Midnight Oil – diesfalls LIVE

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 10. Februar – Muss ich denn wirklich jedesmal einen Roman von einem Artikel schreiben hier? Nein, muss ich nicht. Ich enthebe mich der (Selbst)verpflichtung, begnadige mich, spreche mich frei. “Es ist eben alles schon gesagt (Karl Valentin) nur halt nicht von jedem”. Also, was über die Band Midnight Oil (und meine persönliche Freude an ihr) in Erfahrung zu bringen ist, das lässt sich auch diesem Artarium-Eintrag vom Januar 2018 entnehmen. Damals haben wir “ein ganzes Album” aus verschiedenen ihrer Studioaufnahmen zusammen gestellt. Und diesesmal gibts eine Kompilation von Liveaufnahmen, pikanterweise einem 1991 offiziell nicht erschienenen Bootleg entnommen, der einem nichtsdestoweniger da oder dort zum Kauf angeboten wird. Es soll ja Leute geben, die aus allem ein Geschäft machen…

Midnight Oil CoverBei uns geht es um Stimmung und Atmosphäre, weshalb wir in dieser Sendung auch noch eine obskure Unplugged-Version der Midnight-Oil-Ballade “In the Valley” spielen. Damit wollen wir die mannigfachen Möglichkeiten des Musikmachens akustisch illustrieren. Und guad is

When my mother went down
it was a stiff arm from Hades
Life surprises and tears
you like the southerly
She always welcomed the spring
always welcomed the stranger
I don’t see too many around like this
Oh no, that’s what I’m looking for,
yeah, what we’re looking for

In the valley I walk
who will take me there
In the valley I walk
cold comfort I can hear you talk
In the valley I walk
I took some comfort there
In the valley I walk
oh rough justice I hear you talk
In the valley I walk
to meet my watershed

 

Neuer Ordner

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 8. Februar – Wer kennt das Phänomen nicht, dass ein neuer Ordner in jeglichem Computerdings zunächst immer “Neuer Ordner” heißt? Wenn er nicht leer bleibt (wie so oft) – was könnte drin sein? Wir machen diesmal, anlässlich der 100. Ausgabe unserer Perlentauchereien, einen neuen Ordner auf, um uns von (selbst)hergebrachten Ordnungstrukturen (und den damit verbundenen Erwartungen) zu befreien. Klingt einigermaßen pathetisch – ist aber auch so. Denn es gibt kaum Verwegeneres, als etwas vom eigenen Ordnungssystem in Frage zu stellen, aufzulösen, neu zu gestalten. Und zu schauen, was dann passiert… Es ist wohl weithin gebräuchlich, den Ordner zuerst zu benennen, und ihn danach mit “zum Thema passenden Inhalten” zu befüllen. Doch es funktioniert auch andersrum.

Neuer OrdnerWir sind alle damit aufgewachsen worden, dass wir Themen gestellt bekamen – und diese dann gemäß den Erwartungen unsrer jeweiligen Erziehungspersonen zu bearbeiten hatten. Wenn wir das nicht erfüllten, war es eine “Themenverfehlung” und wurde mit “nicht genügend” entwertet. Vielleicht gab es da und dort in einem Freigegenstand wie “Kreatives Schreiben” einmal ein entgegengesetztes Herangehen, indem “das, was einem gerade so durch den Kopf geht” formuliert und verdichtet wurde – und erst dann (vielleicht) ein entsprechender Titel darüber gesetzt. Kunnst also bei unserer heutigen Sendung genauso machen: Wir senden “das, was uns in den letzten Wochen so durch den Kopf gegangen ist”, reichern es damit an, “was uns spontan dazu einfällt” – und ihr könnt diesen “neuen Ordner” so umbenennen, wie es zu eurem Hörerlebnis passt. Ein erster Schritt zu einer “Ordnung”, die nicht von oben herab verordnet wird, sondern die von unten herauf entstehen kann…

PS. Kaum jemand weiß, dass Pjotrek Popolski aus Zabrze dereinst “der gesamte Popmusik erfunden” hat, weshalb man auch sagt: “Dieter Bohlen hat gestohlen alle seine Hits in Polen.” (Zitat von Enkelsohn Pawel Popolski). Wir grüßen ihn freundlich!

