Immanuel Kant im Café Bazar

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Oktober – FRAGE: “Werden sie von ihren Kindern noch um Rat gefragt?” FAKT: “Laut Studien fragt nur noch die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ihre Eltern, Lehrer oder andere nahe Erwachsene um Informationen oder um Rat bei all den Fragen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt.” GEDANKE: “Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, deren nächster Angehöriger ein stochastischer Papagei, eine kalt berechnende Wahrscheinlichkeits-Software ist?” Solcherart kluge Überlegungen entnehmen wir dem Programmheft zur Salzburger Erstaufführung von Thomas Bernhards Immanuel Kant, wie gewohnt vielschichtig inszeniert von Cassandra Rühmling. Eine weitere Spezialität dieser Umsetzung zum 95. Geburtstag des Autors ist seine Salzburger Spielstätte: Das Café Bazar.

Immanuel Kant im Café Bazar by Foto FlausenWir konnten schon vorab einige Details dieser ungemein spannenden und zugleich visionär zeitgemäßen Inszenierung in Erfahrung bringen … und wollen jetzt in der Sendung dem gedanklichen Schwerpunkt der “transhumanen Unsterblichmachung durch künstliche Intelligenz” im Gespräch mit der Regisseurin noch näher kommen. Oder es zumindest versuchen, so wie sie uns die Arbeitsweise von und mit Thomas Bernhard beschrieben hat, “eine Reduktion der gedanklichen Essenz” durchzuführen. Es gibt nun einmal Menschen, die Eindrücke wahrnehmen, welche den meisten anderen gar nicht erst auffallen, und die sich aufgrund ihrer Gehirnstruktur (oder was auch immer) mit nichts anderem beschäftigen, als aus all diesen auf sie einwirkenden Informationen wiederum Zusammenhänge herzustellen. Und diese “weiter gefassten Spannungsbögen” oder eben auch “übergeordneten Zusammenhänge” gehören unbedingt dargestellt sowie allen Menschen zugänglich gemacht, zumal sonst ein wesentlicher Beitrag zur individuellen persönlichen Freiheit einfach fehlen würde … Cassandra, was ist bei deiner Arbeit an “Immanuel Kant” zu deinem Lieblingssatz geworden? … “Jedes Leben ist von der größten Tragweite.”

Im Programmheft heißt es außerdem: “Als Thomas Bernhard 1989 starb, gab es KI bestenfalls als feuchten Traum ambitionierter Science-Fiction-Autoren. Aber der große Dramatiker war immer gut darin, gesellschaftliche Entwicklungen aufzuspüren, vorauszusehen und sie gnadenlos zu kritisieren bzw. sie zur Kenntlichkeit zu entstellen.” Dazu fällt mir jetzt als anregende Weiterführung die bekannte TV-Serie Babylon Berlin ein. In der 3. Staffel kommt der Film “Dämonen der Leidenschaft” vor … Sein fiktionales Drehbuch speist sich aus durchaus realen Konzepten …

 

Man wird sehen.

 

Die Hundeblume

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30 August – Ein Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst.” Einmal am Tag eine halbe Stunde in den Hof, das heißt immer in einer Reihe, immer in demselben Kreis, immer von denselben aggressiven Gefängniswärtern mit lautem Geschrei angetrieben. Sein einziger Lichtblick ist ein einsam blühender Löwenzahn, eine Hundeblume, wie man in Norddeutschland sagt, und an diesem einzigen farbigen Lebewesen inmitten all der grauen und grausamen Eintönigkeit hält er sich fest …

Die HundeblumeSie wird zum Objekt seiner Begierde und erst durch sie findet er – in einer Situation, die ihm nur aussichtslos erscheinen kann – zu einem neuen Ziel, auf das er sein ganzes Dasein ausrichtet. Die Geschichte, die hier erzählt wird, begleitet ihn dabei bis zur tatsächlichen Begegnung “mit dem Lebendigen”. In dem Moment, wo sich sein inneres Überleben und die äußere Wirklichkeit des Lebens berühren (das in seiner Hundeblume verkörpert ist), in dem Moment “erkennt sich das Leben im anderen selbst”. Und für den “lebendig Begrabenen”, dessen einzige Aussicht bislang das Zugrundegehen war, erschließt sich in einem zeitlosen Augenblick der eigentliche Sinn allen Lebens: “Er war so gelöst und glücklich, dass er alles abtat und abstreifte, was ihn belastete: Die Gefangenschaft, das Alleinsein, den Hunger nach Liebe, die Hilflosigkeit seiner zweiundzwanzig Jahre, die Gegenwart und die Zukunft, die Welt und das Christentum – ja, auch das!” Ihr könnt die ganze Geschichte hier lesen, sie heißt “Die Hundeblume”.

