Engelsgeflüster kommentiert „Kein Kommentar“

Sendetermin: Dienstag, 4. April 2023 um 20 Uhr auf der Radiofabrik Salzburg

Was ist schöner als eine Radiosendung? Zwei Radiosendungen. Diese Folge Engelsgeflüster ist zwei Radiosendungen in einer. Wir sprechen mit Radio Orange Sendungsmacher Herbert Auinger über „Kein Kommentar“. Was ist seine Motivation und sein Antrieb?

Cartoon Engel Moderator

Cartoon Engel Moderator (erstellt mit openai DALL-E)

Gemeinsam sprechen wir über sein aktuelles Thema „Victim Blaming“, welches durch einem Prozess in Salzburg ergeben hat. Ich stelle ihm die Frage: Warum „Victim Blaming“ nicht verschwiegen werden soll, sondern ganz im Gegenteil mehr Öffentlichkeit bekommen sollte.

Far more in common

> Sendungen: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. April“We have far more in common than that which divides us.” (Zitat von Jo Cox) Ich kann mir ja auch nie sicher sein, ob man rinks und lechts wirklich so schwel velwechsern kann – und ob das da auf dem Bild noch ein Baum ist oder schon ein Witz, den diese Stadt über sich selbst erzählt. Wir wagen einen Versuch wie immer mit kontrastierender Musik und kontroversen Texten, doch ohne ­“Moral von der Geschicht”. Die ist und bleibt ein offenes Ende und der eigenen Phantasie überlassen. Das Schöpferische in uns will nämlich zur Geltung kommen und soll dabei schön zweckfrei bleiben dürfen! Es geht ums Herzeigen und ums Verstecken, aber gleichzeitig und ausgewogen. Da kann ich mich verbinden ohne zu verschwinden. Das beglückt und schmerzt zugleich.

Far more in common (Hase 1)Ich liege nackt auf dem nassen Boden. Über mir flimmert goldenes Licht. Blätter fallen auf meine Haut – ein Atemhauch vergangener Träume. Ich spüre die Stille um mich herum und nehme sie an. Ich umarme die langsame Ruhe, das Schreien der Vögel, das Surren der Insekten, die Fühler der Ameisen. Ich bleibe liegen. Warte auf etwas, ohne zu wissen auf was. Ich weiß nur es wird kommen … Vom Wesen des Hasen inspiriert zu einem friedvolleren und gewaltfreieren Menschendasein – auf einer Welt voller Verbrecher und folgsamer Idioten. Gefängnis fürs bloße Äußern der eigenen Meinung. Majestätsbeleidigung! Zugegeben, die real existierenden Nazis waren viel brutaler – der geistige Stoff aber, aus dem ihre Terrorherrschaft bestand, war schon längst vorhanden (er ist es immer noch): Obrigkeitsglaube, Gehorsamkeit und gewissenloses Nachplappern der vorgeschriebenen Parolen (jetzt denkt mal selbst, welche das heutzutage sind). Willkommen im Zwischen und auch hinter den Zeilen!

Far more in common (Hase 2)Denn dieser Text besteht fast ausschließlich aus Ausschnitten unserer begleitenden Artikel aus 12 Jahren gemeinsamer Kunnst. Und die Auswahl der einzelnen Passagen wie auch die Zusammenstellung erfolgt möglichst spontan, unter Umgehung der bewussten Kontrolle und Berechnung – soweit nur irgend möglich, wenn man einen Artikel zu einer Sendung verfasst. Könnten nicht noch spannendere Einblicke ins üblicherweise Unerkannte, Unerforschte, Unaussprechbare zum Vorschein kommen, wenn man Bücher an einer völlig beliebigen Stelle aufschlüge, das so Gefundene daraus vorläse – und sich auf diese Weise eine noch nie zuvor gefundene Geschichte – erzählte? Eine Technik, die wir aus dem uralten Brauch des “Bibelstechens” ableiten und die wir heute als “erweitertes Bücherstechen” bezeichnen – und auch anwenden wollen. Es macht nämlich großen Spaß, das zu ergründen, was da in und um uns wirksam und immer vorhanden ist und was wir gemeinhin nicht bewusst wahrnehmen oder erkennen können. Nicht, dass wir dem, was sich da ereignet, einen Namen geben oder sonstwie eine Definition überstülpen müssten. Nein, es mag, wie wirklich es auch immer sei, im Unverfügbaren verbleiben – und uns auf seine Art begegnen.