 

Der erste Einidruck

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. Januar – Die flächendeckende Zerdepperung alles Menschlichen schreitet schier unaufhaltbar voran. Es ist mittlerweile egal, ob etwas sinnvoll ist – Haupsache, viele bunte Lichtlein und Tschinderassabums. Hat nicht Pier Paolo Pasolini schon in den 70ern voraus gewusst, wie ein weltumspannender Konsumismus jedwede Kultur zielstrebig zersetzt und so die Bevölkerung zum fügsamen Massengatsch fürs Marketing zurecht züchtet? Hat nicht Uwe Dick (auch schon in den 70ern) hellgesehen, wie “Massenblödien, Quasselödien und Kassenschmähdien” die einschläfernde Volksverödung nach den heimlichen Interessen der Machthaberer betreiben? “Wählen sie uns, wir werden ihnen … Trullala.” Was also macht gute Kunst aus?

Ein EinidruckSich selbst einen Eindruck machen können – und eben nicht sich einen Einidruck machen lassen. Das wäre schon mal eine brauchbare Geisteshaltung. Doch in Zeiten zunehmender marktschreierischer Beplärrung einer jeden noch so sinnfreien Produktblähung wird es immer schwieriger, den Kurs seiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu halten. Sich als Künstler in etwas hinein versetzen – und das dann dergestalt darstellen können, dass es beim Publikum hypnotisch wirkt, also einen Sog erzeugt. Jedoch nicht mit den Waffen der Werbepsychologie dem Publikum argtückisch und heimlistig etwas hinein vorsetzen, das die zu diesem Zweck künstlich erregten Gefühle und Bedürfnisse befriedigt. Dieses ganze Market-Ding ist nichts weiter als äußerer Druck, der so hinterfotzig ausgeübt wird, dass die meisten Patienten ihn als inneren Sog empfinden. Einen solchen “Einidruck” bezeichneten wir früher zutreffenderweise als “einidruckerisches Verhalten” (“Wos wüst ma do leicht scho wieda einidruckn?”). Personen mit dieser Eigenschaft empfanden wir als unsympathische, schleimige Kriechwesen, vor denen zu fliehen ein guter Rat und auch nicht teuer war. Heutigen Tags aber ist genau diese zutiefst ungute, ihre eigentlichen Absichten versteckende Herangehensweise ein gesetzlich geschützter Standard in unserer Marktwirtschaft. “Jo homs eich denn olle ins Hirn gschissn?” Diese rhetorische Frage muss man mit “JA” beantworten. Dazu Goethe: “So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.”

Was aber können wir tun, um der allgemein anerkannten (“Jo des is hoid heit a so.”) globalisierten Prostitution (sich für Geld pimpern lassen) gehörig gegen den Strich und somit am Arsch zu gehen? Etwas Echtes im Sinn der guten Kunst vorbringen, Texte von Peter Gabriel zum Beispiel oder ätzende Satire auf politische Korrektheit von Lisa Eckhart: “Die heilige Kuh hat BSE.”

