Rettet dem Alternativ

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Mai“Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse.” Diesen Satz, den Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” dem weltweisen Fuchs in den Mund legt, habe ich viele Jahre lang mit einem anderen ergänzt: “Sprache ist auch eine Quelle für viele Verständnisse.” Inzwischen hat sich vieles verändert – man bleibt jedoch für das verantwortlich, was man sich vertraut gemacht hat. Wollen wir uns also diesmal das Verändern einzelner Bedeutungen anschauen – und uns überlegen, wie und warum es dazu kommen mag. Die großen Leute sind nämlich wirklich sehr sonderbar. Alternativ etwa (aus anderem geboren) galt lange Zeit als positiver Begriff für das Entwickeln neuer Lebensmodelle, die nicht zu den bekannten Ergebnissen wie Weltkrieg und Zerstörung führen sollten.

AlternativHeute wird ein politisches System, das Wortgetüme wie zum Beispiel Wachstumsbeschleunigungsgesetz hervorbringt, gern als alternativlos bezeichnet, während extrem rechts von allem und jedem eine “Partei” vorkommt, die sich “Alternative für Deutschland” nennt. Alternativ zur Zerstörung durch den entfesselten Kapitalismus bietet sich somit die Zerstörung durch den entfesselten Nationalismus an. Wie schön! Ein echter Fortschritt – ins ewiggestrige Jahrhundert. Die Querulantenpartie als Ausweg aus dem Untergang – in den Untergang. Und unsereins wird zerquetscht zwischen den Bedeutungen, die einigen einst brauchbaren Begriffen tückisch eingeflößt wurden. Pejorisierung (diese Bedeutungsverschlechterung der Worte im Lauf der Zeit) schön und gut, aber hier scheinen uns allerhand Propagandawichtel mit Brandbeschleunigern zugange zu sein. Wie sonst könnten unschuldige Worte wie alternativ” oder “quer” in kürzester Zeit zu verdächtigen Begriffen degenerieren? Oder “Utopie”, das im Altgriechischen den Nicht-Ort (Ou-Topos) wie den guten Ort (Eu-Topos) beschreibt, also die Vorstellung von etwas (noch) nicht Vorhandenem, wie es gut, richtig und schön beschaffen sein müsste (die Vorstellung von einer “besseren Welt”) – wie kann dieser an sich positive Begriff dermaßen zum Vorwurf der irrealen Phantasterei entgleist sein? Also, WIE?

Sprache als Dialog zwischen Menschen ist unendlich viel mehr als das Erteilen von Anweisungen zum jeweils gewollten Funktionieren. Und ebenso unendlich viel mehr als das Grunzen von Gefühlsrülpsern zur jeweils herrschenden Befindlichkeit. Und noch einmal unendlich viel mehr als das Ausführen von Kommandozeilenbefehlen zur jeweils programmentsprechenden Vorschriftsgerechtigkeit. Der Mensch wird nie eine Maschine sein, Softpower hin und Socialmedia her. Programmierts euch DAS in eure Weltherrschaft – und schon ist sie abgestürzt. HERRLICH. Wir sind für das verantwortlich, was wir uns vertraut gemacht haben.

Vertrauen wir unserer Sprache?

 

Demokratie? Rainer Mausfeld

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. April – In dem von uns bereits mehrfach empfohlenen ARTE-Dokumentarfilm “Corona – Sand im Weltgetriebe” (worin der Virus selbst als hinterfragender Erzähler durch die Geschichte führt) kommt auch ein gewisser Prof. Rainer Mausfeld zu Wort – und spricht über die “Verschleierung der Machtverhältnisse”. Und zwar in dem System, in dem wir hier und jetzt leben – und das wir politisch als Demokratie begreifen. Der Virus erzählt uns von Demokratie als Impfstoff gegen “die Maschine” – und das ist eine wunderbare Metapher für jenen menschgemachten Moloch, der unsere Lebensgrundlagen schon bald vollends zu zerstören droht. Wir wollen mehr über den emeritierten Psychologieprofessor aus Kiel erfahren, dessen Bücher und Vorträge derzeit so viel Aufmerksamkeit genießen.