Geschrieben hat sie Wolfgang Borchert kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs, aus dem er sterbenskrank heimgekehrt war – als er bereits wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. An diesem Punkt seines Lebens entschied er sich, die ihm noch verbleibende Zeit zu nutzen, so viel als möglich von dem, was er selbst erlebt und überlebt hatte, zu verdichten und für die Nachwelt (uns) aufzuschreiben. Über sein bekanntestes Theaterstück “Draußen vor der Tür”, das noch in seinem Todesjahr 1947 auch als Hörspiel gefeiert wurde, haben wir im April eine Sendung gestaltet.

“Die Hundeblume” scheint mir jedoch noch dichter, noch wesentlicher zu sein. Weil sie nämlich einer grundsätzlichen Frage nachgeht: Was macht den Unterschied zwischen Untergehen und Überleben aus? Und dabei ähnliche Antworten gibt wie Viktor Frankls “Trotzdem Ja zum Leben sagen” – ebenso beglaubigt durch seine eigene Erfahrung: “Noch kurz vor seinem Tode erklärte Borchert, dass es diesen Hundeblumen-Mann gab, dass er 21 Jahre alt war und 100 Tage in einer Einzelzelle saß mit dem Antrag des Anklagevertreters auf Tod durch Erschießen.” (Wikipedia)

 

Walid Ben Selim & Agathe Di Piro – Live at the MuCEM, Marseille

 

Engel des Erinnerns

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. August – Unlängst ist Misha Schoenebergs neuer Roman erschienen: “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht.” Ein insofern bemerkenswertes Buch, als es sich mit dem Nachhall des Schweigens der Kriegsgeneration im Leben ihrer Kinder auseinandersetzt. Mit dem, was diese als oft schwer fassbare “Leerstellen” auf der Suche nach ihrer Identität erleben. Aber auch deshalb, weil in dieser Familie zwei Seiten des Traumas wie in einer Miniaturausgabe der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft eine Verbindung mit unterschwelliger Sprengkraft eingehen: Der Vater, ein Berliner Jude, hat Auschwitz überlebt – die Mutter, ein deutsches Mädel aus Westpommern, ist von Nazis geprägt. Der Engel des Erinnerns sucht nach dem Sinn der Geschichte.

Engel des ErinnernsMitten in die Arbeit an dem Manuskript platzen am 7. Oktober 2023 die Hamas-Massaker in Israel sowie gleich darauf das Wiederaufflackern von eigentlich unbegreiflichen antisemitischen Umtrieben in ganz Europa. Nach einer längeren Phase überfallsartig (und wie ich meine, retraumatisierungsbedingt) über ihn hereingebrochener Sprachlosigkeit gelingt es Misha Schoeneberg schließlich, die ideologische Vereinnahmung von Nichtausgesprochenem zu entzaubern. Und zwar in einer derart klaren und präzisen Sprache, dass das in diesen Zeiten voll von zunehmend verschwommener Aufgeregtheit eine wahre Wohltat ist. Das Kapitel “Shabbat im Oktober” fügt sich auf diese Weise organisch an das früher entstandene und penibel recherchierte Kapitel “Auschwitz” und erzeugt zusammen mit weiteren Erinnerungsperspektiven (aus der Kindheit, aus dem frühen Erwachsenwerden, aus der sich verwandelnden Einstellung zur Familiengeschichte bis hin zur Begleitung seiner zunehmend dement werdenden Eltern) “… ein Buch von atemberaubender Intensität … das geschichtliche Tatsachen mit einer Tiefe und Unmittelbarkeit vermittelt, die sie nachfühlbar macht.” Marianne Rosenberg in den Verlagsinfos. Weil wir den Autor selbst zu einer Lesung im November einladen werden, wollen wir euch schon jetzt darauf neugierig machen.