PS. Antithese zur normativen Kraft des Fuckigen: Kein sinnvolles Produkt braucht ständig einidruckerische Promotion, keine ordentliche Politik braucht nervtötende künstliche Beklatschung. Je mehr für etwas fortwährend die Werbetrommel gerührt wird, desto unbrauchbarer und unnötiger ist es. Schon Schön Färberei ist Betrug…

 

Peter Gabriel – Deutsches Album

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Januar – Gibt man Peter Gabriel in die Suchzeile des Artarium-Blogs ein, so erscheinen zahlreiche Artikel/Einträge, die auf diverse Aspekte seines vielseitigen Schaffens Bezug nehmen. Und offenbar ist noch immer kein Ende in Sicht: Diesmal stellen wir ein weiteres Projekt des immer umgetriebenen Slow-Workers in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen, nämlich die 1982 als “Deutsches Album” erschienene Version von Peter Gabriel IV (auch als Security bekannt). Nicht zu velwechsern mit “Ein deutsches Album” von 1980, für welches ebenfalls der deutsche Filmemacher Horst Königstein seine sehr spezielle Nachdichtung der Songtexte angefertigt hat. Über seine Herangehensweise dabei gibt er hier in diesem Gespräch mit dem Deutschen Genesis Fanclub it Auskunft.

Peter Gabriel - Deutsches AlbumLetzterer ist übrigens ein schöner Beweis dafür, dass sich in Dresden nicht bloß Volksidioten tumbeln… Vielmehr eine der inzwischen selten gewordenen Online-Quellen, aus denen sich sauberer Saft schöpfen lässt, aufmerksam, detailverliebt, sprachgenau. So erschloss sich mir etwa durch Lektüre des Interviews mit Horst Königstein, weshalb ich die deutschsprachigen Texte von Peter Gabriel seit den 80ern immer als irgendwie befremdend empfand. Doch waren es genau diese Texte samt ihrer höchst eigentümlichen Darsingung, welche die als “Ein deutsches Album” sowie als “Deutsches Album” herausgebrachten Werke erst zu wirklich eigenständigen Arbeiten gemacht haben. Zum noch besseren Verständnis sei daher hier das CD-Booklet des heutigen ganzen Albums angeboten. Und der Refrain des Songtexts von “Handauflegen” angeführt:

Die Wärme fließt noch in mir
Und ich spür, du kennst micht gut
Kein Glück, kein Los zu fassen
Alles liegt allein bei dir
Es ist wie es ist
Weil nichts Zufall ist – auch hier

Komm zu mir – leg die Hände auf
Bin bereit – leg die Hände auf
Glaube! – leg die Hände auf

 

Im Schatten der Mozartgunkl

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30. Dezember – Das Ende naht! Jedenfalls jenes des heurigen Kalenderjahres. Irgendwann im Verlauf des heranbrechenden (neuen) soll es dann auch eine Aufzeichnung seines denkanregenden Programms “Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt” geben, verheißt unser Gesprächsgast Günther Paal respektive Gunkl, den wir ob seiner langjährigen Salzburgtradition hiermit vom Motzartgunkl zum Mozartgunkl befördern. Eine Ehrenbürgerschaft in Kalau wird immer wahrscheinlicher… Doch an solcherlei Assoziationen ist der gute Mann bitte auch selbst mit schuld, wenn er sich auf der Bühne als Wunderkind der Wortwahl präsentiert. (Seine fulminante Ansage zum ersten Schultag hätten wir doch alle unseren Lehrer_innen nur allzu gern umgehängt. Oder etwa doch nicht?)

MozartgunklUngeachtet jeder zukünftigen Erscheinung (des obgenannten Programms auf DVD zum Beispiel) empfehlen wir dringend, sich die gegenständliche Hirnmassierung in livehaftiger Form anzutun. Auch wenn alles ein Ende hat, so ist ein lang anhaltender Abgang nicht zu verachten, ganz zu schweigen vom noch viel längereren Nachklang. Denn die Denkfrequenzdichtung des (nicht nur) Mozartgunkl ist wie “ein Sackerl Nussen”, das einen im Kopf begleitet und immer wieder Anregendes zum Nachsinnen hervorbringt. Erbauung in der Zerkauung – oder denk nur ich so? Der kürzeste Schüttelreim ist jedenfalls “Du bist – Buddhist”. Und eins der längsten Schüttelreimwerke ist “Die große Menschenfresserballade 1938” von Franz Mittler, hier vorgetragen von Helmut Qualtinger. Dass Günther Paal (Gunkl) ein spezielles Verhältnis zur Schüttlung hat, das wissen immerhin die Besucher seiner Homepage. Aber dass er sogar das Vorwort zu Harald Weinkums geschüttelter Übertragung des Struwwelpeter verfasst hat, das wussten bislang nur die wenigsten. Darin etwa: “Wo einst der Kaspar war gesund, liegt nun er sich im Sarge wund.” Oder auch: “Nun kann der Hund, der Läusehaufen, samt Peitsch’ in sein Gehäuse laufen.”

