100x NIEWIEDER für Marko Feingold

-> Download: Artarium vom Sonntag, 26. Januar – Auf Bernhard Jennys Blog findet sich seit Marko Feingolds 100. Geburtstag folgende Beschreibung: “100xNIEWIEDER ist eine aktion, bei der 100 menschen uns ihr persönliches kurzstatement schenken, in dem sie ihren persönlichen zugang zum NIE WIEDER formulieren. die aktion startet am 28.5.2013 und dauert 100 tage, jeden tag kommt eine aussage zu wort. zum abschluss der aktion werden wir dann die 100 statements gesammelt an marko m. feingold übergeben. mit der aktion 100xNIEWIEDER wollen wir ein zeichen setzen, dass uns die überlebensgeschichte von marko m. feingold und seine unbändige energie, mit der er sich von der ersten nachkriegsstunde an bis heute für das NIE WIEDER einsetzt, ein auftrag ist, dem wir uns verpflichtet fühlen.”

100xniewiederlogoDie persönliche Überreichung der 100 Statements findet sodann am Dienstag, 28. Januar 2014 um 19 Uhr im Literaturhaus Salzburg als eine „multimediale performative Veranstaltung“ statt. Wir haben Bernhard Jenny, den Initator der Aktion, zu uns eingeladen. Mit ihm wollen wir über die Entstehung dieses Projekts sprechen sowie einige Erfahrungen damit austauschen, zumal es sich dabei ja doch um hochaktuelle Fragen nach menschlichem Miteinander in unserer heutigen und zukünftigen Gesellschaft handelt. Auf jeden Fall war es spannend zu beobachten, wie viele unterschiedliche Anregungen so nach und nach zusammen kamen – und aufregend, zuletzt auch noch einen eigenen Gedanken dazu beizutragen. Es lohnt sich bestimmt, das 100xNIEWIEDER auf Bernhards Blog (noch) einmal durchzublättern und sich davon zu einem ganz persönlichen Statement inspirieren zu lassen. Daher werden wir in der Sendung auch einige jener Aussagen vorstellen, die uns besonders angesprochen und zum Mitdenken bewegt haben:

4. 6. 2013 – NIE WIEDER: Dazu haben wir die Pflicht, niemals einen Unterschied zu machen zwischen Menschen verschiedener Herkunft. Niemals Kategorien zuzulassen, die manchen die Existenzberechtigung in diesem Land absprechen. Und immer vehement aufzuschreien, wenn Menschen verhaftet und deportiert werden, nur weil ihre Pässe die falschen Stempel tragen. corinna milborn, autorin, journalistin und moderatorin

17. 6. 2013 – mit dem nie mehr wieder bin ich aufgewachsen. ob ich aber auch damit meine tage beenden werde, wer weiß. das unmenschliche wechselt nur gewand und opfer. livia klingl, journalistin und autorin

9. 7. 2013 – Schreien, sprechen, rufen, tanzen, spielen. Provozieren, argumentieren. Erinnern, Verbindungen herstellen. Erkennen, diskutieren, aufmerksam machen – share. Nicht schweigen, nicht still sein. Riskieren. We are not alone. Also für mich: politisches Tanztheater machen und junge Leute zu beeinflussen versuchen. editta braun, choreographin

17. 8. 2013 – Vergiss nie: der andere ist MENSCH.  daniela krammer, jazzmusikerin

 

Weitere Artikel zum Thema gibts auch hier: Artarium – Das Marko Feingold Projekt

 

Zum Schluss

-> Download: Artarium vom Sonntag, 29. Dezember – Zum Jahresende hören sie das letzte Wort zum Sonntag von Norbert K.Hund – sowie ein Sammelsurium aus bislang Ungespieltem und anderwärts Verwurstetem. Und nach so viel Axel Corti (der 29. Dezember dieses Jahres ist nun tatsächlich sein 20. Todestag) auch eine Radioglosse im eigenen Stil. Selbstredend zu einem ernsten Thema, das uns immer wieder begegnet, das wir jedoch genauso oft wieder ausblenden, um halt irgendwie weiter machen zu können. Nichtsdestotrotz einer ganz wesentlichen Beobachtung beim Betrachten des Zwischenmenschlichen gewidmet – den lebensentfremdenden Nebenwirkungen von Denkgrenzen, Lustsperren und Selbstzensur in unserer Gefühls- und Phantasiewelt:

„I’m not just another Brick in the Wall“ – A geh, wirklich?

Schräger AbgangWo stehen wir heute, am Abend eines weiteren x-beliebigen Kalenderkapitels der jahrhundert-tausendjährigen Heldensaga unserer Zivilisationskultur?

Woraus bestehen all die Mauern in den Köpfen und Gefühlsleibern der ungezählt aneinander verzweifelnden Liebesentzugspatienten? Was trennt die im Grunde aufeinander zustrebenden Menschentiere so nachhaltig von der Verwirklichung ihrer Bedürfnisse, von der tatsächlichen Begegnung mit einander – und vom Wahrnehmen und Wahrmachen – von sich selbst?

Gibt es sie wirklich, die Standardausstattung aller Insassen „entwickelter“ Staatsgebilde und Staatsbehauptungen, diese „Mauer“ in unseren Herzen und Hirnen, die uns immer und immer wieder am Denken, am Fühlen, am Phantasieren hindert – sobald wir es auch nur ansatzweise und über das Vorgegebene hinaus versuchen? Rennen wir nicht alle mit der von Anfang an vorhandenen Lust des Entdeckens und Erweiterns unserer menschlichen Möglichkeiten tagein, tagaus gegen eine innere Wand – bis uns die Köpfe bluten?

