Kraina FM – Resistance Radio

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Mai – Ein ursprünglich auf kommerziellen Erfolg ausgerichteter Radiosender in der Ukraine findet sich seit Kriegsbeginn in bester Piratentradition wieder: Kraina FM sendet seitdem dezentral aus versteckten Studios ins ganze Land – und hat auch sein Programm dementsprechend verändert. Zwar war es schon immer als ein rein ukrainisch-sprachiges Radio konzipiert, und das nicht nur in den Wortbeiträgen, sondern auch in der Musikauswahl, allerdings eher dem hitradioartigen Gutelaunetum verpflichtet. Der russische Überfall am 24. Februar hat ihnen die gute Laune zunächst einmal verdorben, jedoch fanden sich einige der Betreiber*innen auf der Flucht wieder und erschufen ein Programm des nationalen Widerstands. Dieser Podcast (auf Englisch) erzählt anschaulich davon.

KRAINA FMEigentümer des Senders ist (über eine niederländische Medienholding) der hierzulande nicht unbekannte Karl Habsburg-Lothringen, wovon die Journalistin Corinna Milborn unlängst in der ZEIT (Hinfort mit dieser Paywall!) berichtete. Nun mag man derlei Unternehmertum in der Ukraine gegenüber eingestellt sein wie auch immer, Kraina FM hat sich jedenfalls zu einem Sprachrohr des nationalen Widerstands entwickelt – und das zeigt sich speziell daran, was da gesendet wirdund wie sich das beim Zuhören anfühlt:

Die (ausschließlich ukrainische) Musikauswahl ist inzwischen, wenn auch nach wie vor auf ein “möglichst breites Publikum” abzielend, derart angenehm Rock- und Folk-orientiert, dass sie auch in unseren niveauverwöhnten Ohren durchaus interessant klingt – und nicht so grausam penetrant wie das sonstübliche Kommerzgeplärr der konsumistischen Marktschreier. Darüber hinaus gibt es (dezent mit Musik und/oder Geräusch untermalte) Geschichten und Lyriklesungen (was uns ja besonders freut). Wir verstehen zwar kein Wort – aber das alles kommt so gefühlvoll rüber, dass wir gar nicht anders können, als dabei in heftige Sympathie zu verfallen. Слава Україні!

Und statt angestrengter Verlautbarungen, die andernorts “News” heißen und sich wie pseudofröhliche Werbesendungen für den schönen Schein anhören, gibt es hier nützliche Informationen über sichere Fluchtrouten sowie sinnvolle Aufrufe zur Versorgung der Kämpfenden mit allem, was gerade fehlt. Naturgemäß jeweils mit entsprechend patriotischem Unterton/Überschwang – doch wer möchte ihnen derlei in Zeiten des Krieges verdenken? Bemerkenswert erscheint uns die beobachtbare Veränderung im gesamten “Soundbild” des Sendersin Richtung unaufgeregtes kulturelles Selbstbewusstsein. Form follows Functionund das lässt sich hören!

So wollen wir diesmal den Livestream von Radio Kraina FM übernehmen und diesen feinen Sender auch bei uns bekannt machen, vor allem im Hinblick auf die nach wie vor wachsende ukrainische Community. “Kannst du auch hier bei uns hören. Klingt wie Heimat – und klingt überhaupt gut.” Gemäß unserem Leitspruch “Gut zu hören.” Und wir leisten hiermit unseren Beitrag zum Blühen und Gedeihen der ukrainischen Kulturlandschaft und widmen folgendes Gedicht von Christopher Schmall mit dem Titel “Blaugelbe Fahnen” (gern auch zum Übersetzen, Vorlesen im Radio etc.) dem tapferen Radiosender, der seinen selbstgewählten Auftrag einfach nicht aufgibt:

blaugelbe fahnen
hängen
noch

entblütete rosen
liegen
am ufer

keine schwäne
keine küsse
kein heiliges wasser

wo bleib ich wenn winter ist?

zwischen ruinen
im erdschatten
sprachlos und kalt

PS. Sehr gut gefallen uns die emotionalen Reportagen von Anne Levine, die dafür mit Kraina FM zusammenarbeitet und über das Pacifica Network gut zu hören ist …

 

