskrampf des Zwiespältigen. Dass es sich dabei um einen Selbstmord handelt, kann durchaus als eine Metapher für selbstbestimmtes Einvernehmen mit der Endlichkeit seines Lebenswegs aufgefasst werden, wie der von Between vertonte Ausschnitt nahelegt.

Die Festspiele sind hiermit eröffnet.

 

Im Fluss

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. JuliEin nachhaltiges Plädoyer fürs Baden in der freien Natur (ist die eh noch da?), fürs Plantschen und Schwimmen und Zeitvergehenlassen in Flüssen, Bächen oder Seen. Gehts euch doch brausenaber bitte im Wasserfall! Nie war es so wertvoll wie heute, sich den Elementen der nicht verwalteten Welt hinzugeben. Ringsumher regieren Künstlichkeit und Zwang, doch der Mensch erinnert sich stets seiner Natürlichkeit, sobald er wieder eintaucht ins Fließende. Hier und Jetzt. In den wohltuenden Fluss irgendwo da draußen, wo kein Business das Sein verschandelt und kein Bademeister sich ins Mein oder Dein einmischt. Wo das lange Eingesperrtsein von einem abfällt wie ein böser Traum und das Leben feuchtfröhliche Urständ feiern kann – sofern sich Sonnenschein ausgeht.

Im FlussWie umfassend bereichernd so eine Erfahrung im naturbelassenen Fluss werden kann, das beschrieb schon Bertolt Brecht im von Konstantin Wecker kongenial vertonten Poem “Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“, das wir unserer heutigen textmusikalischen Hörbildcollage voranstellen, und in deren Mitte wir den vielschichtig interpretierbaren Sommersong “Im Fluss” unseres aus der ach so schönen Stadt Salzburg erfolgreich entsprungenen Kollegen Marwin Tea vorstellen. Und ungeachtet unserer Bekanntschaft, das hier verlinkte Video ist ausgezeichnet gemacht. Es lädt auf mehreren Ebenen dazu ein, sich auch der Metaphernwelt des “Im Fluss Seins” ebenso verspielt wie spaßernst anzuvertrauen. So wie das sich mit der Zeit immer besser anfühlende “den Fluss des Lebens hinunter treiben lassen”.

Denn, seien wir mal ehrlich, genau das macht das Leben von uns Menschen aus.

So verläuft es – von der Quelle bis zur Mündung – nie langsamer und nie schneller. Einfach immer seine Strecke lang, eingebettet in einen erstaunlichen Kreislauf aus Werden und Vergehen, aus Verwandlung und Wiederkehr. Wozu sich also mit dem angestrengten Turmbau zu Immernochhöher, Immernochbesser und Immernochmehr aufhalten, wo doch das Leben des gesamten Planeten ein einziges Immernurfließen ist, das keine noch so aberwitzige Konstruktion je verändern kann? Let it flow …

Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag (Gisbert zu Knyphausen)

 

Babylon Salzburg

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. JuniZwei Musikstücke mögen unseren heutigen Ausritt in den Abgrund umrahmen: “Apocalypse or Revolution” aus dem neuen Album von Ja, Panik – und “Zu Asche, zu Staub” aus der bemerkenswerten TV-Serie “Babylon Berlin”. Dazwischen liegen knapp 100 Jahre Weltgeschehen, in denen sich zahllose Schrecknisse, Verwundungen und Überlebensreflexe zu einer epigenetischen Kakophonie ungeheuren Ausmaßes ineinander türmen. Geborgen und verfolgt zugleich versuchen wir diesen unüberschaubaren Partituren unseres Generationenlebens irgend einen Sinn zu entreißen – und uns wieder zu entdecken in den durcheinander fliegenden Fragmenten von Ursache, Wirkung und Synthese. Und scheint auch Salzburg hier (vergleichbar) banalzum Babylon reichts allemal.