Wir jedenfalls schieden uns verab von diesem enden wollenden Jahr, geschüttelt wie auch gerührt, und wünschen unserem Publikum darob ein herzerfrischendes Sssippe Sssappe!

 

Jesus H. Christ

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. Dezember – Unsere Adventcollage für alle mit eigenem Gedankengut Begnadeten: Wir spielen das im Jahre des Hirrn 1992 NIE (offiziell) ERSCHIENENE Album nämlichen Namens des anarchoiden Kunnst- und Musikkollektivs Chumbawamba. Abgesehen vom vorweihnachtliche Assoziationen weckenden Albumtitel tun wir dies im Bewusstsein um die gemeinsamen Wurzeln, aus denen sowohl Radiopirat_innen wie viele andere sich herrschaftskritisch jeder Bevormundung widersetzende Gestaltungsformen entsprungen sind. Wir erinnern immer wieder einmal daran, so in diversen Aktionen und Radiostatements wie etwa unserer COPY RIOT “Verformance” von 2015. Das Urheberrecht. Eine Andeutung. Doch erzählen wir dem Jesus schlicht und begreifend eine kleine Adventgeschichte:

Jesus H. Christ - Vinyl CoverNext we’ll be hearing the true story of an American housewife who claims to have taken mid-air photographs of Jesus Christ in the skies of Indiana:

High above the streets and houses Misses Meta Battle
With one hand on the Valium and one hand on the bottle
Somewhere over Indiana, eight miles high
Meta Battle sees the good Lord wandering cross the sky

Have your fun whilst your alive
You won’t get nothing when you die
Have a good time all the time
Because you won’t get nothing when you die

Look! No strings! Just paper, glue, and card
Hark! The angels sing “Paste the Lord”

Meta Battle shot her Lord and watched Him tumble down
And now there’s people out with Polaroids all around town
And who knows, that Jesus on the church near your house
Could well be the original, kiss it as you pass

Hey, you, get off my cloud
Hey, you, get off my cloud
Hey, you, get off my cloud

Don’t hang around cause two is a crowd

Susej em kcuf ho
Susej em kcuf ho
Susej em kcuf ho

Was immer das bedeuten mag…

Jesus H. Christ - All SamplesWegen erheblicher Klagsdrohungen auf Verletzung des Urheberrechts (Hureber rächts?) durfte das Album damals nicht veröffentlicht werden. Es wurde daraufhin in wesentlichen Teilen umgearbeitet – und erschien kurze Zeit später unter dem Titel “Shhh” als ein Statement gegen Zensur. Irgendwer (danke!) hat es dann doch noch gepresst, und so findet es allen Verhinderungsversuchen zum Trotz seinen Weg in eure Radiohren.

Getreu dem fast schon Motto der Band “Pass it along”

Oder eben auch zensurkritisch “Pass it along”

Frohe Ostern, ihr Christbäume!