Anamnesis – Letter in a Bottle

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. MaiZum Fest der Freude am Muttertag und zum 12jährigen Jubiläum unserer monatlichen Musikreihe “Das ganze Album”, (einer Idee der legendären Ö3-Musicbox aus den 70ern geschuldet) kulminieren wir diesmal mit einer zweistündigen Sondersendung in einer veritablen Weltpremiere: Das Konzeptdoppelalbum “Anamnesis – Message in a Bottle” der österreichischen Art-Rock-Band SoundDiary geht sich mit seinen über 73 Minuten nämlich nicht in einer einzelnen Sendestunde aus – doch sollte es unbedingt in seiner Gesamtheit zu hören sein, um der romanhaft ausladenden Geschichte gerecht zu werden, die uns da erzählt wird, und um den vielschichtig verwobenen Details ihrer Darstellung den nötigen Freiraum zur Entfaltung zu bieten. Wir dekantieren also jetzt erstmals

Anamnesis - Letter in a Bottle“Anamnesis – Letter in a Bottle”, und wie wir aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erfahren, hat das bislang noch kein anderer Radiosender zustande gebracht. Zeit wirds! Auch für den Hinweis zur sicheren Anwendung: Solltet ihr diese Präsentation auf einem Sender hören, der das Album aus Gründen der Programmplanung nach nur einer Stunde “abreißen” lässt, dann kommt bitte in unser Sendungsarchiv und hört es euch dort in voller Länge und Breite und Vollmundigkeit und harmonischen TexturenAnklängen anlang anhaltend im Abgangan. Gern auch mehrmals, die Sendungen sind dort als Stream dauerhaft (ohne zeitliche Beschränkung) verfügbar. So empfiehlt etwa Horst-Werner Riedel auf Betreutes Proggen (genau, Progressive Rock war und ist das Schachterl, in welches derlei konzeptive Vielschicht einsortiert werden kann), sich unbedingt etwas mehr Zeit zu nehmen, um dieses Werk in seinen vielfältigen gefühlserzählerischen und musikdramaturgischen Facetten zu erfahren:

“Das Album sollte unbedingt lückenlos angehört werden, da wie gesagt die meisten Tracks nahtlos ineinander verschmelzen und durch das progressive Songwriting und die komplexen Arrangements Hörern durchaus ein wenig abverlangt wird. Ein wiederholtes Beschäftigen mit diesem Album ist auf jeden Fall empfehlenswert, um einen intensiveren Zugang zu erhalten.”

Und Hans Unteregger findet in seiner Rezension auf Stormbringer (dem Heavyzine): “Für dieses Album muss man sich Zeit nehmen. Ähnlich wie bei einem guten Buch oder einem guten Film, sollte man es sich bequem machen und sich voll und ganz auf die Musik und die Geschichte, die erzählt wird, einlassen. Dann kann man abtauchen und gemeinsam mit dem Protagonisten seinen Lebensweg beschreiten. Auch ähnlich wie bei einem Buch oder Film, wo man auch nach mehrmaligem Konsum immer wieder Neues entdeckt, sind auch hier sehr viele Nuancen versteckt, die es zu entdecken gilt.”

“Ohne nach Links oder Rechts zu schauen oder sich in irgendeiner Form dem vielzitierten Mainstream anzubiedern, wird hier ein Album auf die Beine gestellt, das mit Sicherheit keinen internationalen Vergleich in der Progressive-Szene zu scheuen braucht. Als Fazit bleibt nicht mehr zu sagen als dass SOUNDDIARY hier ganz großes Kino bieten und ein grandioses Konzeptalbum vorgelegt haben, das diesen Namen auch verdient.”

