Das wilde Denken

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. August – Aha, wohl eine Sendung über Hannah Arendt, die ja gesagt haben soll, “Denken ist Zwiesprache mit sich selbst.“ Und über die unlängst ein ziemlich genialer Dokumentarfilm mit dem Titel “Denken ist gefährlich” erschienen ist? Aber nicht doch … oder … das kommt schon auch noch. Heute wollen wir unter anderem “den zwei Arten von wissenschaftlichem Denken” nachspüren, die Claude Lévi-Strauss in seinem Buch “La pensée sauvage” (auf deutsch als “Das wilde Denken” bekannt) 1962 erstmals beschrieben hat. Und, wie vor allem einer dieser beiden doch sehr unterschiedlichen “Wege zum Wissen” für die Werke von Marina Abramović, Silvia Federici und Audre Lorde wesentlich ist,  angeregt durch ein faszinierendes Buch von David Wengrow und David Graeber:

Das wilde Denken“Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit”. Zugegeben, ein weit gespanntes Thema – und aufgrund der Fachkompetenz der Autoren auch streckenweise atemlosmachend reich an wissenschaftlichen Ergebnissen und den verschiedensten Angeboten an daraus möglicherweise zu ziehenden Schlüssen … Nach etwa 300 Seiten sagte ich halblaut zu mir: “Jetzt verlieren wir uns aber bald in den vielen Daten und Fakten. Höchste Zeit, mal wieder etwas zu lesen, wo Menschen konkrete Dinge erleben, darüber nachdenken, miteinander sprechen – und daraus dann Gemeinsames entsteht.” Schon sind wir mittendrinDenn das Faszinierende an diesem Buch ist ja, dass hier hochqualifizierte Wissenschafter ihre Erkenntnisse endlich nicht mehr nur auf einen überschaubaren Kreis an Expert*innen oder “das Fachpublikum” begrenzen, sondern sie in einer bemerkenswert verstehbaren Sprache allen an der Entwicklung ihrer Welt Interessierten mitteilen. Das habe ich bisher, etwa an den anthropologischen Forschungen meiner Cousine Elke Mader, von denen ich über Jahrzehnte hinweg so einiges mitbekommen habe, immer wieder schmerzlich vermisst: Dass sie über den wissenschaftlichen Dunstkreis hinaus der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen.

 

Hier nun ein Zitat aus “Anfänge”, in dem die Autoren Claude Lévi-Strauss zitieren:

 

“… dass es nämlich zwei verschiedene Arten wissenschaftlichen Denkens gibt, die beide Funktion nicht etwa ungleicher Stadien der Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern zweier strategischer Ebenen sind, auf denen die Natur mittels wissenschaftlicher Erkenntnis angegangen werden kann, wobei die eine, grob gesagt, der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepasst, die andere von ihr losgelöst wäre; wie wenn die notwendigen Beziehungen, die den Gegenstand jeder Wissenschaft bilden, auf zwei verschiedenen Wegen erreicht werden könnten, einem, der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt …” 

 

Dass für die Entwicklung des “ersten Weges”, den Lévi-Strauss als “Wissenschaft vom Konkreten” im Unterschied zum zweiten, der “Wissenschaft vom Abstrakten”, bezeichnet, speziell Frauen maßgeblich sein könnten, das erwähnt der Begründer des Strukturalismus in den 60er Jahren mit keinem Wort. Warum wohl? Jedenfalls werden wir in musikalisch gerahmter Zwiesprache versuchen, so viel als möglich von diesen abstrakten Ausdrucksformen in konkret Sinnliches zu übersetzen, ähnlich wie das die eingangs erwähnten Frauen in ihrer Kunst und in ihrer Sprache auch tun …

 

It’s time for a treaty

 

The Unternationale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. August — Meine Großmutter war schon eine eigenartige Frau. Sie wohnte seit den 50er Jahren bei ihrer Tochter, meiner Tante, die zeitlebens eine überzeugte Nationalsozialistin war. Und dennoch (oder gerade deswegen) versorgte sie mich während meiner gesamten Jugendzeit mit Literatur vornehmlich jüdischer Autoren. So zum Beispiel Friedrich Torberg, Ephraim Kishon  oder Joseph Roth. Ihr verdanke ich einen gewissen Einblick in die unterschiedlichen Entwicklungen jüdischen Denkens und jüdischer Kultur. Was mich dazu befähigt, “The Unternationale” von Daniel Kahn, Psoy Korolenko und Oy Division als eine besonders inspirierende Arbeit zu begreifen. Oder, wie meine Großmutter gemeint hätte, lassen wir jüdische Musiker ihre Identitäten doch einmal selbst hinterfragen.