Warum ich für diese Sendung den Titel “Engel des Erinnerns” gewählt habe, das hat mit meiner eigenen Familiengeschichte und ihrer Erforschung im Kontext einer traumatherapeutischen Aufarbeitung zu tun. Und natürlich bezieht er sich auch auf das unlängst zitierte Buch “Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap. Was meine/unsere Arbeit mit den Texten von Misha Schoeneberg betrifft, dem kann man in der Sendung “Unzerstörbar” nachspüren. Und wie die ganze Expedition in die Abgründe des Grauens und des Unsagbaren vor drei Jahren begann, erzählt “Der Krieg in mir”

Die Arbeit an der eigenen Familiengeschichte, so sie durch Trauma, Krieg, Gewalt … durch Verfolgtwerden und durch Verfolgen … also durch Opfersein und Tätersein geprägt ist, führt uns unweigerlich ins Labyrinth des Fragmentarischen, wo uns bis zu einem gewissen Grad nachprüfbare Fakten begegnen – zugleich jedoch auch allerlei Auslassungen, Umdeutungen sowie (aus welchem Grund auch immer) absichtsvoll Verschwiegenes. Sich seine eigene Geschichte daraus hervor zu erschließen, das Gefundene und das Verschwundene mit sich selbst vergleichen und überprüfen …

 

… auf Stimmigkeit …

 

Rund um den Peršmanhof

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Juni – Vergangene Woche veranstaltete der KZ-Verband/VdA Salzburg im Hörsaal 388 der GesWi-Fakultät (Rudolfskai 42) einen Vortrag der Standard-Journalistin Colette Schmidt über einen skandalösen Polizeieinsatz am Widerstandsgedenkort Peršmanhof der Kärntner Slowenen im Juli 2025, dessen “Aufarbeitung” nach wie vor zu viele Fragen offen lässt. In der Einladung dazu heißt es: “Detailliert schildert sie den Ablauf der Attacke selbst und vor allem die bis heute nicht abgeschlossene Aufarbeitung des Peršmanhof-Skandals.” Wir werden uns diese Veranstaltung anschauen und am kommenden Sonntag davon berichten, speziell im Hinblick darauf, was diese unterdrückerische und feindselige Haltung von staatlichen Stellen in den betroffenen Menschen alles anrichtet …

Rund um den PeršmanhofMaja Haderlap schreibt in ihrem Roman “Engel des Vergessens” über das Fortwirken einer nie so richtig bewältigten Vergangenheit sowie die daraus entstehenden Folgeschäden: “Vaters Hilferufe verwandeln sich,  seit ich studiere,  in gesellschaftliche, ja, auch in politische. Ich beginne in öffentlichen Zusammenhängen zu denken. Bin mir sicher, dass es die Haltung zur Vergangenheit in diesem Land mit sich bringt, dass unsere Familiengeschichten so befremdlich erscheinen und sich in solcher Verlassenheit und Isolation vollziehen. Sie stehen in nahezu keiner Verbindung zur Gegenwart. Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann. Ich sehe mich zwischen einem dunklen, vergessenen Kellerabteil des Hauses Österreich und seinen hellen, reich ausgestatteten Räumlichkeiten hin- und herpendeln. Niemand in den hellen Räumen scheint zu ahnen oder vermag es sich vorzustellen, dass es in diesem Gebäude Menschen gibt, die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden.” (Engel des Vergessens, S. 185/86)

Wie fühlt er sich eigentlich an, der Slowene in mir? Schauen wir einmal, was sich da so alles herausfinden lässt für einen gedeihlicheren Umgang mit uns selbst und mit der Welt … Wenn wir da noch etwas Laibach’sche Ironie drüber streuen, etwas gesellschaftskritische Viecherei darunter mischen und uns ein paar Gedanken über transgenerationale Traumaweitergabe machen … wohin wird uns das führen, wenn wir persönliche und soziale Vergangenheitsbewältigung als etwas begreifen lernen, das auch jenseits von aufgezwungenem Runterschluckenmüssen stattfinden kann?