Far more in common (Hase 3)… zurück zur Versenkung in den Abgrund des Endlichen und zu der restlos unguten Stimmung, die beim Betrachten der eigenen Ausweglosigkeit aufkommt. Noch dazu inmitten einer Welt, die an allen Ecken und Enden von Betrügern und Berserkern zugrunde gerichtet wird, dass es nur so kracht. Wie heilsam wäre in dieser Situation ein herzhaftes Lachenkönnen und das Gefühl, sich mit Sprachwitz und Verstand zumindest gegen ein paar Erscheinungsformen der allumbrodelnden Verblödungsindustrie eloquent zur Wehr zu setzen. Wer klopfet an? Asylsuchende Assoziationen auf ihrer Fluchtfahrt durch die Dunkelheit ans Licht. Die etwas andere Betrachtungsweise der uns interpretiert überlieferten Geschichte(n). Gruslig schön lustig und freischwebend. Frohgemute Verwurstung von Kulturstrandgut entgegen jeglicher Marktlogik. Keine Ahnung, was sich daraus dann im Verlauf der Sendung ergeben wird, aber irgendeinen dramaturgischen roten Faden braucht es immer …

Wir sind ein geiles Institut.

 

Tyrannenmord

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. April – Seit dem Überfall russischer Truppen auf die Ukraine (am 24. Februar des vorigen Jahres) taucht der Begriff Tyrannenmord wieder vermehrt in den Gedanken und Gesprächen der Menschen auf. Wir wollen uns überlegen, worin sich ein real existierender Tyrann von popkulturellen Archetypen (des “bösen Herrschers” oder der “bösen Herrscherin”, soviel Gleichentrechtigung muss sein) unterscheidet. Und wir wollen am heutigen Todestag von Georg Elser (der kurz nach Beginn des 2. Weltkriegs (am 8. November 1939) im Bürgerbräukeller in München ein Attentat auf Adolf Hitler verübte, das nur leider knapp daneben ging) – also, wir wollen das heutige Gedenken an diesen mutigen Einzelgänger zum Anlass nehmen, etwas vom Wesen der Gewaltherrschaft oder eben “Tyrannei” zu erfahren.

Tyrannenmord - Georg Elser Denkmal MünchenUnd er hätt‘ es beinah‘ geschafft,
Die Mörder live on air zu zerstören.
Das Explosionsgeräusch war für die
Radiohörer deutlich zu hören.

Diese Zeilen aus dem “Lied für Georg Elser” von Gerald Fiebig und William Rossi verdeutlichen das Spektakuläre und eben auch das Scheitern des auf die Minute genau geplanten Anschlags. Ein Umstand, der sich im Konzept des Denkmals in der Türkenstraße als Lichtinstallation wiederfindet: Jeden Tag leuchtet es nämlich zum exakten Zeitpunkt der Bombenexplosion im entsprechenden Rot auf – um gleich darauf wieder bis zum nächsten Tag zu verlöschen. Eine gelungene Annäherung an die Außenwirkung von Georg Elsers todesmutiger Tat – mit künstlerischen Mitteln. Denn der Tyrannenmord bedeutet immer auch das Riskieren des eigenen Lebens, wie wir seit Schillers Bürgschaft eigentlich im Kulturgedächtnis verinnerlicht haben.