Was zur Hölle geschieht mit uns, dass aus Lust schon Verlust wird, noch bevor wir überhaupt anfangen, sie zu erleben? Was zum Henker verneint uns schon im Ansatz die Ausformung einer Aussage über uns selbst, so dass wir sie nicht einmal mehr im Alleinsein zu denken wagen? Woher kommen all die verinnerlichten Denkgrenzen, Gefühlsbarrieren und Vorstellungsverhinderungen? Wie kann es das geben, dass in unserem Innersten und Intimsten längst der Seistaadstrojaner der vorauseilenden Selbstverödung haust – der uns alles abdreht, was uns zum Sein beflügeln will?

 

Ein Fest der Liebe

> Download: Nachtfahrt der Perlentaucher im Dezember 2013 (Part 1) und/oder Nachtfahrt der Perlentaucher im Dezember 2013 (Part 2) – Ein feuchtfröhlicher Seelenstriptease durch alle 24 Fenster des Adventskalenders. Wir öffnen eins nach dem anderen und uns/euch einander Aussichten und Einblicke hinter die verchristlichte Betriebsamzeit dieses stilldunklen Übergangs vom Friertod ins Neuleben. Freilich zaubern wir dabei auch Verborgenes hervor, längst vergessen Geglaubtes, vielschichtig Verwobenes oder überhaupt vollkommen Verrücktes. Keine Ahnung, was sich daraus dann im Verlauf der Sendung ergeben wird – aber irgendeinen dramaturgisch roten Faden braucht es halt immer, auf dass sich all unsere konfusen Mitbringsel daran zu mitteilender Gestalt kristallisieren. Alles weitere werden wir erleben, hören, sehen, spüren. In diesem Sinne „Keine Macht der Seistaadsgewalt!“ und „Wir sind ein geiles Medium…“

Schnaitl SpiritIch weiß nicht, seit wann dieses Bild dort schon herum hängt (aber es kommt mir vor, als wäre es mindestens eine Ewigkeit) oder wer es überhaupt gemalt hat (auf jeden Fall ist es saugut und verkörpert für mich den Spirit jenes Ausnahmelokals, das seit den späten 80ern dem „etwas anderen Publikum“ in Salzburg Herberge bietet). Beginnen wir also hier diesmal unsere Adventreise. Man sollte eh viel öfter mal wieder ins Schnaitl schaun! Eine jener Perlen, die ich unlängst entdeckt habe, ist übrigens der Song „Gilead“, den der sonst aberwitzig schnellsprechende und -singende Rainald Grebe über seinen 15-monatigen Zivildienst in einer deutschen „Nervenheilanstalt“ gemacht hat – oder besser, über die Stimmen der dort von ihm angetroffenen Insassen, Patienten, „Verrückten“ (und was ist bitte „normal“ ??) – sehr betroffen, sehr innerlich – und eben unaufgelöst. Hier schon mal ein Textauszug:

am eingang, an der pforte saß ein mann, der war schon alt.

„treten sie ein, ich bin der förster vom silberwald. ich wünsche ihnen einen schönen arbeitstag. und jetzt stecken sie ihren penis nach links. das linke hosenbein ist weiter, hat ein weiser schneider gesagt.“

wahnsinn, wahnsinn, wahnsinn, wa-wa-wa-wa-wa-wahnsinn.
wahnsinn, wahnsinn, wahnsinn, absurdes theater.

„gott sei dank – ich bin entmündigt! fotze fotze fotze fotze fo…! na, verhaften sie mich doch! fotze fotze! die gedanken sind frei!“

manisch heißt konkret, dass du sieben tage nicht mehr pennst. sie betreten den platz des himmlischen friedens und landen in der wannsee-konferenz.

und als ich ging, da war ich guter dinge. ich vergess‘ euch nie, ich steig jetzt in mein boot. und ich hab gesagt, ich will immer für euch singen. mein katamran steht vor der tür und der ist feuer-, feuerrot. gilead…

Hinter der FassadeDerlei bedenkend ergeht es einem kaum besser mit anderen ausgelöschten Existenzen, auf deren Luftgräbern diese Stadt aufgebaut wurde – und immer noch wird! In dem Zusammenhang sei an ein Salzburger Musikprojekt erinnert, das wie kein anderes den hierorts herrschenden Gewaltsinn der Gleichgültigkeit in Liedern und Texten darstellen – und somit entlarven konnte: Rotz! 😉 Eine Band, die besagte Ausnahmequalität in den Jahren ihres vierköpfigen Auftretens (und bei ihrer Teilnahme am FM4 Protestsong-Contest) in einem solch erheblichen Ausmaß erreichte, dass wir hier schon von einer (längst vermissten und schlechterdings für unmöglich erachteten) „Salzburger Schule“ des Sehens und Aussagens sprechen müssen – zumal die Rotz’schen Songstrukturen nie nachgebastelt wirken, sondern stets eigensinnig selbsterdacht daher kommen. Auch hierzu ein Textauszug aus Faule Wörter:

Ja dein Urteil kennt keine Gnade
Deine Botschaft hat viel Biss
Dabei weißt du doch genau
Nichts ist für immer, nichts gewiss
Ich sehne mich nach dem in dir
Der nichts beweisen muss
Weil wir alle Schatten sind
Und gar jämmerlich zum Schluss
Und du siehst mir in die Augen
Doch du erkennst mich nicht
1000 Welten voneinander entfernt
1000 Wörter – und jedes sticht

Faule faule Wörter

Du spuckst auf deine Liebe
Nennst dich selbst Rebell
Du kennst die beste, neue Mode
Mit deinem Urteil bist du schnell

Bruder komm befreie mich
Mit deinem zarten Kuss
Weil wir sonst Schatten bleiben
Und Idioten bis zum Schluss

Faule faule Wörter

Noch Fragen? Dann einfach einschalten, mitleben, zuhören… 😛 Und keine Angst – das Witzige am wirklichen Frohsein ist ja doch, dass es unvermittelt aus den Trümmern des Abgrundstürzens auftaucht. So auch in dieser Sendung, versprochen! Tjo, tjo, tjodürü… Und jetzt Muuuuuuuh!