Babylon SalzburgSo versinnbildlicht etwa der “Turmbau zu Babel” allerorts die Großmannsucht (womit wir nicht die großartige Mechthild meinen) sondern zwanghaftes Wachstum über die Grenzen der Natur hinaus. “Babylonische Sprachverwirrung” bezeichnet die sich unvermeidlich daraus ergebende Zerstörung der “menschlichen” Kommunikation. Und mit “menschlich” meinen wir hier durchaus “menschenwürdig”. “etwas wie babel” nennt Christopher Schmall folgerichtig sein lyrisch-akustisches Work in Progress, mit dem er das Scheitern zwischenmenschlicher Sprachform erforscht, und das er über die Jahre hinweg ständig weiter entwickelt, derzeit unter Einbeziehung einiger Ausschnitte aus “Fluchtstück” von PeterLicht. Das bildet die zweite Umrahmung (womit wir nicht das Milchprodukt meinen) sondern das Gewirr von inneren und äußeren Stimmen, die uns beeinflussen, Anklage und Verteidigung im inwendigen Strafgericht wie bei “Mea Culpa” von David Byrne und Brian Eno.

Kommen wir jetzt zu einem weiteren Sinnbild: “Die Hure Babylon” illustriert ein zum nicht mehr hinterfragbaren System gewordenes “Sich prostituieren”. Sich verkaufen, die eigene Haut zu Markte tragen, sich dem Meistbietenden andienen, sich für Geld ficken lassen – der Sprichwörtlichkeiten hierzu sind einige, und wir alle wissen, was damit gemeint ist. Globale Zwangswirtschaft und Arbeitsstrichservice sind weitere Wortentwicklungen zu diesem weltweiten Machtklotz, der uns allen aufsitzt und uns innen wie außen die Türen zur Freiheit zuhält. Der Zuhälter in vielerlei Gestalten

Den letzten Rahmen (die finale Zwiebelschicht) einer Verbindung von Ja, Panik mit Babylon Berlin muss nun ein Großmeister des Dandytums herstellen: Bryan Ferry, dessen Roxy-Music-Klassiker “Bitter-Sweet” die einst auf DMD KIU LIDT gecovert haben, und der, nunmehr gepflegt gealtert, in besagter Serie den zeitlosen Song im Stil der 20er Jahre zum Allerbesten gibt. Nur, welche Version passt in die Sendung?

PS. Wir beglückwünschen unsere wackere Kollegin Mirjam Winter (bei der wir beide das Radiomachen gelernt haben) zum Ehrenschorsch der RadiofabrikAlles Gute!

PPS. Das in der Sendung zum Fluchtstück von PeterLicht erwähnte Videoportrait aus unserer Anfangszeit gehört schon auch wieder mal gesehen!

 

Satt Irre

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. Juni“Es gibt also doch noch Satire”, “ORFloch” oder “Fuck the Biedermeier” waren alternative Arbeitsitel. Nun also doch “Satt Irre” weil wegen dem Wortspiel und Peter.W.s Satirejingle von damals. Denn Satire, im besten Sinn “Entstellen der Wirklichkeit bis zu ihrer Kenntlichkeit” oder eben durch Übertreiben und Verfremden erst so richtig verstehbare Darstellung, ist für einen gesellschaftlichen Dialog auf Augenhöhe notwendig. Weshalb sie auch von denen verfolgt und unterdrückt wird, die keinen solchen Dialog zwischen den “zum Herrschen Auserwählten” und dem “gefälligst zu funktionieren habenden Pöbel” zulassen möchten. Satire ist eine Schutzimpfung gegen den Schwindel – in dieser Polit-Pandemie. Die einen bekommen sie – und die anderen nicht. Das ist doch irre!

Satt Irre Eck HartUnd immer dort, wo sich irgendein Depp berufen wähnt, autoritär zu regieren, wird Satire ganz schnell zur Majestätsbeleidigung. Hallo? Wir sollen einen Hut grüßen, aber nicht verstehen, was es bedeutet, dass man ihn da hingehängt hat? (Friedrich Schiller, Wilhelm Tell) So ging es Carolin Kebekus mit “der Kirche” (gemeint ist die katholische), als sie deren vorgestriges Selbstbild im WDR anprangern wollte. Schwuppdiwupp, war “Dunk dem Herrn” im Nirgendwo verschwunden. Und ihre Sendung gleich mit. Ist das nicht irre – oder irre ich mich? Dabei verwenden die öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland einen durchaus erheblichen Teil ihrer Sendezeit für satirische Beiträge, die eben auch oft politisch brisant sind. Übersetzung: die eben auch oft jemand Einflussreichem nicht so gut gefallen könnten. Und in Österreich? Da verschwindet ein Beitrag von Peter Klien über “Das Kurz-Netzwerk” (hier trotz alledem zu sehen) schwuppdiwupp aus dem Programm des ORF – und seine Sendung “Gute Nacht Österreich” gleich mit. Da hilft nur noch Jan Böhmermanngrenzübergreifend – mit dem “Penatenkanzler”