 

Chumbawamba – Anarchy

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. Dezember – Nun ist das Freie Radio eben auch eine Einrichtung, um das eine oder andere Vermächtnis des Freien Lebens vor dem Vergessen der Vielflatterer zu bewahren. Vor allem, wenn es sich dabei um die Nachlässe derer handelt, die “im großen Geschäft”, sprich im Scheißhaufen dieser um Geldzweck und Kaufzwang kreiselnden Aufmerksamkeitsindustrie nicht genug “einbringen”, um sie zur gefälligen Untenhaltung des Publikums zu verbrauchern. Oder um jene seltenen Exemplare der Gattung Mensch, die trotz heftiger Nötigung lebenslang zwischen den Kategorien wohnen blieben – und sich so jeder Einteilung ins allgemein Übliche entzogen. Ein Schaffenserbe des vielgestaltigen Kunst- und Musik-Kollektivs Chumbawamba möge uns hierfür zum guten Beispiel gereichen:

Chumbawamba - Anarchy 2002Denn die ursprünglich der Punk- sowie Hausbesetzerbewegung im Norden von England entstammende kreativ-anarchistische Truppe mit dem durchaus eigenwilligen Namen Chumbawamba, die nunmehr nach 30 produktiven Jahren leider den Bühnenbetrieb eingestellt hat, war speziell in den 90ern regelmäßig in Salzburg zu Gast – und inspirierte dadurch viele Nichtangepasste auf geradezu osmotische Weise, indem sich ihre lustvoll dargelebte Wesensart mit den Seinsweisen der an diesen Auftritten Teilnehmenden verband. Im Musikarchiv der Radiofabrik schlummern sogar noch Live-Mitschnitte solch elementarer Ereignisse. Was Chumbawamba vor allem auszeichnet, ist ihre hemmungslose Gestaltungsfreude beim Plündern der Popkultur. Nie waren sie Teil jener folklorisierten Zombieparties, die als Immerwiederauferstehung des Punk dessen ewigwährende Selbstverwurstung zelebrierten. Ganz im Gegentum, schon in den 80ern “reclaimten” sie Melodien und Klangzitate, wodurch sie sich zu den Pionieren des Sampling gesellten. In weiterer Folge eigneten sie sich auch noch mannigfache musikalische Stilrichtungen an, die sie stets erfrischend unbotmäßig zu immer neuen Soundcollagen und Selbstaussagen verbearbeiteten…

Chumbawamba verstanden es, die Gesetzmäßigkeiten des Musikbusiness (die sie zutiefst verabscheuten) für die Verbreitung ihrer Inhalte zu nutzen, ohne selbst darin aufzugehen. Ein Höllenritt auf des Rasiermessers Schneide. Das soll uns doch ein ganzes Album wert sein. Eigentlich nicht nur eins!

“In a world full of no-ones – I am someone!”

 

Damalsheutemorgen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. November – “Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen – und die Zukunft gestalten.” Dieses Zitat von August Bebel (Schriftsteller und Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie) gibt einen Aspekt der titelgebenden Wortschöpfung wieder. Wobei Damalsheutemorgen durchaus auch den Seinszustand von jemandem beschreiben könnte, für den das heutmorgendliche Aufwachen schon ziemlich lang her ist, aus welchen Gründen auch immer. Merke: Zeit ist ein Phänomen, dass sich oft gar nicht in Stunden messen lässt. Deshalb soll diese Sendung dem Zeitlosen gewidmet sein, das in früheren Zeiten Kultstatus hatte, sowie seiner zeitgemäßen Vermittlung im Hier und Jetzt, auf dass dieses reiche Vermächtnis auch für zukünftige Gestaltungen zur Verfügung stehe.