 

Das etwas andere Punk-Biotop

-> Download: Artarium vom Sonntag, 8. Dezember – Haben wir ihn nicht allzu oft gehört, gelesen, von Mauern bleichen und bröckeln gesehen, den ewigen alten Kampfruf, der sich auch nie ganz entscheiden konnte zwischen Pose und Poesie? PUNX NOT DEAD meist knallrot in krakeligen Schnellstbuchstaben und ambivalent wie wir selbst – bloß ein weiteres hirnlos hinbrunzertes Oaschloch oder doch wieder Hoffnung auf das Zufleiß des Widerstands, auf Menschennestwärme gegen die Funktionskälte da draußen? Mich rührts dann doch immer wieder aufs Neue an, wenn die Buntkinder, Drauflospiraten und Scheißdirnixen spontan ohne Hintergedanken ihr eigenes Punkrevival ausrufen – zumal, wenn es dabei nicht nach sonstüblichem Eventkasperltum fäult, sondern sich offenbar gesund gesellschaftskritische Geister an den krankmachenden Kränkungen einer völlig aus dem Ruder laufenden Funktionärsversammlung abarbeiten, welche allgemein als „angepasst und anständig“ bezeichnet wird. Ich bin doch nicht blöd!

3deutige AussageSo ist es uns gerade in dieser stillsten Zeit zwischen Glühwurst und Weihblech ein besonderes Vergnügen, die Kolleg_innen der neuen Radiosendung Hallo Punkerland live im Studio zu begrüßen – und gleichsam als Double-Feature auch noch die mit dieser garantiert befleckten Empfängnis verquickte Musikkapelle 3deutige Aussage, deren Bandmotto nichts geringeres verheißt als „Liebe & ein bisschen Punkrock“ – Wenn uns also da nicht das Häferl übergeht, dann weiß ich auch nicht (aber das hab ich ja ohnehin nicht wirklich behauptet) 😛 Abgesehen davon soll hier festgestellt sein, dass mein Fernseher kaputt ist, was zu alledem wohl erschwerend hinzu kommt.

Doch nun genug des Philosophischen und des Seelenstriptease! – Ihr Kinderlein, kommet! Und das zu Hauf – es ist immerhin Radio Empfängnis und wir sind gut zu hören. Unsere kleine sonntagnachmittägliche Adventandacht aus der Bastelbude der Möglichkeitsform verbindet wieder einmal das Ungesagte mit dem Überraschenden. Kein Salzburger Trummblasen nebst Lebkuchen und Leberkassemmel – ein feines Aufspüren des Atypischen in der Kreativität des zusammen Spielens und Lebens! Und eine augenzwinkernde Suche nach dem Sinn (den Wurzeln, der Idee) hinter dem Punk. Ich würde ja vorschlagen, dass, wenn man es auch nur irgendwie ansatzweise definieren kann, es ganz bestimmt kein Punk im ursprünglichen Erscheinugszustand sein kann, entzieht sich doch diese Kunnst-Form schon aus ihrem Selbstverständnis von vornherein jedweder Genrefizierung. Allein die Bezeichnung „Punk“ in einem einschlägigen Fanzine ging den Kunstschaffenden im CBGB’s der späten 70er Jahre zu weit – und auf den Geist! 😀 Da haben wir also jetzt den Salat. Und Mahlzeit!

 

Ein lyrischer Kosmos

-> Download: Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 8. November – Chriss und Norbert reisen durch eine Stimmungswelt voll von Songtexten, die ihnen im Lauf der Zeit bedeutsam erschienen sind. „Fremdsprachige“ Coverversionen (wie etwa Wolfgang Niedeckens Bob-Dylan-Songs auf Kölsch) begegnen sich diesmal auf Augenhöhe mit unseren eigenen „Interpretativen Übertragungen“ von NOFX (The Decline) oder Marilyn Manson (Born Villain). Dazwischen gibts dann natürlich auch noch allerlei emotional Assoziatives an Musikbeiträgen und SpokenWord-Performance. Und hinter alledem beschäftigt uns diesmal auch die Frage: „Was passiert da eigentlich mit uns, wenn wir einen Text hören, der uns begeistert – und wenn wir ihn dann jemand anderem weiter erzählen, mitteilen, darbieten wollen? Was ist das eigentlich – dieses sich ERINNERN – an ein Gedicht, eine Geschichte, einen Song?“

hören und lesenUnter mir brechen morsche Äste und Blätter malen ein Feuer, das sich ausbreiten wird! Verschlingen die einstigen Farben, bis schwarz der Winter ins Land zieht! Bis alles dahin ist und fällt, vor meinen Körper fällt, vor meine Füße fällt, die müde sind und kraftlos. Meine Arme können nicht mehr begreifen.  Mein Kopf schlägt unkontrolliert gegen Mauern, an denen schon so manches Wort zerbrach. Mein Magen rebelliert, meine Zunge streikt. Ich taumle nach vorn, zur Seite, zurück, in den Fluss Leben, in den See Geist, in das Meer Sein, hinab in den Schlund, hinauf in den Duft verbrannter Träume! Ein Rabe bricht die Stille, während die Sonne sich beäugt. Regenschwere Wolken! Eiswind! Schals und Hauben fliegen durch den aufkeimenden Tag! Schirme erliegen den Oktoberworten! Nebel auf den Feldern! Schwarzer Stoff! Gedichte, Geschichten zerbrechen in meinen Händen, die schreiben wollen und nicht können! Es versuchen, vergeblich, gegen jede Widrigkeit! Sinnlos! Entstellt! Ist es naiv an Worte zu glauben? Das Gras liegt schwer, auf der Mauer kein Halt, die Gewissheit fallen zu können! Holz trägt meinen Körper, vielleicht. Ich bin ein Geist!