 

Live And Let Live

 

The Rainbow Division

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 24. Mai – In unserer letzten Nachtfahrt der Perlentaucher “Vom Fallen zum Fliegen” haben wir gefragt, wer die Geschichte des dreifarbigen Regenbogens an einem Türmchen nahe der Basteigasse kennt. Und im Artikel dazu auch gleich die Antwort gegeben: Die doch für manche überraschende Auflösung haben wir dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag entnommen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um (in die Jahre gekommene) Graffiti-Kunst von farbverspielten Salzburger Anti-Grauschleier-Kids, sondern um das Symbol der 42. Infanteriedivision der U.S. Army, der Rainbow Division, welche sich 1945, im Zuge der Befreiung Salzburgs von der NS-Herrschaft, auch hier in der Stadt einquartierte – und ihr Revier mit dem Zeichen des Regenbogens markierte.

The Rainbow DivisionEine schöne und sympathische Hinterlassenschaft, die an eine wirkliche BEFREIUNG erinnert: von Gesinnungsterror, Verfolgung und Unterdrückung, Krieg, Not, Elend, Hunger, Vertreibung – und dem millionenfachen Morden an Unschuldigen, aus niedrigsten Beweggründen wie etwa Habgier, Mordlust, Rachsucht, Rassismus …

Es ist schon bemerkenswert, dass kaum jemand die Geschichte des Regenbogens an diesem speziellen Ort kennt – oder das Zeichen der Rainbow Division in dieser bunten Wandmalerei erkennt (die aufgrund des starken Verkehrs am Rudolfskai leider schon stark verwittert ist, das gleiche gilt für die daneben angebrachte Erklärtafel, die ob ihrer Verdrecktheit kaum noch lesbar ist). Nächste Frage: Warum hat diese 42. U.S. Infanteriedivision überhaupt den Regenbogen als Symbol? Interessant …

The RainbowWir nehmen all dies zum Anlass, in unserer Sendung noch mehr über das Symbol des Regenbogens in verschiedenen historischen, gesellschafspolitischen und mythologischen Zusammenhängen herauszufinden, und auch darüber nachzusinnen, was mit diesem ebenso flüchtigen wie faszinierenden Naturphänomen passiert, wenn man es “einfängt” und es sich dann irgendwie “auf die Fahne schreibt”. Es gibt da ja einige konkrete Beispiele, von der biblischen Geschichte über die Bauernkriege und die Friedensbewegung bis zum Symbol der LGBT-Bewegung (der aktuelle Begriff ist wohl LGBTQIA+ doch da fehlt mir persönlich das * aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder überholt, überholt es sich fortwährend selbst, womit wir bei der Flüchtigkeit des Phänomens an sich kurz innehalten könnten …) Vom Schnelldurchlauf in die Superzeitlupe: Was gibt es eigentlich noch für kulturelle, spirituelle, mythologische Bedeutungsebenen jenseits der uns “aufs erste assoziieren” geläufigen – oder der uns von unserem kulturellen Hintergrund vorgeprägten? “The Rainbow Serpent” aus vielen Schöpfungsmythen der Aborigines (der indigenen Völker Australiens) könnte uns auf eine Reise jenseits unserer Vorstellungen mitnehmen. Neugierig?

 

Bloody Rainbow

 

Die guten Kräfte – Eine Rezension

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. April – Es ist ein Buch entsprungen … Und wir haben uns (mit Vergnügen, das sei vorab gesagt) darauf eingelassen. Es heißt “Die guten Kräfte” und entstammt den Schreibfedern von Walter Gröbchen und Thomas Mießgang. Bei diesen beiden Namen klingelt nicht nur irgendwas in meiner Erinnerung, da höre ich plötzlich irgendwo aus dem Hirnarchiv auftauchend längst vergessen geglaubte Musicbox-Beiträge aus den 80ern und 90ern wieder, die vor Formulierlust und Sinnstimmigkeit geradezu übergehen – und die mir schon immer Lust aufs Selbstdenken und Selbstsprechen gemacht haben. Wo der Sinn stimmt und die Stimme sinnlich Resonanz zum Eigensinn erzeugt erklären uns die guten Kräfte die Welt: “Liebe Kinder, ihr könnt ganz beruhigt sein. Ich bin wieder da…”

Die guten KräfteSo findet etwa Walter Gröbchen in seiner Betrachtung von Wilfrieds frühem Austropop-Beitrag “Ziwui Ziwui” solch tröstende Worte:

“Ein Song wie Ziwui Ziwui atmet pure Lebenslust, Zeitlosigkeit, Unschuld. Und radikale Menschlichkeit. Ziwui ziwui // ziwui ziwui // ziwui ziwui ziwuia // zibal zabal Zechnkas // es wiad scho hoiba druia – Zeilen wie diese schafft, bei Gott!, keine künstliche Intelligenz. Das ist so genial jenseitig, dass es einem die Fußnägel aufrollt. Ein Landler? Ein Juchzer? Ein Jodler? Ein dadaistisches Manifest? Egal. Kinder verstehen augenblicklich, wovon die Rede ist. Menschmaschinen verzweifeln daran.”

Koinzidenz! Da begegnen wir einander am Puls der Zeit: In unserer letzten Sendung über Wolfgang Borcherts “Formulierlust und Wortschöpfkunst” gerieten wir (ab 29:30) auch in eine Betrachterei darüber, was Künstliche Intelligenz zur Sprachzerstörung beiträgt, indem sie aus ohnehin schon einseitig funktionsreduzierter Sprache “lernt” und gaben diesem Essenzierungsprozess den Namen “Verblöddichtung”. Bitte. Danke. Guten Morgen! Es ist immer wieder so unendlich befreiend und ermutigend, anderen Menschen zu begegnen, die Sprache zur lustvollen Weltaufbereitung verwenden!

Genau das, nämlich gut recherchierte Hintergründe mit lebendigen Anekdoten und persönlicher – nein, nicht Meinung, vielmehr Haltung in einer Form zu verbinden, die immer wieder Lust aufs Lesen macht – und die erkennen lässt, dass es den Autoren beim Formulieren genauso gegangen sein muss: Sprache als gepflegte Kunstform. Sich selbst lustvoll auszudrücken und das Eigene wiederum anderen resonant zu vermitteln – dafür Inseln zu stiften ist uns nicht nur zutiefstes Bedürfnis, sondern zudem der schönste selbstgewählte Bildungsauftrag. Wir sind ein geiles Institut.

 

Handkuss

 

Mir geht es wie dem Borchert

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. April – Mir geht es wie dem Borchert. Naja, doch nicht so ganz. Aber schon auch irgendwie. Denn da will ein Text aus mir heraus, ein langer Text, für den ich (jedenfalls diese Woche) viel zu wenig Zeit habe. Und auch wenn es nicht meine Restlebenszeit ist, die da vor mir schwindet, so werde ich doch an seinem Ende mehr gesagt haben wollen, als mir jetzt möglich scheint. Wie machen wir nun aus dieser Not vielleicht sogar eine Tugend? Thomas Bernhard formuliert das in der Ursache so: “Aber ich deute nur an.” Was eine gute Herangehensweise ist an ein Thema, das so bodenlos abgründig ist, dass es einem sowieso lebenslang immer zu viel sein wird, von den nachfolgenden Generationen einmal ganz zu schweigen. Also versammle ich hier alle Andeutungen … und ihr könnt selber weiter suchen …

Wolfgang Borchert - Draußen vor der Tür“Sag deinem Kumpel die Wahrheit, beklau ihn im Hunger, aber sag es ihm dann. Und erzähl deinen Kindern nie von dem heiligen Krieg: Sag die Wahrheit, sag sie so rot wie sie ist: voll Blut und Mündungsfeuer und Geschrei. Beschwindel das Mädchen noch nachts, aber morgens, morgens sag dann die Wahrheit: Sag, daß du gehst und für immer. Sei gut wie der Tod. Nitschewo. Kaputt.

Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Protest. Und wir haben keine Ruhe beim Küssen, wir Nihilisten. Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der Toten: Häuser bauen in die reingefegte Luft der Nihilisten, Häuser aus Holz und Gehirn und aus Stein und Gedanken …”

aus “Wolfgang Borchert – Das ist unser Manifest”

 

In der ARGEkultur findet am Donnerstag, 23. April, am Freitag, 24. April sowie am Samstag, 25. April jeweils um 19:30 Uhr eine Aufführung von Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür” statt – in der Bearbeitung von Jakob Schulte und Johannes Brömmel, die “einen surrealen wie bedrohlich aktuellen Zugriff auf Wolfgang Borcherts berühmtes Nachkriegsdrama von 1947” ermöglicht. Thematisch abgerundet werden alle drei Abende durch die Hör-Installation “VOR UNSERER TÜR” im Foyer, wo die Besucher*innen “ein weiteres zeitgenössisches Echo auf das Stück” erleben können.