Oder seit Stauffenberg. Ich erinnere mich an Dietrich Bonhoeffer, der dem Kreis der Verschwörer des 20. Juli 1944 die Rechtfertigung eines Tyrannenmords aus Sicht des evangelischen Glaubens nahebrachte – und dafür mit seinem Leben bezahlte. Er wurde am selben Tag wie Georg Elser (einen Monat vor Kriegsende) von den Nazis ermordet. Wir spielen heute auch das Album “Lied für Georg Elser”, das “aus Zorn über das weltweite Erstarken des Faschismus geboren” wurde und nähern uns mit künstlerischen Mitteln der Innenwelt des Menschen an, der Tyrannei aktiv ablehnt.

 

Spielt ihm zu Ehren die Zither,
Denn er wollte die Mörder zerstören.
Spielt so laut, dass wir endlich
Dieses Explosionsgeräusch hören.

 

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. März“Adorno? Auf den berufen sich viele.” So hört es sich oft an, wenn die Geschichte an einem (oder einer anderen) vorbeifliegt und ihre Schwingen einen plötzlich anrühren. Komm, schwarzer Vogel. Oder doch ein Engel erlösender Erkenntnis? Die Sehnsucht nach dem möglichen Glück, dessen Erinnerung unter all dem Gerümpel unserer entgleisten, verbeulten und beschädigten Liebe wahrzunehmen wäre, wenn wir uns nur selbst ins Gesicht schauen könnten, ohne die Angst, am eigenen Spiegelbild zu zerbrechen. Haben wir uns nicht immer wieder einmal zwischen Lebensmut und Todeslust befunden? Was kommt von außen – und was von innen? Und wer zur Hölle spricht da? Wer, wenn nicht ich? Himmelhoch jauchzend – dabei zugleich zum Leben betrübt

Es gibt kein richtiges Leben im falschenEine angejahrte Dokumentation aus der kulturellen Treibgutsammlung unserer Individualitätsinsel sollte dabei helfen, den unüberbrückbar scheinenden Selbstwiderspruch in der radikalen Denkwelt aufzulösen:

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen”

Und es gibt einen Zusammenhang zwischen diesem Fehlen von Liebe und unserem Wissen um ihr Dasein. Eine Spur, die uns der wirklich kluge Alexander Kluge legt, indem er einfühlsam und verständig Adornos Lebensgeschichte mit der uns alle umgebenden Weltgeschichte (“es ist falsch gelaufen”) verknüpft. Eine Spur, die wir als roten Faden zum Verstehen unserer Gegenwart im Spiegel von Adornos weit über seine Zeit hinaus wirksamem Denken aufnehmen – und darstellen wollen. Und wenn es ein glückhaftes Zusammentreffen mehrerer quasi als Flaschenpost überlieferter Wahrheiten gibt – was ist eigentlich die Mehrzahl von Flaschenpost?

Ich bin oft ziemlich zerrissen zwischen meiner Vorstellung vom “richtigen Leben” und dem, womit mich die Realitäter*innen in meiner Erfahrung konfrontieren. Ein Zustand, der mich immer wieder krank und unglücklich macht. Nichtsdestoweniger suche ich unentwegt (oder “sucht es in mir”?) nach einer sinnvollen Verbindung mit dem, was da gewesen sein muss, bevor “es falsch gelaufen ist”. Dabei geriet mir unlängst wieder “Das Buch von der Liebe” von Ernesto Cardenal in die Hände und ich las das Vorwort von Thomas Merton. Könnte das vielleicht eine Erklärung sein?

Eine heiße Spur?

 

Battle&Hum#128

Samstag 18.03.2023 (Stairway zum Nachhören)

Die erste Blumen treiben aus, wir treiben euch Frühlingsgefühle ein!