Christopher Schmall, Oktobermorgen

er-innernKane Faxen – Der Verfall oder Letztes Stadium Hinschwinden (NOFX – The Decline)

(Interpretative MundArt Übertragung von Norbert K.Hund gewidmet Rafi Chaimowicz)

Vo wo san oi die dummen Leit woi hea?
Und duach wos san die so deppad woan?
Zücht zwischn wundaschene Beag,
mim bestn Woazn heagfuadat woan
zu unwichtige Menschn – ohne jedes Gfüh.

Gib die Schuid…

da menschlichn Natur, unsra Bestimmung
gib die Schuid da Geizisgeilherrschoft
da Gottesfuacht
Fuacht vuam Neichn
Ongst vua da Woaheit

Mea Menschnrechte, weniga Unrecht,
do kriagst ka Ontwuat!
Sing auswendig die rot-weiß-rotn Songs
während die Frogn
goa ned gstöd wean
Leant iagndwea nu aus da Vagongenheit?
Wia lebn in da Republik Stüstond.

Vota, wos hob i ton?

singen und sagenIch möchte auch eine Geschichte erzählen: Als ich 1966 in Salzburg in den Kindergarten kam, zeichnete ich unter dem Einfluss der vielen neuen Eindrücke ein Bild. In der Mitte befand sich ein Fleischwolf, in dessen Trichter wir Kinder von oben hinein geschlürft wurden. Unten kamen auf drei Förderbändern Dosen mit Fleisch, Flaschen mit Blut und Pakete mit Knochen heraus, welche sogleich auf Lastwagen verladen und anschließend ausgeliefert wurden. Zuhause erklärte ich meiner Mutter voller Stolz diese Zeichnung und sagte: “Das ist die Menschenvernichtungsmaschine.” Sie nahm das Bild wortlos an sich und räumte es in einen Kasten, und auch auf spätere Nachfragen hin hat sie nie mehr etwas darüber gesagt. Ein schreckliches Schweigen! Wenn wir heute darüber nachdenken, wie wir die nächsten Generationen erziehen können, wie wir sie insbesonders gegen Gewalt und Grausamkeit schutzimpfen wollen, dann müssen wir uns ein Beispiel an Menschen wie Marko Feingold nehmen. Denn nur wer den Mut hat, auch von seinen abgründigsten Gefühlen wie Angst oder Schmerz freimütig zu erzählen, der vermag in den Jugendlichen ihr ohnehin schon vorhandenes Mitgefühl anzuregen – und zu bestärken!

 

GELD MACHT WERTE (Ö1 Radiokolleg)

-> Download: Artarium vom Sonntag, 10. November – Wir präsentieren unser heuriges  Bildungsprojekt zur vorweihnachtlichen Denkanstiftung: GELD MACHT WERTE – eine Produktion aus dem Ö1 Radiokolleg, welche im Jahr 1999 erstmals ausgestrahlt wurde und die wir mit freundlicher Genehmigung des ORF zum 15. Geburtstag der Radiofabrik nunmehr ebenfalls senden. Vom 11. November bis 19. Dezember sind alle 24 Folgen dieser Sendereihe hier in Salzburg und als Livestream abermals gut zu hören – und zwar immer montags bis donnerstags zwischen 13:30 und 14:00 Uhr. Im Artarium spielen wir schon vorab ein paar Ausschnitte als Appetizer und erzählen auch, wie es ursprünglich zur Idee dieser journalistischen Qualitätsoffensive kam. Das vollständige Programm mit den Titeln/Themen der einzelnen Beiträge sowie den Begleittexten der jeweiligen Autor_innen haben wir zudem als PDF zum Download vorbereitet.

Warum aber ausgerechnet diese Produktion nach fast 15 Jahren noch einmal hören, wo doch beinahe im Wochenrhythmus neue Schreckensmeldungen aus der Finanzpolitik für Verunsicherung sorgen? Eben weil vieles davon gar nicht so „neu“ ist, wie es uns ein auf Tagesaktualität ausgelegtes Nachrichtenbusiness oft erscheinen lässt: Denn in einem geschlossenen System war, ist und bleibt nämlich die Summe aller Guthaben immer genau gleich hoch wie die Summe aller Schulden.

Und was wäre ein hochgradig globalisiertes Wirtschaftssystem mit seinen zunehmend grenzenlosen Geld- und Warenströmen denn anderes als ein in sich geschlossenes System? Oder, wie es bereits Bert Brecht prophetisch auf den Punkt brachte: „Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“ In dieser hervorragenden Sendereihe wird also viel grundlegendes Wissen vermittelt über die Entstehung des Geldes, das Funktionieren der Märkte – und den zwangsläufigen Zusammenbruch von Spekulationsblasen. Die Produzent_innen gehen aber noch einen Schritt weiter – sie hinterfragen viele der vorgeblichen Wahrheiten, die uns permanent als unumstößlich (oder alternativlos!) dargestellt werden – und bürsten unsere Wahrnehmungsgewohnheiten ordentlich gegen den Strich. Auf diese Weise können wir uns dann wirklich bilden – eine eigene Meinung nämlich! Muss Wachstum immer sein? Ist es überhaupt gut – oder schlecht? Und unter welchen Bedingungen? Oder besteht ein von vorn herein anzunehmender Zwang zum Wachstum, der die einzelnen Volkswirtschaften weltweit in die Verschuldung treibt?