Demokratie? Illusion?Und kontrovers diskutiert werden: Ist das noch Erkenntnis oder schon Verschwörungstheorie? Ich sehe das so: Nicht für jedes erkennbare Zusammenwirken Mehrerer zum Nachteil von Vielen bedarf es einer realen Verabredung von fassbaren Personen (einer Verschwörung). Oft reichen dafür Gruppendruck oder andere menschliche Schwächen, Sachzwänge, Abhängigkeiten … Psychische Mechanismen also, welche gerade ein lebenslang mit “Wahrnehmungserforschung” beschäftigter Professor erklären können sollte. Und das tut er auch, etwa im Rahmen des zweitägigen Symposions “Demokratie erneuern!” im DAI Heidelberg, aus dem wir, um euch Appetit auf mehr davon zu machen, hier einige Ausschnitte vorstellen können. Der Einführungsvortrag dazu steht in voller Länge auf YouTube zur Verfügung. Des weiteren haben wir dort auch die Vorträge “Warum schweigen die Lämmer” (mit Bezug auf sein bekanntes Buch mit dem nämlichen Titel) sowie seine Rede in der Kreuzkirche Dresden zum Thema “30 Jahre Mauerfall” angefunden – und wir empfehlen selbige ausdrücklich denjenigen, die sich dazu entschieden ihre eigene Anschauung gestalten wollen.

Die aktuellen Erscheinungsformen von “Demokratie” zu hinterfragen ist wahrlich nicht antidemokratisch. Vielmehr ist es der Verwirklichung von Demokratie förderlich, sich ihre grundlegenden Ideen und Ideale immer wieder ins Bewusstsein zu rufen – und diese sodann mit den Realitäten unserer jeweiligen Verfassung zu vergleichen. Nur wenn wir wissen, was (noch) nicht so funktioniert wie es sollte, können wir den “Impfstoff Demokratie” (gegen Machtmissbrauch und Gewaltexzess) ständig weiter entwickeln, so dass er auch gegen die neoliberale Mutante des Machtvirus wirkt.

Um unser eigenes Denken, Fühlen und Verstehen kommen wir dabei sowieso nicht herum. Entweder werden wir in Resonanz gehen und uns die Welt “anverwandeln” – oder das vorgekaut Verordnete nachbeten, nur damit wir nicht ungut auffallen

 

Mensch Masse Material

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. April – Wo hört Mensch auf? Und wo fängt Masse an? Eine entscheidende Voraussetzung für die herrschende Weltreligion vom unendlichen Immernochmehr ist die Vorstellung von Menschen (in unüberschaubar großer Anzahl) als Masse. Wie das Verhältnis von Masse und Macht funktioniert, hat zum Beispiel der große kleine Elias Canetti eingehend untersucht. Und wie sich eine Masse emotional steuern und so den jeweiligen Interessen der Wirtschaft und/oder der Regierung nutzbar machen lässt, das hat Edward Bernays in seinem Hauptwerk “Propaganda” ausführlich erklärt. Nachdem aber Joseph Goebbels als diabolischer Rumpelzwerg der Nazidiktatur andauernd mit dieser Technik (und auf diesem Begriff) herumgehupft ist, benannte man ihn flugs um – in “Public Relations”, abgekürzt PR.

Mensch Masse MaterialDabei gehen die Beobachtung und Erforschung von Masse und Macht weit zurück, so machte sich bereits im 5. vorchristlichen Jahrhundert Thukydides darüber Gedanken.

Wir ergänzen hierzu die Gefühle und Wahrnehmungen einzelner Menschen, die sehr unangenehm ausfallen können, sobald sich die manipulative Absicht hinter der Massenmenschhaltung offenbart. Hierbei untersuchen wir aber nicht die zeitlich befristete Entgrenzung durch “Aufgehen in der Menge” (oder eben “Masse”), wie sie bei Demonstrationen, Fußballspielen, Livekonzerten oder auf Musikfestivals stattzufinden pflegt. Nein, uns interessiert das dauerhafte Betrachtet- und somit Behandeltwerden des Individuums Mensch als anonymer Teil einer anonymen Masse. Entfremdung, Entmachtung, Entpersönlichung im industriellen Maßstab – durch ein neoliberales globalkapitalistisches System.