Uns bleibt dann noch, etwas von den Eindrücken zu berichten, die wir beim Erleben dieses abendfüllenden Gehör-, Gehirn- und Seelentheaters gehabt haben, etwas von der genialen Entstehungs- und Umsetzungsgeschichte dieses Albums zu erzählen, die wir aus erster Hand empfangen durften – und etwas dazu zu sagen, weshalb wir die Musik von SoundDiary als wesentlich “wärmer” wahrnehmen als zum Beispiel die von Steven Wilson. Aber das sollten wir Live in der Sendung tun, auf dass die Spannung erhalten bleibe

 

The Final Cut

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. AprilEndlich ein ganzes Pink-Floyd-Album, wiewohl es als letztes gemeinsam gemachtes (vor Roger Waters’ Abgang) eigentlich auch als sein erstes Soloprojekt unter Mitwirkung von Pink Floyd gilt: The Final Cut (1983) ist ein Konzeptalbum gegen den Krieg im allgemeinen sowie einer Darstellung der drohenden Auslöschung der Menschheit durch Atomwaffen. Derzeit gibt es weltweit ca. 13.000 Nuklearsprengköpfe. On top of the Klimawandel – sind wir also schon über den “Point Of No Return” hinaus? Roger Waters, der hier speziell auch in den Texten den Verlust seines Vaters im Zweiten Weltkrieg bearbeitet, eröffnet uns dadurch einen zeitlos gültigen Einblick in die abgrundtiefe seelische Verwüstung jedweden Kriegs – in den Herzen und Hirnen der Kinder.

The Final CutUnlängst stieß ich auf sein neues Video von “The Gunner’s Dream” und war erstaunt, wie prophetisch er damals das Szenario vom “Mann, der die Welt rettete” vorwegnahm. Es kann jederzeit wieder passieren, doch wahrscheinlich nicht mehr mit einem so selbständig denkenden Menschen wie Stanislaw Petrow in dieser “entscheidenden” Position. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, wie es heißt, oder wie ich in längst überfälliger Umwandlung von Dr. Martin Luther zu sagen pflege: “Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch ein Blümchen schön finden.”

and as the windshield melts
my tears evaporate
leaving only charcoal to defend
finally I understand
the feelings of the few
ashes and diamonds
foe and friend
we were all equal in the end

Roger Waters, den seine lebenslange Beschäftigung mit Unsinn und Ungerechtigkeit von Kriegen zu einem sehr radikalen Pazifisten werden ließ, stellt dabei aber immer wieder auch seine Vision von Mitgefühl und Menschlichkeit dar, so wie etwa 1999 in “Each Small Candle”, das auf einem Schlachtfeld im Kosovokrieg spielt. Es geht nämlich nur um die Empfindungen und Handlungen der einzelnen Betroffenen und nicht um irgendwelche großkopferten Wahnideen vom tausendjährigen Imperium Pimperle oder sonst einen Schwachsinn, der todbringende Sachzwänge scheißt

“Wenn ich wüßte, dass morgen mein Apfelbäumchen umfällt, würde ich heute noch alle Herrschaft und Unterdrückung beenden.”

Hold on to the dream

 

Lyapis Trubetskoy

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. MärzHierzulande weiß man wenig über die Lebenswelt und Kultur jenseits des kyrillischen Vorhangs. Eigentlich nur das, was uns die jeweiligen Welterklärer in den staats- und marktnahen Medien beibringen. Oder das, was sich aufgrund hoher Reichweite in sozialen Netzwerken durchsetzt. Dabei gibt es in den postsowjetischen Ländern, von denen derzeit dauernd die Rede ist, durchaus kritische Kunstschaffende, die uns vermitteln können, wie sich das Leben dort seit 30 Jahren anfühlt. Die Innenwelt wohlgemerkt, die Phantasien und Gefühle jenseits von Staatsmacht und Kommerz. Die belarussische Band Lyapis Trubetskoy zum Beispiel, die 2014 am Maidan in Kiew aufspielte, und der russische Videokünstler Alexey Terehoff, der einige ihrer besten Musikvideos produziert hat.

Lyapis Trubetskoy AgitpopSchon die Schreibweisen Ляпіс Трубяцкі (belarussisch) und Ляпис Трубецкой (russisch) bereiten uns gewisse Suchmaschinenprobleme. Hinter der digitalen Hemmschwelle jedoch tut sich ein bilderflutender Kosmos auf, der uns unmittelbar ins Fühlen und Verstehen jener ach so geheimnisvollen Gesellschaften hinein zieht, die dort hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang ihr ganz eigenes Wesen entwickeln … Immer aus der Sicht jener nicht im herrschaftlichen Mainstream des verordneten Funktionierens leben wollenden “Abweichler und Widerständler” bieten sie tiefe Einblicke in die feuchten Träume der Machthaberer und auch in die Albträume der Ausgepressten. Wie so ein Post-KGB-Kapitalismus funktioniert, haben sie in ihrem legendären “Kapital” gezeigt (das daher auch in Russland verboten wurde). Verschwitzte Allmachtsphantasien aller Arten werden in “Bolt” atemlosmachend vorgeführt. Gewaltsexuelle Räusche und Verlustängste, die uns schon beim “Aufmarsch der Zipfelmänner” inspirierten.