MC Randy Andy’s Primeln:

  • 206 (republik der heiserkeit) – republik der heiserkeit
  • Hotel Morphila Orchester (schwarze energie) – stromtod
  • Blumfeld (ich-maschine) – ich-maschine
  • Brass Against (same) – guerrilla radio

DJ Ridi Mama’s Märzenbecher:

  • Mala Rodriguez (lujo ibérico) – tengo un trato
  • Albatross (single) – i am dead
  • Rainer von Vielen (milch&honig) – klub krise
  • Patti Smith (twelve) – smells like teen spirit

 

„What day is it today?“ asked Pooh

„It’s today.“ squeaked Piglet

„My favorite day.“ said Pooh

 

Link zur Abstimmung

 

 

Schön schiach

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. April – Jenseits geprägter Gewohnheiten und hergebrachter Haltungen entdecken wir jene Übergänge und Zwischentöne, die wieder Bewegung in unsere oft allzu gewohnte Weltsicht bringen. Ist das, was wir als schön oder schiach zu empfinden gelernt haben, wirklich unser ureigenstes Gefühl? Gefickt eingeschädelt. Wo Himmelhoch und Abgrundwärts zusammen wirken und das Entwederoder in Sowohlalsauch verwandeln, wird das Paradoxon des Lebens in seiner Vielgestalt erkennbar – und wirkt sich wie ein dreidimensionaler Spiegel auf unsere Selbstwahrnehmung aus. Wir spielen mit Seh- und Hörgewohnheiten, damit Veränderung geschieht, so wie schon Slavoj Žižek derlei bei Laibach zeigt Und wir entdecken Coverversionen, die brachliegende Bedeutungen hervorholen.

Schön schiachUnlängst machte mich ein Freund darauf aufmerksam, dass ihm erst beim Hören von S.O.S. von Portishead deutlich wurde, wie zutiefst traurig der Text des ABBA-Welthits eigentlich ist. Wenn man bedenkt, dass die Portishead-Version unter dem Eindruck der Ermordung der britischen Politikerin Jo Cox entstanden ist, kann man diese zitierende Verbearbeitung nur als überaus gelungen betrachten:

“We have far more in common                  than which divides us.”

Ich kann mir ja auch nicht sicher sein, ob man rinks und lechts wirklich so schwel velwechsern kann – und ob das da auf dem Bild noch ein Baum ist oder schon ein Witz, den diese Stadt über sich selbst erzählt.

Ein spannendes Musiklabel (spannend, weil sich hier vermeintlich gegensätzliche Strebungen verbinden) hat sich unter dem Namen Misericordia Records in Vienna etabliert. Dem entnehmen wir sowohl Hörgewohntes als auch Unerhörtes, wie etwa den Track “I saw you dance and we rose to the skies.”, der auf eigenwillige Weise an das Finale von “Der Schwarm” (Kontakt mit dem Yrr-Kollektiv) gemahnt. Das ist ebenso schön wie vieles drumherum schiach erscheint. Abwärts in den Abgrund – eine psychische Herausforderung von nahezu Reinhold-Messner’scher Qualität.

Zu guter Letzt besuchen wir den Halleiner Medien-, Installations- und Klangkünstler Fabian Schober, der uns zur rituellen Schlachtung eines penetranten “Sommerhits” einlädt, seiner Verbearbeitung und enthüllenden Verfremdung mit dem vielsagenden Titel “The Craving for Eviscerating God Shimmering in the Eyes of the Guys from Despacito”. Haben wir es nicht schon immer gewusst, dass hinter den glattgeklonten Filtervisagen der Hochglanzkörper die extreme Schiachheit schlecht verdrängter Begehrwürdens auf ihre Beute lauert, die sie *zerquatsch* zum Fressen gern hat?

PS. Fabian Schober hat einst auf der Radiofabrik zwei Sendereihen gestaltet, die der Musik/Klangkunst jenseits etablierter Hörgewohnheiten gewidmet sind und die er – mit kulturpolitischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen zu einem Überthema verknüpft – in geradezu liturgischer Weise zelebriert: MASSE 65 zum Nachhören …

 

Wes Montgomery 100

Vom Fabriksabeiter zum autodidaktischen Jazz-Influencer, vom Jazz-Puristen zum Easy Listening-Kommerz-Marktpferd, trotz gesundem Lebenswandel zur früh verstorbenen Legende.