Moment – ist hier womöglich schon wieder ein “Anschluss” im Gange? Nur weil der Österreichische Unfug zu untertänig oder einfach nur zu kleinkariert ist, um seinem Bildungsauftrag nachzukommen? Kurzifix nu amoi! Da möchte man sich doch zur Kaiserin des Ostreichs krönen lassen. Lisa Eckhart – auch so eine heiße Kartoffel, die im heimischen Medienzoo von St. Betulichgund kein Sendeplatzerl gefunden hat, weil ORFkriecherei hierzulande Staatsraison ist. Und “man” auch nie “jemand Mächtigem” auf die Zehen treten möchte. Schon gar nicht den Empörkömmlingen aus dem Hinternet, dem Gebubble aus der Shitcrowd, den Wutwürsteln aus dem Volkseintopf der Rächthaberei. Ein epigenetisch weitervererbter Totstellreflex

“Ob Hakenkreuz, ob Hände falten – nur eins ist wichtig: Goschen halten!”

 

 

Erich Mühsam Requiem

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Juni – Inzwischen beinah regelmäßig einmal im Monat präsentieren wir im Rahmen der Reihe “Das ganze Album” jeweils ein ganz spezielles Ohrwerk, das unserer Meinung nach gehört gehört. Dazu bringen wir dieses Mal das Vermächtnis mehrerer “Unbequemer” (endlich wieder) zu gefälligem Gehör: “Ich lade euch zum Requiem” Eine Hommage an den anarchistischen Dichter und Freiheitskämpfer Erich Mühsam – gemeinschaftlich zubereitet von Dieter Süverkrüp und Walter Andreas Schwarz. Ein lebenslang linker Liedermacher, dem wir Titel wie “Der Kapitalismus, ein eiserner Engel scheißend Bomben und Napalm” verdanken, und ein KZ-überlebender Hörspielautor, der 1956 beim allerersten Eurovisions-Grand-Prix mit “Im Wartesaal zum großen Glück” das deutsche Nachkriegsidyll torpedierte,

Erich Mühsamsie würdigen hier einen, der immer und überall auszog, um sich selbst treu zu bleiben. Das kann nur dicht werden im besten aller Sinne! Die 31 auf diesem Album versammelten Sprechtexte und Vertonungen des unendlich vielfältigen Erich Mühsam bieten einen tiefen Einblick in Leben und Werk dieses Revolutionärs und Pazifisten, der seine Idee von der herrschaftsfreien Gesellschaft im deutschen Kaiserreich, im ersten Weltkrieg, in der Räterepublik in München und in der sogenannten Weimarer Republik ständig weiter entwickelte – bis ihm 1934 die Grausamkeit des Nazi-Terrors den Garaus machte. Er wurde im KZ Oranienburg auf bestialische Weise beinah zu Tode gefoltert – und anschließend von den SS-Schergen im Scheißhaus erhängt. Apropos Scheißhaus: Ich scheiß dir ins Geschichtsbuch, Gauland, du Vogel! Zurück zu Erich Mühsam – und was die Umstände seines Todes betrifft, war sein Name (tschuldigung) Programm – man legte ihm nämlich nahe, dass er sich gefälligst selbst umbringen möge. Darauf soll er gesagt haben: “Die werden nicht erleben, dass ich mir das Leben nehme.”

Gedenktafel Erich MühsamErich Mühsam war ein Mensch, der seine Stimme bis zuletzt für den Wert jedes einzelnen Lebens wie für das Leben an sich erhob. Sein Tod ist tragisch und ein viel zu früher Verlust. Über seinen so wie er zur Unzeit aus dem Leben gemordeten Mitstreiter Gustav Landauer sagte er in einem Brief:

“Du hast deinen Menschen herausgeschrien, und es ist ein wertvoller Mensch.”