Was uns die Dichter damit sagen wollen, das entzieht sich (eben weil es Poesie ist) der “offiziellen” Interpretation – das können (und sollen) wir selbst entdecken. Was ist die Botschaft von Броненосец und seiner Verschmelzung von Sergej Eisenstein mit politischer Stencil-Art? Ты ни при чём? Sind wir gefühllos gepanzert gegen das Leiden der Welt? Oder Воины Света, das als “Warriors of Light” zur Hymne des ukrainischen Maidanaufstands verklärt wurde, wie ist der Text zu verstehen?

Verstehe, wer will – hier ein paar mögliche Übersetzungen – wer Ohren hat, zu sehen, der spüre! Was für Drogen nehmen diese Leute? Oder, wie Ostap Bender das in “Zwölf Stühle” weiter gedacht hat: “Was kostet das Opium für das Volk?”

Путинарода (Putinaroda)

Und hier noch das (in unserer Signation verwendete) 12 обезьян von Sänger Sergej Michaloks aktueller Band BRUTTO. Wir finden, SO kann sich der Frieden anfühlen

 

Da Stascheißa Koarl

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Februar – Die fast schon legendäre Antwort auf die zu vermeidende Frage “Wer?” aus Josef Haders Soloprogramm “Privat” führt uns in die entlegeneren Gegenden angewandter Dialektologie. Mundartwischensaft sozusagen. Ich verwende hier die wienerische Fassung, wie man sie etwa auf der CD (Live im Audimax Wien) findet. Weit verbreitet ist auch der “Stoascheißer Koarl”, eine allgemeinbajuwarische Variante, die weder Dirk Stermann noch Peter.W. richtigrum aussprechen können, ganz ähnlich wie “Oachkatzlschwoaf”. Daher soll Josef Hader in Teilen Deutschlands auch vom “Steinscheißer Karli” erzählt haben. Wie all dem sei (mit den Feinheiten der phonetischen Schreibweise wollen wir gar nicht erst anfangen), dem Hervorbringer desselben sei jedenfalls herzlich zum 60. Geburtstag gratuliert.

Da Stascheißa KoarlDas ist uns ein Bedürfnis und so spielen wir einige Ausschnitte aus seinem wegweisenden Programm “Privat”, mit dem vor nunmehr über 25 Jahren das Kabarettgenre einer regelrechten Revolution ausgesetzt wurde. Es ist bestimmt kein Zufall, dass genau dieses Programm das meistgesehenste der heimischen Satireszene wurde. Ich kann mich auch noch erinnern, wie es in jeder gut sortierten Wohngemeinschaft der 90er Jahre anzutreffen war und für viele meiner Bekannten ein inspirierendes Vademecum durch die Irrungen und Wirrungen der damals um sich greifenden Globalisierung darstellte. Erlösendes Lachen inmitten erodierender Weltbilder drang tröstlich vergnügt durch ein österreichisches Seelenvakuum, das sich seiner eigentlichen Bodenständigkeit im Dreck des Menschlichen weitgehend entfremdet hatte. Eine Anstiftung zum Heimischwerden in sich selbst – trotz alledem.

Meiner Meinung nach lebt dieses Programm (das in Wirklichkeit ein “Stück” ist) von den zahllosen Begegnungen und Interaktionen seines Autors mit einem Publikum, das er in den 80ern immer wieder spontan auf der Straße “bespielte”. Die immense Tiefe und Weite von “Privat” (die mir gerade beim Wiederhören auffällt) schöpft aus einem so breiten Spektrum von verschiedenen Gestalten, wie sie einem eben nur “auf der Straße” widerfahren können. Diese alle in den Stimmungen, Handlungen und Personen seines Kopftheaters zu verdichten ist seine wahre Meisterleistung.