Dazu dienen uns drei Ausgangspunkte: Erstens das Empfinden, als individuelle Menschen zunehmend (von unbekannten Mächten – oder kennt man die doch?) wie maßstabgetreue Modellbaufiguren behandelt zu werden. “Ein Sackerl Fahrgäste”, hieß das früher bei der Märklin-Eisenbahn. Inzwischen finden sich die lebensecht dekorativen Plastikwichtel in allen Lebenslagen allüberall, wo die schöne neue Bevölkerung dargestellt werden soll. “And the’re all made out of Ticky-Tacky …”

Zweitens die Darstellung von “modernen Siedlungsformen” für die “breite Masse der Werktätigen”, wie sie in dem Malvina-Reynolds-Song “Little Boxes” (hier die Pete-Seeger-Version mit Bildern) punktgenau kritisch hinterfragt wird. Zu jeder Zeit wird der jeweils aktuelle Fortschritt zunächst begeistert bejubelt. Der Horror eines derart generalstabsmäßig geplanten (und verordneten) Glücks schleicht sich später ins gründlich getäuschte Gemüt. Noisy Pride – Little Boxes & Working Class Hero

Und drittens die doch wirklich vieles entlarvende Sprache oder wie Christopher Schmall bei seinem lyrischen Statement “Demaskieren der Gesinnung” auf die Begriffe “Humanressource” und Humankapital” kommen MUSSTE. Unternehmen wir den Selbstversuch: Was macht das mit uns, wenn wir so als die breite Masse, Marktteilnehmer, Wirtschaftsfaktor, ZielgruppeHilfsempfänger, Leistungsträger, als systemrelevant oder statistisch vernachlässigbar angesprochen werden?

Menschenmaterial

 

Georg Danzer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. April“Wie i so drüber nachdacht hab, dass i jetzt ja bald 60 sein werd, und ob so meine Wunschträume und meine Träume, die ja jeder Mensch im Leben hat, ob des a bissal aufgangen is – und auf a gewisse Art und Weise hab i ma dann dacht, is es ned aufgangen – aber andererseits doch.” Mit diesen weisen Worten kündigte Georg Danzer bei seinem letzten Konzert mit Freunden (am 16. April 2007 in der Wiener Stadthalle) das für ihn geradezu programmatische Lied “Träumer” an, dem er dazu noch eine Betrachtung der verschiedenen Bedeutung des Wortes Träumer im Deutschen und im Englischen sowie eine spezielle Würdigung von John Lennons “Imagine” voranstellte: “You may say that I’m a dreamer …”, halt im Sinne von Menschen, die Utopien haben – wie etwa vom Frieden auf der Welt.

Georg DanzerWir haben uns jedenfalls dazu entschlossen, Georg Danzer nicht durch einen Ausschnitt aus jenem “letzten Konzert” ins Gedächtnis zu rufen, zumal das ja einerseits als Geburtstagsfest mit Freundys (zum 60er) – und andererseits schon als Hommage an einen Todgeweihten konzipiert war. Der hierbei gefeierte Künstler verstarb bekanntermaßen nur gut 2 Monate später. Nein, wir wollen Georg Danzer in der Gestalt aufleben lassen, in der er Anfang der 90er als nach Auslandsreisen weltläufiger Dichter, Musiker und Aktivist die österreichische Geräuschkulisse mit seinen unverwechselbaren Beiträgen zu einem etwas helleren, menschlicheren und ja, utopiefähigeren Gesamtklang erweitert hat. So haben wir einige Musikstücke und Erzählungen aus seiner Solo-Tournee 90/91 ausgewählt, deren Höhepunkte auf dem Album “Echt Danzer!” veröffentlicht sind. Dabei war es uns ein Anliegen, besonders die Vielseitigkeit des unbeugsam engagierten, schonungslos liebenden und stets humorvoll selbst- wie sozialkritischen Dialektdichters zur Geltung zu bringen, der eben auch die Hochsprache bei Bedarf nicht verschmähte. Wir möchten etwas davon in unsere heutige Zeit mitnehmen – als Besinnungsinsel im schwindligen Getreibe einer immer unwirklicher zubereiteten “Realität”, die uns in Wirklichkeit nur verwirrt:

I hoits jetz nimma länga aus
und die Entscheidung foid ned schwer,
da Boch hod Sehnsucht noch am Fluss,
da Fluss hod Sehnsucht noch’m Meer.