In diesem Zusammenhang sei zum Beispiel auf den österreichischen Ökonomen und Kapitalismuskritiker Erhard Glötzl hingewiesen, dessen 1998 publizierte, wegweisende Arbeit „Wechselfieber der Volkswirtschaften – Anamnese, Diagnose, Therapie“ bei der Gestaltung dieser Radiokolleg-Reihe eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürfte. Die Hauptthesen werden in der Folge „Schuldner, Gläubiger, Philosophie des Geldes“ im Rahmen eines überaus witzigen Interviewgesprächs von ihm selbst erläutert. Und so wie meine Begegnung mit Erhard Glötzls einleuchtenden Gedanken für mich damals beim ersten Hören ein plötzliches Verstehen der komplexen Materie Geldwirtschaft bewirkt hat – so geht es seitdem vielen, vor allem jungen Hörer_innen bei der einen oder anderen nonchalant aufbereiteten Information aus diesem schier unerschöpflichen Fundus der denkmöglichen Querverbindungen. „Das hätt ich nie gedacht, dass das so einfach ist!“, oder: „Unglaublich, wie alles zusammenhängt!“, so lauten dann typische Bemerkungen.

Wir bringen GELD MACHT WERTE allerdings noch mit ein paar weiteren Absichten gerade jetzt ins tägliche Programm der Radiofabrik: Zum einen wollen wir der jüngst mit einem Radioschorsch ausgezeichneten administrativen und journalistischen Arbeit unseres langjährigen Programmkoordinators Georg Wimmer ein unentrinnbares Hörmal widmen, das seinem Bemühen um handwerkliche Qualität und technische Perfektion gerade in der Ausbildung und Ermutigung von freien Sendungsmacher_innen veranschaulichen mag. Zum anderen wollen wir damit einen Grundgedanken unseres 15-jährigen Jubiläums pflegen, um ihn uns wiederum gemeinsam mit Schmackes ins Bewusstsein zu pflanzen: Unser Zukunftspotenzial hat im Wesentlichen mit der Leidenschaft zu tun, im Medium Radio Grenzen zu überschreiten, Neues auszuprobieren und Visionen zu verwirklichen. In diesem Sinne heißt das auch, Radiomachen von den Besten zu lernen. Also, wagen wir uns doch selbst ebenfalls immer wieder mal an komplexe, komplizierte und kontroverse Themen! 😉

 

Ö1 Radiokolleg Sendereihe GELD MACHT WERTE in der Radiofabrik Salzburg – Programm von 11. November bis 19. Dezember 2013 – jeweils Montag bis Donnerstag um 13:30 Uhr:

Woche 1 – „Die Ökonomie der Unersättlichkeit

Montag, 11. November – Die Weltbank Anschauungsschule
Dienstag, 12. November – Entschuldigung der Verschuldung am Beispiel von Schwellenländern
Mittwoch, 13. November – Die Ökonomie der Unersättlichkeit
Donnerstag, 14. November – Politisches Kapital – Kapitalistische Politik

Woche 2 – „Börsenfieber und Börsencrash

Montag, 18. November – Ein Tag an der Börse
Dienstag, 19. November – Das größte Casino der Welt: die intemationalen Finanzmärkte
Mittwoch, 20. November – Einzelaktien, Fonds oder Dachfonds? Eine Orientierung
Donnerstag, 21. November – Krisen und Systemdefizite der internationalen Finanzmärkte

Woche 3 – „Vom Marktplatz zum Finanzmarkt

Montag, 25. November – Kapitalismus: Was ist das?
Dienstag, 26. November – Vom Markt zur Marktwirtschaft
Mittwoch, 27. November – Das organisierte Verbrechen: die höchste Stufe des Kapitalismus?
Donnerstag, 28. November – Makroerfolge und Mikroelend

Woche 4 – „Strategien für ein Leben ohne Geld und Zinsen

Montag, 2. Dezember – Das Phänomen der Tauschring-Bewegung
Dienstag, 3. Dezember – Geld ist, was Geld bewirkt
Mittwoch, 4. Dezember – Konflikte mit der Normalität – rechtliche Grauzone
Donnerstag, 5. Dezember – Wirtschaftliche Integration und Regionalökonomie

Woche 5 – „Kulturphänomen eines Zahlungsmittels

Montag, 9. Dezember – Von den Anfängen des Geldes bis zur Einheitswährung
Dienstag, 10. Dezember – Geldgeschichte und Herrschaftsgeschichte
Mittwoch, 11. Dezember – Geldwirtschaft als System
Donnerstag, 12. Dezember – Schuldner, Gläubiger und die Philosophie des Geldes

Woche 6 – „Der tägliche Umgang mit dem Geld

Montag, 16. Dezember – Bewegungsspielräume und Abhängigkeiten
Dienstag, 17. Dezember – Die Extreme von Arm und Reich und ihre Wahrnehmung
Mittwoch, 18. Dezember – Die Metamorphosen des Geldes
Donnerstag, 19. Dezember – Geldinteressen – Kommunikation/Suggestion – Wahrnehmung/Verschleierung

 

Geschlecht und Gartenzwerg

Download: Artarium vom Sonntag, 27. Oktober – Nun ist es also amtlich, die Radiofabrik ist 15 und darf jetzt auch schon allein Mopedfahren. Vor lauter Freude darüber haben wir heuer gleich 3 Sendungen für ihre zukunftsweisenden Inhhalte/Konzepte mit dem seit 2008 vergebenen Medienpreis „Radioschorsch“ ausgezeichnet. Und ebenso einen ehemaligen Kollegen, der sich seit der Gründung des Senders jahrelang mit Hingabe um diese Zukunftsfähigkeit verdient gemacht hat – als Journalist, Programmkoordinator und Vereinsmitbegründer – nämlich Georg Wimmer (nach dem der Radioschorsch allerdings NICHT benannt ist). Der ist wiederum einem geschäftigen Gartenzwerg nachempfunden, einem mythischen Wesen, das wie kein zweites für heimliches Schaffen im Untergrund steht. So weit, so verständlich. Doch haben Gartenzwerge eigentlich ein Geschlecht? Wenn ja – welches? Und überhaupt – wer ist Henry Lûmí?