Oder wie Uwe Dick über sein Einpersonenstück “Der Öd” sagte: “Es gibt kein Ich und in jedem von uns streiten sich mehrere Stimmen. Ein Psychodrama. Die Summe vieler, die ich täglich aushalten muss.” Wir sehen, die Idee ist nicht neu – doch die Umsetzung ist einzigartig – und “Privat” ist nach wie vor hoch wirksam. Daher empfehlen wir die Einnahme dieses Gewaltheilmittels wiederholt durchzuführen, am besten ohral (also über die Ohren), weil beim bloßen Hören (ohne begleitendes Bild) unsere Vorstellung dazu angeregt wird, sich die phantastischen Szenarien in aller Dichtheit auszumalen.

Und wie erscheint Josef Hader selbst die heutige politische Großwetterlage?

“Einerseits wissen wir genug, um uns zu fragen, was das Ganze soll. Andererseits sind wir zu deppert, um eine Antwort darauf zu finden. Das ist eigentlich eine Gemeinheit.”

Auf dem Weg in die Altersweisheit hier im profil-Artikel. Wie gesagt, wir gratulieren.

 

André Heller – Mein Hauskonzert

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Februar“So, ein Lied übers Sterben – Sterben, eines meiner freudigsten Themen.” Der Wiener Allroundkünstler und Zeit seines Lebens Poet und Chansonnier André Heller feiert demnächst seinen 75. Geburtstag. In einem jetzt schon legendären Hauskonzert (es war am 6. Januar auf ORF III zu sehen), von dem es bald hieß, es sei “das eigentliche Neujahrskonzert” gewesen, gelingt ihm die erstaunliche Verschmelzung der Genres und Generationen, die seinen musikalischen Lebensweg geprägt haben. Und zwischendrin erzählt er Geschichten, die alle Grenzen zwischen damals und heute, Diesseits und Jenseits, Realität und Phantasie auflösen – in dem einen rauschhaften Moment gelingenden Lebens, der wie das Leben selbst hier und jetzt stattfindet. So wie in “Papirossi”

André Heller - Mein HauskonzertDas inwendige “Sowohl als auch” von Freude und Traurigkeit, Liebe und Verlust, Wehmut und Seligkeit in der Themenauswahl verdankt er auch der Wiederentdeckung seiner jüdischen Kulturtradition. In Liedern wie “Leon Wolke”, “Onkel Jakob” oder einem genial neu arrangierten “Dem Milners Trern” kommt jene Lebensweisheit ganz unaufgeregt wieder zum Vorschein, die wir heute in Österreich so schmerzlich vermissen. Und weil das schöpferische Grenzgängertum des André Heller auch an den eigenen Übergängen von Leben und Tod rüttelt, und wir gerade unseren lieben Kollegen Roman Reischl verloren haben, spielen wir diesmal einen Zusammenschnitt von besonderen Momenten aus dem besonderen Hauskonzert. Live und unplugged mit Robert Rotifer, Ernst Molden, Der Nino aus Wien, Voodoo Jürgens, Marwan Abado und den Neuen Wiener Concert Schrammeln et cetera pp.

Ebenfalls zu hören André Hellers Anekdote vom “toten Hundertwasser”, in welcher er mehrfach vom Wienerischen ins Hochdeutsch wechselt – und wieder zurück:

I bin in a Taxi eingstiegn – jedes Wort ist wahr, das ich jetzt erzähle – und da Taxler schaut mi on und sogt: „So a Ehre fia mi, doss sie mit mia foan, Herr Hundertwasser.“ I sog goa nix. I sog goa nix und denk ma, wonna wü, doss i da Hundertwasser bin, bin i da Hundertwasser.

Wir foan los, i schau – in seinem Rückspiegel die Entwicklung seines Gesichtes an – ea foad, und plötzlich merk i – da braut sich ein Gedanke zusammen in dem Taxifahrer – und i waaß ned, denk ma, boid wiada irgendwos sogn, vielleicht kummda auf wos drauf oda wos – und dann macht er was ganz Gefährliches: während ea so foad dreht er sich so um zu mir – und sogt: „Es is mia jetz so unongenehm – sie sand jo scho tot.“

Und i bin weidagfoan und ea woa sicha, do hintn sitzt da dode Hundatwossa und die Gschicht hod si.