The UnternationaleUnd im Falle ihrer Verbearbeitung von “Sympathy For The Devil” mit dem jiddischen Titel “Rakhmones Afn Tayvl” wirds auch sprachlich interessant. Wer kann hierzulande schon hebräisch lesen, wer versteht den jiddisch gesungenen Part mit den vielen versteckten (oder sinds doch offensichtliche) Anspielungen? Hier einmal die “Romanization” des hebräisch/kyrillischen Originals. Und wenn man sich ein bisserl mit der Google-KI spielt (für sowas können Sprachmodelle ganz sinnvoll sein), dann kann man, wenn man möchte, schon etwas weiter in die Welt des Witzes und der Selbstironie eindringen. Oder seh das nur ich so, weil ich einseitig vorentlastet bin, will heißen, dass ich schon mit 12, 13 Jahren über wirklich Witziges lachen konnte? Mir tut heut noch der Bauch weh … aber sehr angenehm 🙂 Meine Großmutter und ich waren geheime Partisanen in unserer Familie, einem fundamentalistisch totalitären Herrschaftssystem, in dem Gewalt und Unterdrückung durch hinterrücks schleichende Gewissenskorruption ausgeübt wurde. Aber ich war (schon wieder) nicht allein. Hoch die Unternationale!

Der sehr sehenswerten Film “Lauf Junge lauf” erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen, der die Nazizeit in Polen überlebt, indem er seine ursprüngliche Identität verleugnetja, beinah vollständig auflöst und dann die Identität eines polnischen katholischen Jungen annimmt. Am Ende des Films hilft ihm Moshe, väterlicher Freund aus dem jüdischen Widerstand, sein fast schon komplett abgespaltenes Selbst wieder anzunehmenseinen Platz in der Weltunter behutsamer Achtung seines freien Willens – selbstbestimmt zu finden und einzunehmen:

 

„Ich habe keine Angst vor dir!“

„Ach, wirklich?“

„Die haben auf mich geschossen. Mich mit Hunden gejagt. Ein Haus über mir angezündet. Aber ich lebe noch immer. Ich lass mich nicht wieder einsperren! Und wenn, dann lauf ich wieder weg. Lass mich also in Ruhe.“

„Ich kann nicht. Wir brauchen solche wie dich.“

„Wer ist Wir?“

„Wir Juden. Dein Volk. Die Kinder Israels.“

„Ich will aber kein Jude sein. Dann hätte ich meinen Arm noch.“

„Jurek, vielleicht glaubst du mir nicht, aber ich verstehe dich. Bis jetzt bist du deinen eigenen Weg gegangen. Mit deinen eigenen Entscheidungen. Das ist gut. Ich bewundere dich dafür. Wirklich. Aber wir wollen dir jetzt einen Weg zeigen, von dem wir denken, dass er der richtige ist. Für dich. Für uns. Und für unser gequältes Volk. Ob du diesen Weg dann auch gehen willst, das darfst du allein entscheiden.“

 

Engel des Erinnerns

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. August – Unlängst ist Misha Schoenebergs neuer Roman erschienen: “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht.” Ein insofern bemerkenswertes Buch, als es sich mit dem Nachhall des Schweigens der Kriegsgeneration im Leben ihrer Kinder auseinandersetzt. Mit dem, was diese als oft schwer fassbare “Leerstellen” auf der Suche nach ihrer Identität erleben. Aber auch deshalb, weil in dieser Familie zwei Seiten des Traumas wie in einer Miniaturausgabe der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft eine Verbindung mit unterschwelliger Sprengkraft eingehen: Der Vater, ein Berliner Jude, hat Auschwitz überlebt – die Mutter, ein deutsches Mädel aus Westpommern, ist von Nazis geprägt. Der Engel des Erinnerns sucht nach dem Sinn der Geschichte.