Damalsheutemorgen - "Der letzte Hahnenschrei" (Arik Brauer Privatsammlung)In würdiger Vertretung des Hasen begleitet mich Timna Pachner, die doch tatsächlich nach Arik Brauers Tochter benannt ist – und zudem in der Radiofabrik-Lehrredaktion das unerhört!-Magazin mit entwickelt. Gemeinsam wollen wir das kultige Erbe der Familie Brauer bereisen und einer der allezeit legendärsten Radiosendungen beiwohnen: dem Schalldämpfer von Axel Corti. Im Hintergrund lauert die Frage, was eigentlich so eine Kultsendung ausmacht, damals wie heute – und morgen. Oder, wie sich ein zeitloses Damalsheutemorgen bewirken ließe, als Gegengewicht zum vergangenheitslosen Aktualitätsgehechel der immer schneller werdenden medialen Beschleuderung… Nicht, dass wir diesen hochphilosophischen Fragenkomplex in der knappen Stunde, die uns zur Verfügung steht, hinreichend gründlich zerantworten könnten. Aber ein paar Gedanken- und (vor allem) Gefühlsanstöße zum Thema sollten sich schon ausgehen. Zwischen den Zeiten, zwischen den Zeilen, hinter den Gründen und auch unterm Bewusstsein. Mir ist es ja längst ein Bedürfnis, womöglich Wesentliches aus diesen Schätzen des Damals zu heben – und so den nächsten Generationen zu vermitteln.

Und deshalb versteht sich das “etwas andere Kunnst-Biotop” namens Artarium oder auch Nachtfahrt-Perlentaucher in seiner Gesamtheit als ein Archiv vieler rundherum angeschwemmter Spezialitäten in oft überraschenden Zusammenhängen. Da lassen sich dann zum Beispiel Sendungen mit Axel Corti oder Zitate von Arik Brauer sowie ein Album der Band Zeitzeuge finden.

 

Diese schamanische Reise

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. November – Dass die Auszeichnung der Radiofabrik heuer zum ersten Mal nicht als Schorsch, sondern als Georgina (also in weiblicher Gestalt) vergeben wurde, das hat viel mit Teresa Lugstein zu tun, der allzu zu früh verstorbenen Mädchenbeauftragten des Landes Salzburg und langjährigen Sendungsmacherin von Teresas Frauenzimmer. Als in der Programmkommission beraten wurde, ihr diesen Radiopreis als Anerkennung ihres medialen Lebenswerks posthum zuzusprechen, da fiel mir sogleich der Chumbawamba-Song “Georgina” ein. Die Parallelen zwischen Teresas Engagement und den Inhalten der britischen Band sind unüberhörbar, etwa bei Gleichberechtigung, Empowerment und Emanzipation. Und dann gibt es noch diese schamanische Reise, über deren Bericht ich stolperte:

Georgina und die schamanische ReiseEs sorgte damals schon für einiges an Aufsehen, dass die als unheilbar krank geltende Frau, die seit Jahren auf einen Rollstuhl angwiesen war, mit einem Mal wieder selbst gehen konnte. Wesentlich für diese, von ihr als “Wunder” erlebte Entwicklung, war eine schamanische Reise, auf die sie sich mit der Fragestellung “Wie kann ich ein stimmiges Leben führen?” begeben hatte. Über diese Form der “Heilung” berichten ein ORF III Beitrag von Bernhard Hain sowie ihre eigene Erfahrungsbeschreibung auf der Homepage der Foundation for Shamanic Studies in Europe. Diese, auf den Prinzipien des “Core-Schamanismus” nach Dr. Michael Harner aufbauende Praxis andersweltlicher Kommunikation unterscheidet sich für uns von den vielerlei eher obskuren Angeboten ähnlicher Namensprägung. Doch wo ziehen wir die Grenze zwischen seriöser Spiritualität und bloßer Gschaftlhuberei? Nach welchen Kriterien beurteilt die Programmkommission Sendungen zwischen persönlichem Empfehlen und kommerzieller Werberei? Wo endet der Bericht vom Interessanten jenseits des Üblichen und wo beginnt der Jahrmarkt der Eitelkeiten, die Abhängigkeit vom Esoterischen – oder das Kasperltum der Missionierung?