Radioschorsch 2008Es war eine grandiose Zeit, als die Artarium-Crew den allerersten Radioschorsch für die gelungenste Sendung zum 10-jährigen Jubiläum der Radiofabrik verliehen bekam. Keineswegs weniger grandios gestaltete sich die heurige Preisvergabe, über die wir hier ebenfalls als allererste berichten wollen:

„And the Schorsch goes to…“ 😀 Die ausgezeichneten Sendungen und ihre Gestalter_innen: Robert Schromm und Hans Peter Reuber für „Hallo Nachbarland“ in der Kategorie „Networking und Community-Building“ – Gunther Engetsberger für „Soundburg Radio“ in der Kategorie „Technologische Pionierleistung“ – Die Literaturgruppe Lachmeer mit Rosi Krenn und Robert Presslaber für „Radio Stachelschwein“ in der Kategorie „Soziale Visionen und deren Verwirklichung“. Wir gratulieren abermals allerartigst und schwelgen in den Nachbeben eines gelungenen Abends. Merci euch allen! Was wir jedoch schmerzlich vermissen, das sind ein paar Songs der fabulösen Sheepbrothers zum im Radio spielen. 😉 Für uns waren sie menschlich wie musikalisch eine ordentliche Offenbarung…

IntersexAnd now to something completely difficult: Ein Thema, das uns immer wieder in neuer Gestalt unterkommt, ist die selbstbestimmte Suche nach der eigenen sexuellen Identität. Fast genauso kompliziert wie das Geschlecht des Gartenzwergs zu definieren, gestaltet sich meist auch der Weg in ein erfülltes Leben für Menschen mit nicht eindeutig zuordenbaren Geschlechtsmerkmalen oder Geschlechtsvorlieben. Dass dies auf vielerlei Ebenen (und nicht nur rein körperlich) eine wichtige Rolle spielt, das erklärt uns etwa dieses Video mit dem vielsagenden Titel „Human Sexuality is Complicated“. 😛 Wir empfehlen es hiermit uneingeschränkt, auch zur Einstimmung auf unsere Sendung.

Was uns darüber hinaus in Erstaunen versetzt und zu zarten Anflügen von Hoffnung Anlass gibt, ist der Umstand, dass ausgerechnet im gesellschaftlich nicht gerade als progressiv verschrieenen Salzburg seitens der Hosi die österreichweit erste Stelle einer eigenen Intersex-Beauftragten eingerichtet wurde. Aber Hallo! Demnächst outet sich noch der Erzbischof als evangelisch und die Festspiele werden zum Forum für Armutsbekämpfung und Globalisierungskritik? Doch lassen wir die Kirche erstmal im Kraut und folgen wir unserer bewährten Neugier. Wir haben Gabriele Rothuber (so heißt die neue Fachfrau für Geschlechterfragen) zu einer unserer kommenden Sendungen eingeladen, weil wir mehr über ihre Arbeit sowie das eben nicht gerade übersichtlich erscheinende Thema Intersexualität erfahren möchten. In der Zwischenzeit laden wir zum Intersex Solidarity Day am 8. November (ab 18 Uhr im Unipark Nonntal), Flyer/Programm gibts als Download.

 

Wider die Dummheit

Stream/Download: Artarium vom Sonntag, 13. Oktober – Wir lieben Sprache – nicht irgendeine, sondern, sagen wir mal, eine anspruchsvollere welche. Dumpfrestliches Funktionsblabla ist unsere Sache ebensowenig wie aufgebrezeltes Wahlgeschwafel oder alkoholschwangeres Pimperantorülpsen. Für uns besteht ein Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, sich anderen Menschen gegenüber adäquat nuanciert auszudrücken und der Möglichkeit, etwa seine Sexualität als selbstaussagende Mitteilungsform zu erleben – und nicht als blödsinniges Bodenturnen für ausdrucksarme Flachbildhirne, oder was auch sonst immer aus Plastikpornos Fließbandschas heraus interpretiert werden mag. Niveau ist eben auch in Liebesdingen fürwahr keine Haut- oder Gleitcreme! Wir lernen lieber lebenslang, uns artizukulieren – und setzen hiermit ein unüberhörbares Zeichen, wie wunderbar, vielschichtig, rhythmisch, melodiös, humorvoll, detailverliebt, berührend und ausgefeilt Sprache eben auch sein kann:

Der Salzburger SchmutzengelZum Zweck dieser Übung in angewandtem Ausdruck und hörendem Staunen bemühen wir diesmal drei Herren, die das Metier der Wortkunst in jeweils eigener Weise einem solchen Höhepunkt (jawohl!) zustreben lassen, dass uns die Ohrrüben anschwellen und die Gehörherzen weit aufschmelzen vor lauter Geschmeidigkeit eines solch erbaulichen Wohlgetöns…

Nun genug der Werbung für sprachliche Ergüsse der angenehmeren Sorte und stante pede (schlanken Fußes kopfüber) in medias res der heutigen Programmgestaltung: Zum ersten würdigen wir in Anlehnung an unsere Beat-Poetry-Nachtfahrt den Meister des englischsprachigen Spoken-Word-Vortrags Allen Ginsberg mit dem jüngsten Lyrik-Musik-Crossover „America (The Highs and Lows)“ featuring The Trouble Lights. Zum zweiten eine weitere Episode aus Jochen Malmsheimers Bewusstseinstheater, nämlich das bibliophile Kunststück „Flieg, Fisch, lies und gesunde“  – im Rahmen unseres selbstgewählten Bildungsauftrags der Bücherförderung. Und zu guter Letzt, bevor uns die Herren Brandt und Schneider ebenfalls gewohnt eloquent ablösen, erweisen wir noch PeterLicht die Reverenz der Feinfrequenz und zelebrieren mit „Fluchtstück“ die schönste Verbindung von eingängiger Musik mit anspruchsvoller Sprache, die uns in letzter Zeit zu Gehör gekommen ist…

Ein “ganzes Album” aus eigener Produktion 😉 sind wir nicht alle ein geiles Institut?