Engel des ErinnernsMitten in die Arbeit an dem Manuskript platzen am 7. Oktober 2023 die Hamas-Massaker in Israel sowie gleich darauf das Wiederaufflackern von eigentlich unbegreiflichen antisemitischen Umtrieben in ganz Europa. Nach einer längeren Phase überfallsartig (und wie ich meine, retraumatisierungsbedingt) über ihn hereingebrochener Sprachlosigkeit gelingt es Misha Schoeneberg schließlich, die ideologische Vereinnahmung von Nichtausgesprochenem zu entzaubern. Und zwar in einer derart klaren und präzisen Sprache, dass das in diesen Zeiten voll von zunehmend verschwommener Aufgeregtheit eine wahre Wohltat ist. Das Kapitel “Shabbat im Oktober” fügt sich auf diese Weise organisch an das früher entstandene und penibel recherchierte Kapitel “Auschwitz” und erzeugt zusammen mit weiteren Erinnerungsperspektiven (aus der Kindheit, aus dem frühen Erwachsenwerden, aus der sich verwandelnden Einstellung zur Familiengeschichte bis hin zur Begleitung seiner zunehmend dement werdenden Eltern) “… ein Buch von atemberaubender Intensität … das geschichtliche Tatsachen mit einer Tiefe und Unmittelbarkeit vermittelt, die sie nachfühlbar macht.” Marianne Rosenberg in den Verlagsinfos. Weil wir den Autor selbst zu einer Lesung im November einladen werden, wollen wir euch schon jetzt darauf neugierig machen.

Warum ich für diese Sendung den Titel “Engel des Erinnerns” gewählt habe, das hat mit meiner eigenen Familiengeschichte und ihrer Erforschung im Kontext einer traumatherapeutischen Aufarbeitung zu tun. Und natürlich bezieht er sich auch auf das unlängst zitierte Buch “Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap. Was meine/unsere Arbeit mit den Texten von Misha Schoeneberg betrifft, dem kann man in der Sendung “Unzerstörbar” nachspüren. Und wie die ganze Expedition in die Abgründe des Grauens und des Unsagbaren vor drei Jahren begann, erzählt “Der Krieg in mir”

Die Arbeit an der eigenen Familiengeschichte, so sie durch Trauma, Krieg, Gewaltdurch Verfolgtwerden und durch Verfolgenalso durch Opfersein und Tätersein geprägt ist, führt uns unweigerlich ins Labyrinth des Fragmentarischen, wo uns bis zu einem gewissen Grad nachprüfbare Fakten begegnen – zugleich jedoch auch allerlei Auslassungen, Umdeutungen sowie (aus welchem Grund auch immer) absichtsvoll Verschwiegenes. Sich seine eigene Geschichte daraus hervor zu erschließen, das Gefundene und das Verschwundene mit sich selbst vergleichen und überprüfen …

 

auf Stimmigkeit

 

Incontro culturale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. JuliEine ganze Sendung nur mit italienischer Musik! Weil es bei jedem “ins Leben treten”, bei jeder Begegnung zuallererst darum geht, wie es sich anfühlt. “Wenn es nicht spüren darf, dann fängt es halt an zu denken” (das kleine Lebewesen). Natürlich, sonst hätte es nicht überlebt. Doch Spüren und Denken müssen zusammenwirken, damit ihr ganzer Reichtum und ihre ganze Kraft zur Entfaltung kommen. Und dieses gleichzeitige Vorhandensein und sich auswirken können von Intellekt und Emotionalität ist ein Wesensmerkmal italienischer (und überhaupt mediterraner) Lebenskultur. Ein Incontro culturale, bei dem sich unsere beiden Hirnhälften (und noch mehr) begegnen und das Gefühlte mit dem Gedachten in Einklang bringen. Das Leben umarmt sich sozusagen selbst.