Mei Lebn – is mei Lebn.
Mei Lebn – des ghead mir.
Keinem Vater, keinem Lehrer,
keinem Meister, keinem Staat.

Mei Lebn – ghead mir!

Georg Danzer – Mein Lebn (1990 Solo-Version)

 

Oans, zwoa, Budern!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. MärzAnsteckendes aus Österreich oder Eine satirische Schutzimpfung gegen die volksdümmliche Zusammenrottung von Grausigkeit, Geilsein und Gier. Halli, Hallo! Wenn ich mir vorstelle, dass der ORF in einigen Jahren nicht mehr nur Peter Alexander, sondern auch Andreas Gabalier als einen Höhepunkt heimischer Kulturentwicklung lobpreisen wird, dann ist mir schon jetzt schlechter als mir gut tut. Und so wie ich leiden viele unter dieser Seuche, die das kommerziell Erfolgreiche ungeachtet jedweden (Nicht)Inhalts nachgerade zum Staatsziel erklärt. Scheißegal, obs unsere Kultur zergrunzt und zersetzt. Hauptsoch, es bringt wos ein. Hauptsoch, fest budert werd, weil Sex sells! Dabei hat Budern nichts mit Puderquastln zu tun, sondern kommt von Butter machen wie anno einst…

Oans, zwoa, Budern!Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat jüngst am Beispiel Ischgl-Cluster den verbrecherischen Einfluss der Seilbahn- und Tourismuslobbyisten auf sämtliche natürlichen und kulturellen Ressourcen Österreichs offengelegt. Ischgl, dessen exzessive Après-Ski-Identität bereits als  “Alpen-Ballermann” firmiert, dient hierbei als besonders augenfälliges Beispiel für das weltweit zerstörerische Wirken einer “Wirtschaftsentwicklung”, die allein auf Wachstum abzielt – und der alle anderen Bedürfnisse und Interessen alternativlos untergeordnet werden. Was dabei heraus kommt? Fragen sie ihren Arzt

Naturgemäß ist auch die menschliche Sexualität eine natürliche Ressource – und die wird genauso rücksichtslos ausgeplündert wie die Berglandschaft, die Gesundheit, das Trinkwasser oder überhaupt die Zukunft. Und so wird das gegenständliche ZDF-Magazin-Royale auch mit dem Ruf des Animateurs “Oans, zwoa, Budern!” eröffnet. Was muss das für eine gefühllose, aufs rein Mechanische reduzierte Sexualität sein, die sich da nach alkoholschwangerem Chorgegröl in der anonymen Masse fett und verschwitzt abmüht, ihr Leistungsziel zu erreichen? In der E-Bühne der 80er Jahre beschrieb man derlei Inszenierungen trefflich: “Ficki-Ficki und dann abkassieren.”

Endgültig heilsam und erlösend wirkt allerdings Böhmermanns ultimativer Après-Ski-Hit “Ischgl Fieber” (Husti Husti Heh), den er als Höhepunkt seiner Einlassungen unter dem Pseudonym “Tommy Tellerlift und die Fangzauner Schneebrunzer” ins entfesselte Volk röhrt. Das ist “die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellen” vom Allerfeinsten, auch wenn ein offenbar besonders gewitzter Tourismusmanager aus Ischgl anderntags meinte: “Satire lebt von Überspitzungen, nicht von Tatsachen.” (ORF) Wir wünschen ihm viel Spaß beim Bleistiftspitzen, aber nicht von Bleistiften. Und Andreas Gabalier sollte sich schon mal sehr warm anziehen, weil nämlich …

Auf Niederschaun!

Ach, übrigens: In der Sendung “Hakuna Mutanta” haben wir, als eine Möglichkeit des Perspektivwechsels, davon gesprochen “was uns das Virus erzählen könnte”. Kurze Zeit später, am 2. März sendete ARTE den Dokumentarfilm “Corona: Sand im Weltgetriebe”, der in seiner Dramaturgie die Erzählperspektive des Virus einnimmt. Chapeau!