 

5 Jahre Nachtfahrt Perlentaucher

Stream/Download: Artarium vom Sonntag, 22. September – „Die Musik- und Literatur-Gefühlsweltreise von Norbert K.Hund + Christopher Schmall aus der etwas spezielleren RADIOFABRIK: Jeden zweiten Freitag im Monat tauchen wir dazu LIVE durch tiefgründige Themen -> Gut zu hören – von 22:00 – 01:00 Uhr!“ Wahrlich, so steht es geschrieben in unserem Nachtfahrt-Perlentaucher-Blog. Und das ist beileibe keine leere Drohung wie so manches Wahlversprechen heutzutage. Wir meinen nämlich durchaus, was wir da tun und sagen! Nachdem diese illustre Sendung am letzten Freitag dem 13. mit der nunmehr 60. Ausgabe ihren 5. Geburtstag gefeiert hat, wollen wir die sich bietende Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, auch euch, liebe Artarium Hörmuscheln und Ohrrüb_innen auf den Geschmack dieses im Wortsinn tiefgehenden Radioprojekts zu bringen. Denn wir haben – wie ihr wisst – noch lange nicht genug…

P1000510blauDer junge Suchende zieht also irgendeine “erwachsene” Ritterrüstung an und stülpt sich dazu noch einen vorgefertigten Helm über (namens Gott, Ehre, Stolz, Heimat,..) Schon lernt er nichts neues und anderes mehr, als mit den bereits vorhandenen Symbolen mehr oder weniger “richtig” umzugehen. Ob man ihm jetzt noch dazu beibringt, die Rüstung schön anzumalen oder sich darin anmutig zu bewegen, ist scheißegal – er hat sie ja längst an! Dazu hat er auch noch den passenden Helm, Hut, Denkschädel auf. Ob er sich an selbigen dann Blumen, Federn oder Würste steckt – das ist ebenfalls wurscht. Denn Hut bleibt Hut, Herrschaft bleibt Herrschaft, und Gewalt bleibt so eben auch. Es kann also nicht darum gehen, den “ein richtiger Mann” werden wollenden Jugendlichen dabei zu beobachten, wie er das “richtige oder falsche Ficken” lernt. Es ginge vielmehr darum, ihm endlich zu erlauben (und ihn dabei auch zu unterstützen), eine Sexualität zu entdecken und zu erleben, die sich mit überkommenen Brutalbegriffen wie “ficken, pudern, schuastern” gar nicht mehr beschreiben ließe… 😀 Denn wer zu sehr danach strebt, zum Abbild seiner Vorbilder zu werden, der sollte sich dann auch wirklich nicht wundern, dass sein Selbst als ein Abziehbild daher kommt. (Norbert K.Hund in „überwinden verwandeln“ vom 13. September 2013)

unterm radWir wachsen so selbstverständlich mit der Sprache auf, dass uns teilweise gar nicht mehr auffällt, wie zauberhaft und magisch sie sein kann. Sie kann Welten öffnen, fantastisch und traumhaft; sie vermag es aber auch uns zu verletzen, hässlich zu sein, widerlich und ekelerregend. Sie ist unendlich weit, farbenfroh und so facettenreich; dennoch stoßen wir hin und wieder an ihre Grenzen. Sprache kann wirklich sprachlos machen. Manchmal verschlagt es uns die Worte, wir können nichts mehr sagen, bringen keinen Satz mehr hervor, als hätten wir verlernt zu sprechen…

Ich als Dichter lebe von ihr. Ich liebe und ich hasse sie; und bin auf sie angewiesen. Es ist schon merkwürdig wie ein Wort den Sinn eines ganzen Satzes verändern kann. Es ist ein ständiges Abwiegen, ein andauerndes Überlegen und Feilen, eine Arbeit, eine Beschäftigung, die niemals aufhört, immer weiter geht. Ich bin im Bann der Worte. Und kann doch über sie bestimmen! Ich glaube, es ist eine Art Symbiose. Ohne Worte könnte ich nicht meine Gedanken nieder schreiben und ohne mich blieben sie nur seltsame Hieroglyphen… (Christopher Schmall in „Dichterwerdung“ vom 8. August 2013)

Also begleitet uns diesmal ein Stück weit durch unsere letzten Perlentauchereien, von welchen wir Auszüge von selbst gelesenen Texten und  dazu passenden Musiken spielen werden. Und erfahrt auch etwas mehr über die Idee hinter den Nachtsendungen und über ihre Geschichte des Geschichtenerzählens. Womöglich bekommt ihr dann ja auch Appetit aufs Nachhören der einen oder anderen Episode – derlei Bedürfnisse lassen sich gut im CBA-Archiv der Sendereihe befriedigen. Den stimmungsvollen Nachtfahrt-Kurzfilm von Markus Huber empfehlen wir euch ebenfalls gern als Vorspiel – ähm – Speise.  Und apropos – wir haben euch lieb! 😉

 

überwinden verwandeln

Stream/Download: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. September (Teil 1) 🙂 und Stream/Download: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. September (Teil 2) Eine vierstündige Parzivaliade der etwas sehr anderen Art – zum nunmehr tatsächlich 5-jährigen Jubiläum dieser Sendereihe. Mit Textbeiträgen von Norbert K.Hund und Christopher Schmall, geklauten Ausschnitten aus dem Vortrag „Quest for the Grail“ vom U.S.-franziskanischen Männersynoptiker Richard Rohr (Dank sei dem Großen Bruder Ö1) sowie natürlich jede Menge intuitionsdramaturgisch auserlesene Musik von Collide über Käptn Peng bis Placebo – deren demnächst erscheinendes Album „Loud Like Love“ wir übrigens schon am kommenden Sonntag im Artarium vorstellen werden. Und was wäre geeigneter fürs weiterführende Würdigen unseres ursprünglichen Sendungskonzepts als eine hintergründig entzaubernde Verwandlungsreise auf den Symbolspuren des gernmännlichen Jungritters, der die Antwort sucht ohne Fragen stellen zu müssen?