Von seiner Hoffnung, auch über den Tod hinaus, zeugt ein Gedicht, das Konstantin Wecker in der Sendungs-Signation vorträgt: “Sei’s in Jahren, Sei’s schon morgen”

Sei’s in Jahren, sei’s schon morgen,
dass das Glück sich wende,
einmal nehmen Leid und Sorgen
sicherlich ein Ende.

Mensch, vertraue deinem Wollen,
wirk es aus zu Taten!
Ströme fließen, Wolken rollen,
Frucht entkeimt den Saaten.

Über Nöten und Gefahren
wird die Freude thronen.
Sei’s schon morgen, sei’s in Jahren
oder in Äonen.

PS. Eine kurze Biographie zu Erich Mühsam mit Schwerpunkt auf seine überaus vielfältigen Unternehmungen, Bekanntschaften und Liebesabenteuer. Gute Reise!

 

Rettet dem Alternativ

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Mai“Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse.” Diesen Satz, den Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” dem weltweisen Fuchs in den Mund legt, habe ich viele Jahre lang mit einem anderen ergänzt: “Sprache ist auch eine Quelle für viele Verständnisse.” Inzwischen hat sich vieles verändert – man bleibt jedoch für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat. Wollen wir uns also diesmal das Verändern einzelner Bedeutungen anschauen – und uns überlegen, wie und warum es dazu kommen mag. Die großen Leute sind nämlich wirklich sehr sonderbar. Alternativ etwa (aus anderem geboren) galt lange Zeit als positiver Begriff für das Entwickeln neuer Lebensmodelle, die nicht zu den bekannten Ergebnissen wie Weltkrieg und Zerstörung führen sollten.

AlternativHeute wird ein politisches System, das Wortgetüme wie zum Beispiel Wachstumsbeschleunigungsgesetz hervorbringt, gern als alternativlos bezeichnet, während extrem rechts von allem und jedem eine “Partei” vorkommt, die sich “Alternative für Deutschland” nennt. Alternativ zur Zerstörung durch den entfesselten Kapitalismus bietet sich somit die Zerstörung durch den entfesselten Nationalismus an. Wie schön! Ein echter Fortschritt – ins ewiggestrige Jahrhundert. Die Querulantenpartie als Ausweg aus dem Untergang – in den Untergang. Und unsereins wird zerquetscht zwischen den Bedeutungen, die einigen einst brauchbaren Begriffen tückisch eingeflößt wurden. Pejorisierung (diese Bedeutungsverschlechterung der Worte im Lauf der Zeit) schön und gut, aber hier scheinen uns allerhand Propagandawichtel mit Brandbeschleunigern zugange zu sein. Wie sonst könnten unschuldige Worte wie alternativ” oder “quer” in kürzester Zeit zu verdächtigen Begriffen degenerieren? Oder “Utopie”, das im Altgriechischen den Nicht-Ort (Ou-Topos) wie den guten Ort (Eu-Topos) beschreibt, also die Vorstellung von etwas (noch) nicht Vorhandenem, wie es gut, richtig und schön beschaffen sein müsste (die Vorstellung von einer “besseren Welt”) – wie kann dieser an sich positive Begriff dermaßen zum Vorwurf der irrealen Phantasterei entgleist sein? Also, WIE?

Sprache als Dialog zwischen Menschen ist unendlich viel mehr als das Erteilen von Anweisungen zum jeweils gewollten Funktionieren. Und ebenso unendlich viel mehr als das Grunzen von Gefühlsrülpsern zur jeweils herrschenden Befindlichkeit. Und noch einmal unendlich viel mehr als das Ausführen von Kommandozeilenbefehlen zur jeweils programmentsprechenden Vorschriftsgerechtigkeit. Der Mensch wird nie eine Maschine sein, Softpower hin und Socialmedia her. Programmierts euch DAS in eure Weltherrschaft – und schon ist sie abgestürzt. HERRLICH. Wir sind für das verantwortlich, was wir uns vertraut gemacht haben.

Vertrauen wir unserer Sprache?