 

OK Computer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. März – Das 1997 erschienene Album OK Computer von Radiohead gilt als eines der wegweisendsten Werke der britischen Musikgeschichte (wenn man nicht zwanghaft zwischen E- und U-Musik unterscheiden muss). Diese EU-Grenze haben die 5 Freunde aus Oxford ohnehin längst aufgelöst, vor allem der Grünwald Hansi (Jonny Greenwood), der in seinen Filmmusiken und Soloprojekten schon auch mal E-Musik-Größen wie Krzystof Penderecki, Olivier Messiaen oder Arvo Pärt zu neuen Formen integriert hat. Gemeinsam mit Sänger Thom Yorke und Filmmusikmeister Hans Zimmer entstand kürzlich der Soundtrack zur BBC-Naturdoku Blue Planet II. Absolut sehens- wie hörenswert! Und wie alle zutiefst aus dem Leben geschöpfte Kunst keines Genreschachterls mehr bedürftig.

OK ComputerDenn hier wird tief geschürft und einerseits kunstvoll, andererseits ehrlich das eigene Empfinden in erlebbarer Form dargestellt – und dadurch (ist es Zauberei?) etwas vom Lebensgefühl einer ganzen Generation ausgedrückt. Wie das heute noch wahrgenommen wird, lässt sich in zahllosen kritischen Würdigungen, etwa anlässlich der erweiterten Neuveröffentlichung 2017 mit dem Zusatz OKNOTOK nachlesen. Und ganz gleich, ob da die musikgeschichtliche oder die gesellschaftliche Bedeutung des Stilgrenzen auflösenden Ausnahmewerks im Vordergrund steht, ein Aspekt kommt dabei immer (wenn auch zwischen den Zeilen) zum Ausdruck: Die prophetische und zukunftsvisionäre Dimension. Wollen wir das einmal explizit herleiten: Prophetie als Wort kommt aus dem Altgriechischen und hat, wie in dieser Sprache weithin üblich, ein sehr breites Bedeutungsspektrum. Keineswegs lässt es sich auf die beiden uns geläufigsten Entsprechungen reduzieren, nämlich “für (einen) Gott sprechen” und “die Zukunft vorhersagen”. Wenn wir dazu den Begriff “Vertikale Resonanz” (wie Hartmut Rosa ihn erklärt) einführen, der Religion, Naturerleben und Kunstgenuss umspannt, dann können wir die Prophetie von Radiohead als tiefes Eintauchen ins eigene Empfinden verstehen, das eben dadurch viel zur Entwicklung aller aussagt.

Wie schon so oft haben die Kolleg_innen vom Deutschlandfunk diesen Umstand in einem hervorragenden Artikel beleuchtet (und es ist Balsam für die Ohren, wenn der Musikkritiker tatsächlich Hörmann heißt). Wir erlauben uns, daraus zu zitieren:

“Die Digitalisierung steckt Mitte der 1990er Jahre noch in ihren Kinderschuhen. Das Internet macht die ersten Schritte: Noch gibt es keine Smartphones, keine Sozialen Medien. Und doch werden wir langsam zu von Maschinen gesteuerten Menschen.

Fitter, happier / More productive / Comfortable / Not drinking too much…

Die menschgewordenen Maschinen bestimmen immer mehr unser Leben. Und der Computer beginnt, uns zu dominieren. Radiohead komponieren dazu einen Kultur-Skeptizismus. OK Computer: Du versprichst Gutes, wir befürchten Böses. Datentransfer und Transitverkehr – alles ist in Bewegung, die Welt rauscht an uns vorbei. Die Vernetzung der Maschinen, die Vereinzelung des Menschen.

Calm, fitter, healthier and more productive / A pig in a cage on antibiotics

Ein Schwein im Käfig, vollgepumpt mit Antibiotika. Die Welt ist grausam. Natürlich.   Und dein Leben ist klaustrophobisch. Oh ja, auch das.”