In diesem Sinn …

 

Lieber Augustin

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Januar“Wie sie sehen, bin ich sehr beschäftigt. Ich habe eine Epidemie draußen wüten.”, erklärt sich Gevatter Hein dem Volkssänger Augustin bei ihrer Begegnung in der “Roten-Dachl-Schenke”. Doch ungeachtet der unheimlichen Szenerie bringt dieser den Tod (der als Person auftritt) dazu, mit ihm Brüderschaft zu trinken. Und überlebt daraufhin sogar seinen Sturz in eine offene Pestgrube. Nun meinen manche, diese alte Überlieferung aus Wien habe einen durchaus aktuellen Bezug zur gegenwärtigen Corona-Pandemie und sollte gerade jetzt wieder aufgegriffen werden. Chapeau! Wir wiederholen daher das sozialsatirische Hörspiel “Augustin” von Ambros, Tauchen, Prokopetz aus dem Jahr 1980, das wir schon einmal unter dem Titel Weine Frohnachten spielten.

AugustinDer Dreh- und Angelpunkt dieser (so unnachahmlich dargebotenen) Volkssage ist die bereits erwähnte Begegnung von Augustin mit dem Tod: Sich verbrüdern, dem anderen ins Gesicht schauen und erkennen, wer er ist, das alles sind Symbole des Dialogs auf Augenhöhe. Man kann das auch als “vorbehaltloses Annehmen der eigenen Endlichkeit” verstehen – in einer Gesellschaft, die zum Thema Tod und Sterben ein hoch ambivalentes Verhältnis pflegt: Einerseits verdrängen und abschieben ins Krankenhaus und ins Hospizandererseits aber überhöhen und zelebrieren mit Totengedenken und Friedhofskult. Die sprichwörtlich “fröhliche Morbidität” des speziell wienerischen Umgangs mit der Vergänglichkeit (und ihre Verbearbeitung durch Ambros/Prokopetz während der 70er Jahre) hat inzwischen ihren festen Platz in der Literaturkritik wie auch in der Wissenschaft gefunden. Heute jedoch fragen sich manche, ob solch “halblustig verblödelte” Darstellung von Lebensrausch und Seuchentod überhaupt noch gesendet werden DÜRFE – angesichts des Ernsts der Lage ringsin und um uns

Tatsächlich jährt sich der Beginn der Pandemie gerade zum zweiten Mal (am 23. Januar 2020 wurde die erste COVID-Infektion außerhalb Asiens nachgewiesen). Gerade deshalb tut es gut, mit einer gewissen ironischen Distanz auf jedwedes Infektionsgeschehen zu blicken – und dabei hemmungslos, heimlich, verschrullt (oder wie auch immer) zu lachen. Gerade die Karrikatur einer Situation (und sei diese noch so unangenehm) kann uns dabei helfen, ihr gelassener gegenüber zu treten. Und so tun wir, was der ORF (aus unerfindlichen Gründen) nicht tut: Die CD einlegen, auf “Play” drücken – und geht dahin! Fürchtet euch nicht und bedenket:

“Des Leben überleb ma ned.”

 

Stiller Has

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Januar“Das absolute Niemandsland ist nicht in Aarau und nicht in Wallisellen. Es liegt zwischen Vorarlberg und Wien. Erst dort merkt man, was wir an der Schweiz haben.” Endo Anaconda, schillernder Dichter des bärndeutschen Dialekts und als “Stiller Has” legendärer Alchemist zwischen Mundart und Blues. Zwischen Abgrund und Widerspruch blitzt entfesselte Lebenslust hervor, wie wir das sonst nur von alten Meistern wie Artmann, Kreisler, Qualtinger kennen. Da verwundert es nicht, dass der einst als Andreas Flückiger in der Schweiz geborene Wortmetzger und Sprachjongleur auch österreichische Wurzeln hat, was man noch immer deutlich hören kann: Statement zum bedingungslosen Grundeinkommen. Im “Herz der Trostlosigkeit” lauert ein sehr lauter Stiller Has, der nicht schweigen mag:

Endo Anaconda (Stiller Has)“Die Werbung ist für mich ein Gradmesser für die Verkommenheit und Verlogenheit der Geschäftswelt. Sie versucht uns ein Leben im Einzimmerknast schmackhaft zu machen, mit Autos, Gadgets und Schnellfrass.”