Als das Kind noch ein Kind war, verbrachte ich mehrere Wochen jedes Sommers in der Bucht von Sistiana. Dort begann meine Reise ins Eigene – etwa bei den bunten Fischen unter Wasser oder in den Vorstellungen des Freiluftkinos. Seitdem verbinde ich emotionale Spontaneität und ein dem Leben zugewandtes Entdecken (und in weiterer Folge auch beschreiben können) der eigenartigsten Abenteuer mit dem, was passiert, wenn man in Italien ist. Und das reimt sich auf erstaunliche Weise darauf, worüber Christopher und ich uns in einigen der letzten Perlentaucher-Sendungen unterhalten haben, wenn es ums Unterwegssein ging und ja: “Was urlauben sie sich?” Die wahrgenommenen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen alpiner, mitteleuropäischer und eben mediterraner Lebenskultur stellen “den sprachlich-gedanklichen Überbau” oder “die distanziert-reflektierte Beschreibung” dessen dar, was wir bei der Begegnung mit den sich dort begegnenden Kulturen so alles empfinden, erleben, und spüren.

Anders ausgedrückt: “Die Pizza schmeckt gut.” Ja, aber was genau meinst du mit “gut”? Kannst du das etwas detaillierter ausführen? Oder – wie fühlt sich das an, was du als ersten Eindruck mit “gut” beschreibst? Anderes Beispiel: “Dieser Song taugt mir voll.” Aha – bitte versteh mich nicht falsch, wenn ich jetzt “Warum?” frage. Ich will damit nicht an deinem Geschmack zweifeln, sondern verstehen, was genau an dem Song dein “gefällt mir” hervorruft. Ist es der Klang der Stimme? Oder ist es diese Verschiebung zwischen dem Schlagzeug und dem Gesangsrhythmus?”

Anmerkung: Für das Zustandekommen dieser Sendung waren einige Musiktipps sowie Hintergrundgeschichten meines Pizzaiolo Illy von der Pizzeria No. 1 überaus hilfreich.

 

Incontro culturale

 

Alex is Corner

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Juli – “Seit einem viertel Jahrhundert … eine der ersten Sendungen auf der Radiofabrik … CornerRadio … ebenfalls seit 25 Jahren mit dabei … unser lieber Kollege Alex Habitzreuther …” So und so ähnlich klingen die sich in letzter Zeit häufenden Würdigungen seines bemerkenswerten Engagements, das ihn seit 1999 nicht nur als Radiomacher, sondern vor allem als gestaltgebende Gestalt im JuZ Corner auszeichnet. Demnächst “geht er”, wie man das gemeinhin zu nennen pflegt, “in Pension” – und in dem Zusammenhang fällt schon auf, dass er der weiteren Entwicklung seines Lebens, seiner Arbeit sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Wirkung ungemein entspannt entgegensieht. Ein guter Grund, ihn zu einem Gespräch über seine Sicht auf das letzte Vierteljahrhundert einzuladen.

Alex is CornerDenn der entschiedene Verfechter umtriebiger Gelassenheit (oder war es gelassene Umtriebigkeit?) unterstützt uns ja auch noch in der Programmkommission und lässt darüber hinaus sowohl “Rund um den Radioschorsch” als auch bei anderen Gelegenheiten, etwa wenn  “Echte Menschen Live” einander begegnen, mit seinen Einsichten aus einem ganzheitlichen, nicht abgespaltenen Leben aufhorchen. Genau so etwas wollen wir einmal in einer Livesendung “einfangen”, weil wir neugierig darauf sind, wie sich zum Beispiel gemeinsam erlebte Musikkultur auf die Gruppendynamik in einem Jugendzentrum auswirkt oder wie überhaupt ein sicherer Ort (ein unverbunkerter Schutzraum) für die Jugendlichen entsteht, die mit sexuellen Orientierungen und Identitäten jenseits des angeblich allgemein Üblichen experimentieren möchten … oder was überhaupt Integration sein könnte in einem Stadtteil mit so vielen verschiedenen kulturellen und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Hintergründen … und … oder …

Wie sagte schon der alte Zen-Meister? “Man wird sehen.” Und so oder so ähnlich wird sich unser Gespräch auch entwickeln, irgendwie organisch, von einer Wendung des Lebens zur vielleicht überraschenden nächsten. Oder wie sagt der Corner-Radio-Macher? “Weil es ein Medium ist, das präsent ist, wo man spontan sein kann, wo man Menschen zusammen bringt, die sonst nicht zusammenkommen würden …” Und dann war da noch etwas “mit jener speziellen Hirnverdrahtung, die es einem überhaupt erst ermöglicht, die oft sprunghaften Veränderungen junger Menschen wertzuschätzen …”