Tuning Up erweist heute dem wegweisenden Jazz-Gitarristen Wes Montgomery zum 100. Geburtstag die Ehre.

Wir blicken in das Werk eines der einflussreichsten Jazz-Gitarristen zurück und zeichnen die Lebenslinie nach – damit uns die Ohren aufgehen.

Nachzuhören unter: https://cba.fro.at/611710

Foto: Public Domain. Photo first published by Gibson. According to NPR, the photo was taken by Chuck Stewart.

Oskar Haag – Teenage Lullabies

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. März – Immer wenn wir in der ARGE den Weg vom Eingang zum Aufzug nehmen, gehen wir an den vielen dort aufgehängten Plakaten vorbei, und manchmal ist auch ein richtiger “Hingucker” darunter, der uns einen Augenblick lang zum Innehalten bringt… Was ist das für ein Typ, der da mit einem Anzug bekleidet tief im Wasser steht und einen dabei so undurchschaubar anschaut? Die Frage ließe sich am Mittwoch, 8. März um 20 Uhr in der nämlichen ARGE vertiefen, wohl auch in Richtung eventueller Antwort, denn da spielt er zum ersten Mal selbst in Salzburg. Doch eins fällt bei der Betrachtung der Kunstperson Oskar Haag auf, zwischen allen Annäherungen an das blutjunge Pop-Phänomen bleibt eine abgründig attraktive Ambivalenz bestehen, die uns schwer bezaubert.

Oskar Haag - Teenage LullabiesMir ist es beim Anschauen einiger seiner Interviews und Videos so ergangen, dass ich sprungbereit auf meiner inneren Sesselkante darauf lauerte, diesen vom Leben begünstigten Jüngling möglichst sofort in irgendein Schachterl zu verurteilen, nur damit ich dieser verstörend gleichzeitigen Nähe und Distanz, die Oskar Haag da ununterbrochen verströmt, nicht länger schutzlos ausgeliefert bin. Doch der Zugriff auf definierbare Kasterln und Abstraktionen war mir überraschend unmöglich und ich gab mich dem oszillierenden Wechselspiel aus Anziehung und Befremden hin, das ja irgendwie auch das Wesen jedes gelungenen Kunstwerks ausmacht. Peter Gabriel hat einmal vor vielen Jahren (als er noch in Kostüm und Maske auftrat), das Geheimnis jeder wirklich wirksamen Darbietung als die “richtige” Mischung aus Offenbarung und Verschleierung bezeichnet. Es geht also ums Herzeigen und ums Verstecken – aber gleichzeitig und ausgewogen. Da kann ich mich verbinden ohne zu verschwinden. Das beglückt – und schmerzt zugleich. Das kann Kunst sein

Dieses angewandte Paradoxon, in dem sich scheinbare Gegensätze zum lebenden Nichtwiderspruch in sich selbst verbinden, das die ureigensten Phantasien anhand einer Projektionsperson erst ermöglicht (und vor allem in endlosen Kaskaden von Bildern, Gefühlen und Assoziationen aufrecht erhält), ließe sich als ein befreiendes Zusammenwirken von Sinnsuche und Unverfügbarkeit verstehen. Als ungreifbare Intimität in einem dauernden Augenblick. Oder, wie Oskar Haag meint, als Liebe: “John Lennon hat es sehr einfach gesagt: All you need is love. Und genau so ist es.”