Ich habe es als Jugendlicher gelesen (geradezu verschlungen) und war zutiefst beeindruckt. Und zwar von der unmittelbaren Direktheit und Schonungslosigkeit, mit der da die Wahrheit über den mörderischen Krieg und die nach wie vor genauso lebensbedrohliche Nachkriegszeit gesagt wird, eine Wahrheit, die so wichtig ist für das Verstehen der eigenen Person und all dessen, was seither geschehen ist und noch heute geschieht sowie unter bestimmten Voraussetzungen (die wir auch nur verstehen, wenn wir die Wahrheit kennen) in der Zukunft geschehen wird …

Eine Wahrheit, die mir von meiner Familie (die diesen Krieg und diese Nachkriegszeit noch selbst miterlebt hat) aus welchen Gründen auch immer weitgehend vorenthalten wurde. Doch auf einmal platzt eine lang versperrt gewesene Tür auf und ich denke mir: “Man kann über diese Dinge ja doch reden!” Und dann gibt es auch keine Grenzen mehr, von denen man geglaubt hat, dass sie existieren: Ein Traum erweist sich als ein Schlüssel für die reale Geschichte von der vermeintlichen Schuld. Gott tritt auf und … resigniert. Der Fluss kann sprechen … sie spuckt den Lebensmüden an Land …

 

Ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Werk, dem wir näher kommen wollen.

 

Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

< Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man will … Leben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man will … und Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will …

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener “Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führen – und darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.

 

Das Herz ist ein Muskel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Februar — “Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ich – vor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheit – noch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspielen … eine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehalten … und den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirken … Was spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt er … über das Leben … ?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”

 

IN BETWEEN

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. Februar – Nachdem wir nun (völlig zu Recht) mit der ausgezeichneten Gedenkkultursendung “Unzerstörbar” zum 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert waren, denselben dann aber leider doch nicht gewonnen haben (warum auch immer) und jetzt am Montag, 16. Februar um 19 Uhr die Premiere unseres Dokumentarfilms “IN BETWEEN” im Das Kino stattfinden wird, sind wir auch in dieser Hinsicht (was die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit anbelangt) im wahrsten Sinn des Wortes “dazwischen” oder eben “im Between”. Da bietet es sich naturgemäß an, wieder einmal so richtig innezuhalten und zu schauen, was dieses “kreative Kraftfeld” zwischen uns beiden eigentlich ausmacht und … was für eine “Zwischenwelt” wir da immer wieder erleben, gestalten und darstellen.

IN BETWEENUm diese Selbstbespiegelung auch für das unsichtbare Publikum auf unterhaltsame Weise stattfinden zu lassen und dem geheimnisvollen “Between” sowohl von innen wie auch von außen näher zu kommen, laden wir Carla Stenitzer zu uns ins Kunnstbiotop ein. Im Gespräch mit ihr werden sich nicht nur die für uns unsichtbaren Aspekte des gemeinsamen Radiomachens erhellen, sondern darüber hinaus auch die gesundheitsfördernden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Experimente im nichtkommerziellen Umfeld eines wirklich freien Radios. Zitat aus unserem Film: “Freies Radio ist eine Notwendigkeit in diesem ganzen … Gebräu aus politischen Interessen, kommerziellen Interessen und Quotennotwendigkeiten …” Und überhaupt: “Freies Radio ist das, wo der Mensch sein kann, wer er ist … und das machen (kann), was er ist.” Dem wollen wir in dieser Sendung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig finden wir uns dabei auch im Bereich des Nichtdefinierbaren wieder. Ein Großmeister der Innenweltbeobachtung, Peter Gabriel, hat dies in der Einführung zu seinem Song “Secret World” bei einem Livekonzert in Tinley Park so ausgedrückt: “Sometimes people collect together. But two people merge together sometimes so close that you can’t see any space in between. And all of a flash … little pockets appear … little cracks … and a little rumble in the distance … this we could describe as the secret world.” Genau um dieses öffentliche Geheimnis geht es auch in unserer Arbeit:

 

A secret world …