 

Nachträglich

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Februar – “Nachträglich” gratuliert man zum Geburtstag, “im Nachhinein” gibt man mitunter ein noch fehlendes Dokument ab, “im Nachgang” werden auch noch die komplexesten Ereignisse analysiert – und “nachtragend sein” hat eine entschieden negative Bedeutung. Genau deshalb werden wir euch diesmal einiges von dem “nachtragen”, was in letzter Zeit quasi liegen geblieben ist. Die Zumutung besteht nicht nur darin, dass der letzte Sonntag dieses Monats auf den 28. Februar fällt, sondern dass wir inzwischen seit einem Jahr im Ausnahmezustand vegetieren. Und dabei von so schlechten Schauspielern “regiert” werden, dass dagegen sogar die Familie Putz hoch kompetent wirkt. Aber – schön der Reihe nach …

Nachträglich CreepRadiohead schrieben in den 90ern einen Song, der weltweit zu einer Art Hymne für alle Außenseiter wurde, wie speziell die Unplugged-Version von KoЯn deutlich macht.

Die Letzten sind längst die Ersten, die Verletzten sind längst die Ärzte – und auch die Außenseiter sind längst die Insider

In einem gewaltfreien Dialog auf Augenhöhe, in einer Demokratie also, ist das Zusammenwirken von Verletzten und Ärzten zum Zweck der Gesundheit längst verwirklicht. Oder?

Tom Liwa hat sich eines weiteren Songs aus den 90ern angenommen (mit dem wir damals geradezu totgedudelt wurden) und zelebrierte mit seinem REMCOVER die hohe Sprachkunst der Textübertragung. Endlich verstehen wir etwas von dem, was da einst überall halt irgendwie schön klang, bis es ob seiner Inflation nur mehr zuviel war. Die blöde Propaganda vom unendlichen Wachstum elegant entzaubert. Chapeau!

Leonard Cohen war immer schon ein lyrischer Kritiker der herrschenden Verhältnisse (Verhältnisse der Herrschenden). Seine “Songs of Love and Hate” spannten auch immer schon einen Bogen von der Unterwerfung (in persönlichen Beziehungen) zur Unterdrückung (im politischen Geschehen). Misha Schoeneberg hat “Democracy” mit “Gerechtigkeit” übersetzt, und das ist nicht nur vollinhaltlich im Sinne des Autors, sondern auch absolut zutreffend. Worin leben wir eigentlich?

Michael Köhlmeier hat ebenfalls Songs aus dem Englischen übersetzt – und trägt selbige mit musikalischer Begeisterung vor. Allerdings diesfalls (wie einst mit Reinhold Bilgeri zusammen) in bester Vorarlberger Mundart. Nachträglich zu unserer Sendung “Das finstere Tal” hören wir eine Liveaufnahme seiner Nachdichtung von Lou Reeds“Walk on the Wild Side” (vom Krebshilfe-Benefizkonzert 2012 in Dornbirn).

Und Angelo Branduardi, dem wir unlängst ein “ganzes Album” gewidmet haben, soll auch noch mit seinen neueren “Übertragungen” zu hören sein, haben wir ihn doch geradeals jemanden erkannt, der Musik und Text aus vergangenster Zeit ins Hier und Heute, in unsere lebendige Gegenwart schreibt, spielt und singt. Wie zum Beispiel die fast 1000 Jahre alten Kompositionen der multitalentierten Klosterfrau Hildegard von Bingen.

Nachträglich ein Vorgeschmack sozusagen …

 

Hakuna Mutanta

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Februar – Die Idee zu dem titelgebenden Wortspiel verdanken wir einer Szene aus dem Disney-Epos “König der Löwen”, die ewig Junggebliebenen werden sich erinnern, “Hakuna Matata” ist Swahili und heißt soviel wie “Es gibt keine Probleme.” Hier zur Entspannung die polnische Variante. Nun mag “Hakuna Matata” für den Hausgebrauch eine ebenso nützliche Philosophie sein wie “Probiers mal mit Gemütlichkeit”, nichtsdestotrotz leben wir in verseuchten Zeiten und draußen vor der Tür mutieren die Viren, dass einem schwindlig wird. Zeit, dem Leben auch unter veränderten Bedingungen wieder eigeninitiativ entgegen zu treten. Etwa mit John Steinbeck, Bruce Springsteen und Tom Morello. “The Ghost of Tom Joad” stellt einmal mehr die Frage: Was will uns der Dichter damit sagen?