Interview im Walliser Boten vom 28. September 2021

Sprachlich bemerkenswert ist außerdem dieser Versuch einer Erklärung (des Phänomens Stiller Has, verfasst von Martin Steiner), in dem es vor fast 20 Jahren heißt: “Wer vom Stillen Has lautstark und wortgewaltig über die Bühne gezogen wird, müsste sich eigentlich von ihm abwenden. Doch der Hase verkauft in der Schweiz mehr Alben als diejenigen, die ans große Geld wollen.” Und weiter: “Schon im Bandnamen lassen sie wissen, dass der Stille Has so manches Osterei an Weihnachten versteckt. Stille Ostern, frohe Nacht.”

Stiller Has (Endo Anaconda) Das gefällt uns – ebenso wie der Umstand, dass viele Lieder und Texte im kommerziellen Internet kaum aufzufinden sind – was ja für deren Qualitäten jenseits blöden Gelddruckenwollens spricht. Auf der Homepage der Band lassen sich einige Schwyzer Gstanzln dem Versuch des Verstehens über alle Dialektgrenzen hinaus unterziehen. Wir grüßen unsere allemannischen Sendungspartner von Radio Proton mit einem köstlichen “Znüni näh”, was überall in Vorarlberg verstanden werden sollte. Für alle anderen sei es hier übersetzt: “Die vormittägliche Jause zu sich nehmen.” Mahlzeit! Ihrer Natur gemäß soll diese Sendung nun “ein ganzes Album” vorstellen, wofür wir das rein berndeutsche “Geisterbahn” vorgesehen haben. Allerdings gibt es eben auch das weitgehend verschollene “Stelzen”, worin sich “auf österreichisch” dargebotene Lieder wie “St. Veit”, “Schweinderl” und “O Herr” befinden. Na, wir werden sehen

Ihr könnt auch schon mal … sehen … hören … spüren

 

Unter der Oberfläche

Artarium am Sonntag, 12. Dezember um 17:00 Uhr – Nach all dem Zeitlosen in der Musik spielen wir diesmal ein weitgehend verschollenes Album, dem man die Zeit seiner Entstehung durchaus anhört, nämlich Unter der Oberfläche von Hans Koval aus dem Jahr 1986. Mir widerfuhr sein als LP auf schwarzem Vinyl gepresstes Werk Mitte der 90er durch einen Flohmarkt in der legendären Käfergrabenmühle (deren Hausvater Bernhard Samitz vulgo Bez wir bereits eine Sendung widmeten und der danach auch einen schönen Roman von Brita Steinwendtner inspirierte). Dass wir dieses Zeitdokument gerade jetzt wieder ausgraben und zu Gehör bringen, hängt mit den Umständen seiner Entstehung zusammen – und mit dem, was es in unsere Gegenwart hinein berichtet, wenn wir es aus seinem Kontext heraus verstehen

Unter der OberflächeSeit Mitte der 70er war das Duo Koval & Klingenbrunner in der Tradition kritischer Liedermacher unterwegs und begleitete so die Generation der Hoffnungsvollen und Verändernwollenden durch eine sich abzeichnende Endzeit des grenzenlosen Wachstums. Zwentendorf, Hainburg und die Katastrophe von Tschernobyl schienen “letzte Warnungen” zu sein, die ein globales Umdenken und Umsteuern erfordern würden, um dem Untergang zu entgehen. Doch hat sich seit damals wirklich Entscheidendes geändert? Haben also Naturzerstörung, Ressourcenraubbau, die Ausbeutung von Mensch und Tier, Meinungsmanipulation durch Massenmedien, kurz, die Zerbraucherung unser aller Leben durch die jeweiligen Beherrscher, die von Geldes Gnaden Kaiser von Hinterfotz und St. Nimmerlein plötzlich aufgehört? Oder wenigstens nachgelassen? Ganz im Gegentum! Jetzt auch in türkis und mit Klimawandel. Immer noch schneller, noch mehr, noch rücksichtsloser. Und mitten im neualten Weltgedümmel taucht Hans Koval mit Band wieder auf – prophetisch.