ÖVPDer junge Suchende zieht also irgendeine „erwachsene“ Ritterrüstung an und stülpt sich dazu noch einen vorgefertigten Helm über (namens Gott, Ehre, Stolz, Heimat,..) Schon lernt er nichts neues und anderes mehr, als mit den bereits vorhandenen Symbolen mehr oder weniger „richtig“ umzugehen. Ob man ihm jetzt noch dazu beibringt, die Rüstung schön anzumalen oder sich darin anmutig zu bewegen, ist scheißegal – er hat sie ja längst an! Dazu hat er auch noch den passenden Helm, Hut, Denkschädel auf. Ob er sich an selbigen dann Blumen, Federn oder Würste steckt – das ist ebenfalls wurscht. Denn Hut bleibt Hut, Herrschaft bleibt Herrschaft, und Gewalt bleibt so eben auch. Es kann also nicht darum gehen, den „ein richtiger Mann“ werden wollenden Jugendlichen dabei zu beobachten, wie er das „richtige oder falsche Ficken“ lernt. Es ginge vielmehr darum, ihm endlich zu erlauben (und ihn dabei auch zu unterstützen), eine Sexualität zu entdecken und zu erleben, die sich mit überkommenen Brutalbegriffen wie „ficken, pudern, schuastern“ gar nicht mehr beschreiben ließe… 😀 Denn wer zu sehr danach strebt, zum Abbild seiner Vorbilder zu werden, der sollte sich dann auch wirklich nicht wundern, dass sein Selbst als ein Abziehbild daher kommt.

SPÖEs ist ein sehr spannendes Unterfangen, die Geschichte des Parzival einmal aus dem Blickwinkel seiner soeben erwachenden Sexualität zu sehen. Denn gerade die Selbstentdeckung leiblicher Lust bei heranwachsenden Burschen wird in einem Ausmaß von Zweckvorgaben zudefiniert, dass einem der Zement des Patriarchts nur so aus der Zerquetsche quillt. Einerseits werden noch immer Überbegriffe wie etwa Gott, Natur, Kulturgeschichte bemüht, um sozusagen „von oben herab“ zu begründen, dass „es von vornherein so ist, wie es ist, und zwar, weil es eben so ist“ – und andererseits werden die Erfahrungen der Mehrheitsmenschheit dahingehend verallgemeinert, dass eben „Vater und Mutter, wir, die Gesellschaft, immer schon so waren (weil wir es eben auch so erlebt oder halt gelernt haben)“ – nämlich HETEROSEXUELL!!! Sinn und Ziel der menschlichen Entwicklung ist also nicht Selbstbestimmung, sondern fruchtbare Fortpflanzung zur Arterhaltung? Wäh 😛

FPÖAuf die eventuelle Frage: „Weshalb regt es sich, weshalb erregt es mich – wenn ich ans Nacktseinküssenberühren denke?“ kommt von irgendwo her eine Antwort wie „Das ist so, damit du später einmal Kinder machen kannst.“ Und es geht gleich noch schlimmer: „Denk nur einmal an Schlüssel und Schloss. Mit einem weichen Schlüssel kann man ja nicht aufsperren.“ Sprache ist eben entlarvend – auch wenns die eigene Muttersprache ist! Wozu statt woher oder die Zerquetschung jeder sexuellen Regung zu gesellschaftskonformem Zwetschkensex. Zu feiner Zerquetschenmarmelade eines immerfortpflanzenden Fruchtbarkeitsismus. Eisprung bist du großer Töne, Jössasmaria! Und was ist überhaupt mit der Burkatante, die dauernd mit dem Gralskelch herumschleicht? Ist Parzival doch ein heteronormativ-katholisches Propagandamärchen für feuchtschwüle Pfadfinder? Das können und wollen wir uns als lebensdiplomierte Symbolentzauberer jetzt aber so gar nicht vorstellen! Gut – zum Schluss der Geschichte lüftet der nunmehr gereifte Held auch noch den Schleier – und erkennt die für ihn bestimmte Frau. Was könnte uns diese Szene jedoch in einem tieferen Sinn zeigen, wenn wir sie nicht einfach allzu schlicht wörtlich nehmen? Die Bedeutung der Symbole können wir durchaus selbst bestimmen. 😉

Die GrünenWas er, der Suchende, im Herzen getragen hat, wird jetzt enthüllt und somit zur Wirklichkeit. Egal, welchen Weg oder Umweg du gehst, kommst du unausweichlich doch dort an, wo du im Unterbewussten schon immer hin „willst“ – und zwar ohne es zu wollen, ohne zu wissen oder zu verstehen, was du willst. Der Fluss des Lebens, die atmende Psyche, jede sich immer wieder gebärende Körperzelle und alles in allem „der Geist“ unseres Gefühlssinns treiben unser jeweiliges Thema immer weiter voran und uns damit solange um, bis wir endlich an-, zu uns – und dann auch noch zusammen kommen! Doch was bedeuten dann der Gral, die Lanze, die „richtige Frage“, wenn nicht das, was uns immer schon beigebracht wurde von den altvorderen Oberhäuptern? Verwandeln wir ein Stück abendländischen Hierarchiezauber wieder in eine ermutigende Erlebensgeschichte und seien wir endlich die, die wir immer schon werden wollten – weil wir es längst sind!

„Oheim, was wirret dir?“ – Wir sind jedenfalls ein geiles Institut! 😀

Ausschnitte aus dieser Sendung sind auch im Artarium vom 22. September gut zu hören… Und unser Nachtfahrt-Kurzfilm-Portrait mit zeitlosen Statements ist ebenso sehenswert.