Oskar Haag – Teenage Lullabies

 

Literatur oder Selbsthilfegruppe

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. März – Bevor wir diesmal in unsere Bilderwelt aus Musik und Literatur eintauchen, wollen wir auf die Herkunft ihres heutigen Titels verweisen: Vor 15 Jahren war der Verleger Jochen Jung in der Sendung “Gierig auf Lyrik” zu Gast und äußerte dort, dass er mitunter den Eindruck von “Selbsthilfegruppe” gewinne, wenn er manchen Darbietungen zeitgemäß wirken wollender Lyrikpräsentation beiwohne. Worauf er mit dieser Formulierung anspielte, lässt sich inzwischen gut nachhören. Wir nehmen seine Ermutigung zur Selbstkritik und der damit einhergehenden Selbstreflexion zum Anlass, den etwa zu jener Zeit im Rahmen der ARGE Noah 2007 als Performance-Oper aufgeführten Text “mark will leben” einer kritischen Überarbeitung zu unterziehen – und im Radio vorzustellen:

Literatur oder Selbsthilfegruppe 1“Dieser Text erzählt exemplarisch die Geschichte von einem unter lebensbedrohlichen Bedingungen heranwachsenden Menschenkind und dessen oftmals verzweifelten Versuchen, einen Sinn in seinem Dasein zu begründen. Dabei zeigt er die Gefahren des Schweigens und der Vereinsamung auf – und stellt dem die Perspektiven eines künstlerischen Selbstausdrucks in Gemeinschaft mit anderen gegenüber. Und das ist wohl nur eine erste, äußere Schicht, wie bei der Zwiebel. Rein formal bedient sich das Wortkonglomerat bei verschiedensten Ausdrucksweisen und springt von songtextartigen Strukturen über Stream-Of-Consciousness-Passagen zu Tagebucheinträgen eines vielleicht 15-jährigen und dann weiter zu dramatischen Elementen. Will das überhaupt das sein, was man allgemein unter Literatur versteht? Das, was man allgemein unter Selbsthilfegruppe versteht, das will es jedenfalls nicht sein. Aber – was will es?

Literatur oder Selbsthilfegruppe 2Bei seiner Entstehung mischen sich ebenfalls vielfältige Eindrücke ineinander: Erinnerungen an eigene traumatische Erfahrungen, spontane Assoziationen mit Erzähltem und Miterlebtem, Eindrücke von Gesehenem, Gelesenem sowie sonst in der Kunst Dargestelltem, Träume und Phantasien, Besuche in der eigenen Kindheit, Groteskes und Monströses aus dem Fundus verdrängter Familiengeschichte. Verschiedene Versuche, hinter den Vorhang nicht nur des eigenen Abgespaltenen zu spüren und etwas von jenem Teil seiner selbst zu erahnen, der einem so verborgen wie verboten erscheint. Immerhin stellen wir uns mit ausreichendem zeitlichem Abstand nicht die Frage, was uns “der Dichter” damit sagen will – sondern fragen den Text selbst, was er möchte. Das ist ein erster Schritt zur Freiheit der Kunst – von ihrer ewigen (und überaus lästigen) Interpretation durch all die Deuter und Bedeutler, bei denen man sich doch stets die Frage “Cui bono?” (zu wessen Vorteil?) stellen sollte, die ich hier allerdings mit “Was habt ihr davon?” übersetzen würde. Doch ich deute nur an.”

Literatur oder Selbsthilfegruppe 3Der Kontext der Veranstaltung war nämlich die sinnhafte Notwendigkeit einer außerhalb der Deutungs- und Bedeutungshoheit hergebrachter gesellschaftlicher Anpassungs- und Verwertungszwänge stattfindenden Jugendkultureinrichtung, eines im besten Sinn des Wortes autonom verfassten Kunsterlebnisraums, der sowohl Selbsterfahrungs- als auch Gestaltungsmöglichkeiten offen zugänglich anbieten möchte. Und deshalb will der Text “mark will leben” das zugleich selbst- wie auch gesellschaftstherapeutische Potential von eben nicht nur Literatur, sondern jedweder aus eigenem Verwirklichungsbedürfnis entstehender Kunst aufzeigen. Er will einladen ins Unbekannte, mitnehmen ins Verdrängte und mit dem im Weggemachten Lebenden vertraut machen. Vielleicht verstört er dabei die eingefahrene Gewohnheit der Weltbetrachtung, vielleicht zerstört er dabei auch das eine oder andere längst bestehende Urteil über unmöglich Erscheinendes

Is there anybody out there?