Mit verschiedenen musikalischen Stilmitteln wie (damals) radiotauglichen Balladen, Anleihen aus Folk- und Volksmusik, geerdet fettigem Blues-Rock oder satirischen Couplets gelingt ihm eine sympathische Synthese aus persönlicher Hinterfragung und Kritik an den Verhältnissen. Eine Sicht auf die erschreckenden Entwicklungen mit genau dem Sowohl-als-auch, das wir in der heutigen “gespaltenen Gesellschaft” so schmerzlich vermissen. Und genau das wäre auch eine der Botschaften aus der damaligen “Zeit des Umbruchs”, die wir uns im Heute zu Herzen nehmen könnten.

“Wissen sie, warum es diese sozialen Medien gibt? Die Menschen halten es nicht aus, still zu sein, wenn es nichts mehr zu sagen gibt.” Ferdinand von Schirach (Glauben)

 

Palila – Rock’n’Roll Sadness

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. November“Es gibt drei Arten von Musik, die das Rad nicht komplett neu erfindet: die total egale (die klare Mehrheit), die gestrige (Nostalgie!) und die zeitlose (selten). Es ist fürchterlich schwer, die letzten beiden auseinanderzuhalten. Vor allem wenn einen Musik berührt.” So bringt es der Kollege Jochen Schliemann hier über das Debütalbum von Palila zum Ausdruck. Und weiter: “Das hier ist nicht gestrig. Und egal sowieso nicht. Das hier ist JETZT.” Hier und jetzt erleben wir also das soeben bei Kapitän Platte erscheinende Album “Rock’n’Roll Sadness” des Hamburger Triumvirats Palila. Denn, wie wir zu sagen pflegen, der emotionale Nährwert jeglicher Darreichung lässt sich ausschließlich durch eigenes Hinspüren feststellen. Und alles andere wäre Betrug am Hören …

PalilaEine Formulierung aus obigem Artikel fand ich speziell erfrischend, gibt sie doch zugleich Antwort auf eine der letzten Fragen unserer Musikgeschichte: “Und wenn ein ganz alter Sack mich noch fragen würde: „Beatles oder Stones?“ – „Beatles. Es geht um Songs, nicht um Attitüde.“ So hab ich das noch nie einsortiertaber klar war mir das vom Hinspüren her eh schon immer. Und so lässt sich auch die unmittelbare Berührungskraft der Musik von Palila erklären, die dem erwähnten Herrn recht pathetische Worte entströmen lassen: “Bin ich jetzt hoffnungslos subjektiv (und/oder nostalgisch), weil Palila aus Hamburg auf ihrem Debütalbum einfach ihr Herz rausreißen und genauso hochhalten, dass es aussieht wie meines? Es ist jedenfalls wohltuend, auch wieder einmal so hoffnungsvoll subjektiv über Musik zu sprechen, wo uns doch ringsumher fast nur noch das inhaltsleere PR-Gephrasel der Marktalchemisten (die jeden Dreck zu Geld machen, angeblich) umdröhnt. Die aber sicher all unsere Sinne mit wohlfeilem Sondermüll zuscheißen – was sie dann “Kunst und Kultur” nennen.

Es mag durchaus verschiedene Stilrichtungen geben, genauso wie verschiedene Geschmacksvorlieben. Akustisch oder elektrisch, Synthesizer oder Gitarren oder alles zusammen. Klavierkonzert, Kammermusik, großes Orchester, klassisch oder elektronisch – oder eben Rockband. Und Genre- oder Untergenrezuschreibungen können da auch durchaus sinnvoll sein – zur groben Orientierung. Darauf dauernd herumzureiten jedoch hilft bei der Frage nach persönlicher Berührung generell nicht. “Indie-Rock” etwa wird dem, was Palila in uns auslösen können, keinesfalls gerecht.

Wer die Hörfahrung gern noch etwas roher möchte als im gegenständlichen Album, dem/der sei die Doppel-EP mit dem herausragenden Titel “Tomorrow I’ll come visit you and return your records” herzlich ans Ohr gelegt – und das heißt empfohlen!

Palila – NY Family Plans