 

Man wird sehen …

 

PS. Diese beiden Videos zu unserer heutigen Playlist solltet ihr euch zusätzlich zur gespielten Musik auch noch anschauenerzählen sie doch viel mehr als “nur” die Songs über die Situationen, in denen die Künstler*innen jeden Tag leben:

 

The Freelancers – Pse? … über Gefühllosigkeit und korrupte Politik im Kosovo

 

EsRAP & Gasmac Gilmore – Freunde dabei … über ein neues Selbstbewusstsein von Jugendlichen in den Wiener “Ausländervierteln”

 

Rund um den Peršmanhof

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. JuniVergangene Woche veranstaltete der KZ-Verband/VdA Salzburg im Hörsaal 388 der GesWi-Fakultät (Rudolfskai 42) einen Vortrag der Standard-Journalistin Colette Schmidt über einen skandalösen Polizeieinsatz am Widerstandsgedenkort Peršmanhof der Kärntner Slowenen im Juli 2025, dessen “Aufarbeitung” nach wie vor zu viele Fragen offen lässt. In der Einladung dazu heißt es: “Detailliert schildert sie den Ablauf der Attacke selbst und vor allem die bis heute nicht abgeschlossene Aufarbeitung des Peršmanhof-Skandals.” Wir werden uns diese Veranstaltung anschauen und am kommenden Sonntag davon berichten, speziell im Hinblick darauf, was diese unterdrückerische und feindselige Haltung von staatlichen Stellen in den betroffenen Menschen alles anrichtet …

Rund um den PeršmanhofMaja Haderlap schreibt in ihrem Roman “Engel des Vergessens” über das Fortwirken einer nie so richtig bewältigten Vergangenheit sowie die daraus entstehenden Folgeschäden: “Vaters Hilferufe verwandeln sich,  seit ich studiere,  in gesellschaftliche, ja, auch in politische. Ich beginne in öffentlichen Zusammenhängen zu denken. Bin mir sicher, dass es die Haltung zur Vergangenheit in diesem Land mit sich bringt, dass unsere Familiengeschichten so befremdlich erscheinen und sich in solcher Verlassenheit und Isolation vollziehen. Sie stehen in nahezu keiner Verbindung zur Gegenwart. Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann. Ich sehe mich zwischen einem dunklen, vergessenen Kellerabteil des Hauses Österreich und seinen hellen, reich ausgestatteten Räumlichkeiten hin- und herpendeln. Niemand in den hellen Räumen scheint zu ahnen oder vermag es sich vorzustellen, dass es in diesem Gebäude Menschen gibt, die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden.” (Engel des Vergessens, S. 185/86)

Wie fühlt er sich eigentlich an, der Slowene in mir? Schauen wir einmal, was sich da so alles herausfinden lässt für einen gedeihlicheren Umgang mit uns selbst und mit der Welt … Wenn wir da noch etwas Laibach’sche Ironie drüber streuen, etwas gesellschaftskritische Viecherei darunter mischen und uns ein paar Gedanken über transgenerationale Traumaweitergabe machen … wohin wird uns das führen, wenn wir persönliche und soziale Vergangenheitsbewältigung als etwas begreifen lernen, das auch jenseits von aufgezwungenem Runterschluckenmüssen stattfinden kann?

 

Live And Let Live

 

VÖLLIG SCHWERELOS

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 31. Mai – Bei unserer Besprechung des Buches “Die guten Kräfte” hat mein Kollege Andreas Woldrich aka MC Randy Andy von der Sendereihe “Battle and Hum” noch ein weiteres Kompendium ähnlichen Aufbaus mit einbezogen, und zwar “VÖLLIG SCHWERELOS” von Wolfgang Zechner, welches wir euch diesmal aus guten Gründen vorstellen wollen. Während das erstgenannte Werk “Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs” erzählt, beleuchtet zweiteres “Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik in 99 Songs”. Und dabei überschneiden sich die Themen und ihre Beispiele naturgemäß an der einen oder anderen Stelle. Ganz besonders dicht wird das in den jeweiligen Beiträgen zu Freddy Quinns “Wir”– da hat Wolfgang Zechner nämlich Entscheidendes bemerkt:

Wolfgang Zechner - Völlig SchwerelosTextautor der Biedermann-Polemik von 1966 ist der jüdische Holocaustüberlebende Fritz Rotter so weit, so bekannt. Dass er aber Zeilen wie “Denn jemand muß da sеin, der nicht nur vernichtet.” oder “Doch manchmal in guten, in stillen Minuten, da tut uns verschiedenes leid.” womöglich gar absichtlich “mitten in die deutsche Nachkriegsverdrängung eingeträufelt” hat, und dass er als Trägermedium dafür ausgerechnet den fraglosen Fixstern des seit dem Wirtschaftswunders geradezu explodierenden Heile-Welt-Sehnsuchts-Schlagergeschäfts nutzt – das ist fürwahr “eine steile These”, die allerdings, sobald sie ins Selbstweiterdenken übergeht, so einiges an weiterführenden Überlegungen zeitigt: Denn ist die damals in den 60ern aufkommende Auseinandersetzung zwischen den Generationen, die auch immer um die Fragen “Was habt ihr im Krieg gemacht? Seid ihr mitschuldig geworden? Warum habt ihr zu all dem geschwiegen?” kreiste, nicht irgendwie längst in der nächsten Lagerbildung nach dem 2. Weltkrieg, nämlich den Militärblöcken des Kalten Kriegs, stecken geblieben? Und ehrlich, die zugegeben unsäglich arrogant und oberlehrerhaft daherkommenden Vorhaltungen des Herrn Quinn lediglich durch die links/rechts-, schwarz/weiß- oder progressiv/konservativ-Brille zu sehen, ist mir doch zu dogmatisch, also zu dumm.

Wenden wir uns aber jetzt vom Elend ab … widmen wir uns ganz und gar dem Glanz: Eine meiner Leib- und Magenbands (meine slowenische Familiengeschichte spielt hierbei gewiss eine Rolle), die aus der NSK (Neue Slowenische Kunst) entsprungene Formation Laibach, wird in VÖLLIG SCHWERELOS unter der Überschrift “Die totale Anwesenheit von Pop im Werk Gottes” – nein, nicht erwähnt oder beschrieben, nicht einmal gewürdigt, sondern regelrecht besungen. Gegenstand der Betrachtung ist nämlich das in jeder Hinsicht hervorragende Opus-Cover “Leben heißt Leben”:

 

“Eine slowenische Band hatte den englisch klingenden Pop-Song einer österreichischen Band genommen, den Nonsens-Text wortwörtlich ins Deutsche übertragen, um ihn sodann mit starkem Akzent zu singen. Die mehrfache Brechung brach den Bann. Der gordische Knoten wurde durchschlagen. Das gute, alte deutsche Pop-missverständnis wurde aufgelöst, das Ende der Geschichte erreicht.

Schön wär’s. Leider ging die Geschichte weiter. Eine Handvoll Punk-Musiker aus der ehemaligen DDR bekam Wind von „Leben heißt Leben“. Nach dem Mauerfall befreiten sie das Laibach-Konzept von allem, was daran intelligent und interessant war, und ersetzten die orchestrale Instrumentierung durch kreuzbrave Metal-Riffs. Mit rollendem R, Malen-nach-Zahlen-Texten und einem brachial-drögen Sound machten sie sich daran, die Rock-Welt zu erobern. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich später in der gebotenen Ausführlichkeit erzählen werde.” aus VÖLLIG SCHWERELOS (S. 252)

 

Apropos Steile Thesen – am 17. Juni gibts die auch live in der SFU Wien

 

The Rainbow Division

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 24. Mai – In unserer letzten Nachtfahrt der Perlentaucher “Vom Fallen zum Fliegen” haben wir gefragt, wer die Geschichte des dreifarbigen Regenbogens an einem Türmchen nahe der Basteigasse kennt. Und im Artikel dazu auch gleich die Antwort gegeben: Die doch für manche überraschende Auflösung haben wir dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag entnommen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um (in die Jahre gekommene) Graffiti-Kunst von farbverspielten Salzburger Anti-Grauschleier-Kids, sondern um das Symbol der 42. Infanteriedivision der U.S. Army, der Rainbow Division, welche sich 1945, im Zuge der Befreiung Salzburgs von der NS-Herrschaft, auch hier in der Stadt einquartierte – und ihr Revier mit dem Zeichen des Regenbogens markierte.