Hakuna MutantaUnd überhaupt, was will uns die derzeitige Situation sagen, die wir zwar nicht direkt verändern, aber durchaus wahrnehmen, verstehen und zum Anlass für unsere eigene Geschichte nehmen können? Was mutiert da alles vor sich hin, wenn wir “das Virus” als das begreifen, was es in seinem Wesen zutiefst ist: Information, die bei kleinster Veränderung bereits völlig neue Eigenschaften ausbildet? Die sich, wie im Fall des Influencer (Grippe) Virus jedes Jahr “in einem völlig anderen Gewand” zeigt? Mutieren nicht auch ganze Gesellschaften sowie ihre Staatsformen und Wirtschaftssysteme auf ähnliche Weise? Bisweilen kommt es mal zu einer Revolution gegen Gewalt und Unterdrückung – an der zugrunde liegenden Information wird etwas verändert und schwuppdiwupp – das gewalttätige Machtkonstrukt hat einen neuen Namen, aber es besteht weiter, erzählt viel von Freiheit und unterdrückt andersoder Andere.

Seit Jahrhunderten wird immer wieder aufs neue an einem Impfstoff gegen diese Art von Machtmutation gearbeitet, er heißt Demokratie, und er muss genauso ständig weiter entwickelt werden, wie das Machtvirus, schwuppdiwupp, vor sich hin mutiert. Der Vortrag “Demokratie erneuern” von Prof. Rainer Mausfeld bietet einen Einblick in diese Vorgänge. Sein erster Abschnitt trägt den Titel: “Das gesellschaftliche Gift unersättlicher Machtgier und das zivilisatorische Gegengift Demokratie.” Schön! Und wie wir unter diesen Vorzeichen leben könnenund wollen, das entwickelt Prof. Hartmut Rosa in seiner “Soziologie der Weltbeziehung” rund um den essentiellen Begriff “Resonanz”. Zum Schluss unserer heutigen Mutation noch die entsprechende Literatur/Filmempfehlung: Früchte des Zorns. Macht macht mobil

PS. Das Virus und das Immunsystem. Von Karl Lauterbach auch für “interessierte Nichtspezialisten” empfohlen. Na ja, ein bisserl Fachenglisch sollte man da schon …

PPS. In der Sendung haben wir, als eine Möglichkeit des Perspektivwechsels, davon gesprochen “was uns das Virus erzählen könnte”. Kurz darauf, am 2. März sendete ARTE den Dokumentarfilm “Corona: Sand im Weltgetriebe” von Alain de Halleux, der in seiner Dramaturgie just die Erzählperspektive des Virus einnimmt. Chapeau!

 

Pandemie. Nein, Poesie!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 31. Januar Ein lyrischer Kosmos besteht aus einem Urknall von Ideen sowie seinen zahllosen Möglichkeiten der Gestaltwerdung. Ein lyrischer Kosmos bildet sich durch wiederkehrende Wiederholungen von immer wieder neuen Variationen seiner endgültigen Form, die aber nie endgültig sein wird, zumal bereits wieder eine neue Variation in ihre Verwirklichung drängt. Fortwährend sich veränderndes Schaffen an ein und derselben Ursprungsidee (die zumeist nicht einmal klar erkannt und benannt werden kann), das ist Schöpfung als Dauerzustand. Und jedes einstweilige Endergebnis, das von uns betrachtet und beschrieben wird, ist Poesie. Ist ein Lied, ein Bild, ein Gedicht, ein Musikstück – oder die durchdachte Kombination von Verschiedenem zu der einen gemeinsam lebendigen Darbietung.

Pandemie. Nein, Poesie!Vor langer Zeit suchte mich einmal ein junger Mensch auf, um seine Sprachlosigkeit zu überwinden, die ihn immer dann befiel, wenn seine Freundin ihn fragte: “Was denkst du gerade?” Ich riet ihm, in diesen Augenblicken alles zu vergessen, was er sein wolle oder von dem er glaubte, es sein zu sollen oder zu müssen – und statt dessen einfach das zu sagen, was ihm als erstes in den Sinn käme. “Aber wie find ich das?”, war die berechtigte Nachfrage darauf. “Stell dir vor, du kannst mit deiner Hand durch deinen Mund ganz weit in deinen Bauch hinunter greifen. Dort packst du dann das Gefühl, das du gerade hast, holst es wieder durch den Mund heraus – und beschreibst es ihr.” Die beiden hatten daraufhin, wie ich erfuhr, überaus intensive romantische Erlebnisse. Und so gesehen ist jeder Mensch ein Dichter (eine Dichterin!). H. C. Artmann hatte umfassend recht: “Der poetische Act”. Die Güte und Gediegenheit des Gefühlten, Gedachten, Gedichteten erwächst aus der zunehmend bewussten Wiederholung. Und dann gibt es auch noch Sprachbegabung, Sprachverliebtheit und die sich bis zur Bessenheit steigerbare Ausdruckslust – in den unendlichen Weiten der Poesie.