Als Beispiel dafür, wie angenehm unaufgeregt Teresa Lugstein eine schamanisch Praktizierende präsentiert hat, sei hier die Folge “Schamanismus als Herzensweg” aus Teresas Frauenzimmer empfohlen. So kann das gehen…

 

Allerheimlichen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. November – Es gibt so Monate, die sind in der Hauptsache einfach nur da. Und üblicherweise nur mit einem einzigen Feiertag bestückt – mit Allerheiligen. Da wäre zwar noch das Geburtsfest des Hasen, doch das hat kaum je überregionale Bedeutung erlangt. Zum hundertsten Mal jährt sich im heurigen November das Ende des Ersten Weltkriegs. Ebenso auch die Entstehung der Republik Österreich. Zum achzigsten Mal hinwiederum jene in der Reichskristallnacht gipfelnden Novemberpogrome der Nationalsozialisten, als im Dritten Reich die Synagogen brannten und auch sonst viel jüdisches Eigentum geplündert und verwüstet wurde. “In einem plötzlichen Ausbruch des Volkszorns”, so hieß es damals in den Medien. Heute weiß man jedoch, es war staatlich organisiert.

Allerheimlichen TrauerengelUrsprünglich sollte diese Sendung (auch ob der zahlreichen, inzwischen endlos wiedergekäuten Österreichbezüge) Allerheimatlichen heißen, doch dann fiel uns plötzlich auf, dass sie genau in jener Nacht vom 9. auf den 10. November stattfindet, und so entschieden wir uns für den dazu wohl passenderen Titel Allerheimlichen. Denn bei allem beflissenen Gedenken an den nationalsozialistischen Staatswahnsinn ist dieses Datum doch nur einem Bruchteil der Bevölkerung geläufig. Der Rest ist selektive Wahrnehmung sprich Verdrängung, wie das auch die meisten Darstellungen von “80 Jahre Anschluss” heuer zeigten: Viel Betroffenheit über den “Untergang Österreichs”, kaum ein Bewusstsein darüber, dass der “Austrofaschistische Ständestaat”, dessen nationale Souveränität da nämlich unterging, schon seit 1933 als Einparteiendiktatur auftrat – und mit der “Ersten Republik” so gut wie nichts mehr gemein hatte (abgesehen vom Namen Österreich). Lernens a bissl Geschichte, Herr Reporter, oder wer auch sonst. Doch nicht nur, dass “Allerheimlichen” sich (allein schon versmaßtechnisch) besser auf “Allerheiligen” beziehen lässt – “Allerheimlichen” spiegelt zudem auch unser Interesse am unter den Oberflächen Verborgenen geradezu programmatisch wider.

Allerheimlichen KriegsdenkmalSo soll neben dem Gedenken an die Opfer des Weltkriegswahns, des Antisemitismusirrsinns und der Republik Österreich speziell das Leben und Überlebthaben der eigenartigen Abweichler und nicht in die Norm der Verwertzweckung passen wollenden Brötler, Tümler und überhaupt Künstler eine Rolle spielen. Und naturgemäß _innen… Als besonderes Beispiel Axel Corti, der schon 1989 in einem legendären Schalldämpfer dergestalt prophetische Anschauungen zum Thema Kunst und Macht in diesem, unserem ach so schönen Land vorgebracht hat, dass man meinen möchte, er bezöge sich noch 25 Jahre nach seinem Tod auf die aktuelle politische Situation. So ist das mit der Kunst, bitte, die Regenwürmer scheißen auch nicht umsonst in den Boden. So ähnlich ist das auch mit uns, den Hasen, dem Kommando Welpentier oder der Festspielpräsidentin. Je nachdem und überhaupts, solange es der Lebensfreude dient, schichten wir Dramaturgisch-durchkonzipiertes und Spontan-assoziatives in- wie durcheinander, dass die Empfängnisgeräte eures Vertrauens nur so scheppern. Und eure Gehirnwindungen, Gehörknöchelchen und Minderwertigkeitskomplexe.

“Wofia brauchtsn de? Na lossts es weg!“  Karl Ferdinand Kratzl