The Rainbow DivisionEine schöne und sympathische Hinterlassenschaft, die an eine wirkliche BEFREIUNG erinnert: von Gesinnungsterror, Verfolgung und Unterdrückung, Krieg, Not, Elend, Hunger, Vertreibungund dem millionenfachen Morden an Unschuldigen, aus niedrigsten Beweggründen wie etwa Habgier, Mordlust, Rachsucht, Rassismus

Es ist schon bemerkenswert, dass kaum jemand die Geschichte des Regenbogens an diesem speziellen Ort kennt – oder das Zeichen der Rainbow Division in dieser bunten Wandmalerei erkennt (die aufgrund des starken Verkehrs am Rudolfskai leider schon stark verwittert ist, das gleiche gilt für die daneben angebrachte Erklärtafel, die ob ihrer Verdrecktheit kaum noch lesbar ist). Nächste Frage: Warum hat diese 42. U.S. Infanteriedivision überhaupt den Regenbogen als Symbol? Interessant

The RainbowWir nehmen all dies zum Anlass, in unserer Sendung noch mehr über das Symbol des Regenbogens in verschiedenen historischen, gesellschafspolitischen und mythologischen Zusammenhängen herauszufinden, und auch darüber nachzusinnen, was mit diesem ebenso flüchtigen wie faszinierenden Naturphänomen passiert, wenn man es “einfängt” und es sich dann irgendwie “auf die Fahne schreibt”. Es gibt da ja einige konkrete Beispiele, von der biblischen Geschichte über die Bauernkriege und die Friedensbewegung bis zum Symbol der LGBT-Bewegung (der aktuelle Begriff ist wohl LGBTQIA+ doch da fehlt mir persönlich das * aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder überholt, überholt es sich fortwährend selbst, womit wir bei der Flüchtigkeit des Phänomens an sich kurz innehalten könnten …) Vom Schnelldurchlauf in die Superzeitlupe: Was gibt es eigentlich noch für kulturelle, spirituelle, mythologische Bedeutungsebenen jenseits der uns “aufs erste assoziieren” geläufigen – oder der uns von unserem kulturellen Hintergrund vorgeprägten? “The Rainbow Serpent” aus vielen Schöpfungsmythen der Aborigines (der indigenen Völker Australiens) könnte uns auf eine Reise jenseits unserer Vorstellungen mitnehmen. Neugierig?

 

Bloody Rainbow

 

Zwischen den Zeilen …

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. Mai – “ein ei ist eben kein ei, sondern ein vorbereit auf das mensch und auf das henne. und wie verschieden sie dann sind … es merkt das mensch vom menschen es, vom henne das henne.” zwischen ernst jandl

Wie aber kommt das Mensch zum Buchund merkt auch da das Mensch vom Menschen es? Das Buchhändly (entgendert nach Phettberg) oder eben der/die/them Buchhändler*in ist wohl jene menschliche Darreichungsform, die zwischen einem Bedürfnis nach “sich neue Welten erlesen” und den unendlich vielen Beschreibungen solcher Weltmöglichkeiten zu vermitteln vermag. Wenn es denn gelingt. Gehen wir einmal der Frage nach, was zum Gelingen dieser speziellen Begegnung beiträgt

Zwischen den ZeilenIm Februar besuchten wir eine Veranstaltung im Salzburger Literaturhaus, die unter dem Titel “Bücher, Bücher, Bücher” einem Buchhändler ein Abschiedsfest bereitete, das unter Mitwirkung von Ilija Trojanow die Essenz dieses Vermittelns zwischen der Welt des Geschriebenen und den nach geistiger Nahrung hungernden und dürstenden Menschen sogar körperlich erfahrbar machte. Es gibt nämlich nicht nur Literaturgattungen, sondern auch Käsesorten. Und vor ein paar Jahren haben wir in der Sendung “Buchhändler unseres Vertrauens” schon einmal eine erste Annäherung an das Wesentliche beim Weitervermitteln von Geschichten unternommen, das ja eigentlich die Grundlage des Handelns mit Büchern ist, und das der heuer in Pension gegangene Klaus Seufer-Wasserthal durchaus beispielhaft ausgeübt, dargelebtja, geradezu verkörpert hat. Doch es gibt, es gibt, es gibt nicht nur einen geraden Weg, sondern dahinter auch diese besondere Resonanz