An der Selektionsrampe des Warenhaus International stehen schon die Schergen der Marktwirtschaft und sortieren unsere Äußerungen nach deren Verwertbarkeit. Während sie sich durch unser Intimstes wühlen, erkennen wir einander und das Leben, das wir sind. Der, den mein Freund kannte begleitet uns dabei. Und mit ihm viele, deren Dichtung Wahrheit ist und nicht zum Kommerz verzweckt sein soll

 

Das goldene Tal

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. Januar – “Das goldene Tal” ist eine jener Sagen aus Salzburg, die Michael Köhlmeier nebst zahllosen anderen Märchen und Mythen frei erzählt auf CD herausgebracht hat. Und es ist die perfekte Metapher für eine Gesellschaft, die dem Reichwerden verfällt, sich nach außen abschottet – und schließlich untergeht. Willkommen im 21. Jahrhundert! Auf unserer heutigen Reise besuchen wir einige recht bodenständige Liederdichter und Geschichtenerzähler in ihrer “Heimat”, die ihre Kunst und somit ihre Seele niemals an den meistbietenden Tourismusverein verkaufen würden. Denen es mehr um die Erhaltung unzerstörter Landschaft und Menschlichkeit als um den größtmöglichen Profit auf Kosten der nachfolgenden Generation geht. Denen ein lebendiges Herz mehr bedeutet als eine

Das goldene Tal wird von einem Schattenkönig beherrschtgoldene Uhr oder sonst ein Tinnef mit Lakritz. Und so treffen wir nicht ganz zufällig auf Fritz Messner, der mit seiner Band Querschläger auch diverse Tauerntäler bespielt, sowie auf Toni Knittel, einen Bluatschink aus dem Lechtal, dessen Mundart das heilige Land mit dem Ländle in Verbindung bringt. Und dort waltet wiederum der eingangs erwähnte Meistersinger der erzählten Rede. Ha! Gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rundreise also. Mit Abschweifungen, wie es sich gehört: Etwa anlässlich der Frage, was “der Bluatschink” denn eigentlich ist. Die Etymologie dieses dämonischen Wassergeists führt zur klangvollsten Volksgruppe, mit der ich mich je identifiziert habe, nämlich zu den “kärntnerischen Alpenslaven”. Chapeau! Und auch zum “Blutschinkischen Grobianismus” aus der Phantasiewelt Zamonien von Walter Moers, weshalb wir den Herrscher über das goldene Tal hier vorzugsweise durch eine entsprechende Plastik von Carsten Sommer illustrieren. So überaus elegant kann (und sollte man auch!) aus der Abschweifung zurück finden.

Zurück in das goldene Tal, dessen Bewohner ihre Söhne schlachten (ihre Zukunft zerstören), um über die Maßen reich zu werden, den Taleingang (die Außengrenze) mit einer unüberwindlichen Mauer versperren, damit ihnen niemand ihren Reichtum wegnehmen kann, und die am Ende genau den Teufel anbeten, der sie zu diesem herzlosen Tun verführt hat. Doch wer oder was ist dieser Satan? In die Gegenwart übertragen hockt da ein Mammonmoloch auf dem Thron, die Summe aller Absichten und Entscheidungen, das Lebendige hintan zu stellen und den Wunsch nach mehr und immer noch mehr Reichtum (und Macht und Bedeutung und Ruhm) vorzuziehen.

Doch nach wie vor gibt es Propheten, die den handelnden Personen ins Gewissen reden: “Es sitzt ein Mann im Kanzleramt, der hat ein Herz aus Stein.” Kehrt um! Sonst fahren wir noch allesamt zur Hölle, herzlos und schuldig am Tod der Zukunft.

Etwas dagegen tun? Bitte, hier: Courage – Mut zur Menschlichkeit