Zwischen den ZeilenMachen wir uns auf die Suche nach dem, was gelingende Begegnungen zwischen Menschen und Büchern ausmacht – und nach dem, wodurch Buchhändler*innen dazu beitragen können. Wobei sie, die diesen Beruf ausüben, hier stellvertretend für all jene stehen, die uns darüber hinaus mit (oft sehr wesentlichen) Büchern bekannt gemacht haben und die so auch Beziehungen gestiftet und uns zur Entwicklung angestiftet haben. Es geht dabei um ein gewisses Erfahrungsfeld jenseits kommerzieller Interessen, das für ein persönliches, individuelles Zusammenfinden von womöglich noch nicht fertig formulierten Fragestellungen mit den für die weitere Antwortschaffung notwendigen Ideen, Inhalten und Informationen wichtig ist. Ein Kairos des glückhaften Moments. Die dopaminausschüttende Selbstwiedererkennung beim Lesen. “… und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das ist in keinem Subventionsansuchen zu rechtfertigen, und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen …”

 

Ein Kunnstbiotop

 

The Joshua Tree Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Mai – Es war im Jahr 1987 und ich hatte einen der begehrtesten Studentenjobs ergattert, den man damals in Wien kriegen konnte: 2 Monate als Chauffeur und “Mädchen für vieles” bei den Dreharbeiten von Jean-Jaques Annauds Film “The Bear”. Noch dazu im Ausland, wie das früher hieß, wenn es sich um die italienischen Dolomiten handelte. Die “Auslandszulage”, die dabei fällig wurde, bedeutete richtig viel Geld! Davon würde ich, wieder in Wien, ein Jahr lang bequem leben können. Schnitt. Auf dem Weg nach Südtirol begegnete mir in einem Tankstellenshop (ich musste ja zu der Zeit “nicht aufs Geld schauen”, wie man so sagt) eine käuflich zu erwerbende Musikkassette mit dem soeben erst erschienenen Album “The Joshua Tree” von U2. Gesehen. Gekauft. Spontan

The Joshua Tree (Cover Foto)Nochmal Schnitt. Das Album wird seit seinem Erscheinen sowohl von der Kritik wie auch vom Publikum als herausragende Produktion und als für die gesamten 80er Jahre (sound)stilprägend gewürdigt. Und wir haben es bislang in unserer Sendung noch nie in gebührender Weise zu Gehör gebracht. Bis jetzt. Vielleicht trifft es sich ja ganz gut mit dem Umstand, dass U2 es mit Brian Eno und Daniel Lanois gemeinsam vor genau 40 Jahren auf sehr spezielle Weise produziert haben. Auf jeden Fall hat es mich, der ich damals fast schon obsessiv mit der Herstellung von ungewöhnlichen Gefühlssounds auf Sythesizern zu Gange war, gründlich angeregt sowie zu neuen Herangehensweisen inspiriert. So verdanke ich etwa den nach tagelangem Geschussel zuletzt doch noch erfolgreichen Versuchen, diverse klangliche Atmosphären aus “Mothers Of The Disappeared” auf dem Casio CZ-5000 nachzubauen, eine lebenslange Aversion gegen digitale Klangerzeugung.

Jetzt noch ein Schrittin die Gegenwart: Nachdem ich nun in letzter Zeit ein paar jüngere Kolleg*innen (und ihre Arbeiten) kennen gelernt habe, die sich auch heute mit ganz ähnlichem befassen wie ich damals, nämlich mit dem Erschaffen vielschichtiger Soundstrukturen unter Verwendung von klassischen analogen Synthesizern zum Beispiel, möchte ich einige der höchst außergewöhnlich aufbereiteten Stücke aus dem Album “The Joshua Tree” hier auch als “inspiratives Anhörungsmaterial über die Generationen hinweg” weiterempfehlen, allen voran das wunderschöne “Exit”

 

Sehr zum Wohl